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Kasimir Malewitsch


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"Suprematismus —
  Die gegenstandslose Welt oder das befreite Nichts"


Die Annahme, dass sich entscheidende künstlerische Umbrüche als ein spontanes Eingreifen irrationaler Erkenntnisse vollziehen, die erst nachträglich geistig geordnet, denkerisch gerechtfertigt und einer intellektuell überschaubaren Stilabsicht zugeschrieben werden, ist durchaus irrig. Besonders in Zeiten, in denen ein bisher gültiges 'Bild der Welt' durch ein anderes abgelöst wird, arbeitet im Menschen und natürlich besonders im Künstler eine besondere Art des Denkens; das man 'bildnerisches Denken' nennen kann. Es bewegt neben einer Vielzahl professioneller und formaler Erwägungen mancherlei schwierige 'weltanschauliche' und oft scheinbar ganz abgelegene Denkprozesse, mit deren Hilfe der Künstler die geistigen Bedigungen in sich herstellt, unter denen er eine bestimmte spontane Handlung überhaupt erst vollziehen kann. So liegen auch der modernen Kunst, die aus einer überaus scharfen geistigen Krisenlage entstand, die vielfältigsten Denkvorgänge zugrunde, die die Art ihrer Erscheinung und die Richtung ihrer Entwicklung wesentlich bestimmen. Brancusi drückt dies so aus:
»Es sind nicht die Dinge, die schwierig zu machen sind, die Schwierigkeit liegt darin, uns selbst unter die Bedingungen zu bringen, unter denen man sie machen kann«.

Der Text »Suprematismus — Die gegenstandslose Welt oder das befreite Nichts« wurde im Frühjahr 1922 geschrieben, — zu Beginn der großen Entwicklungskrise der Russischen Revolution, die mit der Verkündung der 'Neuen Ökonomischen Politik' durch Lenin einsetzte, und in deren Folge auch die Kunst in den Dienst des dialektischen Materialismus und der Staatspropaganda gestellt wurde. In diesem Buch faßt Malewitsch noch einmal die weltanschaulichen und kunsttheoretischen Voraussetzungen zusammen, die in ihm die bedingenden Möglichkeiten herstellten, um aus den ersten grundlegenden Manifestationen eines veränderten Denkens in der Kunst, — aus Expressionismus, Fauvismus, Futurismus und Kubismus —, jene neue, auf geometrische Grundelementen aufbauende gegenstandslose Malerei zu entwickeln, die dann bis zu der Kunst weitergebildet wurde, die wir heute unter der Bezeichnung 'konkrete Kunst' kennen..
Dieses veränderte Denken kam aus einer existentiellen Erfahrung, die die schöpferische Unruhe des vergangenen Jahrhunderts recht eigentlich begründete und die Malewitsch »die Erfahrung der reinen Gegenstandslosigkeit« nennt. Es ist die Erfahrung, daß die uns sichtbar umstellende, praktische, einzig zum Menschen hin orientierte und aus Willen und Vorstellung gegenständlich ausgeformte Welt nur eine mögliche Figuration einer viel umfassenderen Wahrheit und Wirklichkeit ist, aus deren Einheit und Ganzheit sie lediglich die vordergründigen und im tätigen Leben verwertbaren Hüllformen isoliert und den daraus zusammengfügten Entwurf als wirkliche Wirklichkeit setzt.
Es ist die Erfahrung, dass hinter dem bisher gültigen Bezugssystem des Menschen zur Welt, das Dinge und Kräfte nach ihrer Erkennbarkeit, Nützlichkeit und Verwendbarkeit zum Menschen hin ordnet und die gegenständliche Empfindungsweise der Welt begründet, ein ganz anders figuriertes »schweigendes Nichts« steht, das nicht nur allen gegenständlichen Bezüglichkeiten und Definitionen widerspricht, sondern diese radikal aufhebt.
Diese Erfahrung fordert eine radikale Umgestaltung des Bezugs-systems. Sie verlangt nach Befreiung der Gedankenbilder von der Ideologie des Gegenstandes und richtete sie aus auf »die eine Wahrheit des gegenstandslosen Seins unter der Oberfläche der Erscheinungen« (Malewitsch) Diese Verschiebung des Bezugssystems liegt nicht nur den umwälzenden Veränderungen der modernen Kunst in Richtung auf das A-realistische, A-perspektivische zugrunde, sie unterliegt allen erkenntnis- und empfindungsmäßigen Umgestaltungen im gesamten 'geistigen Plan' des Jahrhunderts. Die bildende Kunst ist nur eine ihrer Äußerungen.

Daraus stellte sich Malewitsch als Maler die Aufgabe, »neue Zeichen für die Wiedergabe der unmittelbaren Empfindungen« zu finden, die die innere Notwendigkeit, »die Welt des Willens und der Vorstellung zu verlassen«, begleiteten. Für ihn war der Kubismus die erste Verschiebung im Bewußtsein in der Richtung auf die Gegenstandslosigkeit. Das durch Picasso und Braques ins Leben gerufene kubistische Bild war für ihn Sinnbild der Auflösung des Zerfalls der Ideologie des Gegenstandes; die suprematistische Kunst sollte die Gegenstandslosigkeit selbst zeigen. in einem strengen Reduktionsvorgang führte er die aus dem 'natürlichen' Gegenstandsbild abgelösten Formmuster der kubistischen Malerei auf ihre letzten formalen Elemente zurück, als deren Grundsymbol ihm das Quadrat auf der reinen Fläche erschien.
An diesem Nullpunkt kamen alle gegenständlichen und psychologischen Assoziationen zum Schweigen. Dieser Nullpunkt — als das »befreite Nichts« — erschien ihm als Keimzelle einer ganz neuen Malerei, die, unabhängig von der Gegenstandswelt und deren auch abstrakt figurierten Reflexen in der Innenwelt des Menschen (im Sinne Kandinskys), farbige und formale Beziehungen gestalten konnte, die jenen Erfahrungen der reinen Gegenstandslosigkeit entsprachen. Ihr gab Malewitsch den Namen Suprematismus. Mit seinen derart gewonnen elementaren und absoluten Formen suchte er die in der Erfahrung der Gegenstandslosigkeit aufklingenden »unbewußten Regungen« und den »kosmischen Zusammenhang aller Erregungs-erscheinungen« auf der Leinwand wahrnehmbar zu machen. »Erst dann wird die Feierlichkeit der unendlichen Erregung, die Feierlichkeit des Weltalls spürbar. In der Offenbarung dieser Feierlichkeit liegt allein der wahre Sinn der Kunst«. Die Bilder von Malewitsch sind praktisch, um es mit Worten der überwunden geglaubten Ideologie des Gegenstandes zu sagen, Ikonen einer neuen Empfindungsweise der Welt.
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Bild:Kasimir Malewitsch "Rotes Quadrat auf weißem Grund"
Staatliches Museum St.Petersburg



Man sollte sich durch die sprung- und ruckhafte Weise dieses aufgeschriebenen Denkens, dessen Holprigkeit einen nicht durch zugeneigte Neugier geleiteten, logischen Geist zur Weißglut bringen kann, nicht zu dem Schluß verführen lassen, dass hier nur eine fast unmögliche, eifernde Bemühung, von Erfahrungen reden zu müssen, die nur im Empfindungsmäßigen und Bildnerischen deutlich waren, sich in manischer Weise zur Welt verhält. Zwar war Malewitsch ein großer Eiferer, was der Bericht des Bildhauers Anton Pevsners von der Beerdigung Malewitschs Lieblingsschülerin zeigt, bei der er eine große schwarze Fahne hinter dem Sarg einhertrug, auf die er ein weißes Quadrat genäht hatte. Dies ist aber wohl eher ein Zeichen dafür, dass er des Ernstes seiner Tätigkeit bewußt war. Dass er um die zu dieser Zeit noch evident vorhandene Gewißheit, eingedenk war, dass Kunst, entsprechend rezipiert, das Sein des Seins sein kann, und dass er von daher die Fläche des Bildes praktisch für die Welt setzte.

 

 

"Während seines Aufenthalts in Berlin (vom 29.März - 4.Juni 1927) wohnte Malewitsch bei meinen EltLeningrad (St.Petersburg)ern in der Wilhelm-Hauff-Strasse 4/5. Von Zeit zu Zeit erhielt er Briefe aus . Obwohl er mit uns über die Briefe nicht sprach, war es unverkennbar, dass sie ihn mit ständig wachsender Unruhe erfüllten. Ende Mai kam dann ein Brief, der Malewitsch in so große Unruhe versetzte, dass er abzureisen beschloß, ohne das Erscheinen seines Buches ›Die Gegenstandslose Welt‹ in der Bauhausreihe (Bauhausbücher Nr.11) und den Schluß der ›Großen Berliner Kunstaustellung‹ abzuwarten, in deren Rahmen er mit 55 Werken in einer Sonderaustellung vertreten war.
Nach erhalt des Briefes begann Malewitsch in aller eile, seine Schriften und sein 'wissenschaftliches Material' zu sichten und zu ordnen.
Am 30.Mai erschien er dann bei meinem Vater und übergab ihm ein umfangreiches verschnürtes Paket in braunem Packpapier. Mit einer ihm sonst nicht eigenen Feierlichkeit bat er, das Paket bis zu seiner Rückkehr aufzuheben. Er sagte, er hoffe, im Sommer 1928 wiederzukommen. Sollte es ihm aber nicht gelingen, und sollte er in den nächsten 25 Jahren nichts von sich hören lassen, so könne das Paket geöffnet werden und mit dessen Inhalt nach Gutdünken verfahren werden.
1934 wurde das Paket sicherheitshalber in den Keller gebracht und dort sorgfältig versteckt. 1945 erhielt das Haus in den letzten Tagen des Kampfes um Berlin einige Granattreffer, wobei der Zugang zum Keller unter Trümmern begraben wurde. Erst acht Jahre später, 1953 begannen die Aufräumungsarbeiten. Dabei stellte sich heraus, dass die Kellerdecke gehalten hatte und die im Keller abgestellten Sachen keinen nennenswerten Schaden genommen hatten. Auch das längst verloren geglaubte Paket konnte unversehrt unter einer dicken Staub- und Mörtelschicht hervorgeholt werden. Da die frist von 25 Jahren, die Malewitsch gesetzt hatte, inzwischen verstrichen war, fühlten wir uns berechtigt, das Paket zu öffnen. Es enthielt:

Zwei prall gefüllte Aktenordner mit Manuskripten, vier von den für Malewitsch charakteristischen Notizbüchern aus den Jahren 1923 bis 1927,
einen großen Aktenordner voller Presseausschnitte aus den Jahren 1910 bis 1927,
dazu eine Reihe kleinerer Abhandlungen, Briefe, lose Blätter, Zeichnungen und Fotos.

Obenauf aber lag ein nur zur Hälfte beschriebenes Manuskriptblatt, auf dessen unteren, freigebliebenen Teil Malewitsch eine Art letztwilliger Verfügung niedergschrieben hatte:

 

Malewitschs Verfügung


Übersetzt lautet diese Verfügung:
»Im Falle meines Todes oder eines ausweglosen Freiheitsentzuges und im Falle, dass der Besitzer dieser Handschriften den Wunsch haben sollte, sie zu veröffentlichen, so muß er sie gründlich studieren und dann in eine andere Sprache übertragen, weil ich mich seinerzeit unter revolutionären Einflüssen befand und sich somit erhebliche Widersprüche ergeben können zu der Form der Verteidigung der Kunst, die ich jetzt, im Jahre 1927 vertrete.
Dies allein ist als gültig zu betrachten.«

30.Mai 1927
K.Malewitsch
Berlin"

Hans von Riesen im Vorwort zu Kasimir Malewitschs "Supreamtismus — Die gegenstandslose Welt"


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Teil I
Suprematismus



Suprematismus als reine Erkenntnis

  

1

 Der Mensch sucht gültige Antworten auf alle Fragen, die auf ihn einstürmen. Seine Gedanken sind dabei vorwiegend auf das Nützlich-Praktische gerichtet, welchen Problemen er sich auch gegenübergestellt sehen mag.   Für ihn ist eine Antwort immer erst dann gültig, wenn er aus ihr einen Nutzen für das praktische Leben ziehen kann, wenn durch zweckmäßige Handlungen praktische Gegenstände für den täglichen Gebrauch entstehen.   Jede Unternehmung versucht der Mensch so zu lenken, dass sie ein praktisches Ergebnis zeitigt und ihn dem Ziel, sein Wohlergehen zu steigern, näher bringt.   Nun hat aber jeder Mensch eine andere Vorstellung von dem zu erstrebenden Ziel und sucht seinen eigenen Weg, auf dem er es zu erreichen hofft.   Daraus ergibt sich eine Vielfalt von Fragen, Zielen, Zweckmäßigkeiten und Antworten.

   

2

 Es wird also an das Leben nur die Frage nach dem Praktischen gestellt, und so richtet der Mensch sein ganzes Verhalten und Handeln darauf aus, diese Frage zweckmäßig zu lösen, wobei er auch seine sonstigen Handlungen ganz diesem Ziele unterordnet und so immer wieder zu praktischen Gegenständen gelangt.

  

3

 Auf der Suche nach praktisch verwendbaren Lösungen strengt der Mensch sein Denken unendlich an, ist unzufrieden mit den gefundenen Lösungen der Vergangenheit und erwartet von der Zukunft die Vervollkommnung der gegenwärtigen oder vergangenen Unzulänglichkeiten.

  

4

 Die fieberhaft suchenden Gedanken erhellen mit Blitzesschnelle das Dunkel der Zukunft und lassen den Menschen die in ihr verborgenen Lösungsmöglichkeiten, richtiger, den Schlüssel dazu, für Augenblicke erkennen.

  

5

 Nur wenigen aber ist es vergönnt, in jenen blitzartigen Erhellungen den Schlüssel zu erkennen. Wer ihn kennt, bewegt sich weiter, wer ihn nicht erkennt, bleibt bei seiner bisherigen Beweisführung. Hat aber jener, der den Schlüssel zu erkennen vermochte, nun wirklich die Vollkommenheit erreicht? Hat er einen Vorteil gegenüber dem, der sich noch des alten Schlüssels bedient, an alte Beweise glaubt, — wenn beide überholt sein sollten, wenn morgen ein neuer Schlüssel entdeckt werden sollte?

  

6

 In die Lösung praktischer Probleme vertieft, übersehen wir die andere Frage, ob der Mensch die angestrebte Vollkommenheit je erreichen kann, wenn er alle seine Gedanken ausschließlich auf praktisch-nützliche Ziele richtet. Die Tatsachen der Vergangenheit haben jedenfalls bisher noch nicht den Beweis erbringen können, dass wir in dieser Richtung der praktischen Vollkommenheit näher gekommen sind. Sie beweisen eher, dass der Mensch das gesteckte Ziel noch nicht erreicht hat.

  

7

 Jedes Streben nach praktischer Vollkommenheit, nach dem vollkommenen praktischen Gegenstand, scheitert an der Wahrheit oder Wirklichkeit des Seins, das nicht gegenständlich ist.

  

8

 Man sollte meinen, dass die Menschheit rascher und sicherer zu dem erstrebten praktischen Resultat gelangen könnte, wenn sie sich zu einer einheitlichen Gesellschaft zusammenschließen würde. Statt dessen aber versucht nach wie vor jeder auf eigene Faust, das ihm so erstrebenswert erscheinende Ziel zu erreichen. Dadurch wird die an sich gemeinsame, auf das Nützliche gerichtete Frage in eine Unzahl scheinbarer Verschiedenheiten aufgesplittert und wird nun in jedem dieser Teilgebiete auf eine andere Art beantwortet.

  

9

 Der Mensch besitz ein Mittel — die Bewegung. Seine vordring-lichste Aufgabe scheint es zu sein, in der praktischen Welt für eine gleichmäßige ´Verteilung der Bewegung in den Massen zu sorgen, denn nur dann kann die Masse sich gleichmäßig fortbewegen, nur dann das praktische Gleichgewicht aufrecht erhalten werden. Darin besteht das höchste Ziel aller wirtschaftlich-praktischen Überlegungen, die in der allgemeinen Gleichheit ihren Ausdruck finden sollen. Tut sich aber einer hervor, so tritt er aus der Masse heraus und beginnt diese entweder zu spalten, oder er zieht die Masse hinter sich her.

  

10

 Die gegenständlich-praktische Welt, die ihre gedankliche Arbeit ausschließlich auf praktische Lösungen ausgerichtet hat, hat sich, um ein einheitliches praktisches Ganzes zu erreichen, in eine Vielzahl von Berufen aufgeteilt und jedem Berufe einen Teil vom Gewicht des Ganzen übertragen. Durch dieses System glaubt die gegenständlich-praktische Welt, einen einheitlichen technischen Organismus zu schaffen. Das Gewicht des Menschen, als internationalem Bestandteil, kann — so glaubt man — durch nationale Sonderbegabungen auf bestimmten technischen Gebieten noch gesteigert werden, was sich bei bestimmten technischen Funktionen für die Allgemeinheit günstig auswirken könnte. Jeder Beruf wird als eine mechanische Funktion innerhalb des Gesamtorganismus begriffen.

  

11

 Das Denken ist in Spezialgebiete aufgeteilt worden, als könnte es in seiner Einheit die praktischen Probleme nicht in ihrer Gesamtheit überschauen.

  

12

 Das Denken gilt in der gegenständlichen, praktisch-wissen-schaftlichen Welt als höchstes Mittel, als stärkste Waffe. Mit der Geschwindigkeit eines Blitzes, vielleicht sogar mit einer um ein Vielfaches größeren Geschwindigkeit durcheilt es das All, tastet es ab in Breite und Tiefe, immer auf der Suche nach dem echten Ganzen und nach den Ursachen der Erscheinungen. Dabei vergißt der Mensch aber, daß die von ihm wahrgenommenen Erscheinungen nur das Ergebnis von Vorstellungs-Prozessen in seinem kleinen Schädel sind und dass die Schwierigkeit der Erkenntnis in den gedanklichen Konstruktionen über eine — in Wirklichkeit gar nicht vorhandene — zweckgebundene, praktisch-räumliche Welt zu suchen ist.

  

13

 Das Denken, das die praktisch-gegenständliche Welt erfunden hat, hätte ebenso gut auch zu gegenstandslosen Vorstellungen gelangen können, wenn es die zwecklose Jagd nach Phantasiegebilden aufgegeben hätte. Durch die Schaffung der Vorstellung vom praktischen Nutzen hat es aber bewiesen, dass es unfähig ist, die Endlichkeit, die Vollkommenheit der praktischen Vorstellung zu erreichen. Damit hat es aber auch bewiesen, dass es im Widerspruch zur Natur steht, die das Prinzip des praktischen Nutzens nicht kennt.

  

14

 Das Denken, das sich auf den praktischen Nutzen gründet, also auf die Unzulänglichkeiten der Vergangenheit, will diese ständig verbessern. Das bewahrt es aber nicht davor, dass es vor der Zukunft genauso unzulänglich erscheinen wird. Trotzdem ist es überzeugt, dass 'die Zukunft' jenes Allheilmittel ist, das es von den Gebrechen seiner Unvollkommenheit befreien und ihm dazu verhelfen könnte, in ihr die Vollkommenheit der praktischen Welt zu erreichen, die es in der Vergangenheit nicht erreichen konnte. Von der Zukunft erwartet der Mensch die Berichtigung der Fehler der Vergangenheit. Man kann aber mit Bestimmtheit sagen, dass solche Berichtigungen nicht zur Vollkommenheit des praktischen Seins führen werden. Die historische Entwicklung hat das ja hinlänglich bewiesen, da doch für die praktisch Welt der Vergangenheit unser Heute noch Zukunft war. Die Vollkommenheit des praktischen Organismus kann nie erreicht werden, weil es ihn in der Natur nicht gibt. Streben wir trotzdem weiter zu dieser Vollkommenheit hin, so können wir nur zur Vernichtung des praktischen Organismus kommen. Das Sein als praktische Idee lenkt also unser Bewußtsein aus einer Unvollkommenheit in die andere, da die Vorstellung vom Sein ja immer nur meine Vorstellung von ihm ist, das wahre Wesen der Natur aber unbekannt bleibt.
So darf man also auch von der Zukunft keine praktische Vollkommen-heit erwarten, weil die Natur, die unser Bewußtsein lenkt, nicht praktisch ist und alle praktisch-wissenschaftlichen Errungenschaften nur Scheinerrungenschaften sind. Die Zukunft beweist immer die Unzulänglichkeit dessen, was gestern noch zukünftig war. Unser Bewußtsein war also falsch geleitet, weil es dessen nicht gewahr wurde. Auf diese Weise bleibt also die Vollkommenheit des praktischen Seins immer nur eine Idee, wird aber niemals zur Sache oder zum Gegenstand.

  

15

 Alles Praktische offenbart seine gestrige Unzulänglichkeit. Der praktisch-nützliche Bereich wird täglich wieder aufgefüllt mit neuen Vervollkommnungen, die aber immer nur die äußere Seite verändern, während der Kern doch unzulänglich bleibt. Die Vervollkommnung der praktischen Waffen gar zerstört im Kriege nicht nur die ganze praltische Technik sondern hat auch die Massenvernichtung wirklicher Werte zur Folge. Mithin ist die Kultur des rein Praktischen auf einer sehr seltsamen Logik aufgebaut: Anhäufung von Werten einerseits und der Zerstörung dieser Werte andererseits. In dieser Weise lenkt das praktische Sein das Bewußtsein des Menschen. Der wahre Sinn des Seins hat aber mit Krieg gar nichts zu tun. Vor dieser durch jene eigenartige Logik bedingten Wirkung kann sich kein praktischer Gegenstand retten. Der Mensch kann eben seine Gedanken nie ganz durchdenken, wodurch die unzulänglich durchdachten praktischen Dinge vernichtet werden. Eine praktische Sache kann daher immer nur eine unzulänglich durchdachte Sache sein, niemals eine voll durchdachte.

  

16

 Aus dem Gesagten läßt sich schließen, dass der Mensch seinem Wesen nach nicht praktisch ist — und niemals bei vollem Verstand. Seine ganze Kultur der praktisch-technischen Errungenschaften ist genauso unzulänglich, wie sein Verstand. Somit kann eine Sache oder ein Gegenstand niemals in seiner praktischen Vollkommenheit verwirklicht werden. Darum gab es und gibt es keinen vollkommenen Gegenstand und wird es auch nie einen geben.

  

17

 Die wissenschaftliche Technik hat den Weg über den Verstand gewählt, um zu logisch durchdachten Ergebnissen zu gelangen. Sie wird ihr Ziel nie erreichen, weil sie nichts vollkommen durchdenken läßt: Es gibt keinen Gegenstand, der klar erkennbare Grenzen hätte, in denen man ihn durchdenken könnte.

  

18

 So kann zum Beispiel ein politischer Staatsvertrag niemals in allen seinen Konsequenzen durchdacht werden und kann niemals das polítische Gleichgewicht für alle Zeiten sichern. Man versucht zwar, dieses über den Völkerbund zu erreichen, das heißt — einen Zustand zu schaffen, bei dem niemand mehr da ist, mit dem Abmachungen getroffen werden könnten. Entschieden der allerpraktischste Weg, — aber nur unter der Voraussetzung, dass die internationalen Grundsätze nicht durch eine neue Lehre gestört werden, die die Nichtigkeit internationaler Abmachungen beweist.

  

19

 Praktisch sein heißt, die Dinge voraussehen können. Da aber jede Voraussicht nur eine Vorstellung von möglichen Ereignissen sein kann oder eine theoretische Berechnung dieser dieser Ereignisse, so kann es niemals eine echte genaue Voraussicht geben.
Vor dem gleichen Problem steht auch die Kunst, wenn sie versucht, echte Realitäten der Natur auf der Bildfläche darzustellen. Mit solchen Versuchen beweist sie nur, dass es gar keine Möglichkeit gibt, die tatsächliche Realität der Natur darzustellen oder zu vermitteln, es sei denn, die Bemühungen lösen sich im Ungegenständlichen auf. Die Realität ist unfaßbar. Da nun aber eine 'ungegenständliche' Tatsache vom 'logisch-wissenschaftlichen' und vom 'politischen' Standpunkt aus nicht geduldet werden kann, so hat der Staat oder die Gesellschaft ihre äußeren Merkmale praktisch-nützlich ausgewertet.

  

20

 Die wissenschaftliche Technik und die Wirtschaftspolitik haben meiner Ansicht nach bewiesen, dass sie unfähig sind, die Probleme der gegenständlich-praktischen Kultur zu lösen, diese Kultur zu vollenden und praktisch zu verwirklichen. Man könnte einem solchen erfahrenen Praktiker, der sich auf seine historischen Fehlschlüsse stützt, zurufen: »Genug! Du bist zu nichts fähig! Weder kannst Du Dein auf historischen Fehlschlüssen aufgebautes Sein, noch Dein Bewußtsein anders leiten als über die Fehlschlüsse der Vergangenheit, und so wird auch Deine Zukunft nur ein weiterer historischer Fehlschluß sein!«

  

21

 Wenn nun schon durch Jahrtausende Versuche auf dem Wege der gegenständlich-praktischen, auf 'wissenschaftlichen Beweisen' begründeten Kulturen erfolglos durchgeführt werden, warum sollte man dann nicht auch einen Versuch nach dem gegenstandslosen Plan unternehmen, einem Plan unwissenschaftlicher, unlogischer Handlungen, für deren Echtheit und Gültigkeit nichts spricht, und der jeden Sinn und jede Begründung durch die reine Vernunft ablehnt.

  

22

 Der Mensch hat einen guten Lehrmeister — die Natur, das heißt jene ursprüngliche Echtheit, die ihre weder sinn- noch zweckgebundene Arbeit verrichtet und sich uns ohne Ziel und Sinn offenbart. Wir aber geheimnissen in sie eine sinnvolle, zweckgebundene gegenständliche Welt hinein, erfinden eine sinnvolle Theorie von der Entstehung der Arten und behaupten, dass diese Theorie, als wissenschaftlich exaktes Wissen der Ursachen und Wirkungen, die Wirklichkeit sei.
Wissenschaft, Kunst, Religion behaupten auf drei verschiedenen Wegen, die Grenzen ihrer Bereiche erreichen zu können, indem sie allem einen Sinn zu geben versuchen: Die Wissenschaft sieht ihn im vollkommenen Gegenstand, die Kunst in der Schönheit, die Religion in Gott, so als bestünden diese sinnvollen Begriffe in der Natur in Wirklichkeit. Mit seinem menschlichen Verstand will der Mensch den gegenstandslosen Zustand der Natur in einen gegenständlichen verwandeln. So wird das gegenständliche Bewußtsein geformt, und Gott, Sache, Schönheit werden zum Material seiner gegenständlichen Ideen.

  

23

 In der Idee des praktischen Realismus befangen, will der Mensch die ganze Natur nach seinem idealen Entwurf formen. Der ganze gegenständliche, wissenschaftlich untermauerte praktische Realismus und seine ganze Kultur sind aber eine niemals zu verwirklichende Idee, denn in der Natur gibt es nichts Ideales, es sei denn in der Gegenstandslosigkeit. In ihr verschwindet aber jede Vorstellung von einem Ideal, einem Nutzen, einer Vollkommenheit. Der gegenständliche Idealist ist wie ein Träumer: Ihm schwebt der Gegenstand von idealer Vollkommenheit vor, wie die Nymphen dem Dichter. Er will sie festhalten in seiner Poesie, sie aber bleibt ewig eine flüchtige Erscheinung. So auch der Gegenstand für den gegenständlichen Idealisten: ewig entgleitend, niemals greifbar, niemals physisch beherrschbar. Trotzdem versucht der Idealist immer wieder das Gegenstandslose gegenständlich zu machen. Diese vergeblichen Bemühungen sind es, die den Sturm des Zornes der materialistischen Dichter, Künstler und Techniker entfesseln und Krieg, Drahtverhaue, Giftgase, Selbstmorde, Tränen, Zähneknirschen, Trauer und Kummer im Gefolge haben.

  

24

 Jahrtausende sind so vergangen in Leid und Kummer, und weitere Jahrtausende werden so vergehen, ohne dass jemand jemals das Ungegenständliche erfassen könnte, um es in einen Gegenstand, sei es körperlicher oder geistiger Art, zu verwandeln. Der Mensch versucht, den Gegenstand seiner Wahnvorstellungen zu erreichen. Auf der Jagd nach diesem vorgestellten Gegenstand, den er durch eine Theorie womöglich zahlenmäßig errechnet hat, zerfleischt er sich, sprengt sich in die Luft, ertrinkt, erstickt. So gesehen, erscheint die ganze gegenwärtige Kultur wie ein Irrenhaus und steht ihm in keiner Weise nach: Dunkelkammern, Einzelzellen, Krankensäle — alle diese Dinge gibt es im 'freien', 'sinnvollen' und 'vernünftigen' Leben auch, nur heißen sie hier 'Massengefängnisse' und 'Einzelhaft'. Denn jeder, der sich dem jeweils herrschenden Regime nicht unterwirft, wird auf entsprechende Kammern verteilt, nur mit größerer Härte und Strenge. Alle übrigen befinden sich in 'Freiheit', gelten als gesund und unterstehen der Leitung, die sie für 'Vergehen' mit Geld-, Freiheits- oder Todesstrafe bedroht, — welch letztere in einem richtigen Irrenhaus für kein Vergehen angewendet wird. Im Gegenteil: Die gesamte Leitung eines wirklichen Irrenhauses, seine Regierung sozusagen, rechnet mit der Möglichkeit jedes Verbrechens und entfernt vorsorglich alle Waffen und Hilfsmittel, mit denen ein Verbrechen begangen werden könnte. Sie verzichtet auf Verbote, weil ohne Verbot auch keine Übertretung möglich ist.

 

 

Die Regierungen im sogenannten freien Leben sind aus irgendwelchen Gründen überzeugt, dass alle 'frei' lebenden Menschen als gesund zu gelten hätten. Dabei besteht aber zwischen ihnen und den amtlich anerkannten Geisteskranken kein nennenswerter Unterschied: Beide sind von dem Wahn besessen, dass die Welt zur Befriedigung der praktischen Bedürfnisse des Menschen erschaffen sei. Beide leiden unter Halluzinationen, und wie die einen beim Einschlagen von Glasscheiben sich die Hände verletzen, so schneiden sich die anderen gegenseitig die Hälse durch, wenn sie die entsprechende Waffe finden. Ein grundlegender Unterschied ist allerdings: Während die 'Regierung' des richtigen Irrenhauses von den Insassen alle Waffen, wie Messer, Gabeln, Stricke, Streichhölzer usw., sorgfältig fernhält, stellt die Staatsregierung im Gegenteil Waffen her und lehrt ihren Irren diese Waffen so geschickt wie möglich zu handhaben, um dann die Insassen einer Anstalt auf die einer anderen zu hetzen und sie zu vernichten. Weigert sich aber ein Mensch, sich in der Kunst des Tötens ausbilden zu lassen, so kommt er in eine Irrenanstalt oder in den Kerker. Auf solch fragwürdigen Grundsätzen ist das ganze Leben des praktischen, gegenständlichen Realismus aufgebaut und weist noch einen weiteren Unterschied gegenüber einem wirklichen Irrenhaus auf: Dort werden Irre von Gesunden geleitet, im Leben aber die Gesunden von den Irren. Irre haben die Macht an sich gerissen und veranstalten ein organisiertes, wissenschaftlich fundiertes Gemetzel, wobei sie die Gesunden zwingen, das zu tun, was in einem Irrenhaus nicht zugelassen ist.

Die Gegenstandslosigkeit allein kann den Wesenskern der Menschheit vom Wahn befreien, indem sie den praktischen Sinn des Gegenstandes als Lüge entlarvt.

  

25

 Seitdem nun die Einheitlichkeit und Ganzheit des nicht auf das Praktische gerichteten Wesens des Menschen sich an dieser Lüge zerschlug und in eine Vielzahl von Berufen zerbröckelte, bemüht der Mensch sich, den praktischen Realismus, — also etwas, was es gar nicht gibt —, zu verwirklichen. Damit hofft er, durch praktische Vollkommenheit seine innere Einheit und Geschlossenheit wieder zu gewinnen. Er will ganz praktisch werden, will alle seine Handlungen in die Bahn der Zweckmäßigkeit leiten, obwohl doch die Natur durchaus nicht praktisch handelt und sich nicht auf zweckbedingten Wegen bewegt, sondern auf dem Wege der Erregung durch Reize, die nicht con Zeit und Raum abhängen.

Bei allen seinen Bemühungen scheint der Mensch seine Hauptsorge auf die Steigerung der Geschwindigkeit zu richten, als wolle er etwas versäumtes nachholen und damit seine praktische Unzulänglichkeit zu einer künftigen Vollkommenheit bringen.

Er erdenkt Gegenstände des praktischen Realismus, um sie auf die Natur zu übertragen. Er erfindet Systeme, die er als Krönung seines gegenständlich-praktischen Lebens ansieht.

  

26

 Dieses Leben ist in drei praktische Hauptwege aufgespalten: Die Kunst, die Religion und die wissenschaftliche Technik — drei reale, praktische und theoretische Vorstellungen, die aber ständig in Widerspruch zueinander geraten, weil jede einzelne sich für die allein richtige, für die tatsächlich praktische Wahrheit hält. An diesem Kreuzweg hat sich der Mensch gleichsam selbst gekreuzigt und kann sich nun schon durch Jahrhunderte nicht von diesem Kreuz befreien. An diesem Kreuzweg muß sich jeder Mensch entscheiden, welcher der drei Wahrheiten er folgen will. Je nach dem gewählten Weg baut er sich seine Welt auf und muß, wenn er zur inneren Einheit, zu einer Wahrheit, zum einheitlichen Ursprung gelangen will, gegen die übrigen Wege kämpfen.

Nur für eine der Wahrheiten kann er sich entscheiden, denn es kann der Mensch nicht in drei Wahrheiten leben.

  

27

 Jede der drei 'Wahrheiten' hat ein uiel, und es ist klar, dass die Mittel zur Erreichung dieses Zieles die gegenständliche Bewegung der Dinge sein wird, die ihrerseits durch entsprechende zweckbedingte Handlungen des praktischen Realismus reguliert wird. Der Fortschritt wird sich in Gestalt neuer Dinge realisieren, das Ding selbst ist realisierte Bewegung. Folglich wird allen drei Wahrheiten die technische Kunst als Mittel gemeinsam sein, um zu Errungenschaften zu gelangen und den Dingen Form und Sinn zu geben.

  

28

 In allen drei 'Wahrheiten' dominiert der praktische Realismus der Dinge als letztes Heil.
Die 'Wahrheit' des Ingenieurs, diese zuletzt entstandene Wahrheit, kann natürlich nicht anders als praktisch sein, da ihre Welt der praktischen Zweckmäßigkeiten mit jedem Tag weiter vervollkommnet wird. Die wissenschaftlich-geistige 'Wahrheit' läßt sich in zwei Bereiche einteilen: den praktisch-gegenständlich-utilitären und den gegenstandslosen. Man kann auch sagen: angewandte Wissenschaft und feie Forschung um der Forschung willen.
Die Religion hat auch ihre 'Wahrheit' gefunden, indem sie ein System schuf, nachdem der Mensch selbst in zwei Bereiche eingeteilt wird: den materiellen Leib und die immaterielle Seele. Im Bereich der Seele ist der Mensch schwerelos. Schwerelosigkeit ist auch das höchste Ziel der Technik.
Nur die Kunst strebt nach Monumentalität, erzeugt Gewicht, macht leichtes schwer, strebt zur Statik, zum nicht-zerstörbaren Zustand. Im Gegensatz zur Religion und zur technischen Wissenschaft sammelt sie bewußt Gewicht im Monument. In dieser Beziehung steht der Künstler im Widerspruch zum Ingenieur. Das Denken des Ingenieurs richtet sich immer auf die zukünftige Vollkommenheit, die Aufhebung der Schwerkraft und die Abänderung der gestrigen Gewichtsverteilungen, und schafft immer wieder neue Ordnungen der Verteilung.
Der Künstler aber will alles Zukünftige in der Vollkommenheit der Kunst vergangener Zeiten festhalten, in einer 'unvergänglichen' Form der Verhältnisse, obwohl das Leben in seiner Dynamik sich ständig verändert. Darum kann der Ingenieur die Welt der Dinge verändern, der Künstler aber nicht. Alle neuen Lebensinhalte werden in der Kunst verschlungen von den Formen und Verhältnissen der Vergangenheit.
Wenn der Ingenieur tief in die Zukunft vordringt, bringt er von dort beue Vervollkommnungen, der Künstler aber, der sich in die Vergangenheit vertieft, bringt nur das, was ist oder schon war. Der Ingenieur ist bemüht, jedes seiner Erzeugnisse so zu bauen, dass es durch seine Form und Wirkung eine ideale Gewichtsverteilung darstellt, der Künstler aber bemüht sich im Gegenteil darum, die Gewichte zusammenzufassen in einem idealen monumentalen Aufbau. Er will sein 'Ich' oder eine bestimmte inhaltliche Idee in einem Monument der Schwere offenbaren, das der Zeit entgegenwirken soll.
Alle drei 'Wahrheiten' gründen unverkennbar ausschließlich auf praktischen Gesichtspunkten, deren Ziel dennoch die Schwerelosigkeit ist.
Der Ingenieur ist erbarmungslos gegen die gestrigen Vollkommenheiten. Auch die gesamte technische Jugend ist für jeden neuen Schritt. Ihre Parole ist: »Weiter!«
Die entgegengesetzte Erscheinung beobachtet man in der Kunst. Da lautet die Parole: »Weiter in die Vergangenheit!« oder »Wir hassen das Morgen!«

  

29

 Die Technik hat den Nutzen zum Ziel. Den Nutzen erblickt sie in erster Linie im schnellen Fortschritt, denn die Menschheit wird beunruhigr durch die ferne Zukunft, durch die nebelhafte Vorstellung von deren Vollkommenheit. Die Technik verfolgt in aller Ewigkeit dieses Ziel und müht sich ab, es dem Menschen näher zu bringen, oder umgekehrt, den Menschen dem ziel. Darin liegt das Wesen jeder Technik. (Übrigens: Jede der drei 'Wahrheiten'hat ihre Technik.) Darum muß jeder ihrer Schritte zweckdienlich sein. Jeder neu erzielte Nutzen verändert die Welt oder das Bewußtsein. Darum fürchtet die Technik das Vergangene, im Gegensatz zur Kunst, die bis zum heutigen Tag die Formen, die Erfahrungen und das Können der Vergangenheit zu erhalten versucht und damit nichts Neues leistet und nichts verändert.
So verändert der Mensch also im Grunde stets nur seine 'Nützlichkeiten', niemals aber die Welt oder die Natur.

  

30

 Alle drei 'Wahrheiten' haben Gegenstände ihres Fortschritts, des praktischen realismus zum Ziel. So steht vor der Religion als Gegenstand des Heils — Gott, als Grenze des praktischen Realismus geistiger Ordnung, vor der Kunst — die Schönheit, vor der Wissenschaft — die Erkenntnis. Die gegenstandslose Wahrheit wird in ihnen verwandelt in ein gegenständliches Ganzes, das erreicht und bewältigt werden muß. Wird das Erreichte nützlich sein?

  

31

 Nachdem der Mensch sich nützliche Ziele gesetzt hat, strebt er auch zu ihnen hin. dadurch wird sein sogenanntes Leben zum praktischen Handeln, zu einem Streben zum Leben; es ist nicht das Leben selbst. Dieses kann erst erreicht werden, wenn das 'Ziel' erreicht ist. Das, was wir heute Leben nennen, sind nur zweckdienliche Handlungen, um zum wirklichen Leben zu gelangen.
Da die Welt aber gegenstandslos ist, sind alle gesetzten Ziele niemals zu erreichen. Niemals kann durch zweckbedingte Handlungen das Leben erreicht werden, weder in Gott, noch im technischen Gegegenstand, noch in der Schönheit.

  

32

 Die Kirche hat die ausweglose Lage erkannt, dieses endlose Streben nach einem unerreichbaren Ziel, sie hat die Endlosigkeit begrenzt durch den Begriff Gott als dem Vollendeten, dem Absoluten. Auf diese Weise macht es die 'Technik der Kirche' möglich, das Ziel zu erreichen, da die Welt, als Schöpfung Gottes, vom Standpunkt der Kirche etwas absolutes ist. Gott ist vollendet, absolut, unverrückbar in seiner Vollkommenheit und darum ohne Bewegung zu einer Vervoll-kommnung hin. In diesem 'Nicht-Bewegen' findet die Religion das absolute Leben, völlige Unbeweglichkeit und Schwerelosigkeit, die immaterielle, gegenstandslose Welt.

  

33

&nbspDie gegenständliche Welt ist ein Ziel. Für dieses Ziel entstand eine besondere Geisteskraft — das Bewußtsein. Das 'Ziel' ist für den Menschen ein Lockmittel. Ohne Ziel macht er keinen Schritt, obwohl er sehr wohl weiß, dass die vor ihm aufgebauten Ziele nichts weiter sind als Theaterkulissen, wie alles Gegenständliche des praktischen Realismus leere Theaterkulisse ist.

  

34

 Die Nützlichkeit ist eine rein menschliche Annahme, die es in der Natur nicht gibt. Welche 'Nützlichkeit' (im Sinne des Menschen) kann schon ganz allgemein oder für das menschliche Dasein im ewigen Werden und Vergehen im endlosen All liegen? Es kann keine Nützlichkeit ohne Ziel und kein Ziel ohne Nützlichkeit geben.

  

35

&nbspDas ganze Weltall bewegt sich im Wirbel gegenstandsloser Erregung. Auch der Mensch mit seiner ganzen gegenständlichen Welt bewegt sich in der Unendlichkeit des Gegenstandslosen, und auch alle seine Dinge sind im Grunde gegenstandslos, da sie ja im Endergebnis das Ziel nie erreichen. Daraus ist zu folgern, dass die praktische 'Realität' der Dinge nicht wirklich ist. In dem Maße, in dem der Mensch die Welt als eine gegenständliche, greifbare Sache betrachtet, kann er sich ihrer als Gegenstandslosigkeit, als absoluter Aufhebung der Schwere, auch nicht bewußt werden.
Das gesetzte praktische Ziel verlangt die Schaffung aller nur möglichen Hilfsmittel. Als leitendes Hauptgesetz für die Schaffung dieser Hilfsmittel ergab sich die Wirtschaftlichkeit. Die Wirtschaftlichkeit wurde zum Regulator der Bewegung aller Schöpfungen des Menschen. Plakate an allen Ecken und Enden ermahnen die Schaffenden zu gegenständlicher Brauchbarkeit, Zweckmäßigkeit, Nützlichkeit. Dadurch wird der Wille des Schaffenden eingezwängt in den engen Käfig der Forderung nach praktisch-nützlichen Handlungen. Nach der Auffassung der Allgemeinheit ist der Wille frei; in Wirklichkeit aber kann er seine Freiheit niemals erlangen, solange sein Schaffen auf gegenständlich-praktische Nützlichkeitserwägungen beschränkt bleibt. Der Schaffende kann die Grenzen des Gegenständlichen nicht überwinden, darum kann sich sein Wille nicht in Freiheit offenbaren. Der Wille kann erst dann in die grenzenlose Weite freier Entfaltung hinaustreten, wenn er die Grenzen des Gegenständlichen sprengt, zur gegenstandslosen Bewegung vorstößt und sich darin auflöst.
Aber in irgendeiner Form muß sich der Wille doch manifestieren, muß seine Wünsche erfüllen; und vielleicht sind diese, seine Wünsche dann wieder seine Grenzen, bilden wieder einen Gegenstand, eine durch den Willen sichtbar gemachte Errungenschaft?
Demnach muß jeder Wille, wie das Schaffen und die Darstellung, ein Produkt der Gegenständlichkeit sein. In der Gegenstandslosigkeit aber gibt es keine Wünsche. Sie ist einfach ein Erregungszustand ohne jeden Willen, ohne jedes Wollen, da in ihm nichts ist, worauf sich ein Wollen richten könnte. Die Erregung kennt keinen Willen, keine Freiheit, keine Verbote und auch kein Verlangen, irgendetwas zu vollbringen. Ich glaube, dass auch das gesamte Weltall keinen solchen Willen hat. Wille oder Willenlosigkeit bedeutet immer irgendeine Entscheidung. Im Weltall aber gibt es keine Entscheidungen dieser Art. In ihm wurde niemals etwas unternommen, keine Entscheidungen getroffen. Für einen 'Willen' bleibt einfach kein Raum, weder im Großen noch im Kleinen.
Was bleibt aber denn nun der Allgemeinheit, der Menge, von der gegenständlichen Welt? Nichts weiter als Zwang und Unausweichbarkeit! Die Welt der Allgemeinheit ist die Welt des Zwanges und unausweichlicher Notwendigkeiten, die ihrerseits von ihr Willen und Kraft verlangen.
Zwang und Notwendigkeit haben aber mit Schöpfung nichts zu tun, denn schaffen verlangt Freiheit. Daher kann man in der gegenständlichen Welt nicht von 'Schaffen' reden, sondern bestenfalls von 'Darstellen' oder 'Abbilden'. Der im Gegenständlichen befangene Mensch kann wohl verschiedene Kniffe erdenken, niemals aber schöpferisch sein. Der Abbildner oder Darsteller muß in seiner unausweichlichen Abhängigkeit über eine große Anpassungsfähigkeit verfügen, um Zwang und Notwendigkeit nicht als solche zu empfinden. Der wahrhaft schöpferische Mensch ist dazu gar nicht fähig — er ist frei!
Frei sein heißt keine Grenzen, keine Hindernisse kennen. Da aber jeder Gegenstand seine fest umgrenzte Funktion hat, so ist klar, dass er nicht in das Gebiet des Schöpferischen gehört, sondern ausschließlich in das Gebiet der Erfindung.
Der Wille der praktisch eingestellten Allgemeinheit ist auf die Überwindung aller Naturgewalten gerichtet, er will sie überwinden, unterwerfen und beherrschen. Das heißt, dass die Allgemeinheit den Willen für ein Element der Natur hält, dass die Natur sich in der Gewalt des Willens befinde, und dass die Allgemeinheit die Natur überwinden und sie ihrem Willen unterordnen muß. Die gegenständliche Welt ist der Kampf zweier Willen. Es gibt aber nur einen Willen, denn es kann in der Natur keinen anderen Willen geben, als den im mir, oder umgekehrt, in der Natur keinen Willen, der nicht in mir wäre. Die Gegensätze des gespaltenen Willens bestehen nur im Menschen. Darum scheint die Bemühung der Menschheit, durch Gegenständlichkeiten den Willen der gegenstandslosen, willenlosen Natur zu besiegen, auf irgendwelchen grundlegenden Mißverständnissen zu beruhen, denn offen-sichtlich wird ein und derselbe Wille sich selbst in verschiedenen Auffassungen gegenübergestellt. Man kann Willenloses und Gegenstandsloses nicht besiegen, welche Grenzen auch immer aufgerichtet würden. Die Grenzen würden immer nur für den Willen des durch diesen Willen zum Handeln veranlassten Subjektes Geltung haben.
Es ist so, als begäbe sich die gegenstandslose Natur durch den Menschen in dessen gegenständliche Willenssphäre oder in eine neue, reale Organisiertheit, als wolle sie durch das menschliche Hirn zu einem neuen Sinn gelangen.
Vielleicht hebt der Mensch auch darum die gefalteten Hände seines Willens und strengt seine Stimme an, um der Natur Befehles seines praktischen Verstandes zu erteilen und die Willenlosigkeit der Natur dem Willen des praktischen Realismus zu unterwerfen. Statt dessen aber fesselt er nur seinen eigenen Willen und führt ihn in den Abgrund eines vermeintlichen praktischen Realismus.

  

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 So hat sich der Mensch die gegenständliche Vollkommenheit zum Ziel gesetzt, hat sich Zwang und Notwendigkeiten aufgebürdet, als hätte er absichtlich oder aus Gedankenlosigkeit sich selbst befohlen, den beschwerlichen Weg des praktischen Realismus zu gehen, der ihn angeblich zur Vollkommenheit führen wird zu etwas also, was unerreichbar ist und auch dem Wesen des Menschen gar nicht entspricht.
Der ganze, weder Freiheit noch Verbote kennende, außerhalb aller religiösen Bindungen stehende Mensch hat sich in die Wege der verschiedenen Wahrheiten eingeschaltet und hofft, ausgerechnet auf ihnen dahin zu gelangen, worin er sich schon befindet: in die geschlossene, unterschiedslose Welt der Gegenstandslosigkeit. Auf der Drei-Wege-Kreuzung des praktischen Realismus spaltet sich sein Wille in drei Richtungen.
Auf dem religiösen Wege wird der Wille auf Schritt und Tritt abgetötet, indem er sich ganz dem Willen Gottes anvertraut.
Auf dem technisch-wissenschaftlcihen Wege wird der Wille den praktischen Handlungen und Zielen des Alltags geopfert.
Auf dem Wege der Kunst öffnet sich eine neue Möglichkeit der freien Bewegung, unter der unabdingbaren Voraussetzung allerdings, dass der Wille sich in der Kunst unabhängig von den Ideologien und Inhalten der beiden anderen Wege, außerhalb also der Religion und der auf Ernährung abgestimmten Form des Lebens der technisch-praktischen Einrichtungen, offenbart.
Die Kunst, befreit von aller Abhängigkeit, wird zum Herzen der Mensch-heit, das höher und mächtiger schlagen wird als die Bewegung der Kometen in ihren Bahnen. Aber der Wille hat in diesem Schlagen dann kein anderes Ziel als die Freiheit, also die Willenlosigkeit. In dieser Möglichkeit liegt der Vorzug der Kunst vor den anderen Wegen des gegenständlich-praktischen Realismus. Da der Wille — jeder Wille — das Produkt des praktischen Realismus ist, so muß er folgerichtig dort verschwinden, wo es keine Ziele und keine zweckgebundenen Handlungen gibt: in der gegenstandslosen Kunst!
Jeder der drei Wege ist ein gesonderter und unabhängiger Weg, obwohl sie alle drei zu einemZiele streben — zum praktischen Realismus: In der (bisherigen) Kunst — zur Schönheit, in der Religion — zu Gott, in der Wissenschaft — zur gegenständlich-technischen Vollkommenheit.
Im Suprematismus, dem befreiten Nichts der Gegenstandslosigkeit, gibt es das alles nicht.

  

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 Die Religion in ihrer reinen Form läßt sich weder für die Wissenschaft noch für den ganzen praktischen Nahrungs- und Daseinskampf verwenden. So kann man auch die Kunst weder für das eine noch für das andere mißbrauchen. Alles, was von der Religion oder der Nahrungs- und Gebrauchsgüter-Produktion als sogenannte Kunst verwendet wird, ist keine Kunst sondern nur Theaterrequisit. Wenn das Wesen der wahren Kunst offenbar wird, dann wird man erkennen, dass sie einen selbständigen Weg darstellt, genau wie jeder der beiden anderen Wege, mit dem Unterschied, dass die Kunst nicht wie diese beiden den praktischen Realismus anstrebt.
>n dem Drei-Wege-Kreuz wird der Mensch gespalten: Jedem der drei Wege widmet er einen Teil seiner Zeit und findet in jedem die 'Wahrheit'.

  

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 Der Mensch dient also drei 'Wahrheiten' und erhofft von den drei Wahrheiten sein Heil. Jedoch ist er nicht in der Lage, ein Ganzes zu schaffen, auch wenn er seine 'dreieinige' gegenständliche Kultur durch die Kirche gekrönt hat.

  

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 So weit man die Entwicklung der Menschheit bis in ihren Ursprung verfolgen kann, hat sich die Kunst immer in der Abhängigkeit von den beiden anderen Wegen befunden. Die Kunst spielte von jeher die Rolle der Krönung und Verschönerung des Lebens und wurde immer als ein Mittel betrachtet, das den Lebensinhalt spiegeln sollte. Es wurde behauptet, dass das Leben eben jene Grundlage sei, ohne welche die Kunst überhaupt nicht bestehen könnte. Ein eigener Weg wurde ihr ganz entschieden abgesprochen, mit der Begründung, Kunst an sich sei kein Inhalt. In Wirklichkeit aber kann man Kunst weder auf dem einen noch auf dem anderen Wege 'anwenden', sobald ihr gegenstandsloses Wesen erkannt ist. Im Grunde genommen ist keiner der drei Wege aufeinander anwendbar.
In der Tat, wie wäre eine Verbindung möglich zwischen Technik und Kunst, da beide im Grunde ihres Wesens so völlig verschieden sind? Die Technik strebt nach dem praktischen Gegenstand, ist befangen in Zeit, Raum und Ziel, hat eine 'Vergangenheit', eine 'Zukunft', eine 'Gegenwart', hat endlich 'Verstand'. Von alledem ist die Kunst frei, sofern sie ihre äußerste Grenze, die Gegenstandslosigkeit, erreicht hat, das heißt, zum Urgrund ihres Wesens durchgestoßen ist. Zwischen Kunst und Technik liegt ein unüberbrückbarer Abgrund, die Unvereinbarkeit zweier Glaubensbekenntnisse: des gegenständlichen und des gegenstandslosen.
Der Mensch, der in seinem animalischen, gegenständlich-praktischen Zustand verharrt, ahnt doch, dass es etwas gibt, das über seine mechanisch-technischen Handlungen hinausreicht. In dieser sehr unklaren Ahnung blinkt tatsächlich Höheres, als es die von nüchterner Sachlichkeit gestellten Aufgaben von ihm verlangen. Jeder der drei Wege glaubt, den Menschen zu diesem Höheren, dem Heil zu führen. Der religiös-geistige Weg sieht dieses Heil in Gott, der technisch-praktische im vollkommenen Gegenstand, die Kunst in der 'Schönheit'. Aber ein Heil kann niemals das wahre Heil sein, wenn es ein Gegenstand ist, eine Sache oder sonstwie faßbar. Das wahre Heil kann nur die Gegenstandslosigkeit sein!
  

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 Jede Idee ensteht aus dem Zusammenwirken verschiedener Voraussetzungen. In der Gegenstandslosigkeit aber fehlen alle Voraussetzungen, die irgendeine Idee entstehen lassen könnten.

  

44

 Auch in der Natur gibt es keine Voraussetzungen, aus denen sich Ideen entwickeln könnten, denn die Natur ist eine vollkommene Einheit, die aber gleichzeitig nicht da ist, weil sie sich im Zustand der Gegenstandslosigkeit befindet. Das Leben des Menschen aber ist voller Voraussetzungen, Umstände und Beziehungen, aus deren Differenzierung sich die Gegenstände ergeben.
Das Streben der Menschen nach Höherem bezieht sich in der Mehrzahl der Fälle auf geistige Gebiete, nicht materielle, was aber noch nicht Gegenstandslosigkeit bedeutet, weil auch die geistigen Handlungen von Ideen gelenkt werden, die von praktischen Erwägungen bestimmt werden. Jedenfalls ist mir keine Idee bekannt, die außerhalb jeder praktisch-materiellen Verwendbarkeit gestanden hätte. Wie hoch auch die geistigen Ziele gesteckt sein mögen, immer münden sie im Endergebnis in irgendeinem praktischen Nutzen.
So ist zum Beispiel auf dem religiösen Gebiet der ewige Held ein Heiliger, der sich selbst vernichtet und das Heil predigt. Es gibt aber keine Ikone, auf der der Heilige eine Null wäre. Das Wesen Gottes aber ist das Null-Heil. Darin liegt zugleich das Heil-Null, wie ein Kreis der Umwandlungen alles Gegenständlichen in Ungegenständliches. Wenn die Helden und Heiligen gewahr würden, dass das Heil der Zukunft das Null-Heil ist, dann wären sie verwirrt durch die Wirklichkeit. Der Held würde sein Schwert sinken lassen, und dem Heiligen würden die Gebete auf den Lippen ersterben.

  

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 Keine der Lebensströmungen ist bisher dem Gegenstandslosen nahe gekommen, hat die Menschheit auf die Ebene des Menschlichen erhoben. Alle blieben in der Ebene des animalischen Nutzens. Die Ideenwelt aber, in der man etwas Höheres sehen sollte als das auf animalische Nahrungs- und Daseinssorgen ausgerichtete Leben, blieb animalisch.
Religion und Kunst wollen sich von dieser animalischen Futtertrog-Ideologie befreien. Beide wollen zu Handlungen gelangen, deren ein Tier, das die absolut verwirklichte Futtertrog-Idee ist, nicht fähig ist.
Der Kunst ist dies inzwischen gelungen, allerdings noch nicht im umfassenden Sinn, sondern im ästhetischen. Die ästhetische Gegenstandslosigkeit blieb vorerst noch an den Gegenstand gebunden. Um zur vollkommenen Gegenstandslosigkeit zu gelangen, mußte dieser Umstand überwunden werden. Die vollkommene Gegenstandslosigkeit führt aus dem Bereich der bisherigen Kunst heraus, weil diese ja nur dazu gedient hatte, den gegenstandslosen Ästhetizismus mit dem Gegenstand zu verbinden. Als es den Malern gelang, sich vom Gegenstand zu befreien, wurde für sie das, was bisher als 'Kunst' galt, überflüssig. Es ist wahrscheinlich, dass es in der Natur keine 'Kunst' gibt, da sie keine Gegenstände nach irgendwelchen ästhetischen Grundsätzen nachbildet. Aber auch ohne jede Gegenständlichkeit besteht die Natur weiter. Die Menschen versuchen in ihr ein weises Walten zu erkennen, es ist aber anzunehmen, dass es in der Natur überhaupt keine Weisheit im menschlichen Sinne gibt, die nichts weiter ist, als Überlegungen, Urteile und Schlußfolgerungen, die der Mensch über die unfaßbare Natur anstellt.

  

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 Die Natur strebt nichts an, erkennt nichts, weil es in ihr nichts gibt, was sie erkennen könnte; sie kennt kein Ziel, keinen Sinn, keine Nützlichkeitserwägungen. Man könnte sogar sagen, dass es in der Natur kein Leben gibt, sofern man unter 'Leben' die praktischen Äußerungen im Sinne des Menschen versteht.

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Das Leben ist nur darum Leben,weil es das Denken gibt: ich denke — darum lebe ich! Ich kann nicht leben, wenn ich nicht denke. Man kann nicht sagen, dass die Natur nicht lebt, dass es sie nicht gibt, auch wenn das Bestehen dieser oder jener Wirklichkeit nur mein Gedanke ist, in ihr wirken aber Lebensäußerungen ohne Ziel, Verstand, Überlegung, Wissen und Idee. Sie ist der ewige ideenlose Herzschlag, ohne Ursache und Voraussetzung, sie ist Erregung und Gegenstandslosigkeit. Daher kann alles bestehen, was auch nicht denkt. Es ist möglich, dass der Gedanke Leben erzeugt, bestimmte Formen als Merkmale des Lebens. Der Mensch, der sich in die Tiefe der Naturgeheimnisse begibt, in der keinerlei greifbare Gegenstände zu denken sind, sagt: dort ist kein Leben, dort gibt es keine Gedanken, keine Bücher, keine Bewegung. Was kann es denn da noch geben, außer der Gegenstandslosigkeit, außer der gegenstandslosen Natur? Erst das Erscheinen des Menschen führt zu einer neuen Reaktion, die Gegenstände schafft, das heißt Begiffe bildet. Die Verwirklichung dieser Begriffe führt zur Herstellung neuer Dinge, es entstehen Gegenstände, es entsteht das, was wir unter 'Leben' verstehen. So entsteht das gegenständliche Leben der Begriffe, Erkenntnisse, das Wesentliche aber, die Gegenstandslosigkeit, wird dadurch nicht erschüttert.
Der Mensch versteht unter 'Leben' nur die Welt seiner Begriffe und Beziehungen. Mit dem gleichen Recht könnte man aber sagen, dass die Natur dort aufhört, wo im menschlichen Bereich die Wüste menschlicher Begriffe herrscht.
Man kann also zwei Arten von 'Leben' unterscheiden: Das gegenständliche Leben zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und das ge-genstandslose, eine Leere, in der es kein Streben nach Befriedigung gibt. Die Idee der Befriedigung von Bedürfnissen erzeugt das Streben nach Vervollkommnung. Eines der Ziele der Vervollkommnung ist die Gleichheit, die Abschaffung aller Unterschiede.
In der Gegenstandslosigkeit gibt es dieses alles nicht. In ihr läßt sich nichts herausheben oder unterscheiden. Sie ist eine Erscheinung, die außerhalb alles Physischen bleibt. Doch da nun einmal für die Durchschnitts-Menschen alles einen Nützlichkeitswert haben soll, so wurden künstlerische Werke zu einer neuen ästhetischen Form der Nützlichkeit, zu einer Fiktion, die jene Bereiche umfassen sollte, in denen eine Befriedigung materieller Bedürfnisse nicht zu erwarten war. Die künstlerisch-ästhetische Fiktion dient vielleicht dem Zweck, die ästhetische Seite der Dinge zu offenbaren, ebenso aber die Erscheinungen der Natur zu deuten. Die Kunst kann ein Mittel sein zur Lösung von Problemen jener Gebiete, deren Erforschung auf den Wegen der Religion und der Wissenschaft nicht möglich ist. Im Zusammenhang damit ließe sich die Behauptung aufstellen, dass ein Gegenstand oder ein Vorgang erst dann als vollkommen erforscht bezeichnet werden kann, wenn neben den chemischen und physischen Untersuchungen auch die religiöse und die ästhetische Seite der Dinge erforscht ist. Die volle Erkenntnis der Dinge wird erst durch ästhetische Erkenntnisse erreicht, wie ja in unserem leben die meisten Dinge erst dann für vollkommen gelten, wenn sie auch künstlerisch geformt sind.
Somit kann man sagen, dass Gegenstände, Sachen, sich aus Erkenntnissen bilden. Wenn aber der Gegenstand das Resultat der Erkenntnis ist, dann kann man das keineswegs eine schöpferische Tat nennen. Der Gegenstand wurde ja nicht geschaffen, sondern erkannt. Das Schöpferische aber vollzieht sich außerhalb der Erkenntnis, in blindem Wirken und auch das nur unter der Bedingung, dass dieses Wirken keinen Beeinflussungen durch die äußeren Verhältnisse ausgesetzt ist. Die Erkenntnis ist ein Vorgang, bei dem Unbekanntes oder Gegenstandsloses in erkennbare Gegenstände vewandelt wird, indem es in einen Gegenstand der Erkenntnis verwandelt worden ist.

Forschungen bauen sich ausschließlich auf Voraussetzungen und Annahmen über das Unbekannte auf. Unterscheidungsmerkmale werden durch Beobachtung und Experiment festgelegt. Das Ergebnis wird aber meiner Ansicht nach noch kein gültiger Beweis sein, dass sich der gesuchte Gegenstand dem Forscher voll offenbart hat. Es wird nur eine Annahme sein, die nur soweit bewiesen sein wird, als sich der Gegenstand im physikalischen Experiment erkennen ließ.
Wenn alles aber nur Annahme ist, so scheidet auch hier das schöpferische Element aus, zum mindesten ist es dann nicht echt. Es kann nichts Echtes geben, das nur eine Vorstellung von der Idee des Unbekannten ist. Auf solchen 'Ideen' ist das ganze praktisch-gegenständliche Leben aufgebaut. Sein entgegengesetzter Pol ist die Kunst. Das Leben aber will beide Pole in einer einheitlichen gegenständlichen Idee vereinigen.

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   Aus dem Gesagten wird klar, dass man auf den drei Wegen nicht zu einem einheitlichen schöpferischen Ganzen gelangen kann. Durch den uneingeschränkt herrschenden Utilitarismus des Staates wird aber die 'Einheit' der drei Wege bis auf den heutigen Tag als ein künstliches Gebilde aufrecht erhalten. Die gewaltsame Verschmelzung des religiösen Geistes, der Materie und der Kunst (als Schönheit) kann man nur als eine vorübergehendes Maßnahme betrachten, um die Entwicklung des Lebens zum rein-materialistischen, praktischen Futtertrog-Realismus zu sichern.
Diese Maßnahme wird vielleicht zuerst zur Vernichtung des religiösen Geistes führen, obwohl auch dieser sich auf ein gegenständliches Heil stützt. Und wie die materialistische Form des Kommunismus den Einfluß der praktischen Gegenständlichkeit im religiösen Bereich verstärkt, so wird sich auch die Kunst nach und nach abschaffen, da die ästhetischen Gesetze den Gesetzen der Wirtschaft weichen müssen. In historisch kürzester Zeit soll alles, was das Leben der Dinge bestimmt, auf einen ausschließlich praktisch-gegenständlichen Weg des reinen Materialismus gezwungen werden. Man glaubt, dass auf diese Weise nationale und wirtschaftliche Kriege abgeschafft werden könnten. Aber zwischen Geist, Materie und Kunst werden dann neue Kriege entbren-nen. Sie werden sich von der Diktatur des rein utilitaristischen Staates befreien und werden das Einigende aller drei Wege erkennen. Dann wird die Welterkenntnis kommen, die Welt wird als Gegenstandslosig-keit erkannt werden. Dann wird das gegenstandslose Bewußtsein sich gegen das gegenständlich-praktische Bewußtsein erheben.
Heute aber ist die Lehre vom praktischen Futtertrog-Realismus noch die stärkste Lehre, die bis in die religiöse, wissenschaftliche und künstlerische Sphäre hineinwirkt. So kann man zum Beispiel die Religion keineswegs als eine gegenstandslose geistige Lehre be-trachten. Sie ist in ihren Gesten, Riten und Wirkungsmitteln durchaus wirtschaftlich. Sie verwendet den Geist mehr als bewegende Kraft auf dem Weg zum praktischen Heil in Gott.
Die Wissenschaft verwendet neben den geistigen Kräften auch andere, wichtige Teilkräfte, die für die Lösung physikalischer Probleme wichtig sind, um auf dem Weg zum Heil, zur Erkenntnis des technisch-praktischen Realismus, zu gelangen.
Auch die Kunst (im landläufigen Sinne) nutzt die Kraft des Geistes, um durch sie zur 'Schönheit' zu gelangen, sich des Gegenstandes, als ihres wichtigsten Inhalts, des Quelles ihres Lebens, zu bemächtigen. Diese Kunst wird vom Geist des sie umgebenden Lebens beseelt, während sie wiederum das sie umgebende Leben vergeistigt.

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  Für die Religion ist der Quell ihres Lebens Gott als kommendes vollkommenes Heil. Das materielle Futtertrog-Heil liegt im Praktischen, vollkommenen Gegenstand. Aber beide gründen auf dem gegenständ-lichen Heil, das die unerschütterliche Grundlage ihrer 'Wahrheit' ist.
Nur die Kunst weist gewisse Anzeichen von Gegenstandslosigkeit auf. Aus diesem Grunde wird sie auch von den 'Realisten' skeptisch betrachtet. Man hält sie für unbedeutend und ideenlos. Trotzdem gibt man ihr aber Gelegenheit, Ideengehalte darzustellen, als wenn die Kunst nur daraus ihre Lebensberechtigung bezöge.

Für mich aber sind die Anzeichen der Gegenstandslosigkeit Anzeichen des Beginnes einer neuen Epoche in der Kunst. In diesen Anzeichen offenbart sich ihre wahre Bedeutung, ihre wirkliche Wahrheit, die vom gegenstandsbefangenen Verstand nur falsch gedeutet wird. Vielleicht wird in der Zukunft die Wahrheit der gegenstandslosen Kunst die gegenständliche 'Wirklichkeit' als Trugbild entlarven, wird zeigen, daß diese nichts weiter ist als Theaterkulisse, als Fiktion.
Die Entwicklung der Religion, der Wissenschaft und der Kunst und alle sich daraus ergebenden technischen Vervollkommnungen des Lebens bestehen in der Überwindung früherer Unzulänglichkeiten, wobei ver-sucht wird, durch Erfahrungen die früheren Unzulänglichkeiten zu verbessern. Es handelt sich immer um Flickwerk, wobei neue Versuche und neue Erfahrungen jene Flicken liefern, die die früheren Unzulänglichkeiten verdecken sollen. Der Kern der Sache liegt in der Voraussicht. Da man nicht alles voraussehen kann, — was durch die Geschichte der menschlichen Entwicklung hinlänglich bewiesen ist, — so bedeutet die Beschäftigung mit immer neuen Versuchen dieser Art nichts weiter als Spielerei. Man spielt 'Unzulänglichkeit'. Auf allen drei Wegen ist man ganz ernsthaft in dieses Spiel vertieft. Auch die Kirche macht hierin keine Ausnahme. Auch sie gründet auf Unzulänglichkeiten, die sie durch neue Systeme zu verbessern sucht, um den Menschen zum Heil führen zu können.

Die Kunst baut zwar ihre Experimente auf vergangenen Erfahrungen auf, jedoch geht sie den entgegengestezten Weg: Sie hält die Experimente der Vergangenheit für vollkommen und alle neuen für unvollkommen. Der gleichen Meinung ist auch der Durchschnitt der Menschen. Die Kunst im landläufigen Sinne behauptet, dass alle Schönheit in der Vergangenheit liege, in der Gegenwart gäbe es sie nicht. Aber auch hier beweist der Ablauf der Geschichte, dass die Kunst der 'Gegenwart', sobald sie 'Vergangenheit' wird, für vollkommen erklärt wird, wodurch die Zeitgenossen, die diese Kunst früher für unvollkommen hielten, ihre eigene Unzulänglichkeit bewiesen haben.

Wie schon gesagt, soll nach Ansicht der Allgemeinheit das Ziel der Kunst die Schönheit sein, das Ziel der Wissenschaft die Erkenntnis der Welt-Ursachen, das Ziel der Religion der wahre Gott.
Alle diese Zielsetzungen entspringen einer eigenartigen menschlichen Fähigkeit, Dinge zu sehen, die es gar nicht gibt, sich Ziele zu setzen, die der Mensch nachgewiesenermaßen nie erreichen kann, Ursachen zu erkennen, die gar nicht bestehen, und sich an Schönheit zu begeistern, die gar nicht da ist. Alle Menschen und alle 'Künstler' sind entzückt von der 'Schönheit der Natur', die Wissenschaft von der 'Weisheit der Natur', die Wirtschaftler von ihrer 'Produktivität', und selbst in der Religion »lobt alles Leben Gott!« Ist denn die Natur nach Grundsätzen der Schönheit, Weisheit und Produktivität aufgebaut?
Wir begeistern uns zwar an der Schönheit der Hügel, der Flüsse, der Sonnenuntergänge, des Frühlings und des kupfergoldenen Herbstes. Sind deshalb aber alle Naturerscheinungen nach den Gesetzen der Schönheit aufgebaut? Geht etwa die Sonne aus Schönheitsgründen unter? Färbt sie die Ränder der Wolken aus einer künstlerischen Veranlagung? Sind Hügel, Täler, Schluchten, die den Menschen entzücken, nicht eher die Folge von Katastrophen, von Gewichtsverlagerungen, als von Gesetzen der Schönheit? Dieses Gesetz ist doch noch nicht einmal im Werk des Künstlers zu finden, da er auch nur das Gegebene neu ordnet. Wo sollte der Künstler die Schönheit hernehmen, in die er sein Werk kleiden könnte, wenn alle Elemente, mit denen er operiert, Naturgesetzen unterworfen sind und der Künstler sie nach ihren Zusammensetzungs- und Gewichts-Verschiedenheiten nur neu ordnet. Ebenso gibt es in der Natur auch jene Weisheit nicht und jene letzten Ursachen, die der Mensch um jeden Preis kennen will.
Wenn es eine Wahrheit gibt, so nur in der Gegenstandslosigkeit, im Nichts!

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   Man sagt:»Das Bild ist aufgebaut«, »Die Rede ist aufgebaut«, »das Haus ist aufgebaut«. Wir beginnen zu untersuchen, was aufgebaut ist, und was nicht. Wir versuchen den unversieglichen Weisheitsquell der Natur zu erforschen, aus dem die Wissenschaft ihr Weisheit schöpft und dafür sorgt, dass wir nicht dumm bleiben und einiges verstehen. Wir versuchen festzustellen, ob es im gesamten vorstellbaren und nicht vorstellbaren Sein eine Ordnung gibt, und müssen erkennen, dass uns jede Möglichkeit fehlt, auf diesem Gebiet irgendetwas endgültiges festzustellen. Der Mensch hat aber etwas gar nicht so Dummes erfunden: Die Bedingtheit und die Relativität. Und gerade die Relativität beweist, dass es nichts 'Aufgebautes', nichts 'Geordnetes' gibt, wie auch nichts Chaotisches. Es gibt nichts, was sich ordnen ließe oder was chaotisch bleiben könnte. Daraus kann man schließen, dass unser gesamtes Leben auf 'Gesetzmäßigkeiten' ruht, die nichts weiter sind als leere Annahmen (Bedingtheiten) und deren Relativität. Darin ist nicht einmal eine Theaterkulisse mehr zu erkennen, — nicht einmal die!
Der ganze praktisch-gegenständliche Realismus entwickelt eine Wissenschaft und erfindet sinnreiche Geräte, um Messungen an Annahmen, nicht aber an der Wirklichkeit, vorzunehmen.
Trotz dieser hoffnungslosen Lage besteht aber die Natur, es bestehen die Dinge, es besteht eine Ordnung der Verbindung von Elementen. Das alles besteht aber außerhalb unseres Wissensbereiches, unseres Empfindens, unseres Fühlens. Was 'wirklich besteht', können wir nicht erkennen. Die wissenschaftliche Einordnung der Welt in einzelne Fächerchen beschränkt sich auf vereinbarte Zeichen, wie etwa H2O oder HO3. Die Wissenschaft gibt also nur einen Katalog vereinbarter Zeichen, aber nicht die Wirklichkeit selbst, obwohl über den Eingängen zu wissenschaftlichen Instituten groß das Wort W i s s e n prangt.
Das 'Wissen' ist die Grundlage aller Wissenschaft. Wissen bedeutet die Wahrheit, die Wirklichkeit zu sehen. Ohne Wissen kann man keinen Schritt tun. Wissen ist die unausweichliche Forderung des gegenstandsbefangenen Denkens. Ohne Wissen lassen sich keine praktischen Gegenstände herstellen. So ist also in der gegenständlichen Kultur das Wissen das einzige Fundament der 'Wirklichkeit'. Auf diesem Fundament beruht unser ganzes bewußtes Leben.
Ein reichlich unsicheres Fundament, denn das 'Wissen' widerlegt ständig das, was in der Vergangeneheit für Wissen gehalten wurde. Folglich können Wissenschaft und Wissen nicht die Mittel sein, mit deren Hilfe man die absolute Wahrheit, die absolute Wirklichkeit feststellen könnte. Wie kann man aber etwas aufbauen, wenn die Realität des Fundamentes fehlt?!
Die Wissenschaft und die Durchschnittsmenschheit behaupten, dass ein Mensch ohne Wissen zu nichts tauge. Dabei merken sie nicht, dass das ganze geforderte Wissen auch nicht viel taugt. Wissenschaft ist doch nichts anderes als ein ewiger Meinungsstreit über die Wahrheit. Es ist ein Streit um Erfahrungen, Begründungen und Beweise, die sich vielfach gegenseitig widersprechen oder ausschließen, in keinem Falle aber eine Sicherheit dafür geben, dass sie unwiderlegbar oder unerschütterlich sind. Wenn aber die Wirtschaft nicht in der Lage ist, sich für die ewige Unwandelbarkeit ihrer Beweise zu verbürgen, so beweist sie damit nur die Gegenstandslosigkeit der Natur, die außerhalb jeder Erkenntnismöglichkeit, jeden Wissens steht. Die Natur scheint mir vielmehr dem entgegengesetzten Grundsatz zu folgen: Nicht wissen, sondern wirken! Daraus könnte man folgern, dass man wirken kann, ohne zu wissen. Wissen kann es nur dort geben, wo die Natur erkannt ist. Da wir aber die Natur nicht erkennen können, so gibt es auch kein 'Wissen'.
Für die Allgemeinheit gilt als reale 'Wahrheit' einfach das Wahrnehmbare. Für die Wissenschaft gibt es diese Realität nicht ohne weiteres, jedoch auch sie ist bei ihren Forschungen auf das Wahrnehmbare angewiesen.
Für den Maler bedeutet Realität etwas ganz anderes als für die Wissenschaft und die Allgemeinheit. Für diese beiden liegt Realität im Lebendigen. Für den Maler liegt der Fall umgekehrt: Für ihn ist die lebendige Realität nicht in der Natur, sondern auf seiner Bildfläche, das heißt, sobald das Darzustellende alle wirkliche Natur verloren hat, — Gewicht, Beweglichkeit, Zeit, Raum.
Die Allgemeinheit hält aber solche Darstellungen des Künstlers für real. Möglich, dass sie eine andere Realität als die des dargestellten Gegenstandes meint. Vielleicht gar meint sie die künstlerische Gestaltung, die die eigentliche Realität des Künstlers ist. Solche Auffassungen sind selten. Aber auch in diesen seltenen Fällen erkennt die Allgemeinheit das Künstlerische nur in Verbindung mit dem dargestellten Inhalt.Außerhalb der gegenständlichen gestaltung vermag sie nichts Künstlerisches mehr zu erkennen. Daraus ersehen wir, dass es eine einheitliche Vorstellung von der Realität der Natur nicht gibt. Der Künstler hat eine, der Ingenieur eine andere, der Wissenschaftler eine dritte und der Geistliche eine vierte usw. Eine objektive Gliederung der Naturelemente ist nur in ganz groben Zügen möglich: 'Wasser', 'Erde', 'Ahorn', 'Eiche'. Würde man die Natur als ein ungeteiltes und unteilbares Ganzes objektiv erfassen können, so gäbe es keine Möglichkeit, das Leben auf der Vielfalt ihrer Teile und Strömungen aufzubauen. Nur durch die subjektive Einteilung der Natur konnte die Allgemeinheit ihr durch gemeinsame Interessen verbundenes, gegenständliches Leben aufbauen.
Es ist möglich, dass Subjektivität wie Objektivität gleichermaßen schuld sind an der Differenzierung der als Einheit erkannten Natur, die weder Objektivität noch Subjektivität kennt. Mit der Differenzierung hat sich die Alggemeinheit die Möglichkeit verbaut, die Natur in ihrer Einheit zu erfassen, dass heißt als etwas einheitliches ohne jede Differenzierung zugunsten der Interessen einzelner. Übrigens scheint mitr kaum ein Unterschied zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven zu bestehen, da ja jede objektive Erkenntnis möglicherweise nur die Summe vieler subjektiver Erkenntnisse ist, die, wie jede Summe, wieder in ihre Bestandteile zerfallen kann, sobald eine neue subjektive Erkenntnis hinzukommt, die die Objektivität einer bereits geformten Vorstellung von der Realität eines Objektes in frage stellt.
Die Kunst beginnt heute sich vom gegenständlich-praktischen Realismus zu trennen und sich der Gegenstandslosigkeit zuzuwenden. Damit erreicht sie jene Grenze, an der Kunst aufhört, im landläufigen Sinne Kunst zu sein. Das Wesen der Kunst wird in eine andere Ebene gehoben. Dieser Übergang in eine andere Ebene führt zur Zerstörung der gegenständlichen Scheinbarkeit, bis zu deren völliger Ausschaltung. Für die bildnerische Aussage hat der Gegenstand eigentlich nie eine entscheidende Rolle gespielt und wurde nur durch den Futtertrog-Realismus, man kann sagen, die Futtertrog-Diktatur, in den Vordergrund geschoben.
Die Entthronung der praktisch-'realen' Gegenstände durch die 'Neue Kunst' im 20. Jahrhundert gab der Allgemeinheit Anlaß, diese Kunst der Zersetzung des praktischen Geistes und damit der Kunst selbst anzuklagen. Die Ankläger täuschen sich aber sehr: Die Zerstzung der gegenständlichen Welt bedeutet noch lange nicht die Zersetzung der Kunst oder die Zerstörung des Geistes der Kunst. Im Gegenteil, sie setzt den Geist der Kunst erst wieder in seine Rechte ein, hebt ihn in die gegenstandslose Wahrheit, in eine neue Wirklichkeit des Seins.
Wenn der Geist des freien Wirkens versucht, aus den Grenzen des Gegenstandes herauszutreten, so verläßt er die Form der gegenständlich-praktischen Natur und offenbart die Gegenstandslosigkeit als das von der Katastrophe der festgeprägten Formen, der Arten, des Bewußtseins, der Kultur der Vollkommenheiten befreite Nichts.
Die praktisch-gegenständliche Kultur ist ständig von Katastrophen bedroht. Die Natur kennt diese Katastrophen nicht. Ob nun der Erdball zerfällt, ob die Sonne erlischt, für die Natur als solche ändert sich nichts. Ob glänzend, ob leuchtend, ob heiß, ob kalt, od dunkel oder grau, immer bleibt sie die Natur. Für sie gibt es keine Katastrophen, weil es in ihr keinen praktischen Realismus gibt, keinen Gegenstand, keine Organisation, keine Form, nichts, was in die Brüche gehen könnte. In ihr ist nichts, was im gegenständlich praktischen Realismus des Menschen ist, der glaubt, die Natur nach seinen Vorstellungen realisieren zu können. Er glaubt, das Gesetz finden zu können, nach dem sich das Wirken der Natur vollzieht, und sucht nun dieses in allen Erscheinungen und deren vermeintlichen Ursachen. Er konstruiert und organisiert, mit dem Ziel, ein praktisches System zu finden, das das Wirken der Natur erklärt.
Die gegenstandslose Natur aber kennt kein Ziel und kennt, trotz der scheinbaren Ordnung, kein praktisch konstruiertes System. Die Gegenstandslosigkeit ist Ziellos. Damit wird auch der grundlegende Unterschied klar zwischen dem praktisch-gegenständlichen Realismus und dem gegenstandslosen Suprematismus: Was der eine ständig von Katastrophen bedroht wähnt, ist für den anderen die Ordnung elementarer Erregungen.

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  Der Mensch hat, ob bewußt oder unbewußt, die schwerste aller Arbeiten auf sich genommen: Die Naturgewalten zu erkennen und zu organisieren. Durch Beherrschung der Naturgewalten will er seine Kultur vor Katastrophen bewahren, das heißt, er will sich gegen elementare Erregungen schützen. Darum besteht seine ganze Kultur aus mancherlei Dingen und Geräten, mit denen er mögliche schädigende Wirkungen der Naturgewalten abwehren will. Es entstehen alle möglichen Erfindungen, gegenständlich praktischer Ordnung zur Fesselung und Nutzbarmachung der Naturgewalten. Die gegenständlich-praktische Kultur organisiert, fesselt, macht nutzbar oder unschädlich. Naturgewalten werden zum Kampf gegen Naturgewalten organisiert. Der Größenwahn treibt den Menschen wie einen Irren in den Kampf mit den Naturgewalten. Er will alle Naturgewalten nach seinem Bilde umformen, will selbst zur allgewaltigen Natur werden.
Das aber heißt, dass der Mensch durch Organisation, Konstruktion, Gesetze das anstrebt, was er eigentlich überwinden wollte: Desorganisation, Gesetzlosigkeit, mit einem Wort — die Gegen-standslosigkeit. Er kann aber andererseits nicht auf Gesetze verzichten. Er sieht in ihnen eine übergeordnete Kraft. Das Gesetz ist für den praktischen Realismus eine konstruktive Kraft, ein System, durch das allein er das besiegen zu können glaubt, was außerhalb seiner Gesetze steht. Seine Gesetze hat der Mensch in der Natur gefunden und will mit diesen Gesetzen die Natur besiegen, indem er sie nach den Grundsätzen seines praktischen Realismus organisiert. In der so organisierten Natur findet er dann natürlich Schwaches und Starkes, Herrscher und Beherrschte — Tatsachen, die es in der Natur gar nicht gibt. Auf diesen falschen Voraussetzungen baut er sein Reich der Vorgesetzten und Untergebenen, der Starken und der Schwachen auf.
Im Grunde genommen gibt es aber nicht nur in der Natur, sondern auch im menschlichen Bereich weder groß noch klein. Besteht denn etwa der Staat aus Großen und Kleinen? Ist es nicht die Masse des Volkes, die den Staat bildet, wie in jedem Gebäude alle Elemente von gleicher Wichtikeit sind?
Genau wissend, dass es weder groß noch klein gibt, hat der Mensch dennoch in seinem Bewußtsein Unterscheidungen geschaffen, hat alles ungleich verteilt, wodurch der Grund für alle Katastrophen gelegt wurde.
Das Bewußtsein nun, das die Vorstellung von groß und klein stark und schwach in sich aufnimmt, erzeugt den Machtwahn, — Menschen, die an sich keine Unterschiede kannten, geraten plötzlich in Knechtschaft, ohne zu erkennen, wodurch eine solche Ungleichheit entstand. Diese Ungleichheit hat ihren Grund in der ungleichen Verteilung des Gewichtes: Der eine erlangt größeres Gewicht, mit dem er auf jenen drücken kann, dem dieses Gewicht genommen wurde.
Die Durchschnittsmenschen bewerten sich gegenseitig nach dem gewichtsmäßigen Vorrang und erkennen nicht, dass bei einer anderen Gewichtsverteilung es gar keine Unterschiede geben würde, sondern nur eine eingeschränkte Gleichheit. Wenn es aber keine Unterschiede, wenn es weder groß noch klein gibt, so muß es doch eine goldene Gleichheit, eine goldene Null geben oder richtiger: die Gegenstandslosigkeit.

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  Um die Zerstörung der Gleichheit zu fördern, sind Tressen und Rangabzeichen geschaffen worden.
Auf Unterschieden baut sich aber nicht nur der Staat auf, sondern auch die Kirche. Beide kennen sie keine gegenstandslose Gleichheit und sind darum beide Katastrophen ausgesetzt. Das Kräfteverhältnis zwischen Groß und Klein, zwischen Stark und Schwach, ist schwan-kend. Manchmal geschieht es, dass die Kleinen, die Unterdrückten, vom Gesetz Verfolgten, sich erheben und die Großen überwältigen. Dann tritt eine politische oder irgendeine andere Katastrophe ein. Staat und Kirche haben ihre gefährdete Lage erkannt, und da sie sich nicht anders zu helfen wissen, haben sie Gesetze erlassen, die eine streng gegliederte Rangordnung festlegen. Was bedeuten denn aber all diese Gesetze und Befehle? Doch nichts anderes als den Versuch, durch Befehl oder durch Dekret einen Teil der Menschheit zu ent-rechten, ihm sein Gewicht zu nehmen, um dieses auf einer Waagschale zu konzentrieren, anstatt es sinngemäß auf beiden Waagschalen zu verteilen. Die sinnvolle, gleichmäßige Verteilung der Gewichte würde alle Unterschiede und Vorrechte beseitigen; die gegenstandslose Gleichheit würde erreicht, die, ähnlich wie in der Kunst, auch im Sozialismus möglich wäre.
Das Machtstreben des Menschen ist ein in sich völlig unlogisches Streben: Machtkonzentration einerseits, Versklavung andererseits und alles im Namen des praktischen Realismus, der seinerseits zu der einen, gegenstandslosen, gleichen Gewichtsverteilung hinführt. (Für eine gesonderte Abhandlung ›Das mißverstandene Wesen der Macht‹)
In der Entfaltung der Macht sieht der Mensch seine Kultur. Je stärker der Staat, um so höher erscheint der Allgemeinheit seine Kultur. So streben denn alle nach Vermehrung der Macht, das heißt, dass alle gleichzeitig gleich stark sein wollen. Gleiche Kräfte aber heben sich gegenseitig auf, werden gegenstandslos.
Kirche und Staat wollen durch ihre Ordnungen die gegenstandslose Gleichheit erreichen, die Kirche, indem sie alle Religionen in einer Religion vereinigen will, der Staat, indem er alle Staaten unter sein Gesetz zwingen will.
Derartige Versuche haben aber bisher noch nie zum Erfolg geführt. Sie werden auch in Zukunft nicht zum Erfolg führen, weil in jedem der Glaube an die Macht und den Vorrang gerade seiner Gesetze lebt und jeder stark sein möchte.
Wenn aber die Saat der Gegenstandslosigkeit aufgehen wird, das heißt, wenn alle Kräfte aus der Sklaverei der Gesetze entlassen, wenn die Gesetze abgeschafft sein werden, dann wird auch die widernatürliche Unterscheidung — ob nun durch einen Heiligenschein auf dem Kopf oder durch einen Stern auf der Brust — verschwinden, dann wird die gegenstandslose Ordnung ganz von allein eintreten.
In der Natur gibt es keine zweckgebundenen Kräftekonzentrationen. Vielleicht würde, wenn es diese gäbe, auch die Natur von Katastrophen bedroht sein. Aber in ihr gibt es keine Katastrophen, sondern nur Umgruppierungen gegenstandsloser Gleichheiten, die sich niemals gegenseitg vernichten.
Übrigens vollzieht sich eine solche Umgruppierung von Gleichheiten auch in der menschlichen Technik, wenn sie irgend etwas baut. In keinem technischen Bau gibt es Rangunterschiede der einzelnen Bauelemente, auch sie gruppieren sich in ihrem inneren Zusammenhang in gegenstandsloser Gleichheit um. Und nur äußerlich sind Unterscheidungsmerkmale festzustellen. So wird zum Beispiel unterschieden: Vorderfront und Hinterfront und so weiter. Dieses ist aber meiner Ansicht nach nur auf die Unzulänglichkeit der menschlichen Lebensordnung und auf die Unzulänglichkeit der Architekten, Ingenieure, Künstler und so weiter zurückzuführen, die diese Unterschiede schaffen. Der gegenstandslosen Gleichheit kommt vielleich der Ingenieur bei der Konstruktion einer Maschine am nächsten: Bei der Maschine gibt es weder äußerlich noch innerlich wichtige oder unwichtige Teile. Sie funtioniert nur, wenn alle Teile funtionieren. Darin könnte man Merkmale der gegenstandslosen Gleichheit erblicken, die in der weißen Gegenstandslosigkeit des Suprematismus uneingeschränkt zum Ausdruck kommt. Staat und Kirche sind bemüht, den Zustand der Gleichheit zu erlangen. Der eine hier auf Erden, die andere im Himmel. Aber selbst hier bleibt es noch fraglich, ob die Vorgesetzten der religiösen Handlungen nicht auch im Himmel gewisse Vorrechte genießen und zum Unterschied von den gewöhnlichen Sterblichen Heiligenscheinchen und Sternchen am Kopf tragen werden, ganz wie auf der Erde, wo auch der praktisch-realistische Staat durch Rangabzeichen, Ordensbänder und andere Auszeichnungen Einzelpersonen aus der Masse heraushebt. Folglich stellen beide eine Ordnung der Ungleichheit dar, und das scheinbare Gleichgewicht kann bei jeder Gelegenheit gestört werden. Vielleicht liegt der ganze Sinn der Schöpfung und der Unterschied zwischen ihr und dem Menschen darin, dass die innere Verkettung (Verflechtung) des Alls auf gegenstandsloser Gleichheit aufgebaut ist, kein Gewicht, keine Kraft, keine Unterschiede als Vorrecht kennt, und darum frei von Katastrophen ist.
Die Vollkommenheit oder Kultur des Menschen wird dann verwirklicht sein, wenn die Vorstellung von Gewicht als Macht aus seinem Bewußtsein verschwindet. Denn in der Vollkommenheit kann es kein Gewicht als Macht geben, sondern nur die gegenstandslose Gleichheit.
Die Natur kennt weder den Begriff der Vollkommenheit, noch den der Kultur oder Macht, denn sie ist gegenstandslos. Wir aber glauben, in ihr Macht und Gewicht erkenne zu müssen, und erzeugen so aus der gegenstands- und gewichtslosen Gleichheit scheinbare Einzelerscheinungen, die sowohl Gewicht als auch Kraft erhalten.
Hieraus ist der Schluß möglich, dass man Gewicht oder Kraft nur dann erkennen kann, wenn man die Gleichheit zerstört oder die Ausgewogenheit stört. Nur durch Zerstörung kann Gewicht und Kraft erkannt werden. Da der Mensch das All in seiner Gesamtheit aber nicht zerstören kann, kann er es auch nicht erkennen, seine Erkenntnisse werden immer nur Meinungen bleiben. Diese Meinungen versucht er, in sein Leben einzubauen, bzw. sein Leben nach diesen Meinungen auszurichten.
Die Ursache des Unterganges von Staaten und Religionen und ihrer praktischen Konstruktionen ist die vollkommene Konzentration von Gewicht und Macht. Diese führt auch zum Untergang der gesamten Menschheit, die sich an der Konzentration der Macht beteiligt hat. Ihr Gewicht und ihre Macht können zusammenbrechen und die ganze Menschheit unter sich begraben. Dass dieser Fall noch nicht eingetreten ist und die Menschheit immer noch existiert, liegt daran, dass der Zusammenbruch von staatlichen und religiösen Organisationen bisher noch immer nicht überall gleichzeitig eingetreten ist. Wir brauchen, wenn wir nicht untergehen wollen, Systeme, die Macht und Gewicht zertrümmern, sie verteilen und sie dadurch unschädlich machen. Staaten und Religionen werden verschwinden, sobald die gegenstandslose Gleichheit erreicht sein wird.
Vor der Wissenschaft steht die Welt als gegenstandslose Gleichheit, die sie erkennen will. Für die Wissenschaft gibt es keine Wertunter-schiede in den zu erkennenden Objekten. Die Wertunterschiede ergeben sich erst durch die menschliche praktische und ästhetische Ordnung, woraus zu schließen ist, dass diese Ordnung unvollkommen ist. In der gegenstandslosen Gleichheit verschwinden diese Wertunterschiede, wie sie auch vor der Wissenschaft verschwinden, für die alles gleichwertig ist, deren Forschungsergebnisse aber in die praktische Ordnung wirtschaftlicher und ästhetischer Wertbestimmungen hineingezogen werden.
Auch vor der Kunst, insbesondere der Malerei, steht die Welt als gegenstandslose Gleichheit. Nur ist das Wesen der Kunst gespalten: Ein Teil geht den Weg des praktischen Realismus, steht im Dienst von Staat und Religion, der andere Teil hat den Weg des gegenstands-losen Schaffens erwählt. Der erste Teil ist bei den gegenständlichen Wertunterschieden des praktischen Realismus stehengeblieben, der andere ist auf den gegenstandslosen Weg des weißen Suprematismus hinausgetreten und ist damit zum eigentlichen Wesen der Kunst vorgestoßen. Ich glaube, dass dieser Vorstoß der Kunst auch die übrige menschliche Gesellschaft zu der Erkenntnis führen wird, dass auch ihr eigentliches Wesen die weiße gegenstandslose Gleichheit ist.

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  Der Suprematismus, als gegenstandslose, weiße Gleichheit, ist meiner Ansicht nach das Ziel, auf das alle Bemühungen des praktischen Realismus gerichtet sein müssten, denn in ihm liegt das Wesentliche, das der Mensch sucht.
Die gegenstandslose Gleichheit darf man aber nicht mit 'Gleichgewicht' gleichsetzen. Das Gleichgewicht setzt immer einen gegenständlichen Zustand voraus, der niemals vollkommen und endgültig sein kann, da in ihm immer die Möglichkeit einer Überraschung liegt und damit die Erwartung einer Katastrophe.
In der gegenstandslosen Gleichheit wird nichts weiter erwartet, in ihr ist nichts, was ins Gleichgewicht gebracht werden könnte.
Der Mensch erwartet bewußt die Katastrophe seines Endes, den Tod. Sein Bewutsein ist aber gleichzeitig unsterblich und ewig, vereinigt in einem Ort, der Gott genannt wird. Gott allein ist unsterblich und ewig und trägt daher die Merkmale der gegenstandslosen Wesenheit, die keinerlei Katastrophen ausgesetzt ist. Von Katastrophen bedroht ist also nur das, was stirbt. Es stirbt der Verstand, die Vernunft, es stirbt der Gegenstand und seine ganze gegenständliche Welt. Es sterben Raum und Zeit und das, was man Materie nennt, es sterben Namen und Begriffsbestimmungen. Alles das ist aber nicht in Gott, darum ist er ewig, darum ist er unsterblich.
Die Gegenstandslosigkeit darf auch nicht mit 'Unendlichkeit' gleichgesetzt werden, weil mit diesem Begriff auch die Vorstellung von etwas 'Endlichem' verbunden ist. 'Endliches' als Gegensatz zum 'Unendlichen'. Die Gegenstandslosigkeit kennt keine Dimensionen. Verteilt der Mensch in ihr trotzdem Unterscheidungsmerkmale auf Zeit und Raum, so muß es zur Katastrophe kommen, weil die Menschheit sich auf ihr Bewußtsein stützt, das überall Katastrophen wittert und den Menschen in ewiger Unruhe und Angst vor der Katastrophe hält.
Die Wissenschaft kennt diese Angst nicht, sie braucht keine Katastrophen zu erwarten, denn sie hat erkannt, dass der Ur-Stoff, mit anderen Worten die Gegenstandslosigkeit, niemals verschwinden kann, welche Umstände auch eintreten mögen, weil der Ur-Stoff unveränderlich und unvergänglich ist in seiner echten Unsterblichkeit. Auch der Mensch bleibt in seinem Ur-Stoff außerhalb von Katastrophen und Tod. Alle seine Unterscheidungsmerkmale gegenüber anderen Menschen (seinen Mitmenschen) sind nur Schein, sind gegenstandslos, da doch alle aus dem gleichen Grundstoff bestehen. Verschwinden, untergehen, sterben kann also immer nur der Schein, niemals der Stoff selbst, der unveränderlich ist in seiner gegenstandslosen Gleichheit.
Die gesamte, von uns wahrgenommene Natur befindet sich in gegenstandslosem Zustand. Nur unsere Vorstellung, die vom praktischen gegenstandsbefangenen Realismus bestimmt wird, unterschrieb ihr Differenzierungen, die in drei große Gruppen, entsprechend den drei Wegen, zusammengefaßt werden können: Religion, Wissenschaft, Kunst. Durch diese Einteilung wurde aus dem 'Nichts' ein 'Etwas'. Bei der Begründung meiner These von der Gegenstandslosigkeit will ich alle drei Wege erforschen, um die bestimmenden Wesenszüge der Kunst der letzten Jahre aufzuzeigen. Die Geschichte der Entwicklung der Kunst zeigt eindeutig, dass diese sich ausschließlich unter dem Zeichen des praktisch-gegenständlichen Realismus vollzog nach künstlerischen, ästhetischen und ethischen Grundsätzen. Die Maler-Ästheten selbst entwickelten die Kunst nicht, im Gegenteil, sie hemmten ihre Entwicklung, weil sie sich mit Ästhetik, Moral und der künstlerischen Seite des Lebens beschäftigten und nicht mit dem Leben der Malerei. Sie beachteten die Tatsache nicht, dass das Wesen der Malerei nichts mit den bedürfnissen des praktischen Lebens zu tun hat, wie auch nichts mit Ästhetik oder Ethik. Das wahre Wesen der Kunst ist das gegenstandslose Wirken, das die Begriffe Ästhetik und Ethik nicht kennt. Der Mensch kann gar nicht wissen, was für die Natur 'künstlerisch', 'ästhetisch' oder 'ethisch' ist. Alle diese Begriffe gibt es in der Natur nicht, es sind rein menschliche Begriffe, die keineswegs Gesetze für alle und alles sein können. Aus diesen vom Menschen geschaffenen Begriffen wurde auch der Begriff des 'Künstlers' geboren. So wurden diese Begriffe denn zum Inhalt der Kunst, und der Künstler wurde zum Darsteller der gegenständlich praktischen Bereiche des Lebens. Dieses Leben aber hat in ihm einen Magier oder Flickenschneider gefunden, der mit seiner Kunst die Blößen und Unzulänglichkeiten zu verdecken hat.

Die Gesellschaft hat sich die Vorstellung angeeignet, dass ihr Verhalten, ob moralisch oder unmoralisch, durch die Kunst verschönt, ja sogar zum Kunstwerk erhoben werden kann.
Der Künstler wurde zum Webmeister wundertätiger Meßgewänder, durch die jeder Lebensinhalt, welcher Art immer er auch sein mochte, verherrlicht werden konnte. Nachdem die Kunst ihr gegenstandsloses Wesen der Herrschaft der Ästhetik, Ethik und Schönheit ausgeliefert hatte, fand sich auch ein passender Rahmen für sie: Die Akademie der schönen Künste! In diesem festlichen Rahmen ist alles das eingeschlossen, was keinerlei Wirklichkeit in sich hat, außer der Tatsäch-lichkeit leerer, nichtssagender Konventionen.
Die Gesellschaft hofft, dass die Kunst mit ihrer Ästhetik und Sittlichkeit sie und ihren Staat reinwaschen kann. Ist diese Hoffnung begründet? Ich glaube nicht, denn im wahren Kunstwerk werden Gesellschaft und Staat in ihrer ganzen Nacktheit dargestellt. Ich glaube auch nicht, dass etwas, das reinigungsbedürftig ist, durch irgendwelche Umrahmungen, sei es aus Gold oder Holz, gereinigt werden kann. Man kann das Unreine durch keinerlei Künste in Reines verwandeln.
Die Natur ist unsere Lehrmeisterin, aber eine Lehrmeisterin, deren Lehren, Experimente und Erfahrungen nicht ohne weiteres von den Schülern verstanden werden. Darum entstehen verschiedene Meinungen, verschiedene Auslegungen der Erfahrungen, über die heftig diskutiert wird. Im Endergebnis ist die Natur dann nicht so sehr Lehrmeisterin als Anlaß zu Meinungen und Auslegungen aller Art. Die Natur als Lehrmeisterin kennt in ihrer Lehre, wenn man sich so ausdrücken kann, nichts von alledem, was sich ihre Schüler zusammengereimt haben. In ihrer Lehre ist lediglich die Gegenstandslosigkeit, und es ist anzunehmen, dass in dieser Gegenstandslosigkeit das wirkliche Leben zu finden ist, zu dem der gegenständlich-praktische Realismus hinstrebt. Da er aber aus der Gegenstandslosigkeit den Gegenstand herausgebildet hat, so wurde das wahre Leben zum praktischen Sein. Dieses praktische Sein hält naturgemäß unser Bewußtsein im gegenständlich-praktischen Realismus. So bleibt die Lehre unserer Lehrmeisterin unbeachtet, weil sie nicht verstanden wird. Wir können ihr Wesen nicht bestimmen, können sie nicht abgrenzen und darum auch nicht erkennen.

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  Entsprechend den drei Wegen haben sich drei Arten von Schülern herausgebildet, die die empfangenen Lehren der Natur verschieden auslegen. Die einen verstehen diese Lehre als die Lehre von Gott, die anderen wieder deuten sie so, dass die Ursache aller Lebenser-scheinungen der Hunger sei. Das Bedürfnis, den Hunger zu stillen, führte zur Schaffung einer sich ständig vermehrenden Vielzahl von Geräten und Hilfsmitteln. Der Hunger sei Ursache und bewegendes Moment aller Lebenserscheinungen. Diese Auslegung macht die Menschen rücksichtslos. Jeder sorgt für sich, auch auf Kosten des anderen. Um selbst besser leben zu können, ist er sogar bereit, dem anderen das Leben zu nehmen. Die Lehrmeisterin hatte diesen Schülern die Welt gezeigt, aber sie erblickten in ihr nur die anschaulichen Ursachen jener Erscheinungen, die aus dem Gefühl »Ich will essen« geboren werden. Das waren für ihn greifbare Tatsachen, auf denen er die Herrschaft der gegenständlich-praktischen Handlungen aufbaute. Das praktisch-gegenständliche Leben setzte sich zum Ziel, diese Ursachen ihres Handelns, den Hunger, das Gefühl »Ich will essen«, zu bekämpfen und auszuschalten.
Auf diese Weise baute sich das gegenständliche Reich der zweiten Schülergruppe auf, die es sich zur Aufgabe gestellt hatte, die Ursache aller Ursachen zu töten. Seitdem begann sich auch die Macht zu entfalten, und es entstand das Reich ewiger Kriege und ewiger Daseinskämpfe. Im Reich des gegenständlich-praktischen Realismus kämpft jeder gegen jeden um sein nacktes Dasein. Die Triebfeder ist der Hunger, das Mittel ist der Mord. Was ist somit die Herrschaft des gegenständlich-praktischen Realismus anderes als eine Herrschaft des Wahnsinns? Als nackten Daseinskampf hat diese zweite Schülergruppe die Lehren der Natur verstanden und hat ihre gegenseitigen Beziehungen dementsprechend geformt. Die dritte Schülergruppe hat überhaupt nichts verstanden, denn die Lehrmeisterin hat ja nichts, was hätte verstanden werden können. Da war keine Vollkommenheit, keine Kultur, keine Kunst, kein Gegenstand, keine Macht, kein Licht, keine Finsternis, kein groß, kein klein, kein stark, kein schwach, nichts von alledem, was die beiden ersten Schülergruppen in ihr zu erblicken glaubten.

Die dritte Schülergruppe ging denn auch nirgend hin, denn es gab nichts, wohin sie hätte hingehen können und warum sie es hätte tun müssen. Es gab ja weder Dimensionen noch Raum, noch Zeit — die Schülergruppe blieb im Gegenstandslosen und wurde wie ihre Lehrmeisterin. So wurde diese Gruppe auch von den beiden ersten Gruppen ebenso wenig verstanden, wie sie die Natur, ihre Lehrmeisterin, verstanden hatten — aber sie begannen, mit ihr ebenso zu verfahren wie mit der Natur: Sie begannen, in ihr die Schönheit zu erkennen, das Können, die Kunst, eine Menge Dinge, die annehmbar, ja sogar unentbehrlich waren. Sie kamen zu dem Schluß, dass die Kunst für ihre Kultur der Vollkommenheiten von großem Nutzen sein könnte. So fanden sie den konstruierten Begriff 'Kunst' und ihre Vorstellung von der Kunst. Dem Künstler aber fehlten alle die Vorstellungen, die die ersten Schülergruppen von der Natur gewonnen hatten, und so fuhr er fort, so zu wirken, wie seine Lehrmeisterin, die Natur wirkt — gegenstandslos. Welche Tätigkeit man ihm auch aufzwingen wollte — er blieb gegenstandslos und bewies durch seine Arbeiten, dass alles das, was für Natur, was für reale Tatsachen gehalten wurde, gar nicht bestand.

Betrachten wir einen Menschen, der Farbe auf einer aufgespannten Leinwand verstreicht. Bei dieser Tätigkeit werden wir zwei Arten von Handlungen unterscheiden können: eine gegenstandslose und eine gegenständliche. Gegenstandslos ist die reine Erregung, die den Menschen zum Handeln veranlasst, gegenständlich ist das Ergebnis dieser Handlung, ohne das er sich nicht mitteilen könnte. Die zweite Handlung ist ganz in der Gewalt des gegenständlich-praktischen Realismus und befindet sich in Abhängigkeit von seiner Ideenwelt. Folgt aber denn die Natur in ihrer elementaren Ganzheit einer Idee, steht hinter jeder Naturerscheinung eine Idee?

Ich neige zu der Ansicht, dass weder die Natur als Ganzheit noch ihren einzelnen Erscheinungen eine Idee zugrunde liegt. Es sind lediglich Annahmen der Menschen, die der Natur eine Idee unterschieben, sie 'idealisieren' wollen. Ideen ändern sich ständig und können daher nie verwirklicht werden. Jede Idee bleibt, weil sie sich niemals vollendet, immer eine Idee und muß an der gegenstandslosen Wahrheit scheitern.

Somit ist das, was man als 'Idee' in der Natur bezeichnet, nichts als eine Wahnvorstellung des Menschen. Auch die Kunst kennt keine Ideen als Inhalt. Sie befindet sich im Zustand gegenstandslosen Schaffens wie auch die reine Wissenschaft und alle Erscheinungen der Natur.
Nehmen wir an, dass ein Fluß die malerische Masse sein soll, die durch eine Ebene fließt, die wir wie eine Malfläche betrachten wollen. Dann sehen wir, dass der Fluß mit seinem Lauf eine gewisse Zeichnung bildet, die in verschiedenen Farbtönen gefärbt ist. Diese Farbtöne erzeugen ihrerseits in Verbindung mit einfallenden Strahlen und anderen sich bewegenden Massen neue Töne. Wir sehen also eine Vielfalt variierender Schwankungen einer sich ständig ändernden Erregung. Alle Erregungen erzeugen, wenn sie sich begegnen oder gegenseitig überschneiden, neue Veränderungen, und dieser ewige Kessel hört zu keiner Zeit auf zu brodeln, ständig wechselnde Formen zu zeichnen und zu malen.
Wenn wir diese Vorgänge genau verfolgen, so werden wir in ihnen weder Sinn noch Ziel, noch Nutzen, soch sonstige praktische Erwägungen erkennen können. Bald hebt sich das Wasser als Nebel, bald fällt es wieder als Tau oder bildet Wolken, die sich wieder auflösen oder als Regen herunterkommen. Dieser ganze Kreislauf vollzieht sich ganz offensichtlich völlig planlos, ohne irgendeine leitende Idee im Sinne des gegenständlich-praktischen Realismus. Es sind vollkommen gegenstandslose Erregungen, die diese Wirkungen auslösen. Das Leben äußert sich durchaus nicht nur in gegenständlich-praktischen oder religiös-geistigen Bereichen. In dem planlosen Walten der Natur ist viel mehr Leben als in den ihr von den Menschen unterschobenen Ideen und Sinngebungen.
Die sinn- und planlosen Vorgänge in der Natur brechen sich in der menschlichen Idee und ergeben das, was man praktisches Leben nennt, als eine real niemals fassbare Spiegelung.

Auch in anderer Beziehung gleicht der Künstler der Natur: Er begeistert sich mehr an ihrem sinn- und ideenlosen Walten als an dem 'Sinn' aller praktischen wissenschaftlichen oder geistig-religiösen Errungen-schaften. Immer wird für den Künstler die Natur ein ideenloses Walten sein, und jede menschliche Idee von einem Gegenstand verwandelt sich in seiner malerischen Erregung in ein ideenloses Walten und läßt entweder eine ästhetische Farbschicht oder Nichts zurück. Ist der Künstler rein in seiner Erregung, dann kennt er auch nicht die Begriffe der 'künstlerischen Schönheit', der 'Ästhetik', der 'Moral'. Und wie sehr er sich auch abmühen sollte zu beweisen, dass irgendein Schönheitsbegriff sein Wirken bedingt, so werden alle seine Beweise doch immer nur Begriffsbestimmungen bleiben, die sich der Mensch zurechtgelegt hat. Wenn die Natur in ihren Erscheinungsformen wie ein Künstler im Sinne gegenständlich-praktischer Vorstellungen wirken würde, dann würde sie wie dieser Künstler bei jeder Erscheinung verkünden: Wie schön ist doch der Bogen, den der Fluß um diesen Berg macht! Wie künstlerisch fällt das Wasser von jenem Fels! Wie melodisch murmelt der Bach! Oh, wie herrlich ist diese Blume!
Nichts von alledem geschieht aber. Ebensowenig kennt auch der reine Maler derartige Ausrufe, denn auch er ist gegenstandslos. In seinem Bilde verändert sich nichts, verlagert sich nichts, bewegt sich nichts.
Die Allgemeinheit ist der Ansicht, dass die Natur zweckvoll sein müsse. Jeder Fußbreit Natur muß den Bedürfnissen des Menschen angepasst, ihre Gegenstandslosigkeit in gegenständlichen Nutzen umgewandelt werden. Aus diesen Bemühungen des Menschen, sich der Natur oder die Natur seinen Bedürfnissen anzupassen, ist die gegenständlich-praktische Kultur des praktischen Realismus entstanden. Die Natur macht es dem Menschen aber nicht leicht, sie aus dem gegenstands-losen Zustand herauszubringen. Wieviel Mühe und Arbeit mußte er aufwenden, um sich zum Beispield das Wasser dienstbar zu machen. Boote und Schiffe mußten erfunden und gebaut werden. In seinen Schiffen sieht er einen Sieg über das Meer. In Wirklichkeit hat er aber nichts besiegt, sondern sich nur schlecht und recht dem Meer angepasst. Trotzdem glaubt er, die Natur organisiert zu haben.
Das gleiche versucht der Mensch auch mit der Kunst. Auch sie wird 'organisiert', um sie als Ausdrucksmittel für den gegenständlichen Realismus und seine Ideenwelt verwendbar zu machen.
Während aber die Natur sich gegen die menschlichen Organisationsversuche sehr entschieden wehrt, hat die Kunst sich widerspruchslos unterjochen lassen. Sie wurde irregeführt und sank zur gemalten Literatur des ideologisch ausgerichteten, gegenständlichen Lebens herab. Die ideologisch-gegenständlich ausgerichtete Allgemeinheit erkannte die Kraft der Kunst und nutzte sie für ihre Bedürfnisse im Daseinskampf aus. Die 'Kunst' hat sich sehr schnell an ihren gegenständlich-praktischen Kerker gewöhnt und kam sogar zu der Überzeugung, dass es eine andere Daseinsberechtigung für sie gar nicht gebe, dass ihre Aufgabe ausschließlich in der Illustrierung des ideologischen Daseinskampfes bestehe.
Doch auf die Dauer läßt sich die reine Kunst ebensowenig an die Bedürfnisse der Allgemeinheit anpassen, wie die Natur. Denn, wie ließe sich Gegenstandslosigkeit an irgendwelche praktischen Konstruktionen anpassen, in irgendwie geartete Formen bringen? Die gegenstandslosen Erregungen bleiben in der Natur, wie in der Kunst, immer gegenstandslos: Es wird eine Mühle gebaut, mit Wind- oder Wasserantrieb, und schon spricht der Mensch von der Ausnutzung der Wind- oder Wasserkraft. In Wirklichkeit aber blieben Wind und Wasser in ihrer Freiheit und verloren nichts. Weder Wind noch Wasser, noch das Meer wissen, dass sie Mühlen zu treiben, Schiffe zu tragen haben. (Neuerdings die Luft Aëroplane).
Die gegenständlich-praktische Allgemeinheit aber wirft ihre verschiedenen gegenständlich-praktischen Ideengehalte auf die Palette des Künstlers und verunreinigt damit die Kunst.
Die gegenständlich eingestellte Gesellschaft hat ihr praktisches, für real gehaltenes Leben aufgebaut. Sie begnügt sich aber nicht mit der 'Realität', sondern fordert von der Kunst auch noch Symbole für diese Realität.
Ein einfaches Ei wurde so durch die Palette eines Malers zum Symbol des Osterfestes, der Auferstehung, und erlangte dadurch eine erhabene Bedeutung. Die ideologische Arbeit der gegenständlich eingestellten Gesellschaft schuf in den Malern und sonstigen Künstlern die Überzeugung, dass ihre einzige Aufgabe in der Schaffung ideo-logischer Symbole liege, dass nicht das Ei die Wirklichkeit sei, sondern die dem Ei gegebene symbolische Bedeutung.
So entstand auch die Auffassung, dass ein Fluß nur zu dem Zweck Fluß sei, um Kähne zu tragen. Der Fluß als das Symbol einer menschlichen Idee. Was wäre es auch schon für ein Fluß, wenn er keine Kähne trüge?! (Oder was wäre die Luft für eine Luft, wenn sie keine Aëroplane trüge?!).
Analog fragte sich der Künstler, was er für ein Künstler wäre, wenn er der Ideologie des praktischen Lebens nicht als Spiegel diente. Die ideologischen Inhalte dieses Lebens sind doch das Gnadenbrot, das die Allgemeinheit ihm zuwirft.
Einem reinen Künstler aber werden die ideologischen Inahlte des praktischen Lebens ebenso fremd bleiben wie dem Meer die Schiffe. Vielleich war die Kunst früherer Zeiten für die damalige Allgemeinheit genau so 'geschmacklos', 'unkünstlerisch' und 'unorganisiert', wie es die Neue Kunst für die heutige Allgemeinheit ist. Heute gilt alles Vergangene als untadelig, geschmackvoll, künstlerisch.
Anders als an der Kunst begeistern sich die Menschen an der Natur ständig und unvermindert. Ihre Begeisterung gilt allerdings immer nur den neuen Entdeckungen, sei es auf bildnerischen oder auf wissenschaftlichem Gebiet. Wie kann man aber die vielfältigen Erscheinungen der Natur, die doch nicht nach künstlerischen Gesichtspunkten organ-isiert sind, künstlerisch darstellen? Sind nicht alle neuen Entdeckungen der Künstler, genau wie die der Wissenschaftler, nichts weiter als einfache Sichtbarmachung farbiger Erscheinungen, ohne jeden Anspruch auf künstlerische Merkmale? Sonne und Mond sind doch keineswegs Lampen, die unseren gegenständlich-praktischen Realismus auf der Erde zu beleuchten oder Dichtern als poetische Embleme zu dienen haben.
Ebensowenig hat auch die Kunst den Zweck, den Geschmack der Allgemeinheit zu befriedigen oder ihn zu vervollkommnen.
Das Wirken des Künstlers ist vielmehr einem Wirbelwind zu vergleichen inmitten der Fülle der Erregungen. Wenn das Werk dann auf die Allgemeinheit eine Wirkung ausübt, dann nur eine, die sich etwa der der Sonne vergleichen ließe, die sich durch die Ausstrahlung ihrer Glut im Weltall verströmt —, diese Wirkung ist einesteils gegenstandslos, enthält aber auch malerische oder wissenschaftliche Entdeckungen neuer Zusammenhänge in der Welterkenntnis. Die Allgemeinheit hat festgesetzt, dass die gesamte Natur, die Sonne, der Mond und die Sterne einzig und allein im Interesse des Menschen geschaffen wurden. Darum gab sie ihnen Namen und betrachtete sie als Spender allen Heils oder als Gottheit, die dem Menschen wohlwill. In Wirklichkeit scheinen mir aber die Himmelskörper keineswegs mit solchen Sorgen belastet, ebensowenig wie jene Erscheinung, die die Allgemeinheit mit 'Kunst' zu bezeichnen pflegt. Diese Bezeichnung erhielt die Kunst, weil sie in hohem Maße, wenn nicht ganz, den Interessen der Allgemeinheit dient. Die Kunst wurde zur Meisterschaft, zu einem Handwerk, einem Gewerbe, das in seinen Erzeugnissen das Leben wiederzugeben versuchte. Es fragt sich aber, ob es im Leben oder in der Natur eine Kunst der Darstellung oder Abbildung überhaupt gibt.
Eine Kunst dieser Art kann es gar nicht geben. Bei ihr handelt es sich nur um eine gewisse Meisterschaft in der Nachbildung von Erscheinungen und Handlungen. Eine solche Meisterschaft gibt es in der Natur nicht, sie bildet nichts nach.

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  Es ist sehr schwer festzustellen, wo Kunst ist und wo keine Kunst ist. Die Allgemeinheit erkennt natürlich das, was heute geschaffen wird, nicht als Kunst an. Sie erkennt nur das als Kunst an, was in der Vergangenheit geschaffen wurde. Sicher ist, dass man unter 'Kunst' mehr und Größeres verstehen muß als nur Meisterschaft, Handwerk, Gewerbe. Mehr und Größeres als eine mehr oder weniger gelungene Widergabe der Unrast des menschlichen Lebens. Man beginnt heute unter 'Kunst' etwas zu verstehen, was nichts mit den alltäglichen menschlichen Dingen zu tun hat. In ihr beginnt ein neues Leben zu keimen, das sich scharf von dem gegenständlich-praktischen Leben unterscheidet: Die Kunst hat aufgehört, gegenständlich zu sein und fremden Ideologien zu dienen. Es ist verständlich, dass die Allgemein-heit ein Schaffen dieser Art nicht als Kunst anerkennt. Ungeachtet dessen wurde die scharfe Trennung zwischen idealisierender, gegenständlicher Kunst und der sich neu entwickelnden Kunst vollzogen und zunächst durch Hinzufügung des Adjektivs 'Neue' äußerlich gekennzeichnet. Diese 'Neue Kunst' umfaßt das ganze
reine, ungegenständliche, nicht idealisierende Schaffen. Diese Trennung von der Kunst im landläufigen Sinne konnte nur von solchen Künstlern vollzogen werden, die außerhalb der idealisierenden gegenständlichen Inhalte der Allgemeinheit standen. Die Inhalte der Allgemeinheit sind bekannt. Sie beschränken sich ausschließlich auf die gegenständlich-praktische, geistig-religiöse und reine Futtertrog-Bedürfnisse. Darum wird die ganze 'Kunst', die im gegenständlich-praktischen Sinn geschaffen wurde oder die Futtertrog-Ideologie bediente, immer das bleiben, was sie seit jeher war — ein Gewerbe! Sie bleibt es auch dann, wenn sie neue Dinge konstruiert, denn es besteht kein Unterschied, ob man zur Freude der Allgemeinheit Leinwand bemalt, Häuser baut oder Dinge des praktischen
Gebrauchs herstellt.
Der Begriff 'Neue Kunst' ist inzwischen etwas verschwommen und zu allgemein geworden. Aus diesem Grunde habe ich für das ideen- und gegenstandslose Schaffen die Bezeichnung Suprematismus gewählt. Suprematismus als gegenstandslose Welt oder 'das befreite Nichts'. Ich ging dabei von dem Gedanken aus, dass alles als 'Nichts' da war, bis sich der Mensch mit all seinen Vorstellungen, seinen Versuchen, die Welt zu erkennen, einschaltete. Damit schuf er ein Leben unter der ständigen Frage nach dem 'Was'. Der Suprematismus befreit den Menschen von dieser Frage, für deren Beantwortung er seine ganze Kraft einsetzt. In der sogeannten Natur gibt es auch keine Fragen und auch keine Antworten. Sie ist frei in ihrem 'Nichts' , frei von jeder Analyse und Synthese, denn beide sind nichts weiter als rein praktische Spekulation. Das Wirken des Suprematismus ist durch keinerlei Grenzen eingeengt, die ihm durch 'praktische', 'zweckdienliche' oder 'zweckentsprechende' Aufgaben oder durch das Suchen nach Wahrheit oder nach künstlerischen oder ästhetischen Erkenntnissen gesetzt werden können. Der Suprematismus dient nichts und niemandem, da er sich in der gegenstandslosen Gleichheit oder im Null-Gleichgewicht befindet. Er ist das 'Nichts' auf die Frage der Allgemeinheit nach dem 'Was'. Alle menschlichen Bemühungen sind doch letzten Endes trotz zweckgebundener und praktischer Erwägungen auf das eine Ziel gerichtet, den gegenstandslosen, absoluten Zustand zu erreichen,
in dem sie Gewicht und Unterschiede aus dem Auge verlieren.

Wenn aber die Allgemeinheit den gegenstandslosen Suprematismus für ihre gegenständlichen Bedürfnisse ausnutzen sollte, so ist das ihre Sache. Mit der Natur verfährt sie ja auch nicht anders, sie fällt zum Beispiel Bäume, um daraus Gebrauchsgegenstände zu machen. Die Formen des Suprematismus werden aber trotzdem auch dann noch gegenstandslos bleiben, werden die Reinheit des gegenstandslosen Aufbaues bewahren und frei sein von allen Inhalten, Zielen und Zweckmäßigkeiten des praktischen Lebens.
Der Suprematismus als Gegenstandslosigkeit oder als befreites Nichts ist eine scharfe Kampfansage an die 'organisierende, idealisierende Gegenständlichkeit'. Zwei unversöhnliche Lehren: Die gegenständliche und die gegenstandslose.
Irrigerweise halten sich auch die geistig-religiöse und die praktisch-realistische Lehre für gegensätzlich. Ihre Gegensätze entspringen aber nur einem Mißverständnis, denn beide sind im grunde genommen praktisch-gegenständlich.
Die Allgemeinheit versteht unter 'schöpferischer Freiheit' die Freiheit, das zu schaffen, was man will. Doch scheint mir diese Freiheit fragwürdig, weil ja die Frage nach dem 'Was' bleibt. Sie ist aber auch fragwürdig, wenn sie praktisch-gegenständlichen Zwecken oder Ideologien dient.
Ein wirklicher Maler wird sich in seinem Schaffen niemals durch
einen Gegenstand oder Ideengehalt des praktischen Realismus einschränken lassen. Niemals wird er seine Gegenstandslosigkeit gegen Lebensinhalte eintauschen, die auf gegenständlich-praktischen Prinzipien aufgebaut sind.
Ein wirklicher Maler gleicht in seiner Erregung dem All, das aufleuchtet und erlischt, nicht etwa, weil ihn eine Stimmung erfasst hätte — woher sollte auch eine Stimmung aufkommen können? — sondern nur durch die eine Urerregung, die keine Unterschiede kennt.
Der Wissenschaftler erforscht eine Erscheinung, indem er sie in Teile zerlegt; der Techniker setzt die vom Wissenschaftler untersuchten Teile zu einem Bau zusammen. der 'Künstler', im Sinne der Allgemeinheit, verewigt oder verherrlicht in seinem Werk, was Wissenschaftler und Techniker zusammenbauten. Alle drei Tätigkeiten gehören zu rein technischen Künsten, denn sie dienen der Kultivierung aller erdenklichen technischen Hilfsmittel, die den Weg zur Verwirklichung neuer Ideen oder einen neuen Ordnung der Beziehungen ebnen sollen.

Die so verheißungsvoll begonnene Entwicklung der 'Neuen Kunst' bewegt sich leider in wachsendem Maße auf die technischen Künste zu, das heißt, sie geht zum konstruktiven praktischen Realismus über, zur Kultivierung der Darstellung. Hier geht die Kunst verloren, obwohl der praktische Gegenstand in ihr oder durch sie künstlerisch geformt wird.
Von dieser zum praktischen Realismus tendierenden Kunst hat sich der Suprematismus getrennt, ist in der Gegenstandslosigkeit verblieben und nunmehr von der Fläche zum gegenstandslosen Raum-gebilde, als folgerichtiger Entwicklung eines selbständigen eigenen Form-Weges gekommen. Er hofft, mit der Zeit die Gesellschaft auf diesen Weg herüberziehen zu können, indem er zu beweisen versucht, dass sich im gegenständlich-praktischen Realismus bestenfalls die technische Seite des Lebens vollenden läßt, dass er aber nicht das Endziel der Menschheit sein kann. Der Suprematismus weist auf das wahre Wesen des Seins im Gegenstandslosen hin, als dem nicht erkannten Ziel aller Ziele des praktischen Denkens.
So hat sich die Spaltung der Kunst in zwei Grundbewegungen ergeben. Die eine baut ihre Werke auf den Inhalten des gegenständlich-praktischen Realismus auf, die andere auf der Gegenstandslosigkeit.
Aber auch die gegenstandslose Kunst hat sich in zwei Bewegungen aufgeteilt: Die eine führt in ihre Werke die Natur als Ornament, als ästhetische Stimmung ein, die andere bleibt außerhalb aller Stimmungen und verstandesmäßiger Entscheidungen, gegenstandslos, absolut, suprematistisch.
In diesen verschiedenen Bewegungen entwickeln sich auch verschiedene Kulturen. Erstens die › konstruktive Kultur des künstlerisch gestalteten Gegenstandes‹, zweitens: ›Die Kultur der Malerei (auch des Wortes)‹, drittens: ›Die Gegenstandslosigkeit, das Absolute, bei der man allerdings schon nicht mehr von einer 'Kultur' sprechen kann, weil in dieser Bewegung nichts mehr ist, was kultiviert werden könnte.‹
Diese dritte Form, die ich Suprematismus nannte, kann man nicht zur Kultur der Malerei rechnen, weil deren Inhalt ja das ganze gegenstandsgebundene Leben der Allgemeinheit ist, sie gänzlich vom Inhalt des praktisch realistischen Lebens abhängt und dieser Inhalt alle Formen des künstlerischen Schaffens beherrscht.

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  Die neue Kunst hat den Gundsatz in den Vordergrund gestellt, dass Kunst nur sich selbst zum Inhalt haben kann. So finden wir denn in ihr nicht die Idee von irgendetwas, sondern nur die Idee von der Kunst selbst, ihren Selbstinhalt. Die ureigene Idee der Kunst ist die Gegenstandslosigkeit. Die entwickelt sich unaufhaltsam zur Selbständigkeit, zur Unabhängigkeit von allen Erscheinungen gegenständlich-praktischer Organisationen. Die 'Neue Kunst' ist auf dem Wege zu ihrer eigenen Wahrheit und lehnt jeden Versuch ab, sich zum Ausdrucksmittel ihr fremder 'Wahrheiten' der gegenständlichen-praktisch eingestellten Gesellschaft erniedrigen zu lassen.
In der suprematistischen Gegenstandslosigkeit hat die 'Neue Kunst' ihre endgültige Form gefunden. In ihr erblicke ich die Wahrheit, die dem Wesen der reinen Kunst entspricht und die früher oder später auch die Wahrheit der heute noch in gegenständlich-realistischen Vorstellungen lebenden Menschheit sein wird.
Allein, ungeachtet dieser positiven Feststellung und der Überzeugung, dass der Suprematismus die reine Kunst sei, ergibt sich doch die zunächst überraschende Frage, ob der Suprematismus zum Begriff der Malerei im landläufigen Sinne zu zählen sei.
»Ein Grundelement der Malerei ist die Zusammenfassung einzelner farbiger Elemente zu einer Einheit, das heißt, durch die gegenseitige Durchdringung aller Elemente zu einer Einheit entstehen malerische Gebilde.«
Dieses Grundmerkmal trifft aber keineswegs für den Suprematismus zu, denn sein farbiger Aufbau ist nichts weniger als ein malerisch zusammengefaßtes Farbengemisch.
Bei folgerichtiger Entwicklung des Suprematismus verschwindet nämlich auch die Farbe, und es tritt die schwarze und die weiße Phase ein, die sich aus quadratischen Formen des Schwarz und des Weiß herausbildet, zu denen dann als Farbe das Rot hinzutritt.
Der Suprematismus hat, wie auch die Malerei, als Ursprung die Farbe. Die Farbe ist also der Ausgangspunkt zweier verschieden gerichteter Entwicklungen: einmal in Richtung der Malerei als Zusammenfassung farbiger Elemente zu einer bestimmten Harmonie oder einem bestimmten System, zum anderen in Richtung gegenstandsloser Erregungen, die möglicherweise eng an die gegenstandslose Malerei grenzen.
In gewissen malerischen Harmonien oder Systemen wird eine rein malerische Kultur erkennbar. In dem Maße, in dem der Maler sich diese Harmonien oder dieses System bewußt zum Ziel setzt, vergegenständlicht sich seine Malerei, je weniger er von diesem System weiß oder es sich zum Ziele setzt, um so mehr nähert er sich der reinen Erregung, die nichts von irgendeiner Kultur oder einem Zweck weiß. Der Suprematismus als Gegenstandslosigkeit hat absolut keine Begriffsbestimmungen. Natürlich können endlose Versuche unternommen werden, diese zu finden, aber jede Analyse und Synthese wird immer das bleiben, was sie ist — die übliche sogenannte 'wissenschaftliche' Forschungsarbeit.
Das gleiche gilt übrigens auch für die Maler ganz allgemein: Auch hier ist alles Gerede über malerische Kulturen oder künstlerische Aussagen nichts weiter als allgemein übliche Behauptungen, die sich aus-schließlich in den Genzen des allgemeinen Geschmacks bewegen, der irgendwann einmal durch einen Künstler gebildet wurde. Sobald wir eine Kultur und ihre Errungenschaften zur reinen Erregung in Beziehung setzen, verschwinden alle kulturellen Unterscheidungsmerkmale. Diese Unterscheidungsmerkmale gibt es natürlich, doch hängen sie ausschließlich von den in einer Gesellschaft geltenden Anschauungen ab, die von ihrem Standpunkt aus bestimmt, welche Erscheinungen als Kultur zu gelten haben.
So ist es durchaus denkbar, dass die Allgemeinheit entscheidet, dass unsere Erde auf einer höheren Kulturstufe stehe als irgend ein anderer Planet. Wie kommt eine solche Behauptung zustande? Welche Merkmale ermöglichen uns die Entscheidung, auf welcher Kulturstufe unsere Nachbarplaneten stehen?
Wir fällen solche Urteile aufgrund von Vergleichen. Wir sagen, dass es auf den Nachbarplaneten keine Menschen gibt und dass es folglich dort auch keine Kultur geben kann. Haben wir ein Recht, den Menschen als Maßstab für die Beurteilung kultureller Werte zu nehmen? Kann es nicht vor dem Erscheinen des Menschen in anderen Ausprägungen Kulturen gegeben haben, die vielleicht viel höher standen als die in mancher Beziehung doch recht fragwürdige menschliche Kultur? Begegnen wir nicht auf Schritt und Tritt hochentwickelten Kulturen in Kristallen, Insekten, im ganzen uns umgebenden Leben?
Was ist denn Kultur? Hauptmerkmal jeder Kultur ist die Zusammenfassung verschiedener Werte zu einem geschlossenen Ganzen. Demnach ist Kultur nichts anderes als Anpassung eines Wertes an einen anderen. Mit anderen Worten: Kultur ist Gewichtsverteilung.
Je genauer die einzelnen Werte einander angepasst sind, um so höher die Kultur. Das gleiche gilt auch für die malerische Kultur, die, geleitet von der inneren Kraft einer Erregung, verschiedene Farbwerte einander anpasst.
Bei der Umgruppierung der Farbwerte verändern sich aber die einzelnen Farbelemente nicht.Sie lassen sich nicht kultivieren, denn sie sind unveränderlich in ihren Grundeigenschaften. Selbst wenn man sie über das ganze All verteilen und ewig umgruppieren würde, so könnte man trotzdem nicht behaupten, dass ein und dasselbe Farbelement auf dem Orion auf einer höheren Kulturstufe stehe als beispielsweise auf dem Mond.
Wo ist Vollkommenheit und Kultur im Weltraum? Es ist überaus schwer, ich möchte sagen, unmöglich zu entscheiden, was vollkommener ist, das Wasser oder der Dampf. Beide Erregungszustände haben in ihrem Wert eine gegenständliche nicht nachweisbare Gleichheit. Diese Gleichheit ist tatsächlich ungegenständlich und mit keiner Waage, keinem Meßgerät zu bestimmen. Somit gibt es von diesem Gesichtspunkt aus weder das, was man Kultur, noch das, was man Vollkommenheit nennt, es gibt nur unbestimmbare Erregungen von Gleichheiten. Das ist auch das wahre Wesen der ganzen Kunst, das sich in seiner höchsten Form, in der gegenstandslosen Malerei
— dem Suprematismus, offenbart. Darum kann man den Supre-matismus als einen Aufstieg der Kunst bezeichnen, die beginnende Überwindung des gegenständlich-praktischen Realismus. Der Suprematismus führt über die Grenze rein malerischer Kunst hinaus, er ist der Kern ihres Wesens, der sich in uns als Gegenstandslosigkeit bewegt.
Bisher wurde die Kunst als Überbau verstanden, der die 'Wirklichkeit' des im Leben vorherrschenden praktisch-gegenständlichen Futtertrog-Realismus mit all seinen Folgeerscheinungen als das Heil des absolute Materiellen widerzuspiegeln hatte.
Dass diese Auffassung falsch war, ist durch die Kunst selbst, und vorwiegend durch die Malerei, eindeutig bewiesen worden. Das Erscheinen des Kubismus, einer einfachen bildnerischen geometrischen Kristallisation der Malerei als Selbstzweck, rief in den Reihen der Realisten Verwirrung hervor. Sie betrachteten den Kubismus ganz allgemein als eine Verfallserscheinung des Geistes, als eine Kunst, die nur aus geldlichen Erwägungen entstanden sei. Dabei übersahen sie aber, dass das Geld doch nur aus einer Gesellschaftsschicht kommen kann, die selbst im praktischen Realismus befangen ist. Der Kubismus bekämpft aber den praktischen Realismus, zerstäubt das Gespenst der Gegenständlichkeit.
Es ist durchaus verständlich, dass die Allgemeinheit keine Mittel und Kniffe scheut, um die sich anbahnende Entwicklung der Kunst zur Wahrheit im Keime zu ersticken. Die elementare Kraft des Kubismus hat sich aber als stärker erwiesen und alle niederträchtigen Verdrehungen widerlegt. Im Kubismus fand die Malerei eine Form, die es ihr ermöglichte, sich vom gegenständlichen Realismus zu lösen. Damit trat aber nicht nur eine völlige Umwälzung auf dem vom Unbewußten gespeisten schöpferischen Gebiet der Malerei ein, sondern auch das Bewußtsein vieler Maler wurde schlagartig von der kubistischen Lehre erfaßt. im Kubismus erstand eine neue Organisation der malerischen Werte, die mit einem im gegenständlich-praktischen Realismus befangenen Bewußtsein gar nicht hätte erfaßt werden können. Die Maler konnten vor allen Dingen nicht fassen, dass die Malerei eine selbständige, unabhängige Sache sein sollte, die weder vom Inhalt noch von der Form des gegenständlich-praktischen Realismus und schon gar nicht von den politischen oder wirtschaftlichen Zielsetzungen abhängig sein wollte.
Die Maler mußten sich mit neuen Konstruktionsfragen auseinandersetzen, die sie früher nicht gekannt hatten. Sie waren bis dahin auch nicht auf den Gedanken gekommen, daß man malerische Gebilde aufbauen könne, ohne Gegenstände zu verwenden, dass die Malerei zu einer eigenen malerischen Gestaltung kommen und nicht wie früher nur Gegenstände nachbilden könne.

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  Die Geschichte beweist, dass alle Umwälzungen auf dem Gebiet der Kunst zunächst immer nur von einer kleinen Gruppe von Künstlern vollzogen werden. Es waren immer titanische Einzelne, die jede neue Entwicklung mit einer Kraft vorantrieben, gegen die die Allgemeinheit machtlos war. Heute führen neue Titanen die Kunst weiter, und auch ihrer Kraft wird die Allgemeinheit nicht gewachsen sein.
Doch ist die Sachlage heute anders; eine ganz andere Frage als die Schaffung neuer Malrichtungen steht zur Entscheidung. Die Neuerer sind diesmal über die Grenze alles bisher Dagewesenen hinausgegangen und verkünden eine Lehre, die dem gegenständlich-praktischen Realismus diametral entgegengesetzt ist, — die Lehre
von der Gegenstandslosigkeit
Es ist dies eine Lehre, die uns vor völlig neue Probleme stellt: Die Gegenstandslosigkeit erschöpft sich nicht mehr im angewandten Ornament oder in der Ausschmückung von Gegenständen des täglichen Gebrauchs. Möglicherweise vollzieht sich sogar eine entgegengesetzte Entwicklung, in deren Verlauf die Allgemeinheit
dann zu der einzigen wahren Freiheit gelangen wird, in der allein der gordische Knoten der Gegenständlichkeit durchhauen werden kann, der die Menschen in ihrer Wahnvorstellung vom praktischen Realismus zu erwürgen droht!
Irgendwann ist die gegenstandslose Natur zum Gegenstand der Erforschung geworden, und von diesem Augenblick an wurde sie mit praktischer Gegenständlichkeit verbaut. Die Gegenstände wurden die Mttel der Erkenntnis und der technischen Anpassung an die Naturgewalten. Die Naturgewalten aber sind gegenstandslos wie die Natur selbst. Darum muß der Mensch sie erst vergegenständlichen, um sie überwinden und aus ihnen Nutzen ziehen zu können. Überwindung und Nutzen liegen aber gar nicht im Wesen der Natur. Alles befindet sich in ihr in einem 'natürlichen', ungeteilten Zustand. Der Mensch aber, gleichsam losgetrennt von der Ganzheit der Natur, will wieder in sie eindringen, indem er sie zu erkennen versucht. Aus den gewonnenen Erkenntnissen erfindet er Mittel, mit deren Hilfe er die Natur zu über-winden hofft. Und hierin liegt seine Täuschung, denn es ist nichts da, was überwunden werden könnte. Man kann sich nur anpassen, um in der Natur aufzugehen. In diesem Sinne ist auch jede gegenständliche Darstellung als Folge der verfälschten Begriffe und der Vorstellung von Überwindung und Vergewaltigung zu betrachten.
Die Erfindung und Herstellung von praktischen Hilfsmitteln ist nichts weiter als der Versuch, die erkannten Einzelelemente der Natur wieder zu einer Einheit zusammenzufügen, und zwar so, dass sie reibungslos und ohne zu knarren funktionieren. Vollkommene Stille durch vollkommene Verschmelzung. An dieser vollkommenen Verschmelzung arbeiten seit jeher Erfinder und Neuerer.
Einige von ihnen arbeiten ihr Leben lang an ein und derselben Auf-gabe, etwa an der Anpassungsmöglichkeit an das Wasser, an die Luft und so weiter und sind bemüht, Verzerrungen oder Fehler, die durch die utilitaristische Einstellung zur Natur entstehen, auszuschalten.
Andere wieder suchen und finden wohl auch neue Wege, auf denen sie in Widerspruch zu bestehenden Ordnungen geraten und neue Ordnungen errichten, wie zum Beispiel jetzt in der 'Neuen Kunst', die in der bisherigen menschlichen Ordnung nicht zu finden war. Dadurch ist der gegenständlichen Kunst die ungegenständliche entgegengetreten.
Die Erfinder vertreiben sich die Zeit, indem sie immer wieder ein und denselben Gegenstand oder ein und dieselbe Idee in ihre Bestandteile zerlegen und wieder zusammenfügen. Weil aber in jedem Erfinder ständig Gedanken arbeiten, so bilden sich in ihm begriffliche Vorstellungen von den Gegenständen, was eine ständige Modifizierung dieser Gegenstände, entsprechend der ihn umgebenden Umstände, zur Folge hat. Da das Denken nicht fähig ist, eine endgültige Lösung vorauszusehen, gerät der Erfinder in eine aussichtslose Lage: Er muß Gegenstände oder Umstände bewältigen, die in Wirklichkeit gar nicht oder doch nicht in der angenommenen Form vorhanden sind. Diese Tatsache erinnert den Erfinder immer wieder daran, dass ihm in seinem 'Denkapparat' ein recht dürftiges Hilfsmittel zur Verfügung steht.
In eine ähnliche Lage würde auch ein 'Neuerer' geraten, wenn er die Erscheinungen des praktischen Realismus zum Inhalt seines Schaffens machen würde. Ein 'Neuerer' aber, der den gegenständlich-praktischen Realismus wiedergibt oder ausdrückt, verliert jeden Anspruch auf die Bezeichnung 'Neuerer', weil er der gegenständlichen Vorstellung nicht die neue Wahrheit der 'Welt als Gegenstandslosigkeit' gegenüberstellt. Die Welt der wahren Neuerer liegt außerhalb aller gegenständlichen Vorstellungen. Das künstlerische Prinzip allein kann noch nicht als Neuerertum im wahren Sinne des Wortes angesehen werden, solange es sich auf den gegenständlich-praktischen Realismus gründet, wenn auch das Unbewußte im künstlerischen Schaffen als Beweis dafür angeführt wird, dass die Welt nichts anderes ist als Manifestation des künstlerischen Prinzips.
Es ist wahr, die Mittel und die Methoden sind wohl geändert worden, das Grundsätzliche aber hat sich nicht geändert. Geblieben ist der 'Sinn', die 'Idee', die 'Nützlichkeit', der 'Zweck'. Somit sind diese Künstler keine Neuerer, sondern Erfinder, — nicht mehr. Womit nicht bestritten werden soll, dass auch von solchen Erfindern Wertvolles geschaffen werden kann.
Das Bewußtsein der Allgemeinheit verändert sich immer dann, wenn ein Wirtschaftssystem durch ein anderes abgelöst wird. Jedes Wirt-schaftssystem des praktischen Realismus ist aber nur eine veränderte Einordnung ein und derselben Werte und eine Umgruppierung der praktischen Kräfte. Ein Wirtschaftssystem kann niemals gegenstandslos sein. Maler, Künstler oder die Kunst ganz allgemein können in ihm bestehen, oder auch nicht, je nachdem ihre 'Werte' sich in das jeweilige Wirtschaftssystem einordnen lassen. (Das gilt analog auch für die Religion!)
Der Künstler ist also abhängig von der jeweils herrschenden wirtschaftlich-praktischen Weltanschauung. Er ist gefesselt und nicht entfesselt; er ist nicht frei in seinen Handlungen, in seinem Schaffen, in seiner künstlerischen Weltanschauung.
'Fesselung' und 'Entfesselung' sind nur scheinbar zwei verschiedene Begriffe. Im Grunde ihres Wesens ist kein Unterschied zu erkennen:
Ob die Naturkräfte gefesselt sind oder nicht, sie tragen in sich die Wahrheit der Einheit, das heißt, die Wahrheit einer Welt, in der die Mannigfaltigkeit der Einzelerscheinungen und Einzelelemente sich zu einer Einheit verbunden hat. Man könnte sagen, dass die Vereinigung aller Mannigfaltigkeiten des gegenständlich-praktischen Realismus im Grunde das gleiche bedeuten könnte wie die Gegenstandslosigkeit, die keine Unterscheidungsmerkmale kennt.
Ein Gegenstand entsteht, wenn ein Teilwert mit einer Idee verbunden wird. Der Teilwert geht dann in dieser Verbindung auf.
Um dieser Verbindung willen schärft der Tischler seinen Hobel, mit dem er alle Unebenheiten weghobelt, die eine feste Verbindung zweier Flächen verhindern könnten. Schlosser, Ingenieure, Zimmerleute, Maurer, alle bemühen sich um das gleiche. Es gelingt ihnen auch, die Erscheinungen ihres praktisch-gegenständlichen Weltbildes sichtbar zu machen, niemals aber die des Weltenbaus, da dieser nur in seiner Gesamtheit, in der Verschmelzung erfaßbar wird.
Entwickelt man diesen Gedanken weiter, so kann man noch zu einem anderen Schluß kommen: Wenn das Bewußtsein erkannt hat, dass diese Verschmelzung zu einer Einheit einer Ganzheit durch die Zu-sammensetzung und Verbindung einzelner Teile erreicht werden kann, so müßte man dasselbe erreichen können, indem man die Vielzahl der Einzelteile von jeder Bindung befreit.
Im Grunde genommen sind beide Versuche, die 'Idee' des Ganzheitlichen zu verwirklichen, gleichermaßen absurd, denn die Welt der Gegenstandslosigkeit kennt nicht die Unterschiede von Einheit und Nicht-Einheit.
Das zeigt auch die Malerei: Auf der Bildfläche gibt es keine greifbare Form. Die Form entsteht nur in der Vorstellung, greifen kann man sie nicht. Nicht greifbare Formen lassen sich nicht verbinden oder trennen. Wir versuchen, eine Wahnvorstellung, ein Gespenst zu realisieren oder zu materialisieren, das in der Vorstellung wie etwas real Sichtbares erscheint, tatsächlich aber nicht vorhanden ist.
Diese Vortäuschung eines materialisierten Realismus führt zu einer Betriebsamkeit, deren Ziel es ist, durch Vereinigung von Einzelteilen ein einheitliches Ganzes zu schaffen. Dies macht seinerseits die Kultivierung verschiedener Hilfsmittel notwendig, wodurch die ganze Kultur mit all ihren Hilfsmitteln ebenfalls zu einer Selbsttäuschung wird, zur Lüge: Sie will binden und lösen, was nicht zu binden und nicht zu lösen ist. Die Gegenstandslosigkeit als das 'Nichts' ist nicht teilbar. Der Versuch der Gegenständlichkeit, sich zu einem unteilbaren Ganzen zu verbinden, ist eine Selbsttäuschung, denn sie baut sich auf Grundsätzen auf, die es in der Natur nicht gibt. Die Ganzheit ist das Ziel der gegenständlich-praktischen Allgemeinheit. Ein 'Ziel' liegt aber immer in der Zukunft, also im Unbekannten. So ruft denn die Allgemeinheit die Wissenschaft mit all ihren Gesetzen und Beweisen auf, dieses Unbekannte zu durchforschen. Alle bisherigen Errungenschaften be-weisen aber immer wieder mit dem Gegenwärtigen die Untauglichkeit der praktisch-realistischen Gegenstände des Vergangenen. Vor uns liegt die Geschichte des Materialismus wie eine Kette von Experimenten am untauglichen Objekt, und die 'Zukunft' bringt nur die weiteren Glieder dieser Kette.
Der historische Materialismus ist ein anschauliches Beispiel für die Unzulänglichkeit des menschlichen Denkens. Für ihn gibt es keine andere Zukunft als die weiterer Unzulänglichkeiten, besonders, wenn der historische Materialismus sich die Kultur der Produktion von Gegenständen zum Ziel gesetzt hat, wenn er durch sie in der Zukunft ein vollkommenes Heil hofft.

Der historische Materialismus muß genauso entschieden abgelehnt werden wie der Gegenstand in der Kunst! Die Malerei beweist, dass auf ihrer gegenstandslosen Oberfläche keine Zeitrechnung zu finden ist, sie kennt keine zeitlichen Unterschiede der Handlungen. Alle Versuche auf dem Gebiet der Malerei beweisen immer wieder die eine Wahrheit des gegenstandslosen Seins unter der Oberfläche der Erscheinungen.
Die Gegenständlichkeit will durch den historischen Materialismus zur Einheit gelangen und glaubt auf diesem Wege ihre Ideen von der unterschiedslosen, gegenstandslosen Gleichheit verwirklichen zu können. Man kann aber nicht in einen gegenstandslosen Kubus gelangen, ohne eine Tür in ihn hineinzubrechen.. Dann ist der Kubus aber schon nicht mehr ein Ganzes. Darin liegt die ganze Problematik der gegenständlich-praktischen Kultur: In den gegenstandslosen Kubus kann sie nicht eindringen, sie kann ihn nur zerstören. Zerstört sie ihn aber, so ist das nicht mehr der Kubus, in den sie hineingehen wollte.

Man sagt allgemein, dass der Zar Peter den Beinamen 'der Große' bekommen hat und verdient habe, weil er in den gegenstandslosen Kubus ein Loch nach Westen geschlagen, ein Fenster zum Licht aufgestoßen hat. Ich aber klage ihn im Gegenteil an, dass er die Einheit zerstörte, indem er einer zerstörten Kultur Eingang verschaffte, und einem höchst fragwürdigen und verdächtigen Licht das Fenster öffnete.

Die Entwicklung der Malerei der Gegenwart zeigt, dass sie aus der Kunst im bisherigen Sinne ausgeschieden und in die Gegenstandslosigkeit eingegangen ist. Sie streitet jegliche Kontinuität als gegenständlich-praktische Realität ab. Die Ablehnung der Kontinuität und der Kultur, die zum gegenständlich-praktischen Realismus geführt hat, führte die Malerei zu einer neuen Weltbetrachtung — zur supremat-istischen Gegenstandslosigkeit. In ihr gibt es keine Vollkommenheiten, an denen die gegenständliche Kultur so reich ist, keine Vergleichsmöglichkeiten, keine Vorrechte, keine Wertunterschiede.
In der Gegenstandslosigkeit darf man keine Elemente und Disziplinen suchen. Darum gibt es in der suprematistischen Gegenstandslosigkeit auch keine Gesetze. Für Kultur und Wissenschaft ist das Gesetz die alleinige Grundlage. Ich aber behaupte, dass Gesetze nur da gebraucht werden, wo keine Vollkommenheit ist. Die Natur ist vollkom-men, darum gibt es in ihr auch keine Gesetze. Was der Mensch als sogenante 'Naturgesetze' bezeichnet, ist nichts weiter als seine Erfindung, das Ergebis seiner Analysen und seiner eingebildeten Formsynthesen. Die Wissenschaft selbst liefert den Beweis dafür, dass es keine feststehenden Naturgesetze gibt, wenn sie einmal 'erkannte Gesetze' durch neue ersetzt. Gesetze werden durch Gesetze aufgehoben. Das beweist doch eindeutig, dass es bis heute noch kein unwiderlegbares, vom Menschen völlig durchdachtes Gesetz gegeben hat.
Gibt es Gesetze in der Kunst? Müssen sie sein? In der praktisch-gegenständlichen Kunst jedenfalls: Der Inhalt des Nicht-zu-Ende-Gedachten der ganzen menschlichen Betriebsamkeit ist ja das Gesetz des Lebens und der gegenständlichen bildenden Kunst. Jedes gegen-ständliche Erzeugnis hat seine Entwicklungslinie nach dem Gesetz des historischen Materialismus. Diese Linie hat ihrerseits das Gesetz von 'Oben' und 'Unten', das also ebensowenig durchdacht ist, wie der historische Materialismus selbst. Sobald aber die Kunst in die Gegenstanslosigkeit einmündet, verschwinden die Gesetze, ver-schwinden Begriff wie 'Oben' und 'Unten'. Es gibt dann nicht jene Vorstellungen und Begriffe und Gegenstände, auf die man irgendwelche Gesetze anwenden könnte. Dem Menschen zerfällt alles unter den Händen, weil er Gesetzmäßigkeiten vermutet, wo keine sind. Die Natur ist unzerstörbar, zerstörbar sind nur die menschlichen Gesetze.
Diese Feststellungen haben bei der gelehrten wie auch bei der un-gelehrten Allgemeinheit einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen und sind hart und scharf kritisiert worden. Dabei wurde aber übersehen, dass dieselbe Allgemeinheit in ihren Vorstellungen vom Erdball und dem Universum schon lange die Begriffe von 'Oben' und 'Unten' nicht mehr kennt.
Der konstruktive Kubismus wurde von einer ganzen Künstlergruppe völlig falsch verstanden: Sie faßte seine Konstruktivität als malerische Entwicklung auf, die zum gegenständlichen Aufbau hinführt. Dadurch konnte sie sich nicht vom Gegenstand und von den nicht-zu-Ende-gedachten Gesetzen der Gesellschaft befreien. Die Folge war eine Spaltung der 'Neuen Kunst' in zwei Strömungen: Die gegenstands-gebundene und die gegenstandslose. In den neuen malerischen Gebilden wurden Anzeichen einer räumlichen Gestaltungsmöglichkeit mit stark ausgeprägten geometrischen Elementen sowohl in der Malerei als auch in der Plastik erkennbar. Es ergab sich die Frage, ob dieses etwas mit Kunst zu tun habe oder eher auf Gesetzen der wirtschaft-lichen Zweckmäßigkeit beruhe.
Untersuchungen und Vergleiche ergaben, dass die ganze technisch-gegenständliche Kultur ausschließlich nach dem Gesetz der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit aufgebaut ist und daß wir ohne diese Gesetze weder von Raum noch von Zeit eine Vorstellung hätten. Wir würden nicht wissen, ob wir uns zur Vollkommenheit hin bewegen oder nicht,

Das Gesetz der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit sichert uns den Fortschritt, das heißt also das, was die Allgemeinheit für die Grundlage ihres Daseins hält. Fortschritt bedingt die Vorstellung von 'Hinten' und 'Vorne', 'Oben' und 'Unten', von Vergangenheit und Zukunft. Wer sich der Zukunft nähert, ist fortschrittlich, wer in der Vergangenheit verharrt, ist rückständig. Unter diesem Gesichtswinkel werden alle Handlungen und Verhaltensweisen des einzelnen wie der Allgemeinheit bewertet. Gegen das Gesetz der wirschaftlichen Zweckmäßigkeit konnte die Kunst sich nicht behaupten. So hat denn auch sie ein 'Vorne' der Vollkommenheit als Ziel. Die praktische Technik hat, nach Anerkennung der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit als Hauptgrundlage ihrer vermeintlichen Kraft, diese im praktischen Realismus auch der Kunst aufgezwungen. Wenn dabei auch irgendwelche künstlerischen Erwägungen zugelassen wurden, so niemals als bestimmende Kraft, sondern immer nur als zweitrangige Faktoren.
Die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit wurde zum Gesetz der ideologisch ausgerichteten, praktisch-gegenständlichen Allgemeinheit. Dieses Gesetz durfte nicht umgangen werden, es war auch nicht erlaubt, seine Unsinnigkeit zu beweisen, weil dieses Gesetz zur 'Absoluten Wahrheit' erklärt worden war, nach der sich das Leben der Allgemeinheit zu entwickeln hatte. Andere Wahrheiten wurden daneben nicht geduldet. Die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit war als unumstößliches Gesetz überzeugend und anschaulich bewiesen worden. Wendet man es aber auf dem Gebiet der Kunst an, so stellt man fest, dass es in der Kunst nichts gibt, was den praktischen Erwägungen der Allgemeinheit entspricht. Im Bereich der Kunst läßt sich weder Zeit noch Raum feststellen. Die Kunst ist zeitlos und folgt nicht den Gesetzen der wirtschaftlcihen Zweckmäßigkeit. Sie kennt keine Zweckmäßigkeit als inneren Antrieb, sie kennt auch keine Vollkommenheit, denn sie ist ewige Kunst. Was ist denn aber dieses Wirtschaftsgesetz, ohne das die Kunst angeblich nicht bestehen kann?
Wenn jede heutige Vollkommenheit morgen schon zur Unlänglichkeit wird, dann ergibt sich doch unwillkürlich die Frage, ob ein solches Wirtschaftsgesetz überhaupt als sinnvoll angesehen werden kann.
Wirtschaftlich Vollkommenes kann es doch nur dann geben, wenn ein Gegenstand seine endgültige Form findet und niemand mehr in der Lage sein wird, eine weitere Vervollkommnung zu denken, das heißt, wenn der Zustand eintritt, in dem weiteres Denken unmöglich wird oder das Denken in die Gegenstandslosigkeit übergeht.
Nur unter dieser Voraussetzung kann die Wirtschaft ihre letzte Vollkommenheit erreichen, weil dann das Ziel erreicht und die Endlosigkeit durch die Gegenstandslosigkeit besiegt sein wird. Vergleichen wir Kunstwerke mit Erzeugnissen der gegenständlich-praktischen Technik aus verschiedenen Zeiten, so werden wir feststellen, dass Kunstwerke auch dann ihren Wert behalten, wenn sie der Vergangenheit angehören, die Werke der Technik aber ihren Wert verlieren, wenn sie veralten.
Dieses beweist, dass die Kunst nicht den Wirtschaftsgesetzen unterworfen ist und auch nicht der Zeit. Somit ist die Kunst in ihren Werken vollendet, während die Technik sich ständig bemüht, es zu werden. Die Vollkommenheit eines Kunstwerkes darf man natürlich nicht nach den Gesetzen der Anatomie oder Perspektive beurteilen.
Im praktisch-technischen Bereich haben die Gesetze der Anatomie dagegen allergrößte Bedeutung. So muß der Techniker zum Beispiel bei der Steigerung der Geschwindigkeit sowohl die Anatomie des Menschen als auch die der Maschine kennen.
Es waren auch Versuche festzustellen, den Begriff des Wirtschaftsgesetzes in die Malerei einzubeziehen. Man ging dabei von der Erwägung aus, dass jeder Maler bemüht sein müsse, mit dem geringsten Aufwand an Mitteln seinen Zustand auszudrücken. Solche Versuche könnte man gelten lassen. Ein anderer Grund für die Ausdehnung des Wirtschaftsgesetzes auf die Malerei war der, dass sie das folgerichtige Fortschreiten von einem Zustand in einen anderen anschaulich bewies.
Maler bauen ihre Werke auf der Geometrie der Natur auf. Sie waren daher abhängig von den Naturformen und fanden ein bestimmtes Höchstmaß an Harmonie zwischen dem Maler und der Natur.
In der Folge ergab es sich, dass der malerische Zustand der Natur unveränderlich ist, dass ihr Klang also nur in der Geometrie liegt. Die Werke der Malerei aber zeigen, dass sich in ihnen die Geometrie der Natur verändert. Man kann annehmen, dass sich hierbei nur die Beziehungen zwischen dem Maler und der Natur verändern und zwar nur vom Künstler her. Die Natur bleibt unverändert. Veränderungen ergeben sich nur durch die unterschiedliche Reaktion eines Künstlers
auf die Einwirkungen der Natur.
Ferner: In der Malerei gehen Formen der Natur verloren. Wir sehen eine neue Organisation malerischer Werte. Somit sehen wir eine folgerichtige Entwicklung malerischer Formen. Da aber nach Ansicht der Allgemeinheit jede Entwicklung sich nach wirtschaftlichen Grundsätzen vollzieht, nämlich das gesteckte Ziel auf schnellstem Wege zu erreichen, so ist die Gültigkeit der Wirtschaftsgesetze für die Kunst bewiesen.
Das gilt vielleicht für die Malerei des gegenständlich-praktischen Realismus. Kommt man aber an die Grenze der Gegenstandslosigkeit, dann verschwinden alle gegenständlichen Vorstellungen von Zeit, Raum, nah, fern und es bleibt nur die Erregung und das durch sie bedingte Wirken ohne jedes Ziel. Damit betreten wir ein Gebiet, auf dem andere Beweise, andere Vergleiche gelten, auf dem es keine Vorstellung von Zeit und Raum, von Vollkommenheit und Unvollkommenheit mehr gibt, auf dem nur die Erregung als Gegenstandslosigkeit außerhalb aller Begriffe und Vorstellungen gegenständlicher Beziehungen wirkt. Hier gelten auch die Gesetze wirtschaftlicher Zweckmäßigkeiten nicht, da die Gegenstandslosigkeit keine Entwicklung zu einer weiteren Vervollkommnung kennt. Nichts entwickelt sich in der Welt, nichts vermehrt sich, nichts verringert sich, sofern die Vorstellung richtig ist, dass Materie unveränderlich, also die absolute Untätigkeit ist.
Somit ist jede Erscheinung, die auf Erregung zurückzuführen ist, begrifflich nicht zu bestimmen. Sie ist frei von allen Gesetzen, die für die gegenständlichen praktischen Erfindungen Geltung haben. Folglich befindet sich der Suprematismus als Gegenstandslosigkeit außerhalb aller Voraussetzungen der Allgemeinheit. Er beantwortet nicht ihre Fragen. Trotzdem schließt die suprematistische Gegegnstandslosigkeit den eigentlichen Wesenskern der Allgemeinheit mit ein, nur ist dieser Wesenskern zur Zeit noch von der vorgetäuschten Realisierung von Beziehungen überwuchert.
Diese Vortäuschungen sind es, die die Allgemeinheit dann in der Kunst als 'Schönheit' ansieht. Die Allgemeinheit erkennt die Schönheit also nicht in Wirklichkeit, sondern nur in der vorgetäuschten Realisierung durch die Kunst.
Ähnlich ist es in der Wissenschaft, die ihre Wahrheiten in vereinbarten Zahlen und Zeichen, niemals aber in Wirklichkeit sieht. Ähnlich ist es auch in der gegenständlichen Kunst: Die Schönheit ist nur im Kunst-werk, also einer vorgetäuschten Wirklichkeit, nicht aber in der Natur. Das kommt vielleicht daher, dass wir die Natur nur in ihren äußeren Erscheinungen zu erfassen vermögen.
Die gegenständlichen Bauten und Werke kommen natürlich nicht ohne Konstruktionen aus. Diese Konstruktionen werden aber ausschließlich von den Fragen der Nützlichkeit, der praktischen Brauchbarkeit, der Festigkeit und Wirtschaftlichkeit bestimmt. Konstruktion ist eine unerläßliche Voraussetzung jeder gegenständlich-praktischen Vollkommenheit. Da man über die Konstruktion zu einem System kommt, so ist sie auch für die 'Neue Kunst' verpflichtend geworden. Diese kam im Kubismus besonders klar zum Ausdruck, der dem Maler neue (materielle) Beziehungen aufzeigte und ihm ein besonderes System für ihr Anordnung gab. Allerdings gilt das nur für die rekonstruktive Periode des Kubismus, als er sich wieder auf den Gegenstand zurückzuziehen begann.
Sobald sich der Kubismus aber der Gegenstandslosigkeit nähert, verschwindet der Begriff 'Konstruktion', da nichts da ist, 'was' konstruiert werden könnte.
Hierbei taucht die Frage auf, ob in suprematistischen Erscheinungen konstruktive Elemente zu finden sind. Gibt es in der Gegenstandslosigkeit eine konstruktive Betätigung?
Dem Arbeitsprozess nach müßte diese Frage bejaht werden, aber man muß zwei verschiedene Arten des Konstruierens unterscheiden: Die praktisch-gegenständliche und die gegenstandslose (das heißt: ohne gegenständliches Ziel). Die Allgemeinheit versteht unter Konstruktion eine praktische Betätigung, bei der die Festigkeit des Materials untersucht und die Elemente des Baues, entsprechend seiner geplanten praktischen Verwendung, bestimmt werden. Wenn aber kein praktischer Gegenstand da ist, dann kann es eine Konstruktion in diesem Sinne nicht geben, denn wir haben keinen Festpunkt, auf den wir uns beziehen können, und kein Maß. Ebenso können wir nicht feststellen, ob die Zusammenfassung der projektierten Kräfte konstruktiv oder nicht konstruktiv ist. Kann man den Begriff konstruktiv überhaupt auf Äußerungen und Erscheinungen anwenden? Kann man sagen, dass in der Natur alles konstruiert ist, da sich doch alles ständig verändert, nichts fest ist, alles in ewiger Umstellung und Umwandlung begriffen, sich im ewigen Wirbel der Erregung befinde?!
Die Gegenstandslosigkeit kennt weder Konstruktion noch System. In ihr wird niemals etwas zusammengefügt, noch kann etwas auseinanderfallen. Das gleiche gilt auch für die Natur. Trotzdem ist sie da, und wir sehen in all ihren Formen und in der menschlichen Betätigung ein ständiges Zusammenfügen und Zerlegen. Den Beweis seiner Existenz sieht der Mensch nicht so sehr in den Erscheinungen der Natur als in seinen Betätigungen. Aber ungeachtet dieses Beweises kann der Mensch doch niemals behaupten, dass seine Existenz und die Bewegung seiner Wahrnehmungen echte Wirklichkeit ist.
In weit zurückliegenden Zeiten konnte der Mensch noch keine Einzelheiten aus dem Ganzen herauslösen. Das Ganze selbst war ihm eben-sowenig bekannt wie auch uns. Doch nach und nach begann der Mensch Einzelheiten wahrzunehmen, die er früher in seiner Vorstellung nicht unterscheiden konnte. Diese vorgestellten Unterscheidungen wurden für ihn zum Kriterium seiner Bewertungen. Es entstand eine Vorstellung vom Ganzen, es entstand eine Idee. Entsprechen denn aber die unserer Vorstellung entsprungenen Bewertungen auch der Wirklichkeit? Was kann die Wissenschaft unternehmen, um die Wirklichkeit zu erfassen? Ist etwas das Zeichen DO3 ein unumstößlicher Beweis der Wirklichkeit?
Der Mensch glaubt an die Wirklichkeit und Echtheit blühender Felder, und wenn er ausgebildeter Botaniker ist, wird er sagen können: Dieses ist eine Nelke und nichts anderes. Für einen anderen bedeuten bestimmte Formeln diese oder jene Verbindung von Elementen der Materie. Für den Gelehrten sind solche Beziegungen die echte Welt. Derjenige aber, der die wissenschaftlichen Geheimnisse nicht kennt, kennt auch nicht die wirkliche Welt. Vom Standpunkt der Wissenschaft kann ein solcher Mensch nichts vollbringen, denn er sieht nicht die vielen Einzelheiten der zergliederten Welt, bestenfalls nur einen beschränkten Teil der Welt, entsprechend der Zahl der ihm bekannten Einzelheiten. Die Wissenschaft behauptet, dass derjenige, der die Formeln der von ihr zergliederten Welt nicht kennt, auch die Welt nicht kennt und darum weder etwas erfinden noch oder gar schaffen kann. Ich bin ein Nichts, wenn mir die in der Formel HO4 eingeschlossene Welt verborgen bleibt, ich gerate in eine furchtbare Lage, bin an Händen und Füßen gefesselt, wenn ich nicht in den Tempel der Wissenschaft gelange und dort vor den Priestern der Wissenschaft meine Dummheit und Unwissenheit bekenne in der Hoffnung, dass sie mir die wirkliche Welt über die Formel HO4 zeigen. Erst dann wird die Taube der Erleuchtung sich auf mich niederlassen, und ich werde die Welt und ihre Wahrheit erkennen.
Wenn ich mich in das Wesen der wissenschaftlichen Verwirklichung der Natur vertiefe, so überkommen mich Zweifel, ob die 'unumstößlich bewiesene', 'anschauliche' Wirklichkeit der Natur, dargestellt durch die Formel CD1, nicht bei weiteren Experimenten zweifelhaft werden könnte, dass das unteilbare echte CD1, doch in neue Einheiten zerfällt und so die Wirklichkeit sich in einen Nebel auflöst und sich in der Unendlichkeit verliert. Der Menge wird es aber kaum gelingen, die Welt des H3 zu begreifen, weil die Wissenschaft inzwischen eine neue Formel für die 'Wirklichkeit' gefunden hat. Die Allgemeinheit glaubt unerschütterlich an die Wirklichkeit der wissenschaftlich erkannten Welt, so unerschütterlich, wie etwa ein Christ daran glaubt, in den Himmel zu kommen.
Die Allgemeinheit ist fest davon überzeugt, dass man ohne Wissenschaft keinen Schritt tun kann. Sie bleibt aber trotzdem bei ihren häuslichen Verrichtungen, denn es ist schwer, in eine Universität zu gelangen, außerdem ist der Weg dornenvoll und voller Fallstricke.
Dornenvoll ist auch der religiöse Weg. Auch er soll zur Erkenntnis der Welt, der Natur führen. Nach der christlichen Lehre offenbart sich die Welt in drei Elementen: Gott-Vater, Gott-Sohn und Heiliger Geist, die eine unendliche Reihe von Erscheinungen erzeugen. Auch die Wissenschaft muß eine endgültige Zahl von Elementen feststellen, auf die sie die unendliche Reihe der Naturerscheinungen zurückführen kann.
Somit steht die Allgemeinheit vor den Formeln der Wissenschaft wie vor einem Teleskop. Da aber jeweils immer nur einer durch das Teleskop blicken kann, staut sich die Menge davor, und jeder wartet, bis er an die Reihe kommt. Das Observatorium aber ist klein und kann nicht die ganze Menge fassen. Darum bleiben in ihm nur wenige, die dann in periodischen Publikationen bekanntgeben, dass die ganze, von der Allgemeinheit aufgebaute Welt, in der sie lebt, nicht der Wirklichkeit entspricht und einer Kritik nicht standhält. Die durch die Formel D10 dargestellte Welt existiert überhaupt nicht, vielmehr drückt sich die Wirklichkeit ab sofort in der Formel H100 aus. Trotz dieser umwälzenden Erkenntnis stellt die Allgemeinheit aber fest, dass die Welt geblieben ist, wie sie seit jeher war, und sich in keiner Weise verändert hat. Das Wasser bleibt nach wie vor Wasser und ahnt nicht, dass es als wirkliche Realität nicht mehr besteht, sondern zu einer neuen Realität H2O geworden ist und dass überhaupt die bisher angenommene Realität der Dinge in eine neue Realität umfassenderer Formen übergegangen ist.
Die Wirklichkeit der Dinge und Erscheinungen können wir niemals erkennen. Wir kennen im besten Fall die vereinbarten Formeln und Zeichen, gleichsam als Schlüssel, mit deren Hilfe wir uns diesen oder jenen Beweis für wirklich Bestehendes verschaffen können, das heißt, den Beweis dafür, was niemals bewiesen werden kann. Ungeachtet dessen lenkt aber die Wissenschaft unentwegt das Schaffen der Massen und behauptet, dass ohne Kenntnis der von ihr festgestellten 'Wirklichkeiten' keine Handlung möglich sei.
Die Autorität der Wissenschaft ist groß, und auf dem Gebiet der gegenständlichen Erfindertätigkeit ist sie tatsächlich ein wichtiges Mittel, nur dass der größte Teil der Allgemeinheit dieses Mittel nicht begreifen kann.
Der Wissenschaft ist es bisher noch nicht gelungen, so weite Kreise der Allgmeinheit zu erfassen, wie es Religionslehren gelungen ist. Die Wissenschaft ist vermutlich in zu viele Spezialgebiete aufgeteilt. Es gibt keine alles umfassende Gesamtwissenschaft, die etwas so geschlossenes darstellen könnte wie etwa die Vorstellung von einem einigen Gott. Allerdings hat auch diese Vorstellung keinen größeren Wirklichkeitsanspruch, wie alle 'Beweise' der Wissenschaft.
Die Verbindung der Allgemeinheit zu Gott ist das Gebet, die Anbetung. Die Verbindung zur Wissenschaft wird aber verhindert durch die Vielfalt der Spezialgebiete. Jeder Gelehrte ist ein Spezialist für einzelne Naturerscheinungen. Da die Vielfalt der Erscheinungen endlos ist, ist auch die Vielfalt der Spezialgebiete endlos. Je mehr die Welt zergliedert wird, um so mehr neue Realitäten werden entdeckt, um so mehr Spezialgebiete entstehen.
Somit kann, bei endloser Entwicklung der Wissenschaft, seine solche Vielfalt von Spezialgebieten entwickelt, die Welt so zerstäubt werden, dass auf jeden Menschen irgendein Spezialgebiet entfällt, das er zu erforschen hat. Ein so eingeengter Spezialist wird dann nur noch ein mechanischer Teil eines ihm unbekannten Weltbaues sein, in dem ihm nur eine Funktion übertragen sein wird.Durch jeden erforschten Teil glaubt man, die Realität der Welt als Ganzes zu erkennen, wobei jedes erforschte Spezialgebiet eine Welt für sich wird, die man aber mit der Welt als Ganzem für untrennbar verbunden hält. Diese Verbindung wird für die wahre Verbindung der Weltbeziehungen gehalten, während sie in Wirklichkeit nur eine durch menschliche Assoziationen bedingte Verbindung ist. Daraus ergibt sich, dass jedes erforschte Spezialgebiet zu einer eigenen Welt wird, die sich niemals mit der wirklichen Welt verbinden läßt. Ein Mensch kann mit der von ihm erkannten Realität niemals Erscheinungen begreifen, deren Realität von einem anderen Menschen auf dessen Spezialgebiet erkannt wurde, Und selbst das, was von allen für eine unumstößliche Tatsache gehalten wird, wird von jedem anders aufgefasst und ausgelegt. Daraus wird klar, warum eine Entwicklung der Wissenschaft auf einem gemeinsamen Weg unmöglich ist.
Die Vorstellung von der Welt wird immer subjektiv sein, und die professionellen Zergliederungen, wie der gewaltsame Mechanisierungsprozess, bleiben für die Gesamtheit unklar. Die scheinbare Klarheit und Erkenntnis ergibt sich daraus, dass die Einzelheiten, die sie erkennen zu können glaubte, ganz und gar ihre Erfindung sind.
In der Natur gibt es sie nicht.
Selbstverständlich hat auch in der nichtwissenschaftlichen Allgemein-heit jeder seine eigene Vorstellung von der Welt, aber keiner kann mit Bestimmheit sagen, wie sich der andere die Welt wirklich vorstellt. Allerdings bestehen bestimmte Konventionen über die Einzelerscheinungen , an die sich eine ganze Gemeinschaft hält, wodurch
die Gemeinden oder Kollektive entstehen, die nach gemeinsamen vereinbarten Grundsätzen leben.
Eine solche Konvention ist zum Beispiel die Kunst im althergebrachten Sinne und der Beruf des Künstlers. Jeder Angehörige dieser Berufsgruppen ist nichts anderes als eine der vielen Funktionen im Weltbau, nicht einmal eine Persönlichkeit, sondern eine Maschine, der ein bestimmter Platz und eine bestimmte Funktion im Weltbau zugewiesen ist.
Der Berufsgruppe der Maler ist die Funktion zugewiesen, die Natur nach künstlerischen Gesichtspunkten darzustellen und zwar als Teil eines Weltbildes, das von einer besonders scharfsichtigen Persönlichkeit erkannt wurde. An sich hätte unter dieser Funktion eine einfache, lebendige Wechselbeziehung zwischen der Natur und dem Maler verstanden werden müssen, außerhalb aller gegenständlichen und professionellen Bezeichnungen.
Jedoch konnte der Mensch augenscheinlich nicht inmitten der Naturerscheinungen leben, ohne sie zu kennen und zu erkennen.
So wurde die Malerei wie auch jede andere menschliche Tätigkeit, lediglich ein Mittel, die Natur zu erkennen, anstatt ihre eigentliche Funktion zu erfüllen.
Der Mensch begann, jeder Erscheinung einen Namen zu geben in
dem Glauben, dass, wenn alles seinen Namen hätte, die Welt dem Menschen gleichsam vertraut würde. Mit der Registrierung der Funktion und der Beschreibung der Erscheinungen glaubte der Mensch, alle Geheimnisse der Natur gelöst zu haben.
Auch die Wissenschaft gab Dingen und Erscheinungen Bezeichnungen und schuf eine wissenschaftliche Registratur. Die Grenzen bestimmter Erscheinungen steckte sie ab, indem sie diese Erscheinung aus der namenlosen Einheit herauslöste. Nur so konnte sie, wenigstens in der Vorstellung, durch ihre Funktion klar und also fachlich verständlich wissenschaftlich begründet werden. Von diesem Augenblick an begann die wirkliche Welt als Ganzes, Unteilbares, zu verschwinden
— die Kultur begann, die zerstäubte Welt der scheinbaren wissenschaftlichen Begründungen und Differenzierungen. Es begann die Kultur der Zergliederung, die den Fachmann erzeugte, weil jedes erkannte Einzelgebiet irgend jemand anvertraut werden mußte. Da Einzelerkenntnisse aber keine ganze Wahrheit, Einzelteile keine Wirklichkeit ergeben, wurden mehrere Einzelerkenntnisse zu Gruppen zusammengefasst, in denen sich alle fachlichen Erkenntnisse zu einem Weltbild zusammenfinden sollen.
So auch die Malerei. Auch sie gab die Natur wieder und erfüllte damit die Funktion eines Weltbildes, indem sie Bezeichnungen der Einzelerscheinungen dieses Weltbildes für die Wirklichkeit ansah. Gleichzeitig wurde von ihr aber auch bewiesen, dass die Zergliederung nicht durch Versuche auf der Bildfläche vollzogen wird. Die Bildfläche wurde zur wirklichen Einheit der Natur, ihrer nicht von einander ge-trennten Einzelerscheinungen. Solche Beweise hätten dem Maler sagen müssen, dass er Erscheinungen nicht anders aufnehmen
kann als in völliger Verschmelzung, dass auf seinem Bild nicht eine funktionell-fachliche Ansicht, sondern ein Gesamt-Weltbild der Kunst entsteht. Er hätte erkennen müssen, dass es für ihn weder Form noch Rauminhalt gibt und es keiner wissenschaftlcihen Begründungen bedarf, dass die Welt für ihn in der ungeteilten Erregung besteht, die keinerlei Zergliederung unterliege. In diesem einheitlich Verbundenen besteht die Ganzheit des Weltbaues. Trotzdem gibt die Kunst nach wie vor Gegenstände wieder, indem sie Einzelheiten zusammenfasst, so dass für sie nur das Sichtbare, nicht aber die Wirklichkeit eine Rolle spielt. Somit ist es keine Malerei, sondern lediglich die Wiedergabe verschiedener Vereinbarungen. Der Maler beschränkt sich auf die Wiedergabe von Luft, Wasser, Himmel, Wiesen, Tieren, Portraits. Er spezialisiert sich, er beschäftigt sich mit dem, was es in der wirklichen Natur nicht gibt. Die Bildfläche selbst beweist ihm, dass in ihr nichts Echtes existiert, dass Luft, Wasser, Wiese, Portrait nichts anderes sind als Eindrücke seines zersplitterten Bewußtseins. Dieses muß der Maler wohl in guten Stunden fühlen, denn er setzt doch alle Kräfte ein, um die Wirklichkeit rein gegenständlicher menschlicher Beziehungen zu finden. Auch in ihm lebt, wie im gegenständlichen Dichter die Sehnsucht, die isolierten Teilchen zu erfassen und zusammenzufügen.
Dadurch wurde der Gegenstand zur Wahrheit, die Wahrheit aber zur Lüge, da man aus ihr die Wirklichkeit des Gegenstandes ableitete, obwohl alle Beweise zu der einen Wahrheit, zu der ungeteilten, der gegenstandslosen Natur hinführen.
Der Maler will die Wahrheit überwinden, will die Natur auf der Leinwand zum Leben erwecken, wie es auch in anderen Berufszweigen geschieht. Auch der Techniker strebt nach der Verwirklichung des menschlichen gegenständlich-praktischen Heils, ohne dazu fähig zu sein, ebensowenig wie der Maler die Luft auf seinem Bilde so verwirk-lichen kann, dass der Mensch sie atmen könnte. Immerhin hat der Maler die Zwecklosigkeit solcher Bemühungen erkannt, hat sich aber beruhigt und sich mit dem 'als ob' begnügt.
Wie die Natur als Gesamtheit keine Zahlen, keine Namen und keine isolierten Einzelerscheinungen kennt — dieses ist alles erst durch die Forschung in sie hineingetragen worden — so gibt es auch in der malerischen Wahrheit all dieses nicht. Der Maler stellt die Welt der Erregungen dar, ohne sie von der Weltwahrheit zu trennen. Die Wahrheit des Malers ist die untrennbare Verkettung und Verschmelzung. Sein wirklicher Realismus besteht nicht aus Licht, Luft, Wasser, Steinen, Beton, Kupfer, Eisen. Diese sind ja nur Realitäten der Allgemeinheit. Die Allgemeinheit sieht in dem Bilde alle aufgezählten Einzelerscheinungen, sie sieht Luft, Steine, Wasser; in Wirklichkeit befindet sich aber auf der Leinwand nur ein Material, die Farbe. Ist
das nicht ein Beweis dafür, dass auch alle anderen Wahrheiten der Allgemeinheit genauso entstehen, dass die Gesamtheit der Welt, die Weltwahrheit auch nur aus einem Stoff besteht und die scheinbaren Differenzierungen lediglich durch die geltenden Vereinbarungen entstehen? Vielleicht kann der Maler zum wahren Interpreten der Natur, der Wirklichkeit werden, wenn er in seiner Arbeit nichts anderes sieht als die Arbeit der wahren Natur, wenn er die Natur als gegenstandslose Erregung betrachtet und nicht als scheinbare Wirklichkeit. Sind vielleicht die Bestrebungen, Versuche und Experimente auf anderen Fachgebieten auch nur Schein? Ein Schein, der sich ebenso verflüchtigt, wie alle Versuche der künstlerischen Gestaltung sich auf der Bildfläche in der Konstruktion oder Komposition von Linien, Flächen, Rauminhalten und Gegenständen auflösen.

Alle Spezialgebiete, die durch diie wissenbschaftlich Zergliederung und die Klassifikation von Namen entstanden waren, sind keine Wirklichkeit, sondern nur Schein und sind niemals schöpferisch tätig. Die sogenannte Naturwissenschaft beschäftigt sich mit dem Umgießen der von ihr erkannten Elemente aus einem Reagenzglas in ein anderes. Sie hofft dabei, dass in irgendeinem der Reagenzgläser sich vielleicht ein Bodensatz findet, der die gesuchte Wahrheit ist, mit der alle Zweifel ein für allemal beseitigt werden können. Dem 'dunklen Volk' werden erstaunliche Erkenntnisse der Weltgeheimnisse gezeigt. Man zeigt zum Beispiel, dass erhitztes Wasser sich in Dampf verwandelt und dass die ziehenden Wolken also gar keine Wolken sind, sondern Wasser. Das 'unwissende Volk' hat so viele Jahre in der irrigen Auffassung gelebt, dass das, was am Himmel zieht, Wolken seien, und hat nicht gewußt, dass es gar keine Wolken sind, sondern H20
Für das 'unwissende Volk' ist die Welt dunkel und rätselhaft. Nichts ist ihm klar, obwohl am Tage die Sonne scheint und Nachts der Mond. Ich glaube aber, dass auch für die gesamte gelehrte Welt alles ebenso unklar ist und der menschliche Verstand wohl kaum fähig ist, die Welt endgültig zu erklären. Die Wissenschaft glaubte schon oft, die Welträtsel gelöst zu haben, im Endergebnis mußte aber immer wieder erkannt werden, dass die gefundene Lösung doch nicht die Wahrheit war. Wenn nun die Versuche der Wissenschaft so eindeutig beweisen, dass auf diesem Wege das Ziel, die Wahrheit, nicht zu erreichen ist, so wäre es doch sinnvoll, sich nach einem anderen Weg umzusehen. So wäre doch eine Lehre denkbar, die nicht versucht, die Klarheit oder die Dunkelheit der Wirklichkeit durch Bestimmung und Registrierung einzelner Elemente, aus denen die Naturerscheinungen bestehen, zu beweisen, wie das etwa in der Malerei ist. Die Natur besteht dort aus sechs Farben, die durch Mischung eine Unzahl von Farbtönen ergeben können, mit deren Hilfe die Natur auf diese oder jene Art dargestellt werden kann. Ob diese sechs Elemente nun klar sind oder dunkel bleiben, ob sie das Begreifen der Natur fördern oder nicht, das ist nicht ihre Sache, gehört nicht zu ihrer Funktion, wie es nicht die Funktion des Bewußtseins ist, die Natur zu erfassen.

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12. Zeichen


  Nehmen wir zum Beispiel einen Maler, der Tatsachen schafft. Sein Verstand sucht nicht nach wissenschaftlichen Erkenntnissen. In ihm wirkt nur eine Erregung von wechselnder Intensität. Es wirkt eine wechselseitige Beeinflussung. Seine Hand wird zum bloßen Mittel,
das unbewußt die Wellen der Erregung auf der Bildfläche aufzeichnet. Selbst dann, wenn die Grundlage des Gemäldes ein Gegenstand ist, bemüht sich der Maler, die gegebenen Formen als eine auf ihn ein-wirkende Kraft auszunützen, die ihn befähigt, seine Erregung auszu-drücken, das heißt, eine Wirkung auf die Umgebung auszuüben und sie zu beeinflussen. Darum kann auch ein gegenständliches Kunstwerk ein Kunstwerk sein, sobald in ihm nicht nur nackte Tatsachen wiedergege-ben werden, sondern auch die Tatsache des Malers. So wird aus zwei Tatsachen eine dritte. Die Errungenschaften der künstlerischen Kultur sind demnach nicht auf dem Wege der Erkenntnis einer wissenschaft-lichen 'bewiesenen' Welt erzielt worden, sondern über den unbewußten Rhythmus der malerischen Erregung.

Kunst und Wissenschaft sind zwei Bereiche, die sich in ihrem Wert gegenseitig in nichts nachstehen. Ein Künstler kann völlig ungebildet sein, trotzdem kann er für die Allgemeinheit auf einer sehr hohen Stufe stehen. Das beweist, dass auch 'Nicht-Wissenschaftliches' sehr wert-voll sein kann und dass die Grenze zwischen wissend und unwissend verwischt ist. Dieselbe Beobachtung kann man aber auch auf dem Gebiet der Wissenschaft machen: Ein Wissenschaftler, der auf seinem Spezialgebiet eine Kapazität ist, kann auf einem anderen Gebiet ein völliger Analphabet sein. Ein mehr oder weniger umfassendes Wissen kann man in einer Person nur in sehr seltenen Fällen finden, und diese Fälle werden um so seltener, je weiter sich das Spezialistentum ent-wickelt. Möglicherweise entwickelt sich das Spezialistentum auch ganz unbewußt, sozusagen zwangsläufig aus der Notwendigkeit, Spezialge-biete zu schaffen. weil die Welt als Ganzes nicht zu übersehen ist. Ich weiß etwas, was der andere nicht weiß, der andere weiß etwas, was ich nicht weiß, alle zusammen ergeben wir aber das, was man Wissenschaft nennt.
Noch eine Frage taucht auf, die Frage nämlich nach einem System, das mich von allen Fesseln bei meinen Handlungen befreit, und nicht nur mich, sondern auch die ganze Menschheit. Denn bisher sind doch immer nur die Möglichkeiten einer äußeren Freiheit gezeigt worden, deren Verwirklichung immer wieder auf eine spätere Zukunft verscho-ben wird. Vielleicht wird uns aber die Zukunft ebenso betrügen, wie die Vergangenheit uns betrogen hat, und wie wir eben jetzt betrogen werden. Aber wir hoffen immer noch, dass die Zukunft uns doch noch von unseren Leiden befreien wird. Religion, Wirtschaft, Wissenschaft hoffen, dass alle ihre Mühe bezahlt und die praktische Vollkommenheit erreicht werden wird.
Unter schöpferischer Tätigkeit verstehe ich die freie Äußerung, eine Tätigkeit, die keine Fragen aufwirft. Fragen gehören zum Gebiet des Erfinders und nicht des Schaffenden. Freiheit kann es nur dort geben, wo es keine Fragen und keine Antworten gibt, was aber nicht bedeutet, dass es auch kein Wirken gibt. Die Frage der Freiheit ist eine Frage der ganzen Allgemeinheit, sie ist die Grundvoraussetzung für jede schöpferische Äußerung. Das Problem der Freiheit ist aber noch nicht gelöst. Das Volk gerät aus einem System in ein anderes und versucht immer wieder, in dem jeweiligen System die Freiheit zu finden, und zwar nicht eine Massenfreiheit, sondern eine persönliche Freiheit.
Die vorstehend behandelten Wege der Entwicklung von Persönlich-keiten erlauben es nicht, aus einem gefundenen System wieder her-auszuspringen. Wer den Versuch wagt, wird sofort von dem System zermalmt. Möglicherweise gibt es die ersehnte Freiheit überhaupt nicht, vielleicht ist sie nur ein unerfüllbarer Traum des gegenständ-lichen Bewußtseins, für das es nur die ewige Abhängigkeit gibt. In
einer meiner kritischen Abhandlungen über die Freiheit äußerte ich
den Gedanken, dass die Allgemeinheit sich solche Lebensumstände schaffen sollte, in denen jede Persönlichkeit sich unabhängig ihre eigenen Lebensumstände schaffen könne und die Summe aller dieser Lebensumstände dann den Staat bilden würde. Ich habe dabei darauf hingewiesen, dass von Künstlern geschaffene Kulturwerte ja Manifesta-tionen solcher eigenen Lebensformen frei schaffender Künstler seien, die, in Museen vereinigt, die künstlerischen Werte eines Staates bilden.
Um aber eine solche Freiheit zu erlangen, ist es notwendig, alle ein-schränkenden Umstände zu beseitigen. Alle müssen zur schöpfer-ischen Tätigkeit, das heißt zur Gegenstandslosigkeit gelangen, in der es weder Fragen noch Antworten gibt. Bleiben wir aber in unseren gegenständlichen Vorstellungen, so bleiben wir in der Gewalt vergäng-licher gegenständlicher Vollkommenheiten.
Ein Erfinder ist immer Sklave aller praktisch-gegenständlichen Forder-ungen. Er verbrennt manchmal in den Fesseln dieser Forderungen, ohne sein Ziel zu erreichen, seine Bemühungen scheitern an den gegenständlichen Beziehungen.
Die schöpferische Tätigkeit aber kennt keine Begrenzungen, keine Schranken. Sie ist in ihren Werken wie das Universum grenzenlos und kann daher zum 'Nichts', zur 'ewigen Ruhe' gelangen.
Daraus ergibt sich, dass das Problem der Freiheit nur in der Gegen-standslosigkeit gelöst werden kann, während die gegenständlichen Voraussetzungen nur Mittel zur Erforschung der Kultur der Allgemeinheit sind.
Das Ziel der Allgemeinheit ist die Kultur der wissenschaftlichen Er-kenntnisse. Eine Solche Kultur ist ein sehr seltsames Ziel: Ein Ziel nämlich, das niemals erreicht werden kann. Was kann denn die All-gemeinheit auch schon kultivieren, außer ihren praktischen Gegen-ständen, deren kulturelle Bedeutung dazu noch zeitbedingt ist? Ist die Natur, der Quell aller menschlichen Weisheit, etwa kultiviert? Vielleicht kennt die Natur gar keine Weisheit in dem von der Allgemeinheit angenommenen Sinne. Gibt es in der Natur Erscheinungen, die zu einer Bewertung 'weise' oder 'nicht-weise' berechtigen? Meiner Ansicht nach gibt es sie nicht. Wenn sich überhaupt Unterscheidungen im kulturellen Sinne bei einzelnen Erscheinungen feststellen lassen, dann doch nur in dem gleichen Sinne, wie wir sie etwa bei der Beurteilung verschiedener Geschwindigkeiten feststellen. Wir stellen Unterschiede fest, indem wir verschiedene Dinge in Beziehung bringen. Zum Bei-spiel ein Haus und die sich auf der Strasse bewegenden Menschen, Wagen oder Tiere führen zu der Feststellung, dass sich diese Dinge in verschiedenen Bewegungszuständen befinden. Wir sind von der Ver-schiedenheit dieser Bewegungszustände überzeugt, in Wirklichkeit ist aber jeder Unterschied nur Schein, der sich nur dann ergibt, wenn ein Haus und sich bewegende Dinge vorhanden sind. Fehlen die Ver-gleichsmöglichkeiten, so lassen sich keine Unterschiede feststellen.

Die Kultur setzt sich aus Konventionen und Fiktionen zusammen und nicht aus Wirklichkeiten. Diese Konventionen muß man kennen und sie einhalten, wenn man etwas 'kultivieren' will, und das allein schränkt schon die Freiheit unseres Handelns ein, es erzeugt die Feigheit vor großen Taten, die Angst, anvertrautes Material zu verderben, und so weiter. Die große Masse wagt es nicht, an die Lösung großer Pro-bleme heranzugehen, aus Angst, dass sie ohne wissenschaftliche Vorbildung nichts ausrichten könnte. Dabei hat sie doch ständig die Natur, diesen unerschöpflichen Quell aller Weisheit, vor sich, die so gewaltige Dinge vollbringt ohne jede wissenschaftliche Vorbildung, ohne Erfinder, ohne einen Stab von Ingenieuren, ohne Arbeiter,
Bauern und Intelligenzler.
Natürlich ist es für die Allgemeinheit jetzt schwer, nach wissenschaft-lichen Grundsätzen eins zu werden mit ihrer Lehrmeisterin, der Natur. Sie hat den Anschluß an das organische Wachstum verloren und ist dem wissenschaftlichen Medizinmann ausgeliefert. Eine Befreiung von allen Medizinmännern und Reformatoren scheint mir nur noch möglich über die Gegenstandslosigkeit, die der Suprematismus verkündet. Er steht außerhalb aller Probleme, Fragen und Antworten. In ihm haben alle Probleme und Fragen ihre Endlösung gefunden. Der gegenstands-lose Suprematismus ist der Null-Punkt aller Beweise für kulturelle Erscheinungen.
Das menschliche Bewußtsein vermag auch ohne wissenschaftliche Forschung einzelne Merkmale zu unterscheiden. So können zum Beispiel über den Tastsinn durch Berührung Empfindungen ausgelöst werden. Diese Tatsache beweist anschaulich, dass im Menschen Gefühle leben, die eine Verschiedenheit der Dinge feststellen können. In diesem anschaulichen Falle handelt es sich zwar um unmittelbare Empfindungen, nicht aber um unmittelbare Erkenntnisse, denn der Mensch kann nicht ohne weiteres erkennen, womit sein Körper in Berührung gekommen ist. Dieses kann er nur, wenn er entsprechende Erfahrungen gesammelt hat.
Als Beweis für das Gesagte kann meiner Ansicht nach ein Gemälde angesehen werden. Es bestätigt die Erfahrung, dass das, was wir wahrnehmen und fühlen, in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Wir nehmen in einem Gemälde Raum, Entfernungen, Gewichte anschei-nend ganz eindeutig wahr, in Wirklichkeit kann man aber zum Beispiel den Raum nicht umfassen. Man sagt ja auch, dass ein Gemälde nur den E i n d r u c k von Raum, Entfernung, Gewicht vermittelt. Dann drängt sich aber auch die Frage auf, ob alles, was wir für Wirklichkeit halten, nicht auch nur Eindruck ist, ob das, was wir für Raum und Dimension halten, auch tatsächlich Raum und Dimension ist. Ungeachtet dieser berechtigten Zweifel vertieft die Allgemeinheit in ihrem Bewußtsein immer mehr die Vorstellung von Raum und Dimen-sion. Diese Vorstellung ist aber durchaus nicht für alles Lebende ein-heitlich, und sogar dem Menschen ist eine klare Vorstellung von dem Begriff 'Dimension' nicht ohne weiteres gegeben. Ich denke, dass der frühe Mensch solche Vorstellungen noch gar nicht kannte. Er war ein reines Wesen in natürlichem Zustande, das keine Unterscheidungen kannte. Dann tauchten die Dimensionen auf. Erst zwei, dann drei, alles als Ergebnis einfacher Vorstellungen, die aber nur eine relative Gültig-keit haben. Da Relatives aber nicht greifbar, nicht wirklich da ist, so sind alle Dimensionen nicht wirklich, sondern Eindrücke.
Diese Schlußfolgerung wird meiner Ansicht nach durch die Bildfläche voll bestätigt: Weder zwischen Vordergrund und Horizontlinie, noch zwischen Boden und Wolken ist irgendeine Dimension feststellbar. Der Maler selbst ist aber vollkommen davon überzeugt, dass der räumliche Eindruck durchaus besteht. Erst waren die Künstler überzeugt, dass es zwei Dimensionen gibt, dann drei, und heute beginnen sie schon, an die vierte Dimension zu glauben, und sind überzeugt, dass sie auch die Zeit mit in ihre Bildfläche einbeziehen können. In ähnlicher Weise ist auch die ganze gelehrte und ungelehrte Allgemeinheit davon überzeugt, dass ihre Leitsätze für alles, was in der Welt besteht, ihre Geltung haben. Bei der Betrachtung der wissenschaftlichen und sonstigen 'Beweise' stellen wir fest, dass der Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft sich immer mehr festigt, und daß die Wissenschaft ihrerseits in immer steigendem Maße für sich das Recht in Anspruch nimmt, sich in alle Lebensbereiche einzumischen. Ein Teil der Menschen und der Künstler ignoriert zwar die Wissenschaft, ein weit größerer aber neigt zu allen möglichen 'wissenschaftlichen Begründ-ungen' und will das Licht der Wissenschaft in bisher dunkle Bereiche des künstlerischen Schaffens bringen. Man kann ja auch nicht sagen, dass die gegenständliche Kunst nicht bis zu einem gewissen Grade wissenschaftlicher Erkenntnisse und Theorien bedarf. Die gegen-ständliche Kunst konnte ja keinen Schritt tun ohne die Wissenschaft: Die Inspirationen waren eingeengt durch die wissenschaftlichen Gesetze der Perspektive, der Anatomie, der geschichtlichen Tradition und so weiter. Dieselben Künstler aber behaupten in bezug auf die Neue Kunst, dass sie eine reine Verstandeskunst sei und daher unfrei in ihrer unwissenschaftlichen Inspiration. Meiner Ansicht nach aber ist die Inspiration, oder richtiger, die Freiheit der Erregung, nur in der Gegenstandslosigkeit zu verwirklichen, in der es keine Gesetze gibt, durch die die freie Entfaltung gehemmt werden könnte. Es ist möglich, dass die neue Bewegung in der Malerei zu neuen Forschungsergeb-nissen führen und eine neue Wissenschaft von der Kunst ins Leben rufen wird, aber diese Wissenschaft wird zur Kunst die gleiche Beziehung haben wie zur wirkenden Natur, das heißt das Schaffen
des Künstlers bleibt, wie das der Natur, unbeeinflußt von jeder Wissenschaft.
In der Gegenstandslosigkeit ist die innere Erregung frei von allen Vor-bildern des praktischen, gegenständlichen Realismus. Die Gegen-standslosigkeit beschäftigt sich nur mit der Wirklichkeit und befreit den Maler von allen gegenständlich-praktischen Vorbildern. Das Schaffen des gegenstandslosen Künstlers ist elementar. Er spürt, dass er voll-kommen unabhängig, dass sein Wille frei wird, richtiger: Dass er frei von jedem 'Wollen' wird.Er kennt kein wollendes 'Ich' außerhalb aller anderen Erscheinugen. Die Gesetze der Perspektive, der Anatomie und so weiter werden für ihn absurd, sinnlos, im Gegensatz zu den Malern, die noch an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft glauben und der technischen Irrlehre vertrauen, die da behauptet, unsere Augen könnten sehen, unser Bewußtsein erkennen, unsere Hände greifen und unsere Füße uns bewegen. Diese Maler verbauen sich durch ihr 'Wollen' den Weg zur Freiheit des Schaffens, zumal dieses 'Wollen' ja von den Gesetzen, der jeweils herrschenden Idee, der Moral und der Ethik der Allgemeinheit abhängt.
Das Wollen der Maler hat sich allerdings so sehr an alle Konventionen gewöhnt, dass sie nichts anderes mehr kennen und den Zwang gar nicht mehr empfinden. Sie werden gar nicht mehr gewahr, dass ihr Wollen ein 'Müssen' ist, das ihnen von den wissenschaftlichen und praktischen Konventionen aufgezwungen wird. Sie haben weder die reine Kunst noch die reine Wissenschaft erfasst und sträuben sich gegen deren reine Erkenntnisse im Namen der gegenständlich-praktischen Futtertrog-Ideologie der Allgemeinheit.
Der gegenstandslose Künstler lehnt auch das gegenständliche Buch ab. Er glaubt ihm nicht, wie er der praktisch-gegenständlichen Wissen-schaft nicht glaubt. Für ihn ist diese nichts weiter als als eine interes-sante, kurzweilige Kombination von verschiedenen Elementen, die diese oder jene Wirkung hervorrufen können. Er glaubt nicht, dass die Wissenschaft oder das Buch die einzigen Lichtquellen sind, die den 'wahren' Weg beleuchten, dass sie überhaupt die Wahrheit kennen. Er glaubt nicht, dass ein Mensch, der die Wissenschaft kennt, damit den wahren Weg seiner Entwicklung und seiner Handlungen finden kann.
Der gegenstandslose Künstler aber stellt die ganz allgemeine Frage: Gibt es Wege, und wohin führen sie den Menschen? Gibt es ein Buch als Lichtquelle, das uns die Erleuchtung aller dunklen Stellen garantiert, und gibt es dunkle Stellen, die erleuchtet werden könnten?
Der gegenstandslose Künstler kennt keine Unterscheidungen von 'hell' und 'dunkel', weiß nicht, ob etwas zum Licht oder zur Finsternis hin-strebt. Auch die Natur kennt keine Unterscheidungen von Licht und Finsternis. Sie wird nicht dümmer in der Finsternis und nicht klüger
im Licht. Alle Unterscheidungen dieser Art sind ausschließlich gegenständlich-praktische Buchweisheiten.
Die Wissenschaft weist uns Wege, während sie selbst im ganzen Universum keinerlei Wege feststellen kann. Sie weiß nicht, woher alles kommt, wohin es geht und welchem Zweck alle Bewegungen dienen, ja, sie weiß nicht einmal, ob sie überhaupt einen Zweck verfolgen.
Die Wissenschaft, wie überhaupt alles im gegenständlich-praktischen Bereich, kann sich nur entfalten, weil es ein Relativitätsprinzip gibt. Würde dieses ausgeschaltet, so würde der ganze gegenständlich-praktische Realismus zusammenbrechen. In ihm würde dann alles verschwinden, was sich in unserem Bewußtsein an Vorstellungen angesammelt hat: Die Sterne würden verblassen, der Himmel würde einstürzen. Das Relativitätsprinzip besteht nicht im Weltall, denn dieses ist gegenstandslos in seiner Ausgewogenheit. Das Relativitätsprinzip ist ein rein gegenständliches Hilfsmittel. Es wurde geschaffen, weil die Welt der Gegenstände ganz offensichtlich nur nach diesem Prinzip erkannt werden kann, nicht aber als Wirklichkeit.
Das gegenständlich eingestellte menschliche Bewußtsein muß immer wieder betonen, dass der Mensch über einen gesunden Verstand ver-füge, klug und seiner selbst bewußt sei. In der Natur aber, im Weltall,
ist alles unbewußt, blind, ohne erkennbaren Sinn seiner Unendlichkeit. Bewußt wird die Natur nur im Menschen. Die Erkenntnis der Natur ist nur möglich, wenn man ihre Ganzheit zerstört und Teilerscheinungen zueinander in Beziehung bringt. Eine bestimmte Summe von Sinn-losigkeiten soll dann einen Sinn ergeben, das heißt, eine ungefähre Realität.
Eine solcher Realitäten ist der Gegenstand, den das Bewußtsein ge-schaffen hat. Dabei weiß aber das Bewußtsein im Grunde genau, dass aus Einzelerscheinungen noch keine wirkliche Realität entstehen kann, dass das Bewußtsein gar nicht fähig ist, Realitäten zu erkennen. Trotz-dem hält das Bewußtsein am wissenschaftlich-praktischen Realismus fest und baut eine wissenschaftliche Welt auf aus Teilen einer zertrüm-merten Ganzheit, im Vertrauen darauf, dass eine so aufgebaute Welt die echte, wahre Realität sei.
Die erforschten Einzelerscheinungen ordnet das Bewußtsein in seine Erkenntnisse ein, und es entsteht ein neuer Weltbau, entsprechend der Idee, der Weltanschauung.
Die Idee des Sozialismus ist die äußerste Grenze des menschlichen gegenständlich-wissenschaftlichen Realismus. Für den Sozialismus ist die Welt auf dem praktischen Produktions-Prinzip aufgebaut. Dahin führten, scheinbar naturnotwendig, alle Bestrebungen aller Ideen. Nur die Kunst macht hier eine Ausnahme. Allerdings bleibt noch ein Teil der Künstler unter dem Einfluß des gegenständlichen Realismus, auf dem gegenständlichen Wege, ein anderer aber ist zum wahren Wesen der Kunst, der Gegenstandslosigkeit, vorgestoßen. Unbeirrt durch irgend-welche 'logischen' Beweise der Allgemeinheit, dass der Künstler natürlich sein und den praktisch-gegenständlichen Realismus wider-spiegeln müsse, gingen sie den Weg der Gegenstandslosigkeit und warfen alle Argumente der Allgemeinheit über den Haufen.
Die neue Bewegung wurde vom Kubismus eingeleitet. Er zerstörte die Idee des Gegenstandes. Indem er Malerei konstruierte, schuf er ein neues malerisches Bewußtsein. In ihm erschienen bereits die ersten Anzeichen der gegenstandslosen Malerei. Der Kubismus öffnete der gesamten künstlerischen Welt die Türen zur Unabhängigkeit, zur Be-freiung vom Regime der Allgemeinheit. In ihm offenbarte sich tatsäch-lich das eigentliche Wesen der Malerei. Die wütenden Ausfälle der All-gemeinheit gegen den Kubismus sind durchaus folgerichtig, denn er zerstörte tatsächlich die vom praktischen Realismus aufgebaute ge-genständliche und ästhetische Ordnung, auf der die ganze Kultur, der ganze Geist der gegenständlichen Lehre aufgebaut ist. Wie könnte die Allgemeinheit den Kubismus nicht bekämpfen, da sie doch überzeugt ist, dass die Gegenständlichkeit des praktischen Realismus das wahre Sein sei. In ihr erkennt sie die Freiheit und den Fortbestand ihres Lebens. Auch der gegenständliche Künstler denkt so. Er glaubt, dass es sein freier Wille sei, das Sein widerzuspiegeln. Er empfindet nicht die vom Gegenstand gesetzten Grenzen, die Notwendigkeiten und den Zwang. Er erkennt nicht, dass allein die Gegenstandslosigkeit die Freiheit bringt.
Der Mensch hat den frevelhaften Ehrgeiz, mit Hilfe seiner Wissenschaft Gott die Allmacht zu nehmen. Er will diese Allmacht sich unterwerfen und sie nach seinem Gutdünken lenken. Die Natur kennt aber kein 'Woher' und 'Wohin', und so kann der Mensch seinen Willen lenken, wohin er will, die Natur aber wird sich nicht lenken lassen. Alle seine 'Beweise', dass jede Richtung ihr 'Woher' und 'Wohin' haben müsse, sind genauso haltlos wie die Vorstellung von 'Oben' und 'Unten'.
Die gegenständlichen Künstler bestreiten empört, dass die neuen malerischen Gebilde der Natur viel näherstünden als die ihren, und bezeichnen die neue Richtung in der Kunst als widernatürlich. Der neue malerische Aufbau kennt auch nicht die Vorstellung von 'Oben' und 'Unten'. Auch das empört die Allgemeinheit, obwohl sie es gleichzeitig widerspruchslos hinnimmt, dass der Aufbau unseres Erdballes auch kein 'Oben' und 'Unten' kennt, und es gibt in ihm vor allen Dingen nicht das, worauf unsere gesamte Welterkenntnis aufgebaut ist — die Relativität!
Der Künstler mußte zu der Erkenntnis kommen, dass alle seine Ver-suche, die sichtbare Wirklichkeit malerisch aufzubauen, Versuche am untauglichen Objekt waren, dass alle Erscheinungen der Natur in ihrem Wesenskern unfaßbar bleiben und dass alle seine Bemühungen unaus-weichlich zur Gegenstandslosigkeit führen.
Bei der Beobachtung der Entwicklung der Kunst bin ich zu der Über-zeugung gekommen, dass sich die Lehre von der Gegenstandslosig-keit gegenüber der Gegenständlichkeit durchsetzen wird. Wenn ich hier von Kunst spreche, so im Sinne der allgemein üblichen gegenständ-lichen Kunst, von der Phase, in der sie zur gegenständlichen Vorstel-lung abgesunken war und erst dadurch zur 'Kunst' wurde, dass sie ihr eigentliches Wesen aufgab. In der weiteren Entwicklung, bis an die Grenze der Gegenstandslosigkeit, muß das Wort Kunst durch neue Bezeichnungen ersetzt werden, denn je weiter sie zur Gegenstands-losigkeit vordringt, um so mehr verliert sie ihren gegenständlich-praktischen Sinn. In der Gegenstandslosigkeit kann also nicht mehr
von Kunst im althergebrachten Sinne gesprochen werden, weil man in ihr die Wirklichkeit nicht mit dem Dargestellten vergleichen kann. Die Allgemeinheit bewertet aber Kunstwerke nur nach der Genauigkeit der Wiedergabe vertrauter Gegenstände und Erscheinungen und will nicht wahrhaben, dass Kunst, die diese Bezeichnung verdient, nichts mit der genauen Wiedergabe von 'Tatsachen' zu tun hat.

Der Wesensinhalt des Suprematismus ist die Ganzheit gegenstands-loser, naturbedingter Erregungen ohne Ziel und irgendwelche Zweck-bestimmungen. Doch das bedeutet nicht, dass das gegenstandslose Wirken nicht auch Formen für die Allgemeinheit finden wird. Im Gegenteil, die suprematistische Gegenstandslosigkeit ermöglicht gigantische Schöpfungen, ähnlich den Schöpfungen der Natur, wie Berge, Täler und so weiter. Die Natur kennt in ihrer Gegenstandslosig-keit keine Grenzen, ebenso auch der Suprematismus, der dadurch die freiesten Schöpfungen der inneren Erregung ermöglicht. Er ist frei von Vernunft, diesem untauglichen Hilfsmittel, das nicht fähig ist, irgend-etwas zu erkennen oder zu schaffen, weil es ewig in der Gewalt von Erscheinungen und deren Ursachen ist. Um zur Erkenntnis der Dinge zu kommen, hat die Allgemeinheit eine Vielfalt verstandesmäßig er-zeugter Hilfsmittel geschaffen und sich dadurch jeder Freiheit der Handlung beraubt. Das Bewußtsein der Allgemeinheit ertrinkt in Fragen, auf die es keine befriedigenden Antorten findet. Die Fragen aber strömen, wie FLüsse im Frühjahr, alle Hindernisse hinwegspülend und das Bewußtsein in den Strudel neuer Fragen hinreißend. In der Gegenstandslosigkeit lösen sich aber alle diese Fragen in nichts auf.

Der Suprematismus hat sich nicht nur außerhalb der gegenständlichen Kunst gestellt, sondern auch außerhalb jeglicher Erfindung.
In ihm läßt sich nichts erfinden oder bauen. Er ist frei von allem Streben nach Vollkommenheit, das das Leben der Allgemeinheit in Bewegung hält. Der Suprematismus kann auch nichts übernehmen, weder von der Vergangenheit, noch von der Zukunft, da diese Begriffe ja nur im ge-genständlich-praktischen Realismus das Bewußtsein lenken.

Im Suprematismus kann das Bewußtsein nicht gelenkt werden, da in ihm kein Bewußtsein ist, wie auch in der Natur, diesem 'Quell aller menschlichen Weisheit'.

Die Kristallisierung der Gegenstandslosigkeit beginnt da, wo die ge-genständliche Welt ihre Bedeutung verliert. In der Malerei und Plastik hat die Kristallisation mit dem Kubismus begonnen. In ihm offenbarte sich in steigendem Maße die Überflüssigkeit des Gegenstandes. Er wurde verdrängt von der malerischen Symmetrie, die die bisherige Gesetzmäßigkeit der praktischen Symmetrie zerstörte. Dieses ist
aber nur als erstes Stadium zu betrachten, in dem die praktische Einheit zerstört wird und eine neue Ordnung der malerischen Einheit geschaffen wird. Den Kubismus kann man aber noch nicht zur Gegen-standslosigkeit rechnen. In ihm findet nur die erste Verschiebung im Bewußtsein in der Richtung auf die Gegenstandslosigkeit statt.
Das Bewußtsein des Kubisten ist noch in den Elementen des Gegenständlichen befangen. Es bringt diese nur in eine neue malerische Ordnung. Im Kubismus ist noch zwangsläufig der menschliche Verstand beteiligt, in ihm leben noch Elemente
der gegenständlich-praktischen, wissenschaftlichen Ordnung.

Die malerische Gegenstandslosigkeit kann eine ästhetische Kon-struktion sein, wenn es um die Übereinstimmung der Farben geht,
sie kann aber auch — wie im weißen Suprematismus — einfaches Wirken außerhalb ästhetischer Gesetze sein.
Das gegenstandsgebundene Bewußtsein vieler Neuerer unter den Künstlern konnte sich keine Gegenstandslosigkeit vorstellen, blieb naturgemäß auf dem wissenschaftlich-gegenständlichen Wege und kehrte so wieder zum praktischen Gegenstand, das heißt zum Aus-gangspunkt zurück. Sie blieben in der gleichen Kunst, die sie vorher entschieden bekämpft hatten. Sie waren zu der Ansicht gekommen, dass die Gegenstandslosigkeit das Leben ausschalte, übersahen dabei aber, dass man die Natur nicht als leblosen Zustand bezeichnen kann, nur weil sie gegenstandslos ist, weil in ihr kein praktischer Sinn, kein praktisches Ziel zu erkennen ist. Im gegenstandslosen Wirken hört man nicht den Streit der Unterschiede, es vollzieht sich in dynamisch-em Schweigen, das man auch Rhythmus nennen kann, das heißt ein Zustand, in dem keine Unterschiede in Widerstreit zu einander stehen, alles ist rhythmisch, übereinstimmend und zusammenhängend, Rhyth-mus als Einklang der Vielfalt.
Wo aber Unterschiede hörbar werden, da ist kein Rhythmus, und der Komponist muß bemüht sein, alle Unterschiede einem Rhythmus unterzuordnen, so viele streitende Töne in seinem Werk auch sein mögen. Sein Werk wird erst dann musikalisch vollendet sein, wenn
die Verschiedenheiten der Töne sich in einem Rhythmus auflösen. Rhythmus ist aber kein Ton, den man mit dem Ohr hören könnte. Für den Rhythmus gibt es kein Spezialohr, sondern ich als Ganzes muß ihn aufnehmen, ihn empfinden. Darum ist der Rhythmus nicht nur in den Tönen, sondern auch im lautlosen Schweigen. Dieser Rhythmus ist auch nicht nur in den Geigen , Posaunen und Pauken eines Orchesters, sondern ebensogut auch in der Bildfläche des Malers, wo die farbigen Unterschiede sich in der Einheitlichkeit malerischer Rhythmen ver-lieren. Im weißen Suprematismus, in dem es keine Unterscheidungen mehr gibt, kann man auch keine Unterscheidungen ausgleichen. Sogar durch Rhythmus kann man sie nicht zu neuen Symmetrien ordnen. Man kann ihnen auch keine andere Ordnung geben als die des Weltalls. In der Natur hat es niemals etwas Rhythmisches oder Unrhythmisches gegeben im Sinne eines chaotischen Zustandes. Hieraus könnte man schließen, dass auch die Musik einen gegenstandslosen Tastsinn für Töne hat. Bei der Bemühung, Unterschiede auszugleichen, können diese Unterschiede sich möglicherweise im Komponisten zu einer Form verbinden. Das wäre aber schon ein Merkmal der Gegenständ-lichkeit, denn es hat etwas Gestalt angenommen. Dort aber, wo es keine Unterschiede gibt, wo Schweigen herrscht, liegen Anzeichen der weißen Gegenstandslosigkeit vor.
Eine Blume kann nach ihrem äußeren Bilde als eine bestimmte Art bestimmt werden. Die Merkmale ihrer Besonderheit liegen aber nicht nur in ihrem äußeren Bild, sondern sind bereits im Samenkorn ent-halten. Die Allgemeinheit erkennt allerdings im Samenkorn noch nicht die Blume, vor deren Anblick sie in Begeisterung gerät. Ähnlich wie die Blume kann es auch der Kunst ergehen: Die Allgemeinheit erkennt die Malerei nicht in ihrer veränderten Art. Die neu Art entwickelt sich ähn-lich wie das Samenkorn, obwohl der Gegenstand in ihr fehlt. Das fehlende Verständnis für die Neue Kunst ist darauf zurückzuführen, dass die im gegenständlich-praktischen Denken befangene Allge-meinheit gewohnt war, das Kunstwerk wie einen Strauß gepflückter Blumen zu betrachten. Aber nicht nur die Allgemeinheit, auch ein großer Teil der Künstler war und ist überzeugt, dass sie tatsächlich
wie die Blumen seien, die mit ihrer Schönheit und ihrem Duft die Gemütlichkeit des menschlichen Lebens vollenden. Sie glauben,
dass sie mit ihren Werken den Ansprüchen der Allgemeinheit genügen müßten. Künstler dieser Art haben eben noch nicht begriffen, dass mit der Kunst inzwischen etwas geschehen ist, was zur völligen Loslösung von allem Gegenständlichen hinführen muß. Mag alles Gegenständliche sich weiter entwickeln zu neuen Vollkommenheiten — die Neue Kunst ist in die Gegenstandslosigkeit hinausgetreten!
Die Allgemeinheit hält die Steigerung der gegenständlichen Vollkom-menheiten für das einzig erstrebenswerte Ziel. Sie glaubt, dass sie das Glück auf Erden erreicht hat, wenn sie den ganzen Wald zu Möbeln verarbeitet, den ganzen Granit zu Bauten verbaut, das ganze Gold zu Ringen umgeschmiedet hat. Die Natur aber wächst und wächst und kennt kein Ende. Jedoch auch der Eifer der Allgemeinheit kennt keine Grenzen. Aber schließlich kann man ja nicht den ganzen Erdball zu-sammenkratzen, nicht das ganze Wasser aus den Meeren schöpfen und nicht alles erfinden. Somit gleicht der gegenstandsbezogene Mensch einem Verrückten, der sich abmüht, alle Schätze der Erde
in seine Tasche zu stecken, und zu diesem Zweck an ihr herumbastelt mit allen möglichen Sägen, Feilen und sonstigen Geräten.
Die Natur selbst weiß gar nicht, was in ihr Wert oder Unwert ist. Unbeiirt läuft sie weiter in ihrer Gegenstandslosigkeit, ohne Ermüdung, Arbeit und Schweiß zu kennen. Sie kennt auch keine Höhe, von der sie herabstürzen, kein Meer, in dem sie ertrinken könnte. Sie kennt nichts von den Ängsten, Sorgen, Zielen, Ideen der Menschheit.
Die Allgemeinheit sucht auf allen ihren Wegen nach Werten.
Womit sich auch der Mensch auf einem dieser Wege beschäftigen mag — sein Endziel ist immer die Schaffung von Werten.
Nur ein Weg macht hierin eine Ausnahme: Der Weg des Künstlers. Natürlich nicht des Künstlers, der die von der Allgemeinheit aner-kannten Werte in seinen Werken verherrlicht, sondern der Weg jenes Künstlers, der diese Werte nicht kennt oder nicht anerkennt. Künstler dieser Art werden von der Allgemeinheit allerdings abgelehnt, weil in ihren Werken die gegenständlichen Werte nicht wiederzufinden sind. Wenn die Neue Kunst überhaupt etwas sichtbar machen will, dann bestimmt nicht die landläufig anerkannten Werte. Bisher wurde die Kunst lediglich als ein Anhängsel in dem allgemeinen Kulturbetrieb angesehen. Die Künstler beschränkten sich darauf, die praktischen oder religiösen Ideen wiederzugeben. Nur in dieser Tätigkeit sahen Künstler und Allgemeinheit Sinn und Wert der Kunst. Und heute macht sich in immer steigendem Maße die Tendenz bemerkbar, die Kunst noch mehr als bisher in den Dienst des technisch-praktischen Rea-lismus zu stellen. Selbst die religiösen Werte werden zurückgedrängt, indem man behauptet, die religiöse Kunst wäre durch naturwissen-schaftliche Beweise widerlegt. Dadurch wird die Verschmelzung der dreieinigen Kultur — Kirche, praktische Technik, Kunst — gesprengt. Die Religion ist herausgedrängt und versucht, einen eigenen abge-schlossenen Kreis zu bilden, dem aber nur noch geschichtliche Bedeutung zukommt und der somit in den Bewußrseinsraum der Vergangenheit rückt.
Der technisch-mechanistische Realismus kennt keine anderen Werte, als die technisch-mechanischen. Er erkennt weder das Künstlerische, noch das Ästhetische an. Für ihn ist die Kunst ein hohler Begriff, und wenn er die Künstler trotzdem in seine Fabriken ruft, so nur, um seine Erzeugnisse künstlerisch verbrämen und durch die Kunst rechtfertigen zu lassen.
Daraus läßt sich allerdings der Schluß ziehen, dass gewisse künstler-isch-ästhetische Gefühlsreste noch geblieben sind und dass unsere Epoche nicht restlos von dem Eigenwert ihrer technisch-mechani-stischen Erzeugnisse überzeugt ist.
Andererseits aber wir durch die Heranziehung der Kunst zur Verede-lung der gegenständlich-praktischen Welt erneut unterstrichen, dass auch der Kunst kein Eigenwert zuerkannt wird, dass sie nur insofern wertvoll ist, als sie die Verherrlichung des praktischen Realismus zum Inhalt hat.
Die Religion wurde als Vorurteil, als ''Opium fürs Volk' völlig ausge-schaltet. Die beiden anderen Teile — Technik und Kunst — verbanden sich zu einer Zweieinigkeit. Diese Zweieinigkeit brachte aber nichts Neues, das heißt es war kein neues Prinzip, das irgendwelche neuen Werte geschaffen hätte.

Die sich neu bildende Kultur der zwei Werte — technisch-praktische Produktion plus Kunst — hält sich für das vollendet gelöste Lebens-problem. ich sehe aber für die fernere Entwicklung voraus, dass der technisch-praktische Weg auch die Zweieinigkeit sprengen wird.Auch die Kunst wird ausgeschaltet werden, und nur die Einheit des tech-nisch-praktischen Realismus wird bleiben. Man kann nicht sagen,
dass der Gedanke einer einheitlichen, technisch-praktischen Kultur
von außen her an den dreieinigen Kulturkreis herangekommen ist.
Ich nehme vielmehr an, dass die 'Dreieinigkeit' der drei vollkommen selbständigen Wege nur ein Mißverständnis war, das aus einer irrigen Vorstellung von den Wesensgehalten der drei Wege entstanden ist. Die praktische Verwertbarkeit der religiösen und künstlerischen Werte im technisch-praktischen Realismus war der Grundpfeiler der vermeint-lichen Eiwgkeit dieser Dreieinigkeit. Leitend in ihr war seit jeher der Staat mit seinen politischen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Die beiden anderen Teile wurden daneben nur anerkannt, soweit sie als Hilfsmittel zur Verwirklichung der staatlichen Notwendigkeiten in Betracht kamen.
Der neue Wirtschaftsplan der praktischen sozialistischen Ordnung hat zunächst den Kampf gegen die Religion aufgenommen, die er für eine veraltete, nicht mehr zeitgemäße Form im praktischen Sinne erklärte. Das Bestreben, eine einheitliche, praktische Form zu finden, wird den Staat bei der weiteren Entwicklung zwingen, auch die Kunst, als reinen künstlerischen Wert, abzulehnen.
Das zwanzigste Jahrhundert brachte eine Wende, wie sie in der Geschichte der Menschheit bisher noch nicht bekannt war. Der wirtschaftlich-praktische Realismus wird, wenn er den Weg des Sozialismus weitergeht, zweifellos seine höchste Vollendung, seine äußerste Grenze erreichen. Sozialismus ist seinem Wesen nach reiner praktischer Realismus. Er schafft das Alte nicht ab, sondern entwickelt es weiter. Die Kultur der praktisch-gegenständlich eingestellten Menschheit geht dabei keineswegs unter, sie kann nur nicht mehr in der irrtümlich angenommenen Einheit der drei Wege — Religion — Kunst — Technik verbleiben, sondern muß in die wirklich einheitliche Bahn des reinen gegenständlich-praktischen Realismus einmünden. Die bisherige Verquickung aller drei Wege zu einer Einheit hat es vielleicht jedem der drei Wege unmöglich gemacht, sein Wesen rein zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht wurde ihre Entwicklung aber auch durch Keime einer kommenden wirklich neuen Epoche gestört, die die Pseudo-Einheit deutlich machten. Im Hinblick auf das Gesagte kann man die ganze Kultur bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mit Recht eine verlogene Kultur nennen, wobei ich auch die Kunst nicht ausnehme.
Durch die Anerkennung des praktischen Realismus wird die höchste Stufe der reinen Gegenständlichkeit erreicht. Alle Erscheinungen der Natur werden auf erklärbare mechanisch-chemische Ursachen zu-rückgeführt und für den Menschen nutzbar gemacht. Die neue, rein praktische Kultur glaubt, die ganze Welt erfassen zu können. Durch
den Zerfall der 'dreieinigen', praktisch-geistigen Kultur wurde der Wesensgehalt der einzelnen Bestandteile erkennbar. Bereits im
ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts löste sich die Kunst
von der Vorherrschaft der gegenständlich-praktischen Grundsätze
und erkannte ihren wahren Wesensgehalt. In ihrer völligen Ablehnung des praktischen Realismus verlegt die Kunst ihre Wahrheit in die Gegenstandslosigkeit oder richtiger: Sie verneint durch die Gegen-standslosigkeit 'Wahrheiten', 'Ideen', 'Werte', die nichts weiter sind als Vorstellungen der Allgemeinheit. Die reine Idee ist eine einfache Ver-flechtung alltäglicher Lebensumstände, die nichts mit der wirklichen Welt zu tun hat.
In der Gegenstandslosigkeit ist jene Einheit, jene Ganzheit, von der die ganze Allgemeinheit in ihren verschiedenen Heilslehren träumt.
Von der Kultur erwartet der Mensch die Vollkommenheit der absoluten Einheit. Im Namen dieser Einheit strebt er voran und wartet. Es ist aber noch nicht erforscht, im Namen wessen er strebt. Vielleicht gibt es überhaupt kein 'im Namen'. 'Im Namen' lernt der Mensch marschieren, kleidet sich in verschiedene Uniformen, hängt sich Auszeichnungen an und singt Hymnen. Er erschüttert die Luft mit Spezialgeschützen und schlägt, ohne ein klares Ziel zu sehen, Schädel ein, schlitzt Bäuche auf, demoliert Fabriken, Brücken, Städte. Alles das tut er aufgrund einer 'wohlbegründeten Logik' und 'geschichtswissenschaftlichen Erfahrung'. Zerstörend und aufbauend sucht der Mensch die Wirklichkeit seiner absoluten Einheit. Aber — die gleiche 'geschichtswissenschaftliche Erfahrung' beweist, dass in keiner der bisherigen geschichtlichen Maskeraden, sich das wahre Gesicht der Kultur gezeigt hat, immer waren es nur Masken. Dieselbe geschichtliche Erfahrung beweist also, dass die Kultur kein wahres Gesicht hat und auch nicht haben kann, sie bleibt immer eine Maskerade. Dieser geschichtlichen Erfahrung glaubt der Mensch aber nicht und bindet sich unentwegt, wie jener Affe in der Fabel' sich die Brille auf den Schwanz setzt, 'wissenschaftlich begründete' Masken vor.* Aber Maske bleibt immer Maske. Jeder Staat entwickelt seine 'Maske', mit der er seinen Nachbarn 'im Namen' der absoluten Einheit erschreckt und damit seine gegenständlich-praktische Kultur festigt.
Nun aber ist endlich eine 'wirklich logisch aufgebaute' Kultur erschie-nen, die jetzt als die 'wahre' Kultur zu gelten hat. Die historischen Er-fahrungen der Vergangenheit sind widerlegt, die begangenen Fehler aufgedeckt und das einzige zu erstrebende Ziel offenbart. Doch der Morgen kam, und der neue Tag beleuchtete diese neue Wirklichkeit,
und es stellte sich heraus, dass auch sie nur eine Maske war, dieses-mal zur Abwechslung aus Papiermaché. Sinnlos erhebt sich der Mensch, bringt seine ganze Kultur der Waffen in Bewegung und vernichtet den bisherigen Betrug, zerstückelt sich dabei selbst und stirbt 'zielbewußt' und 'wissenschaftlich begründet' 'im Namen' einer neuen Kultur, 'im Namen' einer kommenden, wirklichen, unteilbaren Einheit. Als Ursache allen früheren Versagens werden die Religion,
der Mystizismus, der Spiritismus bezeichnet, diese Vorurteile, die uns hinderten, unser wahres Gesicht zu erkennen. Die Wissenschaft wird zum einzig wahren Mittel erklärt, durch das der Mensch sein wahres Gesicht erkennen wird. Hier stellt sich aber heraus, dass es ver-schiedene Wissenschaften gibt, dass man also vor allen Dingen die Wissenschaft vereinheitlichen muß, um zu der Wahrheit zu gelangen. An die nicht reformierte Wissenschaft glauben, ist dasselbe, wie an Gott glauben. Um die Reform der Wissenschaften durchführen zu können, müßte irgendeine neue Kraft der Gedanken eingreifen, die unbedingt stärker sein muß, wenn sie die 'Gottheit Wissenschaft' reformieren will. Es entsteht die Frage, ob diese Gedanken auch wissenschaftlich sein werden. Kann man Wissenschaft durch Wissenschaft reformieren oder Gott durch Gott?

Wissenschaft verdient diese Bezeichnung doch nur, wenn sie stichhaltig und unwiderlegbar ist; sonst ist sie keine Wissenschaft, sondern schlichter Unsinn. Unsinn kann man aber nur durch unan-fechtbare Wirklichkeit reformieren. Ist nun der Gedanke, der die Wissenschaft reformieren will, diese unanfechtbare Wirklichkeit?

Jedenfalls muß eine ernsthafte Überprüfung der Wissenschaften den Beweis erbringen, dass Wissenschaft in der bisherigen Auffassung nichts anderes war als Maske und Vorurteil.

Der praktische Realismus behauptet aber, dass seine Wissenschaft kein Vorurteil sei, sondern die unerschütterliche unwandelbare Wahr-heit, auf der die Allgemeinheit ruhig ihre Welt aufbauen könne; sie sei der wahre Realismus. Die reformierte Wissenschaft wird zu einem neuen Glauben, einer neuen Religion für die Allgemeinheit. Der Ge-danke einer Reform der Wissenschaft müßte aber die Allgemeinheit aufrütteln, müßte sie veranlassen, die vorgeschlagene Wissenschaft zu überprüfen, ob sie die wirkliche, echte Wahrheit bringt, ob nicht auch sie nur ein neues Vorurteil, eine in allen Regenbogenfarben schillernde Seifenblase sein wird.

Der ganze menschliche Schaffensdrang konzentriert sich auf die Herstellung von Waffen, Schlachtschiffen, Flugzeugen, Brücken, Straßen, Wolkenkratzern. In all dieser Geschäftigkeit sieht er nichts anderes als Brücken und Leitern zu Türmen, von denen aus er die wahren Werte der Welt zu erkennen hofft. Ein neuer Turmbau zu Babel, mit dem der Himmel erreicht werden soll!
So groß der Mensch das Fundament für diesen Turmbau auch anlegen mag, mit wachsender Höhe wird der Turm immer dünner werden müs-sen, bis er zur Nadel wird und sich in nichts auflöst. Der letzte Mensch, der auf dieser Nadel stehen wird, wird dann nur noch seine Arme heben und in Verzweiflung aufschreien können vor der Unerreich-barkeit der erträumten Werte, um dann in die Tiefe zu stürzen mit
all seinen Geräten, Geschützen, Leitern auf die wissenschaftlich be-gründeten Fundamente seiner hochstrebenden Kultur. Alle Grundlagen seiner Gesetze werden erschüttert, die Gewölbe seiner Bauten stürzen ein und begraben ihn unter sich. Verstümmelt, zerrissen, aber immer noch weiter träumend, sammelt der Mensch die Scherben seines Schädels zusammen und ordnet sein Gehirn neu, nunmehr in einer anderen Ordnung, mit deren Hilfe er die Werte erreichen und sich an ihnen bereichern kann.
Der Mensch bewegt sich, träumend in ewiger Nacht, unter deren Mantel er sehend werden will. Sehen aber will er nur die gegenständ-lichen Werte und setzt sich damit Grenzen. Je mehr Kraft er aufwendet, um sich der Gegenstände als praktischer Realität zu bemächtigen, um so mehr ermüdet sein Körper und sein Geist. Sein Leben verläuft in stoßweisen Aufschwüngen, er spannt seine Kräfte zeitweise bis zur äußersten Grenze an, wirft sich in die Finsternis nach Werten und vernichtet sich dabei selbst in Kriegen. Seine ganze Kraft und sein Leben setzt er ein, in der Hoffnung, durch seinen Tod die Werte zu erreichen, sein Hirn in eine andere Ordnung einer anderen Kultur zu bringen. In der gegenständlichen Kultur aber gibt es kein Erwachen, weil sie von gegenständlichen Werten begrenzt ist. Gegenständliche Werte müssen praktisch-real sein. Dieses kann nur über den Verstand erreicht werden. Somit ist jede Kultur eine Schöpfung des Verstandes, woraus folgt, dass es auch für den Verstand kein Erwachen gibt. Die Allgemeinheit verläßt sich aber vollkommen auf den Verstand und verhindert damit ihr eigenes Erwachen. Der Verstand führt nicht in die Wirklichkeit, sondern nur in die Vorstellung von der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit selbst ist nicht zuerreichen, wie man ein Traumgesicht
nicht in die Wirklichkeit übertragen kann. Somit steht der Verstand dem Unverstand sehr nahe, kann aber nicht in ihn gelangen. Ein Erwachen kann es aber erst im Un-Verstand, im Un-Gegenständlichen geben, wenn alle Vorstellungen und Wahngebilde verschwinden, in denen wir befangen sind.
Die Allgemeinheit will sich ihre praktische Kultur von klugen Menschen aufbauen lassen. Sie erwartet, dass diese klugen Menschen in der Zukunft alle Vollkommenheiten des Gegenstandes erreichen werden, das heißt, dass sie eine konventionelle Kultur schaffen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, da die Wirklichkeit für den Verstand nicht faßbar ist.
Die Allgemeinheit lebt in der naiven Vorstellung, dass sie die wilde Natur kultiviren könne. Dabei läuft alles doch nur darauf hinaus, einen Baum zum Möbelstück oder Eisen zu einer Maschine zu kultivieren. Dadurch wird aber weder der Baum noch das Eisen kultivierter, weil die Natur an sich niemals kultiviert werden kann, sondern immer nur die Vorstellung von der gegenständlich-praktischen Vollkommenheit. Das aber , was die Allgemeinheit dür Kultivierung hält, ist immer nur Zer-störung der Natur zugunsten neuer gegenständlicher Gebilde oder neuer praktischer oder ästhetischer Ordnungen, wie sie die prak-tischen Notwendigkeiten der Allgemeinheit verlangen.
Der Maler, der in farbigen Konstruktionen arbeitet, ist zwar praktisch ungegenständlich, ästhetisch aber durchaus gegenständlich. Das Wesen der Kultur des praktischen Realismus kann man nicht nur in
der Sicherung von Nahrungs- und Bequemlichkeitsbedürfnissen sehen. Vielmehr ist in ihr auch eine ständige, angespannte Wachsamkeit ge-genüber irgendwelchen drohenden elementaren Katastrophen zu er-kennen. Die Allgemeinheit, völlig im Banne ihrer Nahrungs- und Wohlstandssorgen, kann aber die ihr drohenden Gefahren nicht erkennen, kann nicht erkennen, dass der Keim der Selbst-
vernichtung in ihrer Kultur leigt.
Unbekümmert um die lauernden Gefahren, werden immer neue Er-findungen gemacht und Speisehallen eingerichtet. In diesen Speise-hallen versammelt sich die ganze Allgemeinheit, um sich satt zu essen. Gesättigt geht sie dann an ihre Arbeit, geht säen, und bringt ihren Dung gleich mit. In diesem Kreislauf erschöpft sich der ganze Sinn des prak-tischen Futtertrog-Realismus und nennt sich Kultur.
Der Mensch bemüht sich, durch verschiedene Gegenstände des prak-tischen Realismus zu einem gemütlichen Leben, bequemen Leben zu gelangen. Das ist sein rein animalisches Ziel, das er nur in der ani-malischen Ebene erreichen kann. Wenn er auf dieser Ebene die letzte Etappe der technisch-gegenständlichen Vollkommenheiten erreicht haben wird, dann muß eine Epoche des Wirkens auf der menschlichen Ebene anbrechen, frei von allen praktischen Zweckmäßigkeiten. Denn wenn der neue Mensch fortfahren würde, auf dem animalischen Wege weiterzugehen, so wäre damit bewiesen, dass dieser Weg noch nicht beendet ist, dass der Mensch seine Reife noch nicht erlangt hat. Doch sind meiner Ansicht nach schon Anzeichen zu erkennen, dass der Zwang zur technischen Vollkommenheit, Gemütlichkeit und Bequem-lichkeit nachläßt. Ganz besonders auf dem Gebiete der (Malerei) Kunst werden diese Anzeichen deutlich und haben im ungegenständlichen Suprematismus bereits Gestalt angenommen.
Mit dem Suprematismus beginnt eine von Plänen und Vorschriften
nicht eingeengte Tätigkeit, frei von allen politischen, staatlichen, gesellschaftlichen, gegenständlichen Gesetzen des praktischen Realismus.
Ich nehme an, dass die echte menschliche ungegenständliche Gleichheit, die frei von jedem Daseinskampf ist, zunächst durch die gegenständliche Lehre des Sozialismus hindurchschreiten muß, ehe sie in die Gegenstandslosigkeit des Suprematismus übergeleitet werden kann. Es ist natürlich möglich, dass meine suprematistischen Schlüsse als unerfüllbare Ideen bezeichnet werden. In solchem Falle möchte ich aber darauf hinweisen, dass doch auch die sozialistischen Hoffnungen einst für unerfüllbare, gegenstandslose Phantasien ge-halten wurden. Da sich aber das menschliche Bewußtsein in einer ständigen Entwicklung befindet, so könnte man meiner Ansicht nach mit Recht annehmen, dass auch eine Epoche der echten Gegen-standslosigkeit des Suprematismus kommen wird.
Der Mensch entwickelt sich aus dem animalischen Kern. In ihm wächst er heran, stärkt seine Glieder und vervollkommnet alle für den Daseins-kampf erforderlichen technischen Hilfsmittel. Ich nehme an, dass die Menschheit in ihrer Entwicklung in ein Alter kommen muß, in dem sie die technisch-gegenständlichen Aufgaben nicht mehr befriedigen. Denn wenn alles vollendet ist und reibungslos funktioniert, dann muß der Mensch doch über seinen animalischen Zustand hinauswachsen. Ein in seiner Technik vollkommenes, mit allen notwendigen Mitteln der Sättigung ausgestattetes Wesen, das sonst keine anderen Gedanken kennt, bleibt ein mechanischer Kauapparat, für den die Welt nichts anderes ist als ein zur Befriedigung der Freßgier brauchbares Objekt. Wenn ich von der 'menschlichen Ebene' spreche, so sehe ich die Möglichkeit ihrer Verwirklichung nicht nur auf dem Gebiete der Kunst, sondern auch in der ganzen Sozialistischen Bewegung. Nur scheint mir zweifelhaft, ob die Sozialisten selbst schon erkannt haben, dass der Sozialismus die letzte Etappe zum gegenstandslosen Suprematismus ist, dass der Sozialismus jene mächtige, leitende Bewegung ist, die zur schnellsten Überwindung des rein Animalischen im Menschen führt. Die sozialistischen Wirtschaftsgesetze sind nur Hilfsmittel zur beschleunig-ten Überwindung der animalischen Ebene.
Wenn auch nicht heute oder morgen, aber einmal muß doch der Mensch seinen Mitmenschen ohne Rücksicht auf Nationen, Rassen und Staaten erkennen. Er muß ihn erkennen ohne Rücksicht auf Religionen, Gebräuche und Sitten. Und hier ist es doch gerade der Sozialismus, der die Menschheit auf die übernationale Ebene heben will, auf der Rassen- und Klassenunterschiede verschwinden.
Wenn ich aber untersuche, in wessen Namen, warum und auf welcher Grundlage der Sozialismus die übernationale Ebene zu erreichen sucht, so finde ich keine andere Antwort, als dass es immer noch die gleichen gegenständlich-praktischen Futtertrog-Interessen sind, also das, was ich als animalische Ebene unserer Handlungen ansehe.
Wenn die Völker die übernationale Ebene erreicht haben werden, mit anderen Worten — die Gegenstandslosigkeit erreicht haben werden, dann muß das Ende des gegenständlichen Seins erreicht sein. Alles wird vollendet sein, alle Fragen der ängstlich abgegrenzten nationalen Arbeitsgebiete, als Grundlage der Verteidigung gegenüber anderen Nationen, werden hinfällig werden, und es wird das gegenstandslose Wirken in der Freiheit des inneren Schwunges beginnen, mit der sich nichts vergleichen läßt. Das wird dann die absolute Grenze des ani-malischen Bereiches sein, an der der menschliche Bereich beginnt. Wenn aber die Menschheit an dieser Grenze der höchsten Vollkom-menheit des rein technischen, gegenständlichen Futtertrog-Realismus stehen bleiben sollte, dann wird der Mensch sich durch nichts mehr vom Tier unterscheiden. Der Sozialismus träumt von der Internationale, von der Vereinigung aller Völker zu einem unlösbaren Ganzen, wie der Maler von einer Verbindung aller Farben zu einer Einheit träumt, die keiner der einzelnen Farben gleicht.
Die Menschen bewegen sich in jeder Epoche um ihre jeweilige Sonne. Der Sozialismus ist die Sonne der Völker. Obwohl er von jeder Nation anders ausgelegt wird, ist er dennoch nicht national gebunden. Der Sozialismus darf auch keine bevorzugten Nationen kennen, wie die Sonne keine bevorzugten Planeten kennt. Bevor es aber dazu kommt, wird der Sozialismus noch manche Kämpfe und Kriege zu bestehen haben infolge der menschlichen Unzulänglichkeiten und seiner natio-nalen und wirtschaftlichen Irrlehren. Wenn der Sozialismus seine Vielgestaltigkeit überwunden haben wird, wird die erste Stufe der Einigung und zwar auf wirtschaftlichem Gebiet erreicht sein. Danach folgt die zweite Stufe, auf der Völker, Rassen und Klassen zu einer Einheit umgeschmolzen werden und einen neuen Typ ergeben. Das kann aber nur geschehen, wenn der Sozialismus seine Begrenztheit ablegt und nicht mehr nur 'im Namen' des Futtertroges wirkt und nicht nur die eine Sorge kennen wird: »Ich will essen!« Der Mensch muß sich, wenn er zur Freiheit gelangen will, durch die dicke Schicht der Freßgier-Kultur durchkämpfen. Er muß eine scharfe Trennungslinie ziehen zwischen dem animalischen Prinzip und dem menschlichen.
Die gegenständliche Futtertrog-Kultur kann nicht sein Ziel sein.
Wenn ich von Freiheit auf schöpferischem Gebiet spreche, so verstehe ich darunter ein Schaffen frei von jeglichen gegenständlichen Zielsetz-ungen. Erst dann kann der Mensch sich von Fronarbeit und Not befrei-en, wenn er die Wahnidee, irgendetwas kultivieren zu müssen aufgibt. Dann erst wird seine Freiheit keine Grenzen kennen. Allerdings darf man nicht übersehen, dass der Begriff 'schöpferische Tätigkeit' sehr dehnbar ist. Darum ist nicht alles, was sich schöpferische Tätigkeit nennt, wirklich frei.
Der Suprematismus ist nur das leitende Prinzip, das dem Menschen sein befreites 'Nichts' offenbart.
Dem Bewußtsein der Allgemeinheit stellt sich das 'Nichts' als Untätig-keit, als Leere dar und wird darum abgelehnt, ja sogar für unser Leben für gefährlich gehalten. In Wirklichkeit bedeutet dieses 'Nichts' aber durchaus nicht Leere, sondern das Wirken in einer Sphäre, in die
der Mensch bisher noch nicht einzudringen vermochte. Denn die Wirklichkeit als Gegenstand, als Stoff, bleibt unfaßbar, weil es sie
nicht gibt. Doch wir glauben, diesem Umstand nicht und fahren fort, unseren Verstand zu entwickeln und zu schärfen, in der Hoffnung, dass seine Schärfe vielleicht doch einmal unserem Auge die Wirklichkeit der Welt offenbart. Auch hier liegt die ganze Hoffnung in der Zukunft.
Aber ach! Nicht nur e i n e Zukunft ist inzwischen Vergangenheit geworden, und immer noch ist die Frage nach dem 'Was' nicht beantwortet. Nur die Hilfsmittel haben sich vermehrt, immer mehr Gerümpel umgibt uns, und dieses Gerümpel halten wir für unsere Kultur, sie ist unser Stolz.
Mit Hilfe von Chemikalien kann man ein 'Was' zerlegen, doch sind die Bestandteile dann immer wieder ein 'Was'.
Da wir den erstrebten Erfolg nicht erreichen können, bleibt das Ziel unserer wissenschaftlichen Wißbegier gegenstandslos, und vielleicht besteht die ganze wissenschaftliche Forschungs-Kultur darin, immer wieder das unteilbare 'Was' zu zerlegen, um einmal mehr zu beweisen, dass es ein 'Was' nicht gibt, sondern nur das gegenstandslose 'Nichts'.
Unsere wissenschaftliche Kultur ist nichts anderes als eine Behörde, die dem Unbekannten gleichsam nach dem Kirchenkalender Namen gibt. Trotzdem halten wir aber die Errungenschaften der Kultur für ver-nünftige Errungenschaften des menschlichen Verstandes, die fest fundiert, anschaulich bewiesen und real sind.
Auch der Maler ist in vielen Fällen überzeugt, dass er die Kultur vermehrt, wenn er die gegenständlcihen Werte auf seine Leinwand überträgt. Er vergißt dabei, dass seine Leinwand doch nur die Voraus-setzung von Voraussetzungen ist, die von der Gegenstandslosigkeit absorbiert werden. Er vergißt, dass auf seiner Bildfläche Raum und Zeit verschwinden und somit eine neue, malerische Wirklichkeit entsteht, die aber für die Menge nicht sichtbar ist.
Die Menge bereichert sich mit allen praktisch-wissenschaftlichen und künstlerischen Ergebnissen und betrachtet diese als real. Sie baut Museen und Lager und sammelt darin alle unbrauchbaren Hilfsmittel, mit denen das gesteckte Ziel nicht erreicht werden konnte. In großen Bibliotheken werden die widersprechendsten Meinungen und Auf-fassungen gesammelt, und je größer solche Sammlungen, um so größer der Reichtum, die Kultur und der Stolz der Menge.
Jede Sammlung von Gemälden, sofern es sich um Werke von Künstlern handelt, beweist schlagend die Gegenstandslosigkeit, denn kein Bild, keine Plastik gibt die Wirklichkeit wieder. Die Menge glaubt, dass sie in den Museen in Gestalt von Portraits, 'natures mortes' und so weiter ihre lebendige Psychologie, ihr Wesen und ihren Charakter sammelt, und ist überzeugt, dass dieses das künstlerisch gestaltete Leben sei.
In diesem Irrtum befindet sich aber nicht nur die Menge, sondern befinden sich auch die Künstler selbst. Auch sie sind der Ansicht, dass ein psychologisch fein beobachtetes Portrait auch künstlerisch sein könne. Psychologie und Charakter werden nicht dadurch künstlerisch, dass der Künstler sie künstlerisch gestaltet.
Portraits und 'natures mortes' sind in Wirklichkeit beide 'nature mortes', wie überhaupt die ganze Kultur aus ' - mortes' besteht.
Die Kunst der gegenständlichen Wiedergabe ist doppelt 'mort', da sie einmal die verwesende Kultur darstellt, zum anderen die Wirklichkeit tötet., indem sie sie darzustellen versucht. So bleiben denn alle Ver-suche der Maler in dieser Richtung Versuche am untauglichen Objekt. Das, was dargestellt werden soll, ist nicht darstellbar mit den Mitteln unserer vollkommenen Kultur. Die Darstellungsmittel sind zwar, je nach dem Grad ihrer Vollkommenheit, von unterschiedlichem Wert, in ihrer Untauglichkeit aber alle gleich.
Es liegt kein Wert in dem, was wir erforschen und was wir erkennen. Alles erhält seinen 'Wert' nur von dem Wertmaßstab unseres Welt-bildes und weil dieses Weltbild so 'Wert-voll' ist, ist sein Zusam-menbruch unvermeidlich; es wird durch die Gegenstandslosigkeit annulliert. Das Leben ist in Fragen der Wertbestimmung nicht kompetent. Ebensowenig ist aber auch die Menge in diesen Fragen kompetent.
Man kann nicht sagen, dass die Kultur heute schon die Grenze ihrer Vollkommenheit erreicht hat. Immer noch erwarten wir alles von der Zukunft. Die Zukunft wird aber nur über unsere Blödheit lachen, so wie wir heute über die Vergangenheit lachen. Wir erkennen in ihr den menschllichen Unverstand, die Barbarei und sind überzeugt, dass die vollkommene Barbarei unserer Kultur durch wertvolle Errungenschaften gerechtfertigt sei.
Alle gegenständlichen Kulturen waren Kulturen barbarischer Epochen, wilder Aufstiege zum Wahnbild des trügerischen Gottes 'Wert'.
Die Menge wird geführt von wahnsinnigen Staatsführern, die nach Werten gieren und versichern, dass eine farbenfrohe Banknote jener Wechsel sei, für den man Gold bekommen könne, den Inbegriff aller Werte. Die Menge ist überzeugt, dass sie die wahre Kultur durch Banknoten mehrt.
Mit einer farbenfrohen Banknote kann man auch die gegenständliche Kunst vergleichen: Jeder gegenständliche Künstler verspricht, in Wirklichkeit ein reales Portrait zu geben, gibt aber auch nur eine farbige Banknote. Der Künstler rechtfertigt sich damit, dass sein Wert schon durch die Wiedergabe von Werten wertvoll werde. So verbleibt denn auch die Kunst unvermeidlich in der ewigen Täuschung. Das wahre Wesen wird getötet oder verfäscht, weil der Staatsführer sich ebenso scheut wie der Künstler, das wahre Wesen zu zeigen. Was hätten sie denn auch anderes zu zeigen als die Gegenstandslosigkeit, die Wahrheit, dass das 'Nichts' in allem, alles im 'Nichts' ist.
Die gegenständliche Kultur des praktischen Realismus sieht die Sattheit als einen der höchsten Werte an. Erst wenn der Mensch satt ist, kann er sich von seiner animalischen Ebene zur menschlichen erheben. Im Menschen lebt aber auch noch ein Verlangen, sich über die rein animalische Ebene hinauszuheben. Darum wirkt der Mensch auch in der menschlichen Ebene, außerhalb seiner rein leiblichen Bedürfnisse. Wie und worauf aber soll diese menschliche Ebene aufgebaut werden?
Meiner Meinung nach besteht der Unterschied zwischen dem Menschen und dem Tier darin, dass der Hunger nur in Hungerzeiten die Suprematie des Menschen ist, dass also das animalisch-praktische Streben nur zeitweilig sein Handeln bestimmt.
Nach der Vorstellung der Menge geschieht in der Natur nichts anderes, als dass einer den anderen verschlingt. Wenn nun einerseits die Auf-fassung besteht, dass die Natur beherrscht werden kann, andererseits aber, dass die Natur ein alles verschlingendes Wesen ist, so kann sie doch nur durch Aushungern überwunden werden. Wenn wir daher alle Bemühungen um die Vervollkommnung lediglich auf die Überwindung des Hungers richten würden, so würden wir damit ganz in die Ebene der alles verschlingenden Natur eingehen. Um sich gegen das Ver-schlungenwerden zu schützen, entwickeln alle Lebewesen ununter-brochen Verteidigungs- und Tötungsmittel. Damit aber verteidigen
sie den Hunger der anderen.
Das Bewußtsein wirkt im Sinne des gegenseitigen Verschlingens durch den ganzen animalischen Bereich bis an die Grenze des menschlichen Bereiches, in dem das gegenseitige Töten und Ver-schlingen aufhören soll. Bevor aber dieser Zustand erreicht werden konnte, entstanden im Menschen die Wertbegriffe und führten zu einer neuen Form des Mordes, nunmehr der Menschen unter sich. Auf diese Weise hat der auf Sättigung allein gerichtete Daseinskampf, der im rein animalischen Bereich nur Selbsterhaltungstrieb war, im Menschen neue Formen angenommen, und in anderer Art trachtet nun der Mensch nach dem Leben seines Mitmenschen.
Der Daseinskampf zwingt die Tiere, sich gegenseitig zu töten. Das gleiche gilt auch für den Menschen, mit dem Unterschiede nur, dass es in einem Falle ohne, im anderen Falle mit hochtönenden Parolen ge-schieht. Dem Menschen, der über dem Tiere zu stehen glaubt, er-scheint nackter Daseinskampf seiner unwürdig. Darum bemüht er sich, die gegenseitigen menschlichen Beziehungen durch neue Ordnungen zu ändern. Weit gekommen ist er damit noch nicht; es scheint für ihn aber sehr schwer zu sein, die rein animalische Ebene zu überwinden. Ein Mensch, der sich höher dünkt als ein Tier, übersieht, dass jede seiner vollkommenen Kulturen mit hochtönenden Parolen immer nur eine andere wirtschaftliche Ordnung der gleichen animalischen Bedürfnisse ist. Trotzdem verliert er nicht die Hoffnung, dass seine Kultur ihm aus der animalischen Ebene heraushelfen wird. Doch das, worauf er seine Hoffnung setzt, steht selbst nicht hinter dem Tierischen zurück, übertrifft es sogar noch an Entartung. Trotz all seiner Kultur bleibt der Mensch ein Tier, bleibt im Zustand des nackten Daseinskampfes, das heißt im Kampfe um die Nahrung.
Das, was in der menschlichen Sprache mit 'wirtschaftliche Frage' bezeichnet wird, könnte als erster Versuch des Menschen ausgelegt werden, den animalischen Daseinskampf zu besiegen, als Versuch, menschliche Züge in die Form des Daseinskampfes zu bringen. Dieser Versuch kann aber nur gelingen, wenn die neue Kultur den Kampf um die Nahrung unnötig macht. (Wehe aber, wenn das nicht gelingt, dann zerstört der nackte Daseinskampf alles Erreichte, und das Menschenbild geht unter in Blut und Grauen.)

Doch scheint mir, dass auch die Lehre vom Sozialismus nichts anderes ist als derselbe wirtschaftlich-praktische Futtertrog-Realismus.
Es mehren sich die Anzeichen, dass das Tier im Menschen nicht nur nicht verschwindet, sondern dass seine Merkmale immer deutlicher hervortreten. Der Mensch ist schon zum Kauen zu faul und baut Mühlen, Dampfbäckereien und Konservenfabriken. Er bringt immer mehr Spezialisten hervor als einzelne mechanische Teile eines Organismus in seiner ganzen tierischen Breite. Hat sich das neue politische System vielleicht darum Hammer und Sichel zum Symbol gewählt, weil auch sie technische Hilfsmittel sind für die Errichtung eines Staates, eines Staates, der von Hammer und Sichel und von Futtertroginteressen beherrscht wird? Leitmotiv bleibt auch hier der Wunsch nach Sättigung. »Ich will essen« ruft der Mensch und läuft dahin, wo er am ehesten zu seinem leiblichen Wohl gelangen kann. Der Ruf »Ich will essen« ist eine klare Triebfeder, eine jedem einleuchtende Tatsache, die keinerlei 'wissenschaftlicher Begründung' bedarf. Jeder Gedanke aber, der von dieser Tatsache fortführt, muß abgelehnt werden, weil in erster Linie das Tier sein Futter haben muß. Auch alle Wissenschaften, die sich nicht diesem einen Ziel widmen, müssen unterdrückt werden. Aner-kannt und zugelassen sind nur die ökonomischen und technischen Wissenschaften. In ihnen allein ist die Wahrheit, weil sie dem Menschen am schnellsten dazu verhilft, seinen Hunger zu stillen.
Das ist für ihn die Wahrheit aller Wahrheiten. Ihr müssen sich alle Wissenschaften und die gesamte Produktion unterwerfen, und nur
auf dieses Ziel, als das allein wahre und nützliche, müssen und dürfen Wissenschaftler, Techniker und Künstler ihre gesamte Tätigkeit aus-richten, Alles andere ist Abstraktion, Zeitverschwendung.

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  Der erbitterte Kampf gegen die Abstraktion und gegen die Gegen-standslosigkeit ist der Kampf des Tieres gegen den Menschen. Alles, was getan wird, muß anschaulich, die Ursachen klar erkennbar sein, und alles muß die Nützlichkeit zum Ziel haben. Alle Kräfte müssen sich in den Dienst dieser Forderung stellen. Als wichtigste Kraft gilt dabei die Wirtschaft. Der Mensch, der sich die Wirtschaft als wichtigste Grundlage seines Seins erwählt hat, muß unausweichlich nach immer schnelleren Fortbewegungsmöglichkeiten suchen. Wohin aber will er sich fortbewegen? Natürlich zur Verwirklichung seiner gegenständlich-praktischen Absichten.
Die Wirtschaftsgesetze sind konkrete Ideen; Abstraktion und Gegenstandslosigkeit, als reines Geschehen der Natur, sind für die Wirtschaft ungeeignet. Wenn die neuen Wirtschaftsgesetze sich nicht wieder als Irrtum erweisen sollten, dann müßte der Mensch mit ihrer Hilfe das erstrebte Ziel erreichen. Wenn sie aber nur die Reihe früherer Vorurteile und Irrtümer fortsetzen sollten, dann müßte der animalische Verstand sich endlich von der Absurdität seiner letzten Erfindungen überzeugen lassen. Die Absurdität der wirtschaftlichen Grundlagen liegt darin, dass man durch sie Zeit und Raum überwinden will. Man will überwinden, was er gar nicht gibt.
Dem menschlichen Bewußtsein fällt es schwer, sich zu erheben und seine menschlichen Merkmale zu erkennen, so lange es im gegen-ständlichen Sein des Tieres befangen bleibt. Aber so ganz befriedigt ihn dieser Zustand nicht, und er versucht, sich etwas zu schaffen, was über den Futtertrog-Realismus hinausreicht, bisher allerdings ohne sonderlichen Erfolg.
So hat der Mensch sich zum Beispiel die Religion geschaffen, hat Kirchen gebaut für seine geistlichen Handlungen und hat damit eine Grenze errichtet zwischen sich und dem Tier, zwischen dem Geist und dem Körper. In dem Menschen war ein neuer Geist erwacht, der auf das leibliche Wohl verzichtete und lieber hungerte. Das beweist, dass es im Menschen etwas gibt, was höher ist als das Verlangen nach Sättigung, einen Geist der nicht von Brot und Fleisch allein zu leben vermag. Dieser Geist will abseits von allen praktischen und wirtschaft-lichen Bedürfnissen leben, die ihn auf die tiefste Stufe des Seins herabziehen. Aber auch hier konnte er der Gegenständlichkeit, den geistlich-praktischen Nützlichkeiten nicht entrinnen. Auch im Dom fand sich für die geistig-religiösen Handlungen ein 'Ziel', und das genügte, um dem ganzen praktisch-wirtschaftlichen Leben den Einbruch in den geistlich-religiösen Bereich zu ermöglichen. So konnte der Mensch auch hier sein Wesen nicht erkennen, das unbedingt höher steht als das eines Tieres. Es scheint dem Menschen nicht gegeben, sich seiner selbst bewußt zu werden, wenn er nicht einem bestimmten, vorher festgelegten Ziele zustrebt. Ein solches Ziel kann aber Gott nicht sein, denn Gott hat keinen abgrenzbaren Ort. Der Mensch kann nur ein Sein erkennen, das zweckbestimmt und auf ein festes Ziel ausgerichtet ist. Ist ein solcher Richtpunkt gefunden, dann bemüht sich der Mensch, sein ganzes Handeln auf diesen gewählten Richtpunkt hin auszurichten.
Auch der ausschließlich auf das Materielle gerichtete Mensch hofft schließlich in ein Paradies zu gelangen, in dem es keine Nahrungssorgen mehr geben wird.
Außer dem gegenständlich-praktischen und dem religiösen Weg, steht dem Menschen in der Kunst noch ein dritter Weg offen. Sofern die Kunst sich von allen Zielsetzungen frei hält, ist sie ein rein geistiger Weg, der zu einer unbegrenzten Freiheit des Schaffens führt. Doch auch die Kunst hat ihren Wesenskern nicht erkannt, ist sich ihres Eigenwertes nicht bewußt geworden und hat sich die Darstellung des Lebens zum Ziele gesetzt. Sie wurde gegenständlich, sozusagen die Krönung des ganzen gegenständlich-praktischen Kulturgebäudes.
Man kann also sagen, dass der Versuch des Menschen, durch die Religion oder die Kunst sich über die animalische Ebene zu erheben, mißlungen ist.
Mit grimmiger Vehemmenz versucht die gegenständliche Welt mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu beweisen, dass das gegenseitige Verschlingen eine Notwendigkeit sei. Dort, wo diese Beweise nicht ausreichen, greift sie zur Gewalt. Einer der Beweise lautet, dass erst die Vollkommenheit des gegenständlichen Lebens erreicht sein müsse, bevor man sich mit Fragen der Freiheit beschäftigen könne, worunter jene abstrakte Tätigkeit gemeint ist, die der Verwirklichung des Animalischen im Wege steht.
In der Tat, eine sehr vernünftige Begründung: erst eines vollenden, dann etwas Neues beginnen. Man kann dieser Begründung glauben, man kann ihr aber auch nicht glauben, und so haben sich die Menschen in zwei Lager geteilt. Die einen glauben nicht, dass das Heil der Menschen im materiellen Wohlleben, in der Gegenständlichkeit, liegt; sie glauben an den Geist, an die Gegenstandslosigkeit. Die anderen glauben an den Gegenstand und lehnen die Gegenstandslosigkeit ab.
Die Menschen, die an das Geistige glauben, müßten eigentlich verhungern, weil sie ohne technische Hilfsmittel und ohne Nahrung bleiben würden, die anderen aber müßten in Wohlstand und Sattheit leben. In Wirklichkeit ist keines von beiden der Fall. Die Vertreter beider Richtungen haben es zu einer gewissen Vollkommenheit und Größe gebracht. So dass also kein erkennbarer Unterschied zwischen beiden besteht. Beide haben ein Ziel und bleiben damit der Gegenständlichkeit verhaftet. Auch die Kunst macht hierin keine Ausnahme.

Alle Bemühungen, zu beweisen, dass es sich beim dreieinigen gegenständlichen Weg um drei verschiedene, selbständige Wege handle, können nicht daürber hinwegtäuschen, dass es sich hierbei lediglich um die Vervollkommnung ein und derselben gegenständlichen Einheit handelt. Man könnte alle drei Wege mit einem Maler vergleichen, der sich abmüht, die gegenständliche Wirklichkeit auf seiner Bildfläche darzustellen. Seine Kunst ist aber nicht fähig, den Gegenstand zu erfassen. Der Gegenstand entschwindet in der gegenstandslosen Bildfäche, was bleibt, ist ein Abbild der Vorstellung. Somit ist durch die Malerei hinlänglich bewiesen, dass eine Darstellung oder auch nur Bestätigung eines Gegenstandes im praktischen Realismus nicht möglich ist.
Man könnte vielleicht annehmen, dass in allen drei Fällen gar nicht der Versuch gemacht wird, die Vollkommenheit zu erreichen, dass vielleicht ganz andere Aufgaben verfolgt werden. in einem solchen Falle müßten aber diese Aufgaben, sofern sie tatsächlich bestehen, inzwischen doch klar erkennbar geworden sein, etwa wie in der Malerei, als das Gegenständlich-Literarische aus ihr zu verschwinden begann und der Gegenstand, sei es der künstlerische, der ästhetische, moralische, geschichtliche, psychologische oder auch das Portrait den Maler nicht mehr interessierte und er zur Gegenstandslosigkeit vorzudringen begann. In der Geschichte der Malerei gibt es bereits Beweise dafür, was zu der Hoffnung berechtigt, dass mindestens die Künstler aus der animalischen Ebene sich zur menschlichen zu erheben beginnen.
Allerdings ist der Wesenskern der Malerei durchaus noch nicht allen Malern klar geworden. Im Kubismus wurden zwar die Anzeichen der Auflösung des Gegenstandes unverkennbar. In ihm ist die Malerei bis zur äußersten Grenze des Malerischen gekommen, hinter der die Gegenstandslosigkeit beginnt.
Vielleicht wird der Gegenstand gar nicht zu dem Zwecke geschaffen, nützlich sein. Vielleicht dient er nur der reinen Erkenntnis, dass es weder 'Nützliches' noch 'Nicht-Nützliches' gibt. Vielleicht liegt der Kardinalsfehler darin, dass wir die Ergebnisse reiner Erkenntnis nur in der Hülle eines praktisch verwendbaren Produktes in Gebrauch nehmen können, wie etwa ein gutes Buch, in dem wir nur sauber geschichtetes Papier sehen, das sich zum Einwickeln von Kohl, Heringen oder anderen Produkten eignet. Man kann sagen, dass bei allem, was der schöpferische Mensch gestaltet oder schafft, keine Nützlichkeitserwägungen mitspielen, dass zunächst alles nur der reinen Erkenntnis der Natur dient, die verschieden dargestellt, verschieden gedeutet wird. Doch die Menge mißversteht die Darstellung und Deutung: Sie hält die Darstellung einer Erscheinung für die Erscheinung selbst. So kommt es, dass alle Erfindungen nur vom Standpunkt des Technisch-Nützlichen betrachtet werden. Wer die Dinge aber so sieht, hat nichts erkannt, da doch jede Erfindung einfach ein Ergebnis der gegenstandslosen Erkenntnis ist. Wird sie aber praktischen Bedürfnissen angepaßt, dann verliert sie ihren reinen Sinn.
In der Abwehr aller Versuche, die Kunst utilitaristisch auszunutzen, ist sie zur Gegenstandslosigkeit gelangt. Sie hat erkannt, dass der Wesenskern aller Erscheinungen nicht in der zweckgebundenen Nützlichkeit liegt. Darum schafft sie Werke, die man weder im praktischen noch im ästhetischen Sinne nutzbar machen kann. Damit gelangt sie in Bereiche, die außerhalb des praktischen Lebens liegen.
Ganz offensichtlich betrachten gegenständliche Erfinder die ganze Natur als Material zur Verwirklichung ihrer rein praktischen Ideen. Anders können sie die Natur auch gar nicht betrachten, weil ihr Verstand ausschließlich auf das Praktisch-Nützliche gerichtet ist.

Für den Maler ist die Nachbildung der Natur kein Erkenntnisvorgang. Er bildet die Erscheinungen außerhalb jeder wissenschaftlichen Erkenntnis ab. Für ihn entfallen die Ursachen, die eine Erscheinung hervorrufen, und damit auch Überlegungen, die mit einer Erscheinung in Zusammenhang stehen. Er leite keine Gesetze ab, bemüht sich nicht um wissenschaftliche Schlußfolgerungen. Der wissenschaftliche Naturalismus ist ein Gesetz des Handelns, das es zwar in der Natur nicht gibt, das aber für alle gegenständlichen Abbildungen seine Geltung hat. Die Betrachtung der Natur vom Standpunkt der praktischen Gegenständlichkeit aus setzt stets eine praktisch-nützliche Zielsetzung voraus. Es wird also die Nützlichkeit und praktische Verwendbarkeit einer Erkenntnis höher geschätzt als die Erkenntnis der Wirklichkeit. Was wir erkennen, ist immer nur die Vorstellung von der Zweckdienlichkeit. Trotzdem mühen wir uns weiter ab, die Gesamtheit aller Annahmen, Fiktionen, die wir Natur nennen, zu erfassen. Die Natur erkennen, heißt aber die vollkommene Gleichheit, die ungeteilte Ganzheit des 'Nichts' erkennen. Jede Absonderung zerstört die Gleichheit. Die Natur als Gleichheit, das heißt als Einheit zu erkennen, ist aber nicht möglich, solange der gegenstandsbefangene Gedanke nicht das einheitliche Ganze, sondern immer nur die Vielfalt der Einzelerscheinungen sieht.
Wahrhaft religiöse Menschen wollen nicht Einzelpersönlichkeiten sein, sie wollen nicht hervorstechen. Sie glauben, dieses erreichen zu können, indem sie alle Regungen unterdrücken, die zur Spaltung ihres Selbst führen könnten.
Ein Heiliger hütet sich, etwas zu erforschen, denn er wird ja erst heilig, wenn er ganz in seinem Gott, dem Unerfoschlichen aufgeht. Er glaubt, dass er sündig wird, wenn er nach Erkenntnissen strebt, weil er damit Gott oder die Natur lästert.
Vielleicht hat solch ein Mensch recht, denn der Trieb des Menschen zu 'erkennen' und auf diesen Erkenntnissen seine Welt aufzubauen, führt doch immer wieder zu Zerstörungen , denen dann wieder neue Erkenntnisse und neue Zerstörungen folgen. Der 'erkennende' Mensch kann sein Leben gar nicht mehr anders aufbauen als auf 'Erkenntnissen', die er als 'wissenschaftlich fundiert' bezeichnet.
So wurde durch die Wissenschaft festgestellt und damit zur 'Wirklichkeit' erklärt, dass es in der Natur unteilbare Elemente gibt. Wäre diese 'Feststellung' zutreffend, dann müßte es möglich sein, auf diesen unteilbaren Elementen als vollkommen sicherem Fundament einen dauerhaften Weltenbau zu errichten, wie etwa der religiöse Mensch auf dem sicheren Fundament seines unteilbaren Gottes seinen Weltenbau errichtet hat.
Nun, alle menschliche Erkenntnis stützt sich auf diesen unteilbaren wissenschaftlichen Grundstein. Der Grundstein erwies sich aber plötzlich als teilbar, und alles fiel zusammen.
Wir aber gehen über solche Tatsachen hinweg, als wäre nichts geschehen, und bauen weiter, im Vertrauen auf die 'wissenschaftlichen' Erkenntnisse. Diese 'wissenschaftlichen Erkenntnisse' sind die Grundlage unseres Seins und bestimmen jeden unserer Schritte.Wir dürfen nicht 'blind' voranschreiten, dürfen uns nicht auf Ahnungen verlassen oder gar an eine höhere Macht glauben, die uns in ihrer Allmacht schon irgendwie leiten wird. Wir müssen 'wissen' und zwar nur durch die Wissenschaft. Ein Heiliger richtet alle seine Bemühungen darauf, nicht dem Gegenstand zu verfallen, das heißt, nicht die Grenzen eines praktischen Zieles oder Sinnes in sich zu setzen. Er will seine gegenständlichen Sünden in der Gegenstandslosigkeit auflösen, will sein 'Ich' als Gegenstand, als Einzelwesen, auflösen im 'Nichts', will nicht hervortreten, um in der Einheit zu bleiben.
Heilig sein, heißt nicht hervortreten, heißt mit der großen Einheit verschmelzen. Die Reinheit dieser in jeder Religion bestehenden Bestrebungen wird aber stark überschattet von praktisch-gegenständlichen Spekulationen auf ein Heil. Gott wird zum Spender gegenständlicher Segnungen.
Auch im profanen Leben kann man solchen Verschmelzungen zu einer großen Einheit begegnen. Zum Beispiel in einer Armee. Die Soldaten sind alle einheitlich gekleidet, und wenn sie in Reih und Glied stehen, sehen sie alle gleich aus. Diese Gleichheit wurde aber auch zerstört, indem Rangabzeichen geschaffen wurden, durch die die Vorgesetzten erkennbar wurden. Der Vorgesetzte wird sündig, weil er aus der Gleichheit der Menge heraustritt.
Auch der Sozialismus strebt eine allgemeine Gleichheit an. Diese Gleichheit ist aber ausgesprochen gegenständlich-praktisch, woraus der Schluß zu ziehen wäre, dass entweder die Gleichheits-Idee falsch verstanden wird, oder aber, dass diese Idee sich nur gegenständlich-praktisch verwirklichen läßt.
An sich strebt wohl jede Lehre in irgendeiner Weise nach Gleichheit. Gleichheit ist die Grundlage jeder Lehre. Alles, was dieser Grundlage entbehrt — ist keine Lehre.
Es scheint aber außerordentlich schwer zu sein, das Problem der Gleichheit durch Lehren zu lösen. Jede neue Lehre geht davon aus, dass der Mensch an der vorhergehenden Lehre gescheitert sei und dass es notwendig sei, ihn durch die neue Lehre wieder aufzurichten und auf den richtigen Weg zu führen.
Die Lehren wollen den unaufhaltsamen Verfall aufhalten, doch der Verfall ist inzwischen Normalzustand, ist 'Kultur' geworden.
Das einheitliche, nicht erkannte 'Nichts' hat sich unter dem Ansturm des Verstandes in Einzelerscheinungen aufgelöst, die der Mensch nun wieder zu einem organischen Ganzen zusammenlegen will. Aber, so wenig ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen kann, so wenig kann der Mensch mit Verstand, Vernunft oder Sinn dort eindringen, wo es weder Verstand noch Sinn gibt.
Keine Kultur hat es bisher vermocht, den Menschen seiner wahren Bestimmung zuzuführen, denn diese Bestimmung ist verborgen und will gar nicht erkannt werden.
Der Mensch aber versucht unverdrossen, mit Hilfe der wissenschaftlichen Forschung die Weltweisheit zu erkennen, um seinen Verstand als höchsten Kulturwert zu mehren und ihn zu neuem Denken zu führen. Dieses neue Denken als neue Weltanschauung zerstört die menschlichen Werte, indem es in sich selbst das Samenkorn der Weisheit finden will. In dem Bemühen, Dinge zu erkennen, die gar nicht da sind, zerfleischt sich die Menschheit mit höllischen Geräten.
Der Untergang dieser neuen Kultur ist demnach unschwer vorauszusehen, sobald die Gleichheit der Gegenstandslosigkeit in das Bewußtsein des Menschen eindringt und die menschlichen Handlungen den Nullpunkt aller Differenzierungen erreicht haben werden.
Ein Soldat tötet den anderen, weil er sich äußerlich oder seiner Überzeugung nach von ihm unterscheidet. Diese Unterscheidungen beschränken sich aber nicht nur auf die gegenständlich-praktische Seite der Kultur, sondern sind ebenso der Wissenschaft, Religion und Kunst eigen. Auf diesem dreieinigen Weg tobt ein ewiger Kampf der Verschiedenheiten um die Abschaffung der Verschiedenheiten.
Alles, was die Menge als Kultur ansieht, führt zur Vernichtung. Wer also die Kultur bejaht, bejaht auch die Vernichtung. Die Natur entfaltet sich in den verschiedensten Arten und Formen, ohne irgendwelche Verschiedenheiten im Weisheitsgrad erkennen zu lassen. Nur der Mensch maßt sich an, einzelne Erscheinungen als weise zu bezeichnen, wobei er immer nur nach dem Maßstab urteilt, wie weit eine Einzelerscheinung für seine jeweilige Kultur wertvoll ist.
Eine blühende Wiese besteht aus einer Vielzahl von Pflanzen, die wir als ein Ganzes in ihrem Blühen in uns aufnehmen, ohne den 'Wert' oder 'Unwert' der einzelnen Pflanzen wissenschaftlich zu untersuchen oder sie in Arten einzuteilen. Auch das Sonnenlicht empfinden wir als Ganzes, ohne gleich eine Spektralanalyse vorzunehmen. Das ist Sache der Wissenschaft, die alles in seine Bestandteile zerlegen muß, weil sie nicht fähig ist, das Ganze zu erfassen. Die Vielfalt der Einzelerscheinungen ist aber niemals die wirkliche Realität.
Die ganze Kultur der Menge ist auf der Anhäufung von Werten aufgebaut. Ob Gelehrter oder Händler, jeder sammelt sein Leben lang diese Werte. Aber genauso, wie die regenbogenfarbenen Banknoten oder die geprägten Geldstücke keinen Wirklichkeitswert haben, so ist auch die ganze Kultur nur ein Scheinwert. Der gutgläubige Mensch aber läßt sich von dem trügerischen Glanz täuschen und erwirbt und häuft diese Werte in der Hoffnung, dafür reines Gold erhalten zu können.
Die Wissenschaft und die Kultur der Werte sucht in deren Vielfalt, gleichsam in einem Prisma gebrochen, die Wahrheit zu erkennen. Sie zergliedert die Erscheinungen immer weiter in immer neue Elemente und hofft, durch das Zusammenlegen der gewonnenen Einblicke die ganze Wahrheit erkennen zu können. Das ist genauso, als wenn ein Bankier Banknoten sammelt, sie in Büchern registriert und glaubt, wirklichen Reichtum anzuhäufen. In Wirklichkeit sammelt er aber nur Anweisungen auf wahre Werte. Jede Änderung kann diese Anweisungen wertlos machen.
Für den Bankier ist das Gold ein absoluter Wertbegriff wie für den Wissenschaftler die gewonnenen Erkenntnisse, die auch er in Büchern registriert. Aber auch seine Erkenntnisse sind nur relative Werte, fiktive Werte, die nur in der menschlichen Vorstellung bestehen. Der Wissenschaftler hat die unslöbare Aufgabe übernommen, die Realität der Erscheinungen durch ihre Zerstörung zu erforschen, zu beweisen und zu begründen. Er entdeckt in ihnen einen ursächlichen Zusammenhang und erklärt damit den Mechanismus, der bewirkte, dass dieses oder jenes Ereignis nur so und nicht anders ablaufen konnte.
Verstand, Vernunft, Bewußtsein, Sinn, das sind die Mittel, mit denen die Wissenschaft zu Erkenntnissen gelangen und sie beweisen will. Der Mensch will die Natur 'klug' sehen, sie aber kennt weder Vernunft noch Bewußtsein. Sie hat ja auch kein Objekt vor sich, das sie verstehen, dessen sie sich bewußt werden könnte. Ein Mensch, der sich mit einem verstandlosen Menschen unterhält, muß diesem gleichen. Ein Mensch, der die Natur erkennen will, diese schweigende, verstandlose Wirklichkeit, oder der in dieser stummen Sprache des Un-Verstandes aufgehen will, muß selbst unverständig werden. Wenn ein Mensch den anderen nicht verstehen kann, so liegt das vielleicht daran, dass der Unverstand der beiden nicht gleich ist. Das Unverständige liegt nicht im Verstand oder in der Venunft, und kann darum nicht verstanden werden.
Der Mensch ist ständig bemüht, das zu erfassen, was für ihn im Unverständlichen verborgen liegt. Er bemüht sich, in das Unverständliche einzudringen, das sein Verstand ihm noch nicht verständlich gemacht hat. Wenn es ihm aber gelingt, mit seinem 'Verstand' in den 'Unver-stand' einzudringen, dann wird sein Verstand zum Unverstand, das heißt er hat den Unverstand begriffen. Man kann also den Verstand als eine Sammlung von einst unverständlichen Dingen ansehen.

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  Mit Verstand bewaffnet tritt der Mensch zum Angriff auf die Weltwirklichkeit an, die keinen Anfang und kein Ende hat, kein Fundament, kein Dach. Seine Angriffe richtet er dahin, wo es keine Fundamente gibt, die man zerstören, keine Mauern, die man einreißen oder in die Bresche schlagen könnte. Was der Mensch in seinem Forschungsdrang auch unternehmen mag, immer wird es ein unverständiger Versuch bleiben, weil es in der Weltwirklichkeit nicht den Gegenstand oder die Abgrenzung gibt, jenes Absolute, in das der Verstand eindringen könnte. Wenn es aber nichts Absolutes gibt, dann gibt es auch kein Forschungsobjekt, dann gibt es nur die Gegenstandslosigkeit. Wenn das Forschungsobjekt fehlt, dann kann es auch kein Wissen geben. Das Forschungsobjekt müßte aus dem Weltzusammenhang herausgelöst werden, und nicht nur das, es müßte auch gültig beschrieben werden. Die daraus gezogenen Schlußfolgerungen würden sich dann nur auf Annahmen unserer Vorstellungen stützen können. Darüber könnten auch weder physikalische Experimente noch Analysen hinweghelfen. Alle physikalischen Experimente müssen sich auf die Untersuchung von Einzelerscheinugen beschränken, denn nur aus dem Zusammenhang herausgerissene, isolierte Erscheinugen lassen sich physikalisch untersuchen, wenn die Forschung sich nicht im Uferlosen verlieren will. Isolierte Erscheinugen und Elemente können aber niemals ein Bild vom Ganzen geben. Wir können aus ihnen keine gültige Vorstellung von der gesamten Wirklichkeit ableiten, können seine wirkliche Form nicht finden. Auch in der Malerei lassen die Versuche keine gültige Vorstellung von der Form zu. Die Formen von Gegenständen, die in einem Gemälde wiedergegeben werden, haben kein Volumen. Dadurch ist jeder Versuch, auf einer Malfläche die wirklichen Formen wiedergeben zu wollen, sinnlos. Das gleiche gilt für jeden Forschungsversuch, der eine begründete, wirkliche Form finden will. Wenn wir dem Menschen einen kultivierten Zustand zuerkennen, dem Tier aber nicht, so geschieht das ganz willkürlich, denn der Mensch, der seine Wesenheit nur in der technisch-wirtschaftlichen Vollkommenheit sieht, unterscheidet sich doch nicht vom Tier. Alles nämlich, was seinen Vorrang vor dem Tier rechtfertigen könnte, wie Wissen, gesunder Menschenverstand, Logik, Vernunft, sind ja nur leere Begriffe, weil er mit ihrer Hilfe die Wirklichkeit nicht erkennen kann. Sein Verstand lebt nur in Erfindungen von Vorstellbarem.

Die Natur, deren Wirklichkeit jenseits des Verstandes liegt, ist ungegenständlich, und wenn es dem Menschen gelänge, über den Bereich des Erdballes hinauszugelangen und in der Finsternis die endlosen Abgründe zu empfinden, wo in wirbelnder Rotation sich Nebel, Sonnen und Planeten bewegen, dann würde er erkennen, in welchem Unverstand er sich befindet. Er würde die Kraft der gewaltigen Weite und Freiheit des unverständigen Geschehens erblicken und könnte sich überzeugen, dass nur im 'Unverstand', im 'Ziellosen', 'Grenzenlosen', die Wahrheit und die Wirklichkeit des Geschehens sich vollzieht. Er würde sich überzeugen, dass seine 'wissenschaftlichen', 'verstandesmäßigen' Schlußfolgerungen nicht die Wirklichkeit sind, sondern Annahmen, die jeder Begründung entbehren.

Frei in seinem 'Un-Verstand' jagt unser Erdball, unbekannt wohin, ohne Ziel, ohne Logik, ohne Begründung. Wohin jagt er, zu welchem Ziel wird er uns bringen? Oder bewegt er sich vielleicht nirgendwohin, und Planet und Sonne sind nur der Glanz erstarrter Augen eines Irren?

Der Verstand ist ein Mittel, um Erkenntnisse zu gewinnen. Erkenntnisse sind der Wert des Lebens. Werte schaffen Ungleichheit und Feindschaft, obwohl die kulturellen Werte jedem zugänglich sein sollten und die Menge gleich reich an ihnen sein könnte.
Die Theorie des Kapitalismus verbietet niemandem, so reich zu sein wie jeder andere, verbietet aber auch niemandem, klug zu sein: Gelehrter, Künstler, Dichter, Bildhauer, Architekt. Trotzdem aber besteht die Ungleichheit: Da sind Gebildete und weniger Gebildete, Gelehrte und Nicht-Gelehrte, Künstler und Nicht-Künstler, alles Wert-unterschiede, die durch die Kultur erzeugt werden und damit die Einheit der Natur zerstören, die solche Wertunterschiede nicht kennt.
Dessen ungeachtet ordnet die Menschheit aber diese Wertunterschiede nach Kategorien und glaubt, damit den Grad der gewonnenen Naturerkenntnisse messen zu können.
Jede Kategorie oder jedes Spezialgebiet 'erkennt' das ihnen wertvoll Erscheinende und reiht es in die Kultur ein. Wenn die Menschheit auf diesem Wege die Gesamtheit der Natur erfassen und erkennen könnte, wenn jeder einzelne Mensch über das absolute Wissen verfügen würde, dann wären Natur und menschliche Kultur ein Ganzes. Es würde dann für den Menschen keine Wertunterschiede mehr geben, keine Tiefe und keine Höhe, in die er fallen oder auf die er steigen könnte. Es gäbe keine Fragen mehr, ob die Natur weise sei oder nicht, ob dunkel oder hell, kalt oder warm, weil die Natur diese Unterscheidungen nicht kennt. Erst der Mensch unterscheidet zwischen klug und dumm, gelehrt und ungelehrt, wobei er seine Wertungen nach dem Grad der 'Naturerkenntnis' bestimmt. In der Natur ist alles so fein gesponnen, sie bildet eine so lückenlose Einheit, dass der Mensch mit seinem Verstand, so sehr er ihn auch schärfen und verfeinern mag, nicht in sie eindringen kann. So muß er seine Wertunterschiede auf spießbürgerliche Konventionen gründen, ohne die keine menschliche Kultur denkbar ist.
Der Maler kennt auf seiner Bildfläche Probleme dieser Art nicht. In seiner Naturauffassung schaltet er alle Wertunterschiede aus.
Für sein Gemälde sind Sonne, Licht, Schatten, Wasser, kurz alles, was wir in der Natur sehen, völlig gleichwertig. Der Menge erscheinen Berge und Täler im Gemälde von realer Wirklichkeit. Untersucht man aber die Malfläche mit Hilfe einer Wasserwaage, so wird man keinerlei Höhenunterschiede feststellen können. Die Wirklichkeit der Malfläche ist gegenstandslos. Das gleiche gilt aber nicht nur für die Malfläche, sondern auch für alle anderen Erscheinungen.
Die neue Auffassung vom Wesen der Malerei hat die Einstellung und die Beziehung zum Gegenstand völlig verändert und damit die Fehler der althergebrachten Vorstellungen von den Problemen der Malerei aufgezeigt.
Auf die grundlegende Verschiebung im Bewußtsein der Maler, die der Kubismus bewirkte, wurde bereits hingewiesen. Das hat die Menge sehr beunruhigt, weil dadurch ein Wertbegriff der Kultur, nämlich die Kunst, aus ihr verschwindet. Damit aber nicht genug, — beim Übergang zur Gegenstandslosigkeit gehen auch andere kulturelle Hilfsmittel und Werte verloren. Der Sinn der Malerei beweist, dass die Menschheit außerhalb des Seins steht, außerhalb der gegenstandslosen Wirklichkeit. Der Drang nach Freiheit, nach Befreiung von allem, beweist, dass auch die übrige Menschheit sich zur Freiheit der Grenzenlosigkeit, das heißt zur Gegenstandslosigkeit hin entwickelt. Damit aber gerät sie in Widerspruch zum wissenschaftlichen Naturalismus, der das Einzelobjekt erkennen will. Trotzdem bleibt die Sehnsucht des Menschen nach dem Urquell der unzerstörbaren Einheit. Mögen die verschiedenen Systeme und Lehren sich noch so sehr von einander unterscheiden, in ihrem Wesenskern sind sie alle gleich: Sie alle erstreben die Gleichheit und Einheit. Leider haben die Leitenden dieses noch nicht erkannt. So hat zum Beispiel die Religion den Ewigen Gott vor sich. Anstatt aber diesen Ewigen Gott als Einheit anzuerkennen, geraten die Menschen in erbitterten Streit miteinander wegen des richtigen Weges zu ihm. Gott zerfällt für sie in verschiedene Bekenntnisse, die Bekenntnisse in Systeme, und diese werden nun wichtiger als Gott. Die Frage, wie man zu Gott gelangen kann, welche Abzeichen, welche Gewänder die besten sind, führt zu den heftigsten Feindschaften. Die Frage nach dem Weg zu Gott ist zur Frage nach der äußeren Form des Gottesdienstes, nicht aber zu einer Frage der Gottfindung geworden. Solche Sinnlosigkeiten ergeben sich aus dem gegenständlich- praktischen Realismus. Wenn aber einmal ein gegenständliches materielles Heil festgesetzt ist, dann ist jedes System überzeugt, dass es den besten Weg zur Erreichung dieses Heils gewählt habe. Daraus entsteht der ewige Streit. Streit und Feindschaft sind Realitäten, aber niemals Wahrheiten.
Wenn wir zur Gegenstandslosigkeit des weißen Suprematismus gelangen sollten, der anstelle des erstrebten materiellen Heiles die Gegenstandslosgkeit setzt, so würde niemand in ihr eine Gnade, einen schenkenden Gott finden, keine Herren und keine Knechte, keine Gegenstände und nichts von dem, was das Leben der Menge heute ausmacht.Im gegenstandslosen Suprematismus verschwinden alle Fragen, wie etwa: »Wie habe ich Gott zu dienen?« , »Wie habe ich zu beten?« , »Wie habe ich zu bauen?« , »Wonach habe ich zu streben?« Diese Fragen sind ja alle erst durch die gegenständliche Bewußtseinsrichtung entstanden, müssen also von selbst verschwinden, sobald wir zur Gegenstandslosigkeit gelangen.
Die Entwicklung der Menschheit, die bisher von ihren Lehrern und Führern immer nur in Richtung des gegenständlichen Heiles gelenkt wurde, wird möglicherweise im Sozialismus oder Anarchismus ihre äußerste Grenze erreichen. Die materiell eingestellte Menschheit kennt nur die Sorge um ihr materielles Wohl, darum muß der Sozialismus sich zu seiner Verwirklichung auch dieses wirksamen Argumentes bedienen. Doch steht ihm auch ein anderes Argument zur Verfügung: Die religiös-geistige Gegenständlichkeit. Allerdings bezeichnet der heutige Sozialismus dieses Argument als Aberglaube und Vorurteil und sucht es auf jede Weise auszuschalten.
Mir scheinen aber diese Bemühungen völlig überflüssig zu sein, weil die religiös-geistige Gegenständlichkeit ja auch nur auf der Ebene eines durchaus gegenständlichen Heiles steht, somit also nur eine Variante des praktischen Realismus ist. Ist es denn nicht gleichgültig, wovon der Mensch satt wird, ob von der religiös-geistigen oder von der sozialistischen Gegenständlichkeit? Wichtig ist ja nur, dass er die Nahrung bekommt, nach der ihn hungert, das erhoffte Ziel erreicht er weder durch die eine, noch durch die andere.
Wie man es aber auch betrachten mag — alles 'Wollen' endet immer in der Sättigung mit Brot oder mit Geist, den beiden ewigen Gerichten, die das gegenständlich-praktische Sein zu bieten hat. Sie sind der Gipfel und die Vollendung für die gegenständlich eingestellte Menge. Ingenieur und Geistlicher müßten sich die Hände reiben, denn beide dienen dem Prinzip der Sättigung, der eine auf matriellen, der andere auf geistigem Gebiet.
Das gegenständliche Heil steigt und fällt in Wellen, und es scheint, dass es im Sozialismus wieder seinen höchsten Gipfel erreichen wird. Danach wird dann eine neue Epoche anbrechen, die Epoche der Gegenstandslosigkeit. Den Keim hierzu hat die Malerei bereits im weißen Suprematismus gelegt, der die Befreiung von allen überkommenen Vorstellungen bringt und in die Einheit, in das befreite 'Nichts' einmündet. Diese neue Malerei hat als erstes bewiesen, dass es in der Natur das Relativitätsprinzip, auf das sich unsere Erkenntnis der Realität der Natur gründet, nicht gibt. Diese Tatsache ist aber von niemand beachtet worden, nicht einmal von den Malern selbst, die zwar das Gemälde als Fläche erkannten, aber nicht in der Lage waren, die Bildfläche anders aufzubauen als mit Hilfe des Relativitätsprinzips.
Trotz aller Verschiedenheiten, die die Maler auf ihrer Leinwand darzustellen versuchten, blieb sie unvermindert eine Fläche. Damit ist doch bewiesen, dass alle wahrgenommenen Verschiedenheiten in der Bildfläche verschwinden. Als ich aber das suprematistische Quadrat schuf, war die Empörung groß. Ich wurde beschuldigt, mich 'außerhalb der Malerei' gestellt zu haben. Es ist aber gar nicht der Kern der Frage, ob jemand außerhalb oder innerhalb von irgendetwas steht, oder woraus etwas hervorgegangen ist, wichtig ist allein der Beweis.
Der Suprematismus ist weder aus dem Kubismus noch aus dem Futurismus hervorgegangen, weder vom Westen, noch vom Osten, denn die Gegenstandslosigkeit ist nichts, was aus etwas anderem hervorgehen kann; einzig und allein steht in allem die Frage, ob etwas erkannt wird oder nicht. Möglicherweise läßt sich alles zurückführen auf den Beweis der Einheit, der allgemeinen Gleichheit, den Nullpunkt, auf den Beweis, dass in allem die Ablehnung der Verschiedenheiten erkennbar wird, dass alles Wahrnehmbare außerhalb der Unterscheidungen steht.
Dargestellte Rauminhalte, Flächen und Linien existieren nur auf der Bildfläche, nicht aber in Wirklichkeit. Der Maler glaubt, dass er Zeit, Raum und Rauminhalt in seinem Bild eingefangen hat. Er konnte seine Wesenheit nicht anders ausdrücken als durch Gegenüberstellungen von Verschiedenheiten, wie auch der Mensch sein Leben nicht anders aufbauen kann. Es wäre interessant, festzustellen, was geschehen würde, wenn alle Gegenüberstellungen verschwinden, das Gesetz der Beziehungen aufgehoben, mit einem Wort die Gegenstandslosigkeit erreicht würde.
Interessant aber ist auch die Tatsache, dass selbst im gegenständlichen Aufbau des Lebens die Gegenstandslosigkeit bereits Realität geworden ist. Worauf bauen wir denn unser Leben, unsere 'Kultur' auf? Sind die Grundpfeiler tatsächlich so fest, so unerschütterlich? Haben sich diese Grundpfeiler nicht immer wieder als trügerisch erwiesen? Und sind nicht gerade die Grundpfeiler, die am unerschütterlichsten aussehen, gefährlicher als solche, die von vorneherein Zweifel erregen? So entwickeln wir im Vertrauen auf die 'felsenfeste Grundlage' wissenschaftlicher Erkenntnis unser Leben stufenweise immer weiter, und plötzlich zerbröckelt die 'feste' Grundlage unseres Lebensaufbaues, der einstürzt und uns unter seinen Trümmern begräbt. Zerstört wird aber die gegenständlich-wissenschaftliche Grundlage immer durch die Wissenschaft selbst, womit mir bewiesen scheint, dass es nichts Dauerhaftes und Unerschütterliches gibt. Darum lebt auch die Menschheit in ewiger Angst, dass die Grundlagen ihres Lebens zerstört werden könnten, und sieht doch keine andere Möglichkeit, dieses Leben anders aufzubauen als auf wissenschaftlich begründeten Ideen. So bleibt unser Lebensaufbau auch weiterhin unsicher und wirklichkeitsfremd.
Weder die Menschheit allgemein noch der Maler im besonderen haben ihre Lage begriffen. Sie bauen nach wie vor ihr Leben auf willkürlich herausgegriffenen Teilen des Ganzen auf.
In einem sinnvol zusammengefügten Ganzen verlieren alle Einzelteile ihre Wertunterschiede. Das ist besonders anschaulich in der Malerei zu erkennen: Hier verlieren alle Einzelheiten ihren Eigenwert, lösen sich in der gegenstandslosen Fläche auf, ohne irgendwelche Merkmale ihrer ursprünglichen Verschiedenheit mehr erkennen zu lassen.
Das gleiche gilt für jeden Versuch, einzelnes zu einer Einheit zusammenzufügen. Das ist meiner Ansicht nach die Wirklichkeit. Leider ist diese Wirklichkeit noch von keinem Führer auf seine Fahne geschrieben worden. Immer ist es das praktische materielle Heil, das auf die Fahne jeder neuen Bewegung geschrieben wird, und immer liegt dieses Heil irgendwo in der Zukunft wohl verwahrt. Die Menschen müssen bloß alle Schwierigkeiten überwinden, die sie noch von dem versprochenen Heil trennen. Diese Zukunft steht als nebelhafte Vorstellung vor den gegenstandsbefangenen Menschen wie der Begriff 'Gott' vor den religiösen. Die Maler aber 'beweisen' unverdrossen, dass die Zukunft des Gegenstandes ihre Bildfläche ist, in der sie ihr künftiges Heil finden werden. Sie merken nicht, dass sich der Gegenstand in der Bildfläche bereits aufgelöst und seine Zukunft in der Gegenstandslosigkeit gefunden hat. Die Maler aber, selbst führende Maler sagen nichts darüber, dass es nicht Aufgabe der Kunst sei, den Gegenstand oder irgendwelche anderen Erscheinungen zu verherrlichen. Im Gegenteil, sie behaupten sogar (und versuchen es mit ihren Bildern zu beweisen), dass die Elemente der künstlerischen Gestaltung vorhanden und von ihnen erkannt sind. Diese Elemente werden in einer neuen Ordnung zueinander in Beziehung gebracht, doch zeigt diese neue Ordnung jetzt schon, dass mit ihrer Hilfe die Elemente nicht zu einer künstlerischen Form zusammengefügt werden können, vermutlich, weil dieser neuen Ordnung der künstlerische Ursprung fehlt.
Darum versuche ich zu zeigen, dass das wahre Wesen der Malerei nicht in den Gegenständen der sogenannten künstlerischen Kultur des praktischen Realismus zu suchen ist. Die Welt ist ungegenständlich, und nur der Mensch ist es, der sie vergegenständlichen und in reale Formen zwingen will.
Man sehe sich doch an, wohin der Aufstieg der Menschheit sie auf dem Wege zu ihrem 'zukünftigen' Heil der praktisch-gegenständlichen Vollkommenheiten geführt hat: Drahtverhaue, Kanonen, Gase, und alles im Namen des kommenden vollendeten materiellen Wohlergehens.
Gibt es nicht zu denken, dass bisher noch kein Führer sein Volk unter Umgehung von Kanonen und Opfern zum Wohlstand führen konnte? Diese Führer behaupten zwar, sie hätten den besten Weg zum künftigen Wohlergehen gefunden, ihr Finger weist aber immer nur auf das Schwert und die Kanonenmündungen, hinter denen das wahre Glück, der Wohlstand liegen soll.
Und das Volk läßt sich tatsächlich immer aufs neue hypnotisieren und rennt gegen die Kanonen an. Allerdings wird auch bald das Mißtrauen wach, und Fragen tauchen auf, ob nach Überwindung dieser Kanonen das Heil wirklich erreicht sein wird, ob der Führer alles voraussehen kann, zumal jeder Mensch doch eine andere Vorstellung vom Heil hat. Die Frage nach dem wirklichen Heil ist also unklar, genauso unklar wie die Frage nach den Mitteln, mit denen das Heil erreicht werden soll. Sind die Kanonen das wirksame Hilfsmittel des Menschen, um das Heil zu erreichen, oder schützen die Kanonen das Heil vor dem Menschen?

Ungeachtet aller Zweifel geht die Vernichtung der Menschen und der Kanonen unvermindert weiter, ohne dass das erhoffte Heil erreicht wird. Es bleibt unbekannt, kein Weg führt zu ihm. Auch weiß man nicht, wann die Zukunft beginnt und an welcher Stelle der Zukunft das Heil wirklich zu finden sein wird.

Auch die Maler glauben an den zukünftigen künstlerischen Gegenstand oder den darzustellenden Lebensinhalt und sehen, dass beides sich in der Bildfläche auflöst.Wird das Schicksal aller menschlichen Vorstellungen vom Heil nicht das gleiche sein, wie das Schicksal des Gegenstandes in der Bildfläche? Werden sich nicht alle Hoffnungen in Gegenstandslosigkeit auflösen wie die Gegenstände, die sich künstlerisch veredeln lassen wollten? Sollte man nicht die Embleme des materiellen Heiles von den Fahnen der Führer entfernen, sie freimachen von allen Gegenständen, damit alles so wird wie auf einer Bildfläche, auf der der dargestellte Mensch nichts sieht, nichts hebt, wo sein Verstand nichts erkennt, wo alles an ihm verwandelt ist in eine einheitliche, gegenstandslose Fläche.

Durch gegenständliche Wertbestimmungen kann man niemals die Einheit erreichen, selbst in der Religion nicht.

Wie vor Gott, so sollen auch im Sozialismus alle gleich sein. Der eine wie der andere verlangt aber, dass seine Befehle und Weisungen erfüllt werden, und bei dem einen wie bei dem anderen kann man sich durch besonderen Eifer verdient machen.Von den Gebeten und den Schlichen der Eiferer hängen die Segnungen Gottes ab, wobei dann unvermeidlich wird, dass der Mensch auch Gott unterschiedliches Verhalten gegenüber mehr oder weniger Eifrigen unterschiebt. Es scheint, dass auch hier besondere Talente und Erfindungsgaben notwendig sind, wie bei allen anderen gegenständlichen 'Wahrheiten' des Lebens.

Auch in der Wissenschaft hängt alles vom Eifer ab, und wenn alle Menschen gleich eifrig wären, dann würde schließlich der Zustand erreicht, in dem es nichts mehr zu vervollkommnen gibt, in dem aller Sinn und jedes Ziel fortfällt. Dieser Zustand muß vielleicht erreicht werden, aber dann müßte dieses 'Muß' auch klar ausgesprochen werden. Es muß dann der Sinn aller Handlungen gefunden werden. Schließlich muß doch irgendwo ein Ende jeden Sinnens und jeder Vervollkommnung sein, wenn 'Sinnen' überhaupt noch einen Sinn haben sollte.
Alle Lehren streben die Gleichheit an, in der sich alle Unterschiede ausgleichen. Dieses Ausgleichen ist aber nicht Sache der Schüler, es hängt nicht von deren Eifer ab, vielmehr muß die Lehre selbst bewirken, dass keiner ihrer Anhänger anders sein kann als der andere.
Ein wahrhaftiger Maler zum Beispiel baut seine Bildfläche so auf, dass in ihr eine gegenstandslose Gleichheit aller Elemente herrscht. Da gibt es keine Einzelheit, die eine andere übertrumpfen will.

Die Wissenschaft beweist die verschiedenen Schwingungsintensitäten und Wellenlängen der farbigen Strahlen. Die roten Strahlen bewegen sich langsamer, die gelben schneller und die weißen am schnellsten. Doch sind diese Unterschiede rein relativ und sagen nichts über die wirkliche Bewegung aus. Bei der Gegenüberstellung mit der Unendlichkeit kann sich der rote Strahl als völlig unbeweglich erweisen oder auch die allerhöchste Geschwindigkeit haben. Die Ungleichheiten ergeben sich doch erst, wenn man die Einzelerscheinungen miteinander in Beziehung bringt, nachdem man sie vorher isolierte. Kann man sie nicht isolieren, so lassen sich auch keine Unterschiede feststellen. In ihrer unteilbaren Einheit kann nichts das andere überholen, kann nichts das andere mechanisch bewegen. Möglicherweise gibt es Räume, in denen es keine Teilchen gibt, die andere in Bewegung setzen können oder durch Anziehungskräfte durch diese Räume bewegt werden. Trotzdem sind auch in solchen Räumen Bewegungen möglich.
Ein Maler, der in der gegenständlichen Vorstellung vom 'Was' befangen ist, befreit es, sobald er es auf seine Bildfläche überträgt, zum 'Nichts'. Ist seine Vorstellung räumlich, so verwandelt er sie auf seiner Leinwand zu einer Fläche. Er merkt dabei nicht, dass seine gegenständliche Vorstellung auf der Bildfläche ihre physikalischen Eigenschaften eingebüßt hat.
Die Neue Kunst, die zur gegenstandslosen Naturkraft vordringt, lehnt den Gegenstand als Ausdrucksmittel für den Künstler ab. Sie weist dem Menschen den Weg zur Befreiung vom gegenständlichen Denken, von einem Denken, das es gar nicht geben kann, weil Einzelheiten für sich gar nicht bestehen.
Durch die Entwicklung der Teleskope versuchen die Astronomen immer weiter in das All einzudringen, und suchen nach Anzeichen menschlicher Kultur auf anderen Planeten, suchen den Menschen selbst. Vielleicht tun Astronomen auf anderen Planeten dasselbe. Wenn wir auf einem Planeten Verhältnisse entdecken, die denen auf unserer Erde gleichen, dann sind wir überzeugt, dass auf solch einem Planeten auch die gleiche menschliche Kultur und die gleichen Menschen sein müßten. Wird nicht die gleiche Kultur festgestellt, so sind auch keine Menschen da. Schlußfolgerungen dieser Art können aber zu Irrtümern führen, wenn man die Merkmale des Menschen nicht kennt, wenn man nicht weiß, was den Menschen ausmacht. Wenn die Annahme zutrifft, dass das Wesen menschlicher Kultur sich in der Verteilung der Gewichte, in der Schaffung von Gleichgewichtszuständen offenbart, kann gefolgert werden, dass auch im Weltall dasselbe Prinzip der Gewichtsverteilung gilt, aus dem sich die Vielfalt der bald auseinanderstrebenden, bald sich zusammenballenden Formen ergibt.

Darin kann man eine Parallele zu den vom Menschen hervorgebrachten Formen wie Häusern, Maschinen und so weiter erblicken. Diese Formen werden auf unserer Erde als menschlich bezeichnet, sie sind das Sinnbild des Menschen. Da dieses Sinnbild aber nicht von der äußeren des Menschen Form abhängig ist, es also nicht unbedingt Kopf, Hände und Füße haben muß, so könnte der Mensch, der sich für immer in die schützende Schale seines Automobils verkrochen hat, von Astronomen, die ihn von Nachbarplaneten beobachten, eher für ein Ungeheuer gehalten werden als für einen Menschen.

Jede Form verändert sich bei Veränderung der Gewichtsverteilung, und man kann vielleicht sagen, dass die Kultur unserer Erde nicht so sehr von dem auf ihr 'herrschenden' Menschen bestimmt wird, als vielmehr von den Gewichtsverlagerungen, die zur Erhaltung des Gleichgewichtszustandes erforderlich werden.

Wenn man somit das Wesen jeder Kultur auf die Erhaltung von Gleichgewichtszuständen zurückführt, so kann man feststellen, welcher Art die Menschen waren, die einer bestimmten Kultur angehört haben. Wenn man dabei nur auf äußere Ähnlichkeit, etwa die Übereinstimmung des Knochenbaues achtet, kann man leicht zu Fehlschlüssen gelangen. Zuverlässiger wäre es vielleicht, sich bei der Forschung mehr an die Übereinstimmung der Bauformen und der Art der Gewichtsverteilung zu halten. Dabei würden wir zu dem Schluß gelangen, dass die menschliche Kultur der Kultur der Ameisen und Bienen viel näher steht als der der Affen. Darum bin ich der Ansicht, dass der Mensch nicht vom Affen, sondern von der Ameise abstammt. Eine tiefgehende Erforschung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bei den Ameisen und den Bienen würde vielleicht ergeben, dass diese viel vollkommener gelöst sind als beim Menschen.

Daraus aber wäre weiter zu schließen, dass der Mensch gar nicht d e r Herr der Welt ist, für den er sich hält, obwohl er sich mit seiner Kultur groß tut und glaubt, dass die ganze Welt nur seinetwegen geschaffen worden wäre und ihm gehöre. Manche Insekten sind übrigens der Meinung, dass der Mensch nur ihretwegen da sei, um sie zu ernähren.

Es gibt also auf der Welt verschiedene Wesen, die die gleiche Überzeugung haben wie der Mensch.

Der Mensch kann auch betrachtet werden als Gesamtheit all dessen, was er in den verschiedenen Kulturepochen an Erkenntnissen gewonnnen hat, aus denen er dann seine Kultur aufbaut. Jedenfalls besteht ein Gleichgewichtsprinzip, und die Frage ist nur, ob der Mensch darin der Führende ist oder nicht. Ich wage es nicht, diese Frage zu entscheiden. Die Allgemeinheit aber ist in ihrer Naivität überzeugt, dass der Mensch als 'weisestes Wesen' über allen anderen Wesen steht, weil diese unvernünftiger sind als er. Daraus entsteht dann das Mißverständnis, dass die Natur nur insoweit verständig ist, als sie vom Menschen verstanden wird.

Das ganze Weltall kann man als eine einzige Verwirklichung des Gleichgewichtsprinzips ansehen, eines Prinzips, dem auch der Mensch bei all seinen Handkungen unterworfen sein muß. Damit würde der Mensch nicht mehr ein bestimmbares physikalisches Gebilde sein, sondern ein in seiner Zerstäubung unbegrenztes Wesen, das überall gleich oder überall ungleich die Gesamtheit durchdringt, je nachdem, ob in ihm das Prinzip der relativen Wertvorstellungen besteht oder nicht. In dem Augenblick, in dem er sich aus der außerhalb jeder Relativität stehenden Einheit als einzelnes, ausschließlich persönliches Individuum herauslöst, beginnt die Zerstörung dieses Ganzen. Unter diesem 'Ganzen' kann man das nicht matrielle 'Weltsamenkorn' verstehen. In ihm muß man den Anfang oder die Unendlichkeit des Gewichtes, des allerschwersten Kernes suchen, dessen ewiges Wirken aus ein und demselben Kern durch endlose Gewichtsverlagerungen immer neue Formen schafft, die sich durch gegenseitige Einwirkungen zu immer neuen Schöpfungen anregen.
Ein überschaubares Beispiel geben die Samenkörner der gleichen Baumart, die Stämme und Äste der verschiedensten Formen hervorbringen, je nach den Umständen, unter denen sich der einzelne Baum entwickelt, ohne aber dass das Wesentliche der Baumart sich verändert.
Bäume entwickeln weitausladende Äste, damit ihr Samen möglichst weit verstreut wird. Der Löwenzahn scheint in dieser Beziehung eine höhere Vollkommenheit erreicht zu haben: Er entwickelt seinen Samen zu einem Flugkörper, der vom Winde auf möglichst weite Strecken hinausgetragen wird. Der Samen des Löwenzahns ist aber ganz und gar dem Winde preisgegeben, ähnlich wie ein Mensch, der sich in einem Freiballon willenlos vom Winde treiben läßt. Erst kürzlich hat sich der Mensch vom Winde freimachen könne und die Vollkommenheit des Löwenzahns dadurch überboten, dass er mit seinen Motoren nun Herr der Winde ist.
Das aber macht es schwer, das wahre Wesen des Menschen, seine Bestimmung klar zu erkennen: Wenn er seine Individualität unabhängig von allen ihn umgebenden Umständen in den Vordergund zu stellen vermag, wenn er in alles und jedes mit seinem Verstand einzudringen versucht und allem seinen menschlichen Stempel aufdrückt, dann zerstört er damit die Einheit der Weltwirklichkeit.

Natürlich betrachtet der Mensch alle seine Absondeungsversuche kritisch und versucht, aus den einengenden Begriffsbestimmungen seines eigenen Weltgebäudes herauszufinden. Er zerstört das alte zugunsten eines neuen Weltbildes. Trotz dieser Selbstkritischen Berachtungen versucht er aber, der Natur seine menschliche Kultur aufzupropfen. Seine Kultur ist aber nichts anderes als die Erkenntnis eigener Erkenntnisse und nicht die Erkenntnis der Natur, die sich in die menschlichen Erkenntnisse nicht einordnen läßt. Dadurch ist der Mensch vor eine ungewöhnliche Schwierigkeit gestellt: Er muß sich als eine abgesonderte Einheit aus der Gesamtheit herauslösen, das heißt, er versucht, sich von Gespenstern zu befreien, die er stets aufs neue selbst erfindet. Die Folge ist, dass er sich eine Kultur aus lauter eingebildeten Werten aufbaut, ähnlich wie ein Maler, der Gegenstände oder sonstige Werte auf seine Leinwand wirklichkeitsgetreu gebracht zu haben vermeint, während tatsächlich ihre Wirklichkeit nur die Wirklichkeit geträumter Werte ist.
Damit wird erneut bestätigt, dass alle Kulturwerte nur das Resultat dieser oder jener Vorstellungen sind, die sich in der Wirklichkeit nicht realisieren lassen. Die gesamte Kultur ist demnach nichts weiter als ständige Vervollkommnung von Hilfsmitteln, mit denen der Mensch die ihm verschlossene Natur auszuschließen versucht. Sie ist ein ewiges Suchen nach neuen Schlüsseln und Dietrichen, die den Zugang zur Natur öffnen könnten.

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  Im Grunde genommen besteht die ganze menschliche Kultur nur aus Annahmen. Annahmen und Vermutungen ergeben Annäherungswerte und schaffen die Möglichkeit, diese Werte zu erlangen und ihre Aufteilung unter sich zu planen.


Solange der Mensch sich in der Wahnvorstellung seines Eigenwertes von der Natur absondert, kann er nur durch Beraubung der Natur seiner Vorstellung zu den Kulturwerten gelangen. Er schafft erst eine wertvolle, reiche Natur und holt dann den Reichtum für sich heraus. Und dazu bedarf er der Schlüssel, Dietriche und anderer Waffen. Die nach der Ab-sonderung des Menschen verbleibende Rest-Natur kann man aber in keinen Kulturbeutel stecken, und selbst kann der Mensch auch nicht hinein, obwohl gerade das sein Ziel ist. Auf eine andere Ebene oder in einen anderen Lagerschuppen läßt sich die Rest-Natur auch nicht verlegen, denn alle möglichen Ebenen und Lagerschuppen sind ja in dieser Rest-Natur miteinbegriffen. Die Natur fürchtet weder Diebe noch Verbrechen, sie baut keine Lagerschuppen und kennt keine Verbote, denn niemand kann jemals etwas aus ihr heraustragen. Der raffgierige Mensch denkt, dass alles in der Natur wertvoll sei, und scharrt sich vermeintliche Werte zusammen, die aber immer nur die regenbogen-farbenen Banknoten bleiben, die ihm angeblich wirkliche Werte garantieren.
Das ist die eine Seite der Kultur — die Absonderung von Einzelwerten aus der Wirklichkeit der Welt. Die andere Seite ist die Zerstörung dieser Werte, als wären echte Werte nur duch Zerstörung von Werten zu gewinnen.
Die gegenständliche Wahrheit beschränkt sich aber immer nur auf die rein äußerlichen Merkmale der kosmischen Wahrheit, das heißt, diese selbst ist gegenstandslos. Auf diese Weise unterliegen alle utilitären Gegenstände, ob real bestehend oder nur vorgestellt, dem gleichen Prozeß der Erkenntnis, auch wenn sie zeitlich verschieden wahrgenommen werden.
Die Wahrnehmung vollzieht sich auf zwei Ebenen: einmal im Menschen selbst, zum anderen im realen Raum. Wir können sie die verstandesmäßige und die physische Wahrnehmung nennen. Jeder Gegenstand entsteht erst in der Vorstellung, um dann, auf dem Wege über eine bestimmte Arbeitsleistung, greifbare Gestalt anzunehmen, die real, physikalisch nachweisbar existiert, nicht als Abstraktion, sondern als Wirklichkeit. Da aber auch diese Wirklichkeit nur einer Vorstellung entspringt, so ist auch die physikalische Wirklichkeit nur eine vorgestellte, das heißt, auch sie bleibt gegenstandslos.
Wie bereits mehrfach dargelegt, ist die gesamte menschliche Kultur und überhaupt die ganze Entwicklung der menschlichen 'Wirklichkeit' einzig und allein auf das materiell- und geistig-gegenständliche Wohlergehen ausgerichtet. Die Arbeit, die zur Erreichung dieses Wohlergehens geleistet werden muß, sollte den Menschen eigentlich vor der Zerstörung der jeweils erreichten Vollkommenheiten bewahren. Nun herrscht aber die Ansicht vor, dass das Alte zerstört werden müsse, damit Besseres geschaffen werden könne. Somit rechtfertigen Neuschöpfungen die Zerstörung. Jede Neuschöpfung soll ein Schritt weiter auf dem Weg zur unterschiedslosen Einheit sein. Dort, wo auch nur das Geringste zusammengefügt wird, ist Zerstörung keine Sünde mehr, ganz gleich, wozu und wofür etwas zusammengfügt wird. Es gehört nun einmal zum Wesen des Menschen, dass er zu einer Einheit strebt, zu einer Verschmelzung aller Einzelerscheinungen, das ist der Inahlt seiner Kultur, der Sinn seiner unermüdlichen Arbeit.
Der Mensch müht sich damit ab, die bei seinem ersten Sündenfall entstandenen Vorstellungen zu verwirklichen und sie zu einer physischen oder auch transzendenten Einheit zu verschmelzen. das heißt, den Unterscheidungen ihre Unterschiedslosigkeit wiedergeben. Aber nach wie vor bleibt der Mensch in seiner bisherigen Vorstellung von der Welt befangen und hofft nach wie vor, in dieser Vorstellung die Wirklichkeit erkennen zu können — eine trügerische Hoffnung, was meiner Ansicht nach hinlänglich durch den bisherigen Ablauf der menschlichen Kulturen bewiesen wird.

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  Ungeheure Anstrengungen werden gemacht, um die gewonnenen Einzelerkenntnisse zu einem Heil zusammenzubauen. Dieses Heil aber kann nur das Ende aller Gegenstände sein, die doch die Verkörperung der Einzelerkenntnisse sind. Das erstrebte Heil oder Wohlergehen sucht der Mensch ja nicht irgendwo in der Unendlichkeit, er will es hier erleben. Darum ist er diesem Heil immer auf den Fersen. Da das Heil aber an jedem Ort und zu jeder Zeit ein anderes Heil ist, so ist ein Ende dieser Jagd nicht abzusehen.

Die kosmische Wirklichkeit hat keinen Anfang und kein Ende, kennt weder die Unendlichkeit noch die Endlichkeit. Die Natur leidet nicht unter Vorstellungen, der Mensch aber ist belastet mit dem ewigen Fluch der Arbeit, den Bemühungen, die Wirklichkeit durch seine Vorstellungen zu erkennen. Daraus ergeben sich die Ablösungen der Kulturen, der ständige Wechsel der Hilfsmittel zur Erleichterung der gegenständlichen Arbeit und immer wieder neue Hoffnungen auf ein neues Wirtschaftssystem, das die Erlangung des Heils, beziehungsweise des Wohlergehens beschleunigen könnte.

Der Sozialismus als eines der neuesten Wirtschaftssysteme ist bemüht, die Lasten, die den Menschen zu erdrücken drohen, durch gleichmäßige Verteilung der Gewichte zu verringern. Er will die monumentale Zusammenballung von Gewichten, die auf einem Teil der Menschheit lasten, ausgleichend verteilen und hofft, dadurch schließlich zur Gewichtslosigkeit zu kommen,

Der Sozialismus stützt sich nur auf einen Teil der arbeitenden Menschen und zwar auf denjenigen, der die schwerste Last zu tragen hat. In ihm ist das sozialistische System des Arbeits-Gleichgewichtes entstanden. Daneben entsprang dieses System zum Teil auch jener Menschengruppe, die die ganze Arbeitslast in gegenständlichem Sinne den anderen aufgebürdet hat. Darum kann in der Vorstellung des arbeitenden Menschen dieses System nichts anderes bedeuten als einen Gleichgewichtszustand in bezug auf die Arbeitsverteilung, ohne den eigentlichen Wesenskern auch nur im geringsten zu ändern. Im Sozialismus erreicht die Gegenständlichkeit ihre höchste Vollendung und Blüte. Somit ist der Triumph der Revolution nicht nur ein Triumph der Werktätigen, sondern mindestens auch ebensosehr ein Triumph der bürgerlich-kapitalitischen Klasse. Kurz gesagt, es ist der Triumph des Gegenstandes, der Triumph des praktischen Realismus! Der Sozialismus ist die Vollendung aus-schließlich technischer, praktischer Werte auf der animalischen Ebene. Die Arbeit an der Perfektionierung des menschlichen Organismus findet in ihm ihre Krönung. Ein neuer, technischer Organismus soll eine neue Arbeit beginnen.

Für die Kunst dürfte, meiner Ansicht nach, diese neue Arbeit nur darin bestehen, im unbewußten Schaffen die kosmische Wirklichkeit als gegenstandslose Wirklichkeit zu offenbaren. Der Sozialismus ist zu betrachten als Schöpfung zweier Menschengruppen, die sich zwar feindlich gegenüberstehen, im Grunde aber durch die gleichen gegenständlichen Systeme und praktischen Ergebnisse verbunden sind. Das kann aber nicht die Wahrheit eines einheitlichen Proletariats sein. Das Proletariat muß, wenn es eine fortschrittliche Klasse sein will, eine neue, echte Wahrheit verwirklichen, nicht als Gegenständlichkeit, sondern als Gegenstandslosigkeit. Die gegenständliche Kultur der Bourgeoisie ist dem Geist des Proletariats, das doch außerhalb dieser Kultur steht, entgegengesetzt. Die neue Wahrheit des Proletariats wird die Wahrheit des ganzen Volkes sein, denn dieses ist aus der kosmischen Wirklichkeit hervorgegangen und muß in sie wieder eingehen. Erst in ihr wird der Mensch sein 'Nichts' befreien, wird eins werden mit dem einigen, grenzenlosen Wirken, ohne sich mit der Vervollkommnung gegenständlicher Kulturen zu vergnügen, ohne praktische Ziele zu erstreben.
Der Mensch hat sich aber nach den Gesetzen der gegenständlichen Kulturen entwickelt. Vielleicht ist er verurteilt, diesen Weg auch weiterhin in alle Ewigkeit zu beschreiten, solange er das gegenständliche Wesen der Kultur, die geistige miteinbegriffen, bejaht.
Doch ich habe in der Kunst einen anderen Wesenskern erkannt, habe andere Beweise gefunden und zeige in meinen Arbeiten alles, was ich zu erkennen vermochte. Mir wurde klar, dass die gegenstandsbefangene Kunst mit ihren Versuchen gegenständlicher Aussagen scheitern muß, wie dei Lüge an der Wahrheit.
Das, was als unabdingbares, wichtiges Gesetz in der gegenständlichen Kunst galt, hat in Wirklichkeit keinerlei Bedeutung für die Kunst.
Möglich, dass es die Sehnsucht nach einem Gegenstand, die Sehnsucht, diesen Gegenstand zu besitzen, gegeben hat und auch noch gibt. Von Poeten wird diese Sehnsucht oft genug besungen, die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht nach 'ihr' oder nach 'ihm. Das beweist, dass zwei Verschiedenheiten nach Vereinigung verlangen. Jeder Poet baut denn auch seine Poesie auf diesem Verlangen, mehr noch auf der Unfähigkeit, dieses Verlangen zu stillen, auf. Aber wie 'sie' unerreichbar bleibt, so bleiben auch alle anderen ersehnten praktischen Gegenstände unerreichbar, denn sie bestehen nur in unserer Vorstellung, und diese Vorstellung gaukelt uns etwas vor, was es gar nicht gibt.

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  Dieses wird am Beispiel des Malers besonders klar, der die gegen-ständliche Welt in sich aufzunehmen versucht, um sie auf seiner Bildfläche wiedezugeben, und dabei feststellen muß dass sich auf seiner Leinwand alles in ein 'Nichts' auflöst.
Jede körperhafte Erscheinung befreit sich von allem Gegenständlichen. Der Unterschied zwischen einem Maler und einem Poeten besteht vielleicht darin, dass der Poet sich selbst in der gegenständlichen Welt auflösen will, der Maler aber die gegenständliche Welt in sich auflöst. Jede reale Gabel hört im Bild auf, real zu existieren.
Kunst wie Wissenschaft sind bemüht, die Wirklichkeit in ihre Bestandteile zu zerlegen, um sie gedanklich erfassen zu können. Aber sowohl beim Poeten als auch beim Wissenschaftler entsteht durch ihre Vorstellung von der Wirklichkeit immer wieder nur ein Gegenstand. Folglich wird immer nicht so sehr die Wirklichkeit erfaßt als vielmehr die Vorstellung von ihr.
Die Kunst, die zum Suprematismus, zur Gegenstandslosigkeit als der kosmischen Wirklichkeit gelangt, zeigt die Bedeutung alles Gegenständlichen für den Aufstieg zu dieser Grenze. Neben der Malerei ist auch das Wort aufgebrochen und hat seine bisherige gegenständliche Vorstellungswelt überwunden. Das heißt, dass auch das Wort sich von den althergebrachten Vorstellungen von Verstand und Sinn befreit hat und Wirklichkeit geworden sit. Auch das Wort wird gegenstandslos, wird zum befreiten 'Nichts'.

Die suprematistsiche Gegenstandslosigkeit wird, als praktisch nicht anwendbares 'Nichts' zum Wesen und zur Wahrheit des Menschen in allen seinen Handlungen.
Der Maler hat erkannt, dass sein Wirken außerhalb der praktischen Gegenständlichkeit steht. Die Malerei lebt und wirkt wie die Natur und kennt wie dei Dichtung und die Architektur keine praktisch-utilitären Ziele mehr. Die kosmische Wirklichkeit hat sich nicht die Aufgabe gestellt, die Welt so zu erschaffen, dass der Mensch auf ihr bequem leben könnte. Aber der Ingenieur will diese mangelnde Aufmerksamkeit wieder gutmachen und macht die Nützlichkeit zur Grundlage aller seiner Schöpfungen, die der Architekt dann auch noch künstelrisch ausgestaltet und zu der er auch gleich die passende Tapete liefert. Dadurch wird der wahre Sinn der kosmischen Wirklichkeit , deren Wesen nur in dem Gwichtsausgleich liegt, gestört. In diesem Gleichgewichtszustand liegt die ganze Unfehlbarkeit und das Wesen der kosmischen Wirklichkeit, in ihr ist die wirkliche Welt.
Was will der Mensch denn nun eigentlich erreichen mit seiner ewig gleichbleibenden Betriebsamkeit, wenn er bei vollem Bewußtsein bald diesem, bald jenem die ganze Macht oder das ganze Gewicht überläßt. Er weiß genau, dass er damit eine Sünde begeht, sonst würde er ja nicht versuchen, sie hinter einer Maske künftiger Gleichheit zu verbergen und durch diese gute Tat sich die Heiligsprechung zu sichern. Gute Taten machen den Menschen zum Heiligen, das heißt er verliert sein Gewicht, seine Macht, seine Persönlichkeit.

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  In der Güte, der Liebe und Brüderlichkeit sehe ich das Streben zur Gleichheit, anders gesagt, zur Verteilung des Gewichtes. Auch Ingenieur und Architekt sind im Grunde genommen mit nichts anderem beschäftigt, als Gewichte zu einem gewichtslosen System zu ordnen. Das ist nach meiner Auffassung der wahre Sinn ihrer Tätigkeit und ihres Schaffens, den sie durch keine anderen Forderungen oder durch reine Futtertrog-Rücksichten einengen lassen sollten.
Jeder Mensch will sich von dem Gefühl der Sündigkeit befreien. So bemüht sich zum Beispiel der Architekt, die Bauelemente so anzuordnen, dass der Mensch sie nicht als Gewicht empfindet. Auch auf allen anderen Gebieten sorgt der Mensch immer dafür, die Last, die er sich aufgeladen hat, zu verringern, wenn möglich sogar sich ganz davon zu befreien. In der Vorstellung eines jeden Menschen steht, in verschiedener Form, die Frage der Lösung der Gewichtsprobleme, was auch zur Entstehung der gegenständlichen Erscheinungen beiträgt.
Aus alledem ersehe ich immer wieder, dass alles zur suprematistischen Gegenstandslosigkeit, als dem befreiten 'Nichts' hinführt.
Der Mensch zeigt aber auch eine andere Neigung und zwar zur monumentalen Gestaltung, die sich am stärksten in der Kunst ausprägt. Unter der monumentalen Gestaltung verstehe ich die Konzentration von Gewicht in einem Schwerpunkt. Die Gewichte werden so angeordnet und verteilt, dass sie noch schwerer wirken. Dieses sehe ich für sündig an. Sinn und Zweck der Monumentalität ist, das individuelle Antlitz so abzusichern, dass seine Integrität nicht zersplittert werden kann. Monu-mentalität ist der Versuch des Individuums, sich vor der Auflösung in der allgemeinen Gleichheit der Masse zu bewahren. Durch die Anhäufung von Gewicht glaubt das Individuum, eine Zitadelle errichten zu können, in der das unantastbare 'Ich' sich sicher fühlen kann.
Monumentalität dieser Art gibt es nicht nur in der Kunst, sondern in jeder Nation, jedem Volk, in jeder einzelnen Kultur, mit einem Wort in allem, was sich vor der Auflösung oder Zerstörung bewahren will.
Die Zerstörung solcher 'Zitadellen' muß daher Aufgabe jedes Menschen sein. In dieser Beziehung zeigt der Sozialismus in seinen Ansätzen ein durchaus richtiges Ziel, denn mit der Verwirklichung der allgemeinen Gleichheit sollen auch alle Nationalitäts-, Volks- und Kulturunterschiede verschwinden, das heißt zur reinen Gegenstandslosigkeit vordringen.
In den Abgrenzungen erblicke ich die größte Sündigkeit. Darum wird eine Nation oder eine Gesellschaft sündig, sobald sie sich zu einem Staat zusammenschließt, sobald sie sich als Monumentalität, als Staat abgrenzt. Diese politsche und soziale Sünde hat ihre Parallele auch in der Religion, wenn die einzelnen Religionslehren sich gegeneinander abgrenzen und die eine sich für vollkommener hält als die andere.
Was können sie denn schon damit erreichen? Das einzige, was erstrebenswert ist, ist doch die Gleichheit, die Entpersönlichung, etwas Ungegenständliches, in dem alles mitinbegriffen sein muß. Darin liegt doch der ganze Sinn der menschlichen Entwicklung, seitdem der Mensch sich aus der 'kosmischen Wirklichkeit' gelöst hat, aus jenem Zustand, in dem er von nichts eine Vorstellung hatte, nichts gegenständlich erkannte, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart noch in der Zukunft, nichts wußte vom Tod, indem er sich seines 'ich' in der unendlichen Vielfalt der Erscheinungen nicht bewußt war.
Er kannte keine Angreifer und keine Sieger, kannte keine Schutzgitter. Der Mensch kann sich seitdem nicht zu der Gewißheit durchringen, dass er außerhalb des Todes steht. In der Angst um sein persönliches Bewußtsein, um die Zitadelle, die er in sich errichtet hat, übersieht er, dass die kosmische Wirklichkeit, all dieses gar nicht kennt. Allerdings lebt im Bewußsein des Menschen eine unklare Vorstellung von der Unsterblichkeit. Finden kann er sie aber nur in der kosmischen Wirklichkeit in der sie vielleicht als unbewußte Materie zu finden ist.
Der Mensch ist doch ein Teil dieser Materie, ist den gleichen Gesetzen der Auflösung und Wiederverschmelzung unterworfen. Wie Dampf und Wasser in ihren verschiedenen Zuständen doch immer eins sind.
Es kann sein, dass das ganze Streben des Menschen dahin geht, sich im Tode selbst zu vernichten, um dadurch wieder in die Einheit der kosmischen Wirklichkeit einzugehen.
Die kosmische Wirklichkeit kann mit Sand verglichen werden, dessen Einzelkörner weder unendlich klein noch unendlich groß sind. Diese Wirklichkeit 'Sand' ist ohne jeden Unendlichkeitsbegriff und kann sich zerstäuben oder zusammenballen, ohne ihre Einheitlichkeit oder Gleichheit zu verlieren. Selbst die Zerstäubung ist noch keine Zerstörung: Ob der Sand vom Winde verweht wird, ob er in einem Ziegelstein zusammengehalten wird — seine Einheit bleibt erhalten, verringert sich nicht und vergrößert sich nicht. Es gibt für den Sand also keinen Zustand, den er als Katastrophe empfinden könnte. Es ist hier die Vollkommenheit erreicht, zu der der Mensch in all seinem Wirken strebt. Was mir dabei allein zerstörbar erscheint, sind nur Art und Formen der zusammengefaßten Sandmengen, die gleich den Wolken sich zusammenballen und wieder auflösen können.
Im Menschen hat sich nun die Vorstellung festgesetzt. dass es gerade die Zusammenballungen sind, die erhalten werden müßten. So lebt er in ständiger Angst und Sorge um ihre Erhaltung und kämpft mit allen Mitteln gegen jede Veränderung. Hierin liegt vielleicht der tiefere Grund für unsere Neigung zum Monumentalen, zur Erhaltung aller Unterscheidungsmerkmale von Nationen und Staaten, die ja nur durch Ansammlung von Gewicht oder Macht möglich ist.
Die Schaffung von Schutzvorrichtungen zur Erhaltung des unversehrten 'Ich', der unversehrten 'Nation', des unversehrten 'Volkes' kann man in allen Tätigkeitsbereichen des Menschen beobachten. Alle seine Hand-lungen sind auf Selbsterhaltung im engeren wie im weiteren Sinne gerichtet. Immer wieder erfindet er neue Hilfsmittel, um seine Unversehrtheit zu sichern.

Dabei taucht die Frage auf, was denn eigentlich die Unversehrtheit, die Ganzheit des zu bewahrenden 'Ich' ist, das in der Mehrzahl der 'Nation', 'Staat', 'Gesellschaft' genannt wird. Worauf bezieht sich denn diese Ganzheit? Zu dieser Frage möchte ich sagen, dass zum Beispiel die Ganzheit einer Nation oder irgendeiner anderen Mehrzahl von 'Ich' sich aus einer bedingt meßbaren Ansammlung von Teilchen ergibt, die sich in ihrer Gleichheit in nichts voneinander unterscheiden. Um diese Gleichheit zu bestimmen, muß eine Bezugsgröße angenommen werden. So kann zum Beispiel die 'Erde' als Bezugsgröße zum Weltall, als 'Sandkorn' betrachtet werden. Betrachtet man den Begriff 'Nation' auch nur als eine Bezugsgröße, die sich aus der Wirklichkeit 'Menschen' zusammensetzt, so wird klar, dass die Vernichtung einer Nation nur die Vernichtung einer sichtbar gewordenen Bezugsgröße ist, während die Wirklichkeit, die Menschen, als Grundeinheit in ihrer Gleichheit weiter bestehen. Auch die Vernichtung der Erde würde nicht die Vernichtung des Sandkorns bedeuten. Folglich ist also auch die Unversehrtheit des 'ich' nicht die Erhaltung einer Wirklichkeit, sondern nur die Erhaltung einer willkürlich gewählten Bezugsgröße, etwas Künstliches.
Auch auf religiösem Gebiet läßt sich ähnliches beobachten. Hier kann man schon an der äußeren Form der Kirchen und Kultstätten erkennen, wie Gewicht gesammelt wird, wie man der Zerstäubung entgegenzuwirken versucht. So zeigt die Architektur byzantinischer Kathedralen in ihrer inneren Abgeschlossenheit, dass dort das Gewicht im Zentrum zusammengeballt ist. Die Gotik dagegen strahlt aus dem Zentrum aus, als strebe sie zur kosmischen Wahrheit, um sich in ihr aufzulösen. Die Gebete der Gläubigen werden gleichsam hinaus, in die Höhe getragen. in den byzantinischen Kathedralen bleiben die Gläubigen in ihren Gebeten eingeschlossen, obwohl diese ja auch Gott gelten, in dem die Gläubigen sich auflösen wollen.
Eine byzantinische Kathedrale schließt sich als Monument ab, eine gotische öffnet sich. Das 'Ich' der Betenden löst sich im ersten Falle nicht auf, im zweiten öffnet es sich.
Eine weitere Parallele ließe sich auch für die technische Kunst des Ingenieurs ziehen: Immer sich öffnend , sich niemals im Gegenstand seiner Erfindung abschließend, schreitet er fort von einer Vervollkom-mnung zur anderen. Der Ingenieur zergliedert, zerstäubt ständig das Gewicht, löst sich selbst auf in der Zerstäubung der Ganzheit. Diese Zerstäubung trägt ihn hinaus in die kosmische Wirklichkeit, drängt ihn vorwärts zu immer neuen Verwandlungen. Wenn man die Welt als einen Ablauf großer Entwicklungen betrachtet, dann kommt die Ingenieurkunst der Wirklichkeit viel näher als jedes statische Monument. Wenn aber die Statik und die dynamischen Abläufe beide nur bedingte Erscheinungen sind, dann werden beide unrecht haben, denn dann bleibt nur die Welt als Gegenstandslosigkeit.
Die vom Ingenieur geschaffenen Werte bestehen nicht ewig. Schon der morgige Tag kann das beweisen. Ihr gestriger Wert bleibt nur als äußere Hülle, aus der sich eine neue Form entwickeln kann. Die vom Künstler geschaffenen Werte behaupten sich auch in der Zukunft und bestätigen nur ihren gestrigen Wert.
Ein Staat ist nichts anderes als ein System der Verteilung von Gewichten. Wie jedes System ist er unvollkommen und nicht in der Lage, seine Aufgaben zu erfüllen. Jede Neuordnung der Gewichtsverteilung macht eine Änderung des Systems notwendig. Der Staat setzt alles darein, sein System vor solchen Änderungen zu schützen. Das gleiche tut auch jedes Religionssystem. Beide bemühen sich, den Abgang von Kräften aus ihrem Monument zu verhindern. Jeder Versuch, ein bestehendes System zu ändern, wird vom Staat als politische Abtrünnigkeit mit Kerker oder mit dem Tod bestraft. Die Kirche hingegen bestraft ihre Abtrünnigen mit dem Fegefeuer oder gar mit der Hölle. Um das jeweilige System als Ganzes zu erhalten, wird eine entsprechende Aufklärung betrieben, die das Gesetz der gegebenen Ordnung erläutert und das Gestern und das Morgen nach Möglichkeit verschleiert. Diese Aufklärung soll jede Abwanderung verhindern. Die Vergangenheit ist für das jeweilige System ebenso gefährlich wie die Zukunft. Jedes politische, aber auch jedes andere System verspricht dem Volke ein gewisses Wohlergehen oder ein gewisses Heil, denn ohne ein solches Versprechen rührt sich das Volk nicht vom Fleck. Darum wird auch stets ein Gegenstand, als Sinnbild des kommenden Heils, auf die Fahnen der Führer gemalt oder gestickt.
Kein Staat kann aber ohne Technik auskommen. Die Technik kennt keine Staatsgrenzen, ihre Erfindungen sind nicht von Staaten abhängig. Insofern ist die Technik frei, und wenn die ganze Menschheit sich in Erfinder verwandeln würde, dann würde sie sich von allen Grenzen befreien können. Ihr alleiniger Führer würde dann die Wissenschaft sein, und der Staat, als politisches System, würde jeden Sinn verlieren.
Der Ingenieur, der Techniker sollte als Erfinder den Erfindern von Staatssystemen als Vorbild dienen mit seiner ewigen Veränderung der Systeme und Ablehnung veralteter Systeme. Die wahre Aufgabe des Staates ist die Förderung der Wissenschaften und nicht ihre Einengung durch Gesetze. Der Staat, als Gesetzgeber, ist für alle Verbrechen verantwortlich. Aber Gesetze dürften sich nicht auf Verbote beschränken, vielmehr müßten sie die Menschen vor Verbrechen bewahren.
Man kann den Staat mit der Maschine eines Ingenieurs vergleichen: Wenn der Ingenieur die innere Gesetzmäßigkeit seiner Maschine bei der Konstruktion nicht bis in die letzte Einzelheit durchdenkt, so liegt die Schuld allein bei ihm, wenn die Einzelteile nicht funktionieren. Der Ingenieur würde sich lächerlich machen, wenn er die nicht funktionierenden Einzelteile züchtigen wollte. Wenn in einem Staatsgefüge ein Mensch ein Gesetz übertritt, so müßte der Staat, als Gesetzgeber, sich in erster Linie fragen, ob er alle seine Einzelheiten seiner Staats-maschinerie bis ins letzte durchdacht und alle möglichen Folgen überlegt habe. Dabei wird sich dann immer wieder heraustellen, dass dies nicht der Fall war. Man bekommt den Eindruck, dass der Staat seine Gesetze ganz willkürlich erläßt, ohne die möglichen Folgen zu überdenken. Vor allem werden die unvermeidlichen Veränderungen, die sich aus der Weiterentwicklung ergeben, völlig außer acht gelassen.
Es ist unschwer, sich davon zu überzeugen, dass jede Änderung in der Auslegung der Gesetze sofort auch Gesetzesübertretungen zur Folge hat und Bürger, die gestern noch ehrlich waren, auf die Anklagebank bringt. Erst das Gesetz schafft die Gesetzesübertreter. Dabei darf man in den Gesetzesübertretungen nicht eine böswillige Mißachtung der Gesetze erblicken, vielmehr haben sich die Gesetze nicht bewährt, waren verbrecherisch. Ein Staat, der die Übertretung solche unzulänglichen Gesetze ahndet, macht sich ebenso lächerlich wie jener Ingenieur, der seine Wut an den unzulänglich durchdachten Einzelteilen seiner Maschine ausläßt. Jede plötzliche Gesetzesänderung hat eine völlige Desorganisation zur Folge. Vom Gesetz hängt es ab, ob die Menschen Verbrecher werden oder nicht. Aufgabe des Gesetzes muß es sein, die Menschen vor Verbrechen zu bewahren. Ist es dazu nicht in der Lage, dann taugt es nichts. In einem Lande oder in einem Staate, dessen Gesetze vollkommen durchdacht sind, wird es keine Verbrech-en und keine Gerichte geben. Bevor ein Verbrecher zur Rechenschaft gezogen wird, müßte erst das Gesetz gerichtet werden, dann erst der Verbrecher. Wenn bei einem Gebäude das Fundament Risse bekom-mt, sind nicht die einzelnen Ziegelstein daran schuld, schuld ist der Baumeister, der die Gesetze der Gewichtsverteilung nicht genügend beachtet hat. So kann denn keiner der Einzelteile wissen, in welches Verbrechen ihn morgen eine Gesetzesänderung stürzen kann. Je unvollkommener ein Staat, um so mehr Gesetze, Kerker und Galgen gibt es in ihm. Das heute noch gesetzliche Leben kann morgen schon verbrecherisch werden. Dem Staat sind die Volksmasssen das gleiche Material wie Eisen, Stahl, Holz, Stein dem Ingenieur-Erfinder — Einzel-teile, die im neu erfundenen System gewichtslos verteilt werden müssen. Das Volk selbst aber, als organisches Leben von kosmischer Wirklichkeit, befindet sich außerhalb aller Gewichte. Es existiert im Ungegenständlichen, außerhalb aller praktischen Zweckmäßigkeiten, die bis zu dem Augenblick, da die Arbeit kam, als einzige Möglichkeit, sich zu ernähren, und mit der Arbeit die Technik, zur Erleichterung der Arbeit.
Staat und Erfinder halten die lebenden Organismen für unkultiviert und versuchen, sie mit allen Mitteln zu vervollkommnen. Diese Vervollkommnung scheint aber nur auf dem Wege über die Tötung erreichbar zu sein, denn der Staat tötet das Volk, indem er ihm sein Eigenleben nimmt und ihm eine neue Idee aufzwingt.

Auch der Erfinder muß ja erst den Baum töten, um aus seinem Holz einen Gegenstand des praktischen Gebrauchs machen zu können. Daraus entstehen dann die ganzen Gesetze und als ihre Folge die Verbrechen. Jedes Material, nicht nur das Volk, widersetzt sich der Kultivierung. So müssen die Kulturbringer Gewalt anwenden, müssen töten, müssen aus einem Material Werkzeuge herstellen, um mit ihnen das andere Material zu vernichten. So vernichtet das Eisen, aus seinem Zusammenhang gerissen, die Bäume, Einzelpersönlichkeiten und das Volk.
Jede Vernichtung geschieht 'im Namen' des gegenständlichen Wohlergehens, das aber auf äußerst verdächtigen Gesetzen basiert. Jeder Gegenstand, der das Wohlergehen des Menschen steigert, verstrickt ihn in immer mehr Arbeit, fordert von ihm immer neue Anstrengungen, um zu dem ihm vorschwebenden Heil zu gelangen. Im Endergebnis wird aber doch immer nur ein vermeintliches, konventionelles, niemals das wahre Heil erreicht. Die Konvention wird für das Wahre ausgegeben und darauf das ganze Leben aufgebaut. Hätte der Mensch nicht die Konvention geschaffen, so würde für ihn auch das Leben in seiner heutigen Gestalt gar nicht existieren. Er kann sich ein ungegenständliches Leben gar nicht mehr vorstellen. Da er so denkt, lebt er nicht in der Wirklichkeit, da alle Konvention nur Schein ist. Daraus erscheinen alle Gesetze der Menschheit in einem sonderbaren Licht: Ihre gegenseitigen Interessen werden durch alle möglichen Vereinbarungen und Verpflichtungen geregelt, obwohl die Menschen genau wissen, dass man durch Konventionen nichts Echtes schaffen kann, dass auf Papier getroffene Vereinbarungen immer nur Papier bleiben.
Wenn aber irgendetwas in den Vereinbarungen sich zerstäubt oder über die Grenzen der getroffenen Vereinbarungen hinausgeht, tritt sofort das Gericht in Erscheinung.
Die Natur kennt keine Gerichte und keine Strafgesetze, sie ist grenzenlos wahr in ihrem 'Nichts', in ihrer Gegenstandslosigkeit.
Alle Operationen im Leben sind einfache Konventionen, also das gleiche 'Nichts', weil doch jede Konvention nur eine angenommene Wirklichkeit ist, wie die Banknote, die als Goldwert angenommen wird. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus sind alle Konventionen heuch-lerische Fälschungen. Ein Maler, der eine Landschaft auf seiner Bildfläche darstellt mit Bäumen, Flüssen, Häusern, gibt auch nicht die Wirk-lichkeit, sondern nur die Vorstellung von angenommenen Gegenständen wieder. Die auf der Bildfläche dargestellten Menschen bewegen sich auch nur in unserer Vorstellung, während sie in Wirklichkeit unbeweglich sind. Die auf der Bildfläche dargstellte Welt ist somit etwas ganz anderes als unsere Vorstellungen von ihr, wodurch der Begriff des Wirklichen fragwürdig wird. Man müßte in erster Linie überhaupt erst einmal feststellen, was unter der 'Wirklichkeit' alles Seienden zu verstehen ist. Vielleicht ist das Leben, das wir mit allen sich in ihm bewegenden Gegenständen als wirklich bezeichnen, nicht viel anders, wie eine Bildfläche, auf der sich die Gegenstände auch nur in unserer Vorstellung bewegen. Wir begleiten sie zu einem von uns angenom-menen Ort, den wir jedoch niemals wirklich bestimmen können. Selbst fahrplanmäßig festgelegte Stationen der Eisenbahn können nicht als Beweis für die Möglichkeit einer wirklichen Ortsbestimmung angesehen werden. Auch die Möglichkeit, dass Eisenbahnzüge dem Menschen als Fortbewegungsmittel dienen könnten, war ebensowenig vorauszusehen wie die Entwicklung vom Handkarren zur Lokomotive und von dieser zum Aëroplan.
Übrigens ist die zweckmäßige Bewegung zwischen zwei Punkten auf der Erde sicher nicht das Endziel der Entwicklung. Dieses Ziel ist doch wohl mehr die Loslösung von der Erde und der Vorstoß in den Raum. Hiezu wäre aber eine Lokomotive keineswegs geeignet, sodass man sie als eine falsch gerichtete Entwicklung ansehen muß, die nur engbegrenzten wirtschaftlich-praktischen Vorstellungen entsprungen ist.
Sinnvoller scheint schon die Entwicklung des Aëroplans. das sich doch immerhin vom Erdboden löst und sich bis über die Wolken erhebt. Auch das ist ein Ortswechsel. Aus alledem gewinnt man den Eindruck, dass der Mensch weder den tieferen Sinn des Seins noch das Ziel seiner Entwicklung vorauszusehen vermag.
Es ist auch eine andere Auffassung möglich: Der Mensch fertigt einen Gegenstand an und glaubt, dass alle für die neue Konstruktion aufgewendeten Kräfte in ihr zum Ausdruck kommen und somit eine neue Art von Kräften darstellen. Das ist aber ein Trugschluß, weil Kräfte sich nicht konstruieren lassen.
Die Erfahrung der Malerei beweist, dass alles, was in der Vorstellung ensteht, nicht in der Bildfläche exitiert, dass es in ihr keine Formen, keine Zeit, keinen Raum und keine Kräfteverschiebungen gibt. Dafür bestehen aber in ihr Wirkungen, die außerhalb jeder gegenständlichen Realität liegen. Solche Wirkungen nenne ich 'Erregungen', ein Zustand der weder meß- noch wägbar ist. Eine Erforschung, die zu einer wirklichen Erkenntnis führt, kann nur an einem Forschungsobjekt durchgeführt werden, das absolut abgrenzbar ist. Wenn wir die Behauptung der Kirche betrachten, dass Gott die absolute Vollkommenheit sei, so erblicken wir darin einen doppelten Sinn: Einerseits müßte Gott als abso-lute Vollkommenheit abgrenzbar und darum erkennbar sein, andererseits aber ist Gott ewig und unbegrenzbar und darum unbegreifbar. Die Kirche hat enstchieden, dass Gott unerforschbar und unbegreifbar sei. Unerforschbar sind auch die Linien und Formen auf der Bildfläche, auf der sie zwar sichtbar, aber keine Wirklichkeit sind. Nicht anders verhält es sich mit dem 'wirklichen', materiellen Leben des Menschen. Trotzdem bleibt der Mensch ewig damit beschäftigt, alles zu erforschen und 'wissenschaftlich' zu begründen, sei es im Materiellen oder im Geistigen. Somit setzt sich das Leben der Menschen aus Dingen zusammen, die es gar nicht gibt, die weder erforschbar, noch wißbar, noch begreifbar sind.

Noch eine Auffassung gibt es, die Anspruch darauf erhebt, die Wirklichkeit des Seins beweisen zu können. Es ist die 'Anschaulichkeit' von Ursache und Wirkung. Doch auch in diesem Falle kann die Feststellung einer anschaulichen Ursache nicht reine Wirklichkeit sein, denn auch diese Ursache ist nur eine Annahme, entspringt meiner Vorstellung. Im Endergebnis bleibt jede 'Ursächlichkeit' ein Geheimnis, die letzte wahre Ursache nicht erkennbar. Ein Geheimnis ist die Ursächlichkeit aber nur darum, weil meine Gedanken etwas nicht Bestehendes begreifen wollen. Jede Ursache ist das Sein, das die Erscheinungsform ständig verändert. Da aber jede Erscheinung ihrerseits das Sein ist, so kann es gar nicht die gesuchten verschiedenen Ursachen geben und damit auch keine Anschaulichkeit. Es spricht aber auch nichts für die Wirklichkeit des Seins, nichts bestätigt es, woraus man schließen kann, dass es unmöglich ist, zu erkennen, was mein Bewußtsein lenkt, was der Ursprung aller Ursachen ist.

Das Bewußtsein selbst besteht in der Natur auch nicht in Wirklichkeit. 'Bewußtsein' ist also wie das 'Sein' nichts anderes als ein Name, und dieser Name wird von der Menge als Wirklichkeit des Lebens angesehen, eine 'Wirklichkeit', die nichts anderes ist als Konvention, Annah-me, Meinung. Somit kann man das Leben der Menge mit der Leinwand eines Malers vergleichen: Er versucht, etwas darzustellen, was nicht wirklich existiert. Um eine reale Welt zu schaffen, gab die Menge dem Unbekannten Namen, wodurch das Unbekannte für sie zu einer Realität wurde. So entstand die scheinbare Realisierung, die sich auf Vorstellungen, nicht aber auf wirklich Erkanntes stützte. So hat denn die Wissenschaft dem Unbekannten Namen gegeben, wie 'Kampfer', 'Nickel', 'Platin' und fand die nächstliegenden Ursachen ihrer Wirkungen. Kann aber denn ein Name reale Wirklichkeit sein? Mir scheint dies nicht der Fall. Das, was die Wissenschaft in den Händen zu haben glaubt, wird ihr nie bekannt werden, ebensowenig wie jedem anderen Menschen, der einen Namen trägt, bekannt wird, ob sein Name seinem Selbst auch wirklich entspricht. So ist denn das ganze menschliche Dasein auf konventionelle Begriffsbestimmungen aufgebaut. In Wirklichkeit aber muß es eine andere Realität geben, die jenseits der Bewußtseinssphäre verborgen ist. Die Natur hat keine Namen, und wenn der Mensch die Wirklichkeit der Natur erreichen könnte, dann würde auch er keine Namen mehr brauchen.
Menschen, die auf dem Friedhof liegen, sind alle gleich und unschädlich für die Natur. Weder sind sie einem Gesetz unterworfen, noch können sie bestraft werden, und kein Machthaber kann ihnen befehlen. Wenn ein Mensch bei einem Vergehen ertappt wird, das noch keinen Namen hat, dann ist der Staat machtlos, weil Unbekanntes nicht abgeurteilt werden kann. Das Gericht muß erst ein Gesetz benennen können, weil es Gesetze an sich, als Wirklichkeit nicht gibt. Auch Wissenschaft und Religion müssen allen Erscheinungen erst Namen geben, damit sie zu realen Tatsachen werden. Der Staat erkennt Realitäten nur aufgrund der Namensgebung an. Doch Name bleibt Name und Wahrheit bleibt Wahrheit, und gerade diese bleibt weitgehend unbekannt.

Bei jeder Namensgebung wird untersucht, ob der in Aussicht genommene Name noch frei ist, ob in ihm nicht ein Teil einer dem Gesetz widersprechenden fremden Idee liegt. Nicht selten auch trägt das Echte einen falschen Namen, das heißt einen Namen, der dem Inhalt nicht entspricht. So scheint mir zum Beispiel die Bezeichnung 'Wissenschaft' oder 'Bildung' keineswegs dem in sie hineingelegten Sinne zu entsprechen. Wissenschaft und Bildung haben die Aufgabe, Dunkles hell und klar zu machen, damit das 'dunkle' Volk die Wahrheit erkenne. Doch werden dem Volk immer nur 'Wahrheiten' untergeschoben, die zwar zweckdienlich, aber gefälscht sind, da ja die echte Wahrheit verborgen bleibt.
Wissenschaft und Bildung bringen daher in Wirklichkeit nur die Namen der Erscheinungen, während die Erscheinungen selbst im Dunkel bleiben. Es leuchten die Namen wie ordensgeschmückte Uniformen, wie blankgeputzte Buchstaben in einem Buch. Der Geistliche hebt das Neugeborene aus dem Taufbecken und sagt der Mutter: »Nimm ihn hin, dies ist Iwan.« Und alle sind überzeugt, dass dieses nun der wirkliche 'Iwan' sei, klug und hell. Und aus solchen konventionellen Iwans setzt sich das ganze Leben, die ganze Weisheit der Menge zusammen, 'wissenschaftlich begründet' und 'bewiesen'.
Wissenschaft und Bildung wollen Unbekanntes beleuchten, das ist ihr Inhalt. Doch um unbekanntes Dunkel aufhellen zu können, muß das Unbekannte erst zergliedert werden, es muß nachgesehen werden, was die Truhe eigentlich enthält. Diese Truhe muß unbedingt geöffnet werden. Nun liegt aber alles Dunkel in der kosmischen Wirklichkeit, und diese ist nun einmal keine Truhe, die man öffnen könnte. Für sie lassen sich weder Schlüssel noch Dietriche finden. Diese Wirklichkeit ist auch kein Ei, das die Hand der Hausfrau in Eigelb und Eiweiß teilen kann. Außerdem ist auch die Wissenschaft keine Hausfrau, für die der Augenschein allein schon ein ausreichender Beweis für die Teilbarkeit des Eies ist. Darum scheint mir, dass es kaum gelingen kann, das Wunder zu vollbringen und Blinde sehend zu machen.
Der Mensch will die wirkliche Welt erkennen, die in völliger Dunkelheit liegt. Der menschliche Verstand, das einzige Licht in dieser Dunkelheit, soll sie erleuchten, damit der Mensch die Wirklichkeit erkennen kann. Der Verstand ist bemüht, aus dem Dunkel etwas in seinen Lichtschein zu ziehen. Dieses 'Etwas' scheint dann sichtbar zu werden, bleibt aber doch dunkel.
Der Verstand kann gleichsam als ein weißes Feld angesehen werden, das sich gegen die allgemeine Dunkelheit abhebt. Es sind die Gegensätze Weiß und Schwarz. Die Trennung der beiden zeigt, dass swohl das eine wie das andere ein 'Nichts' ist. Der Verstand ist für den Durchschnittsmenschen das, was für den Maler die Farbe ist, wenn er auf der Bildfläche ein Volumen darstellen will. Das dargestellte Volumen ist aber gar nicht vorhanden. So läßt sich auch auf dem weißen Felde des Verstandes nichts Wirkliches wiedergeben. Aus dem Versuch, das Dunkel zu erkennen, entstanden das Weiße, das Farbige und verschiedene andere Vorstellungen. Auf dem weißen Felde des Verstandes teilte sich das Dunkel, und es entstanden unterschiedliche Einzelerscheinungen, die zueinander in Beziehung gerieten und die verschiedensten Kombinationen und Verbindungen ergaben.
Diese gegenseitigen Beziehungen und Gegenüberstellungen verlangten nach weiteren Erkenntnisversuchen in Richtung auf ihre Eigenschaften, Qualitäten und so weiter. So entstand und entwickelte sich über alle möglichen Bauten und Erzeugnisse der Aufbau des Lebens, der sich für die Durchschnittsmenschheit ausschließlich auf praktisch-nützliche Dinge beschränkte.Tatsächlich sind aber alle auf dem weißen Felde des Verstandes erschienenen Gegenüberstel-lungen und Beziehungen nackte Gegenstandslosigkeit. Sie haben ebensowenig eine praktisch-nützliche Zielsetzung wie die kosmische Wirklichkeit.Auch unser Erdball ist nicht der Inbegriff einer rein utilitären Kugel, die um des Menschen willen erschaffen wurde. Das würde wohl auch niemandem in den Sinn kommen, denn der Mensch hat ja nicht einmal eine Vorstellung, wohin und warum der Erdball sich im Wirbel der Welten bewegt. Trotz der ununterbrochenen Forschungsversuche der Wissenschaft blieben alle sogenannten Erkenntnisse doch nur trügerische Irrlichter. Die Wirklichkeit bleibt im Dunkel, obwohl der Mensch immer wieder neue Lichtquellen zu schaffen versucht. Sein Leben ist inzwischen zu einem Arsenal von Hilfsmitteln geworden, und die Vielfalt der Hilfsmittel zeigt, wie unwirksam und unvollkommen diese Hilfsmittel sind. Sie sind nicht geeignet, die unbekannte Wirklichkeit zu erhellen, und können im besten Falle dazu dienen, neue Hilfsmittel zu schaffen, mit denen die Wahrheit erkannt, die Weltgeheimnisse sichtbar gemacht werden könnten. Obwohl aber der Verstand heller leuchtet als die Sonne und in seinem Felde auch die strahlendste Scheibe trübe erscheint, kann er die Wirklichkeit doch nicht erkennen. So bleibt denn alles nach wie vor in Dunkel gehüllt, ist nichts zu erkennen, was die gegenständlichen Futtertrog-Bedürfnisse voll befriedigen könnte. Alles, was die Menschheit schafft, bleibt einfach Nachbildung, ähnlich wie in der Kunst, denn auch sie geht von falschen Nützlichkeitsvorstellungen aus.
Es ist notwendig, das Bewußtsein der Durchschnittsmenschheit zu reformieren, Kunst und Wissenschaft von den Fesseln der Nützlichkeitserwägungen zu befreien. Die Malerei hat sich allerdings schon von dem Druck der Gegenständlichkeit befreit .Frei von allen falschen Vorstellungen, die ihr von der utilitären Lebensauffassung aufgezwungen waren, strebt sie der Freiheit des Schaffens zu. Es kann nichts frei sein, was praktisch nützlich ist, was nach einem Ziel strebt, Verstand oder Vernunft hat. Es kann keine Brücke gebaut werden, wo es keine Ufer gibt.
Wissenschaft, Religion, Kunst, drei Wege, auf denen sich die gegen-standsbefangene Menschheit in den Fesseln von Ziel, Sinn, Logik und so weiter bewegt. Diese Fesseln empfindet die Menschheit aber schon gar nicht mehr als Last, denn sie sind schon zu untrennbaren Teilen ihres Organismus geworden. Alle Menschen sind überzeugt, dass Logik, Verstand, Ziel der ganze Sinn des Lebens seien. Gut und brauchbar ist nur das, was anschaulich, klar , wissenschaftlich begründet und bewiesen ist. Die Welt erscheint ihnen als Laden, der mit den verschiedensten nützlichen Gegenständen angefüllt ist. Wissenschaft, Religion und Kunst suchen stets einen sichtbaren Gegenstand, den sie sich aber auf verschiedene Art vorstellen. Die Gültigkeit dieser Vorstellungen und Annahmen wird in wissenschaftlichen Experimenten geprüft. Das ändert aber nichts daran, dass die Prüfungsergebnisse immer wieder umgestoßen werden, sobald neue Vorstellungen, neue Annahmen auftaucehn. Somit erweist sich das wissenschaftliche Experiment doch nicht als beweiskräftig. Es kann auch gar nicht beweiskräftig sein, weil sowohl das für das Experiment verwendete Objekt als auch die verwendeten Mittel nur Vorstellungen entspringen. Aber irgendwie wir die Vorstellung von der fiktiven Wirklichkeit doch zur Tatsache.
Gegen die fiktive, vorgetäuschte Wirklichkeit ist als erste die Kunst aufgestanden und hat mit ihren Werken das Trügerische aller Vorstellungen bewiesen: Auf der Malfläche war nicht ein einziger Gegenstand körperlich festzustellen.
In der Malerei sehe ich den bisher einzigen Versuch, das einzige wahre Experiment, das die Fiktivität aller Vorstellungen von der verborgenen Wahrheit beweist, der Wahrheit nämlich, dass es den Gegenstand als Wirklichkeit nicht gibt und dass es ein Zeichen menschlicher Begriffsverwirrung ist, nach einem solchen Gegenstand zu suchen.
Darum sehe ich die Malerei oder die Kunst überhaupt als den ersten Schritt auf dem Wege zum gegenstandslosen Suprematismus, zu der Welt als Gegenstandslosigkeit, zum bfreitenNichts, an, auf dem Wege zu einem Zustand, in dem es nichts Erkennbares, ja nicht einmal den gegenstandslosen Rhythmus mehr gibt. Auch der Rhythmus, als einfaches Auf und Ab, ist schon eine Begrenzung der harmonisierten Vollendung. Rhythmus ist schon ein Gesetz, ist schon eine Unterscheidung, die im Widerspruch steht zum Gegenstandslosen, zum Unterschiedslosen. Bisher war der Rhythmus das einzige Gesetz des ganzen menschlichen Schaffens, jedoch wurde dieses Gesetz bisher nur von der Kunst als bewußte Wirklichkeit verstanden, auf die sich alle Schöpfungen der Kunstschaffenden gründeten. Auf anderen Gebieten dagegen wurde der Rhythmus überhaupt nicht beachtet, das Interesse galt ausschließlich den Zahlen, den Berechnungen, die jeden dem Material innewohnenden Rhythmus verdeckten. Aber gerade im Rhythmus erblicke ich das, was zur Entstehung dieses oder jenes Materials geführt hat, ihm diese oder jene Dichte oder sonst eine in ihm verborgene Kraft verliehen hat.
Die Berechnung der Druckfestigkeit eines Materials ist nichts anderes als die Berechnung seiner rhythmischen Erregung. Dieser zahlenmäßig errechenbare Druck ergibt sich aus dem Zusammenwirken rhythmischer Bewegungen, die einen vorgestellten Bau oder, richtiger, ein rhythmisches Gebilde ergeben. So hat jede Maschine ihren Rhythmus, und dieser müßte meiner Ansicht nach für jeden Ingenieur das Grundploblem sein. Aber eine nach rein rhythmischen Gesetzen gebaute Maschine, frei von allen Nützlichkeitserwägungen, wäre zweifellos eine absolute Neuheit. Ein Ingenieur dürfte eine solch reine Verwirklichung rhythmischer Gesetze gar nicht bauen, weil er praktische Gegenstände anzufertigen hat.
Ähnlich ist auch die Lage eines Malers, der sein Werk nach rein malerisch-rhythmischen Gesetzen verwirklichen will. Auch er darf es nicht tun, weil er gegenständliche Abbilder schaffen muß. So stehen beide, Ingenieur wie Künstler, auf einer falschen, ihnen unterschobenen Ebene.
Sobald ein Schaffender beginnt, seine Erregung durch den Rhythmus auszudrücken, befindet er sich im Einklang mit der kosmischen Wirklichkeit. Drückt er sie aber in einem Gegenstand als einem praktischen Gebilde aus, so gerät er in die Gewalt einer rein praktischen Starrheit. Das Ergebnis ist dann nicht mehr absoluter, reiner Rhythymus, sondern nur noch ein praktisch-nützlicher Gegenstand. Der Gegenstand wird immer in seinem vorgestellten Zustandgezeichnet und ist darum unwirklich. Es wir daher nicht die Wirklichkeit, sondern nur eine Vorstellung oder eine Annahme, genauer, ein Traum, ein Trugbild wiedergegeben. Somit ist das Leben des Menschen von lauter Trugbildern umgeben, die körperliche Tatsachen geworden sind. Der Traum wurde gleichsam zum wachen Leben, zur 'Wirklichkeit'. Der Mensch ist noch nicht sehend geworden in der Welt der Wirklichkeit, er ist noch nicht erwacht. Dabei ist er aber unentwegt bemüht, Hilfsmittel zu finden, mit denen er die harte Schale durchbrechen könnte, die ihn von der Wirklichkeit trennt. Wissenschaft, Religion, Kunst sind solche Hilfsmittel, die zu seinem Erwachen führen, ihm den Durchbruch zur kosmischen Wirklichkeit ermöglichen sollen. Der Kampf gegen die Traumvorstellungen ist ihr eigentlicher Sinn. Nichts wollen sie schlafen lassen, und die Religion will selbst die Toten noch am Jüngsten Tage erwecken, um sie in die Wahrheit allen Seins einzuführen. Dann werden die Toten nicht mehr tot und der Schlaf nicht mehr Schlaf sein. Folglich verfügt die Religion anscheinend bereits über jenes Wissen vom Tage der Erweckung, an dem vieles, vielleicht sogar alles, sich als Wirklichkeit erweisen wird und die Vorstellungen nicht mehr als Wirklichkeit angesehen werden. Das 'Ich' wird das All erblicken, wenn es sich in ihm auflöst. Die Religion behauptet allerdings, dass vorher noch Gericht gehalten würde, bei dem entschieden werden soll, wer erwachen darf und wer nicht, wobei die Wirklichkeit in Gestalt der Dreieinigkeit — Gott-Sohn-Heiliger-Geist — den Vorsitz im Gericht haben wird. Dann wird alles Verborgene sichtbar werden, es wird Schluß gemacht mit allen Vorstellungen und Vermutungen, und der Schlaf wird dem Wachsein weichen. Bleibt aber Gott verborgen, so bleibt auch die Wahrheit verborgen, und niemand wird auferstehen vom ewigen Schlaf. Die Menschheit und die Wissenschaft werden die Wahrheit nie erblicken, alles bleibt in dem bisherigen ewigen Schlaf, in den bisherigen Vorstellungen befangen. Der 'Jüngste Tag' und das 'Jüngste Gericht' sind für den religiösen Menschen die vorstellbaren Mittel zur Überwindung des ewigen Schlafes. Nach Auffassung der Kirche erweckt Gott, nach Auffassung der Wissenschaft aber die Zukunft. Was für die Religionen Gott ist, ist für die Wissenschaft die Zukunft.
Für beide ist die Grundaufgabe die gleiche, dem Menschen die Wahrheit, die Wirklichkeit zu offenbaren, ihn aus seinem Schlaf zu erwecken. Diese Grundaufgabe ist aber nicht nur nicht erreicht, sondern es scheint fast, als wäre sie noch gar nicht erkannt.
Vergleicht man aber Religion und Wissenschaft mit dem dritten Weg, der Kunst, so kann man hier doch schon Anzeichen einer Erweckung erkennen, denn die Kunst beginnt bereits, die von ihr aufgenommenen Vorstellungennicht mehr als Tatsachen anzusehen. Der Gegenstand existiert in ihr nicht mehr körperlich. Alle Vorstellungen der Menschheit, wie 'Tier', 'Himmel', 'Mensch', 'Erde', 'Wasser' und so weiter sind als bloße Vorstellungen erkannt, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Wenn der Mensch hofft, bei seinem Erwachen die Wirklichkeit in Gestalt vollkommener Gegenstände zu erblicken, so wird er sicher schwer enttäuscht werden. Die Wirklichkeit wird außerhalb alles Vorstellbaren sein, das heißt gegenstandslos. Der Maler beweist auf seiner Bildfläche, dass auch bei Wahrung der Erkennbarkeit und Vorstellbarkeit eines Gegenstandes dieser doch nicht Wirklichkeit wird. Die Kunst verläßt daher ihre gegenständliche Auffassung von der Wirklichkeit und kommt dadurch zum wahren befreiten 'Nichts', zur Gegenstandslosigkeit. In der Gegenstandslosigkeit wirkt das 'Nichts', das nicht weiß, worin, wofür und warum es wirkt, weil alle Fragen in der fiktiven Welt der Vorstellungen bleiben, die zu keinem klaren Urteil führen können.
Die Vernunft, als Funktion des Verstandes, befindet sich in der vorgestellten fiktiven Welt. Sie strengt sich unendlich an und erfindet in einem Falle das Alphabet, im anderen verschieden Feilen und Sägen. Mit dem Alphabet glaubt sie, ihre ganzen 'Erkenntnisse' festhalten und damit die Wirklichkeit der vorgestellten Welt beweisen zu können. Mit den Sägen will sie die Welt zersägen.. Aber Gegenstandsloses läßt sich weder erklären noch zersägen.
Die Erbauer des Turmes zu Babel wollten auch die Feste des Himmels erreichen, um von der Vorstellung zur Wirklichkeit, zur letzten Wahrheit vorzustoßen. Doch die Feste des Himmels gibt es ebensowenig wie eine Zukunft in den Räumen der Zeit. Es gibt auch keinen gegenständlichen Gott, von dem uns irgendeine Entfernung trennen könnte. Unser ganzer Erdball ist durchfahren und durchforscht, und nirgendwo ist eine Spur von Zukunft, Gott oder einem wahren Heil gefunden worden. Auch im Weltenraum wird nichts derartiges zu finden sein. Trotzdem wird unverdrossen praktisch, zielbewußt, wissenschaftlich weiter gesucht. Gott und Zukunft bleiben aber nach wie vor im Unbekannten. Die 'Logik' der Überlegungen sucht immer wieder Verbindungswege zu diesem Unbekannten, um es endlich zu erkennen.
Die neue gegenständliche Lehre soll die Menschheit zu einem anderen gesunden Verstand bringen, indem sie behauptet, dass man nicht in ferner Zukunft zu suchen brauche, dass alles im 'Heute' liege und sich anschaulich verändere und zwar durch klar erkennbare Ursachen. Diese Lehre wäre vielleicht die Wahrheit, wenn das gegenständlcihe Bewußtsein sich nicht immer wieder und immer weiter in Vorstellungen und Vermutungen verstricken würde, wenn die 'anschauliche' Veränderung des Daseins nicht das Bewußtsein lenken würde. Das Dasein ist das 'Heute', das 'Sofort' und ist Vollkommenheit. Da es aber das Bewutsein noch lenkt, so ist die Vollkommenheit noch nicht erreicht, womit mir bewiesen scheint, dass das vollkommene Dasein immer noch in der Zukunft liegt. Nach wie vor steht vor jedem gegenständlichen Dasein die Hoffnung oder das ewige Gespenst, in einem Falle Gott, im anderen die Zukunft.
Somit befindet sich das gegenstandsbefangene Bewußtsein im Schlaf der Vorstellungen und Vermutungen. Im Schlaf auch eilt die Menschheit durch die in der Vorstellung ihres Bewußtseins entstandenen Zeiträume.
Wirtschaft, Verstand, Urteilsfähigkeit, Sinn, Logik, Wissenschaft, alles sucht Gott oder die Zukunft, sucht das vollkommene Dasein, sucht die Wahrheit. Wenn aber das Erwachen kommt, dann wird sich herausstellen, dass wir uns in der gegenstandslosen Warheit befinden. Die Welt als Vorstellung, als Vernunft, als Wille, wird vergehen wie Nebel.
Zusammenfassend möchte ich feststellen: Allen Handlungen der menschlichen Weisheit, ihrer gegenständlichen Denkweise, ist das Prinzip der Gegenstandslosigkeit entgegenzustellen, ein Prinzip, das frei ist von allen gegenständlichen Beschränkungen und Grenzen, frei von jedem Versuch, irgendetwas Gegenständliches in der Zukunft oder in Gott zu erstreben, irgendwelche gegenständlichen Hoffnungen in sie zu setzen.
Im weiten Raum kosmischer Feiern errichte ich die weiße Welt der suprematistischen Gegenstandslosigkeit als Manifestation des befreiten Nichts!

Februar 1922
Witebsk

Kasimir Malewitsch


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* Aus der Fabel von Kryloff ›Der Affe und die Brille‹
  

(Martyschka i otschki)


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Teil II
Suprematismus



Suprematismus als Gegenstandslosigkeit

  

1

 Im zweiten Teil meiner Abhandlung über die Gegenstandslosigkeit behandle ich das gleiche Thema wie im ersten Teil, nur anders formuliert und straffer zusammengefaßt.

  

2

  Grundlage und Ursprung des Lebens ist die Erregung, als das Reine, Unbewußte, ohne Zahl, Zeit, Raum, ohne absolute oder relative Zustände.
Die zweite Stufe sehe ich im Gedanken. In ihm erreicht die Erregung den Zustand der Vorstellung und entwickelt sich zum Urteil oder zur Meinung, durch die sich die Welt der Erscheinungen im Bewußtsein realisiert.

  

3

  Diese beiden Zustände halte ich für das Bedeutendste und Höchste im Menschen, wie auch in allem, was erregt wird und denkt.
Als dritte Stufe sehe ich den Naturalismus an, als Versuch der Naturalisierung von Erscheinungen oder Erregungen. Unter Naturalismus verstehe ich das, was wir für das wissenschaftlich erkennbare und organisierbare tatsächliche Leben halten.
Aus diesen drei Stufen besteht das menschliche Leben, das seinerseits eine Vielfalt von Verschiedenheiten mit ihren Reflexen und Schattierungen umfaßt.

  

4

 Dieses Leben nun kann man nach Ansicht der Allgemeinheit in drei Bereiche einteilen: Den äußeren, den inneren und den praktischen. Alle Gegenstände gehören dem äußeren und zugleich dem praktischen Bereich an. Durch sie kommen die verschiedenen Errungenschaften des inneren Bedarfes des Menschen zustande, die aber außerhalb des Menschen liegen. Die praktische Seite des Lebens kann ihrerseits gegenständlich oder gegenstandslos sein. Die gegenständliche Seite paßt sich dem Menschen an, die gegenstandslose dagegen verlangt die Anpassung des Menschen an sie. Dadurch entsteht ein neuer Weltbau nicht mechanischer Art.

  

5

  Alle aus dem inneren Bereich hervorgebrachten Gegenstände sind aber keine reinen Widerspiegelungen des Inneren, da dieses als Gedanke in der unendlichen Vorstellung ist und darum niemals ganz erfaßt und widergespiegelt werden kann. Im günstigsten Falle bewahren die Gegenstände nur die Anzeichen einer Erregung, meist aber auch das nicht. Im ersten Falle nennen wir die Dinge beseelt, im zweiten nicht beseelt. (Das sind die Einteilungen der Allgemeinheit.)

  

6

  In beiden Fällen handelt es sich um Zustände, die niemals das Sieden der reinen gegenstandslosen Erregung wiedergeben können, da diese ja in der nach außen gestellten Materie abkühlt. Der Gedanke aber strebt weiter und trägt die Vollkommenheiten in den Bereich des Inneren.

  

7

  Alle inneren Vorgänge nehmen als Begriffe Gestalt an, erst dann beginnen die Auseinandersetzungen mit den uns umgebenden Verhältnissen, erst dann werden sie Materie, jedoch noch nicht im Sinne unteilbarer Materieteilchen.

  

8

  Die Erregung ist wie flüssiges Metall im Hochofen, sie brodelt in reinem, gegenstandslosen Zustande, und erst der im Schädel eingeschlossene Gedanke, als Form der Vorstellung, kühlt sie ab und realisiert sie zu Gegenständen. Gegenstände sind erkaltete Gedanken. Der Gedanke entspringt der Erregung und überläßt dem Körper den erkalteten Mechanismus, der die Welten im All bildet, die erkaltend sowohl in der Natur als auch im menschlichen Leben zu Gegenständen werden.

  

9

  Die brennende Erregung ist die höchste Kraft (weiße Kraft), die den Gedanken zum Schwingen bringt. Diese Erregung schätzt der Mensch sehr hoch ein, höher als das praktisch-wirtschaftliche Leben, denn ohne Erregung wird kein Gedanke wachgerufen. Da sich die Erregungen in Innern des Menschen vollzieht, strebt der Mensch nach innerer Vollkommenheit. Das Innere bestimmt das Äußere, weil der Mensch bemüht ist, das Äußere nach inneren Vorbildern zu ordnen.

  

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  Die Erregung lodert wie die Flamme eines Vulkans im Inneren des Menschen, ohne Ziel und Sinn — der Gedanke kann aber niemals von sich aus die Darstellung der Erregung in Formen, seien sie gegen-ständlich oder gegenstandslos, erstreben. Wenn also überhaupt etwas in der Welt existiert, so ist es die Erregung, durch die der Mensch Erscheinungen wahrnimmt, in deren Wesen aber nichts von dem enthalt-en ist, was die menschliche Vorstellung darin zu erblicken glaubt.

  

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  Der vom Vulkan der Erregung im Menschen gezeugte Gedanke bemüht sich um die Vollkommenheit. Kann man aber sagen, daß auch die Natur so denkt, dass auch sie sich in gleicher Weise um die Vollkommenheit bemüht? Oder hat sie vielleicht einmal alles durchdacht und braucht sich nun nicht mehr um Vervollkommnungen zu sorgen? Ist in der Ewigkeit der Bewegung nicht alles vollkommen und bedarf keiner Korrektur oder Renovierung? Ist ihr Bewußtsein in allem und ewig, kennt sie keine Kulturepochen und ist darum im Zustand ewiger Kultur, ewigen Bewußtseins, ewiger Erinnerung an die ein für allemal festgelegten Erscheinungen? Die Sorge um die Vollkommenheit bleibt anscheinend dem Menschen vorbehalten, weil ihm die Natur für seine Bedürfnisse technisch unvollkommen erscheint. So renoviert und restauriert er an der Natur herum, denkt an künftige Vollkommenheiten, an seine Einbeziehung in das All und dessen Kraft und Macht, um so Herr über die Naturgewalten zu werden. Es scheint, dass der Unterschied zwischen Natur und Mensch darin besteht, dass die Natur ewige, unveränderliche Vollkommenheit besitzt, die jeden Gedanken an Vervollkommnung unnötig macht, der Mensch aber, auf der Suche nach neuen Harmonien der technischen Möglichkeiten, sich von der Natur entfernt, sie aus den Augen verloren hat, wodurch sie ihm zum Geheimnis wurde.
Sein denkendes Haupt gibt sich große Mühe, das Buch der Natur zu öffnen, um darin lesen zu können und dadurch allwissend zu werden.
In der Natur gibt es aber keinen Körper, der verstanden, erkannt, erfühlt werden könnte. Vor dem Menschen steht nur immer die Unveränderlichkeit der Einwirkung.

  

12

  Bevor man daher die Frage beantworten kann, ob die Natur ständig denkt oder ob sie ein für allemal gedacht hat, muß man erst einmal feststellen, was man unter einem 'Gedanken' versteht.
Ich verstehe unter einem Gedanken einen Zustand ununterbrochener Summierung von Vorstellungen, die durch erkennbare oder verborgene Ursachen hervorgerufen werden. Wenn meine Definition richtig sein sollte, so ist die Gesamtheit der Natur — Gedanke und die Erscheinungen — die Formen der erkannten, im Gedanken vorgestellten Ursachen.
Dann ist in der Natur Verstand und Gedanke als leitendes, lenkendes Prinzip, in dem nichts sein kann, was man als 'Materie' bezeichnen könnte. Daraus aber würde sich ergeben, dass die Natur eine Summierung von Gedanken ist und jede Summierung in ihr ein Gedanke.

  

13

  Die Natur ist allumfassend, das umfaßte kann sich aber gegenseitig nicht erkennen und strebt daher zu einer Ganzheit, um sich in ihr zu erkennen.
Es bleibt aber immer nur eine Vielfalt von menschlichen Meinungen über die Natur, die aber alle kein gültiges Paßbild ergeben können, nach dem die Identität der Natur festgestellt werden könnte. Das Auge sieht die Kennzeichen der Erscheinungen, der Körper spürt ihre Wirkungen, mehr aber auch nicht.

  

14

  Die Natur ist nach allen Seiten hin offen, und der Mensch befindet sich gleichsam in ihr, im Inneren ihrer Erregungen. Trotzdem kann er ihre Wirklichkeit nicht begreifen und kann trotz aller Anstrengungen nicht mehr tun, als seine Vermutungen über die Natur nur zu äußern. Folglich ist alles das, was der Mensch hervorbringt, was er für die Erkenntnis der Einwirkungen hält, nur Ableitung aus seinen Vermutungen über die Natur.

  

15

  Die Natur liegt überall offen da, ihr Wesen aber bleibt verborgen in der Vielfalt der verschiedenen Meinungen und Vermutungen. Die einheitliche Erregung wird immer dann vielgestaltig, wenn Meinungen in Formen, Sprache oder Tönen verkündet werden. Die Erscheinungen gelangen von Erregung zu Erregung, von Ursprung zu Ursprung, vom Gegenstandslosen zum Gegenstandslosen — eine ewiger Kreis von Sinnlosigkeiten, angefüllt mit einer Kette verschiedener Sinngebungen, während am Anfang und Ende dieses Weges die Sinnlosigkeit steht.

  

16

  Die Bewegung der Sinngebungen ist unendlich mannigfaltig. In ihrem Lauf durch die Unendlichkeit hinterlassen diese Sinngebungen Spuren am Himmel des Gedächtnisses wie die Meteore im Weltenraum, deren Realität eine Zeitlang festgehalten wird, wonach sie sich im Nichts auflösen. Das Leben ist nur der Wirbel der Meinungen und Vermutungen, die wie die Erregung von Ursprung zu Ursprung jagen, Kulturkreise erzeugend und sie wieder im Nichts auflösend.

  

17

  Vergleicht man die Bewegung des Gedankens mit der Bewegung des Sonnenlichtes oder der Kometen im All, und versucht man, über den Gedanken in die Naturgewalten der Erscheinungen einzudringen, so entstehen neue Arten von Vorstellungen, schneller als das Aufleuchten und Verlöschen flüchtiger Escheinungen, schneller als die Zerstäubung und erneute Zusammenballung von Welten. Neue Vorstellungen und Meinungen von der Wirklichkeit entstehen, die aber immer nur Vorstellung und Meinung bleiben. Nichts läßt sich erfühlen, nichts erkennen, weder mit dem Körper noch mit den Augen. Jedoch im Gedanken wirbeln die Welten wie im Weltall — als Begriffe, die vom Gedanken geschaffen wurden.

  

18

  Der menschliche Schädel stellt die Unendlichkeit für die Bewegung der Vorstellungen dar. Er gleicht der Unendlichkeit des Weltalls, kennt wie sie keine Decke, keinen Boden und bietet Raum für einen Projek-tionsapparat, der leuchtende Punkte als Sterne im Raum erscheinen läßt. Im menschlichen Schädel entsteht und vergeht alles, genau wie im Weltall: Kometen, Epochen, alles wird und vergeht in seinen Vorstellungen.
Wie groß auch das Vorgestellte sein mag, es findet Platz im Schädel genau wie im Weltall, obwohl der Raum des Schädels von einer knöchernen Wand umschlossen ist. Was bedeutet dann aber Raum, Größe, Gewicht, wenn alles zusammen in einem so kleinen Behälter Platz findet. Das ist enschieden noch wunderbarer als das Weltall, das doch von keiner Wand eingeengt wird. Vielleicht läßt sich aber umgekehrt auch das Weltall dem menschlichen Schädel vergleichen, da es — wie der Mensch in seinem Schädel — keine Grenzen für die Bewegungen der Planeten empfindet. Ohne Ende jagen in beiden Meteore, Sonnen, Planeten, Kometen dahin.
Alles das ist aber nur möglich, weil es nur Vorstellung und Vermutung ist, die weder Gewicht noch Bewegung haben. So vollziehen sich alle kosmischen Vorgänge im Schädel, wie im Weltall. Dort wie hier läßt sich nichts zerteilen, nichts zusammenfügen, weil alle Vorstellungen
und Meinungen immer mein Ganzes sind, überall und nirgends.

  

19

  Der Gedanke bewegt sich, die Erregung nicht, weil in ihr nichts ist, das sich bewegen könnte. Es bewegt sich nur der Gedanke und erzeugt durch diese Bewegung reale Vorstellungen. Der schöpferische Gedanke dichtet die Wirklichkeit, die dann zum Forschungsobjekt des Menschen wird. Diese Forschung kann dann nichts anderes sein als neue Dichtung. Somit 'erforscht' der Mensch niemals etwas, sondern müht sich nur ab, seine eigene Dichtung zu begreifen.

  

20

  Vor dem Menschen steht die Welt als unverrückbare Tatsache der Wirklichkeit wie eine unerschütterliche Realität. Jedoch können aus dieser unerschütterlichen Realität nicht zwei Menschen zu einer übereinstimmenden Auffassung von der Wirklichkeit kommen. Wieviele Menschen auch in diese 'Realität' eindringen mögen, jeder wird eine andere Vorstellung von der Wirklichkeit mitbringen. Der eine und der andere wird vielleicht überhaupt nichts mitbringen, weil er nichts Wirkliches und Reales erblicken konnte. Doch ungeachtet dessen, werden alle ihre Meinungen mitbringen und werden diese Meinungen zur 'Wirklichkeit' erklären, womit bewiesen wäre, dass es kein Objekt gibt, das man als 'Wirklichkeit' bezeichnen könnte.
Trotzdem bleibt der Mensch nach wie vor besorgt, alles zu begründen, zu durchdenken, auf seinem 'festen Fundament' zu ordnen, und wird nicht gewahr, dass dieses 'feste Fundament' nur rieselnder Sand ist. Das ist die unerschütterliche Logik des Menschen.

  

21

  Der Maler beweist zwar einwandfrei auf seiner Bildfläche, dass seine Welt kein Fundament hat, dass für seine Häuser keine Grundsteine gelegt, keine Ziegelsteine gemauert werden müssen. Trotzdem sagen wir alle, dass die Häuser stehen. Die ganze Welt seines Bildes ist aufgebaut, aber nicht etwa nur als Bild, sondern als wirkliche Realität. Ver-suchen wir aber, diese Realität zu wägen, diese Häuser, Berge, Flüsse, dann staunen wir, weil das empfundene Gewicht in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Wir brauchten aber nicht zu staunen, denn es ist ja die gleiche Wirklichkeit wie in der Natur. Wenn ein Naturgebilde oder ein Menschenwerk viele Zentner zu wiegen scheint, so doch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Die reale Welt des Ingenieurs drückt sich in Gewichten aus. Er unterscheidet zwei Arten von Gewicht oder zwei reale Zustände dessen, was er Material nennt.
Erstens das naturgegebene Gewicht, das der Ingenieur im Material sieht, und zweitens ein Gewicht, das im Zustand einer bestimmten Gewichtsverteilung eine andere Realität annimmt. Wenn das natürliche Gewicht nach einem bestimmten System zu einem neuen Organismus zusammengefügt wird, kann es schwerelos werden, wie ein auf der Bildfläche dargestelltes Gewicht.
Das Bild des Malers wiegt vielleicht fünf Pfund, das aber, was auf dem Bilde dargestellt ist, kann die Vorstellung von Tausenden von Zentnern erwecken. So sind die 'realen' Erscheinungen der 'Wirklichkeit'. Ein fertiggebautes Haus macht auf uns einen bestimmten Eindruck, wir haben aber nicht die Möglichkeit, diesen Eindruck genau auszumessen, weder mit dem Zirkel noch mit dem Zollstock. Die Realität des Hauses können wir nur durch eine Empfindung in uns feststellen, was aber nur die Realität des Hauses in uns sein wird. Nur so können wir sein Gewicht, die Dynamik des Materialdruckes wahrnehmen, das natürliche Gewicht aber bleibt unbekannt, weil alle Einzelteile im Weltall durch gegenseitige Beziehungen sich im Zustand der Ausgewogenheit befinden.
Das natürliche Gewicht kann auch darum nicht wahrgenommen und bestimmt werden, weil es nicht jene Grundeinheit gibt, die für sich allein gewogen werden kann. Folglich ist das natürliche Gewicht auch nur relativ, und die Genauigkeit der Wahrnehmung von Gegenständen wird ausschließlich von unserem Wahrnehmungsvermögen bestimmt, ihre Realität kann nur auf der Waage unserer Auffassung gewogen werden.

  

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  Alles, was wirkt, führt zu einer realen Erregung. Darum kann man nicht sagen dass das Bild eines Malers nicht real wäre, weil Realität nur in der Natur wäre. Unter 'Realität' müssen wir unsere inneren Erregungen verstehen, die durch äußere Erscheinungen hervorgerufen werden. Wäre es nicht so, könnten wir auch nicht wissen, ob die Welt der Dinge (der Gegenstände) existiert. Wenn ich hier von 'Dingen' oder 'Gegen-ständen' spreche, so bediene ich mich der für die Allgemeinheit geltenden Konventionen, da die Existenz von Dingen und Gegenständen ja anders gar nicht nachzuweisen ist. Es gibt keinen abgegrenzten, begrifflich festlegbaren, von der Umwelt abgesonderten Gegenstand.

  

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  Ein Gegenstand wäre wie die Erregung grenzenlos und unfaßbar, darum kann es ihn nicht geben.

  

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  Somit ist die Bildfläche ein Beweis dafür, dass die sichtbaren oder fühlbaren Kräfte oder die Dichte der Natur sich nicht im geringsten auf der Leinwand verändern: Die Härte eines dargestellten Stahles oder ein dargestellter Nebel, bleiben in ihren Auswirkungen identisch. Wir leben also nur in der Wirklichkeit von Wirkungen, oder richtiger: in der Wirklichkeit der durch Wirkung erzeugten Erregung, deren Sinn sich nicht analysieren läßt.

  

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  Das Weltall, der Kosmos der Erregungen, ist in seiner Vielfalt ein Ganzheits-Komplex. Der Kosmos, als Zentrum des Alls, ist das Herz der Erregungen. Unter 'Kosmos' verstehe ich dabei einen Zustand gegenseitiger Erregung (oder auch Einzelerregung), der die Erschein-ungen hervorruft, die wir wahrzunehmen versuchen.
Unsere auf Konventionen aufgebaute Auffassung nennt Kosmos einen Körper, der durch die ihm eigene Bewegung seine Realität beweist. So ruft zum Beispiel die Bewegung der Meteoriten in mir nicht ohne weiteres die Empfindung eines Körpers hervor, ich kann es im besten Falle nur wissen, dass es ein Körper ist. Jedoch kann der Zustand der Erregung, der durch derartige Bewegungen hervorgerufen wird, auch nur ein Anstoß sein für die Bildung neuer Kräfte in den Körpern, also gleichsam ein Aufpfropfen der Meteoriten-Erregung auf andere Körper, wodurch sich neue Körper bilden, die dann ihrerseits neue Erregungs-zustände hervorrufen.

Daraus könnte man schließen, dass in ein bestehendes Material Kräfte des Meteoriten übertragen werden können, die eine ganze Skala meteoritischer Erregungen erzeugen.

Unsere Materialien offenbaren uns nur deshalb die Mitwirkung kosmischer Erregungen und Bewegungen, weil unsere Vorstellung von ihnen eine andere geworden ist. Erweckung und Erregung hängen stets mit der jeweiligen Kultur des Menschen zusammen, das heißt, dass gewisse Formen unserer Begriffe sich durch neue Wechselbe-ziehungen bilden, beziehungsweise umbilden, da ja die menschliche Kultur das Resultat von Erregung und Wechselbeziehung ist. Bisher ergaben sich die Erregungen des Menschen hauptsächlich aus der Notwendigkeit, die Erscheinungen in sich aufzunehmen, sie gewissermaßen zu verschlingen und zu verdauen. Darum ist das, was wir heute Kultur nennen, eine Kultur rein mechanisch-technischen Verschlingens oder, genauer, eine animalisch-technische Kultur. Da zu dieser Kultur sowohl ästhetische als auch technische Erscheinungen gehören, so wirken in ihr zwei verschiedene Kräfte: Die eine wirkt außerhalb ver-standesmäßiger Urteile, während die andere sich auf Urteile des Verstandes stützt.


  

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  In die Formen der 'verschlingenden' Geräte versucht der Mensch, sowohl die eine wie die andere Kraft einzubauen, trotz ihrer ver-schiedenen Energiezustände.

Die höchste Kraftentfaltung, heute mit dem Wort 'Dynamik' bezeichnet, drückt die Harmonie der Bewegung in neuen Formen aus. Diese Formen sind eingeteilt in die Technik der Maschine und die Technik der Kunst — auch eine Art Maschine, die die Kraft des Ausdrucks wahrnehmbar machen soll. Auf diese Weise drückt die eine wie die andere die Dynamik der Erscheinungen in verschiedenen Formen aus, nur dass die eine von reinen Nützlichkeitserwägungen ausgeht, die andere von ästhetisch-künstlerischen. Das führt zu einer gewissen Nivellierung, die es unmöglich macht, die reine Dynamik der Wechsel-beziehungen zwischen der Vielfalt der kosmichen Einheit und den schöpferischen Erscheinungen auf unserer Erde auszudrücken.
Unsere Erdkugel ist einer der stürzenden Meteore. Die Wucht ihrer Bewegung, ihre Geschwindigkeit, müßte in jedem Gegenstand zum Ausdruck kommen. Desgleichen müßte auch die räumliche Bezogenheit inmitten anderer Planeten zum Ausdruck gebracht werden, da sich die schöpferische Kraft erst aus dem Zusammenwirken aller Erregungen, Empfindungen und Einwirkungen voll entfalten kann. Alle astrono-mischen Grössenordnungen müssen verpflichtend sein, da sie das Maß der Beziehungen aller Erscheinungen sind. Darin allein ist Einheit und Zusammenhang. Doch wird von der Futtertrog-Technik all das anscheinend gar nicht beachtet. Sie kann es auch nicht beachten, solange sie durch nackte Nützlichkeitserwägungen gefesselt ist. Diese Nützlichkeitserwägungen lassen es nicht zu, dass irgendwelche Zusammenhänge außerhalb der Nützlichkeit aufgezeigt werden. Auch der Ingenieur beachtet die großen Zusammenhänge nicht, weil auch ihn nur die Nützlichkeit einer Maschine interessiert, die er in der Geschwindigkeit erblickt.
Wenn aber die Nützlichkeitsanforderungen eine Maschine überfordern, dann verlangsamt sich ihr Lauf. Der Lauf meiner Erregungen verlangsamt sich aber nicht. Es ist also die Gegenständlichkeit, die die Kraft schwächt und die kosmischen Zusammenhänge verdeckt. Die Kunst befindet sich in dieser Beziehung in einer stärkeren Position. Ein 'Ingenieur' des Wortes oder der Farbe, der ja die gleichen Gegenstände behandelt, wie sein Kollege von der Technik, entfernt sich trotzdem sehr weit von der technischen Wirklichkeit dieser Gegenstände. Er versucht immerhin, seine Werke in Beziehung zu kosmischen Erschein-ungen und kosmischen Zuständen zu bringen, sie in neue Beziehungen zueinander einzuordnen, ihnen fern jeder Verflechtung mit gegenständlichen Zielen, den Rhythmus und die Dynamik der kosmischen Erregung zu verleihen.
Darum wird eine von einem Dichter geschilderte Erscheinung niemals der Wirklichkeit entsprechen und mit Gegenständen übereinstimmen, die keine andere Beziehung zueinander haben als die Nützlichkeit.
Die Bewegung eines Geschosses, das die Geschützmündung verläßt, wird immer anders sein als die Bewegung, die Worte eines Dichters dem Geschoß geben. Somit haben wir eine Wirklichkeit in verschiedenen Zustandsformen. Die Wirklichkeit verändert sich, sobald sich die wechselseitigen Beziehungen ändern. Jedes Material birgt Bewegungskräfte verschiedener Intensität in sich, die aber alle in Einklang mit dem gesamten Weltensystem stehen. Wir bemerken es nur nicht, weil wir alle Erscheinungen immer nur nach den Erscheinungen auf unserer Erde beurteilen, zu denen wir selbst eine höchst spießerhafte Einstellung haben. Sobald aber ein Spießer den Himmel durch ein Teleskop betrachtet, verändert sich auch seine Einstellung: er empfindet die Verbindung zu einer anderen Kraft. Der Blick ins Weltall erschüttert ihn aber nur, solange er durch das Teleskop blickt. Die Erdkugel, auf der er steht, bleibt für ihn nach wie vor isoliert, herausgelöst aus dem kosmischen Zusammenhang, irgendwo abseits untergebracht ohne jede Beziehung zum Weltenraum, zur Bewegung und der Finsternis, durch die sie seit Jahrtausenden jagt, ohne zu wissen, wohin und warum. Das ist seine Wirklichkeit, geschaffen aus Wechselbeziehungen, die niemals ein klares, wahres Bild ergeben können.

  

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  Unsere ganze Kultur ist den Nützlichkeitsbedürfnissen des Spießers angepaßt. Dadurch wurde die seelenlose Berechnung des Ingenieurs ins Leben gerufen, die ihrerseits die Entwicklung der reinen abstrakten Form stört, weil diese Form ja nur insoweit kultiviert wird, als sie für die praktischen Futtertrog-Interessen verwendbar ist.
Die Kunst ist von all diesen Nützlichkeitssorgen frei. Es ist nicht ihre Aufgabe, Mittel für den zweckmäßigsten Transport von Kohl oder Gurken zu ersinnen. Der Ingenieur aber ist an alle diese Alltagsprobleme gebunden und muß sich ihnen anpassen. Allerdings — den gegenständlichen Malern und Dichtern geht es auch nicht viel besser: auch sie sind noch an Alltagsprobleme gebunden. Für sie wäre es an der Zeit, sich von diesen Problemen zu befreien und sich Aufgaben der künstlerischen Gestaltung zuzuwenden.
  

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  Das können sie aber nur durch die Gegenstandslosigkeit. Nur in ihr kann sich das kosmische Zusammenwirken vollenden. Dieses Zusammenwirken abstrakter Erscheinungen muß das Ziel der menschlichen Entwicklung werden.
Ein Astronom, der durch ein Teleskop blickt und Erscheinungen wie den Orion oder Aldebaran in sich aufnimmt, schafft über Billionen von Kilometern eine Verbindung zu ihnen. Diese Verbindung dringt in das Bewußtsein des Menschen, bringt die gigantischen Entfernungsvorstellungen in seinem kleinen Schädel unter. Welch eine Urgewalt von Kräften wirkt in dem ewigen Kreisen ungezählter Welten. Das Auge des Menschen, sein Verstand werden hineingerissen in die Fernen und ihre Erregung. Tausende von Lichtjahren legen die Augen und der Verstand des Menschen auf diesen kosmischen Wegen zurück. Im Nebel neuer Beziehungen vergehen Gesicht und Verstand. Von solchen Erregungen lebt die suprematistische gegenstandslose Kunst.
Dieser Kunst entgegengesetzt ist das Schaffen des Ingenieurs. In ihm wird die Wahrhaftigkeit abstrakter Erregungen durch konkrete Notwendigkeiten — etwa landwirtschaftliche — verdrängt. Die Gedanken des Ingenieurs sind ausschließlich auf die Ernährungsbedürfnisse und sonstige Notwendigkeiten ausgerichtet, die sich aus der bestehenden Ordnung der Beziehungen ergeben. Sie können sein, sie können auch nicht sein, die Urgewalt der Erregungen, deren Ausdruck die wahre Verbindung mit dem All ist, müssen an erster Stelle stehen, sie sind das Wesenselement jeder Abstraktion. Dieses aber kann nur die Gegenstandslosigkeit ausdrücken. Da ich bisher keine Formen zu erkennen vermag, die dieses in der Gegenwart ausdrücken könnten, stelle ich die suprematistische Gegenstandslosigkeit, als ersten Schimmer der neuen abstrakten Beziehungen, den konkreten 'nützlichen' Gebrauchsdingen entgegen. Die suprematistische Kunst offenbart in allem die Erregung und den kosmischen Zusammenhang aller Erregungserscheinungen. Die Geburt von Körpern in der Faktur der Bewegung. Das ist der Kern ihres Wesens, der Kern des wirkenden Suprematismus. Darin liegt auch der Wesenskern des Menschen.Aber wie weit ist der Mensch noch von diesem Wesenskern entfernt! Der Mensch, dieses wichtigste Verbindungsglied zum Kosmos, wird abgelenkt durch seinen auf das Konkrete eingestellten Verstand, durch seine Psychomanie nach 'nützlichen' Dingen. Der Mensch und nur der Mensch muß die Gegenstände aufrütteln und sie in Meteore der Bewegung verwandeln, in jene Bewegung, in der Form und Faktur geboren werden. In ihr offenbart sich uns die Ursache (der Ursprung) von Faktur und Ebenmaß des Materials als Erregung, in ihr die geometrische Ordnung oder der Rhythmus der Erregung. Der Suprematismus hat offenbart, dass aus der Vorstellun der Bewegung sich die Ursache aller Ursachen ergibt. Somit ist alles, was wir Material und Faktur der Oberfläche nennen, eine aus der Erregung hervorgegangene Bewegung. Alles das, was wir unter Form oder Körper verstehen, ist Gedanke. Daraus ließe sich schließen, dass eine Erregung, die über den Gedanken zu einer geordneten Bewegung gebracht wird, diese oder jene Form, Beziehung, diesen oder jenen Körper oder Raum, Gewicht und so weiter ergibt.

So vollzieht sich alles in der Natur und in der Organisationsform des Menschen. Auch der Mensch ist ein kosmischer Erregungszustand, der sich durch den Gedanken manifestiert. Somit hat jede Erscheinung ihre Organisationsform, eine Form die durch die Stärke und Intensität des die Bewegung erzeugenden Gedankens erzeugt wird und gleichzeitig ihre Faktur bestimmt. Somit kann die Faktur ihrem Ursprung nach nicht künstlerisch sein. Ein solches Urteil wäre ohne Wahrheitsgehalt.

Alles, was wir Materie nennen, ist also nur Bewegung, wie auch die sie erzeugende Erregung. Die Bewegung selbst ist aber noch keine Materie, sondern bestenfalls das, was sich bewegt. Aber das, was sich bewegt, ist auch nur Bewegung. Somit ist jedes Teilchen an sich Bewegungskraft des Unzählbaren (der Unzählbarkeit) oder die Erregung als immaterieller Mittelpunkt einer Rotation. Somit ist das, was wir Materie nennen, ein System von Bewegungen sich bald entfernender, bald sich nähernder Kräfte. Ein in Drehung versetztes Rad verliert für uns seine Materialität, und wenn alles in eine solche Bewegung gebracht werden könnte, dann würde in unserem Bewußtsein und in unserer Vorstellung niemals der Begriff 'Materie' aufgetaucht sein, sondern nur der Begriff der Dichte einer Bewegung. Diese Bewegungsdichte würde dann die gegenseitigen Abgrenzungen ergeben.

  

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  Alles besteht aus Kräften oder: jede Konstruktion ist nichts anderes als ein Kontrast verschiedener Kräfte. Das Leben der Kräfte ist ihr Kontrast. Somit ist alles, was wir bei irgendeiner Konstruktion als 'Material' verwenden, nichts anderes als ein Kontrast verschiedener in sich geschlossener Kräftekreise, der dann das ergibt, was die Allgemeinheit mit 'Form' zu bezeichnen pflegt. Für die Allgemeinheit bestehen also die Begriffe 'Material' und 'Form'. Da aber Material und Form fest umreißbare, für sich bestehende Erscheinungen sein müssen, die außerhalb jeder Abhängigkeit und Beziehung stehen, so ergibt sich daraus, dass es sie gar nicht geben kann. Nicht einmal die kleinsten Bestandteilchen lassen sich isolieren, aus denen sich Material bilden könnte. Im Leben scheint zwar alles sauber unterteilt und geordnet, und der Ingenieur kann sogar mit den Einzelteilen operieren und ihnen die Form verschiedener Gegenstände geben. Doch er-scheint dieses nur dem Auge der Allgemeinheit so. Alle scheinbaren Materialien und Formen verschwinden, sobald sie in einer Konstruktion aufgehen. So verlieren zum Beispiel in einem Automobil oder in einer anderen Maschine alle verwendeten Materialien und Einzelformen ihren Eigenwert, werden nicht mehr als solche wahrgenommen. Lediglich die Bewegung bleibt als Erregung die einzige reale Wahrnehmung. Jeder aus verschiedenen 'Materialien' konstruierte Gegenstand stellt in seiner Summe eine Kräfteeinheit dar, in der alle Einzelteile verkörpert sind, zusammengefaßt in der Kraft der Bewegung. Dieser Bewegungszustand absorbiert alles: Holz, Eisen, Kupfer, Stahl, Wasser, elektrische Energie und so weiter. Kann man denn in einer solchen Kräfteeinheit die einzelnen Elemente der bei der Konstruktion verwendeten Materialien bestimmen? In diesem Zusammenwirken von Kräften und Materialien leistet jedes seinen Beitrag. Ein Spektrum der Bewegung könnte den jeweiligen Anteil der Einzelkräfte an der Gesamtkonstruktion nachweisen.
Unter 'Material' verstehe ich also die Intensität der Bewegung von Kräften, die sich verringert, wenn sich die Kraftzentren voneinander entfernen, und sich steigert, wenn sie sich nähern. Das ergibt dann die verschiedenen Dichten. Da aber das, was man allgemein als Material bezeichnet, das Ergebnis rotierender Kräfte ist, sollte man darunter nicht nur die Dichte verstehen, etwa des Holzes, des Eisens, des Steines, sondern auch die Intensität der Rotation, wie zum Beispiel bei einem Wirbelsturm. Diesen kann man als materielle Bewegung bezeichnen, aber auch als zentrifugalen (zentripedalen) Kräftezustand einer nicht materiellen Dichte. Letzteres wäre wohl richtiger, weil im Kern des Wirbelsturmes keine unteilbaren Materieteilchen festzustellen sein werden.

  

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  Das Weltall oder der Kosmos erscheint mir als eine unendliche Zahl von Kraftfeldern, die sich um ihre Erregungszentren drehen. Alle sich dabei bildenden Ringe stellen aber keine abgesonderten System dar, sondern bleiben in gegenseitiger Wechselbeziehung. Auf diese Weise stellt sich mir das Weltall als eine unaufhörliche Bewegung von Ringen dar, die aus ihrem Mittelpunkt entstehen, sich unaufhörlich auffüllen und gegenseitig beeinflussen.
Daraus schließe ich, dass die Bewegung unseres Planeten wie auch ganzer Systeme als kosmische Pulsschläge betrachtet werden müssen, die, durch Wirbel abstrakter Kräfte erzeugt, sich von Ring zu Ring fortpflanzen.
Eine Analogie zu dieser inneren Verflechtung der dynamischen abstrakten Erscheinungen können wir sowohl in der Entwicklung des menschlichen Lebens als auch in allen anderen Erscheinungen finden, die aus einem Erregungszentrum Ringe und ganze Sonnensysteme bilden, die sich gegenseitig beeinflussen, gleichsam fest miteinander verflochten sind. Vom Zentrum fortgeschleuderte Kräfte wandern von Ring zu Ring und kehren in anderer Form und Färbung wieder zurück, ohne jedoch ihren Ursprung zu verändern, weil jede Neuordnung immer nur eine andere Form der gleichen Erscheinung ist.

  

31


  Alle Organismen in der Natur, die sich zwischen den konzentrischen Ringen befinden, leben von ihrer eigenen zentrifugalen Kraft und er-scheinen uns in einem gewissen Stadium ihrer Kultur als Materie, sobald sie in eine benachbarte Ordnung geraten. In dem Maße, in dem die Rotation im Zentrum der Erregung sich steigert, wird die Kultur des Materials nach und nach zum Zentrum hingezogen, wobei es sich ständig verändert oder auch auflöst und seine Kultur in die Kultur des anziehenden Zentrums umwandelt. Sobald das Zentrum erreicht ist, erleidet die Kultur alle Möglichkeiten materieller Strukturen, verliert ihren materiellen Zustand und wird Kraft. Damit stellt sie dann eine Form oder einen Grad der Bewegung neuer Beziehungen dar, die für den neuen Bewußtseinszustand gelten. Auf diese Weise läßt sich ein graphischer Zeitplan aufstellen für die Bewegung der Erscheinungen, ihre Verwandlung in Materie und deren durch die Zentren der menschlichen oder kosmischen Erregung bewirkten Zustandswandlungen. Aus einem solchen Zeitplan ließe die Form oder die Intensität der Rotation ablesen. Jedes Material und jede Kraft hat ihre eigene Farbe und nur die farbige Ausstrahlung verändert ihre Intensität in den verschiedenen Ringen. Je mehr sich diese Ausstrahlung dem Erregungszentrum nähert, um so mehr wird sie vom Schwarz oder Weiß absorbiert, wobei ich Schwarz und Weiß als die beiden äußersten Grenzen der Bewegungszustände, als höchste Kultur betrachte.

In unserer Gesellschaftsordnung hat die Intensität der Erscheinungen noch nicht den weißen Zustand erreicht. Erreicht wurde dieser Zustand bisher nur in der Kunst und zwar im Suprematismus, im schwarzen und weißen Quadrat. Die Dynamik der Bewegung hat hier in ihrem Erregungszentrum die äußerste Grenze erreicht, an der sie sich zerstäuben muß, um dann innerhalb ihres Systems als reales neues weißes Bewußtsein von einem Ring in den anderen überzugehen.

Daraus ersehe ich, daß die Kultur der Bewegungen aller Erscheinungen von der härtesten Dichte und dem größten Gewicht über die verschiedenen Ringe oder Zonen immer mehr an Dichte und Gewicht verliert und einem Zustand zustrebt, den ich als den weißen Begriff des Suprematismus bezeichne. Auch alle Farben, die zwischen Schwarz und Weiß liegen, gehen durch die gleichen Ringe oder Zonen und geben den Formen der Gegenstände die entsprechende Färbung.

Es ergibt sich daraus also eine Gesetzmäßigkeit für die Färbung der Gegenstände als Erscheinungen. Diese Gesetzmäßigkeit findet ihre volle Bestätigung in der Malerei, die zum Suprematismus vorgedrungen ist. Allerdings hat die Menge die Gesetzmäßigkeit der Färbung noch nicht erkannt. Der Maler aber hat durch die neue Kunst die Möglichkeit gewonnen, den richtigen Weg zu beschreiten, der ihn zum weißen Suprematismus hinführen wird.

  

32


  Der weiße Suprematismus kennt nicht mehr den Begriff des Materials, wie er für die Durchschnittsmenschheit immer noch
gilt. Seine Formen sind Erscheinungen, die sich nach den neuen Beziehungen der Erregungen ordnen.
Im weißen Suprematismus operiert das Bewußtsein nicht mehr mit verschiedenen Materialien, sondern nur noch mit Erregungen. Das Bewußtsein fügt sich demnach in das System natürlicher Erregungen ein, wodurch der Suprematismus in seiner letzten Konsequenz weder Grenzen noch Zahlen mehr kennt.
Ob Erregung oder Ruhe oder sonstige menschliche Äußerungen,
sie sind in Wirklichkeit immer die gleichen Erregungen.
Weder die Wissenschaft noch die Forschung kann die Welt anders wahrnehmen als über die Erregung. Die Erfahrung zeigt immer nur die Einwirkungen unbekannter Erscheinungen. Nur durch meine Erregbarkeit kann ich etwas empfinden, im Wachen wie im Traum.
Nur durch seine Erregbarkeit nimmt der Maler Erscheinungen wahr und versucht, ihre Wirklichkeit auf seiner Leinwand erkennbar zu machen, indem er sie nach inneren Beziehungen ordnet. Die Wirklichkeit läßt sich aber nur in der Gegenstandslosigkeit bewahren, wenn alle verstandesmäßigen Schlußfolgerungen und Urteile ausgeschaltet werden und sie durch keinerlei Rücksichten auf praktische Nützlichkeit eingeengt wird. Erst dann wird die Feierlichkeit des Weltalls spürbar. In der Offenbarung dieser Feierlichkeit liegt allein der wahre Sinn der Kunst.

  

33


  Auch die Wissenschaft versucht, die Welt über die Erregung zu erkennen. Der Verstand, durch die Erregung entzündet, brodelt auf. Seine Oberfläche gerät in Bewegung wie das Meer bei Sturm. Und wie das Meer bei spiegelnder Fläche alle Erscheinungen zurückwirft, so spiegelt auch das menschliche Hirn alles wider, was vor ihm auftaucht. Das Gehirn ist der Spiegel, der aber das Weltall nur als das 'Nichts' der Erregungen aufnehmen und daher auch nur dieses 'Nichts' widerspiegeln kann. Aufgenommen wird nicht die Welt der Dinge, auch nicht ihr äußere Hülle, sondern nur das Zusammenwirken von Erregungen. Die Wahrnehmung von Erscheinungen steht außer-halb aller Kategorien und Unterscheidungen nach allgemeingültigen Begriffen. Wir haben nur auf dem Felde der Erregungen Figuren untergebracht, deren Bewegungen und deren Tempo wir nach dem Gesetz der gegenseitigen Wechselbeziehungen messen. Die Unterbringung der Figuren vollzieht sich nach zwei Grundsätzen: dem gegenständlichen und dem gegenstandslosen. Das gegenständliche Gesetz ordnet die Dinge nach Rang und Würde, das gegenstandslose nach dem Grad der Erregung. Die Wahrnehmung bleibt aber nur in Augenblicken völliger Erregung rein und richtig. Erkennen kann man die Wahrnehmung aber nicht, weil sie nur Erregung ist. Somit kann man die Welt nicht durch eine unmittelbare Erforschung einzelner Gegenstände wahrnehmen, denn die Wissenschaft verlangt ja, dass die Ursachen der Einwirkungen sichtbar gemacht werden und der Grund der Erregung geklärt wird. Diese aber ist unlöslich verbunden mit dem Weltall, das sich in der Erregung endlos betätigt. Das All birgt in sich keine Gegenstände sondern nur Erscheinungen, die man mit 'Sein' bezeichnet. Das Sein aber bestimmt die Wahrnehmung oder die Erkenntnis. Folglich begründet es neues Sein oder zieht aus dem vorhandenen Sein neue Schlußfolgerungen als Erregungsart. Wenn aber die Welt nur Erregung ist, so ist in ihr kein Sein als Begriff, als Form des Bewußtseins möglich, das die Erregung nicht mit umfaßt. Nicht jeder Gegenstand ist schon 'Sein', er ist nur ein Trugbild von ihm, während das Sein selbst immer verborgen und als Form nicht erkennbar ist. Darum erzeugt es auch diese Fülle von Meinungen und widerspruchsvollen Urteilen über sich. Erregung kann niemals eine Form sein, weil eine Form immer etwas äußerliches ist, eine Erscheinung, ein Trugschluß. Die Erregung ruft im Menschen nur Vorstellungen hervor bis hin zur körperlichen Illusion, die dann zu einer wahrnehmbaren Tatsache wird.
Die ganze sichtbare Welt ist noch nicht das 'Sein', sie ist nur unsere Auffassung von ihm, sozusagen die zweite Stufe der Erregung.

  

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  Die Kunst unterscheidet sich dadurch vom 'vernünftigen' Leben, dass sie die Erregung durch sich hindurchleitet, ohne Urteile zu fällen. Somit ist in der Kunst niemals das Sein, das sich seiner selbst bewußt werden oder das Bewußtsein bestimmen kann, selbst dann nicht, wenn sie das Sein darstellen sollte — denn Erregung ist stets unbewußt, das Sein aber bewußt. Im Kunstwerk können wir das Leben nicht be-'greifen', nicht wahrnehmen als das Sein von Gegenständen. Trotzdem erschüttert uns die Kunst stärker als die Wirklichkeit der von uns geschaffenen 'Tatsachen', die sich außerhalb von uns befinden, obwohl die Wirklichkeit, wenn sie das wahre Sein wäre, stärker sein müßte. Die Kunst des Malers oder des Schauspielers kann als Vorstufe jener Zeit angesehen werden, in der das ganze Sein nur noch Kunst sein wird, eine Kunst die keine Unterscheigungsgrenzen mehr kennt. Das kann aber nur erreicht werden, wenn die Kunst zu sich selbst findet, wenn sie sich vom Sein nicht auf einen ihr fremden Weg abdrängen läßt. Gelingt es der Kunst nicht, sich von den Erfordernissen des Seins zu lösen, so wird sie weiter verdammt bleiben, reinen Futtertrog-Interessen zu dienen, weil ja das 'Sein' nicht anders verstanden wird als eine Kultur, die aus Nahrungssorgen geboren wurde. Die Kunst hat nur den einen Ausweg — die Gegenstandslosigkeit. Der gegenstandslose Suprematismus stellt eine Kultur dar, die die Welt der Erregungen durch die Formen seines Systems realisiert. Das farbige, das schwarze und das weiße System soll den Weg des Menschen bestimmen und ihn vor dem Wege der reinen materiellen Sorgen bewahren. Dann wird er Erscheinungen schaffen ohne irgendwelche Nützlichkeitsrücksichten und wird zu einfachen Wechselbeziehungen der Erscheinungen gelangen, die keiner Rechtfertigung bedürfen.

  

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  Die Künstler kennen noch nicht die Macht der Kunst und nicht ihren Sinn, ganz im Gegensatz zu den wissenschaftlichen, vernünftigen Technikern und dem rein materiellen Leben, die den Hunger bekämpfen und materielle Bedürfnisse befriedigen und glauben, dass alles durch sie ins Leben gerufen wird und dass sie selbst aus diesem Leben, aus der Welt konkreter Nützlichkeitserwägungen hervorgegangen sind. Sie merken nicht, dass sie auf ihrer Bühne inmitten von Theaterkulissen leben. Die ganze Welt ihrer Vorstellung ist nur Kulisse, denn die Wirklichkeit steht außerhalb ihrer Vorstellung.
Das Wahre, das Wirkliche ist nur in der Erregung. Der Zuschauer sieht im Theater die Kulissen, die die Wirklichkeit darstellen sollen. Er weiß auch, dass die Personen nicht die wahren Personen sind, die sie darstellen. Trotzdem wird der Zuschauer von diesen unwillkürlichen, theatralischen Beziehungen der Darsteller ergriffen. Ihn ergreift dabei nicht die Wirklichkeit, sondern der Grad der Erregung, der durch die Spannung hervorgerufen wird. Somit gibt es auf der Bühne keine Wirklichkeit. Sie erscheint nur dann, wenn der Spannungszustand des Schauspielers die Kulisse verwandelt. Auch das, was wir das Sein nennen, ist nicht die Wirklichkeit, sondern Kulisse unserer Vorstellung.
Das gleiche gilt auch für den Maler (für den bildenden Künstler): auch er gibt auf seiner Leinwand keine Wirklichkeit, sondern nur Merkmale der Spannung, die Einwirkung des gleichen 'Nichts' der Erscheinungen. Jeder Künstler strebt zur Wirklichkeit und versucht sie durch einen Betrug zu zeigen. Es gelingt ihm aber nicht, weil die ganze sogenannte Wirklichkeit auch nur Theaterkulisse ist, ein Trugbild, entstanden aus seinen Ansichten.
Der Künstler muß sich von dem Amt des Kulissenschiebers befreien, muß sich lossagen von den Bemühungen, sein Nervensystem der Wiedergabe von Erscheinungen anzupassen, die für Wirklichkeit gehalten werden. Er begeistert sich, bringt sich in Stimmung, paßt sich der ganzen Natur der Erscheinungen an, das heißt, er ist bemüht, Theaterkulissen in wirkliche Lebenstatsachen zu verwandeln. Im Theater und in der Kunst der Gegenwart sehe ich ein vielleicht noch nicht voll erkanntes Bemühen, wahr zu sein, das heißt Erregung, Spannung, 'Sein' zu sein. Alles Gegenständliche in der Kunst wird als Kulisse entlarvt. Der Gegenstand ist in Wirklichkeit nur die Folge einer Erregung oder richtiger, der Gegenstand war nie ein Gegenstand, sondern nur eine Erregung, erzeugt von Kräften, die unserer Vorstellung unbekannt bleiben.

  

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  Es ist Sache des Künstlers, die Kunst zu ihrer Suprematie zu führen und nicht zur 'Kunst' der Wiedergabe von Erscheinungen. Die Kunst insgesamt muß aus der 'Kunst' in die Kunst des Suprematismus übergeleitet werden, wie es die Malerei bereits getan hat, die zu ihrem Wesenskern, zu ihrer Suprematie vorgestoßen ist. Erst in ihr beginnt das wahre Sein des Künstlers.

  

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  Aufgabe der Kunst war es, Erregungs- und Spannungszustände in die Wirklichkeit zu verkörpern, in eine 'Wirklichkeit' die doch immer nur Kulisse bleibt. Die wahre Wirklichkeit bleibt unsichtbar, denn es kann die gegenständliche Kunst nicht in sie eindringen.
Wie sehr die Natur dem Menschen auch in ihrer lebendigen Wirklichkeit ergreifen mag, viel mehr noch wird der Mensch ergriffen, wenn ihm die gleiche Natur von einem Künstler als Kulisse dargestellt wird, in einem Zustand also, in dem sie nicht mehr Wirklichkeit ist.
Das Können, etwas Vorhandenes nachzubilden, war bisher der Genius der Kunst. Die Neue Kunst hingegen hat diesem Genius entsagt und versucht die Erregung sichtbar zu machen. Ihr Genius ist nicht mehr die Kunst des Nachahmens, sondern der Verkörperung der Erregung als Erweckung zum Sein, zur Wirklichkeit. Als Wirklichkeit tritt die Kunst in ihre Suprematie.
Für den neuen Künstler gibt es keine Kunst, die sich auf das Können beschränkt, auf einen Kampf, eine Überwindung von 'Notwendigkeiten'. Für ihn existiert keine Natur als Einzelerscheinung, wie es für ihn nichts gibt, was abgesondert für sich betrachtet werden kann, und es verharrt in ihm auch nichts in Ruhe, sobald die Flamme der Erregung in ihm lodert.
Er sieht die Natur als einen Kosmos der Erregung, und das Verschwinden der sogenannten 'Natur' ist für ihn nichts weiter als das Verschwinden von allen möglichen Hindernissen, Notwendigkeiten und Siegen über die Natur. Er überwindet nichts mehr, er dringt nirgends ein, er wirkt.
Sieg über die Natur, ihre Überwindung, das sind Aufgaben der Technik und der alten Kunst.
Für den neuen Künstler erwächst daraus die Aufgabe, alles das, was bisher mit Natur bezeichnet wurde, in Gegenstandslosigkeit zu verwandeln, wie sie ehedem zum Gegenstand verwandelt wurde. Wenn er diese Aufgabe erfüllt, dann wird die Kunst aufhören, nur Theaterkulisse zu sein, dann wird sie Wirklichkeit. Die Künstler werden dann durch ihr Wirken neue Erscheinungen mit einer neuen Ordnung ihrer Wechselbeziehungen schaffen.
Die Bewegung des Suprematismus geht bereits in dieser Richtung, sie ist auf dem Wege zur weißen gegenstandslosen Natur, zu weißen Erregungen, zum weißen Bewußtsein und zu weißer Reinheit als der höchsten Stufe jeden Zustandes, der Ruhe wie der Bewegung.
Meiner Ansicht nach, die sich sowohl auf suprematistische Erfahrungen als auch auf Forschungsergebnisse über die Bewegung von Farbe, Materie und Kraft stützen kann, ist die weiße Natur schon vorauszu-sehen. Diese weiße Natur wird eine Ausweitung der Grenzen unserer Erregung sein. Schwarz und Weiß sind nur bestimmte Punkte auf dem Ring der Bewegung, wobei Weiß das Wachstum oder das Lebensalter der Natur kennzeichnet, nicht aber irgendeinen Sieg des Menschen über die Natur, wie man es bisher bei jeder Handlung des Menschen anzunehmen pflegte: »Wir haben die Natur besiegt!« Worin besteht denn dieser Sieg? Wo ist er? Man glaubt, es wäre schon alles besiegt und besetzt; trotzdem wächst und gedeiht alles ruhig weiter und verändert sich dank dieses Wachstums. Die Natur besiegen, würde heißen, sein eigenes Wachstum besiegen. Die Natur besiegen würde heißen, sich selbst zu besiegen.
Ich denke, dass der Mensch im Grunde genommen die Natur gar nicht besiegen will; er will nur immer wieder ihr erneutes Blühen, er will, dass sie wächst. Trotzdem aber prahlt er mit seinen Siegen, seiner Macht und seiner Kraft.
Was weiß der Mensch von sich selbst? Kennt er sich? Weiß er, was er ist und welches die Merkmale sind, an denen er sein zerstäubtes Wesen im Weltall erkennen könnte? Dieses Wesen ist für das Weltall unersetzlich, ist die Vorbedingung für alles Werden und Vergehen. Es ist aber nicht gesagt, dass dieses Wesen unbedingt ein zweibeiniges sein muß, mit Kopf, Armen, Nase und Augen und mit einem alles verschlingenden Magen.
Der Astronom versucht mit seinem Teleskop zu erkennen, ob auf anderen Planeten Anzeichen erkennbar sind, die das Vorhandensein von Menschen bestätigen. Er sucht auf den anderen Planeten Spuren dessen, was der Mensch auf dieser Erde geschaffen hat. Aber sind denn das die wahren Merkmale des Menschenwesens? Hat nicht der Mensch und das All die gleichen Merkmale der Gewichtsverteilung? Muß nicht alles, was Menschen auf der Erde schaffen, diese Gewichtsverteilung als Merkmal aufweisen? Ein Haus, ein Automobil, ein Stuhl ein Aeroplan — das sind doch alles Merkmale des Menschen oder des Wesens, das auf der Erde Mensch genannt wird. Demnach hat der gesamte wägbare Weltenbau den gleichen Wesenskern, der nur an verschiedenen Orten anders benannt wird. Wenn die Astronomen recht haben, dass ein Zentner unseres Gewichtes auf dem Mond nur 37,5 Pfund wiegt, dann ist doch klar, dass das menschliche Wesen auch dort existieren muß und zwar in einer höheren Kultur als bei uns.
Da dieses Wesen nicht unbedingt Beine, Kopf und Bauch haben muß, die unseren ähnlich sind, so können wir den Menschen auf dem Monde nicht entdecken und auch nicht seine Kultur. Aber vielleicht ist seine äußere Erscheinungsform eine ganz andere, ebenso verändert, wie sich bei uns etwa eine Maschine verändern kann, wenn sie nach neuen Grundsätzen, nach einem anderen System der Gewichtsverteilung gebaut wird.
Wenn der Astronom eines benachbarten Planeten unsere Erde in ihrem Urzustand, beim ersten Auftreten des Menschen, betrachtet hätte, so hätte er auch nicht den Menschen und seine Kultur, wie sie heute besteht, auf ihr feststellen können. Der Mensch hat aber in Wirklichkeit schon damals bestanden. Wir selbst hätten ihn damals sehr wohl nicht vorgefunden, wenn wir nach irgendwelchen 'Ähnlichkeiten' gesucht hätten. Wir wären vielleicht auch zu dem Schluß gekommen, dass der Affe unser Ahne sei. Warum nicht der Elephant oder die Ameise? Ich jedenfalls würde sagen, dass eine Ameise mehr vom Wesen eines Menschen hat als ein Affe. Die Ameise ist ein Architekt; sie versteht es, das Gewicht in einem architektonischen Gebilde sinnvoll zu verteile.
Mir scheint, dass, wenn man die Wesenselemente des Menschen richtig erkennen würde, man auch den Menschen überall erkennen würde. Angenommen, ein Astronom auf einem benachbarten Planeten hätte auf unserer Erde Ameisenhügel entdeckt, so hätte er sie selbstverständlich für menschliche Kulturbauten auf unserer Erde gehalten und die Ameise für einen Menschen auf der höchsten Kulturstufe, weil er darin eine Ähnlichkeit mit seiner höchsten Kulturstufe erblickt hätte. Folglich heißt den Menschen suchen: nach seinen Wesenselementen suchen. Sein Wesenselement aber ist meiner Ansicht nach die Gewichtsverteilung, die auch zugleich die Höhe seiner Kultur bestimmt. Somit ist der Mensch nicht durch seine Gestalt gekennzeichnet, die es ermöglicht, die Höhe seiner Kultur zu bestimmen, zum umreißen
und aufzuzeichnen. Das Wesen des Menschen kennt in seiner Zerstäubung keine Grenzen. Es ist überall, und überall in anderer Gestalt. Eine seltsame Erscheinung: Ein einheitliches Wesen erscheint in ver-schiedenen Gestalten. Verschieden sind aber diese Gestalten nur, wenn man sie aus dem Ganzen herausholt. Bleiben sie mit dem Ganzen verschmolzen, dann sind sie alle gleich. Die Einheit ergibt sich aus dem kosmischen Gewichtsausgleich, in ihm ist das Wesen einheitlich.
Jeder Planet erscheint uns als eine abgesonderte Einheit. In Wirklichkeit aber existiert nichts isoliert, nichts abgesondert. Jedes einzelne hat ein anderes Gewicht, und diese Verschiedenheiten im Gewicht ergeben die Bewertungsgrundlage für die jeweilige Kulturstufe. Jedes Samenkorn ordnet sein Gewicht andersan, und aus dieser Verschiedenheit ergibt sich der Vorzug des einen vor dem anderen. Jede Saat breitet sich im Raume aus entsprechend Verschiedenheit oder Voll-kommenheit ihrer Kultur. Manch ein Baum hat keine andere Möglichkeit für die Ausbreitung seines Samens gefunden, als dass er seine Zweige möglichst weit ausstreckt, damit das Samenkorn dadurch einige Meter vom Stamm zur Erde fällt. Der Löwenzahn hat in dieser Beziehung eine größere Vollkommenheit erreicht, indem er sein Samenkorn mit einer Art gefiedertem Schirm ausgestatttet hat, der vom Winde hochgetrieben und mit dem Samenkorn auf weite Entfernungen davongetragen wird. Man kann sagen, dass die Kultur des Löwenzahns der Kultur eines Freiluftballons entspricht, mit dem sich der Mensch davontragen läßt. Der Gewichtsausgleich ist in beiden Fällen der gleiche. Somit hat das Wesenselement des Menschen im Löwenzahn eine höhere Kultur erreicht als im Baum. Das Wesenselement, das wir im Menschen oder doch in dem, was wir Mensch nennen, erkannt haben, hat die höchste Kulturstufe erreicht. Der Mensch kann seinen Samen auf die verschiedensten Arten ausbreiten. Gelenkt durch seinen Willen kann er ihn dorthin bringen, wohin er ihn haben will. Die Kultur des Menschen gilt daher als höchste Kultur auf unserem Erdball, der Mensch glaubt sogar, dass es nichts Höheres mehr geben kann.
Doch genauso wie es vor unserem Blick verborgen ist, was auf den benachbarten Planeten vor sich geht, ist uns auch verborgen, ob das Wesensmerkmal im Sinne der Gleichgewichtsverteilung dort nicht bei weitem das an Vollkommenheit übertrifft, was wir auf der Erde als 'Mensch' bezeichnen. Es ist ja möglich, dass jedes Wesenselement genau so schreit: »Ich bin die Welt!« , »Ich bin der Kosmos!« , »Ich besiege die Natur!« , »ich bin der Herr des Alls!«.
Worin besteht denn in der Tat die Überlegenheit des Menschen? Was hat er erfunden, das ihm das Recht geben könnte, sich höher zu dünken als alles andere? Niemand hat Bibliotheken wie er, niemand hat Maschinen wie er, niemand eine Wissenschaft wie er. Das wäre natürlich alles sehr gut, wenn es wirklich seine Leistung wäre. Aber — das ist doch alles nur zusammengeraubt! Alle Bücher, alle Wissenschaft, seine ganze Kultur ist doch nur dadurch zustandege-kommen, dass er es verstanden hat, mit seinen Dietrichen erfolgreich Kammern zu öffnen und die benötigten Dinge herauszuholen. Der Mensch mit seiner Wissenschaft und seinen Bibliotheken hat doch nur das zusammengerafft, was er in den aufgebrochenen Schränken der Natur vorgefunden hat. Wenn er alles, was er zusammengestohlen hat, zurückgeben müßte, dann würde von seiner 'Größe' nicht viel übrigbleiben. Die Vollkommenheit des Menschen besteht doch nur darin, dass er alles beraubt und ständig neue Geräte erfindet, um noch besser rauben zu können.
Unter Dieben und Einbrechern steht derjenige auf der höheren Kulturstufe, der den vollständigeren Satz von Nachschlüsseln und Dietrichen besitzt.
Das gleiche gilt auch für die Überlegenheit eines Staates über einen anderen.
Ein Dieb beginnt, sich zu vervollkommnen, sobald eine neue Sache vor ihm auftaucht, für die er noch keinen passenden Nachschlüssel hat. Er ist dann gezwungen, nach einem passenden Schlüssel zu suchen.
So auch der Mensch im allgemeinen: ewig ist er auf der Suche nach Schlüsseln. Die Zahlt der bereits gefundenen Schlüssel gibt den Maßstab für die Höhe seiner Kultur ab.
Sollte der Mensch einmal tatsächlich der Herrscher des Weltalls werden, so nur, wenn ihm gelänge, ein vollkommenes lückenloses Sortiment von Dietrichen zu schaffen. Aber auch das würde noch lange nicht heißen, dass er damit die Natur besiegt habe. Ist es überhaupt denkbar, so viele Dietriche zu besitzen, dass man in der Natur alles öffnen könnte? Oh nein! Das gäbe eine so gewaltige Menge von Dietrichen und Hilfsgeräten, dass sich niemand mehr darin zurechtfinden könnte. Wenn er trotzdem immer weiter danach strebt, dann ist es nur ein Beweis seines Unverstandes, eines Unverstandes, der nichts gemein hat mit dem Unverstand des Weltalls. Denn auch dieses ist unverständig und hat weder Schlüssel noch Dietriche. Es hat aber auch nichts zu öffnen, hat keine Gegenstände und kann sich selbst weder berauben noch verschlingen. Der Unverstand des Menschen ist ein ganz anderer, er ist Selbsttäuschung, Selbstkasteiung, Selbstberaubung, es ist der Unverstand seiner Kultur. Er ist nicht fähig, den Schlüssel zu finden, der ihn von diesem 'Selbst' befreien könnte. In diesem 'Selbst' offenbart sich der Unverstand des Menschen, durch dieses 'Selbst' unterscheidet sich sein Unverstand vom Unverstand des Weltalls. Könnte der Mensch dieses 'Selbst' erkennen, dann würde er dem Kosmos gleichkommen, dem Kosmos, der sich nicht selbst verschlingt, nicht selbst auszehrt, der in alle Ewigkeit das Sein seines Unverstandes durchläuft, dessen Raum das Nichts ist. Vielleicht aber ist dieses 'Selbst' der Schlüssel zum Herzen der Erregung des Alls, des Kosmos, den der Mensch sucht. Es ist aber für den Menschen unmöglich, die Natur zu begreifen, solange er Vorstellungen von ihr hat. Ihr Wesen ist ohne Vernunft, der Mensch will sie aber mit seiner Vernunft begreifen. Das ist ein weiterer Beweis für den Irrsinn des Menschen: wer mit einem Irren vernünftig zu sprechen versucht, ist selbst ein Irrer.
Wenn aber der Mensch sich abmüht, die Natur zu besiegen, dann müht er sich ab, die Unvernunft zu besiegen, sie zu verstehen, in sie einzudringen. Gelänge ihm dieses, so verlöre er auf dem Gebiet, in das er eindringen konnte, selbst die Vernunft. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Menschen sich gegenseitig nie verstehen können: Jeder ist auf einem anderen Gebiet nicht bei Verstand.
Immer will der Mensch in das eindringen, was ihm unverständlich, seinem Verstand nicht faßbar ist. In dieses Unverständliche sucht er alle hineinzuziehen, die noch bei ihrem Verstande sind. Der Verstand aber, in dem die anderen noch sind, ist immer nur eine Vorstufe zum Unverstand und so ohne Ende.
Man könnte folglich sagen, dass das, was wir unter Verstand meinen, Unverstand ist, denn der Verstand ist ja stets auf das Unverständliche gerichtet, auf die Erfassung des Unverständlichen. Erfaßt der Verstand das Unverständliche, so wird er zum Unverstand. Somit ist alles Erkannte unverständig, wodurch uns in der Natur alles weise erscheint. Doch nicht alle erkennen dieses, sie können es auch nicht erkennen, weil die Natur in ihrem Unverstand nicht zu erkennen ist und im Verstand überhaupt nicht ist.
Der Mensch hat zwei Begriffe geprägt: den Verstand und den Unverstand. Es kann aber keinen Verstand geben ohne Unverstand, und der Verstand ist nur darum Verstand, weil in ihm der erkannte Unverstand ist. Der Unverstand benötigt aber gar keinen Verstand. Somit besteht Verstand an sich überhaupt nicht. Der Mensch aber will, koste es, was es wolle, um jeden Preis durch seinen Verstand alles wissen, das heißt verstandesmäßig den Unverstand erfassen. Da aber die Schöpfung Unverstand ist, so bemüht sich also der Mensch, ihr Verstand oder Vernunft zu geben.
Verstand ist aber nicht etwas, was zum Unverstand gekommen ist, sondern er entstand dadurch, dass der Mensch ihn im Weltall zu erkennen glaubte. Somit gehört alles Verständige und Kluge, wie auch der Mensch, zur Natur.

Würde in der Natur Verstand herrschen, so würde das nur ihre Unvoll-kommenheit bedeuten, weil Verstand ja das Mittel ist, Vollkommenheiten zu erkennen. Da das All unendlich ist, so kann es keine Vollkommenheit geben, die nicht schon im All wäre. Das All ist grenzenlos, darum kann es nichts Abgeschlossenes, Ganzes sein, in ihm ist auch nichts, was verstandesmäßig geordnet werden könnte. Folglich ist 'Verstand' eine Erfindung des Menschen, mit der er zum Angriff auf die Festung des Alls antritt. Es ist ein Angriff ohne Angriffsziel, weil das All weder ein Dach hat, das abgerissen, noch ein Fundament, das gesprengt, noch Wände, in die Breschen gerammt werden könnten. Was der Mensch auch an Untersuchungen, Experimenten und Forschungen unternehmen mag, es bleibt immer unverständig, muß unverständig bleiben, weil ja niemals ein Objekt da sein kann, das einer (Untersuchung) Erforschung unterzogen werden könnte. Erfoschen heißt doch abgrenzen. Ohne Abgrenzung können wir keinen Überblick gewinnen, und da der Mensch, die Natur und jeder Gegenstand sich in der Unendlichkeit befinden, also nicht abgrenzbar sind, so läßt sich auch nichts erforschen. Es gibt auch keinen Gegenstand, der völlig abgesondert, für sich, umfaßt werden könnte — folglich kann es auch keine Gegenstände geben.

Somit wird der Mensch niemals die Natur oder die Gegenstände besiegen können, weil es sie nicht gibt. Ein Mensch, der glaubt 'wissend' werden zu können, ist einfach naiv. Das Streben nach Wissen ist das Streben der Naiven. Jegliche Bildung als Wissen ist Betrug, Wissen ist nur ein Hemmschuh für das Leben, für die Stürme der Erregung. Nicht-Wissen vermag die dynamischen Schläge des Herzens so zu steigern wie die Erregung, und nichts vermag alles so organisch zu verschmelzen wie die Erregung. Die Erregung ist die Verbindung zwischen mir und dem Weltall.

  

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  Der Suprematismus als weiße Natur räumt mit allen Hemmnissen der Kultur auf und öffnet der Erregung den Weg zum ungehemmten Wirken. Zu dieser Schlußfolgerung führen mich viele Tatsachen, die als Wirklichkeit bezeichnet werden, und die Hauptwirklichkeit der suprematistischen Experimente, durch die der ganze Suprematismus auf das weiße Wirken außerhalb aller Kulturen zurückgeführt wird. Der Schlüssel dazu ist das Quadrat.
Das weiße Quadrat ist der Schlüssel zum Beginn einer neuen klass-ischen Form, eines neuen klassischen Geistes. Der menschliche Geist, der durch vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahrhunderte, durch ein Chaos verzerrter Formen und farbiger Bonbonnieren der menschlichen Kulturen geschritten ist, gelangt nunmehr zu einer neuen dynamischen Erregung, die sich in suprematistischen Formen, im suprematistischen Klassizismus der Gegenstandslosigkeit verwirklichte.
Der verflossene Klassizismus ist der Klassizismus des religiösen und des staatlichen Geistes, des gegenständlichen Geistes. Die gegen-ständliche Kultur nähert sich in der sozialistischen Lehre ihrer Grenze. Im Sozialismus wird der äußerste Gipfel der wirtschaftlichen, materi-ellen Futtertrog-Vollkommenheit erreicht. in ihm wird die menschliche Technik ihre Vollendung erfahren. Der Sozialismus wird sich als Ge-genstand vor dem Menschen erheben, dessen Denken auf das Un-gegenständliche gerichtet ist. Die Bewegung zur Gegenstandslosigkeit wird als erstrangige Bewegung den Menschen zu seiner Suprematie führen. Sie wird sich durch die Dynamik der Erregung vollziehen und wird durch das suprematistische System, als dem neuen, weißen Realismus, realisiert.
Die Menschheit strebt ihrem Wesen nach mit allen ihren schöpfer-ischen Kräften zu einer endgültigen Lösung aller Fragen als der höchsten Grenze ihrer Kultur. Diese Grenze geht aber nicht über rein materielle, rein wirtschaftliche Bezirke hinaus.Wäre der Mensch nicht so gierig, so könnte er auch mit primitiveren Mitteln erreichen, was er zur Stillung seines Hungers benötigt. Es scheint ja hinlänglich bewiesen, dass die höchsten Leistungen auf kulturellem Gebiet meist von Menschen vollbracht werden, deren Mittagstisch sehr bescheiden ist. Dieser Umstand hindert sie aber nicht im geringsten, an Neuentdeckungen zu arbeiten. Manch einer mußte dabei verhungern und seine Entdeckungen denjenigen überlassen, die ihn verhungern ließen.
Das Streben zur Vollkommenheit, zu einer Klassik in unserem zwanzigsten Jahrhundert, zeigt die Notwendigkeit, eine Grenze zu erreichen, an der mit dem Aufbau einer neuen Welt begonnen werden kann. Das menschliche Bewußtsein, das die neuen Formen noch nicht erkennen kann, wendet sich in seiner Ratlosigkeit der Vergangenheit zu, will alte Normen der Beziehungen wiedererwecken und scheut sich, neue Normen zu schaffen.
Ein Teil der Menschheit geht zwar schon zu einer neuen Klassik, aber auch das Bewußtsein dieses Teiles ist noch in der Ideologie staatlicher oder religiöser Ordnungen befangen, so dass auch dieser Teil der Menschen nur zu Formen gelangt, die sich in nichts vom bisherigen Staat, ja nicht einmal von der Religion unterscheiden. Es wird über alles diskutiert, alles wird angepaßt, und Formen der Vergangenheit überleben mühelos auch die stürmischsten Umwälzungen des Staatslebens. Staat und Religion bleiben stets das, was sie sind, auch wenn sich ihre Methoden ändern.
Das gleiche gilt auch für die Kunst, die sich in der Abhängigkeit von Staat und Religion befindet. Staat und Religion brauchen den Küsntler, weil beide stets ihre Götter haben, die gemalt oder in Stein gehauen werden müssen, und die Götter haben ihre Lehre oder ihre Theorie, die illustriert werden muß, deren Vorzüge gepriesen werden müssen. Staat und Religion betrachten die Kunst von ihrem Standpunkt, die Kunst aber hatte keinen eigenen Standpunkt, von dem sie Staat und Religion betrachten konnte.
Erst der Suprematismus hat diesen Standpunkt geschaffen.

  

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  Die Geschichte der Kunst beweist, dass Staat und Kirche die Kunst seit jeher versklavt haben. Erst im zwanzigsten Jahrhundert begann die Kunst sich von der Sklaverei zu befreien und zur Gegenstandslosigkeit als einem neuen Realismus vorzudringen. Dieser neue Realismus offenbart die wahren Formen der Menschheit und leitet sie auf den wirklichen und wahren Weg, der allein zum Heil, der Suprematie des gegenstandslosen Wirkens, zur Verwirklichung des wahren Seins führt. Hier aber wird sich die Menschheitskultur teilen müssen in eine Kultur der praktisch-zweckmäßigen Gebrauchsgegenstände und in die gegenstandslose Kultur. In einem Falle wird das menschliche Bewußtsein auf das Praktische, auf die ewigen Futtertrog-Bedürfnisse gerichtet bleiben und sich im Kampf um seine Befreiung erschöpfen. Im anderen Falle wird das Bewußtsein all das nicht kennen, weil es zur Gegenstandslosigkeit vordringt und sich dem wahren Sein zuwendet. Es wird weder Bedürfnisse noch praktischen Nutzen kennen. Vielleicht ist eine solche gegenstandslose Kultur in keinem anderen menschlichen Bereich denkbar und möglich als nur in der Kunst. Denn während die Kunst die völlige Gegenstandslosigkeit erreicht hat, kennen alle technischen und religiösen Bewegungen und Bestrebungen nach wie vor nichts anderes als die Befriedigung materieller Bedürfnisse. Doch werden sie verglühen im suprematistischen Realismus der Weißen Welt!

  

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  Die technische Futtertrog-Kultur mit ihrer Not und ihren Bedürfnissen hat sich den Menschen untertan gemacht und ihn gezwungen, zu arbeiten. Die Arbeit soll ihm die Mittel geben, mit denen er seine Bedürfnisse befriedigen kann. Der Mensch ist gezwungen, sich sein Leben lang abzumühen, um sich satt essen zu können, und darin unterscheidet er sich nicht vom Tier.
Es gibt nur wenige Menschen, die sich mit Kunst beschäftigen. Es sind immer nur Ausnahmen, und diese Ausnahmen üben auf die Gesellschaft eine anziehende Wirkung aus. Gleichzeitig aber stehen sie auch im Dienste der Gesellschaft. Weder die Gesellschaft noch der Staat noch die Religion betätigen sich selbst auf dem Gebiete der Bildenden Kunst. Im Gegenteil sie haben die Kunst in ihren Dienst gestellt und betrachten sie gleichsam als eine Nebenerscheinung ihrer Idee. Erst wenn die Selbständigkeit der Kunst als Idee in das Bewußtsein eines jeden Menschen eingedrungen sein wird, wird es ihm möglich werden, über seinen animalischen Zustand hinauszuwachsen.
Das Merkmal der befreiten Kunst ist die Gegenstandslosigkeit, die sich im suprematistischen System offenbart. Die weiße suprematistische Welt wird alle reinen Menschen umfassen, die sich an dem Aufbau des Systems der suprematistischen Kunst beteiligen. Der Suprematismus als System wird nicht der Verherrlichung einer Idee oder gar einer Ideologie dienen, weder eines Staates noch einer Religion noch des Geistes. Er selbst wird die herrschende Idee der weißen Menschheit sein.
Das Bewußtsein der weißen Menschheit ist gegenstandslos. Es wird nicht mehr beteuern müssen, die Menschheit zu irgendeinem ideellen oder gegenständlichen Heil führen zu wollen. Es wird keinerlei Unterteilungen kennen, weder ästhetische noch mysthische, noch wird es irgendwelche Rangunterschiede, sei es geistiger oder irdischer Art, kennen. In diesem neuen Bewußtsein wird die Einheit der Empfindungen, die Einheit des Realen sein; es wird in seiner Empfindung der Welt als Erregung klassisch sein.
Alle Unterschiede, jede Betriebsamkeit der farbigen wie auch der schwarzen Erregung werden in ihm vom Weiß absorbiert.
Es wird ein heftiger Wettstreit unter den farbigen Erregungen ausbrechen, doch wird die Erforschung der Bewegungen der Entwicklungszentren des Menschen beweisen, dass im End-
ergebnis alles zum weißen Zustand hinstrebt.

  

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  Das suprematistische Bewußtsein ist im Verhältnis zur Welt der Er-scheinungen und der ganzen Natur nur Erregung. Darum können in ihm auch keine Zustände existieren, die wir 'Materie' nennen, zumal alles, ob wir es nun organisch oder anorganisch nennen, nur Bewegungskraft der Erregung ist, die sich nur dann in 'Materie' verwandelt, wenn das Bewußtsein des Durchschnittsmenschen diese Bewegungskraft in eine von ihm erdachte Ordnung bringt. Doch auch in diesem Falle müßte Materie als ein gewisser Zustand von Kräften und Ballungen aufgefaßt werden, als Folge der Bewegung.
Im neuen Bewußtsein kann sich die Dichte verändern, die Bewegung kann stärker oder schwächer sein, woraus sich dann die verschiedenen Zustände der Dichte ergeben. Alle sogenannten Materialien müßte man ihrem technischen Aufbau nach in einer Tabelle von Kräften verschiedener Bewegungsintensität zusammenstellen. Eine solche Tabelle würde es dem Menschen möglich machen, die Kräfte als Kräfte und nicht als Material zum empfinden, nicht als etwas Totes, Statisches. Das Operieren mit Kräften steht dem technischen Bewußtsein näher als das Operieren mit Materialien. Zum Schluß werden ja doch alle Materialien in Kräfte umgesetzt. So hört Material, das zu gewissen technischen Erzeugnissen zusammengebaut wird, auf, Material zu sein, und wird zum Ausdruck von Kräften. So ist zum Beispiel der Bau eines Motors nicht so sehr ein Zusammenfügen von Materialien als vielmehr die Schaffung von Kräften, deren Summe in PS ausgedrückt werden kann. Sinnvoller wäre es allerdings, alle summierten Kräfte oder die Summe aller Bewegungen der Kräfte zusammenzulegen, um die Summe der Kraft oder der Bewegung einer Maschine zu erhalten.
Jedes technische Erezugnis besteht ja aus der Zusammensetzung einer bestimmten Summe von Bewegungen dessen, was wir Materie zu nennen pflegen. Darum ist jede Maschine eine bestimmte Summe, die man aber nicht, wie allgemein üblich, als einen Gegenstand bezeichnen kann.
Die neue Technik muß die Gegenstände und ihre Beziehungen aus ihrem Wortschatz streichen und lediglich die Summe von Bewegungen bestehen lassen. Das wäre richtiger und käme der Wirklichkeit näher, als technischen Erzeugnissen irreführende Nmen zu geben.

  

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  Die technische Welt äußert sich durch die Verschiedenheiten der Beziehungen von Dichte und Bewegung. Der Suprematismus unter-scheidet sich hiervon dadurch, dass seine Schöpfungen sich weder gegenständlich noch materiell aus irgendwelchen Verschiedenheiten der Beziehungen ergeben. In seinen Schöpfungen gibt es keine Verschiedenheiten der Kräfte mehr, da sie ein Grenzzustand sind, in dem sich alle verschiedenen Beziehungen in einem einheitlichen Formbewußtsein verkörpern. Das Material verschwindet in der Bewegung, die Farbe auch. Alles kommt zum weißen Zustand, zur höchsten Geometrie des Bewutseins.
Der Suprematismus ist die Formeinheit, das heißt: er ist das, worin ich die Einheit vermute. Alles ist zum einheitlichen Weiß gelangt. Alle Spektren sind zu einem einheitlichen Bewußtsein, in eine einheitliche Erregung und Bewegung gebracht. Es wird der Zustand erreicht, in dem das Bewußtsein des Menschen in all seinen Bewegungen durch Ausnutzung aller Mittel und Naturkräfte zum Weißen gelangt, das sich im Suprematismus in der Form des weißen Quadrates verwirklicht hat.
Welchen Zustand stellt nun der weiße Suprematismus dar? Was ist er? Ist er die äußerste erreichbare Grenze des Ausgleiches aller Verschiedenheiten der Töne, Farben, Gewichte und ihrer Vereinigung zu einer Kraft, zu einem Zustand, zum Absoluten, oder ist damit nur die Vorstufe zur endgültigen Grenze des Absoluten erreicht, in der das Bewußtsein nur noch zwei Zustände kennt — den Zustand der Bewegung und den Zustand der Nichtbewegung. Es hängt ja letzten Endes nur vom Bewußtsein ab, ob diese oder eine andere Realität angenommen wird, denn außerhalb des Bewußtseins gibt es keine Realität. Das Bewußtsein erst hat die Einheit in unterscheidbare Teile zerlegt. Das Bewußtsein läßt uns Bewegungen als Formen erscheinen. Wie alle Formen kommt auch das Bewußtsein aus dem einheitlichen Weiß, durchschreitet eine Zone von Bewegungen als Kultur und kehrt wieder zum Weißen als seiner Grenze zurück. Doch bedeutet der weiße Suprematismus noch keineswegs eine endgültige Grenze, vielmehr ist er nur der weiße Weg der Bewegung des weißen Systems. Somit wird im weißen System des Suprematismus nur eine Form der Einheit erreicht. Wohin diese uns aber führen wird, ist unbekannt. Es ist denkbar, dass das weiße Quadrat Anfang und Abschluß bedeutet, das heißt, dass die Bewegungszonen des Weißen an beiden Enden weiße Kuben haben, die man als Symbol von sechs Vollkommenheiten be-trachten könnte, die je einer Seite des Kubus — also einem Quadrat — entspringen, sich unterwegs in Gegenstandslosigkeit zerstäuben und wieder in den Kubus oder in das System der Quadrate der sechs Kubusseiten einmünden.

  

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  Im ersten Teil meiner Abhandlung habe ich festgestellt, dass die Kultur des Menschen oder Kultur überhaupt in der Verteilung des Gewichtes besteht. Unter 'Gewicht' verstehe ich auch rein gedankliche Äußerungen. Kultur verstehe ich als Bewegung der Gewichte durch das Zentrum des Bewußtseins. So läßt sich weiter annehmen, dass jede Kulturepoche ihren Anfang aus der Summe der ungelösten Gewichtsverteilungen der vorangegangenen Epoche nimmt. Jeder Entwicklung oder jedem Beginn einer neuen Kultur fällt eine bestimmte Gewichtsmenge zu, die sie zu bewältigen hat. Art und Umfang solche Bewältigungen ergeben die Leistungen der jeweiligen Kultur. Jede Kultur hat ihre Grenze, die durch die in ihr vorhandene Gewichtsmenge bestimmt wird. Jede neue Kultur beginnt ihre Vervollkommnungen bei den nicht bewältigten Gewichtsmengen der vorangegangenen Kultur. Aus diesem Grunde erscheint eine Vererbung der Formen nicht möglich, denn das würde ja bedeuten, dass die vorangegangene Kultur sich noch nicht vollendet hat und daher für die neue Idee verderblich sein würde. Aus dieser Erwägung ließe sich eine Tabelle der Bewegung des Gewichtes nach den Epochen der menschlichen Entwicklung aufstellen.
Jede Kulturepoche ist bestrebt, das übernommene Gewicht zu einer klassischen Gewichtsverteilung zu bringen. Das scheint ihre Grenze des Erreichbaren zu sein. Dabei ist denkbar, dass in besonders glücklichen Fällen eine Kultur durch Zusammenfassung des in Berufsgruppen zerstäubten Bewußtseins zu einem einheitlichen Ganzen kommen kann.
Zu einer solchen Einheit strebte die Kunst. Sie brachte alle geistigen Zustände des Gewichtes zu einer klassischen Form. Andere Berufe waren anscheinend nicht fähig, diese Krönung der Kultur zu vollbringen, das Gewicht zu formen und zu konstruieren.
Die klassischen Formen der vergangenen Jahrhunderte sind bisher von der Kunst noch nicht übertroffen worden. Die Kunst der Gegenwart war nicht fähig, die Gewichte zu verteilen und so ihre eigene Form als Abschluß einer bstimmten Kulturepoche zu finden. Die Kunst der Gegenwart (aber nicht die 'Neue Kunst') wollte vorhandene Formen verwenden, und das war ihr schwerster Fehler. Wenn nämlich die Summe der Gewichte diser Formen verwendet worden wäre, für eine Neuordnung der Gewichte, so wäre sie zu ihrer klassischen Vollendung gekommen. So aber bleibt dem Künstler kein anderer Weg, als die neuen Inhalte von Staat, Gesellschaft, Religion in die alten klassichen Formen zu zwängen. Daraus ergibt sich auch das Gerede über die Kontinuität der Formensprache. Formen übernehmen, heißt, nichts eigens schaffen, heißt, die klassische Form ihres eigentlichen Inhaltes berauben und so der Gegenwart eine seelenlose, tote Form zu geben. Möglich, dass die leitenden Ideen gar nicht so sehr voneinander abweichen, aber die Art ihrer Verwirklichung wird eine andere sein. Mit anderen Worten: die Gewichte bleiben die gleichen, ihre Verteilung aber wird eine andere.
Die Kunst muß also nach neuen Formen suchen, um die Gewichte nach neuen Systemen zu verteilen und damit den Inhalt der Kultur in den Formen der Kunst zu vollenden.

  

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  In der Entwicklung der menschlichen Kultur ist die Frage der Ge-wichtsverteilung auf wirtschaftlichem Gebiet bis auf den heutigen Tag noch ungelöst. Das ökonomische Gewicht bleibt unverändert; es werden immer nur andere Hilfsmittel erfunden, um alle materiellen Güter nach einem neuen Heilssystem zu verteilen. Das bedeutendste Mittel, zu dem die Menschheit bisher gelangt ist, ist der Sozialismus. Auf ihn werden jetzt alle Hoffnungen gesetzt, durch ihn hofft man alle ökonomischen, materiellen, politischen Gewichte sinnvoll verteilen zu können. Es hat sich aber inzwischen herausgestellt, dass dieses Mittel ein größeres Eigengewicht hat als alle Gewichte, die es zu verteilen galt. Nach dieser Erkenntnis kamen die Sozialisten auf eine neue Lösung: bevor die wirtschaftlichen und materiellen Gewíchte verteilt werden können, muß erst das Gewicht des Sozialismus ausgeglichen und verteilt werden. Daraus ergaben sich die verschiedenen Systeme sozialistischer Konstruktionen, die ihrerseits verschiedene Deutungen und Auslegungen erfuhren und zu Streitigkeiten darüber führten, welches System das beste sei, welches am schnellsten zum Ziele führen würde. Der Kampf um die sozialistischen Methoden hält unvermindert an, das Gewicht des Sozialismus steht aber nach wie vor wie eine uneinnehmbare Festung.
Eine solche uneinnehmbare Festung hat es auch in der Kunst gegeben in Gestalt der staatlichen, gesellschaftlichen und religiösen Gegenständlichkeit, die ein Gewicht darstellte, das der Kunst gar nicht eigen war. Dieses Gewicht konnte erst im zwanzigsten Jahrhundert von seinem jahrhundertealten Fundament geräumt werden. Die Jahre 1908 bis 1910 waren die entscheidenden. Die Umwälzung führten der Kubismus und der Futurismus herbei. Sie hatten großen Anteil an der Zerstörung der alten Fundamente. Aus den Trümmern, die noch die Merk-male ihres gegenständlichen Ursprunges bewahrten, entstand ein neues System. Das neue System erzeugte eine neue Form für das Gewicht. Im Jahre 1913 wurde auch dieses Gewichtssystem zerstört durch die Einführung des Suprematismus als gegenstandslosen Systems. Das suprematistische System werte ich positiv, weil es sich nicht der staatlichen Gegenständlichkeit oder dem sozialistischen System unterordnen läßt und den Inhalt dieses Systems auch nicht zu seinem Inhalt macht, während die anderen Gruppen sich ihm unterordnen in der Hoffnung, dass das neue sozialistische System das uralte ökonomische Gewicht zerstören und für sie ein neuer Inhalt auftauchen würde, den sie in den Formen ihrer Kunst würden verwirklichen können.
Hierbei aber wird übersehen, dass der Inhalt selbst nicht etwas Formloses ist, im Gegenteil: Der Inhalt des sozialistischen Staates hat eine sehr streng aufgebaute materialistische Form. So ergibt sich die Frage, welche Formen die Künstler des sozialistischen Staates für ihn schaffen können. Es hat sich zwar inzwischen eine neue Gruppe von 'Künstlern' herausgebildet, aber in der Kunst selbst werden Künstler dieser Art nie Gewicht haben. Meiner Ansicht nach ist es ein Fehler, aus Künstlern Sozialisten machen zu wollen, weil Sozialismus und Kunst ganz verschiedene Gewichte haben. Der Fehler wird klar zutage treten, wenn es den extremen Sozialisten gelingen sollte, das wirtschaftlich-materielle und das politische Gewicht des Sozialismus zu bewältigen. Dann wird nämlich mit aller Deutlichkeit der reine Futtertrog-Charakter der sozialistischen Form sichtbar werden, die nichts mit dem gegenstandslosen Zustand der Kunst zu tun hat, sondern ausschließlich von Bedarf und Notwendigkeit bestimmt wird. Die Künstler werden also zu drei Vierteln von sozialistischen Notwendigkeiten abhängig sein. Die Persönlichkeit des Künstlers wird sich der Persönlichkeit des Sozialisten unterordnen müssen. Wenn aber erst die Persönlichkeit des Sozialisten triumphiert, 'frei' wird, dann werden sich dieser 'Freiheit' alle Berufe und Kräfte im sozialistischen Staat unterordnen müssen. Die gesamte Kunst, die ganze künstlerische Kultur, wird dann nichts weiter sein als ein Mittel der Agitation oder der Verherrlichung der sozialistischen Form. Zur wirklichen Krönung des menschlichen Wirkens kann Kunst aber nur dann werden, wenn sie ihre Formen aus ihrer eigenen, unbeeinflußten Ideologie gestaltet. Es unterliegt keinem Zweifel mehr, dass die Kunst ihre eigene Ideologie hat und ihren eigenen Weg gehen muß, womit aber nicht gesagt ist, dass dieser Weg sich unbedingt vom sozialistischen Weg trennen muß. Im Gegenteil: Bei der Verteilung der ihr gemäßen Gewichte wird die Kunst die Form finden, die den neuen ökonomischen Lebensformen entspricht und dabei das Wesenselement der Menschheit im gegenstandslosen System seiner Bewegung zum Ausdruck bringt.
Diese Bewegung hat sich bisher nur in Richtung auf ein materielles Wohlergehen entwickelt, selbst dann noch, wenn es sich um geistige oder religiöse Bewegungen handelt, denn auch die religiöse Seligkeit ist doch nichts weiter als die Hoffnung auf eine Belohnung oder auf eine Befreiung von allen irdischen Plagen und Sorgen in den himmlischen Gefilden. Interessant ist dabei, dass der Mensch sich gar nicht darum kümmert, ob sein Heil im letzten Himmel nur in Gebeten vor der Ewigkeit bestehen wird. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass ein materiell eingestellter Mensch sich damit nicht zufrieden geben wird. Wer alles Heil im Materiellen sieht, wird auch im Himmel nicht auf materielles Wohlergehen verzichten wollen.
Aus diesem Dilemma hat die Kirche einen Ausweg gefunden: Der Mensch wurde geteilt in Körper und Seele. Der Körper bleibt mit seinen materiellen Bedürfnissen auf der Erde, die Seele aber, die sich durch Geist ernährt, kommt in den Himmel. Ist eine solche Einteilung sinnvoll? Ist sie möglich? Meiner Ansicht nach nicht! — weil die Vorstellung von der Materie als Körper ja nur in unserem Bewußtsein besteht und der Körper die Architektur der Seele ist. Trotzdem hält der Mensch an dieser Einteilung fest und richtet alle seine Bemühungen nur auf die Stärkung der geistigen Kräfte. Durch die Hebung des geistigen Niveaus will der Mensch das Gewicht der Materie in den jeweils notwendigen Zustand bringen. Daraus könnte man dann folgern, dass Materie durch die Kraft des Geistes sich vergeistigen läßt und lebendig wird. Jede rein physische Lösung einer Frage ohne Beteiligung des Geistes wird für geistlos und unlebendig gehalten.
Die Menschheit ist also bemüht, geistige Kräft auszustrahlen. Ich glaube aber, dass Geist in reiner Form nicht ausgestrahlt werden kann, jedenfalls ist dies bisher noch niemals geschehen, da jede geistige Regung sofort für zweckdienliche Errungenschaften verwendet, niemals aber um ihrer selbst willen gefördert wurde. Selbst der religiös-geistige Zustand, von dem man doch in erster Linie erwarten müßte, dass er zu den gegenstandslosen Formen
reinen Geistes führen müßte, zum Geist als Gewichtslosigkeit, hat nur Geräte geschaffen, durch die das physische Heil erreicht wird. Auch alle geistigen Errungenschaften der Kunst sind ebenfalls diesem Ziel zugewandt. Das ist ein falscher Weg. Auf den richtigen Weg können wir erst gelangen, wenn die Kunst und die gesamte Kultur ausschließlich eine gegenstans- und gewichtslose geistige Angelegenheit werden, durch die das Wesenselement wahrer Menschlich-keit erst erkennbar werden kann.

In der 'Neuen Kunst' ist dieses bereits erreicht und durch den gegen-standslosen Suprematismus bewiesen. Von ihm erwarte ich in der Zukunft ein klar ausgeprägtes gegenstandsloses Bewußtsein, ein geistiges System der Menschheitsentwicklung in der weißen Epoche der Gewichtslosigkeit.

  

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  Aus dem Gesagten darf man aber nicht den Schluß ziehen, als leiste die Kunst nicht auch ihren Beitrag zur Auflösung der Gewichte, die von der vorangegangenen Kultur bis zu ihrer äußersten Grenze gebracht waren. Beteiligt war die Kunst schon allein deshalb, weil das menschliche Bewußtsein nichts anderes kannte als die rein gegenständliche Vorstellung. Die Gegenständlichkeit war die einzige Form, durch die die Gewichtsverteilung erlangt werden konnte. Erst um die Jahrhundert-wende begann das Bewußtsein einzelner Künstler, sich auf ein System der neuen Gewichtsverteilung umzustellen. Sie entdeckten neue Wege, die über den Kubismus und Futurismus zum gegenstandslosen Suprematismus führten.

Die Entwicklung der 'Neuen Kunst' vollzog sich sehr langsam. Viele Schranken mußten beseitigt werden, so dass die Neue Kunst erst nach einem Vierteljahrhundert zu ihrer klaren Form gelangen konnte. Das neue System des Kubismus überprüfte sorgfältig die Summe aller Gewichte des gegenständlichen Bereiches und erschütterte damit die Vorstellung von der Bedeutung des Gegenstandes in der Kunst. Im Futurismus wurde der gegenständliche Bereich des Gewichtes in der Zeit aufgelöst, und im Suprematismus wurde schließlich ein Bewegungs-System völliger Gegenstandslosigkeit des Gewichtes erreicht. Im Suprematismus ist sowohl Dynamik wie Ruhe, hier ist der Blick hauptsächlich auf den reinen Wesenskern der Kultur gerichtet, auf ihr wahres Ziel, auf das vorherrschende, das suprematistische Ziel der Gewichtsverteilung, ein Ziel, dem sich alles andere unterzuordnen hat.

Die Entwicklung der Neuen Kunst wurde anfangs nicht sehr beachtet, sie wurde überhaupt nicht als Kunst anerkannt, da man in ihr die Merkmale dessen, was man früher für Kunst hielt, nicht feststellen konnte. Tatsächlich waren in der Neuen Kunst aber große Werte verborgen. Ihre Entwicklung zeigte den Übergang von einer Bewußtseinsstufe in eine andere. Der Kubismus rekonstruierte in seinem ersten Stadium den vorangegangenen Grenzwert des Gewichtes des gegenständlichen Systems, ließ aber einzelne Summen sowie einzelne Merkmale der Gegenstände unangetastet. Der Kubismus beschritt also nicht den Weg der Zerstörung, sondern eher den Weg der Rekonstruktion, indem er die Summe der Gewichte neu ordnete. Daraus entwickelte sich dann ein ganz neues System, das schon die ersten Merkmale der Gegenstandslosigkeit in sich trug. Hätte der Kubismus das gegenständliche System einfach zerstört, so hätte sich das Gewicht des Gegenständlichen in seinen Urzustand verwandelt, wodurch die Überleitung des Gewichtes in das System des kubistischen Bewußtseins erschwert, wenn nicht verhindert worden wäre. Es war somit notwendig, die Ent-wicklung über einige schon vorhandene Etappen oder Systeme der Kunst zu leiten. Bei der Entwicklung der kubistischen und futuristischen Systeme kamen die Künstler zu neuen Systemen der Gewichtsverteilung. Der Gedanke des Konstruierens war bereits in den ersten Rekonstruktionsversuchen enthalten. Er stärkte sich in dem Maße, in dem das Bewußtsein sich der Gegenstandslosigkeit näherte. Im Endergebnis wurde dann ein neuer Bereich entdeckt — das System des Suprema-tismus als einer neuen Realität der gegenstandslosen Gewichtszustände. Als die Gegenstandslosigkeit erreicht war, tauchte ein neuer Gedanke auf: Die Wesenselemente des Menschen beschränken sich nicht nur auf den Bereich des wirtschaftlich-materiellen Wohlergehens, sondern umfassen alle Bereiche der Vervollkommnung von Gewichtsverteilung, die allein die Kultur des menschlichen Daseins bestimmen.

  

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  Der Mensch besteht aus einer Vielfalt von Grundelementen, von denen die Allgmeinheit zwei als die wichtigsten ansieht: den Geist und die Materie. Dabei gibt es nach Auffassung der Allgemeinheit auch noch ein drittes Element: die Seele. Ich untersuche aber nur die beiden ersten. Nach meinen Überlegungen gibt es keine Materie als Körper, sondern nur die Erregung. Das, was allgemein als Materie angesehen wird, ist meiner Ansicht nach Geist. (Diese Auffassung habe ich im ersten Teil meiner Abhandlung näher erläutert.)

Der Dualismus des Menschen — Materie, Geist — bedeutet durchaus nicht, dass beide eine Einheit bilden oder in ihren Handlungen überein-stimmen müssen. Durch die Teilung in der Vorstellung des Menschen sind sie miteinander in Streit um den Vorrwang geraten. Sie bekämpfen sich mit der größten Erbitterung, und dieser Kampf überträgt sich auf den ganzen Weltbau. Die zwei oder drei Grundelemente des Menschen sind aber meiner Meinung nach frei erfundenene Elemente. In Wahrheit gibt es nur ein einziges Element — die Erregung, die in ihrer Wirkung als Element in unserer Vorstellung in zwei Begriffe zerfällt, die wir einmal Geist, das andere Mal Materie nennen oder umgekehrt, je nachdem wie es sich aus unserer Vorstellung von der Welt ergibt. Als formende und organisierende Prinzipien bestehen bei uns ganz allgemein Materie, Geist und Gedanke, Erregungen verschiedener Grade, Kräfte und Funktionen. Der Gedanke als Funktion der Form realisiert die Bewegung und erfindet die Welt. Auf diese Weise setzt sich die Welt des Menschen aus den gleichen Bestandteilen zusammen wie er selbst. Die wichtigste Rolle spielt dabei der Verstand, der alles, was sein kann, erklärt. Die Reichtümer des Lebens bestehen aus dem, was wir Materie nennen, doch wird ihr Wert durch den Faktor Geist bestimmt. Hieraus wird die Eigentümlichkeit der Zweiteilung in Geist und Materie erkennbar: Der Geist kann materielle Funktion sein, kann aber auch immateriell sein. Das hängt jeweils von der Weltauffassung ab. Folglich hängt die Wirklichkeit der Welt von unserer Auffassung ab, woraus sich die unterschiedlichen Einordnungen ergeben. Der geistige Reichtum gilt als das Höchste, steht über dem materiellen, der ein rein animalischer Reichtum ist. Der Mensch, der nur im Gegenständlichen seinen Nutzen sieht, bleibt in der animalischen Ebene, glaubt aber, dass er die gegenständlichen Formen nur zu vergeistigen brauche, um sich aus der animalischen Ebene herausheben zu können. Das ist aber ein Selbstbetrug, denn materieller Nutzen wird immer materiell bleiben, wird immmer eine technisch-materielle Organisation des Lebens sein. Das technisch-materielle Leben hat den Menschen aber bisher nicht befriedigen können, darum sucht er nach einem anderen Leben, einem Leben im Geistigen. Solch ein Leben im Geistigen glaubte er, in der Religion gefunden zu haben. Doch auch sie brachte nicht die erhoffte Befreiung von materiellen Nützlichkeiten. Der Mensch kann sich eben keine Kultur ohne materielle Nützlichkeit vorstellen. Obwohl die Religion ihrem Wesen nach über den gegenstandslosen Geist verfügte, der den Menschen von den irdischen, materiellen Mühen hätte befreien können, blieb sie trotzdem der materiellen, irdischen Nützlichkeit verhaftet und konnte den Menschen nicht zum reinen geistigen Heil führen.

Sowohl die Religion als auch die rein materialistische Gegenständlichkeit versuchen, durch verschiedene Methoden und Systeme den Menschen von der physischen Last zu befreien und ihm die geistige Gegenstandslosigkeit zu überlassen.
Bei seinen ersten Versuchen, sich von der Last der Arbeit zu befreien, schob der Mensch diese auf das Tier ab. Da ihm das Tier als Hilfsmittel nicht vollkommen genug erschien, begann er weitere Geräte zu erfinden, bis hin zur Maschine. Auf diese wälzt der Mensch nun immer mehr von der Last seiner Arbeit ab. Aber auch die Maschine läßt sich immer weiter vervollkommnen, und so folgt Maschine auf Maschine. Die Unersättlichkeit des Menschen treibt ihn zu immer weiteren Vollkommenheiten, und es ist nicht abzusehen, wann er schließlich die Vollkommenheit all seiner Hilfsmittel erreicht, die es ihm erlaubt, frei von allen Sorgen zu leben.

Ein derart befreiter Mensch hätte dann allerdings Zeit, sich mit geistigen Dingen zu befassen. Was aber kann man in solch einem Falle unter geistigen Dingen verstehen? Das muß doch ein Zustand sein, in dem keinerlei Weltanschauung denkbar ist, sonst wäre man ja gezwungen, sie zu verwirklichen.

Durch die Maschine kann der Mensch nur seinen animalischen Zustand vervollkommnen, das technisch organisierte Prinzip des materiellen Nutzens. Auf der geistigen Ebene, die das Tier ja nicht kennt, entsteht eine neue Kategorie, ein neuer Begriff des Geistes, der den Menschen über sein Urbild, das Tier, hinaushebt und eine neue Architektur seines Lebens schafft.

Das religiöse System ist schon ein derartiges System, das uns vom Tier unterscheidet, ein System, das aus Weltanschauung und Welterkenntnis entstanden ist.

Das neue materialistische Systen hat mit dem religiösen System einen gemeinsamen Wesenszug: In der Zukunft werden beide verschwinden, ihr geistiges Ziel aber, das gegenstandslose Leben, wird bleiben. Da nach Ansicht der Allgemeinheit sich Geist nur in einer Form manifestieren kann, so muß also nach dieser neuen Form gesucht werden, die nicht die gleiche sein wird, wie sie sich der religiöse Geist geschaffen hat.

Es ist schwer vorauszusehen, welche Formen es schließlich sein werden: ihre Hauptgrundlage aber wird meiner Ansicht nach die Gegenstandslosigkeit sein. Wenn Formen notwendig sind — und sie werden ja verlangt — so kann man sie nur dort finden, wo geistige Dynamik wirkt.

Die Entwicklung der Menschen hängt stets von ihren Führern ab. Wenn ein materiell-gegenständlich eingestellter Führer die Macht ergreift, so wird er das Volk natürlich auf den Weg des reinen gegenständlich-materiellen Nutzens führen. Eine andere Form kennt er ja gar nicht. Ohne den Geist abzulehnen, schafft er eine gegenständliche Welt, indem er die technisch-materiellen Werte geistig vervollkommnet. Die geistigen Kräfte werden aufgerufen zur Überwindung der Not und des Elends, die sich aus der proklamierten Weltanschauung und dem aufgrund historischer Analyse berichtigten Aufbau des Lebens ergeben.

  

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  Der materiell eingestellte Mensch lehnt zwar die geistige Seite nicht ab, er verwendet sie aber ausschließlich zur Vervollkommnung seiner praktischen Hilfsmittel, zur Herstellung vollkommener Dinge. Er glaubt nur an das, was wissenschaftlich begründet und bewiesen werden kann. Erst wenn die Ursachen erkannt sind, formt der Geist. Der Mensch, der sich abmüht, die Ursachen der Naturerscheinungen zu erkennen, kann das nur in Augenblicken geistiger Erregung. Ob solche 'Erkenntnisse' Anspruch auf die Bezeichnung 'genaue wissenschaftliche Forschung' erheben können, scheint mir recht zweifelhaft. Man kann eigentlich nur glaben. Der Glaube an die Wissenschaft ist aber nur Glaube an übernatürliche Kräfte. Ist keine Genauigkeit zu erreichen, so bedeutet es, dass irgendwelche Einzelheiten verborgen geblieben sind, die mit keinem noch so feinen wissenschaftlichen Gerät erfaßt werden können. Es sind also immer nur Meinungen, Vermutungen, die wir so lange gelten lassen, bis eine neue Meinung auftaucht. Wird die Meinung des einen von zehn anderen bestätigt, so wird sie zur 'Wahrheit' erklärt. Mir aber scheint, dass Meinung, ob bestätigt oder nicht, immer nur Meinung bleibt.

Die Geschichte der Menschheit ist gleichzeitig die Geschichte der Meinungen. Die Kette sich ablösender Meinungen verläuft in zwei Bahnen des realen Seins: der religiösen, in die Zukunft weisend, und in der Bahn der irdischen Bedürfnisse, des Heute. Die Frage, wer den Sieg davontragen wird, ist bis heute noch nicht entschieden. Die Gegenwart zeigt zwar, dass die religiöse Realität der Zukunft den irdischen Bedürfnissen des Heute weichen mußte, doch beweist dies keineswegs, dass dadurch die geistige Seite des Problems berührt wird, sondern nur die diesseitige Organisationsform. Meiner Ansicht nach wird in dem Maße, in dem die gegenständlichen Sättigungs-Probleme bewältigt werden, auch die Flamme der gesitigen Erregung anwachsen, die bis zum alleinigen Leitgedanken der heute noch gegenständlichen Welt wird. Diese geistige Flamme wird natürlich nicht mehr die religiösen Elemente enthalten, die unentwirrbar mit irdischen, materiellen Profiten verflochten sind. Gott, der Geistige, und Gott, der Gegenständliche, werden aufgehen in der Einheit der Gegenstandslosigkeit.

  

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  Wirken und Entwicklung von Naturerscheinungen entspringen weder einem Bedürfnis noch einer Notwendigkeit. Man kann aber Bedürfnis und Notwendigkeit schaffen; der Mensch hat es getan und steht dadurch mit seiner Kultur im Gegensatz zur Natur und dem Sein.

Es ist interessant, festzustellen, wie sich dei Erscheinungen in beiden Fällen vollziehen: In der Natur vollzieht sich alles ohne jede Buchweisheit, der Mensch aber muß zu allen möglichen Lehren und Schriften greifen, um zu wissen, wie er sich in diesem oder jenem Falle zu verhalten hat oder wie er dieses oder jenes Material zu bearbeiten hat. Die Naturerscheinungen haben weder ein Ziel noch eine Ursache. 'Ziel' und 'Ursache' sind Erfindungen des Menschen, auf denen er seine ganze Welt-Anschauung, sein Weltbild aufbaut. Wenn es aber in der Natur auch kein Ziel und keine Ursache gibt, so gibt es doch innere Beziehungen, nach denen sich die artverwandten Elemente ordnen. Diese artverwandten Elemente ergeben bei ihrer Vereinigung diese oder jene Form der Bewegung. Aus solchen inneren Beziehungen besteht die Natur, besteht das All. Anders ausgedrückt: In der Natur gibt es nur Verbindung und Auflösung, Aufbau und Zerfall. Nicht artverwandte Elemente können sich niemals verbinden, können niemals eine Form der Bewegung als Erscheinung bilden. Artverwandte Elemente haben bei ihrer Verbindung zu einer Erscheinung nichts zu überwinden. Eine solche Erscheinung setzt weder Bedürfnis noch Notwendigkeit voraus, sie ist gegenstandslos. Auch der Mensch kann in seiner Kultur die Naturkräfte nicht anders anwenden als mit ihren ihnen eigenen natürlichen Eigenschaften. Er kann sie auch nicht zu anderen Funktionen zwingen, als ihnen von Natur aus eigen sind. Er kann nur die Urkraft rein äußerlich in eine neue Form bringen; die Urkraft selbst und die ihr eigenen Funktionen ändern sich dadurch nicht.

Die Entstehung der Form wird vom Menschen mit Bedürfnis und Notwendigkeit begründet, die zu bewältigen sind. Die 'Bewältigung' löst alle auftauchenden Fragen. Kann man das gleiche auch in bezug auf die Natur anwenden? Wenn man behaupten wollte, dass die Natur 'beschließt', etwa einen Apfel hervorzubringen, und nun die entsprechenden Kräfte einsetzt, um dieses Ziel zu erreichen, die Aufgabe zu bewältigen, so muß man jedes Element als eine geschlossene Einheit betrachten mit Bewußtsein, Verstand und so weiter. Dann wäre aber das 'Element' kein Element mehr, sondern eine Einheit des handelnden Bewußtseins, das die notwendigen Bestandteile bewußt zusammensucht, um durch deren gewaltsame Vereinigung das Ziel — den Apfel — zu erreichen.
Meiner Ansicht nach ist aber eine gewaltsame Vereinigung artfremder Elemente nicht möglich. In den einzelnen Elementen ist auch kein Bewußtsein, sondern nur eine positive oder negative Empfindung, die allein die Wechselbeziehungen regulieren. Artverwandte Elemente können bei ihrer Verbindung Einheiten bilden, die wieder zerfallen, sich wieder vereinigen in einer sich ewig wiederholenden Bewegung. Wenn eine Verbindung von Elementen eine Ursache und ein durchdachtes Ziel hätte, dann brauchte bei Erreichung des Zieles nicht erneuter Zerfall einzutreten. Da dieses aber immer wieder geschieht, so können weder die angenommenen Ursachen noch die Ziele zutreffen. Der angenommene Sinn der Verbindung wird durch den Zerfall widerlegt.
Wir können zwar ziemlich genau feststellen, aus welchen Elementen ein Apfel zusammengesetzt ist. Die Elemente selbst aber wußten bei ihrer Vereinigung nicht, zu welchem Zweck sie sich zusammenschließen, wußten nicht, dass dieser Zweck ein Apfel sein würde. Wußte die Sonne, dass sie mit ihren Strahlen auf der Erde an der Schaffung eines Apfels und auf dem Mars von irgendetwas anderem mitwirkt? Oder — hat sich an einer Stelle des Weltenraums die Wärmeenergie einer Sonne konzentriert, um auf der Erde oder sonstwo Äpfel, Weizen, Mais zu produzieren? Ist die Sonne geschaffen, um dem Menschen dienstbar zu sein? Nein, die Natur kennt keine bewußt vorgefaßten Ziele, sie kennt nur gegenstandslose Wechselwirkungen.
Der Mensch erweckt bei seinen Handlungen den Eindruck, als wenn er einiges wisse, begreife und vernünftig ordne. Sein Wissen hält er für Wirklichkeit und nicht für eine Täuschung. Er glaubt, alle Ziele zu kennen, und führt alle Ursachen auf Notwendigkeiten zurück. Der Mensch glaubt, dass er sich genau auf das Ziel hinbewegt, das ihm sein Bewußtsein gezeigt hat. Die Natur weiß nichts, er aber weiß, und weil der Mensch zu wissen glaubt, denkt er, dass alles in der Welt vom Wissen kommt. Jedoch, gerade dieses Streben nach Wissen, nach der Erkenntnis der Ursachen, beweist, dass er im Grunde gar nichts weiß. Oh, wenn der Mensch doch wissend wäre! Dann wäre er das All, die Natur! Dann würde er weder Bedürfnisse noch Notwendigkeiten kennen, weder Kulturen noch Bewältigungen. Dabei scheint es doch so einfach zu sein, alles zu wissen: Man braucht ja nur ein Weizenkorn zu erforschen, um alle Weizenkörner auf Tausenden von Quadratkilometern zu kennen; man braucht nur einen Planeten zu erforschen, um alle Planeten im All zu kennen. Trotzdem vermag der Mensch es nicht, ebensowenig, wie er zu erkennen vermag, ob eine von ihm gefundene Ursache das Ziel rechtfertigen und dementsprechend ausgenutzt werden kann. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Mensch in gewissen Fällen verderbliche Naturgewalten zu 'besiegen' vermag, indem er sie ableitet oder in eine für den Menschen nützliche Richtung lenkt. Erkenntnis der Ursachen und Lenkung sind die Hauptaufgaben des menschlichen Lebens. Läßt es sich aber beweisen, dass das Bewußtsein des Menschen beim Aufbau seiner Kultur ihm ein sinnvolles Ziel gesetzt hat, das die Bewältigung all der Schwierigkeiten und alle Opfer rechtfertigt?
Bei der Lösung dieser Frage setzt der Mensch seinen Verstand als Erkenntnis- und Orientierungsmittel ein. Seine ganze Kultur ist das Resultat oder die Spur seiner Orientierungsversuche. Wenn man sich fragt, wie solche Orientierungsversuche verlaufen, so muß man zunächst feststellen, dass im Menschen zwei Prinzipien vereinigt zu sein scheinen: ein gegenstandsloses Prinzip der Verbindung artverwandter Elemente ohne irgendwelche Ursache und ein vernunftmäßiges Prinzip, das alles voraussehen und alle Ursachen erkennen will, um sie ausschalten zu können. Auf solchen Kombinationen baut sich die ganze Kultur der Orientierungsversuche unseres praktischen Lebens auf, das das Ziel der Menschen ist. Dabei scheint mir, dass in vielen Fällen dieses Ziel selbst die Ursache gewisser Erscheinungen und Schöpfungen ist, die keineswegs durch Notwendigkeiten gerechtfertigt werden.
Wirkliche Ursachen aller Erscheinungen sind einzig und allein die Beziehungen artverwandter Elemente, die zur Einheit streben. Diese wirkliche Ursache ist sogar noch im Verhalten der Allgemeinheit erkennbar, die zwar die Notwendigkeiten der gesellschaftlichen Ordnung als Ursache annimmt, trotzdem aber zu einem einheitlichen Ganzen strebt.
Somit ist die Ursache all dessen, was wir Äußerung oder Erscheinung nennen, nur die Verbindung artverwandter Elemente. In diesem Sinne ist das Wort 'Äußerung' nicht ganz sinnentsprechend, weil sich in der Verbindung artverwandter Elemente nichts 'äußert', bei ihnen handelt es sich vielmehr um immer wiederkehrende Erscheinungen dessen, was von jeher unverändert bestanden hat und immer bestehen wird.
Wenn meine Annahme von den artverwandten Bindungen richtig sein sollte, so könnte man die Welt nach artverwandten Beziehungen ordnen, zunächst auf unserem Planeten. Hat man hier die artverwandten Beziehungen erkannt, so wird man sie auch für ganze Weltall erkennen können.
Jeder Gegenstand unserer irdischen Kultur besteht aus einer Reihe artverwandter Verbindungen. Einen Gegenstand, der nur aus einer Art besteht, gibt es nicht. Die Gesamtheit eines Gegenstandes ist immer aus einer bestimmten Zahl verschiedener Arten zusammengesetzt und selbst ein Tisch, der aus einer einheitlichen Holzart wäre, stellt als ganzes doch die Summe verschiedener Verbindungen dar, bevor er seine Zweckbestimmung erfüllt.
So ist auch unser Planet als ganzes die Summe verschiedener miteinander verbundener Arten. Was diese Arten zwingt, sich zu vereinigen, ist nicht zu erkennen, ich möchte aber annehmen, dass es bestimmt nicht die Ursachen sind, die von der Allgemeinheit angenommen werden. Auch die Frage, ob die Verbindungen und Beziehungen artverwandter Elemente nützlich oder zweckdienlich sind, möchte ich verneinen. Man kann keinen Zweck und keinen Nutzen im Werden und Vergehen der Erscheinungen erkennen. Auch in der menschlichen Kultur existiert weder Nutzen noch Ziel, denn auch der Mensch ist nichts weiter als eine Summe natürlicher Verbindungen artverwandter Elemente und jagt mit der Erde im Wirbel der Sonnen und Planeten dahin, wo es kein Ziel, keine Nützlichkeit gibt, auch wenn der Mensch seine Fäuste ballt, seine Allmacht und die Größe seines 'Ich' verkündet. Er bleibt, was er ist, und sein Schicksal ist unlösbar mit dem Schicksal des Alls verbunden, dem er nicht entrinnen kann. Und wenn er glaubt, die Natur überwältigen zu können, so ist das einfach eine Täuschung, denn in Wirklichkeit sind all seine Bemühungen, die Natur zu überwältigen, nichts anderes als die Sehnsucht, aufzugehen in der Summe der bereits verbundenen artverwandten Elemente, um damit die Gegenstandslosigkeit seines Daseins zu rechtfertigen.
Im Bewußtsein des Menschen aber stellt sich seine Kultur als Kampf um das Dasein dar. Eine eigenartige Kultur, denn in der Natur selbst kämpft nichts um sein Dasein. Der Wechsel der äußeren Form zerstört nicht die Grundelemente. In der Natur ist alles so scharfsinnig aufgebaut, dass nichts endgültig zerstört werden kann. Die sichtbare Vernichtung eines Menschen bedeutet noch nicht die Vernichtung eines Wesenselementes. Einst dachten die Menschen, man könnte eine Irrlehre ausrotten, indem man den Verfechter dieser Irrlehre verbrannte. Es zeigt sich aber, dass diese Irrlehre trotzdem in der nächsten Generation weiterlebte, dass sie nicht mitverbrannt werden konnte. Somit läßt sich also nichts Vorhandenes vernichten und nichts Nicht-Vorhandenes schaffen. Und so sehr sich der Mensch auch anstrengen mag, er ist immer die äußere Form, die er schafft oder zerstört, niemals aber das Wesenselement, die Eigenschaft. Schaffen und Zerstören sind Tätigkeiten, die nur an der äußeren Form vollzogen werden können.

  

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  Wissen kann es nur geben, wenn ein Objekt in seinem Ursprung lückenlos erkannt ist. Ist so etwas aber möglich, kann man beweisen, dass ein bestimmtes Objekt aus bestimmten, voll erkennbaren und erkannten Einheiten besteht? Gibt es die Elemente in Wirklichkeit, oder handelt es sich nur um eine eingebildete Einteilung? Wenn die Einteilung in Elemente eingebildet ist, dann ist alle Einbildung, was wir mit 'Wirklichkeit' bezeichnen. Alles ist Einbildungvon etwas, was tatsächlich gar nicht vorhanden ist. Eine Birke, ein Stein, ein Gewässer sind eingebildete Erscheinungen. Den letzten Beweis dafür liefert ein Maler, der eine Landschaft auf seiner Leinwand darstellt: Birke, Stein, Wasser sind gar nicht wirklich vorhanden.
Die Anstrengungen, alles zu erforschen, zu erkennen und verstandes-mäßig zu begründen, eine Wissenschaft zu schaffen, führen zu der menschlichen Kultur, die wir für vernünftig und zweckdienlich halten. Den Menschen, der sie schuf, halten wir für klug und sinnvoll.
Wir brauchten aber nur einmal über die Grenzen unseres Erdballs hinauszusehen, einen Blick in die Endlosigkeit der Finsternis zu werfen, in der wirbelnd ungezählte Sonnen kreisen — und wir würden erkennen, dass wir von der Gewalt einer Sinnlosigkeit anderer Ordnung erfaßt sind, aus deren Umklammerung wir uns nicht befreien können. Grauen würde den Menschen erfassen, wenn er seine Machtlosigkeit gegenüber der Gewalt der Sinnlosigkeit erkennen würde. Wenn der Mensch sich trotzdem sicher in seinem Verstand fühlt, kühn, stolz, überheblich und prahlerisch ist und glaubt, die Sinnlosigkeit besiegen zu können, so nur, weil er noch nie richtig über die Grenzen des Erdballs hinausgeblickt hat.
Der Mensch ist überzeugt, dass er mit seinem gesunden Verstand vernünftige Ziele auf dem Fundament der Sinnlosigkeit erreichen, dass er dieser Sinnlosigkeit einen Sinn geben kann. Aber läßt sich denn etwas Sinnvolles auf Sinnlosigkeit aufbauen? Wenn der Mensch für sich keine andere Aufgabe sieht als 'bewältigen', 'besiegen', so kann sein Bewußtsein nur das eines Irren sein. Er ist dann jenem Irren vergleichbar, der zu früh aus der Anstalt entlassen wurde und sich und andere ins Verderben stürzt.
Die Natur kämpft mit niemandem, darum nimmt sie auch keinen Schaden in ihrer wirbelnden Bewegung ohne Anfang , ohne Ende, frei von Verstand, Überlegung, Sinn, Ziel und Aufgabe. Sie lebt und wirkt im Triumph des Lichtes, das ihre sinnlose Bewegung in der unendlichen Finsternis anstrahlt.
Die Allmacht hat ihre Schöpfungen entzündet und in die Unendlichkeit geschleudert, der Mensch kann seine Produktion nicht auch dahin schleudern, um der Allmacht gleich zu werden. Kennt der Mensch denn überhaupt den wirklichen Sinn seiner Produktion? Soll sie nur technischen Futtertrog-Bedürfnissen dienen, oder soll sie dem Menschen die Möglichkeit schaffen, an die Grenze der Erdbewegung zu kommen, um sich dort in die Finsternis der Unendlichkeit zu stürzen? Ist der Aeroplan vielleicht schon der erste Schritt auf dieses Ziel hin, oder ist er einfach eine wirtschaftliche Notwendigkeit? Der Mensch muß sich entscheiden, welchem Zweck der Aeroplan dienen soll, muß sich klar darüber werden, welche Gefahren dieses gefährliche Spielzeug in sich birgt für den friedfertigen Menschen, der von wogenden Weizenfeldern und blühendem Flieder träumt und im Begriffe ist, sich ein gemütliches Eckchen des Wohlstandes, der Zufriedenheit, der Brüderlichkeit und der Liebe zu schaffen.
Der Mensch bemüht sich, auf seinem ganzen Lebenswege alles so einzurichten und zu regeln, dass er das höchste Wohlergehen erreicht. Er lernt marschieren, statt einfach zu gehen, schmückt sich mit verschiedenen Rangabzeichen und Auszeichnungen, singt verschiedene Nationalhymnen, erschüttert die Luft mit speziell hierfür geschaffenen Geräten, baut Fabriken und zerstört sie wieder. Er mag bauen und erfinden, was er will, stets erfindet und baut er gleichzeitig die ent-sprechenden Zerstörungsgeräte.
Die rein menschlichen Dinge werden dabei kaum beachtet. Die Suprematie des Menschen ist noch nicht erreicht; noch herrscht das Animalische vor. Im 'Kampf ums Dasein' muß erst das Tier gesättigt werden. Wenn es dann satt einschläft, beeilt sich der Mensch, einiges aufzubauen, doch wehe, wenn die Bestie aufs neue erwacht und alle Anzeichen menschlichen Wirkens wieder vernichtet.
Der Kampf um das Menschenbild, der Kampf für eine menschliche Kultur wird immer nur von einzelnen Menschen geführt und wird stets bedroht von der Bestie im Menschen. Diese einzelnen Menschen nenne ich Suprematisten. Ihre erste und dringendste Aufgabe ist, unsere Welt in die meschliche Ebene zu heben; diese Welt wird gegenstandslos sein.
Der Mensch muß dazu kommen, sein 'Ich' in allen Völkern und Nationen zu sehen, damit das furchtbarste aller Übel, die nationalen und rassischen Unterscheidungen, beseitigt werden.
Es hat den Anschein, dass das Internationale im sozialistischen System den Menschen über die animalische Ebene hinausheben könnte. Dann könnten Kanonen und Bajonette in Pflüge und Sensen umgeschmiedet werden. Der Bund des Eisens mit dem Blut könnte gelöst und ein neuer Bund geschlossen werden, ein Bund des Eisens mit der Erde und ihrer Frucht. Pflug und Sense könnten den Menschen von seiner geistigen Verirrung heilen, ihn hinausführen aus seinem Irrenhaus. Zwar wird er nach wie vor noch Dinge des täglichen Gebrauchs herstellen, daneben aber sich auch mit Problemen beschäftigen, die nicht allein auf den 'Kampf ums Dasein' beschränkt sind. Zu solchen Problemen rechne ich die Kunst und auch die Astronomie. Die Tatsache, dass Menschen Sterne beobachten, statt nützliche Dinge herzustellen, berechtigt zu der Hoffnung, dass der Mensch aus seinem animalischen Zustand den Weg zum wahren Menschentum finden wird. Bisher ist allerdings in dieser Richtung noch nicht viel geschehen. Es ist wahr, das Tier hat sich auf die Hinterbeine erhoben und seine Vorderfüße zu Armen und Händen ausgebildet. Damit ist aber nur ein äußeres Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Tier geschaffen; es bedeutet noch nicht, dass das Tier nun zum Menschen geworden ist. Die Merkmale des Animalischen sind noch nicht beseitigt. Noch sind Hauer und Krallen erkennbar. Es bedarf noch großer Anstrengungen, um dem wahren Menschentum zum Durchbruch zu verhelfen. Immer wieder lebt die Bestie im Menschen auf, und wenn er seine Opfer auch nicht mehr mit eigenen Zähnen reißt und nicht die natürlichen Krallen zeigt, so hat doch sein Erfindergeist viel furchbarere Waffen ge-schaffen.
Das menschliche Bewußtsein, noch befangen in rein animalischen Trieben, kann sich nur schwer erheben, um die Merkmale des Menschentums zu erkennen. Trotzdem lebt der Mensch aber in der Hoffnung, dass er das wahre Menschentum erreichen wird. Es scheint aber, als müßte vorher das Tier seine Entwicklung vollenden, als müßte die praktisch-technische Futtertrog-Kultur vorher bis zu ihrer äußersten Vollendung entwickelt werden. Erst dann wird der Mensch aufhören, nach dem Unerforschlichen zu forschen, wird er zum reinen Rhythymus der Erregung, dem Quell völliger Gegenstandslosigkeit gelangen. Wenn der Mensch dieses neue Seinsbewußtsein erlangt haben wird, wird er zum Suprematismus gelangen, der nicht mehr Kultur und Vollkommenheit im bisherigen, gegenständlichen Sinne bedeuten wird.
Auf dem Entwicklungswege über verschiedene Seinszustände ist der Mensch anscheinend nun in die letzte Phase eingetreten. In dem Maße, in dem er sich aus der animalischen Ebene in die des Menschen erhebt, mehren sich die Merkmale (Versuche) gegenstandsloser suprematistischer Äußerungen im neuen Plan seines menschlichen Wesens. Das All stelle ich mir durchdrungen und erfüllt von menschlichen Wesenselementen vor, die sich im Kern des animalischen Ursprunges befinden. Vielleicht haben einzelne Teilchen des menschlichen Wesens bereits den Zustand erreicht, in dem sie sich von den gegenständlichen Vollkommenheiten zu befreien beginnen, sie werden aber immer wieder verwirrt durch das menschliche Bewußtsein, das immer noch in der Vorstellung befangen ist; »Erst muß die vollkommene Organisation der animalischen Ebene abgeschlossen sein, ehe der Übergang in die höhere, menschliche Ebene möglich ist.« So geht der Kampf um die Erreichung der Grenze weiter, es scheint aber fast, als deute sich diese Grenze bereits im Internationalen an. In der Verwirklichung des Internationalen muß das animalische Prinzip seine äußerste Grenze erreichen. Die wirtschaftlich materiellen Verhältnisse müssen in ihr einen Stand erreichen, über den hinaus es in dieser Ebene keine Weiterentwicklung mehr geben kann. Somit werden auch keine wirtschaftlich-materiellen Probleme mehr das menschliche Bewußtsein lenken, und der Mensch wird die Seinsebene erreichen, die seinem Wesen entspricht, das Sein als Einheit ohne Ziel und Gegenstand.
Durch die Gegenstandslosigkeit oder den Suprematismus wird das wahre menschliche Wesen bestrebt sein, alle Individuen aus dem gegenstandsbefangenen Zustand der Menge zur gegenstandslosen Einheit zu führen.
Die Internationale, in der alle Unterschiede und Besonderheiten der Völker und Nationen aufgehoben werden, könnte der Weg zur Ebene des Menschentums sein. Doch sind leider Anzeichen zu erkennen, dass das internationale Prinzip in der unteren, animalischen Ebene organisiert wird, in der Ebene der technisch-praktischen Gegenständlichkeit, wobei dei Suprematie des Menschentums in den Hintergund gedrängt wird. Wenn gar das internationale Prinzip das nationale weiterbestehen läßt, so ist jede Aussicht auf einen Aufstieg in eine höhere Ebene in eine sehr ferne Zukunft gerückt. Nach meinen bisherigen Beobachtungen ist es tatsächlich so, dass dem neuen internationalen Plan ein rein materieller Nutzen zugrunde liegt; dass er nur in der unteren Ebene der gegenständlich-praktischen Prinzipien verwirklicht werden soll. Die einzige Hoffnung bei dieser Entwicklung ist, dass hierbei tatsächlich die äußerste Grenze des Gegenständlichen erreicht werden könnte, hinter der dann der Übergang in die gegenstandslose höhere Ebene zwangsläufig kommen muß.

Als Beweis hierfür kann die Wirtschafts-Idee angesehen werden, die die höchste Vervollkommnung des irdischen Wohlergehens in der Verkürzung der Arbeitszeit erblickt. Je mehr die für praktische Verrichtungen benötigte Zeit schrumpft, um so mehr breitet sich die Gegenstandslosigkeit in der Zeit aus.

  

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  Praktische Ziele werden am schnellsten durch Folgerichtigkeit erreicht, wenn man also Gegenstände nicht für Zwecke verwendet, für die sie nicht gedacht waren. Ein Mensch, der mit der Wirkungsweise einer Lokomotive vertraut ist, würde sich kaum vorstellen können, dass eine Lokomotive auf dem Wasser schwimmen oder in der Luft fliegen könnte. Solche Vorstellungen könnten vom Bewußtsein gar nicht auf-genommen werden. Analog würde eine Persönlichkeit, der man vorschlägt, die Ebene der Internationalität zu erklimmen, sich widersetzen, aus Angst, ihre Eigenart zu verlieren, obwohl die Vorteile völlig klar sind.
Hieraus ergeben sich für den Übergang aus einem Zustand in den anderen zwei Möglichkeiten: die stufenweise Wandlung und die Diktatur. Es läßt sich ohne weiteres entscheiden, welcher Weg praktischer und welcher wirtschaftlicher ist. Nach Ansicht der Allgemeinheit ist alles Praktische und Wirtschaftliche einwandfrei aus der »sich aus dem Gegenstand anschaulichen ergebenden Wirkung« zu beweisen. Dringt man aber tiefer in diese beiden Begriffe ein, so wird man erkennen, dass weder das eine noch das andere beweisbar ist, weil es nur einen Rhythymus des Zustandes oder der Erregung gibt, der weder durch praktische noch durch wirtschtliche Gesichtspunkte beeinflußbar oder begrenzbar ist.
Wenn es aber keine praktischen oder wirtschaftlichen Begrenzungen gibt, dann kann es auch keine Begrenzung der Persönlichkeit geben. Zwar kann eine Persönlichkeit im Sinne der Allgemeinheit der Freiheit beraubt werden, indem man sie einsperrt. Das ist aber nur eine naive staatliche Tatsache, denn wie könnte man eine Persönlichkeit einschränken, die doch Bestandteil der Unendlichkeit ist? Will man die Unendlichkeit begrenzen?

  

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  Drei Bestrebungen kann man bei den Menschen beobachten: Die einen wollen ihre Persönlichkeit, ihre Individualität rein erhalten, wollen nicht in die Gemeinschaft einbezogen werden. Die anderen wollen alles ihrem 'Ich' unterordnen, glauben, die Massen zu einer Einheit zusammenfassen zu können, indem sie ihr 'Ich' dieser Einheit als Krönung aufzwingen. Die dritten endlich verleugnen ihr 'Ich' im Namen der Gemeinschaft, wollen in der Gemeinschaft aufgehen, um auf diese Weise die Masse zu einer Einheit zu bringen, die allein zu Gott als der letzten Vollkommenheit führen kann.
So verschieden diese drei Bestrebungen erscheinen mögen, so verfolgen sie doch nur ein Ziel: die Einheit der Welt in ihrer Vollkommenheit. Die Systeme, nach denen sie dieses Ziel erreichen wollen, sind auch verschieden, sind aber im Endergebnis alle drei gegenständlich. Durch die Gegenständlichkeit hoffen sie, zur Vollkommenheit zu gelangen, das heißt also zu einem Zustand, in dem alles Praktische seinen Sinn verliert.Das Ziel der Menschheit, Gott als letzte Vollkommenheit, wird gegenstandslos.
Kann man aber die Vollkommenheit der Gegenstandslosigkeit durch gegenständlich-praktische Überlegungen erlangen? Läßt sich eine gegenständliche Vollkommenheit erreichen? Wenn nein, dann sind alle Bemühungen des Menschen gegenstandslos. An der 'gegenständlichen Vollkommenheit' und an der Gegenstandslosigkeit rennt sich jede Form der Wirtschaft den Schädel ein. Denn, wenn man annimmt, dass eine endgültige gegenständliche Vollkommenheit erreicht werden könnte, dann müßte auch jede weitere Entwicklung aufhören, womit dann auch die Frage nach der Wirtschaftlichkeit ihren Sinn verlieren würde.

  

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  Ein Mensch, der seine Individualität wahren will, kann sich anderen Individualitäten nicht anders mitteilen, als dass er mit ihnen in Ver-bindung tritt. Dabei ergeben sich verschiedene widersprüchliche Beziehungen. Mir erscheint, dass es eine Persönlichkeit als individuelle Einheit gar nicht geben kann, weil jede Einheit aus einer Vielzahl ihr untergeordneter Systeme besteht. Jede Vielzahl ist aber schon ein Kollektiv. Somit könnte man sagen, dass eine Persönlichkeit nur in einer Vielzahl, in einem Kollektiv, existieren kann, und dass in dem wahrnehmbaren Kollektiv die einmalige individuelle Persönlichkeit sichtbar wird. Das Wesen der Individualität besteht darin, dass jede Persönlichkeit unermüdlich zu einer Vollkommenheit zu gelangen sucht, in der ihr zersplitterter Ursprung sich wieder zu einer Einheit organisiert.

   

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  Vom Standpunkt der Allgemeinheit besteht das Leben individueller Einheiten im Schaffen gegenständlicher Vollkommenheiten, worin auch die Antwort auf die Frage nach Sinn und Ursache gegenständlicher Beziehungen liegen kann. Die Vielfalt und Verschiedenheit der Ursachen beweist die Unvollkommenheit des gegenständlich-praktischen Bewußtseins. Diese Unvollkommenheit führt ihrerseits zu der Vielfalt der Gegenstände, und um dieser Vielfalt eine gewisse Grenze zu setzen, hat das praktische Bewußtsein den Begriff der Wirtschaftlichkeit geschaffen. Dieser Begriff der Wirtschaftlichkeit zwingt die Menschen, Gegenstände zu schaffen, die eine möglichst große Zahl verschiedener Funktionen ausüben können. Wenn die Natur zum Beispiel die Schaffung einer gegenständlichen Welt zum Ziele hätte, dann hätte sie im Menschen ein Gerät geschaffen, das tatsächlich sehr vielen Anforderungen gerecht wird und fähig ist, eine Unzahl weiterer Geräte zu erfinden, eine Vielfalt von Problemen zu lösen. Das Prinzip der Wirtschaftlichkeit gilt als das allein richtige, unerschütterliche, wissenschaftlich, historisch und sonstwie begründete. Es ist das Gesetz, nach dem das Leben zur Vollkommenheit geführt wird, nach dem sämtliche Probleme gelöst werden.
Wenn man dieses Gesetz vom rein praktisch-gegenständlichen Standpunkt betrachtet, so führt es tatsächlich zu einer Zusammenfassung einer Vielfalt von Funktionen in einem Apparat. So wäre zum Beispiel durchaus ein Gerät denkbar, das gleichzeitig Sämaschine, Mähmaschine, Dreschmaschine, Mühle und Backofen ist. So ein Gerät würde fünf Forderungen genügen.

Wenn wir annehmen, würden — eine solche Annahme könnte allerdings das praktische, auf anschauliche, zweckentsprechende, wissenschaftlich begründete Gesetze eingestellte Bewußtsein verwirren
— dass wir die technische Vollkommenheit, die Synthese aller Synthesen, erreicht hätten, dann würde es keine praktischen Ziele mehr geben, weil das endgültige, letzte Ziel erreicht wäre. Die Vollkommenheit würde in einer Wüste hängen bleiben oder sich durch die Unendlichkeit bewegen ohne jedes Ziel. Es würde in die Gegenstandslosigkeit eintreten.

Man könnte auch von einer anderen Annahme ausgehen: Wir finden die absolute Form, eine Form, die sich von jedem Zwang zur Veränderung oder zu einer Bewegung zum Leben oder zum Tode hin befreit hat. Alle Vollkommenheiten der gegenständlich-praktischen Vorstellungen werden erreicht sein, wenn die Frage des Lebens oder des Sterbens der Bewegungen gelöst sein wird und der Mensch sich dieser Lösung anpaßt.

Die Lösung aber, die Gegenstandslosigkeit, wird ein neuer Anfang sein.

Noch aber müht sich der menschliche Geist weiter ab, Klarheit und Anschaulichkeit in seine Welt zu bringen, also etwas zu verwirklichen, was es im Weltall nicht gibt. Seit den Zeiten des Turmbaues zu Babel, als die Menschen glaubten, den Himmel erreichen zu können, haben sie nichts dazugelernt.

Mit diesen vergeblichen Bemühungen verbaut der Mensch sich den Weg zu der schweigenden dynamischen Weisheit der kosmischen Erregung, diesem reinen, ziellosen, gegenstandslosen Wirken. Es ist an der Zeit, dass der Mensch sein Leben dieser Weisheit entsprechend aufbaut und sich gegen jede menschliche 'Weisheit' abschirmt.

Eine Grundlage muß geschaffen werden, die allem gegenständlichen Denken entgegenwirkt.

Der Weg des Menschen muß befreit werden von allem gegenständlichen Gerümpel, das sich in den Jahrtausenden angesammelt hat. Dann erst wird der Rhythmus der kosmsichen Erregung voll wahrgenommen werden können, dann wird der ganze Erdball eingebettet sein in eine Hülle ewiger Erregung, in den Rhythmus der kosmischen Unendlichkeit eines dynamischen Schweigens.


K.Malewitsch
18.Februar 1922
Witebsk


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