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Heraklit



ΤΟ  ΒΙΒΛΙΟΝ

 

 

Urworte der Philosophie




Linie 4





HERAKLEITOS, DER SOHN DES BLYSON, DER EPHESIER, LEHRT ALSO:



  ° Obwohl diese Lehre [vom Wesen der Welt] sich immer bewährt, wird es nicht verstehende Menschen geben, bevor sie gehört und nachdem sie gehört haben; während doch alles geschieht [dem Sinn] dieser Lehre gemäß, Unerprobten gleichen sie, wenn sie´s erproben mit Reden und Werken solcher Art, wie ich sie ausführe, der ich deute und erläutere ein jedes seinem Wesen gemäß und zeige, wie es sich [im Zusammenhang] verhält. Den anderen Menschen aber verbirgt sich, was sie als Wachende tun, so wie sie vergessen, was sie als Schlafende taten.


° Über das Wort, mit dem sie am meisten beständig miteinander verkehren, entzweien sie sich, und worauf sie täglich stoßen, das erscheint ihnen fremd.


° Darum tut not, dem Gemeinsamen zu folgen; obwohl aber das Wort allverbindend ist, leben die Vielen, als ob sie eine eigene Einsicht hätten.


° Doch nicht bedenken solches die Vielen, worauf sie auch immer stoßen, noch wenn sie gelernt haben, erkennen sie; bei sich selbst aber wähnen sie es.


° Den Menschen allen ward zuteil, sich selbst zu erkennen und nachzusinnen.


° Gemeinsam ist allen das Denken.


° Die Nicht-Verstehenden gleichen den Tauben; das Sprichwort bezeugt es ihnen: anwesend sind sie abwesend.


° [Ihr Nicht-Verstehenden!] Zu hören versteht ihr nicht und auch nicht zu reden!


° Die Erwachten haben eine und eine gemeinsame Welt; bei den Schlafenden aber wendet sich jeder seiner eigenen zu.


° Nicht sollen wir wie Schlafende handeln und reden.


° [Doch auch] die Schlafenden sind Wirker und Mitwirker bei dem, was in der Welt geschieht.




Linie 3





° Vielwisserei lehrt nicht Einsicht haben.


° [Doch] müssen gar vieler Dinge kundig geistige Menschen sein.


° Unwissenheit verbergen ist besser als sie öffentlich vorbringen — schwer aber
ist es in der Ermüdung und beim Wein.


° Dem, was ich geschaut, gehört, gelernt habe, gebe ich den Vorrang.


° [Doch] schlechte Zeugen sind den Menschen Augen und Ohren, wenn sie barbarische Seelen haben.


° Die Augen aber sind genauere Zeugen als die Ohren.


° [(Der blinde Homer,) am Ufer des Meerese sitzend, fragt junge Burschen, die,
wie sie sagen, vom Fischfang kommen:
Männer, ihr fischende Jäger des Meeres, haben wir etwas? Da sagen jene:
Was wir fingen, ließen wir da, was nicht, wir bringens.
Da er nicht verstand das Gesagte, fragte er sie, was sie meinten. Die aber sagten, beim Fischfang hätten sie nichts gefangen, aber Läuse erjagt, und die Läuse, die
sie gefaßt, zurückgelassen, und die sie nicht gefaßt hätten, in ihren Kleidern mitgebracht.]
Also lassen sich täuschen die Menschen bei der Erkenntnis der sichtbaren Dinge gleich dem Homeros, der doch war vor allen Griechen ein weiser Meister, da junge Burschen ihn täuschten, die Läuse erjagt hatten, und sagten: Was wir gesehen
haben und erwischt, das ließen wir dort, was wir aber weder gesehen noch erfaßt haben, das tragen wir bei uns.


° Nicht sollen wir es nur wie die Kinder unserer Eltern machen; [das heißt: nur so,
wir wir es übernommen haben].




Linie 2

 





° Der Seele ist eigen das Wort, das sich selbst mehrt.


° Kämpfen soll das Volk um den Nomos [das heilige Gesetz] gleich wie um eine Mauer.


° Überhebung [Hybris] muß man auslöschen noch mehr als eine Feuersbrunst.


° Die mir Einsicht Redenden müssen sich stark machen in dem, was für alle gilt,
wie die Stadt durch das Gesetz und noch viel stärker; denn genährt werden alle menschlichen Gesetze von Einem, dem göttlichen: denn es herrscht soweit es will, und es tut allem genüge und obwaltend umschließt es alles.


° Es kann auch Gesetz sein, dem Willen und Rat eines Einzigen zu folgen.


° Wenn ihr nicht mich, sondern der Rede Sinn vernommen habt, ist es weise, übereinstimmend zu sagen, dass Eines alles ist.


° Eins ist das Weise: zu verstehen Meinung und Weisung des Geistes, der alles
durch alles lenkt.




Linie 1





° Kampf ist aller Dinge Vater, aller Dinge König, und die einen erweist er als Götter, die anderen als Menschen, die einen macht er zu Sklaven, die anderen zu freien.


° Zu wissen aber tut not: der Kampf ist ein Gemeinsames, und Recht ist Streit, und erzeugt wird alles zwieträchtig und notwendig.


° Das in entgegengesetzter Weise Gehobelte wird zusammen-gebracht, und aus den verschiedenen Tönen wird die schönste Harmonie, und so entsteht jedes Gefüge zwieträchtiger Weise gemäß.


° Sich verbindend fassen sich zusammen:
Ganzes und Nicht-Ganzes,
Zusammenstrebendes — Auseinanderstrebendes,
Zusammenklingen — Verschiedenklingen,
und aus Allem Eins und aus Einem Alles.


° Unsichtbare Harmonie ist stärker als sichtbare.


° Nicht verstehen sie und bringen nicht zusammen, wie Unter-schiedliches sich entspricht [sich ergänzt, zusammenstimmt; sich wieder einander zukehrend, gegenseitig in einander zurück-laufend], in sich zurückkehrend ist Einigung und Gefüge, so wie beim Bogen und bei der Leier [Zusammenfügung aus gegenstrebigen Hölzern].


° Zusammenhängt Anfang und Ende bei des Kreises in sich geschlossenem Lauf.


° [Seines] Innern Gesetz [ist] einem Menschen Dämon [ein guter oder böser].


° Der Aeon [das Weltzeitleben] — ein Kind [mit sich selber] brettspielend; des
Kindes ist das Königsreich!


° Natur sich zu verhüllen droht.


° Ich suchte und erforschte mich selbst.


° Es kann auch Gesetz sein, dem Willen und Rat eines Einzigen zu folgen.


°
Wenn einer nicht hofft, Unerhofftes wird er nicht finden, unerforschlich ist es
und unzugänglich.





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Erläuterung



In der „Ilias” Homers spricht Hera die Worte (14,200):

„Denn ich gehe zu schauen die Grenzen der nährenden Erde,
 Den Okeanos, Ursprung der Götter, und Thethys, die Mutter”

An diese Verse knüpft Thales von Milet, der erste griechische Philosoph, an,
indem er erklärt, das Wasser sei der Anfang (άρχή) der Dinge, und die Erde sei umschlossen: sie schwimme auf dem Wasser wie ein Stück Holz. Dagegen wendet Anaximander ein, etwas, das „Grenzen” hätte, könne nicht Anfang und Urgrund der Dinge sein, und so setzt er das Unbegrenzte (άπειρον) als Arche. Ungegrenzt heißen zwar bei Homer Land und Meer, weil sie sicg grenzenlos vor dem Menschen ausbreiten. Aber Anaximander nimmt das Wort im strenden Sinn: Das Unbegrenzte, so meint er, umschlösse alles Sein, und aus diesem ewigen Unbegrenzten schieden sich die Gegensätze kalt und warm, trocken und feucht aus, und so entstände das Einzelne, Begrenzte. Anaximenes, der Schüler Anaximanders, kehrt wieder zu der Meinung zurück, ein bestimmter Stoff müsse das Prinzip der Dinge sein: er wählt
die Luft. Dem Einwand Anaximanders begegnet er dadurch, dass er annimmt, durch Verdünnung entstünde aus der Luft Feuer, duch Verdickung Wind, dann weiter Wolken, Wasser, Erde und schließlich Stein.

Hier setzt Heraklit ein. Aber die naturwissenschaftliche Wendung, die das Denken
bei Anaximander genommen hat, läßt er beiseite. Nicht der Prozeß der sich wandelnden Substanz ist ihm das Wesentliche, sondern (und darin knüpft er wieder
an Anaximander an) die Gegensätzlichkeit aller Erscheinungen. Das Denken über
die Gegensätze in der Welt vertieft sich ihm aber gewaltig dadurch, dass er Motive aus der archaischen Lyrik aufnimmt. Den frühgriechischen Lyrikern (Archilochos, Sappho u.a) hatte sich die neue Dimension des Geistig-Seelischen geöffnet. Im bewußtsein zwiespältiger Empfindungen hatten sie die Spannung, Intensität und
Tiefe des Seelischen entdeckt, damit hatte sich das Geistige als etwas prinzipiell anderes — und zugleich Wesentlicheres — von dem Leiblichen abgehoben, und
ihnen war damit aufgegangen, dass das Geistig-Seelische über die Bindung an
Einzel-Körperliches hinausgreifen kann, dass gleicher Geist Verschiedene und Verschiedenes erfüllen kann. Dies Geistig-Seelische macht Heraklit als erster zum Prinzip der Welt und damit schreitet er entschlossen fort von der Kosmologie zur Metaphysik. Seine Nähe zur Lyrik zeigt er vor allem darin, dass ihm die Gegensätze der Welt stets empfundene, das heißt „lebendige” Gegensätze sind: Das Eine wird zum Anderen nicht in einem integrierbaren Prozeß des Übergangs, sondern der Tod des Einen ist die Geburt des Anderen. Die radikale Gegensätzlichkeit aller Erscheinungen aber ist aufgehoben in dem Sinn und der Bdeutung solchen leben-digen Spiels; diese geistige Einheit des Kosmos faßt Heraklit als „sinnvolles Wort” (Logos), als „das Eine Weise”, das dem Weisen allein verständlich und in seinem „sinnvollen Wort” kündbar ist. Auf dies Eine weist er immer wieder die Menschen, die im Irdischen befangen sind: es gilt wach zu sein, um die Rätselhaftigkeit des Kosmos zu verstehen, um die Doppeldeutigkeit dieser Welt, die doch Eine ist, zu begreifen.
Im Kosmos herrscht das feinste, das geistähnlichste Element, das Feuer, das da ist, indem es vergeht, dessen Leben — wie alles Leben — sein Sterben ist, das Vergänglich-Ewige. Wenn Heraklit sich selbstgewiß und stolz abkehrt von den Vielen, die diesen „Sinn” nicht verstehen, so ist das keine Eitelkeit, sondern Enttäuschung; ihm geht es um das „Allgemeine”, nicht um seine Person.

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