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Josef Albers
In einem Gespräch, das der deutschen Ausgabe von »Interaction of Color« vorangestellt ist. antwortete Albers auf die Frage nach dem »allgemeinen Ziel des Unterrichts«:
»To open eyes. Das war mein Ziel und ist es noch immer. Genau dies möchte ich mit all meinen Bildern erreichen: das Sehen soll aktiv werden. Nicht nur passives Über-sich-ergehen-lassen, sondern selbst sehen, suchen, fühlen, erkennen, erleben. Ja: Man kann kreativ sehen lernen!« (1) Albers' Kunst ist daher kein Formalismus; Linie und Farbe stehen nicht für sich selbst, sondern dienen dazu, das Sehen herauszufordern, es zu verunsichern. Die Bilder demonstrieren die Unzulänglichkeit des Sehens, die Unfähigkeit, etwas endgültig und unveränderlich zu sehen, (2) aber auch, daß die Instabilität der Wahrnehmung keine Fehlleistung unserer Sinne ist, sondern Bedingung von Bewegung, Teil unseres organischen Begreifens der Welt. Albers' Bilder führen uns schließlich dahin, unsere Seherlebnisse zu deuten, uns über unsere Wahrnehmung der Welt bewußt zu werden und uns so selbst zu erfahren. »Obschon ich fast 40 Jahre Kunst gelehrt habe, habe ich am Ende entdeckt«, schreibt Albers, »daß ich nicht Kunst gelehrt habe, sondern Psychologie, Philosophie über — Formung. Daß ich nicht Malen gelehrt habe, sondern Sehen.« (3)
Auf den ersten Blick scheinen die Bildmodelle von Albers einfach und eindeutig konstruiert. Doch die geometrischen Liniengefüge und die nebeneinandergestellten Farbflächen verwirren das Sehen in dem Maße, in dem es sich der bildlichen Gegebenheiten versichern will. Das Sehen versucht, das Gesehene zu stabilisieren, eine abschließende Lösung herzustellen, doch kaum scheint eine Struktur erkannt, stellt sich eine andere, gegenläufige ein. Das Bild entzieht sich einer Fixierung. Das Auge scheint den sich wechselnd einstellenden Bildern immer nur auf der Spur zu sein, ohne sie je einzuholen. Die verschiedenen Sehweisen, Sehmöglichkeiten folgen nicht regelhaft und konsequent hintereinander, sondern überlagern sich; keine hat Vorrang vor der anderen. So wird der Betrachter ständig getäuscht, er kann sich für keine Lösung als letztgültige entscheiden. Diese Bewegung der Wahrnehmung entsteht aus dem »Widerspruch zwischen physischem Tatbestand und psychischer Wirkung«, den Albers als den »Ursprung der Kunst« bezeichnet. (4) Der Künstler spricht auch von der Diskrepanz zwischen »factual facts« und »actual facts«, »objektiven Tatsachen« und »wirklichen Bewußtseins-Tatsachen«, (5) Bildfaktum und Bildwirkung. Faktisch sind die klar begrenzten Farbfelder, die einfachen und meßbaren Linienverläufe — als Wirkung auf uns erfahren wir hingegen eine Vielheit unterschiedlicher Bilder und Bewegungen. Es gibt zwar eine objektive Gegebenheit der bildnerischen Elemente, die der Künstler einsetzt, aber keine Objektivität des Sehens, sondern nur die instabile Wahrnehmung des einzelnen Subjekts. In der Wahrnehmung werden die Bildelemente nie als das gesehen, was sie wirklich, d.h. physikalisch sind. »Wer behauptet, Farben unabhängig von ihren trügerischen Veränderungen zu sehen, führt einzig sich selbst hinters Licht und niemanden anders.« (6) So verbindet sich das Berechenbare mit dem Unberechenbaren, das Logische mit dem Alogischen, das Rationale mit dem Irrationalen, und zwar in der Weise, daß die Werke rational in sich begründet und planvoll kalkuliert werden, gerade um irrationale, unkalkulierbare Wirkungen zu erreichen. Albers' Kunst entfaltet sich so, daß »ein quantitativ Kalkuliertes im Zusammenwirken der Teile stets ein qualitativ Anderes, nicht Ausmeßbares, erbringt.« (7)
1 Josef Albers, Interaction of Colour, Grundlegung einer Didaktik des Sehens, Köln 1970,
S. 11 ( zurück )
2 Vgl. Werner Spies, Albers, Stuttgart 1970, S. 8 ( zurück )
3 Ebd., S. 66 ( zurück )
4 Zit. in: Eugen Gomringer, Josef Albers, Das Werk des Malers und Bauhausmeisters als Beitrag zur visuellen Gestaltung im 20. Jahrhundert, Starnberg 1968, S. 7 ( zurück )
5 Josef Albers, Interaction of Colour, Grundlegung einer Didaktik des Sehens, Köln 1970,
S. 96 ( zurück )
6 Ebd., S. 7 ( zurück )
7 Jürgen Wißmann, Josef Albers, Recklinghausen 1971, S.9 ( zurück )
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Amerikanische Kunst 1950 bis 1970 aus der Sammlung
des Museum Folkwang im Josef Albers Museum