»Der kürzeste und flüchtigste aller erlebbaren Zeiträume übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus: Der Augenblick ist Entscheidung, ein Moment ohne Dauer, in dem alles anders wird als zuvor oder aber auch alles so bleibt, wie es ist. Auf der Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft ist alles möglich, ist das Leben zu einem ausdehnungslosen Punkt verdichtet. Nur im Augenblick fallen Erwartung und Erfüllung in eins: Ein Mensch fällt ins Glück oder dem Unglück anheim. Der günstige Augenblick, altgriechisch kairos, muss ergriffen, muss beim Schopfe gepackt werden, er ist es, der einem Leben Glanz verleiht oder dieses gar zerstört. Der Augenblick ist die extremste Form der Gegenwart, der Moment der Tat und der Tatenlosigkeit, des Handelns und Duldens zugleich. Aufgehoben in Zeitlosigkeit erschöpft sich der Augenblick in sich selbst, ist er als Minimum an Zeit ein Maximum unmittelbaren Seins.«
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»Gleichwohl die Physik nur eine quantitative Bestimmung der Zeit kennt, ist es weniger die absolute zeitliche Dauer, welche die Faszination des Augenblicks ausmacht, als vielmehr dessen qualitative Bestimmung. Entgegen Friedrich Nietzsches Überzeugung ist der Augenblick nicht „vorher ein Nichts“ und auch nicht „nachher ein Nichts“. Selbst wenn er in Nietzsches Worten „im Husch da, im Husch vorüber“ ist, so hat er doch ebenso Geschichte, wie er Zukunft kennt. Karl Jaspers betont zwar mit Recht, dass allein die „Realität des Augenblicks“ das unmittelbar Wirkliche ist, die jeweilige Gegenwart ist jedoch niemals reine Jetzt-Zeit. Vergangenes wirkt in ihr nach und Zukünftiges weist gestaltend in sie zurück, heißt es in Gudrun Kühne-Bertrams Beitrag Der Augenblick der Existenz.
Wer aber die Vergangenheit glorifiziert oder deren Fehler beständig zu vermeiden sucht, ist für die Gegenwart genauso verloren wie diejenigen, die alle Hoffnungen auf die Zukunft setzen oder von dieser nur das Schlimmste befürchten. Befreit von den Schatten der Vergangenheit sowie den Hoffnungen und Sorgen um die Zukunft ist das Verweilen im Augenblick in der Tat ein Stück Ewigkeit, wie Sören Kierkegaard lehrt. In seiner zeitlosen Leere entpuppt sich der Augenblick als Fülle des Lebens. Anwesenheit, Gegenwärtigkeit und Präsenz kennen als Zeithorizont immer nur den ausdehnungslosen Moment; uns und Welt können wir immer nur im Augenblick erleben, handeln immer nur im Jetzt. Doch die Erfahrung und Annahme der Dauer, der bewusste Umgang mit dem Vergangenen wie dem Kommenden, ist es, der uns in Form der Rückschau und des Vorausblicks eben nicht entrückt, sondern immer wieder zurechtrückt.«
von Siegfried Reusch
aus dem Inhaltsverzeichnis:
„Die (Un-)Moral des Augenblicks“
Im Augenblick ist nicht nur das Zeitgefühl außer Kraft gesetzt, sondern auch die Moral, er ist das Geheimnis des Verführers. Der „Augenblick“ ist jener Ausbruch sinnlichen Begehrens und Verlangens, der kein Davor und kein Danach, keine Erinnerung und keinen Ausblick auf die Zukunft kennt. Sinnliche Liebe ist allein im Augenblick da.
Autor: Konrad Paul Liessmann
„Die Erkenntniskraft der Plötzlichkeit.“
Der coup d'oeil in Kunst und Kriegsführung
Der coup d’oeil ist das Vermögen, Unvorhersehbares augenblicklich, ohne kalkulatorische Überlegungen zu durchdringen, die angemessenen Schlüsse zu ziehen und entsprechend zu handeln. Dem „Ich denke, also bin ich“ des Descartes setzt Bredekamp ein „ich sehe, also denke ich“ entgegen.
Autor: Horst Bredekamp
„Drei Sekunden Gegenwart.“
Viele Fragen – wenige Antworten
Wenn ich mit jemandem spreche, dann ist mein eigenes Reden zeitlich gegliedert, wir teilen eine gemeinsame zeitliche Bühne. Was es in mir denkt, das denkt es im andern, der andere wird zum Du. Im Gespräch wird ein verdoppeltes Bewusstsein gewonnen, aber eine gemeinsame Gegenwart gibt es nur, wenn jeder seine Identität behält.
Autor: Ernst Pöppel
„Aufbruch zum Selbst“
Oder: Wie man augenblicklich aus der Zeit aussteigt
Der Augenblick ist eine Sandbank im Fluss der Zeit, er ist dem „Früher“ und „Später“ entrissen. Im Augenblick vollendet sich, was gewesen ist, und erfüllt sich, was erwartet wurde, es gibt kein „Nicht mehr“ und kein „Noch nicht“, er ist Erlösung von der Zeit, ist Ewigkeit light.
Autor: Andreas Luckner
„Das Erleben des Augenblicks“
Warum sind wir so sicher, dass wir das, was wir gerade jetzt erleben, gerade jetzt erleben?
Zeit ist nicht nur etwas vom Bewusstsein Produziertes, Zeit „ist“ objektiv!
Autor: Gerhard Seel
„Der Augenblick der Existenz“
Otto Friedrich Bollnows und Karl Jaspers’ Philosophie des Augenblicks
Wir dürfen die Gegenwart nicht für ein Jenseits preisgeben und nicht so leben, „als ob“ am Ende Leben und Erfüllung sei. Existieren heißt, im vollen Bewusstsein der eigenen Endlichkeit zu leben. Die Gewissheit des Todes ist produktive Lebenskraft.
Autorin: Gudrun Kühne-Bertram
„Das ‘Zischen‘ des ‘Realen‘ “.
Die unvollendbare Gegenwart
Im Einbruch des Zufalls in die Welt zeigt sich ein nicht einschließbarer Rest, der sich jeglicher Interpretation und jeglicher Sinnzuschreibung entzieht. Dieser nirgends zu beherbergende Überschuss gibt den Blick frei auf das Reale, sprich auf das Ereignis jener Gegenwart, die übrig bleibt, wenn wir alle Interpretationen abziehen.
Autor: Dieter Mersch
„Der erfüllte Augenblick.“
Die Zeitlehre des Zen-Meisters Dôgen
Hingabe an das Seiende und der Fluß der Zeit sind keine Gegensätze. Konkret wird das Sein erst durch die Eindämmung der einen beständig wie aus dem Nichts überfallenden Gedankenflut in der buddhistischen Übungspraxis: in der Sitzmeditation und in der vollkommenen und ausschließlichen Konzentration auf die Tätigkeiten, die man im jeweiligen Augenblick ausübt.
Autor: Ryosuke Ohashi
„Das Ende der Zukunft.“
Über eine neue Form der Zeit als Prämisse von Erfahrung
Unsere Beziehung zu den Dingen ist mehr als nur eine der Sinnzuschreibung. Trotz unserer alltäglichen wie geisteswissenschaftlichen Konzentration auf Interpretation und Sinn sollten wir nicht vergessen, dass die Dinge der Welt, so wie wir auf sie stoßen, auch eine – in unserer Kultur fast immer übersehene – Präsenz haben.
Autor: Hans Ulrich Gumbrecht
„Werd' ich zum Augenblicke sagen…“
Das Glück, da zu sein
Der Augenblick als „Jetzt“ wird ausgezehrt von Vergangenheit und Zukunft zum ausdehnungslosen Punkt. Dem gegenüber steht das Bewusstsein da zu sein in mitgehender Präsenz leiblichen Spürens.
Autor: Gernot Böhme
„Die Schöpfung der Welt im Nu des Augenblicks“
Nach christlicher Vorstellung zieht sich Gott nach erfolgter Schöpfung der Welt zurück und greift nur noch ausnahmsweise, je nach Glaubensrichtung zum Beispiel durch sogenannte Wunder, in das Weltgeschehen ein. Sunniten hingegen, die zahlenmäßig verbreitetste Glaubensrichtung des Islams, vertreten die Auffassung, dass Gott permanent in der Welt präsent ist und dass diese in jedem Augenblick erschaffen wird.
Autor: Tilman Nagel
„Anwesend sein.“
Der Augenblick der Gegenwärtigkeit
Ein Selbst ist nicht ohne den Leib und den Leib des anderen zu haben: Präsenz als gesteigerte Form von bloßer Anwesenheit und Gegenwärtigkeit „ist eine Qualität, die ausschließlich an einem anderen Menschen gespürt werden kann, zugleich aber Rückwirkung auf das eigene Gefühl des In-der-Welt-Seins hat“.
Autorin: Erika Fischer-Lichte
„Jeder Augenblick ist der richtige!“
Der „göttliche“ Augenblick oder: vom revolutionären Akt
Der Augenblick ist ein Blick. Es ist ein Blick, der den Anderen, das Gegenüber einschließt. Augenblicke, in denen sich Subjekte als kollektiv erkennen, sind selten und ergeben sich nur in bestimmten Konstellationen, sprich: im richtigen Augenblick.
Autor: Christian Jäger
von Siegfried Reusch
der blaue reiter
Verlag für Philosophie
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Guy Stroumsa: „Das Ende des Opferkults“
„Die Idee der Fleischwerdung des Wortes“
In der Spätantike wurde die Sehnsucht nach Vergeistigung immer stärker: Der Religions-wissenschaftler Guy Stroumsa hat im Wandel der Opferkulte den zentralen Wendepunkt ausgemacht.
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»Die Fünfheit der Aspekte ist hochoriginell, auch wenn jeder einzelne sich auf eine breite Forschungsgeschichte berufen kann, und verdankt sich der Besonderheit des spezifisch jüdischen Blicks, den Stroumsa auf die geistigen Transformationen der Spätantike wirft. Dieser Blick lässt Aspekte der Wende hervortreten, die eine lange Vorgeschichte im Judentum und Alten Israel haben. Die Wende nach innen und die Sorge um sich selbst ist bereits dem zentralen Bekenntnis des Judentums, dem Schema-Gebet eingeschrieben mit der Forderung, Gott zu lieben "mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen", vom "Ich" der Psalmen zu schweigen, das, auch wenn es sich zunächst auf das Kollektivsubjekt der Gemeinde bezieht, als eine Schule der Subjektivität gewirkt hat.«
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von Jan Assmann, FAZ, 8.2.2012
Verlag der Weltreligionen
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DAN SENOR, SAUL SINGER
„Start-up Nation Israel“
Was wir vom innovativsten Land der Welt lernen können
übersetzt aus dem Englischen von Stephan Gebauer
»Israel zählt zu den kleinsten Staaten der Erde und befindet sich seit seiner Gründung fast ununterbrochen im Ausnahmezustand. Doch trotz widrigster Umstände hat Israel beeindruckende Leistungen vorzuweisen.
Israel hat, im Verhältnis zu seiner Größe, mehr Start-up-Unternehmen hervorgebracht als die meisten anderen Nationen - und viele große Unternehmen wie etwa Teva, die umsatzstärkste Generika-Firma der Welt. Es gilt als Hightech-Schmiede. Dan Senor und Saul Singer zeigen: Wer in einem permanent gefährdeten Land überleben will, muss ständig wachsam sein, Risiken einschätzen können - und sehr schnell handeln, wenn die Situation es erfordert. Genau diese Eigenschaften brauchen auch Unternehmer, und ganz besonders Gründer von Start-ups. Das Buch bietet eine Fülle von wertvollen Einsichten, wie sich Innovation und wirtschaftlicher Erfolg ankurbeln lassen - überall auf der Welt.«
Hanser Verlag
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Moshe Idel
„Der Golem“
Der Golem - Jüdische magische und mystische Traditionen des künstlichen Anthropoiden
Aus dem Englischen von Christian Wiese
»Ein wissenschaftliches Buch über den Golem verfolgt seinen Verfasser genauso wie der sagenhafte Golem seinen angeblichen Schöpfer.«
Die Vorstellung von einem künstlich erschaffenen menschenähnlichen Wesen – vom Golem – ist tief in der magischen und mystischen Tradition des Judentums verankert. Moshe Idel geht dem jüdischen Diskurs über den Golem nach – im Talmud, in der Kabbala, im Chassidismus. Seine Studie ist die erste umfassende historische und philologische Interpretation des religionsgeschichtlichen und literarischen Materials zum Golem von der Spätantike bis in die Moderne. Idels ausführliche Analyse bisher zumeist unzugänglicher Quellen beschreibt die Vielfalt der Techniken der Erschaffung eines künstlichen Menschen im Wandel der Zeit und ihre Bedeutung im Kontext der jüdischen Überlieferung. In kritischer Auseinandersetzung mit Gershom Scholem, der die wissenschaftliche Erforschung der Kabbala im 20. Jahrhundert neubegründete, unternimmt Moshe Idel eine faszinierende Neuinterpretation nicht nur der Geschichte des Golem-Stoffes, sondern der jüdischen Mystik überhaupt.
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag
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Moshe Idel
„Kabbala und Eros“
Aus dem Englischen übersetzt von Elke Morlok
Moshe Idel legt in „Kabbala und Eros“ dar, welche Fülle an Themen und Texten zu Sexualität, Eros und Genus in der jüdischen Mystik zu finden ist. Er sieht im Judentum allgemein eine „Kultur des Eros“, deren erotische Impulse in der Kabbala manifestiert und intensiviert werden. Der Reichtum an Material erfordert es, die unterschiedlichsten Diskurse anhand adäquater Modelle zu kategorisieren. Idel liefert in seinem Buch beides, sowohl das Material als auch die Modelle: das "theosophisch-theurgische", bei dem eine Veränderung in Gott im Vordergrund steht, das "ekstatische", mit dem eine unio mystica, eine Vereinigung mit Gott, angestrebt wird, und das "magisch-talismanische", bei dem die Texte und Praktiken zum formelhaft-magischen Schlüssel der Gottesnähe werden.
Moshe Idel hat mit seiner Analyse kabbalistischer Texte die Geschichte der Erforschung der jüdischen Mystik entscheidend beeinflußt. Beim Vergleich der Quellentexte geht es ihm darum, sowohl die Bezüge der Kabbala innerhalb der jeweiligen Strömung der jüdischen Literatur und Geschichte offenzulegen als auch Berührungspunkte mit außerjüdischen Entwicklungen aufzuzeigen.
Durch Idels Analyse der historischen Texte und durch die Einführung neuer Begriffe und Konzeptionen gewinnt der Leser einen Einblick in die Vielfalt der mittelalterlichen jüdischen Mystik und in deren Ideenreichtum. darüber hinaus gibt dieses Buch einen entscheidenden Anstoß zur Neubewertung eines zentralen Themas der kabbalistischen Weltsicht.
Verlag der Weltreligionen
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- Moderne hebräische Lyrik -
zusammengestellt von
Ariel Hirschfeld, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
„Und ich, wo soll ich hin?“
Die moderne hebräische Lyrik ist auf der Welt kaum bekannt. Das beeindruckendste lyrische Schaffen seit der mittelalterlichen hebräischen Dichtung wird heute fast nur von denen wahrgenommen, die Hebräisch nicht nur lesen, sondern auch sprechen. Dabei könnte das große Korpus moderner Hebräischer Lyrik auch in den großen Sprachkulturen der Welt problemlos bestehen. Dass diese Lyrik dennoch nahezu unbekannt ist, liegt am Wesen der hebräischen Sprache und des poetischen Sprachgebrauchs, der sich aus ihm ableitet. Der besondere sprachliche Kontext, in dem die hebräische Lyrik wirkt, lässt sich in andere Sprachen praktisch nicht bzw. nur sehr schwer übertragen.
- Ariel Hirschfeld -
Akzente Heft 2/April 2011,
Zeitschrift für Literatur, hrsg. von Michael Krüger, Hanser-Verlag
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Thomas Bryant
„Himmlers Kinder“
„Wir haben damals keine Liebe bekommen. Wie krank diese Kinderseelen waren! Das ist unbegreiflich! Und daraus sollte die neue Elite entstehen?!“ - Ein ehemaliges Lebensborn-Kind
Für die SS waren Kinder sofern sie bestimmten erbhygienischen und rassenbiologischen Gütekriterien entsprachen in erster Linie die Garanten für den ewigen Erhalt des deutschen Volkes und die andauernde Erneuerung der arischen Rasse. Nicht ihr Wert an sich oder für ihre jeweiligen Eltern war letztlich entscheidend, sondern einzig und allein ihr Nutzen als Menschenmaterial für die nationalsozialistische Volksgemeinschaft im Besonderen und den deutschen Volkskörper im Allgemeinen. Der von Reichsführer-SS Heinrich Himmler initiierte Lebensborn e.V. trieb diese Auffassung, der zufolge Kinder hauptsächlich Mittel zum Zweck waren, auf die Spitze und war ein integraler Bestandteil innerhalb des weitverzweigten Herrschaftsapparates des Dritten Reiches . Als vereinsrechtliche Ausgründung und willfähriges Instrument der SS, deren Name schon damals als Synonym für Tod und Terror sowie Hass und Gewalt stand, muss der Lebensborn daher zwingend in diesen Kontext von Auslese und Ausmerze sowie Pronatalismus (Geburtenförderung) auf der einen und Antinatalismus (Geburtenverhütung) auf der anderen Seite eingeordnet werden. Wer also von den Schrecken und Verbrechen des NS-Regimes als dunkelstes Kapitel deutscher Geschichte spricht, darf daher auch von der Geschichte des Lebensborn nicht schweigen.
Das Buch rekonstruiert zum einen die geschichtliche Entwicklung des „Lebensborn“, indem es sowohl auf die Vorgeschichte und Vorüberlegungen, die zur Gründung dieses Vereins führten, eingeht als auch den eigentlichen Zeitraum seines Bestehens beleuchtet.
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Jörg W. Gronius / Alex Feuerherdt
„Mein elfter September“
Zehn Jahre nach dem Angriff auf das World Trade Center in New York ist es Zeit für eine Rückschau: Wie einschneidend war dieser »Angriff auf die gesamte westliche Welt«? Das Ereignis war so außerordentlich, dass es eine Qualität bekommen hat wie sonst nur etwa die Ermordung John F. Kennedys. Es veränderte nicht nur die politische und militärische Situation in der Welt, sondern hat sich tief in das Bewusstsein unserer Gesellschaft eingegraben. Die historische Auseinandersetzung hat heute, gerade nach der Tötung Osama Bin Ladens, erst begonnen.
Der Offenbarungseid (nicht nur) der Linken – Ein Resümee, zehn Jahre nach 9/11
„Mir ist erst durch 9/11 wirklich bewusst geworden, was Antiamerikanismus bedeutet und wie prägend er für eine Linke ist, die in ihrer ‚antiimperialistischen’ Abneigung gegenüber den USA bisweilen nicht einmal vor der Annäherung an Islamisten zurückschreckt – getreu dem Leitsatz ‚Der Feind meines Feindes ist mein Freund’ –, obwohl sie dadurch genau jene Versprechungen von Glück und Freiheit verrät, die sie sich doch eigentlich auf ihre Fahnen geschrieben hat. Aus einer vermeintlich fortschrittlichen Gesinnung heraus wird so ziemlich alles, was die Vereinigten Staaten tun und lassen, mit unheilbar gutem Gewissen verworfen, verurteilt und verdammt. Widerfährt den Amerikanern Unheilvolles, dann haben sie es sich redlich verdient, weil sie es selbst verursacht haben – immer. Die Argumentation geriert sich dabei als Ausweis von Vernunft, die Kritik gibt sich als Einsicht in die Notwendigkeit aus. Doch schon die außergewöhnliche Verve, mit der die Anklagen gegen Amerika präsentiert werden, und die bizarre Besessenheit, mit der das Gros der Linken sich auf die USA stürzt, verraten das Ressentiment, das dem stets von vornherein feststehenden Urteil über ‚die Amis’ innewohnt. Dieses Ressentiment – das auch Islamisten, Sozialdemokraten, Grüne, deutsche Liberale und die Rechten auszeichnet – bringt politische Strömungen zusammen, die sonst mehr teilt als eint; es ist sinn- und gemeinschaftsstiftend, nicht zuletzt mit Blick auf die deutsche Geschichte.“
Auszug aus „Mein Elfter September“ - Alex Feuerherdt ist Lektor und freier Publizist. Er lebt in Köln und schreibt schwerpunktmäßig über den Nahen Osten, u.a. für KONKRET, die Jungle World, die Jüdische Allgemeine und den Tagesspiegel.
Adornos Geburtstag
Feierabend. Am 11. September 2001 fährt ein Werbetexter mit dem Auto von Hannover aufs Dorf nach Hause. Gut 60 Kilometer, auf denen man Radio hören und sich allerlei Gedanken machen kann. Am 11. September 1903 wurde Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno in Frankfurt am Main geboren. Katholisch getauft mit jüdischem Großvater und assimiliertem Vater.
Auszug aus „Mein Elfter September“ - Jörg W. Gronius, 1952 in Berlin geboren, studierte Theaterwissenschaften und arbeitete als Dramaturg und Regisseur. Gronius schreibt Texte über und für das Theater, vor allem Dramen und Libretti. Für die autobiographisch motivierte Romantrilogie „Ein Stück Malheur“ (2000), „Der Junior“ (2005) und „Plötzlich ging alles ganz schnell“ (2007) erhielt er den Ben-Witter-Preis.
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Ulla Berkewicz
Vielleicht werden wir ja verrückt
„Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus“
Gershom Scholem war der beste Kenner der jüdischen Mystik. Mehr als sechzig Jahre hatte er sie erforscht. Als der groß gewachsene schlaksige alte Mann - er war Sohn eines Berliner Druckereibesitzers - kurz vor seinem Tode wieder einmal in Berlin war, wurde er danach gefragt, ob er denn an die Kabbala glaube, der er so viel seiner Lebenszeit geschenkt habe. Er schob die Frage beiseite. "Man glaubt nicht an die Kabbala" sagte er und rief den nächsten Frager aus dem Publikum auf. Wer sich für das rätselvolle Spiel zwischen Wissen und Glauben, zwischen Forschung und Offenbarung interessiert, der wird immer wieder bei Scholem nachlesen. Im Lauf der Lektüre wird er immer wieder auf Stellen stoßen, da glaubt er hinter dem wissenschaftlichen Text den Geist des Forschers zu spüren, ein Engagement, das mehr ist als die Freude über die Entdeckung eines Textes, einer alles neu beleuchtenden Bedeutungsnuance.
Das ist nicht der Persönlichkeitskult der Nachgeborenen. Schon seine Kinderfreunde fragten sich und ihn, ob er wirklich nur Erforscher der Kabbala war oder nicht doch ein großer Kabbalist. Er war sarkastisch und witzig, aber es hat in allen Religionen immer auch heilige Männer gegeben, deren oberste Tugend nicht die Sanftmut war. Scholems wäre nicht der einzige blitzklare Verstand gewesen, der sich zusammengetan hätte mit den wildesten Mystizismen. Aber Klarheit war darüber von ihm nicht zu bekommen.
Ulla Berkewicz erzählt in einem kleinen, schon um dieser Geschichte willen epochalen Büchlein, eine Anekdote aus dem letzten großen Kriege. Wie jeder Mythos wird auch der von Scholem von Mund zu Mund weitergetragen. So berichtet Berkewicz, was ihr Fania Scholem, die Witwe des Helden erzählt hat: "1940 kamen die sieben größten praktizierenden Kabbalisten der Welt zu uns nach Jerusalem in die Abarbanelstraße an unseren Küchentisch und wollten das eine Wort von Gerhard haben, das einzige, das Wort, das Hitler tötet. Die sieben größten praktizierenden Kabbalisten saßen vom Abendstern zum Morgenstern, beschworen Gerhard des einzigen Wortes wegen." Aber er sagt es nicht, "weil er gewusst hat, dass er nicht eingreifen darf in den Ablauf der Geschichte."
Das ist eine billige Ausflucht, eine feierliche Geste, aber es ist auch die Wahrheit über zweierlei Wissen. Die Kabbalisten, die Scholem besuchten, "die größten praktizierenden Kabbalisten der Welt", waren noch keine wirklichen Kabbalisten. Sie waren wie Wissenschaftler, die wissen wollen, um eingreifen zu können. Der Kabbalist dagegen, der es geschafft hat, wirklich einer zu sein, der weiß, aber weil er weiß, weiß er auch, dass er nicht eingreifen darf. Er weiß, weil er schaut. Täte er etwas, er wüsste nichts mehr. Dass die Geschichte endet mit einem Auftritt Hans Jonas', eines Wissenschaftlers, der sich, je älter er wurde, desto mehr für die Grenzen der Wissenschaft interessierte, ist eine schöne Pointe. Sie passt in den satirischen Ton dieser buffonesken Variante des entstehenden Scholem-Mythos.
Ulla Berkewicz, Vielleicht werden wir ja verrückt. Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002
Von Arno Widmann
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Hrsg. v. Marie-Luise Knott u. a.
Der anarchistische Zionist
„Hannah Arendt - Gershom Scholem
Der Briefwechsel“
Mittlerweile erstaunt es nicht einmal mehr, dass sich viele gemüßigt fühlen, sich unverfroren einfach über alles hinwegzusetzen und dennoch überzeugt davon sind, umfassende Urteile über Autoren fällen zu können, selbst wenn sie deren Perspektive nicht einmal im Enferntesten eingenommen haben und sie sie somit gar nicht kennen können.
Dabei folgen sie, wie
Lorenz Jäger kürzlich in seiner Besprechung dieses Buches in der F.A.Z., einem zwar sehr populär gewordenen, aber ebenso fragwürdigen Denken, welches davon ausgeht, dass letztlich doch alles klar sei und gelangen so zu einem noch fragwürdigeren Umgang mit - ach so klaren! - letztlich aber vielmehr sehr komplexen Sachverhalten, wie z.B. dem Kommentar Walter Benjamins über Dostojewskis Roman „Der Idiot", woraus dann (man muss es so sagen) dummdreist eine hämische Schlagzeile abgeleitet wird: „Der große Nationalist und die Intellektuelle".
Nun gehören solche Verfahren heute ja durchaus auch zu einer guten Rezension, aber angesichts der historischen Entwicklung und der politischen Lage, in der sich nicht zuletzt auch Israel befindet, wäre ein sachlicherer Ton gerade bei diesem Themenkomplex angeraten, der mehr dazu ermuntern würde, sich mit den einzelnen Aspekten näher zu befassen, anstatt solch fruchtbare Ansätze gleich mit einem großen Paukenschlag wegzuwischen.
Auszug aus der Diskussionsveranstaltung im Frankfurter Literaturhaus am 10.12.2010
mit Klaus Wagenbach, Franziska Augstein, Micha Brumlik, Martin Lüdke - (mp3)
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Karl E. Grözinger
„Der Ba´al Schem von Michelstadt“
Ein deutsch-jüdisches Heiligenleben zwischen Legende und Wirklichkeit
Ein Ba´al Schem ist ein Wundermann, der mit Hilfe von praktischer Kabbala heilt und Wunder wirkt. Der Michelstädter war zwar Bezirksrabbiner und Aufklärer vom Berlinischem Stil, wurde aber wegen seiner „Kabbalisterey“ heftig angefeindet. Über ihn liegt eine klassische Legendensammlung vor, sowie eine große Zahl deutscher und hebräischer historischer Dokumente, die einen einmaligen Vergleich zwischen Verklärung und Wirklichkeit erlauben.
Dieses Buch bietet ein faszinierendes Beispiel des Umbruchs im deutschen Judentum, des Kampfes zwischen Spiritualität und Vernunft, der jüdischen Autonomie und staatlichen Regulierung, zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und berufsmäßig betriebenem Wunderhandeln.
Prof. Dr. Karl E. Grözinger ist emeritierter Professor für Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur jüdischen Religion und Kultur, unter anderen zu den Legenden vom Baal Schem Tov, zu Franz Kafka und der Kabbala, zur Musik im Judentum und zuletzt des dreibändigen Standardwerkes zum Jüdischen Denken in Theologie, Philosophie und Mystik.
Buchvorstellung
am Montag, den 13. September
um 19.00 Uhr
im
Jüdischen Museum
Untermainkai 14/15
60311 Frankfurt am Main
Tel.: 069 297 74 19
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Hans Blumenberg
Metaphorologie
Blumenbergs literarisches Werk zeichnet sich durch eine umfassende philosophische und theologische Bildung und einen ebenso präzisen wie pointierten Stil aus. Die frühe Schrift „Paradigmen zu einer Metaphorologie“ verfolgt anhand ausgewählter Beispiele aus der Geistes- und Philosophiegeschichte den Gedanken, dass bestimmte Metaphern - wie etwa die der „'nackten' Wahrheit“ - als „Grundbestände der philosophischen Sprache“ anzusehen sind, die sich nicht durch Begriffe ersetzen und so „ins Eigentliche, in die Logizität zurückholen lassen“. Solche „absoluten Metaphern“ konstituieren nach Blumenberg eine in ihrer Anschaulichkeit und ihrem Sinngehalt begrifflich nie vollständig einholbare Vorstellung von Wirklichkeit als Ganzer, an der sich menschliches Denken und Handeln orientieren kann und muss. Dieser Ansatz wird in folgenden Einzeldarstellungen u. a. zur Lichtmetaphorik in erkenntnistheoretischen Zusammenhängen, der Daseinsmetapher "Schifffahrt" („Schiffbruch mit Zuschauer“, 1979) sowie der Metapher des "Buches" („Die Lesbarkeit der Welt“) weiter ausgeführt.
Einen Schwerpunkt der vielfältigen philosophiegeschichtlichen Untersuchungen Blumenbergs bildet die Epochenschwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit („Die Legitimität der Neuzeit“, „Die Genesis der kopernikanischen Welt“). Aus einer u. a. von Ernst Cassirer inspirierten funktionalistischen Perspektive auf die Geistes- und Philosophiegeschichte, die mit epochenspezifischen „Umbesetzungen“ innerhalb eines formalen Beziehungsgefüges geistiger Gehalte rechnet, wird ein substantialistisches Verständnis historischer Kontinuität zurückgewiesen, wie es z. B. dem Säkularisierungstheorem vielfach zu Grunde liegt. Die Neuzeit wird als eine gegenüber Antike und Mittelalter eigenständige Epoche dargestellt, deren Ausbildung u. a. auf eine Rehabilitierung der theoretischen Neugierde und auf die Notwendigkeit menschlicher Selbstbehauptung angesichts der Zuspitzung des „theologischen Absolutismus“ im spätmittelalterlichen Nominalismus zurückzuführen ist.
In späteren Studien („Arbeit am Mythos“, „Höhlenausgänge“) profiliert Blumenberg zunehmend den anthropologischen Hintergrund seines Denkens. Dabei ist die an Arnold Gehlen angelehnte Annahme leitend, dass der Mensch als endliches und hinfälliges Mängelwesen bestimmter Hilfsmittel bedarf, um sich angesichts der Übermacht, des „Absolutismus der Wirklichkeit“ behaupten zu können. Unter diesem Aspekt werden nun auch Metaphern und Mythen aufgrund ihrer die Wirklichkeit distanzierenden, in ihr orientierenden und den Menschen so entlastenden Leistungen als ein funktionales Äquivalent zu Institutionen im Sinne Gehlens interpretiert.

siehe auch:
Marc Chagall
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Walter Benjamin
Einbahnstraße
Es ist "die Kunst des Absetzens im Gegensatz zur Kette der Deduktion; . . . die Wiederholung der Motive im Gegensatz zum flachen Universalismus; die Fülle der gedrängten Positivität im Gegensatze zu neigender Polemik."
"Sein Äußeres ist unabgesetzt und unauffällig, der Fassade arabischer Bauten entsprechend, deren Gliederung erst im Hofe anhebt. So ist auch die gegliederte Struktur des Traktats von außen nicht wahrnehmbar, sondern eröffnet sich nur von innen."
Die Fragmente, Skizzen und Aphorismen der "Einbahnstraße" mit Titeln wie "Tankstelle", "Frühstücksstube", "Nr. 113", "Normaluhr", "Tiefbauarbeiten", "Coiffeur für penible Damen", "Galanteriewaren", "Bürobedarf", "Maskengarderobe", Stehbierhalle", "Briefmarkenhandlung" usw. formieren sich - unter dem Oberbegriff der "Straße", des "Basars" - zu bildhaften Bruchstücken einer philosophischen Landschaft, in der Benjamins enger Freund Ernst Bloch, dessen 1930 veröffentlichte "Spuren" der "Einbahnstraße" nahestehen, den Typus einer "surrealistische Denkart", einer "Revueform in der Philosophie" verwirklicht sah: "Dieser Sprachstil hat jene Fülle von Verkopplungen gedanklich, welche von Max Ernst bis Jean Cocteau (1889-1963) den Surrealismus ausmacht. Die Verkopplung von Dort und nächstem Hier, von brütenden Mythen mit dem exaktesten Alltag."
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Kurt Flasch
Meister Eckart
Am Anfang war - nicht das Sein oder irgendetwas, sondern das Wort. Das ist, folgt man Kurt Flasch, eine entscheidende Akzentsetzung der Lehre desjenigen christlichen Philosophen, den der Gemeinplatz verlässlich als Mystiker bezeichnet: Meister Eckart. Unter Mystik wird dann meist eine praktizierte Faszination durch Unterschiedslosigkeit, Tiefenberührung und Intellektauflösung ins Visionäre hinein verstanden. Hier, bei Flasch, begegnen wir keiner Meditieranweisung, sondern einem Denker. Dass am Anfang das Wort war und Christus von sich behauptet, die Wahrheit zu sein, nimmt Eckart in seiner „Ersten Pariser Quaestio“ von 1302 als Hinweise auf Intelligenz im Grund aller Dinge.
Gott ist, so betrachtet, vollkommen, weil er denkt, nicht umgekehrt. Denken ist nicht Sein, so wie ein Bild missverstanden würde, nähme man das Dinghafte an ihm, Farbe und Leinwand, als seine wichtigste Bestimmung. Tatsächlich aber ist das, was es ausmacht, eine Relation, diejenige zu dem, wovon es Bild ist und wovon abzusehen zugleich seine Wahrnehmung als Bild bedingt.
Die Seele hat Vorrang
Im Vergleich zu Dingen jedoch sind Relationen „nicht-seiend“. Eckart formuliert, Relationen verdankten sich, wie die Zeit, ein anderes Nichtseiendes, ganz der Seele. Indem allerdings auch das Sein einer Unterscheidung sich verdankt, der vom Nichtsein nämlich, hat das Unterscheiden und Erkennen, in Eckarts Sprache: die Seele, den Vorrang. Theologisch: Gott bewirkt das Sein, also ist das Sein nicht in Gott.
Es ist dies nur eine Stelle in der dichten Abfolge von Deutungen, die Kurt Flasch von Texten Meister Eckarts gibt. Kurz darauf sagt er, Eckart, auch schon wieder anderes, das in Spannung zur „Ersten Quaestio“ steht. Wer seine Argumentationen liest, wird Zeuge einer aufgrund des Willens zur Selbständigkeit ungeheuren Anstrengung, sich in Denkwelten zurechtzufinden.
Von Jürgen Kaube in der F.A.Z vom 11. März 2010
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Hildegard Kurt u. Bernd Wagner
Kultur-Kunst-Nachhaltigkeit.
Die Bedeutung von Kultur für das Leitbild Nachhaltige Entwicklung
„Der Wechsel zu einer sozial gerechten und ökologisch verantwortlichen Entwicklung ist im Kern eine kulturelle Aufgabe. Wie gelingt es, ihn mit kultureller und künstlerischer Praxis zu verknüpfen? Und welche Bedeutung hat dabei ästhetische Kreativität? Der Band enthält theoretische Analysen, Interviews und Praxisbeispiele prominenter Akteure aus der Kultur-, Entwicklungs- und Umweltpolitik, der Kunst, Wissenschaft und Ökologie.“
und. Institut für Kunst Kultur und Zukunftsfähigkeit e.V.
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Reinhard Brandt
Immanuel Kant - Was bleibt?
„Das Frage-Buch von Reinhard Brandt beginnt mit einer fulminanten Entdeckung: Die Raum-Zeit-Lehre der Kritik der reinen Vernunft enthält als Subtext einen Gottesbeweis. Welche Rolle spielt die Theologie in der Grundlage der kritischen Philosophie? Rettet sie die Anwendung der euklidischen Geometrie auf den Raum der reinen Anschauung? - Der zweistufige kategorische Imperativ ist konzipiert auf der Folie der Stufung von "status naturalis" der Maximen und "status civilis" der autonomen Gesetzgebung, er zielt auf keine Verallgemeinerung oder Universalisierung der Maxime (wozu auch?), sondern auf die Freiheit unter der eigenen Gesetzgebung. Ist jedoch die Gleichsetzung von sittlicher Freiheit und Gesetzgebung haltbar, oder gibt es in Extremsituationen eine Erlaubnis und gar eine Pflicht zu lügen? - Ist Kants Definition eines empirischen Naturprodukts in der "Kritik der teleologischen Urteilskraft" möglich, gemäß der alles in ihm Mittel und Zweck ist? - Kann der Vertrag in der "Rechtslehre" als Besitz der Willkür eines anderen gefaßt werden oder scheitert Kants Innovation an inneren Widersprüchen? Ist das Kantische Ehe- und Strafrecht zu retten? Unhinterschreitbar sind die Prinzipien der Aufklärung und der Würde des Menschen. Wie sind sie genau begründet?
In seinem neuen Buch geht es Reinhard Brandt nicht um die Bewahrung des Kantischen Erbes, sondern um das, was – mit Kant und im Anschluß an ihn – auch heute noch zu denken bleibt! Der Fragen-Traktat folgt also einer Tradition, die mit der Publikation der »Kritiken« beginnt und in die Zukunft weiter gereicht wird. Im Gegensatz zu poetischen Werken wird in philosophischen Abhandlungen etwas Theoretisches behauptet und begründet, und mit der Begründung wird der Leser aufgefordert, der Argumentation kritisch zu folgen und sie zu akzeptieren oder sie mit Gründen abzulehnen. Eben dies wird in diesem Traktat bei einigen ausgewählten Lehrstücken Kants versucht und damit nichts anderes getan, als die Rolle zu spielen, die der Autor seinem philosophisch interessierten Leser zuweist.“
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Moshe Zuckermann
Kunst und Publikum
Das Kunstwerk im Zeitalter seiner gesellschaftlichen Hintergehbarkeit
„In der Moderne lassen sich zwei Achsen eines grundlegenden Widerspruchs im Verhältnis von Kunst und Gesellschaft ausmachen. Moshe Zuckermann geht der Frage nach, welche Bedeutung die in der klassischen Romantik geforderte Autonomie der Kunst im Zeitalter einer zunehmenden Institutionalisierung von Kunst noch haben kann. Darüber hinaus untersucht er, weshalb ein in der Gegenwart mit Hochgenuß rezipiertes Werk Bachs als gegenwärtige Kunst mit der Begründung abgelehnt wird, daß die Bachschen Stil- und Ausdrucksmittel nicht mehr die gegenwärtigen »die unseren« sein können. Was macht die Rezeption des historischen Bach in der Jetztzeit akzeptabel, das ihn zugleich als Ausdruck der Jetztzeit verbietet? Beide Problemstellungen sind zwar nicht ursächlich miteinander verknüpft, gehören aber doch in den gleichen Diskurszusammenhang. Bei der Erörterung der Fragen werden Themenkomplexe wie »Moderne, Aufklärung und bürgerliche Gesellschaft«, »Kunst und das Politische«, »Das Problem des Gesamtkunstwerks«, »Kunstautonomie im Zeitalter der kulturellen Postmoderne« sowie »Aspekte hoher und niedriger Kultur« anvisiert. Die Vorstellung von kunstsoziologischen Denkern wie Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Umberto Eco und Pierre Bourdieu liefert dabei das theoretische Begriffsinstrumentarium und bildet einen Abriß des über diese Fragestellungen seit Jahrzehnten herrschenden Diskurses.“
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Eisregion einsamsten Grübelns
Alfred Kubin: Die andere Seite
„Es gibt einen Tag im Leben des Zeichners Alfred Kubin, da er nicht mehr leben mochte. Gewillt, sich am Grab der früh gestorbenen Mutter umzubringen, fährt er mit dem Zug von Klagenfurt nach Zell am See, wo er aufgewachsen war. Der Zug bleibt wegen Hochwassers stecken, und aus einem Tag werden gedehnte zwei, was den Neunzehnjährigen nur umso entschlossener macht. Mit der Nadel hat er sich nach einem anatomischen Bilde einen Ritz in die Schläfe gemacht, um das Gehirn nicht zu verfehlen. Doch die eingerostete alte Waffe versagt, und zum zweiten Abdrücken fehlt ihm ‚die seelische Kraft‛. So beschreibt es Kubin Jahre später in einer Autobiographie. Möglicherweise ist ihm aus der Distanz diese Szene wildromantischer erschienen, als sie in Wirklichkeit war. Als Erzählung vereint sie auf irritierende Weise Pose und Plan mit panischer Lebensangst. Wer war dieser Mann, der auf einem frühen Selbstbildnis klein und geduckt am Schreibtisch sitzt, beäugt von einer Maske an der Wand, die zwei Gesichter hat – Leben und Tod?
Man bezweifelt nicht, dass es ernst um den jungen Kubin stand. Der Wunsch nach Auflösung zieht sich durch sein Leben, durch Briefe, Essays, Bilder. Als er am 20. August 1959, heute vor fünfzig Jahren, starb, hinterließ der 82 Jahre alte »Künstler, Grübler, Seher‛« wie er sich selbst nannte, nicht nur ein riesiges malerisches Werk und einige Schriften, sondern auch einen erfolgreichen Roman mit Illustrationen und Lageplan: »Die andere Seite« erschien 1909 und gilt als Klassiker der phantastischen Literatur.“
Von Anja Hirsch
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