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Oswald Spengler
Spengler hatte eine zu seiner Zeit selbstverständliche morphologische Sicht der Welt als Geschichte, die
auch in seinen dichterischen Werken zur Anschauung kommt. Sie wird in seinem
philosophischen Hauptwerk als heute monumental anmutende Theorie entwickelt.
Zentrale Thesen bei Spengler sind der fortschreitende Verlust der Fähigkeit,
kreativ zu wirken, die daraus folgende Verpflichtung des Bewahrens der von
früheren Generationen geschaffenen Kultur, die Bewährung angesichts der politischen
Herausforderungen in "Zeiten des Verfalls", bei dem der "Blick über die Kulturen
hin" den Weg weisen soll. Erkenntnistheoretisches Leitbild war Goethe und
die Weimarer Klassik.
Kurzbiografie
Qualifikation für das höhere Lehramt in den Fächern Zoologie, Botanik,
Physik, Chemie und Mathematik mit der Zulassungsarbeit:
"Die Entwicklung der Sehorgane bei den Hauptstufen des Tierreichs"
1904 Dissertation bei dem Philosophen Alois Riehl mit:
"Der Metaphysische Grundgedanke der Heraklitischen Philosophie"
Spenglers Denken ist geprägt vom Darwinismus Ernst Haeckels, der fiktionalen
Philosophie Hans Vaihingers (Philosophie des Als Ob), der Kulturkritik
und Erkennt-nis Friedrich Nietzsches der Ewigen Wiederkehr und einer Verehrung
Goethes sowie der Weimarer Klassik, in der er einen Gipfel der abendländischen
Kultur sah.
Von 1908 bis 1911 arbeitete er als Gymnasiallehrer in Hamburg.
Seit 1912 als freier Schriftsteller und Kulturreferent für verschiedene
Zeitungen in München
Zwischen 1914 und 1917 veröffentlicht Spengler zwei Schriften:
"An den Kaiser Wilhelm II." und "An den deutschen Adel"
in denen er sich monarchistisch und antiparlamentarisch äußert und u.a. fordert,
„starke Begabungen“ effektiv zu selektieren.
Veröffentlichung des Hauptwerkes "Der Untergang des Abendlandes"
Zahlreiche seiner Entwürfe und Fragmente wurden bisher nicht veröffentlicht.
1919 lehnte er eine ihm angetragene Professur in Göttingen ab - ebenso
im Jahr 1933 in Leipzig.
Im selben Jahr wurde er zwar in den Senat der Deutschen Akademie gewählt, durfte aber im Rundfunk nicht mehr erwähnt werden, obwohl seine politische
Haltung als national-konservativ eingestuft wird. Er starb 1936, drei
Wochen vor seinem 56. Geburtstag an einem Herzanfall.
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Zu Spenglers Schriften
Wenn man Spengler als Denker einer zyklischen Geschichtsphilosophie sieht,
so muss dabei beachtet werden, dass er nur die äußere Form der Kulturen
sich wiederholend sieht, nicht jedoch ihre individuelle Aus-prägung.
Wesentlich ist in diesem Zusammenhang die Selbst-bewertung seines Hauptwerkes.
Der Sinn der Geschichte erfülle sich nicht etwa in linearen Geschichtsvorstellungen
wie dem Schema Altertum - Mittelalter - Neuzeit, sondern im Werden und Vergehen
der Hochkulturen, Spengler betrachtete diese Erkenntnis, ähnlich wie Rudolph
Steiner in seiner aber doch sehr unterschiedlich gelagerten Geschichtsphilosophie,
als die kopernikanische Wende in der Geschichtsbetrachtung. Eurozentrismus
sei damit ebenso überwunden wie die falsche Zuordnung von Geschichtsverläufen,
so dass z.B. Antike und Abendland neben Indien und Babylon [...] "eine in
keiner Weise bevorzugte Stellung einnehmen."
Entsprechend dieser Sicht stammen von ihm Tragödien zur Wende von der 'Kultur'
zur 'Zivilisation', ein Zivilisationsroman, und die geschichtsphilosophische
Abhandlung "Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte",
der in zwei Bänden , 1918 in Wien und 1922 in München er-schien .
Das Werk wurde, von den Zeitumständen begünstigt, sehr erfolgreich; bei zeitgenössischen
Intellektuellen lässt sich fast immer voraussetzen, dass sie es gelesen haben.
Mit den 8 Kulturmonaden (Kernstück seiner Philosophie), die je binnen 1000 Jahren aufblühen, reifen und welken „wie die Blumen auf dem Felde“, konnte
er auf positivistisch arbeitende Historiker allerdings kaum Eindruck machen,
weil seine vergleichende Modellierung der Kulturen einen völlig neuen Ansatz
einbrachte. Als Darstellung der Geschichte galt sie den meisten Historikern
als unwissenschaftlich.
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"Der
Untergang des Abendlandes
Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte"
Der Haupttitel, der seit 1912 fest stand, war von je vielfach Anlass zu Missverständnissen.
In seiner düster akzentuierten Formulierung ging er auf Otto Seecks "Geschichte
des Untergangs der antiken Welt", 1895ff zurück. Trotz dieses Bezugs
zur bisherigen Literatur führt Spenglers Titel in die Irre. Er bezieht sich
nicht auf einen einmaligen, katastrophalen Einschnitt im Verlauf der abendländischen
Geschichte, sondern auf einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten, an dessen
Beginn Spengler die westeuropäische Geschichte verortet. Spengler wehrte
sich ausdrücklich gegen die pessimistische Auslegung seines Buchtitels: "Der Begriff einer Katastrophe ist in dem Worte nicht enthalten. Sagt
man statt Untergang Vollendung, (...) so ist die ’pessimistische’ Seite einstweilen
ausgeschaltet, ohne daß der eigentliche Sinn des Begriffs verändert worden
wäre." (1) Ohne einen Buchstaben seines Werkes ändern zu müssen, hätte Spengler es also
auch "Die Vollendung der abendländischen Kultur" nennen können. Spengler
mokiert sich in seiner Verteidigungsschrift "Pessimismus?" (1921),
sein ‚Untergang’ werde zu sehr mit dem „Untergang eines Ozeandampfers“ verwechselt.
In Anbetracht der Titanic-Katastrophe (1912) erscheint dieses Missverständnis
im Nachhinein nachvollziehbar. Der Untertitel des philosophischen Werkes liegt
demnach der Hauptthese Spenglers näher: Er kennzeichnet die Weltgeschichte
neu als "zyklischen Aufstieg und Niedergang von Kulturen und Zivilisationen",
so wie andere dieser Zeit auch versuchten, neue Deutungsmuster zu finden. So hatte zum Beispiel Rudolph Steiner in seiner 1910 erschienenen »Geheimwissenschaft
im Umriß« in deren Hauptkapitel »Die Weltentwicklung und
der Mensch« die Evolutionsgeschichte neu geschrieben,... die jeglicher
herkömmlichen Vorstellung vom Anfang aller Zeiten und seinem Fortgang
diametral entgegensetzt ist (2)
Grundsätzliches
Spenglers Vorbilder waren Johann Wolfgang von Goethes Morphologie und
Friedrich Nietzsches Auffassung von Leben, Geist und Seele. Zentral ist
der Anspruch einer kosmosophischen Weltsicht, in der er das Daseins als
"kosmische Flutungen" begrifflich aufzufassen versucht. Ständiges Werden
und Vergehen seien deren Kennzeichen. Die näheren Bestimmungen des Lebens
umschreibt Spengler mit den Begriffen:
Takt und Spannung: Das kosmische Gerichtet-sein eines Lebensstromes (Takt)
unterscheidet sich vom verstandes- und vernunftmäßig gliedernden, aber
zum Dasein bloß hinzutretenden Wachsein der höheren Tierarten einschließlich
des Menschen. Die Unterscheidung besitzt auffallende Ähnlichkeit mit Arthur
Schopenhauers Differenzierung der Welt in ’Wille’ und ’Vorstellung’.
Gestalt und Gesetz: In Anlehnung an die Gestalttheorie, wie sie durch
Christian von Ehrenfels formuliert wurde, ging Spengler von zwei Möglichkeiten
der Welt-Auffassung und des Weltverstehens aus. Der intuitiv erfassbare
Lebenszusammenhang unterscheidet sich von dessen mechanistischer Auffassung
nach Kausalitätsprinzipien. Spengler spricht darüber hinaus auch von Physiognomik
und Systematik.
Wille zur Macht (entlehnt aus Nietzsches Also sprach Zarathustra): Das
Leben sei ein ständiges Mehr-Werden-, Überwältigen-Wollen, ein Drang nicht
nur nach Dasein, sondern nach Herrschaft: "Was wir heute gern als Lebensenergie
(Vitalität) bezeichnen, jenes ’es’ in uns, das vorwärts und aufwärts will
um jeden Preis, der blinde, kosmische, sehnsüchtige Drang nach Geltung
und Macht, (...) das Gerichtetsein und Wirkenmüssen ist es, was überall
unter höheren Menschen als politisches Leben die großen Entscheidungen
sucht und suchen muß, um ein Schicksal entweder zu sein oder zu erleiden. Denn man wächst oder stirbt ab. Es gibt keine dritte Möglichkeit."
Spengler
partizipiert mit der Vorstellung eines ’Urkrieges’, der die Grundbedingung
allen Lebens sei - er spricht auch vom Krieg als ’Urpolitik alles Lebendigen’
-, einerseits an sozialdarwinistischen Ideologien, andererseits vor allem
an Heraklit, der in seiner nur durch Aphorismen überlieferten Pilosophie
formulierte: "Kampf ist der Vater aller Dinge". (3) Eine Formulierung, die allzuleicht zu Mißverständnissen und in ihrer tiefen philosophischen Bedeutung nicht leicht einsichtig ist. Handelt
es sich hierbei doch um eine mentale Erkenntnis, die sich auf das Verhältnis
von Sprache und Wirklichkeit bezieht.
Somit wäre es auch völlig verfehlt, den Philosophen in die Vorgeschichte
des Dritten Reiches einzuordnen, obwohl diese Terminologie dies nahelegen
kann. Und Spengler verhielt sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten
in Deutschland sehr reserviert, seit 1934 offen ablehnend gegenüber den
neuen Machthabern.
Eine Verwandtschaft des Spenglerschen Weltbildes zur Philosophie Henri
Bergsons dürfte eher auf Zufälligkeiten beruhen, da Spengler Bergsons
Schriften erst nach Beendigung seines Hauptwerkes rezipierte (hierzu Koktanek
S. 316).
Spenglers philosophische Grundlagen einschließlich der Morphologie sind
also keineswegs originär die seinigen, sondern der Versuch einer Forderung
Nietzsches Genüge zu tun, die vorsokratischen Philosophen nicht auszuklammern.
1 Spengler: Reden und Aufsätze, S. 63 f. ( zurück )
2 Walter Kugler in: Okkultismus und Avantgarde
Von Munch bis Mondrian 1900 - 1915
Schirn Kunsthalle Frankfurt, edition tertium 1995 ( zurück )
3 Heraklit, Urworte der Philosophie, Insel Verlag 1957,
Heraklit Fragmente Sammlung Tusculum, Artemis Verlag München und
Zürich
(siehe auch: Heraklit: ΤΟ ΒΙΒΛΙΟΝ) ( zurück )
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"Der metaphysische Grundgedanke der heraklitischen
Philosophie" (1904)
"Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte"
(Band 1, Wien 1918, Band 2, München 1922).
"Preußentum und Sozialismus" (1919)
"Neubau des Deutschen Reiches" (1924)
"Politische Pflichten der deutschen Jugend" (1924)
"Der Staat. Das Problem der Stände, Staat und Geschichte, Philosophie
der Politik" (1924)
"Der Mensch und die Technik. Beitrag zu einer Philosophie des Lebens"
(München 1931)
"Politische Schriften" (1932)
"Jahre der Entscheidung" (1933)
"Gedanken" (1941). Hrsg. von Hildegard Kornhardt
"Frühzeit der Weltgeschichte. Fragmente aus dem Nachlaß".
Unter Mitwirkung von Manfred Schröter hrsg. von Anton Mirko Koktanek
München: Beck, 1966, XX, 520 S.