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"Troia
- Entstehung, Krieg und Untergang"
Die schönsten
Sagen des klassischen Altertums
Zweiter Band
Troias Erbauung
In uralten Zeiten wohnten auf der Insel Samothrake, im ägäischen Meere, zwei Brüder, Iasion und Dardanos, Söhne des Zeus und einer Nymphe, Fürsten des Landes. Von diesen wagte Iasion, als ein Göttersohn, seine Augen zu einer Tochter des Olymp zu erheben, warf eine ungestüme Neigung auf die Göttin Demeter und wurde zur Strafe seiner Kühnheit vom eigenen Vater durch den Blitz erschlagen. Dardanos, der andere Sohn, verließ, tiefbetrübt über den Tod seines Bruders, Reich und Heimat und ging hinüber auf das asiatische Festland, an die Küste Mysiens, da wo die Flüsse Simoeis und Skamander vereinigt in das Meer strömen und das hohe Idagebirge sich nach dem Meere abgedacht in eine Ebene verliert. Hier herrschte der König Teukros, kretischen Ursprungs, und nach ihm hieß auch das Hirtenvolk jener Gegend Teukrer. Von diesem König wurde Dardanos gastfreundlich aufgenommen, bekam einen Strich Landes zum Eigentum und die Tochter des Königs zur Gemahlin. Er gründete eine Ansiedlung, das Land wurde nach ihm Dardania und das Volk der Teukrer von nun an Dardaner genannt. Ihm folgte sein Sohn Erichthonios in der Herrschaft, und dieser zeugte den Tros, nach welchem die Landschaft nun Troas, der offene Hauptort Troia und die Teukrer oder Dardaner jetzt auch Troianer oder Troer genannt wurden. Nachfolger des Königs Tros war sein ältester Sohn Ilos. Als dieser einst das benachbarte Land der Phryger besuchte, wurde er von dem König Phrygiens zu eben angeordneten Kampfspielen eingeladen und trug hier im Ringkampf den Sieg davon. Er erhielt als Kampfpreis fünfzig Jünglinge und ebensoviel Jungfrauen, dazu eine buntgefleckte Kuh, die ihm der König mit der Weisung eines alten Orakelspruches übergab, wo sie sich niederlegen würde, da sollte er eine Burg gründen. Ilos folgte der Kuh, und da sie sich bei dem offenen Flecken lagerte, der seit seinem Vater Tros der Sitz des Landes und seine eigene Wohnung war, auch schon Troia hieß, so baute er hier auf einem Hügel die feste Burg Ilion oder Ilios, auch Pergamos geheißen, wie denn das ganze Wesen von nun an bald Troia, bald Ilion, bald Pergamos genannt wurde. Ehe er jedoch die Burg anlegte, bat er seinen Ahnherrn Zeus um ein Zeichen, daß ihm die Gründung derselben genehm sei. Am folgenden Tage fand er das vom Himmel gefallene Bild der Göttin Athene, Palladion genannt, vor seinem Zelte liegen. Es war drei Ellen hoch, hatte geschlossene Füße und hielt in der rechten Hand einen erhobenen Speer, in der anderen Rocken und Spindel. Mit diesem Bild hatte es folgende Bewandtnis. Die Göttin Athene wurde nach der Sage von ihrer Geburt an bei einem Triton, einem Meergott, erzogen, der eine Tochter namens Pallas hatte, die gleichen Alters mit Athene und ihre geliebte Gespielin war. Eines Tages nun, als die beiden Jungfrauen ihren kriegerischen Übungen oblagen, traten sie zu einem scherzhaften Wettkampfe einander gegenüber. Eben wollte die Tritonentochter Pallas einen Streich auf ihre Gespielin führen, als Zeus, für seine Tochter bangend, den Schild aus Ziegenfell, die Aigis, dieser vorhielt. Dadurch erschreckt, blickte Pallas furchtsam auf und wurde in diesem Augenblick von Athene tödlich verwundet. Tiefe Trauer bemächtigte sich der Göttin, und sie ließ zum dauernden Andenken ein recht ähnliches Bild ihrer geliebten Gespielin Pallas verfertigen, legte demselben einen Brustharnisch von dem gleichen Ziegenfell, wie der Schild war, um, der nun auch Aigispanzer oder Aigis hieß, stellte das Bild neben die Bildsäule des Zeus und hielt es hoch in Ehren. Sie selbst aber nannte sich seitdem Pallas Athene. Dieses Palladion nun warf, mit Einwilligung seiner Tochter, Zeus vom Himmel in die Gegend der Burg Ilios herunter, zum Zeichen, daß Burg und Stadt unter seinem und seiner Tochter Schutz stehe.
Der Sohn des Königs Ilos und der Eurydike war Laomedon, ein eigenmächtiger und gewalttätiger Mann, der Götter und Menschen betrog. Dieser dachte darauf, den offenen Flecken Troia, der noch nicht befestigt war wie die Burg, mit einer Mauer zu umgeben und so zu einer förmlichen Stadt zu machen. Damals irrten die Götter Apollon und Poseidon, die sich gegen ihren Vater Zeus empört hatten und aus dem Himmel gestoßen waren, heimatlos auf der Erde umher. Es war der Wille des Zeus, daß sie dem König Laomedon an der Mauer Troias bauen helfen sollten, damit die Lieblingsstadt des Zeus und der Athene der Zerstörung trotzende Mauern hätte. So führte sie denn ihr Geschick in die Nähe von Ilios, als eben mit dem Bau der Stadtmauern begonnen wurde. Die Götter machten dem König Laomedon ihre Anträge, und da sie auf der Erde nicht bloß müßig gehen durften, noch ohne Arbeit mit Ambrosia gespeist wurden, so bedangen sie sich einen Lohn aus, der ihnen auch versprochen ward, und fingen nun an zu frönen. Poseidon half unmittelbar bei dem Bau; unter seiner Leitung stieg die Ringmauer breit und schön, eine undurchdringliche Schutzwehr der Stadt, in die Höhe. Phoibos Apollon weidete inzwischen das Hornvieh des Königs in den gewundenen Schluchten und Tälern des waldreichen Gebirges Ida. Die Götter hatten versprochen, auf diese Weise dem König ein Jahr lang zu frönen. Als nun diese Frist abgelaufen war, auch die herrliche Stadtmauer fertig stand, entzog der trügerische Laomedon den Göttern gewaltsam ihren gesamten Lohn, und als sie mit ihm rechteten und der beredte Apollon ihm bittere Vorwürfe machte, so jagte er beide fort, mit der Androhung, dem Phoibos Hände und Füße fesseln zu lassen, beiden aber die Ohren abzuschneiden. Mit großer Erbitterung schieden die Götter und wurden Todfeinde des Königs und des Volkes der Troianer, auch Athene kehrte sich von der Stadt, die bisher ihr Schützling gewesen war, ab und schon jetzt war, einer stillschweigenden Einwilligung des Zeus zufolge, die eben erst mit stattlichen Mauern versehene Hauptstadt mit ihrem Königsgeschlecht und Volke diesen Göttern, zu welchen sich mit dem glühendsten Haß in kurzer Zeit auch Hera gesellte, dem Verderben überlassen.
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Priamos, Hekabe und Paris
Das weitere Los des Königs Laomedon und seiner Tochter Hesione ist schon von uns berichtet worden. Ihm folgte sein Sohn Priamos in der Regierung. Dieser vermählte sich in zweiter Ehe mit Hekabe oder Hekuba, der Tochter des phrygischen Königs Dymas. Ihr erster Sohn war Hektor. Als aber die Geburt ihres zweiten Kindes herannahte, da schaute Hekabe in einer dunklen Nacht im Traume ein entsetzliches Gesicht. Ihr war, als gebäre sie einen Fackelbrand, der die ganze Stadt Troia in Flammen setze und zu Asche verbrenne. Erschrocken meldete sie diesen Traum ihrem Gemahl Priamos. Der ließ seinen Sohn aus erster Ehe, Aisakos mit Namen, kommen, welcher ein Wahrsager war, und von seinem mütterlichen Großvater Merops die Kunst, Träume zu deuten, erlernt hatte. Aisakos erklärte, seine Stiefmutter Hekabe werde einen Sohn gebären, der seiner Vaterstadt zum Verderben gereichen müsse. Er riet daher, das Kind, das sie erwartete, auszusetzen. Wirklich gebar die Königin einen Sohn, und die Liebe zum Vaterland überwog bei ihr das Muttergefühl. Sie gestattete ihrem Gatten Priamos, das neugeborene Kind einem Sklaven zu geben, der es auf den Berg Ida tragen und daselbst aussetzen sollte. Der Knecht hieß Agelaos. Dieser tat, wie ihm befohlen war; aber eine Bärin reichte dem Säugling die Brust, und nach fünf Tagen fand der Sklave das Kind gesund und munter im Walde liegen. Jetzt hob er es auf, nahm es mit sich, erzog es auf seinem Ackerchen wie sein eigenes Kind und nannte den Knaben Paris.
Als der Königssohn unter den Hirten zum Jüngling herangewachsen war, zeichnete er sich durch Körperkraft und Schönheit aus, und wurde ein Schutz aller Hirten des Berges Ida gegen die Räuber, daher ihn jene auch nur Alexander, d. h. Männerhilf, nannten.
Nun geschah es eines Tages, als er mitten im abwegsamsten und schattigsten Tale, das sich durch die Schluchten des Berges Ida hinzog, zwischen Tannen und Steineichen, ferne von seinen Herden, die den Zugang zu dieser Einsamkeit nicht fanden, an einen Baum gelehnt mit verschränkten Armen hinabschaute durch den Bergriß, der eine Durchsicht auf die Paläste Troias und das ferne Meer gewährte, daß er einen Götterfußtritt vernahm, der die Erde um ihn her beben machte. Ehe er sich besinnen konnte, stand, halb von seinen Flügeln, halb von den Füßen getragen, Hermes, der Götterbote, den goldenen Heroldsstab in den Händen, vor ihm; doch war auch er nur der Verkündiger einer neuen Göttererscheinung, denn drei himmlische Frauen, Göttinnen des Olymp, kamen mit leichten Füßen über das weiche, nie gemähte und nie abgeweidete Gras einhergeschritten, daß ein heiliger Schauer den Jüngling überlief und seine Stirnhaare sich aufrichteten. Doch der geflügelte Götterbote rief ihm entgegen: "Lege alle Furcht ab; die Göttinnen kommen zu dir als zu ihrem Schiedsrichter; dich haben sie gewählt zu entscheiden, welche von ihnen dreien die schönste sei. Zeus befiehlt dir, dich diesem Richteramte zu unterziehen, er wird dir seinen Schirm und Beistand nicht versagen!" So sprach Hermes und erhob sich auf seinen Fittichen, den Augen des Königssohnes entschwebend, über das enge Tal empor. Seine Worte hatten dem blöden Hirten Mut eingeflößt, er wagte es, den schüchtern gesenkten Blick zu erheben und die göttlichen Gestalten, die in überirdischer Größe und Schönheit seines Spruches gewärtig vor ihm standen, zu mustern. Der erste Anblick schien ihm zu sagen, daß eine wie die andere wert sei, den Preis der Schönheit davonzutragen, doch gefiel ihm jetzt die eine Göttin mehr, jetzt die anderen, so wie er länger auf einer der herrlichen Gestalten verweilt hatte. Nur schien ihm allmählich eine, die jüngste und zarteste, holder und liebenswerter als die anderen, und ihm war, als ob aus ihren Augen ein Netz von Liebesstrahlen ausgehend sich ihm um Blick und Stirne spänne. Indessen hob die stolzeste der Frauen, die an Wuchs und Hoheit über die beiden anderen hervorragte, dem Jüngling gegenüber an: "Ich bin Hera, die Schwester und Gemahlin des Zeus. Wenn du diesen goldenen Apfel, welchen Eris, die Göttin Zwietracht, beim Hochzeitsmahle der Thetis und des Peleus unter die Gäste warf, mit der Aufschrift: ‚der Schönsten' mir zuerkennst, so soll dir, ob du gleich nur ein aus dem Königspalast verstoßener Hirt bist, die Herrschaft über das schönste Reich der Erde nicht fehlen." -"Ich bin Pallas, die Göttin der Weisheit", sprach die andere mit der reinen, gewölbten Stirn, den tiefblauen Augen und dem jungfräulichen Ernst im schönen Antlitz; "wenn du mir den Sieg zuerkennst, sollst du den höchsten Ruhm der Weisheit und Männertugend unter den Menschen ernten!" Da schaute die dritte, die bisher immer nur mit den Augen gesprochen hatte, den Hirten mit einem süßen Lächeln noch durchdringender an und sagte: "Paris, du wirst dich doch nicht durch das Versprechen von Geschenken betören lassen, die beide voll Gefahr und Ungewissen Erfolges sind! Ich will dir eine Gabe geben, die dir gar keine Unlust bereiten soll; ich will dir geben, was du nur zu lieben brauchst, um seiner froh zu werden, das schönste Weib der Erde will ich dir als Gemahlin in die Arme führen! Ich bin Aphrodite, die Göttin der Liebe!"
Als Aphrodite dem Hirten Paris dies Versprechen tat, stand sie vor ihm, mit ihrem Gürtel geschmückt, der ihr den höchsten Zauber der Anmut verlieh. Da erblaßte vor dem Schimmer der Hoffnung und ihrer Schönheit der Reiz der anderen Göttinnen vor seinen Augen, und mit trunkenem Mute erkannte er der Liebesgöttin das goldene Kleinod, das er aus Heras Hand empfangen hatte, zu. Hera und Athene wandten ihm zürnend den Rücken und schwuren, die Majestätsbeleidigung ihrer Gestalt an ihm, an seinem Vater Priamos, am Volke und Reiche der Troianer zu rächen, und alle miteinander zu verderben, und Hera insbesondere wurde von diesem Augenblick an die unversöhnlichste Feindin der Troianer. Aphrodite aber schied von dem entzückten Hirten mit holdseligem Gruße, nachdem sie ihm ihr Versprechen feierlich und mit dem Göttereide bekräftigt wiederholt hatte.
Paris lebte seiner Hoffnung geraume Zeit als unerkannter Hirt auf den Höhen des Ida; aber da die Wünsche, welche die Göttin in ihm rege gemacht hatte, so lange nicht in Erfüllung gingen, so vermählte er sich hier mit einer schönen Jungfrau namens Oinone, die für die Tochter eines Flußgottes und einer Nymphe galt, und mit welcher er auf dem Berge Ida bei seinen Herden glückliche Tage in der Verborgenheit verlebte. Endlich lockten ihn Leichenspiele, die der König Priamos für einen verstorbenen Anverwandten hielt, zu der Stadt hinab, die er früher nie betreten hatte. Priamos setzte nämlich bei diesem Feste als Kampfpreis einen Stier aus, den er bei den Hirten des Ida von seinen Herden holen ließ. Nun traf es sich, daß gerade dieser Stier der Lieblingsstier des Paris war, und da er ihn seinem Herrn dem König nicht vorenthalten durfte, so beschloß er wenigstens den Kampf um ihn zu versuchen. Hier siegte er in den Kampfspielen über alle seine Brüder, selbst über den hohen Hektor, der der tapferste und herrlichste von ihnen war. Ein anderer mutiger Sohn des Königs Priamos, Deiphobos, von Zorn und Scham über seine Niederlage überwältigt, wollte den Hirtenjüngling niederstoßen. Dieser aber flüchtete sich zum Altar des Zeus, und die Tochter des Priamos, Kassandra, welche die Wahrsagergabe von den Göttern zum Angebinde erhalten hatte, erkannte in ihm ihren ausgesetzten Bruder. Nun umarmten ihn die Eltern, vergaßen über der Freude des Wiedersehens die verhängnisvolle Weissagung bei seiner Geburt, und nahmen ihn als ihren Sohn auf.
Vorerst kehrte nun Paris zu seiner Gattin und seinen Herden zurück, indem er auf dem Berge Ida eine stattliche Wohnung als Königssohn erhielt. Bald jedoch fand sich Gelegenheit für ihn zu einem königlicheren Geschäft, und nun ging er, ohne es zu wissen, dem Preise entgegen, den ihm seine Freundin, die Göttin Aphrodite, versprochen hatte.
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Der Raub der Helena
Wir wissen, daß, als König Priamos noch ein zarter Knabe war, seine Schwester Hesione von Herakles, der den Laomedon getötet und Troia erobert hatte, als Siegesbeute fortgeschleppt und seinem Freunde Telamon geschenkt worden war. Obgleich dieser Held sie zu seiner Gemahlin erhoben und zur Fürstin von Salamis gemacht, so hatte doch Priamos und sein Haus diesen Raub nicht verschmerzt. Als nun an dem Königshofe einmal wieder die Rede von dieser Entführung war und Priamos seine große Sehnsucht nach der fernen Schwester zu erkennen gab, da stand in dem Rate seiner Söhne Alexander oder Paris auf und erklärte, wenn man ihn mit einer Flotte nach Griechenland schicken wolle, so gedenke er mit der Götter Hilf e des Vaters Schwester den Feinden mit Gewalt zu entreißen und mit Sieg und Ruhm gekrönt nach Hause zurückzukehren. Seine Hoffnung stützte sich auf die Gunst der Göttin Aphrodite, und er erzählte deswegen dem Vater und den Brüdern, was ihm bei seinen Herden begegnet war. Priamos selbst zweifelte jetzt nicht länger, daß sein Sohn Alexander den besonderen Schutz der Himmlischen erhalten werde, und auch Deiphobos sprach die gute Zuversicht aus, daß, wenn sein Bruder mit einer stattlichen Kriegsrüstung erschiene, die Griechen Genugtuung geben und Hesione ihm ausliefern würden. Nun war aber unter den vielen Söhnen des Priamos auch ein Seher, namens Helenos. Dieser brach plötzlich in weissagende Worte aus und versicherte, wenn sein Bruder Paris ein Weib aus Griechenland mitbringe, so werden die Griechen nach Troia kommen, die Stadt schleifen, den Priamos und alle seine Söhne niedermachen. Diese Wahrsagung brachte Zwiespalt in den Rat. Troilos, der jüngste Sohn des Priamos, ein tatenlustiger Jüngling, wollte von den Prophezeiungen seines Bruders nichts hören, schalt seine Furchtsamkeit und riet, sich von seinen Drohungen nicht vom Kriege abschrecken zu lassen. Andere zeigten sich bedenklicher. Priamos aber trat auf die Seite seines Sohnes Paris, denn ihn verlangte sehnlich nach der Schwester.
Nun wurde von dem König eine Volksversammlung berufen, in welcher Priamos den Troianern vortrug, wie er schon früher unter Antenors Anführung eine Gesandtschaft nach Griechenland geschickt, Genugtuung für den Raub der Schwester und diese selbst zurückverlangt hätte. Damals sei Antenor mit Schmach abgewiesen worden, jetzt aber gedenke er, wenn es der Volksversammlung so gefalle, seinen eigenen Sohn Paris mit einer ansehnlichen Kriegsmacht auszusenden und das mit Gewalt zu erzwingen, was Güte nicht zuwege gebracht. Zur Unterstützung dieses Vorschlages erhob sich Antenor, schilderte mit Unwillen, was er selbst, als friedlicher Gesandter, Schmähliches in Griechenland geduldet hatte und beschrieb das Volk der Griechen als trotzig im Frieden und verzagt im Kriege. Seine Worte feuerten das Volk an, daß es sich mit lautem Zuruf für den Krieg erklärte. Aber der weise König Priamos wollte die Sache nicht leichtsinnig geschlossen wissen und forderte jeden auf zu sprechen, der ein Bedenken in dieser Angelegenheit auf dem Herzen hätte. Da stand Panthoos, einer der Ältesten Troias, in der Versammlung auf und erzählte, was sein Vater Othrys, von der Götter Orakel belehrt, ihm selbst in jungen Jahren anvertraut hatte. Wenn je einmal ein Königssohn aus Laomedons Geschlecht eine Gemahlin aus Griechenland ins Haus führen würde, so stehe den Troianern das äußerste Verderben bevor. "Darum", schloß er seine Rede, "lasset uns durch den trügerischen Kriegsruhm nicht verführen, Freunde, und unser Leben lieber in Frieden und Ruhe dahinbringen, als auf das Spiel der Schlachten setzen und zuletzt mitsamt der Freiheit verlieren." Aber das Volk murrte über diesen Vorschlag und rief seinem König Priamos zu, den furchtsamen Worten eines alten Mannes kein Gehör zu schenken und zu tun, was er im Herzen doch schon beschlossen hätte.
Da ließ Priamos Schiffe rüsten, die auf dem Berge Ida gezimmert worden, und sandte seinen Sohn Hektor ins Phrygerland, Paris und Deiphobos aber ins benachbarte Paionien, um verbündete Kriegsvölker zu sammeln; auch Troias waffenfähige Männer schickten sich zum Kriege an, und so kam bald ein gewaltiges Heer zusammen. Der König stellte dasselbe unter den Befehl seines Sohnes Paris und gab ihm den Bruder Deiphobos, den Sohn des Panthoos, Polydamas, und den Fürsten Aineias an die Seite; die mächtige Ausrüstung ging in die See und steuerte der griechischen Insel Kythera zu, wo sie zuerst zu landen gedachten. Unterwegs begegnete die Flotte dem Schiffe des griechischen Völkerfürsten und spartanischen Königs Menelaos, der auf einer Fahrt nach Pylos zu dem weisen Fürsten Nestor begriffen war. Dieser staunte, als er den mächtigen Schiffszug erblickte, und auch die Troianer betrachteten neugierig das schöne griechische Fahrzeug, das festlich ausgeschmückt, einen der ersten Fürsten Griechenlands zu tragen schien. Aber beide Teile kannten einander nicht, jeder besann sich, wohin wohl der andere fahren möge, und so flogen sie auf den Wellen aneinander vorüber. Die troianische Flotte kam glücklich auf der Insel Kythera an. Von dort wollte sich Paris nach Sparta begeben und mit den Zeussöhnen Kastor und Polydeukes (Pollux) in Unterhandlung treten, um seine Vatersschwester Hesione in Empfang zu nehmen. Würden die griechischen Helden sie ihm verweigern, so hatte er von seinem Vater den Befehl, mit der Kriegsflotte nach Salamis zu segeln und die Fürstin mit Gewalt zu entführen.
Ehe jedoch Paris diese Gesandtschaftsreise nach Sparta antrat, wollte er in einem der Aphrodite und Artemis gemeinschaftlich geweihten Tempel zuvor ein Opfer darbringen. Inzwischen hatten die Bewohner der Insel die Erscheinung der prächtigen Flotte nach Sparta gemeldet, wo in der Abwesenheit ihres Gemahls Menelaos die Fürstin Helena allein Hof hielt. Diese, eine Tochter des Zeus und der Leda und die Schwester des Kastor und Polydeukes, war die schönste Frau ihrer ganzen Zeit und als zartes Mädchen schon von Theseus entführt, aber von ihren Brüdern ihm wieder entrissen worden. Als sie, zur Jungfrau aufgeblüht, bei ihrem Stiefvater Tyndareos, König zu Sparta, heranwuchs, zog ihre Schönheit ein ganzes Heer Freier herbei, und der König fürchtete, wenn er einen von ihnen zum Eidam wählte, sich alle anderen zu Feinden zu machen. Da gab ihm Odysseus von Ithaka, der kluge griechische Held, den Rat, alle Freier durch einen Eid zu verpflichten, daß sie dem erkorenen Bräutigam gegen jeden anderen, der den König um dieser Heirat seiner Tochter willen anfeinden würde, mit den Waffen in der Hand beistehen wollten. Als Tyndareos dies vernommen, ließ er die Freier den Eid schwören, und nun wählte er selbst den Sohn des Atreus, Agamemnons Bruder, Menelaos den Argiverfürsten, gab ihm die Tochter zur Gemahlin und überließ ihm sein Königreich Sparta. Helena gebar ihrem Gemahl eine Tochter Hermione, die noch in der Wiege lag, als Paris nach Griechenland kam.
Wie nun die schöne Fürstin Helena, die in ihrem Palast während des Gemahls Abwesenheit freudlose Tage ohne Abwechslung verlebte, von der Ankunft der herrlichen Ausrüstung eines fremden Königssohnes auf der Insel Kythera Kunde erhielt, wandelte sie eine weibliche Neugierde an, den Fremdling und sein kriegerisches Gefolge zu schauen, und um dies Verlangen befriedigen zu können, veranstaltete auch sie ein feierliches Opfer im Artemistempel auf Kythera. Sie betrat das Heiligtum in dem Augenblick, als Paris sein Opfer vollbracht hatte. Wie dieser die eintretende Fürstin gewahr ward, sanken ihm die zum Gebet erhobenen Hände, und er verlor sich in Staunen, denn er meinte, die Göttin Aphrodite selbst wieder zu erblicken, wie sie ihm in seinem Hirtengehöfte erschienen war. Zwar war der Ruf ihrer Schönheit längst zu seinen Ohren gedrungen, und Paris war begierig gewesen, ihrer Reize in Sparta ansichtig zu werden. Doch hatte er gemeint, das Weib, das ihm die Göttin der Liebe verheißen hatte, müsse viel schöner sein, als die Beschreibung von Helena lautete. Auch dachte er bei der Schönen, die ihm versprochen war, an eine Jungfrau und nicht an die Gattin eines anderen. Jetzt aber, wo er die Fürstin von Sparta vor Augen sah, und ihre Schönheit mit der Schönheit der Liebesgöttin selbst wetteiferte, ward ihm plötzlich klar, daß nur dieses Weib es sein könne, das ihm Aphrodite zum Lohne für sein Urteil zugesagt hatte. Der Auftrag seines Vaters, der ganze Zweck der Ausrüstung und Reise schwand in diesem Augenblick aus seinem Geiste; er schien sich mit seinen Tausenden Bewaffneten nur dazu ausgesendet, Helena zu erobern. Während er so in ihre Schönheit versunken stand, betrachtete auch die Fürstin Helena den schönen asiatischen Königssohn mit dem langen lockigen Haarwuchs, in Gold und Purpur mit orientalischer Pracht gekleidet, mit nicht unterdrücktem Wohlgefallen, das Bild ihres Gemahls erbleichte in ihrem Geiste, und an seine Stelle trat die reizende Gestalt des jugendlichen Fremdlings.
Indessen kehrte Helena nach Sparta in ihren Königspalast zurück, suchte das Bild des schönen Jünglings aus ihrem Herzen zu verdrängen und wünschte ihren noch immer auf Pylos verweilenden Gatten Menelaos zurück. Statt seiner erschien Paris selbst mit seinem erlesenen Volke in Sparta und bahnte sich mit seiner Botschaft den Weg in des Königs Halle, obgleich dieser abwesend war. Die Gemahlin des Fürsten Menelaos empfing ihn mit der Gastfreundschaft, welche sie dem Fremden, und mit der Auszeichnung, welche sie dem Königssohn schuldig war. Da betörte seine Saitenkunst, sein einschmeichelndes Gespräch und die heftige Glut seiner Liebe das unbewachte Herz der Königin. Als Paris ihre Treue wanken sah, vergaß er den Auftrag seines Vaters und Volkes, und nur das trügerische Versprechen der Liebesgöttin stand vor seiner Seele. Er versammelte seine Getreuen, die bewaffnet mit ihm nach Sparta gekommen waren, und verführte sie durch Aussicht auf reiche Beute, in den Frevel zu willigen, welchen er mit ihrer Hilfe auszuführen gedachte. Dann stürmte er den Palast, bemächtigte sich der Schätze des griechischen Fürsten und entführte die schöne Helena widerstrebend und doch nicht ganz wider Willen nach der Insel und seiner Flotte.
Als er mit seiner reizenden Beute auf der See durch das ägäische Meer schwamm, überfiel die eilenden Fahrzeuge eine plötzliche Windstille; vor dem Königsschiffe, das den Räuber mit der Fürstin trug, teilte sich die Woge, und der uralte Meeresgott Nereus hob sein schilfbekränztes Haupt mit den triefenden Haar- und Bartlocken aus der Flut empor und rief dem Schiffe, welches wie mit Nägeln in das Wasser geheftet schien, das selber einem ehernen Walle glich, der sich um die Rippen des Fahrzeuges aufgeworfen hatte, seine fluchende Wahrsagung zu: "Unglücksvögel flattern deiner Fahrt voran, verfluchter Räuber! Die Griechen werden kommen mit Heeresmacht, verschworen, deinen Frevelbund und das alte Reich des Priamos zu zerreißen! Wehe mir, wieviel Rosse, wieviel Männer erblicke ich! Wie viele Leichen verursachst du dem dardanischen Volke! Schon rüstet Pallas ihren Helm, ihren Schild und ihre Wut! Jahrelang dauert der blutige Kampf, und den Untergang deiner Stadt hält nur der Zorn eines Helden auf. Aber wenn die Zahl der Jahre voll ist, wird griechischer Feuerbrand die Häuser Troias fressen!"
So rief der Greis und tauchte wieder in die Flut. Mit Entsetzen hatte Paris zugehört, als aber der Fahrwind wieder lustig blies, vergaß er bald im Arme der geraubten Fürstin die Prophezeiung und legte mit seiner ganzen Flotte vor der Insel Kranae vor Anker, wo die treulose und leichtsinnige Gattin des Menelaos ihm jetzt freiwillig ihre Hand reichte und das feierliche Beilager gehalten wurde. Da vergaßen beide Heimat und Vaterland und zehrten von den mitgebrachten Schätzen lange Zeit in Herrlichkeit und Freuden. Jahre vergingen, bis sie nach Troia aufbrachen.
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Die Griechen
Die Versündigung, die sich Paris als Gesandter zu Sparta gegen Völkerrecht und Gastrecht hatte zuschulden kommen lassen, trug im Augenblick ihre Früchte und empörte gegen ihn ein bei dem Heldenvolke der Griechen alles vermögendes Fürstengeschlecht. Menelaos, König von Sparta, und Agamemnon, sein älterer Bruder, König von Mykene, waren Nachkommen des Tantalos, Enkel des Pelops, Söhne des Atreus, aus einem an hohen wie an verruchten Taten reichen Stamme; diesen beiden mächtigen Brüdern gehorchten außer Argos und Sparta die meisten Staaten des Peloponnes, und die Häupter des übrigen Griechenlands waren mit ihnen verbündet. Als daher die Nachricht von dem Raube seiner Gattin Helena den König Menelaos bei seinem greisen Freunde Nestor zu Pylos traf, eilte der entrüstete Fürst zu seinem Bruder Agamemnon nach Mykene, wo dieser mit seiner Gemahlin Klytaimnestra, der Halbschwester Helenas, regierte. Dieser teilte den Schmerz und den Unwillen seines Bruders, doch tröstete er ihn und versprach, die Freier Helenas ihres Eides zu gemahnen. So bereisten die Brüder ganz Griechenland und forderten seine Fürsten zur Teilnahme an dem Kriege gegen Troia auf. Die ersten, die sich anschlössen, waren Tlepolemos, ein berühmter Fürst aus Rhodos, ein Sohn des Herakles, der sich erbot, neunzig Schiffe zu dem Feldzuge gegen die trügerische Stadt Troia zu stellen; dann Diomedes, der Sohn des unsterblichen Helden Tydeus, der mit achtzig Schiffen die mutigsten Peloponnesier der Unternehmung zuzuführen versprach. Nachdem diese beiden Fürsten mit den Atriden zu Sparta Rat gepflogen, erging die Aufforderung auch an die Dioskuren oder Zeussöhne Kastor und Polydeukes, die Brüder Helenas. Diese aber waren schon auf die erste Nachricht von der Entführung ihrer Schwester dem Räuber nachgesegelt und bis zur Insel Lesbos, ganz nahe an die troianische Küste gekommen; dort ergriff ein Sturm ihr Schiff und verschlang es. Die Dioskuren selbst verschwanden; aber die Sage versicherte, sie seien nicht in den Wellen umgekommen, sondern ihr Vater Zeus habe sie als Sternbilder an den Himmel versetzt, wo sie als Beschirmer der Schifffahrt und Schutzgötter der Schiffahrenden ihr segenvolles Amt von Zeitalter zu Zeitalter verwalten. Indessen erhob sich ganz Griechenland und gehorchte der Aufforderung der Atriden; zuletzt waren nur zwei berühmte Fürsten noch zurück. Der eine war der schlaue Odysseus aus Ithaka, der Gemahl Penelopes. Dieser wollte sein junges Weib und seinen zarten Knaben Telemachos der treulosen Gattin des Spartanerkönigs zuliebe nicht verlassen. Als daher Palamedes, der Sohn des Fürsten Nauplios aus Euboia, der vertraute Freund des Menelaos, mit dem Sparterfürsten deswegen zu ihm kam, heuchelte er Narrheit, spannte zu dem Ochsen einen Esel an den Pflug und pflügte mit dem seltsamen Paare sein Feld, indem er in die Furchen, die er zog, statt des Samens Salz ausstreute. So ließ er sich von beiden Helden treffen und hoffte dadurch von dem verhaßten Zuge frei zu bleiben. Aber der einsichtsvolle Palamedes durchschaute den verschlagensten aller Sterblichen, ging, während Odysseus seinen Pflug lenkte, heimlich in seinen Palast, brachte seinen jungen Sohn Telemachos aus der Wiege herbei und legte diesen in die Furche, über die Odysseus eben hinwegackern wollte. Da hob der Vater den Pflug sorgfältig über das Kind hinweg und wurde von den laut aufschreienden Helden seines Verstandes überwiesen. Er konnte sich jetzt nicht länger mehr weigern, an dem Zuge teilzunehmen und versprach, die bitterste Feindschaft gegen Palamedes in seinem listigen Herzen, zwölf bemannte Schiffe aus Ithaka und den Nachbarinseln dem König Menelaos zur Verfügung zu stellen.
Der andere Fürst, dessen Zustimmung noch nicht erfolgt, ja dessen Aufenthalt man nicht einmal kannte, war Achilleus (Achilles), der junge, aber herrliche Sohn des Peleus und der Meeresgöttin Thetis, Als dieser ein neugeborenes Kind war, wollte seine unsterbliche Mutter auch ihn unsterblich machen, steckte ihn, von seinem Vater Peleus ungesehen, des Nachts in ein himmlisches Feuer und fing so an zu vertilgen, was vom Vater her an ihm sterblich war. Bei Tage aber heilte sie die versengten Stellen mit Ambrosia. Dies tat sie von einer Nacht zur anderen. Einmal aber belauschte sie Peleus und schrie laut auf, als er seinen Sohn im Feuer zappeln sah. Diese Störung hinderte Thetis, ihr Werk zu vollbringen; sie ließ den unmündigen Sohn, der auf diese Weise sterblich geblieben war, trostlos liegen, entfernte sich und kehrte nicht mehr in den Palast ihres Gatten zurück, sondern entwich in das feuchte Wellenreich der Nereiden. Peleus aber, der seinen Knaben gefährlich verwundet glaubte, hob ihn vom Boden auf und brachte ihn zu dem großen Wundarzt, dem Erzieher so vieler Helden, dem weisen Kentauren Chiron. Dieser nahm ihn liebreich auf und nährte den Knaben mit Bärenmark und mit der Leber von Löwen und Ebern. Als nun Achilles neun Jahre alt war, erklärte der griechische Seher Kalchas, daß die ferne Stadt Troia in Asien, welcher der Untergang durch griechische Waffen bevorstehe, ohne diesen Knaben nicht erobert werden könne. Diese Wahrsagung drang auch zu seiner Mutter Thetis hinab zur See in ihr unsterbliches Ohr, und weil sie wußte, daß jener Feldzug ihrem Sohn den Tod bringen würde, so stieg sie wieder empor aus dem Meere, schlich sich in ihres Gatten Palast, steckte den Knaben in Mädchenkleider, und brachte ihn in dieser Verwandlung zu dem König Lykomedes auf der Insel Skyros, der ihn unter seinen Mädchen als Jungfrau heranwachsen ließ und in weiblichen Arbeiten großzog. Als aber dem Jüngling der Flaum um das Kinn zu keimen anfing, entdeckte er sich in seiner Verkleidung der lieblichen Tochter des Königs, Deidameia. Die gleiche zärtliche Neigung vereinigte in der Verborgenheit den Heldenjüngling mit der königlichen Jungfrau, und während er bei allen Bewohnern der Insel für eine Verwandte des Königs galt und auch bei Deidameia für nichts anderes gelten sollte, war er heimlich ihr Gemahl geworden. Jetzt, wo der Göttersohn zur Besiegung Troias unentbehrlich war, entdeckte der Seher Kalchas, dem, wie sein Geschick, so auch sein Aufenthalt kein Geheimnis geblieben, diesen den Atriden. Und nun schickten die Fürsten den Odysseus und den Diomedes ab, ihn in den Krieg zu holen. Als die Helden auf der Insel Skyros ankamen, wurden sie dem König und seinen Jungfrauenvorgeführt. Aber das zarte Jungferngesicht verbarg den künftigen Helden, und so scharfsichtig der Blick der beiden Griechenfürsten war, so vermochten sie doch nicht, ihn aus der Mädchenschar heraus zu erkennen. Da nahm Odysseus seine Zuflucht zu einer List. Er ließ, wie von ungefähr, in den Frauensaal, in dem die Mädchen sich befanden, einen Schild und einen Speer bringen und dann die Kriegstrompete blasen, als ob der Feind heranrückte. Bei diesen Schreckenstönen entflohen alle Frauen aus dem Saale, Achilles aber blieb allein zurück und griff mutig zu dem Speer und zu dem Schilde. Jetzt ward er von den Fürsten entlarvt und erbot sich, an der Spitze seiner Myrmidonen oder Thessalier, in Begleitung seines Erziehers Phoinix und seines Freundes Patroklos, welcher mit ihm einst bei Peleus aufgezogen worden war, mit fünfzig Schiffen zu dem griechischen Heere zu stoßen.
Zum Versammlungsort aller griechischen Fürsten und ihrer Scharen und Schiffe wurde die Hafenstadt Aulis in Boiotien, an der Meerenge von Euboia, durch Agamemnon ausersehen, den die Volkshäupter, als den tätigsten Beförderer der Unternehmung, zum obersten Befehlshaber ernannt hatten.
In jenem Hafen sammelten sich nun außer den genannten Fürsten mit ihren Schiffen unzählige andere. Die vornehmsten darunter waren der riesige Aias, der Sohn des Telamon aus Salamis und sein Halbbruder Teukros, der treffliche Bogenschütze; der kleine, schnelle Aias aus dem Lokrerlande; Menestheus aus Athen, Askalaphos und Ialmenos, Söhne des Kriegsgottes mit ihren Minyern aus Orchomenos; aus Boiotien Peneleos, Arkesilaos, Klonios, Prothoenor; aus Phokis Schedios und Epistrophos, aus Euboia und mit den Abantern Elephenor; mit einem Teile der Argiver und anderen Peloponnesiern außer Diomedes Sthenelos, der Sohn des Kapaneus, und Euryalos, der Sohn des Mekistheus; aus Pylos Nestor der Greis, der schon drei Menschenalter gesehen; aus Arkadien Agapenor, der Sohn des Ankaios; aus Elis und anderen Städten Amphimachos, Thalpios, Diores und Polyxenos; aus Dulichion und den echinadischen Inseln Meges, der Sohn des Phyleus; mit den Aitoliern Thoas, der Sohn des Andraimon; aus Kreta Idomeneus und Meriones, aus Rhodos der Heraklide Tlepolemos; aus Syme Nireus, der schönste Mann im griechischen Heere; aus den kalydnischen Inseln die Herakliden Pheidippos und Antiphos; aus Phylake Podarkes, Sohn des Iphiklos; aus Pherai in Thessalien Eumelos, der Sohn des Admetos und der frommen Alkestis; aus Methone, Thaumakia und Meliboia Philoktetes; aus Trikka, Ithome und Oichalia, die zwei heilkundigen Männer Podaleirios und Machaon; aus Ormenion und der Umgebung Eurypylos, der Sohn des Euaimon; aus Argissa und der Gegend Polypoites, der Sohn des Peirithoos, des Theseusfreundes; Guneus aus Kyphos, Prothoos aus Magnesia.
Dies waren nebst den Atriden, Odysseus und Achilles die Fürsten und Gebieter der Griechen, die, keiner mit wenigen Schiffen, sich in Aulis sammelten. Die Griechen selbst wurden damals bald Danaer genannt, von dem alten ägyptischen König Danaos her, der sich zu Argos im Peloponnes niedergelassen hatte, bald Argiver, von der mächtigsten Landschaft Griechenlands, Argolis, bald Achaier, von dem alten Namen Griechenlands, Achaia. Später heißen sie Griechen, von Graikos, dem Sohne des Thessalos, und Hellenen, von Hellen, dem Sohne des Deukalion und der Pyrrha.
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Botschaft der Griechen an Priamos
Unterdessen, solange die Ausrüstung der Griechen sich vorbereitete, ward von Agamemnon im Rate seiner Vertrauten und der ersten Häupter des Volkes, um auch gütliche Mittel nicht unversucht zu lassen, beschlossen, daß eine Gesandtschaft nach Troia an den König Priamos abgehen sollte, um sich über die Verletzung des Völkerrechts und den Raub der griechischen Fürstin zu beschweren und die entrissene Gattin des Fürsten Menelaos samt ihren Schätzen zurückzufordern. Es wurden hierzu in der Versammlung der Kriegshäupter Palamedes, Odysseus und Menelaos auserwählt, und obgleich Odysseus im Herzen der Todfeind des Palamedes war, so unterwarf er sich doch zum gemeinen Besten der Einsicht dieses Fürsten, der in dem griechischen Heere um seines Verstandes und seiner Erfahrung willen hoch gefeiert war, und überließ ihm willig die Ehre, am Hofe des Königs Priamos als Sprecher aufzutreten.
Die Troianer und ihr König waren über die Ankunft einer Gesandtschaft, die mit einer ansehnlichen Schiffsrüstung erschien, in kein geringes Staunen versetzt. Sie wußten von der unmittelbaren Ursache der Sendung noch nichts, denn Paris verweilte noch immer mit seiner geraubten Gattin auf der Insel Kranae und war in Troia verschollen. Priamos und sein Volk glaubten deswegen nicht anders, als der troianische Kriegszug, der die Gesandtschaft des Paris und die Zurückforderung der Hesione unterstützen sollte, habe Widerstand in Griechenland gefunden, und jetzt würden, nach Vernichtung desselben, die Griechen, übermütig geworden, über die See herbeikommen, die Troianer in ihrem eigenen Lande anzufallen. Die Nachricht, daß sich griechische Gesandte der Stadt näherten, versetzte sie daher in nicht geringe Spannung. Indessen öffneten sich jenen die Tore willig, und die drei Fürsten wurden sofort in den Palast des Priamos und vor den König selbst, der seine zahlreichen Söhne und Häupter der Stadt zu einem Rate zusammenberufen hatte, geführt. Palamedes ergriff vor dem König das Wort, beklagte sich bitter im Namen aller Griechen über die schändliche Verletzung des Gastrechtes, die sich sein Sohn Paris durch den Raub der Königin Helena hatte zuschulden kommen lassen. Dann entwickelte er die Gefahren eines Krieges, die dem Reiche des Priamos aus dieser Untat erwüchsen, zählte die Namen der mächtigsten Fürsten Griechenlands auf, die mit allen ihren Völkern auf mehr als tausend Schiffen vor Troia erschienen seien, und verlangte die gütliche Auslieferung der geraubten Fürstin. "Du weißt nicht, o König", so schloß er seine zornige Rede, "was für Sterbliche durch deinen Sohn beschimpft worden sind, es sind die Griechen, die alle lieber sterben, als daß einem einzigen von ihnen durch einen Fremdling ungerächte Kränkung widerfahre. Sie hoffen aber, indem sie dieses Unrecht zu rächen kommen, nicht zu sterben, sondern zu siegen, denn ihre Zahl ist wie der Sand am Meere, und alle sind von Heldenmut erfüllt, und alle brennen vor Begierde, die Schmach, die ihrem Volke widerfahren ist, in dem Urheber zu tilgen. Darum läßt euch unser oberster Feldherr, Agamemnon, König der mächtigen Landschaft Argos und der erste Fürst Griechenlands, und mit ihm lassen euch alle anderen Fürsten der Danaer sagen: Gebet die Griechin, die ihr uns gestohlen habt, heraus oder ihr seid alle des Untergangs gewärtig!"
Bei diesen trotzigen Worten ergrimmten die Söhne des Königs und die Ältesten von Troia, zogen ihre Schwerter und schlugen streitlustig an ihre Schilde. Aber König Priamos gebot ihnen Ruhe, erhob sich von seinem Königssitze und sprach: "Ihr Fremdlinge, die ihr im Namen eures Volkes so strafende Worte an uns richtet, gönnt mir erst, daß ich von meinem Staunen mich erhole. Denn wessen ihr mich beschuldigt, davon ist uns allen nichts bewußt; vielmehr sind wir es, die wir bei euch uns über das Unrecht zu beklagen haben, das ihr uns andichtet. Unsere Stadt hat euer Landsmann Herakles mitten im Frieden angefallen, aus unserer Stadt hat er meine unschuldige Schwester Hesione als Gefangene mit sich geführt und sie seinem Freunde, dem Fürsten Telamon auf Salamis, als Sklavin geschenkt; und es ist der gute Wille dieses Mannes, daß sie von ihm zu seiner ehelichen Gemahlin erhoben worden ist und nicht als Magd und Kebsweib dient. Doch konnte dies den unehrlichen Raub nicht wieder gut machen, und es ist schon die zweite Gesandtschaft, die diesmal unter meinem Sohne Paris nach eurem Lande abgegangen ist, meine freventlich geraubte Schwester zurückzuverlangen, damit ich wenigstens noch in meinem Greisenalter mich ihrer erfreuen könne. Wie mein Sohn Paris diesen meinen königlichen Auftrag ausgerichtet, was er getan hat, und wo er weilt, weiß ich nicht. In meinem Palaste und in unserer Stadt befindet sich kein griechisches Weib, dies weiß ich gewiß. Ich kann euch also die verlangte Genugtuung nicht geben, auch wenn ich wollte. Kommt mein Sohn Paris, wie mein väterlicher Wunsch ist, glücklich nach Troia zurück, und bringt er eine entführte Griechin mit sich, so soll euch diese ausgeliefert werden, wenn sie nicht als Flüchtige unseren Schutz anfleht. Aber auch dann werdet ihr sie unter keiner anderen Bedingung und nicht eher zurückerhalten, als bis ihr meine Schwester Hesione aus Salamis wieder in meine Arme zurückgeführt habt!"
Der Rat der Troianer stimmte diesen Worten des Königs zu; aber Palamedes sprach trotzig: "Die Erfüllung unserer Forderung, o König, läßt sich von keiner Bedingung abhängig machen. Wir glauben deinem ehrwürdigen Antlitz und der Rede deines Mundes, die uns versichert, daß die Gemahlin des Menelaos noch nicht in deinen Mauern angekommen ist. Sie wird aber kommen, zweifle nicht; ihre Entführung durch deinen unwürdigen Sohn ist nur allzu gewiß. Was zu unserer Väter Zeiten von Herakles geschehen ist, dafür sind wir nicht mehr verantwortlich. Aber was einer deiner Söhne uns jetzt eben von empörender Kränkung zugefügt hat, dafür verlangen wir Rechenschaft von dir. Hesione ist willig mit Telamon davongezogen, und sie selbst sendet einen Sohn in diesen Krieg, der euch bevorsteht, wenn ihr uns nicht Genugtuung gebet, den gewaltigen Fürsten Aias. Helena aber ist wider Willen und freventlich geraubt worden. Danket dem Himmel, der euch durch eures Räubers Zögerung Bedenkzeit gegeben hat, und fasset einen Beschluß, der das Verderben von euch abwendet."
Priamos und die Troianer empfanden die übermütige Rede des Gesandten Palamedes übel, doch ehrten sie an den Fremdlingen das Recht der Gesandtschaft; die Versammlung wurde aufgehoben und ein Ältester von Troia, der Sohn des Aisyetes und der Kleomestra, der verständige Antenor, schirmte die fremden Fürsten vor allen Beschimpfungen des Pöbels, führte sie in sein Haus und beherbergte sie dort mit edler Gastlichkeit bis zum anderen Morgen. Dann gab er ihnen das Geleite an den Strand, wo sie die glänzenden Schiffe wieder bestiegen, die sie herbeigeführt hatten.
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Agamemnon und Iphigenie
Während nun die Flotte zu Aulis sich versammelte, vertrieb der Völkerfürst Agamemnon sich die Zeit mit der Jagd. Da kam ihm eines Tages eine herrliche Hindin in den Schuß, die der Göttin Artemis geheiligt war. Die Jagdlust verführte den Fürsten; er schoß nach dem heiligen Wild und erlegte es mit dem prahlenden Worte, Artemis selbst, die Göttin der Jagd, vermöge nicht besser zu treffen. Über diesen Frevel erbittert, schickte die Göttin, als in der Bucht von Aulis alles Griechenvolk gerüstet mit Schiffen, Roß und Wagen beisammen war und der Seezug nun vor sich gehen sollte, dem versammelten Heere tiefe Windstille zu, so daß man ohne Ziel und Fahrt müßig in Aulis sitzen mußte. Die ratsbedürftigen Griechen wandten sich nun an ihren Seher Kalchas, den Sohn des Thestor, welcher dem Volke schon früher wesentliche Dienste geleistet hatte und jetzt erschienen war, als Priester und Wahrsager den Feldzug mitzumachen. Dieser tat auch jetzt den Ausspruch: "Wenn der oberste Führer der Griechen, der Fürst Agamemnon, Iphigenie, sein und Klytaimnestras geliebtes Kind, der Artemis opfert, so wird die Göttin versöhnt sein, Fahrwind wird kommen und der Zerstörung Troias wird kein übernatürliches Hindernis mehr im Wege stehen."
Diese Worte des Sehers raubten dem Feldherrn der Griechen allen Mut. Sogleich beschied er den Herold der versammelten Griechen, Talthybios aus Sparta, zu sich und ließ denselben mit hellem Heroldsruf vor allen Völkern verkündigen, daß Agamemnon den Oberbefehl über das griechische Heer niedergelegt habe, weil er keinen Kindsmord auf sein Gewissen laden wolle. Aber unter den versammelten Griechen drohte auf die Verkündigung dieses Entschlusses eine wilde Empörung auszubrechen. Menelaos begab sich mit dieser Schreckensnachricht zu seinem Bruder in das Feldherrnzelt, stellte ihm die Folgen seiner Entschließung, die Schmach, die ihn, den Menelaos, treffen würde, wenn sein geraubtes Weib Helena in Feindeshänden bleiben sollte, vor, und bot so beredt alle Gründe auf, daß endlich Agamemnon sich entschloß, den Greuel geschehen zu lassen. Er sandte an seine Gemahlin Klytaimnestra nach Mykene eine briefliche Botschaft, welche ihr befahl, die Tochter Iphigenie zum Heere nach Aulis zu senden, und bediente sich, um diesem Gebote Gehorsam zu verschaffen, des in der Not erdichteten Vorwandes, die Tochter solle, noch bevor das Heer der troianischen Küste zusegle, mit dem jungen Sohne des Peleus, dem herrlichen Phthierfürsten Achilles, von dessen geheimer Vermählung mit Deidameia niemand wußte, verlobt werden. Kaum aber war der Bote fort, so bekam in Agamemnons Herzen das Vatergefühl wieder die Oberhand. Von Sorgen gequält und voll Reue über den unüberlegten Entschluß, rief er noch in der Nacht einen alten, vertrauten Diener und übergab ihm einen Brief an seine Gemahlin Klytaimnestra zur Bestellung; in diesem stand geschrieben, sie sollte die Tochter nicht nach Aulis schicken, er, der Vater, habe sich eines anderen besonnen, die Vermählung müsse bis aufs nächste Frühjahr aufgeschoben werden. Der treue Diener eilte mit dem Briefe davon, aber er erreichte sein Ziel nicht. Noch ehe er vor der Morgendämmerung das Lager verließ, ward er von Menelaos, dem die Unschlüssigkeit des Bruders nicht entgangen war, der eben deswegen alle seine Schritte überwacht hatte, ergriffen, der Brief ihm mit Gewalt entrissen und sofort von dem jüngeren Atriden erbrochen. Das Blatt in der Hand trat Menelaos abermals in das Feldherrenzelt des Bruders. "Es gibt doch", rief er ihm unwillig entgegen, "nichts Ungerechteres und Ungetreueres als den Wankelmut! Erinnerst du dich denn gar nicht mehr, Bruder, wie begierig du nach dieser Feldherrenwürde warst, wie du vor übel verheimlichter Lust branntest, das Heer vor Troia zu führen? Wie demütig du dich da gegen alle griechischen Fürsten gebärdetest, wie gnädig du jedem Danaer die Rechte schütteltest? Deine Tür war stets unverschlossen; jedem, auch dem Untersten des Volkes, schenktest du Zutritt, und alle diese Geschmeidigkeit bezweckte nichts anderes, als dir jene Würde zu verschaffen. Aber als du nun Herr geworden warst, da war alles bald anders; da warst du nicht mehr deiner alten Freunde Freund, wie vorher; zu Hause warst du schwer zu treffen, draußen bei dem Heere zeigtest du dich nur selten. So sollte es ein Ehrenmann nicht machen; er sollte am meisten dann sich unveränderlich gegen seine Freunde zeigen, wenn er ihnen am meisten nützen kann! Du hingegen, wie hast du dich betragen? Als du mit dem Griechenheere nach Aulis gekommen warst und, vom göttlichen Geschicke heimgesucht, vergebens auf Fahrwind hofftest, und nun im Heere rings der Ruf sich hören ließ, laßt uns davonsegeln und nicht vergebens in Aulis uns abmühen! Wie verstört und trostlos blickte da dein Auge umher und wie wußtest du mitsamt deinen Schiffen keinen Rat! Damals beriefst du mich und verlangtest nach einem Auswege, deine schöne Feldherrnwürde nicht zu verlieren. Und als hierauf der Seher Kalchas befahl, anstatt eines Opfers der Artemis deine Tochter darzubringen, da gelobtest du nach kurzem Zuspruche freiwillig deines Kindes Opferung, und schicktest Botschaft an dein Weib Klytaimnestra, deine Tochter, scheinbar als Braut des Achilles, herzusenden. Und jetzt, o Schande, beugst du doch wieder aus und verfassest eine neue Schrift, durch welche du erklärst, des Kindes Mörder nicht werden zu können? Aber freilich, tausend anderen ist es schon so gegangen, wie dir. Rastlos, bis sie ans Ruder gelangt sind, treten sie später schimpflich zurück, wenn es gilt, das Ruder mit Aufopferung zu lenken. Und doch taugt keiner zum Heeresfürsten und Staatenlenker, der nicht Einsicht und Verstand hat und sie auch in den schwierigsten Lagen des Lebens nicht verliert!"
Solche Vorwürfe aus dem Munde des Bruders waren nicht geeignet, das Herz Agamemnons zu beruhigen. "Was schnaubst du so schrecklich", entgegnete er ihm, "was ist dein Auge wie mit Blut unterlaufen? Wer beleidigt dich denn; was vermissest du denn? Deine liebenswürdige Gattin Helena? Ich kann sie dir nicht wieder verschaffen! Warum hast du deines Eigentums nicht besser wahrgenommen? Bin ich denn töricht, wenn ich einen Mißgriff durch Besinnung wieder gutgemacht habe? Viel eher handelst du unvernünftig, der du aufs neue nach der Hand eines falschen Weibes trachtest, anstatt daß du froh sein solltest, ihrer losgeworden zu sein. Nein, nimmermehr entschließe ich mich, gegen mein eigenes Blut zu wüten. Weit besser stände dir selbst die gerechte Züchtigung deines buhlerischen Weibes an."
So haderten die Brüder miteinander, als ein Bote vor ihnen erschien und dem Fürsten Agamemnon die Ankunft seiner Tochter Iphigenie meldete, der die Mutter und sein kleiner Sohn Orestes auf dem Fuße folgten. Kaum hatte der Bote sich wieder entfernt, so überließ sich Agamemnon einer so trostlosen und herzzerreißenden Verzweiflung, daß Menelaos selbst, der bei der Ankunft der Botschaft auf die Seite getreten war, jetzt sich dem Bruder wieder näherte und nach seiner rechten Hand griff. Agamemnon reichte sie ihm wehmütig dar und sprach unter heißen Tränen: "Da hast du sie, Bruder; der Sieg ist dein! Ich bin vernichtet!" Menelaos dagegen schwor ihm, von der alten Forderung abstehen zu wollen; ja er mahnte ihn selbst jetzt, sein Kind nicht zu töten, und erklärte, einen guten Bruder um Helenas willen nicht verderben und nicht verlieren zu wollen. "Bade doch dein Angesicht nicht länger in Tränen", rief er. "Gibt der Götterspruch mir Anteil an deiner Tochter, so wisse, daß ich denselben ausschlage und meinen Teil dir abtrete! Wundere dich nicht, daß ich von der Heftigkeit meiner natürlichen Gemütsart umgekehrt bin zur Bruderliebe; denn Biedermannsweise ist es, der besseren Überzeugung zu folgen, sobald sie in unserem Herzen die Oberhand gewinnt!"
Agamemnon warf sich dem Bruder in den Arm, doch ohne über das Geschick seiner Tochter beruhigt zu sein. "Ich danke dir", sprach er, "lieber Bruder, daß uns gegen Verhoffen dein edler Sinn wieder zusammengeführt hat. Über mich aber hat das Schicksal entschieden. Der blutige Tod der Tochter muß vollzogen sein; das ganze Griechenheer verlangt ihn; Kalchas und der schlaue Odysseus sind einverstanden; sie werden das Volk auf ihrer Seite haben, dich und mich ermorden und mein Töchterlein abschlachten lassen. Und flöhen wir gen Argos, glaube mir, sie kämen und rissen uns aus den Mauern hervor und schleiften die alte Kyklopenstadt! Deswegen beschränke dich darauf, Bruder, wenn du in das Lager kommst, darüber zu wachen, daß meine Gemahlin Klytaimnestra nichts erfahre, bis daß mein und ihr Kind dem Orakelspruch erlegen ist!"
Die herannahenden Frauen unterbrachen das Gespräch der Brüder, und Menelaos entfernte sich in trüben Gedanken.
Die Begrüßung der beiden Gatten war kurz und von Agamemnons Seite frostig und verlegen; die Tochter aber umschlang den Vater mit kindlicher Zuversicht und rief: "O Vater, wie entzückt mich dein lange entbehrtes Angesicht!" Als sie ihm hierauf näher in sein sorgenvolles Auge sah, fragte sie zutraulich: "Warum ist dein Blick so unruhig, Vater, wenn du mich so gern siehst?" - "Laß das, Töchterchen", erwiderte der Fürst mit beklommenem Herzen, "den König und den Fürsten kümmert gar vielerlei." - "So verbanne doch diese Furchen", sprach Iphigenie, "und schlage ein liebendes Auge zu deiner Tochter auf! Warum ist es denn so von Tränen angefeuchtet?" - "Weil uns eine lange Trennung bevorsteht", erwiderte der Vater. - "O wie glücklich wäre ich", rief das Mädchen, "wenn ich deine Schiffsgefährtin sein dürfte!" -"Nun, auch du wirst eine Fahrt anzutreten haben", sagte Agamemnon ernst, "zuvor aber opfern wir noch - ein Opfer, bei dem du nicht fehlen wirst, liebe Tochter!" Die letzten Worte erstickten unter Tränen, und er schickte das ahnungslose Kind in das für sie bereit gehaltene Zelt zu den Jungfrauen, die in ihrem Gefolge gekommen waren. Mit der Mutter mußte der Atride seine Unwahrheit fortsetzen, und die fragende, neugierige Fürstin über Geschlecht und Verhältnisse des ihr zugedachten Bräutigams unterhalten. Nachdem sich Agamemnon von der Gemahlin losgemacht, begab er sich zu dem Seher Kalchas, um mit diesem das Nähere wegen des unvermeidlichen Opfers zu verabreden.
Derweilen mußte der tückische Zufall Klytaimnestra im Lager mit dem jungen Fürsten Achilles, der den Heerführer Agamemnon aufsuchte, weil seine Myrmidonen den längeren Verzug nicht ertragen wollten, zusammenführen, und sie nahm keinen Anstand, ihn als den künftigen Eidam mit freundlichen Worten zu begrüßen. Aber Achilles trat verwundert zurück. "Von welcher Hochzeit redest du, Fürstin?" sprach er. "Niemals habe ich um dein Kind gefreit, nie ist ein Einladungswort zur Vermählung von deinem Gemahl Agamemnon an mich gelangt!" So begann das Rätsel sich vor Klytaimnestras Augen aufzuhellen, und sie stand unentschlossen und voll Beschämung vor Achilles. Dieser aber sagte mit jugendlicher Gutmütigkeit: "Laß dich's nicht kümmern, Königin, wenn auch jemand seinen Scherz mit dir getrieben hätte, nimm es leicht, und verzeih mir, wenn mein Erstaunen dir wehe getan hat." Und so wollte er mit ehrerbietigem Gruße davoneilen, den Feldherrn aufzusuchen, da öffnete eben ein Diener das Zelt Agamemnons und rief mit verstörter Miene den beiden Sprechenden entgegen; es war der vertraute Sklave Agamemnons und Klytaimnestras, den Menelaos mit dem Briefe ergriffen hatte. "Höre", sprach er leise, doch atemlos, "was dir dein treuer Diener zu vertrauen hat, deine Tochter will der Vater eigenhändig töten!" Und nun erfuhr die zitternde Mutter das ganze Geheimnis aus dem Munde des getreuen Sklaven. Klytaimnestra warf sich dem jungen Sohne des Peleus zu Füßen, und seine Knie wie eine Schutzflehende umfassend, rief sie: "Ich erröte nicht, so vor dir im Staube zu liegen, ich, die Sterbliche, vor dem Göttersprößling. Weiche, Stolz! vor der Mutterpflicht. Du aber, o Sohn der Göttin, rette mich und mein Kind von der Verzweiflung! Dir, als ihrem Gatten, habe ich sie bekränzt hierher geführt; zwar eitlerweise, dennoch heißest du mir meines Mädchens Bräutigam! Bei allem, was dir teuer ist, bei deiner göttlichen Mutter beschwöre ich dich, hilf sie mir jetzt retten. Siehe, ich habe keinen Altar, zu dem ich flüchten könnte, als deine Knie! Du hast Agamemnons grausames Unterfangen gehört; du siehst, wie ich, ein wehrloses Weib, in die Mitte eines gewalttätigen Heeres eingetreten bin! Breite über uns deinen Arm aus, so ist uns geholfen!"
Achilles hob die vor ihm liegende Königin voll Ehrfurcht vom Boden und sprach: "Sei getrost, Fürstin! Ich bin in eines frommen, hilfreichen Mannes Hause aufgezogen worden; am Herde Chirons habe ich schlichte, redliche Sinnesart gelernt. Ich gehorche den Söhnen des Atreus gern, wenn sie mich zum Ruhme führen, aber schnödem Befehle gehorche ich nicht. Darum will ich dich schützen, so weit es den Armen eines Jünglings möglich ist, und nimmermehr soll deine Tochter, die einmal mein genannt wurde, von ihrem Vater hingewürgt werden. Ich selbst erschiene mir nicht unbefleckt, wenn meine erlogene Brautschaft dieses Kind verdürbe, ich käme mir wie der feigste Wicht im Heere und wie der Sohn eines Missetäters vor, wenn mein Name deinem Gemahl zum Vorwand eines Kindesmordes dienen könnte." - "Ist das wirklich dein Wille, edler, mitleidiger Fürst", rief Klytaimnestra außer sich vor Freude, "oder erwartest du vielleicht noch, daß auch meine Tochter deine Knie als Schutzflehende umschlingen soll? Zwar ist es nicht jungfräulich; aber wenn es dir gefällt, so wird sie züchtiglich nahen, wie es einer Freigeborenen ziemt." - "Nein", entgegnete ihr Achilles, "führe dein Mädchen nicht vor mein Angesicht, damit wir nicht in Verdacht und üble Nachrede kommen, denn ein so großes Heer, das keine Heimatsorgen hat, liebt faules Geschwätz; aber vertraue mir, ich habe nie gelogen. Möge ich selbst sterben, wenn ich dein Kind nicht rette." Mit dieser Versicherung verließ der Sohn des Peleus Iphigenies Mutter, die jetzt mit unverhohlenem Abscheu vor ihren Gatten Agamemnon trat. Dieser, der nicht wußte, daß der Gemahlin das Geheimnis verraten war, rief ihr die zweideutigen Worte entgegen: "Entlaß jetzt dein Kind aus dem Zelte und übergib es dem Vater, denn Mehl und Wasser und das Opfer, das unter dem Stahle vor dem Hochzeitsfest fallen soll, alles ist schon bereit." - "Vortrefflich", rief Klytaimnestra und ihr Auge funkelte, "tritt selbst aus unserem Zelte heraus, o Tochter, du kennst ja gründlich deines Vaters Willen, nimm auch deinen kleinen Bruder Orestes mit heraus!" Und als die Tochter erschienen war, fuhr sie fort: "Siehe, Vater, hier steht sie dir zu Gehorsam da, laß aber mich zuvor ein Wort an dich richten: sage mir aufrichtig, willst du wirklich meine und deine Tochter umbringen?" Lange stand der Feldherr lautlos da, endlich rief er in Verzweiflung aus: "O mein Verhängnis, mein böser Geist! Aufgedeckt ist mein Geheimnis, alles ist verloren!" - "So höre mich denn", sprach Klytaimnestra weiter, "ich will mein ganzes Herz vor dir ausschütten. Mit einem Verbrechen hat unsere Ehe begonnen, du hast mich gewaltsam entführt, du hast meinen früheren Gatten erschlagen, mein Kind mir von der Brust genommen und getötet. Schon zogen meine Brüder Kastor und Polydeukes auf ihren Rossen mit Heeresmacht gegen dich heran. Mein alter Vater Tyndareos war es, der dich, den Flehenden rettete, und so wurdest du wieder mein Gemahl. Du selbst wirst es bezeugen, daß ich tadellos in diesem Ehebunde war, deine Wonne im Hause und dein Stolz draußen. Drei Mädchen und diesen Sohn habe ich dir geboren, und nun willst du des ältesten Kindes mich berauben, und fragt man dich warum, so antwortest du: damit dem Menelaos seine Ehebrecherin wieder zuteil werde! O zwinge mich nicht, bei den Göttern, schlecht gegen dich zu werden, und sei nicht schlecht gegen mich! Du willst deine Tochter schlachten? Welch Gebet willst du dabei sprechen, was willst du dir beim Tochtermord erflehen? Eine unglückselige Rückkehr, so wie du jetzt schmählich von Hause wegziehst? Oder soll ich etwa Segen für dich erbitten? Müßte ich doch die Götter selbst zu Mördern machen, wenn ich es täte! Warum soll es denn dein eigenes Kind sein, das als Opfer fällt? Warum sprichst du nicht zu den Griechen: ‚Wenn ihr vor Troia schiffen wollt, so werfet das Los darüber, wessen Tochter sterben soll.' Nun soll ich, deine treue Gattin, mein Kind verlieren, während er, dessen Sache ausgefochten wird, Menelaos, seiner Tochter Hermione sich ohne Sorge erfreuen darf, während seine treulose Gattin dieses Kind in Spartas Pflege geborgen weiß! Antworte, ob ich ein einziges unrechtes Wort gesagt habe. Ward aber von mir die Wahrheit gesprochen, o so töte doch deine und meine Tochter nicht, tue es nicht, besinne dich!"
Jetzt warf sich auch Iphigenie zu den Füßen ihres Vaters und sprach mit erstickter Stimme: "Besäße ich den Zaubermund des Orpheus, o Vater, daß ich Felsen lenken könnte, so wollte ich mich mit beredten Worten an dein Mitleid wenden. Jetzt aber sind alle meine Künste nur Tränen, und anstatt des Ölzweiges umflechte ich deine Knie mit meinem Leibe. Verdirb mich nicht frühzeitig, Vater, lieblich ist das Licht zu schauen, nötige mich nicht, das zu sehen, was die Nacht verbirgt! Gedenke deiner Liebkosungen, mit welchen du mich als Kind auf deinem Vaterschoße gewiegt hast. Noch weiß ich alle deine Reden, wie du hofftest, mich in eines edlen Mannes Wohnung einzuführen, mich in Wohlergehen und Blüte zu schauen, wenn du heimgekehrt wärest. Du aber hast das alles vergessen; du willst mich töten! O tue es nicht, bei dieser Mutter beschwöre ich dich, die mich mit Schmerzen geboren hat und jetzt noch größeren Schmerz um mich empfindet! Was gehen mich Helena und Paris an? Warum muß ich sterben, weil er nach Griechenland gekommen ist? O blicke mich an; gönne mir dein Auge, deinen Kuß, daß ich doch sterbend noch ein Andenken von dir empfange, wenn dich mein Wort nicht mehr zu rühren vermag! Sieh deinen Knaben, meinen Bruder, an, Vater; schweigend fleht er für mich. Er ist noch ein Küchlein; ich aber bin herangereift! So laß dich doch erweichen und erbarme dich meiner. Das Licht zu schauen ist für Sterbliche doch das Holdseligste! Elend leben ist besser als der allerschönste Tod!"
Aber Agamemnons Entschluß war gefaßt, er stand unerbittlich wie ein Fels und sprach: "Wo ich Mitleid fühlen darf, da fühle ich Mitleid: denn ich liebe meine Kinder, ich wäre ja sonst ein Rasender. Mit schwerem Herzen, o Gemahlin, führe ich das Schreckliche aus, aber ich muß. Ihr seht ja, welch ein Schiffsheer mich umringt, wie viele Fürsten im Kriegspanzer mich umstehen; diese finden die Fahrt nach Troia nicht, Troia wird nicht erobert, wenn ich dich nicht opfere, Kind, nach dem Ausspruche des Sehers. Diese Helden alle wollen den Entführungen der Griechenfrauen ein Ziel stecken; sie sind es fest entschlossen; und bekämpfte ich nun diesen Götterspruch, so mordeten sie euch und mich. Hier hat meine Macht eine Grenze, nicht meinem Bruder Menelaos, sondern ganz Griechenland weiche ich."
Ohne weitere Bitten abzuwarten, entfernte sich der König und ließ die jammernden Frauen allein in seinem Zelte. Da hallte plötzlich Waffenlärm vor diesem. "Es ist Achilles", rief Klytaimnestra freudig. Vergebens suchte sich Iphigenie in tiefer Beschämung vor dem erheuchelten Bräutigam zu verbergen. Der Sohn des Peleus trat, von einigen Bewaffneten begleitet, hastig in das Zelt: "Unglückliche Tochter Ledas", rief er, "das ganze Lager ist im Aufruhr und verlangt den Tod deiner Tochter; ich selbst, der mich dem Geschrei widersetzte, wäre fast gesteinigt worden." - "Und deine Myrmidonen?" fragte Klytaimnestra mit stockendem Atem. "Die empörten sich zuerst", fuhr Achilles fort, "und schalten mich einen liebeskranken Schwätzer. Mit diesem treuen Häuflein hier komme ich, euch gegen den anrückenden Odysseus zu verteidigen. Tochter, klammere dich an deine Mutter; mein Leib soll euch decken, ich will sehen, ob sie es wagen, den Sohn der Göttin anzugreifen, von dessen Leben das Schicksal Troias abhängt." Diese letzten Worte, die einen Schimmer von Hoffnung enthielten, gaben der Mutter den Atem wieder.
Jetzt aber machte sich Iphigenie aus ihren Armen los, richtete ihr Haupt auf und stellte sich mit entschlossenen Schritten vor die Königin und den Fürsten: "Höret meine Reden an!" sprach sie mit einer Stimme, die alles Zittern verloren hatte, "vergebens, liebe Mutter, zürnst du deinem Gatten; er kann sich nicht gegen das Notwendige stemmen. Alles Lob verdient der Eifer dieses Fremdlings, aber er wird es büßen müssen und du wirst gelästert werden. Höret deswegen den Entschluß, den mir die Überlegung eingegeben hat. Ich habe beschlossen zu sterben, ich verbanne jede niedrige Regung aus meiner freien Brust und will es vollenden. Auf mir ruht jetzt jedes Auge des herrlichen Griechenlandes, auf mir die Fahrt der Flotte und der Fall Troias, auf mir die Ehre der griechischen Frauen. Alles dieses werde ich mit meinem Tode schirmen; mit Ruhm wird sich mein Name bedecken, die Befreierin Griechenlands werde ich heißen. Soll ich, eine Sterbliche, der Göttin Artemis in den Weg treten, weil es ihr gefällt, mein Leben für das Vaterland zu verlangen? Nein, ich gebe es willig dahin, opfert mich, zerstöret Troia, das wird mein Denkmal sein und mein Hochzeitsfest."
Mit leuchtendem Blicke, wie eine Göttin, stand Iphigenie vor der Mutter und dem Peliden, während sie also sprach. Da senkte sich der herrliche Jüngling Achilles vor ihr auf ein Knie und rief: "Kind Agamemnons! Die Götter machten mich zum glückseligsten Menschen, wenn mir deine Hand zuteil würde. Um dich beneide ich Griechenland und um Griechenland, das dir angetraut ist, dich. Liebessehnsucht ergreift mich nach dir, du Herrliche, nun ich dein Wesen geschaut habe. Erwäg' es wohl! Der Tod ist ein schreckliches Übel, ich aber möchte dir gern Gutes tun, möchte dich heimführen zum Leben und Glück!" Lächelnd erwiderte ihm Iphigenie: "Männerkrieg und Mord genug hat Frauenschönheit durch die Tyndaridin Helena angeregt, mein lieber Freund, stirb nicht auch du für ein Weib, noch töte jemand um meinetwillen. Nein, laß mich Griechenland retten, wenn ich es vermag!" - "Erhabene Seele", rief der Pelide, "tue, was dir gefällt, ich aber eile mit diesen meinen Waffen zum Altar, deinen Tod zu hindern. In deiner Unbesonnenheit darfst du mir nicht sterben, vielleicht nimmst du mich noch beim Worte, wenn du den Mordstahl auf deinen Nacken gezückt siehst." So eilte er der Jungfrau voran, die bald darauf, der Mutter alle Klage verbietend und ihr den kleinen Bruder Orestes auf die Arme legend, im beseligenden Bewußtsein, das Vaterland zu retten, dem Tode freudig entgegenging. Die Mutter warf sich im Zelt auf ihr Angesicht und vermochte nicht, ihr zu folgen.
Unterdessen versammelte sich die ganze griechische Heeresmacht in dem blumenreichen Haine der Göttin Artemis vor der Stadt Aulis. Der Altar war errichtet und neben ihm stand der Seher und Priester Kalchas. Ein Ruf des Staunens und Mitleids ging durch das ganze Heer, als man Iphigenie, von ihren treuen Dienerinnen begleitet, den Hain betreten und auf den Vater Agamemnon zuwandeln sah. Dieser seufzte laut auf, wandte sein Angesicht zurück und verbarg einen Tränenstrom in sein Gewand. Die Jungfrau aber stellte sich dem Vater zur Seite und sprach: "Lieber Vater, siehe, hier bin ich schon! Vor der Göttin Altar übergebe ich mein Leben, wenn es der Götterspruch so gebeut, den Führern des Heeres zum Opfer fürs Vaterland. Mich freut es, wenn ihr glücklich seid und mit Siegeslohn zur Heimat wiederkehrt. Berühre mich darum auch kein Argiver, mutig und still will ich den Nacken dem Opferstahle bieten!"
Ein lautes Staunen ging durch das Heer, als es Zeuge solchen Hochsinnes ward. Nun gebot Talthybios, der Herold, in der Mitte stehend, Stillschweigen und Andacht. Der Seher Kalchas zog einen blanken, schneidenden Stahl aus der Seite und legte ihn vor dem Altar in einem goldenen Korbe nieder. Jetzt trat Achilles in voller Waffenrüstung und mit gezücktem Schwerte vor den Altar. Aber ein Blick der Jungfrau verwandelte auch seinen Entschluß. Er warf das Schwert auf die Erde, besprengte den Altar mit Weihwasser, ergriff den Opferkorb, umwandelte den Festaltar wie ein Priester und sprach: "O hohe Göttin Artemis, nimm dieses heilige, freiwillige Opfer, das unbefleckte Blut des schönen Jungfrauennackens, das Agamemnon und Griechenlands Heer dir jetzo weiht, gnädig an, gib unseren Schiffen glückliche Fahrt und Troias Sturz unseren Speeren!" Die Atriden und das ganze Heer standen stumm zur Erde blickend. Der Priester Kalchas nahm seinen Stahl, betete, und faßte die Kehle der Jungfrau scharf ins Auge. Deutlich hörte man den Fall seines Schlages. Aber, o Wunder, in demselben Augenblicke war die Jungfrau aus den Augen des Heeres verschwunden. Artemis hatte sich ihrer erbarmt, und eine Hindin von hohem Wuchs und herrlicher Gestalt lag zappelnd auf dem Boden und besprengte mit reichlichem Opferblute den Altar. "Ihr Führer des vereinten Griechenheeres", rief Kalchas, nachdem er sich von seinem freudigen Staunen erholt hatte, "sehet hier das Opfer, welches die Artemis gesandt hat, und das ihr willkommener ist als die Jungfrau, deren edles Blut den Altar nicht besudeln sollte. Die Göttin ist versöhnt, gibt unseren Schiffen fröhliche Fahrt und verspricht uns die Erstürmung Troias. Seid guten Mutes, ihr Seegefährten, denn noch an diesem Tage verlassen wir die Bucht von Aulis!" So sprach er und sah zu, wie das Opfertier allmählich vorn Feuer verkohlt ward. Als der letzte Funke erloschen war, unterbrach die Stille der Luft ein Sausen des Windes, die Blicke des Heeres kehrten sich nach dem Hafen und sahen hier die Schiffe im bewegten Meere schwanken. Mit lautem Jubelrufe ward aus dem Haine aufgebrochen, und alles Volk eilte nach den Zelten.
Als Agamemnon in seinem Zelte ankam, fand er seine Gattin Klytaimnestra nicht mehr dort; ihr treuer Diener war ihm vorausgeeilt und hatte die ohnmächtig auf dem Boden Liegende mit der Nachricht von der Rettung ihrer Tochter erweckt und aufgerichtet. Mit einem flüchtigen Gefühl des Dankes und der Freude erhob die zur Besinnung gekommene Königin ihre Hände gen Himmel, dann aber rief sie mit bitterem Schmerze: "Mein Kind ist mir doch geraubt! Er ist doch der Mörder meiner Mutterfreude! Laß uns eilen, daß meine Augen den Kindesmörder nicht schauen!" Der Diener eilte, den Wagen und das Gefolge zu bestellen, und als Agamemnon von dem Opferfest zurückkam, war seine Gemahlin schon fern auf dem Wege nach Mykene.
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Abfahrt der Griechen - Aussetzung des Philoktetes
Noch an demselben Tage ging die Flotte der Griechen unter Segel, und der günstige Fahrwind führte sie schnell auf die hohe See. Nach einer kurzen Fahrt landeten sie auf der kleinen Insel Chryse, um frisches Wasser einzunehmen. Hier entdeckte Philoktetes, der Sohn des Königs Poias aus Meliboia in Thessalien, der erprobte Held und Waffengefährte des Herakles, der Erbe seiner unüberwindlichen Pfeile, einen verfallenen Altar, welchen einst der Argonaute Iason auf seiner Fahrt der Göttin Pallas Athene, der die Insel heilig war, geweiht hatte. Der fromme Held freute sich seines Fundes und wollte der Beschirmerin der Griechen auf ihrem verlassenen Heiligtume opfern. Da schoß eine giftige Natter, dergleichen die Heiligtümer der Götter zu bewachen pflegten, auf den Herantretenden zu und verwundete den Helden mit ihrem Biß am Fuße. Erkrankt wurde er wieder zu Schiffe gebracht, und die Flotte segelte weiter. Die giftige und stets weiter fressende Wunde aber peinigte den Sohn des Poias mit unerträglicher Qual, und seine Schiffsgenossen konnten den üblen Geruch des eiternden Geschwüres und sein beständiges Jammergeschrei nicht länger aushaken. Keine Spende, kein Opfer vermochten sie ruhig darzubringen; in alles mischte sich sein unheimlicher Angstruf. Endlich traten die Söhne des Atreus mit dem verschlagenen Odysseus zusammen, denn die Unzufriedenheit der Begleiter des kranken Helden fing an, sich durch das ganze Heer zu verbreiten, welches fürchtete, daß der wunde Philoktetes das Lager von Troia verpesten und den Griechen mit seiner endlosen Wehklage das Leben verbittern möchte. Deswegen faßten die Anführer des Volkes den grausamen Entschluß, als sie an der wüsten und unbewohnbaren Küste der Insel Lemnos vorüberfuhren, den armen Helden hier auszusetzen, und bedachten dabei nicht, daß sie mit dem tapfern Manne sich zugleich seiner unüberwindlichen Geschosse beraubten. Der schlaue Odysseus erhielt den Auftrag, diesen hinterlistigen Anschlag zu vollführen. Er lud den schlafenden Helden sich auf, fuhr mit ihm auf einem Nachen an den Strand und legte ihn hier unter einer nahen Felsengrotte nieder, nachdem er so viel Kleidungsstücke und Lebensmittel zurückgelassen hatte, als zur kümmerlichen Fristung seines Lebens für die nächsten Tage nötig waren. Das Schiff hatte am Strande nur so lange angehalten, als es Zeit bedurfte, den Unglücklichen auszusetzen, dann segelte es, sobald Odysseus zurückgekehrt war, weiter und vereinigte sich bald wieder mit dem übrigen Zuge.
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Die Griechen in Mysien - Telephos
Die griechische Flotte kam jetzt glücklich an die Küste von Kleinasien. Da aber die Helden der Gegend nicht recht kundig waren, ließen sie sich von dem günstigen Winde zuerst fern von Troia an die mysische Küste treiben und legten sich mit allen ihren Schiffen vor Anker. Längs des Gestades fanden sie zur Bewachung des Ufers allenthalben Bewaffnete aufgestellt, die ihnen im Namen des Landesherrn verboten, dies Gebiet zu betreten, bevor dem König gemeldet wäre, wer sie seien. Der König von Mysien war aber selbst ein Grieche, Telephos, der Sohn des Herakles und der Auge, der nach wunderbaren Schicksalen seine Mutter bei dem König Teuthras in Mysien antraf, des Königs Tochter Argiope zur Gemahlin erhielt und nach dessen Tode König der Mysier geworden war. Die Griechen, ohne zu fragen, wer der Herr des Landes wäre, und ohne den Wächtern eine Antwort zu erteilen, griffen zu den Waffen, stiegen ans Land und hieben die Küstenwächter nieder. Wenige entrannen und meldeten dem König Telephos, wieviel tausend unbekannte Feinde in sein Land gefallen seien, die Wachen niedergemetzelt hätten und sich im Besitz des Ufers befänden. Der König sammelte in aller Eile einen Heerhaufen und ging den Fremdlingen entgegen. Er selbst war ein herrlicher Held und seines Vaters Herakles würdig, hatte auch seine Kriegsscharen zu griechischer Heereszucht gebildet. Die Danaer fanden deswegen einen Widerstand, wie sie ihn nicht erwartet hatten, denn es entspann sich ein blutiges und lange unentschiedenes Treffen, in welchem sich Held mit Helden maß. Unter den Griechen tat sich in der Schlacht besonders Thersander hervor, der Enkel des berühmten Königs Oidipus und Sohn des Polyneikes, der vertraute Waffengenosse des Fürsten Diomedes, der schon als Epigone sich berühmt gemacht hatte. Dieser raste in dem Heere des Telephos mit Mord und erschlug endlich den geliebtesten Freund und ersten Krieger des Königs an seiner Seite. Darüber entbrannte der König in Wut, und es entspann sich ein grimmiger Zweikampf zwischen dem Enkel des Oidipus und dem Sohne des Herakles. Der Heraklide siegte, und Thersander sank, von einem Lanzenstich durchbohrt, in den Staub. Laut seufzte sein Freund Diomedes auf, als er dies aus der Ferne sah, und ehe der König Telephos sich auf den Leichnam werfen und ihm die Rüstung abziehen konnte, war er herzugesprungen, hatte sich den Leichnam des Freundes über die Schultern gelegt und eilte mit Riesenschritten, ihn aus dem Kampfgewühl zu tragen. Als der Held mit seiner Last fliehend an Aias und Achilles vorüberkam, durchfuhr auch diese Helden ein schmerzlicher Zorn, sie sammelten ihre wankenden Scharen, teilten sie in zwei Haufen und gaben durch eine geschickte Schwenkung dem Treffen eine andere Gestalt. Die Griechen waren jetzt bald wieder im Vorteil, und als Teuthrantios, der Halbbruder des Telephos, von einem Geschoß des Aias gefallen war und Telephos selbst, in der Verfolgung des Odysseus begriffen, dem sinkenden Bruder zu Hilfe kommen wollte, strauchelte er über einen Weinstock, denn durch die Geschicklichkeit der Griechen waren die kämpfenden Scharen der Feinde in eine Weinpflanzung gelockt worden, in der die Stellung der Danaer die günstigere war. Diesen Augenblick ersah sich Achilles, und während Telephos vom Fall sich aufrichtete, durchbohrte sein Wurfspieß die linke Weiche des Mysiers. Dieser richtete sich dennoch auf, zog das Geschoß aus der Seite und, durch den Zusammenlauf der Seinigen beschirmt, entging er weiterer Gefahr. Und noch lange hätte das Treffen mit abwechselndem Glück fortgedauert, wenn nicht die Nacht eingebrochen wäre und beide Teile, der Ruhe bedürftig, sich von dem Kampfplatz zurückgezogen hätten. Und so begaben sich die Mysier nach ihrer Königsstadt, die Griechen nach ihrem Ankerplatz zurück, nachdem von beiden Seiten viele tapfere Männer gefallen, viele verwundet waren. Am folgenden Tage schickten beide Teile Gesandte wegen eines Waffenstillstandes, damit die Leiber der Gefallenen zusammengesucht und begraben werden könnten. Jetzt erst erfuhren die Griechen zu ihrem Staunen, daß der König, der sein Gebiet so heldenmütig verteidigt habe, ihr Volksgenosse und der Sohn ihres größten Halbgottes sei, und Telephos ward mit Schmerzen inne, daß ihm Bürgerblut an den Händen klebe. Nun fand es sich auch, daß im griechischen Heere drei Fürsten waren, Tlepolemos, ein Sohn des Herakles, Pheidippos und Antiphos, Söhne des Königs Thessalos und Enkel des Herakles, diese drei also Verwandte des Königs Telephos. Diese nun erboten sich, im Geleit der mysischen Gesandten vor ihren Bruder und Vetter Telephos zu gehen und ihm näher zu berichten, wer die Griechen seien, die an seiner Küste gelandet und in welcher Absicht sie nach Asien kämen. Der König Telephos nahm seine Verwandten liebreich auf und konnte sich nicht genug von ihnen erzählen lassen. Da erfuhr er, wie Paris mit seinem Frevel ganz Griechenland beleidigt hatte und Menelaos mit seinem Bruder Agamemnon und allen verbündeten Griechenfürsten aufgebrochen sei. "Darum", sprach Tlepolemos, der, als ein leiblicher Halbbruder des Königs, für die übrigen das Wort führte, "lieber Bruder und Landsmann, entzieh dich deinem Volke nicht, für das ja auch unser lieber Vater Herakles an allen Orten und Enden der Welt gestritten, von dessen Vaterlandsliebe ganz Griechenland unzählige Denkmale auf zuweisen hat; heile die Wunden wieder, die du, ein Grieche, Griechen geschlagen hast, indem du deine Scharen mit den unserigen vereinigst und als unser Verbündeter gegen das meineidige Troianervolk ziehest."
Telephos richtete sich auf seinem Lager, auf welchem, von der Wunde des Achilles daniedergestreckt, er die griechischen Helden empfangen hatte, mit Mühe auf und erwiderte freundlich: "Eure Vorwürfe sind nicht gerecht, liebe Volksgenossen; durch eure eigene Schuld seid ihr aus Freunden und Blutsverwandten meine blutigen Feinde geworden. Haben doch die Küstenwächter, meinem strengen Befehl gehorsam, euch wie alle Landenden geziemend nach Namen und Abkunft gefragt und nicht nach roher Barbarenweise, sondern nach dem Völkerrechte der Griechen mit euch gehandelt. Ihr aber seid in der Meinung, daß gegen Barbaren alles erlaubt sei, ans Land gesprungen, ohne ihnen die verlangte Weisung zu geben, und habt meine Untertanen, ohne sie anzuhören, niedergemacht. Auch mir habt ihr", hier zeigte er auf seine Seite, "ein Andenken hinterlassen, das mich, wohl fühle ich es, mein Leben lang an unser gestriges Zusammentreffen erinnern wird. Doch grolle ich euch darüber nicht und kann die Freude, Blutsverwandte und Griechen in meinem Reiche aufgenommen zu haben, nicht zu teuer erkaufen. Höret nun, was in Beziehung auf eure Anforderung mein Bescheid ist. Gegen Priamos zu Felde zu ziehen, mutet mir nicht zu. Mein zweites Gemahl, Astyoche, ist seine Tochter, dazu ist er selbst ein frommer Greis, und seine übrigen Söhne sind edelmütig, er und sie haben keinen Anteil an dem Verbrechen des leichtsinnigen Paris. Sehet dort meinen Knaben Eurypylos; wie sollte ich ihm das Herzeleid antun und das Reich seines Großvaters zerstören helfen! Wie ich aber dem Priamos nichts zuleide tun will, so werde ich auch euch, meine Landsleute, auf keinerlei Weise schädigen. Nehmet Gastgeschenke von mir und faßt Mundvorrat, so viel euch nötig ist. Dann gehet hin und fechtet in der Götter Namen euren Handel aus, den ich nicht schlichten kann."
Mit dieser gütigen Antwort kamen die drei Fürsten vergnügt in das Lager der Argiver zurück und meldeten dem Agamemnon und den anderen Fürsten, wie sie Freundschaft im Namen der Griechen mit Telephos geschlossen. Der Kriegsrat der Helden beschloß, den Aias und Achilles sofort an den König zu senden, daß sie das Bündnis mit ihm bestätigten und ihn wegen seiner Wunde trösteten. Diese fanden den Herakliden schwer an der Wunde darniederliegen, und Achilles warf sich weinend über sein Lager und bejammerte es, daß sein Speer unwissentlich einen Landsmann und edlen Sohn des Herakles getroffen. Der König aber vergaß seine Schmerzen und bedauerte nur, von der Ankunft so herrlicher Gäste nicht unterrichtet gewesen zu sein, um ihnen einen königlichen Empfang zu bereiten. Hierauf lud er die Atriden feierlich in seine Hofburg ein und empfing sie mit festlicher Pracht und köstlichen Geschenken. Diese brachten auf die Bitte des Achilles die beiden weltberühmten Ärzte Podaleirios und Machaon mit, die Wunde des Königs zu untersuchen und zu heilen. Das letztere gelang ihnen zwar nicht, denn der Speer des Göttersohnes hatte seine eigene Kraft und die Wunden, die er schlug, widerstanden der Heilung; doch befreiten die Linderungsmittel, die sie auflegten, den König für den Augenblick von den unerträglichsten Schmerzen. Und nun erteilte er von seinem Krankenlager aus den Griechen allerlei heilsame Ratschläge, versah die Flotte mit Lebensmitteln und ließ sie nicht eher abziehen, als bis der Winter, der im Anzüge war, da sie landeten, mit seinen härtesten Stürmen vorüber war. Darauf belehrte er sie über die Lage der Stadt Troia und über den Weg, den sie dahin zu machen hätten und bezeichnete ihnen als einzigen Landungsplatz die Mündung des Flusses Skamander.
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Paris zurückgekehrt
Obgleich in Troia noch nichts von der Abfahrt der großen griechischen Flotte bekannt war, herrschte doch seit der Abreise der griechischen Gesandten Schrecken und Furcht vor dem bevorstehenden Kriege in dieser Stadt. Paris war inzwischen mit der geraubten Fürstin, der herrlichen Beute und seiner ganzen Flotte zurückgekommen. Der König Priamos sah die unerbetene Schwiegertochter nicht mit Freuden in seinen Palast eintreten und versammelte auf der Stelle seine zahlreichen Söhne zu einer Fürstenversammlung. Diese ließen sich durch den Glanz der Schätze, die ihr Bruder unter sie zu verteilen bereit war, und die Schönheit der Griechinnen aus den edelsten Fürstengeschlechtern, welche er im Gefolge Helenas mitgebracht hatte und denjenigen seiner Brüder, die noch keine Frauen hatten, zur Ehe zu geben bereit war, leicht betören, und weil ihrer viele noch jung und alle kampflustig waren, so fiel die Beratung dahin aus, daß die Fremde in den Schutz des Königshauses aufgenommen und den Griechen nicht ausgeliefert werden sollte. Ganz anders hatte freilich das Volk der Stadt, dem vor einem feindlichen Angriff und einer Belagerung gar bange war, die Ankunft des Königssohnes und seinen schönen Raub aufgenommen; mancher Fluch hatte ihn durch die Straßen verfolgt, und hier und da war selbst ein Stein nach ihm geflogen, als er die erbeutete Gemahlin in des Vaters Palast geleitete. Doch hielt die Ehrfurcht vor dem alten König und seinem Willen die Troianer ab, sich der Aufnahme der neuen Bürgerin ernstlich zu widersetzen.
Als nun im Rate des Priamos der Beschluß gefaßt war, die Fürstin nicht zu verstoßen, sandte der König seine eigene Gemahlin zu ihr in das Frauengemach, um sich zu überzeugen, daß sie freiwillig mit Paris nach Troia gekommen sei. Da erklärte Helena, daß sie durch ihre eigene Abstammung den Troianern ebensosehr angehöre als den Griechen, denn Danaos und Agenor seien ebensowohl ihre eigenen Stammväter als die Stammhalter des troianischen Königshauses. Unfreiwillig geraubt, sei sie jetzt doch durch langen Besitz und innige Liebe an ihren neuen Gemahl gefesselt und freiwillig die seinige. Nach dem, was geschehen, könne sie von ihrem vorigen Gatten und ihrem Volke keine Verzeihung erwarten; nur Schande und Tod ständen ihr bevor, wenn sie ausgeliefert würde. So sprach sie mit einem Strom von Tränen und warf sich der Königin Hekabe zu Füßen, welche die Schutzflehende liebreich aufrichtete und ihr den Willen des Königs und seiner Söhne verkündete, sie gegen jeden Angriff zu schirmen.
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Die Griechen vor Troia
So lebte denn Helena ungefährdet am Königshofe von Troia und bezog darauf mit Paris einen eigenen Palast. Auch das Volk gewöhnte sich bald an ihre Lieblichkeit und griechische Holdseligkeit, und als nun endlich die fremde Flotte wirklich an der troianischen Küste erschien, waren die Einwohner der Stadt minder verzagt denn zuvor.
Sie zählten ihre Bürger und ihre Bundesgenossen, die sie schon vorher beschickt und deren wirksamer Hilfe sie sich versichert hatten, und sie fanden sich an Zahl und Kraft ihrer Helden und Streiter den Griechen gewachsen. So hofften sie mit dem Schütze der Götter - denn außer Aphrodite waren noch mehrere Götter, darunter der Kriegsgott Ares, Apollon und Zeus der Göttervater selbst, auf ihrer Seite - die Belagerung ihrer Stadt abtreiben und die Feinde zum schnellen Rückzug nötigen zu können.
Zwar war ihr Anführer, König Priamos selbst, ein nicht mehr kampffähiger Greis; aber fünfzig Söhne, worunter neunzehn von seiner Gattin, der Königin Hekabe, umringten ihn im blühenden, teils im kräftigsten Alter, vor allen Hektor, nächst ihm Deiphobos, und nach diesen als die ausgezeichnetsten Helenos, der Wahrsager, Pammon, Polites, Antiphos, Hipponoos, Polydoros und der zarte Troilos. Vier liebliche Töchter, Kreusa, Laodike, Kassandra, die wahrsagende Jungfrau, und die in der Kindheit schon von Schönheit strahlende Polyxena, umgaben seinen Thron. Dem Heere, das sich jetzt streitfertig machte, stand als Oberfeldherr Hektor, der helmumflatterte Held, vor; neben ihm befehligte die Dardaner Aineias (Aeneas), der Schwiegersohn des Königs Priamos und Gemahl Kreusas, ein Sohn der Göttin Aphrodite und des greisen Anchises, der noch immer ein Stolz des troianischen Volkes war; an die Spitze einer anderen Schar stellte sich Pandaros, der Sohn des Lykaon, dem Apollon selbst seinen Bogen verliehen hatte; andere Scharen, zum Teil troianischer Hilfsvölker, führten Adrastos, Amphios, Asios, Hippothoos, Pylaios, Akamas, Euphemos, Pyraichmes, Pylaimenes, Hodios, Epistrophos; Chromis und Ennomos eine Hilfsschar von Mysiern; Phorkys und Askanios eine gleiche der Phryger, Mesthles und Antiphos die Maionier, Nastes und Amphimachos die Karier, die Lykier Sarpedon und Glaukos.
Auch die Griechen hatten inzwischen gelandet und sich längs dem Gestade des Meeres zwischen den beiden Vorgebirgen Sigeion und Rhoiteion in einem geräumigen Lagerplatz angesiedelt, der einer ordentlichen Stadt nicht unähnlich war. Die Schiffe waren ans Land gezogen worden und in mehreren Reihen hintereinander aufgestellt, so daß sie sich, weil der Boden des Ufers aufwärts ging, stufenförmig übereinander erhoben. Die Schiffszüge der einzelnen Völkerschaften reihten sich in der Ordnung aneinander, wie sie gelandet waren. Die Schiffe selbst waren auf Unterlagen von Steinen aufgestellt, damit sie vom feuchten Boden nichts zu leiden hätten und luftiger ständen. In der ersten Reihe vom Lande aus hatten an den beiden äußersten Enden der Telamonier Aias und Achilles, beide das Gesicht gegen Troia gekehrt, jener zur Linken, dieser zur Rechten, ihre Schiffe aufgestellt und ihre Lagerhütten aufgepflanzt, die wir nur uneigentlich und der Kürze halber Zelte nennen. Das Quartier des Achilles wenigstens glich beinahe einem ordentlichen Wohnhause, hatte Scheunen und Ställe für Mundvorräte, Wagenpferde und zahmes Vieh; und neben seinen Schiffen war Raum zu Wettrennen, Leichenspielen und anderen Feierlichkeiten. An Aias schlössen sich die Schiffe des Protesilaos an, dann kamen andere Thessalier, dann die Kreter, Athener, Phoker, Boiotier, zuletzt Achilles mit seinen Myrmidonen; in der zweiten Reihe standen unter anderen die Lokrer, Dulichier, Epeier, in der dritten waren minder namhafte Völker mit ihren Schiffen gelagert; aber auch Nestor mit den Pyliern, Eurypylos mit den Orchomeniern, zuletzt Menelaos. In der vierten und letzten längs dem Meeresgestade selbst standen Diomedes, Odysseus und Agamemnon, so daß Odysseus in der Mitte, zur Rechten Agamemnon, links Diomedes lagerte. Vor Odysseus befand sich die Agora, der freie Platz, der zu allen Versammlungen und Verhandlungen bestimmt war und auf welchem die Altäre der Götter standen. Dieser Platz teilte auch noch die dritte Reihe, so daß sie den Nestor zur Linken, den Eurypylos zur Rechten hatte. Der Raum nach dem Meere hin verengte sich, und auch die Agora nahm viel Platz weg, so daß die dritte und vierte Reihe die wenigsten Schiffe enthielt. Das ganze Schiffslager war wie eine ordentliche Stadt von vielen Gassen und Wegen durchschnitten, die Hauptstraßen aber liefen zwischen den vier Reihen durch; vom Lande nach dem Meere gingen Quergassen, welche die Schiffe jeder Völkerschaft von einander trennten; die Schiffe selbst waren von den Lagerhütten ihrer Völkerschaften wieder durch kleine Zwischenräume abgesondert, und jede Völkerschaft zerfiel wieder in kleinere Unterabteilungen nach den verschiedenen Städten oder Anführern. Die Lagerhütten waren aus Erde und Holz aufgebaut und mit Schilf bedeckt. Jeder Anführer hatte sein Quartier in der vordersten Reihe seiner Schar, und ein jedes war nach dem Range des Bewohners mehr oder weniger ausgeschmückt. Die Schiffe dienten zugleich dem ganzen Lager zur Verteidigung, Noch vor ihnen hatten die Griechen einen Erdwall aufgeworfen, der erst in der letzten Zeit der Belagerung einer Mauer Platz machte. Hinter ihm war ein Graben, vorn mit einer dichten Reihe von Schanzpfählen versehen.
Zu allen diesen schönen Einrichtungen hatten die Griechen während der langen Zeit, da König und Rat von Troia über die beste Weise der Verteidigung sich berieten, Muße gefunden. Ihre Krieger verrichteten zugleich den Schiffsdienst und erhielten ihr Brot auf öffentliche Veranstaltung. Für die übrigen Lebensbedürfnisse hatte ein jeder selbst zu sorgen. Die gemeinen Streiter waren leicht bewaffnet und fochten zu Fuße. Die Vornehmeren stritten auf Kriegswagen, so daß jeder streitende Held einen anderen Helden als Wagenlenker bei sich hatte. Von Reiterei wußten die Völker jener alten Zeit noch nichts. Die Streitwagen mit den größten Helden waren auch bestimmt, in der ersten Reihe zu kämpfen und sollten immer das Vordertreffen bilden.
Zwischen dem Schiffslager der Griechen und der Stadt Troia breitete sich, von den Flüssen Skamander und Simoeis eingeschlossen, die sich erst beim griechischen Lager zu einer Mündung vereinigten, die blumige skamandrische Wiese und die troische Ebene vier Wegestunden lang aus, die zum Schlachtfeld bestimmt und wie geschaffen war und hinter welcher sich mit hohen Mauern, Zinnen und Türmen die von Götterhand befestigte herrliche Stadt und Burg Troia erhob. Sie lag auf einem Hügel weithin sichtbar; ihr Inneres war uneben und bergig und von vielen Straßen durchschnitten. Nur von zwei Seiten war sie leichter zugänglich, und hier befand sich auf der einen Seite das skaeische, auf der anderen das dardanische Tor mit einem Turme. Die übrigen Seiten waren höckerig und mit Gebüschen verwachsen, und ihre Tore und Törchen kamen wenig in Betracht. In der oberen Stadt oder Burg Ilion, auch Pergamos genannt, standen die Paläste des Priamos, des Paris, die Tempel der Hekate, der Athene und des Apollon, auf der höchsten Spitze der Burg ein Tempel des Zeus. Vor der Stadt, am Simoeis, den Griechen zur Linken, war der Hügel Kallikolone, zur Rechten führte die Straße an den Quellen des Skamander und dann an dem hohen Hügel Batieia vorbei, der umgangen werden konnte und außen vor der Stadt lag. Hinter Troia kam das ilische Feld, das sich schon bergan zog und die unterste Stufe des waldigen Idagebirges bildete, dessen höchster Gipfel Gargaron hieß, das bis in die Ebene hinablief und dessen beide letzten Äste rechts und links von den Griechen das sigeische und rhoiteische Vorgebirge bildeten.
Noch ehe der Kampf zwischen beiden Völkern seinen Anfang nahm, wurden die Griechen durch die Ankunft eines werten Gastes überrascht. Der König Telephos von Mysien, der sie so großmütig unterstützt hatte, war seitdem an der Wunde, die ihm der Speer des Achilles geschlagen, unheilbar krank gelegen, und die Mittel, die ihm Podaleirios und Machaon aufgelegt hatten, taten schon lange keine Wirkung mehr. Gequält von den unerträglichsten Schmerzen hatte er ein Orakel des Phoibos Apollon, das in seinem Lande war, befragen lassen, und dieses hatte ihm die Antwort erteilt, nur der Speer, der ihn geschlagen, vermöge ihn zu heilen. So dunkel das Wort des Gottes lautete, so trieb ihn doch die Verzweiflung, sich einschiffen zu lassen und der griechischen Flotte zu folgen. So kam denn auch er bei der Mündung des Skamander an und ward in die Lagerhütte des Achilles getragen. Der Anblick des leidenden Königs erneuerte den Schmerz des jungen Helden. Betrübt brachte er seinen Speer herbei und legte ihn dem König zu den Füßen seines Lagers, ohne Rat zu wissen, wie man sich desselben zur Heilung der eiternden Wunde bedienen sollte. Viele Helden umstanden ratlos das Bett des gepeinigten Wohltäters, bis es Odysseus einfiel, aufs neue die großen Ärzte des Heeres zu Rate zu ziehen. Podaleirios und Machaon eilten auf seinen Ruf herbei. Sobald sie das Orakel Apolls vernommen, verstanden sie als weise, vielerfahrene Söhne des Asklepios seinen Sinn, feilten ein wenig Rost vom Speere des Peliden ab und legten ihn sorgfältig verbreitet über die Wunde. Da war ein Wunder zu schauen: so wie die Feilspäne auf eine eiternde Stelle des Geschwürs gestreut wurden, fing diese vor den Augen der Helden zu heilen an, und in wenigen Stunden war der edle König Telephos, dem Orakel zufolge, durch den Speer des Achilles von der Wunde desselben Speeres genesen. Jetzt erst war die Freude der Helden über den großmütigen Empfang, der ihnen in Mysien zuteil geworden war, vollkommen. Gesundet und froh ging Telephos wieder zu Schiffe, und wie jüngst die Griechen ihn, so verließ jetzt er sie unter Danksagungen und Segenswünschen, in sein Reich Mysien zurückkehrend. Er eilte aber, nicht Zeuge des Kampfes zu sein, den seine heben Gastfreunde gegen den ebenso geliebten Schwäher beginnen würden.
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Ausbruch des Kampfes - Protesilaos - Kyknos
Die Griechen waren noch mit dem Geleite des Königs Telephos beschäftigt, als die Tore Troias sich auftaten und die völlig gerüstete Heeresmacht der Troianer unter Hektors Anführung sich über die skamandrische Ebene ergoß und ohne Widerstand gegen die Schiffe der sorglosen Argiver anrückte. Die Äußersten im Schiffslager, die zuerst zerstreut zu den Waffen griffen und den heranziehenden Feinden entgegeneilten, wurden von der Übermacht erdrückt. Doch hielt das Gefecht mit ihnen die Heerschar der Troianer so lange auf, daß die Griechen im Lager sich sammeln und auch ihrerseits in einem geordneten Heerhaufen den Feinden entgegentreten konnten. Da gestaltete sich nun die Schlacht ganz ungleich. Denn wo Hektor selbst zugegen war, gewannen die Troianer die Oberhand, in die Schlachtreihen aber, die ferne von ihm fochten, drangen die Griechen siegreich ein. Der erste namhafte Held unter den Griechen, der von der Hand des troianischen Fürsten Aineias in dieser ersten Schlacht fiel, war Protesilaos, des Iphiklos Sohn. Als Verlobter Jüngling war er gen Troia gezogen und der erste Grieche, der bei der Landung ans Ufer sprang; so sollte er auch als das erste Heldenopfer fallen, und seine Braut Laodameia, die holdselige Tochter des Argonauten Akastos, sollte den Bräutigam, den sie mit banger Sorge in den Krieg hatte ziehen lassen, nicht wieder erblicken.
Noch war Achilles vom Kampfplatz entfernt. Er hatte dem Mysier, den er einst mit dem Speere verwundet und jetzt mit dem Speere geheilt hatte, das Geleite ans Meer gegeben und sah nachdenklich dem Schiffe nach, das sich in die ferne Flut vertiefte. Da kam sein Freund und Kampfgeselle Patroklos auf ihn zugeeilt, faßte ihn bei der Schulter und rief: "Wo weilst du, Freund, die Griechen bedürfen deiner. Der erste Kampf ist entbrannt, des Königs Priamos ältester Sohn, Hektor, rast an der Spitze der feindlichen Scharen wie ein Löwe, dessen Höhle Jäger umstellt haben. Aineias, der Eidam des Königs, hat aus der Mitte unserer Fürsten den edlen Protesilaos, der an Jugend und Mut dir glich, doch an Kraft dir nicht gleich war, erschlagen. Wenn du nicht kommst, so wird der Mord unter unseren Helden einreißen!" Aus seinen Träumen erwacht, blickte Achilles hinter sich, sah den mahnenden Freund, und in diesem Augenblick drang auch der Hall des Kampfgetümmels in sein Ohr. Da sprang er, ohne ein Wort zu erwidern, durch die Gassen des Schiffslagers seinem Zelte zu. Hier erst fand er die Sprache wieder, rief mit lauter Stimme seine Myrmidonen unter die Waffen und erschien mit ihnen wie ein donnerndes Wetter in der Schlacht. Seinem stürmischen Angriffe hielt selbst Hektor nicht stand. Zwei Söhne des Priamos erschlug er, und der Vater sah wehklagend von den Mauern herab den Tod seiner Kinder von des fürchterlichen Heldenjünglings Hand. Dicht an der Seite des Peliden kämpfte der Telamonier Aias, dessen Riesenleib alle anderen Danaer überragte; vor den Streichen der beiden Helden flohen die Troianer wie eine Herde von Hirschen vor einer Hundekoppel daher; zuletzt wurde die Flucht der Feinde allgemein, und die Troianer schlössen sich wieder in ihre Tore ein. Die Griechen aber begaben sich in Ruhe wieder zu ihren Schiffen und fuhren fort, ihren Lagerbau gemächlich zu vollenden. Achilles und Aias wurden von Agamemnon zu Wächtern der Schiffe bestimmt, und diese setzten wieder andere Helden zu Wächtern über einzelne Abteilungen der Flotte.
Alsdann wandten sie sich zum Begräbnisse des Protesilaos, legten den Leichnam auf einen schön geschmückten und aufgetürmten Scheiterhaufen und begruben seine Gebeine auf einer Halbinsel des Strandes unter schönen, hohen Ulmenbäumen. Noch waren sie mit der Bestattung nicht ganz fertig, als ein zweiter Überfall die sorglos Feiernden erschreckte.
In Kolonis bei Troia herrschte der König Kyknos, der, von einer Nymphe dem Meeresgott Poseidon geboren, auf der Insel Tenedos wunderbarerweise von einem Schwan großgezogen worden war, daher er auch seinen Namen Kyknos, d. h. Schwan, bekommen hatte. Dieser war mit den Troianern verbündet, und ohne besonders dazu von Priamos aufgefordert zu sein, hielt er sich verpflichtet, als er die Landung der fremden Kriegsvölker vor Troia gewahr wurde, seinen alten Freunden zu Hilfe zu kommen. Daher sammelte er in seinem Königreich einen ansehnlichen Heerhaufen, legte sich in der Nähe des griechischen Schiffslagers in einen Hinterhalt und war mit seiner Schar eben erst in diesem Versteck angekommen, als die Griechen aus dem ersten Treffen mit den Troianern als Sieger zurückgekehrt, ihrem gefallenen Helden die letzte Ehre erwiesen. Während sie sorglos und nicht in der vollen Waffenrüstung um den Scheiterhaufen geschart standen, sahen sie sich plötzlich von Streitwagen und Bewaffneten umringt, und ehe sie sich nur besinnen konnten, ob der Boden die Streiter ausgespien habe oder woher sie sonst erschienen seien, hatte Kyknos mit seiner Heeresmacht ein furchtbares Blutbad unter den Griechen angerichtet.
Doch war nur ein Teil der Argiver bei der Leichenfeier des Protesilaos beschäftigt und zugegen. Die anderen bei den Schiffen und in den Lagerhütten waren ihren Waffen näher und eilten den Ihrigen, den Peliden Achilles an der Spitze, bald in voller Rüstung und in geschlossenen Kriegsreihen zu Hilfe. Ihr Anführer selbst saß auf dem Streitwagen, schrecklich anzuschauen, und seine todbringende Lanze traf mit ihrem Stoß bald diesen, bald jenen Koloniten, bis er, in den Reihen der Schlacht nur den Feldherrn der Fremdlinge suchend, diesen im fernen Kampfgewühl an den gewaltigen Stößen erkannte, die auch er, auf einem hohen Streitwagen stehend, rechts und links an die Griechen austeilte. Dorthin lenkte der Held Achilles seine schneeweißen Rosse, und als er nun dem Kyknos gegenüber auf dem Wagen stand, rief er, die bebende Lanze mit nervigem Arme schwingend: "Wer du auch seiest, Jüngling! Nimm diesen Trost mit in den Tod, daß du von dem Sohne der Göttin Thetis getroffen worden!" Diesem Ausruf folgte sein Geschoß. Aber so sicher er die Lanze abgezielt hatte, so rüttelte sie dem Sohne des Poseidon doch nur mit dumpfem Stoße an der Brust; und mit staunendem Blicke maß der Pelide seinen unverwundbaren Gegner. "Wundere dich nicht, Sohn der Göttin", rief dieser ihm lächelnd zu, "nicht mein Helm, den du anzustaunen scheinst, oder mein hohler Schild in der Linken halten die Stöße von meinem Leibe ab, vielmehr trage ich diese Schutzwaffen als bloßen Zierat, wie auch wohl der Kriegsgott Ares zuweilen zum Scherze Waffen anzulegen pflegt, deren er doch gewiß nicht bedarf, seinen Götterleib zu schirmen. Wenn ich alle Bedeckung von mir werfe, so wirst du mir doch die Haut mit deinem Speere nicht ritzen können. Wisse, daß ich am ganzen Leibe fest wie Eisen bin, und daß es etwas heißt, nicht etwa der Sohn einer Meernymphe zu sein, nein, der geliebte Sohn dessen, der dem Nereus und seinen Töchtern und allen Meeren gebeut. Erfahre, daß du dem Sohne Poseidons selbst gegenüberstehst!" Mit diesen Worten schleuderte er seinen Speer auf den Peliden und durchbohrte damit die Wölbung seines Schildes, so daß derselbe durch das Erz und die neun ersten Stierhäute der göttlichen Waffe hindurchdrang; erst in der zehnten Lage blieb das Wurfgeschoß stecken. Achilles aber schüttelte den Speer aus dem Schilde und sandte dafür den seinigen gegen den Göttersohn ab. Aber der Leib des Feindes blieb unverwundet. Selbst das dritte Geschoß, das der Pelide absandte, blieb ohne Wirkung. Jetzt geriet Achilles in Wut, wie ein Stier im Tiergefecht, dem ein rotes Tuch vorgehalten wird und der mit den Hörnern in die Luft gestoßen hat. Noch einmal warf er die Lanze aus Eschenholz nach Kyknos, traf diesen auch wirklich an der linken Schulter und jubelte laut auf, denn die Schulter war blutig. Doch seine Freude war vergeblich; das Blut war nicht Blut des Göttersohnes, es war der Blutstrahl des Menoites, eines neben Kyknos fechtenden und von anderer Hand getroffenen feindlichen Helden. Knirschend vor Wut sprang jetzt Achilles vom Wagen, eilte auf den Gegner zu und hieb mit gezücktem Schwert auf ihn ein, aber selbst der Stahl prallte dumpf an dem zu Eisen gehärteten Körper ab. Da erhob Achilles in der Verzweiflung den zehnhäutigen Schild und zerpochte dem unverwüstlichen Feinde, ganz auf ihn eingedrungen, drei bis viermal die Schläfe mit dem Schildbuckel. Jetzt erst fing Kyknos an zu weichen, und Nebel schwamm ihm vor den Augen; er wandte seine Schritte rückwärts, strauchelte über einen Stein und dabei ergriff ihn Achilles mit der Hand im Nacken und warf ihn vollends zu Boden. Dann stemmte er sich mit Schild und Knien auf die Brust des Liegenden und schnürte dem Feinde mit seinem eigenen Helmband die Kehle zu. Der Fall ihres göttlichen Führers nahm den Koloniten plötzlich den Mut; sie verließen den Kampfplatz in wilder Flucht, und bald war von dem ganzen Überfalle nichts mehr zu sehen als die vielen Leichen von Griechen und Barbaren, die auf dem Felde um den halbvollendeten Grabhügel des Helden Protesilaos zerstreut umherlagen und den um viele der Ihrigen trauernden Argivern neue Arbeit machten.
Die Folge dieses Überfalles war, daß die Griechen in die Landschaft des erschlagenen Königs Kyknos einfielen und aus der Hauptstadt Metora die Kinder desselben als Beute hinwegführten. Dann griffen sie das benachbarte Killa an, eroberten auch diese feste Stadt mit unermeßlicher Kriegsbeute, und kehrten so beladen zu ihrem wohlbewachten Schiffslager zurück.
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Palamedes und sein Tod
Der einsichtsvollste Mann im griechischen Heere war Palamedes, tätig, weise, gerecht und standhaft, von zarter Gestalt, des Gesanges und Leierspieles kundig. Seine Beredsamkeit hatte den Atriden die meisten Fürsten Griechenlands für den Feldzug gegen Troia gestimmt, seine Klugheit selbst den Odysseus, den schlauen Sohn des Laertes, überlistet. Dadurch hatte er sich aber auch einen unversöhnlichen Feind in dem Heere der Danaer erworben, der Tag und Nacht auf Rache sann und nur um so finsterer darüber brütete, je mehr das Ansehen des verständigen Euböers unter den Fürsten zunahm. Nun wurde den Griechen durch ein Orakel Apolls bekannt, daß sie diesem Gott als Apollo Smintheus - unter diesem Namen wurde er in der Landschaft Troas verehrt - eine Hekatombe an der Stelle opfern sollten, wo seine Bildsäule und sein Tempel stand, und Palamedes war von dem Gotte auserwählt worden, die stattlichen Opfertiere nach der heiligen Stätte zu führen. Dort wartete ihrer Chryses, der Priester des Gottes, der das feierliche Opfer vollbrachte. Die Verehrung des Gottes in dieser Landschaft hatte einen seltsamen Ursprung. Als die alten Teukrer, aus Kreta herüber mit ihrem König Teukros kommend, an dieser Küste Kleinasiens gelandet hatten, gab ihnen das Orakel den Befehl, dazubleiben, wo sie ihre Feinde aus der Erde würden hervorkriechen sehen. Als sie nun in Hamaxitos, einer Stadt dieser Landschaft, angekommen waren, benagten die Mäuse, aus der Erde hervorschlüpfend, in einer Nacht alle Schilde. Sie sahen auf diese Weise den Spruch des Gottes erfüllt, ließen sich in der Gegend nieder und erbauten dem Apollon eine Bildsäule, der eine Maus, was in aiolischer Mundart Smintha bedeutet, zu Füßen lag.
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Diesem Apollon dem Sminthier, der seinen Tempel nicht weit von Chryse auf einer Anhöhe stehen hatte, ward nun unter Palamedes Anführung von seinem Priester Chryses eine Hekatombe oder Hundertzahl heiliger Schafe geopfert. Die Ehre, die dem Palamedes durch die Anordnung Apolls selbst widerfuhr, beschleunigte seinen Untergang. Denn in Odysseus sonst nicht unedlem Gemüt gewann jetzt ganz der Neid die Oberhand, und er sann auf eine fluchwürdige List, durch welche er dem edlen Manne den Untergang bereitete. Er verbarg eigenhändig in tiefster Heimlichkeit eine Summe Geldes in das Zelt des Palamedes. Dann schrieb er im Namen des Priamos einen Brief an den griechischen Helden, in welchem dieser von überschicktem Golde sprach und dem Palamedes seinen Dank ausdrückte, daß derselbe ihm das Heer der Griechen verraten habe. Dieser Brief wurde einem phrygischen Gefangenen in die Hände gespielt, bei diesem sodann von Odysseus entdeckt und der unschuldige Träger auf seine Veranstaltung sofort auf der Stelle niedergemacht. Den Brief zeigte Odysseus vor der Fürstenversammlung im griechischen Lager. Palamedes wurde von den entrüsteten Häuptern der Danaer vor einen Kriegsrat gestellt, den Agamemnon aus den vornehmsten Fürsten zusammensetzte und in welchem Odysseus sich den Vorsitz zu verschaffen wußte; auf seine Veranlassung ward im Zelte des Beschuldigten geforscht, endlich nachgegraben und so die Summe Goldes, die der trügerische Odysseus dort versteckt hatte, unter seiner Lagerstätte aufgefunden. Die Richter, nichts vom wahren Vorgang der Sache ahnend, sprachen einstimmig das Todesurteil aus. Palamedes würdigte sich keiner Selbstverteidigung; er durchschaute den Trug, aber er hatte keine Hoffnung, Beweise seiner Unschuld sowie der Schuld seines Gegners vorzubringen. Als daher das Urteil gefällt war, das auf Steinigung lautete, brach er nur in die Worte aus: "O ihr Griechen, ihr tötet die gelehrteste, die unschuldigste, die gesangreichste Nachtigall!" Die verblendeten Fürsten lachten über diese Verteidigung und führten den edelsten Mann im griechischen Heere zum unbarmherzigsten Tode fort, den er mit heldenmütiger Standhaftigkeit ertrug. Als ihn schon die ersten Steinwürfe niedergeschmettert hatten, brach er noch in die Worte aus: "Freue dich, Wahrheit, du bist noch vor mir gestorben!" Als er diese Worte gesprochen, fuhr ihm, von Odysseus' rachsüchtiger Hand geschleudert, ein Stein an die Schläfe, daß er umsank und starb. Aber Nemesis, die Göttin der Gerechtigkeit, schaute vom Himmel herab und beschloß, den Griechen und ihrem Verführer Odysseus noch am Ziel ihrer Taten die Missetat zu vergelten.
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Taten des Achilles und Aias
Von den nächsten Kriegsjahren erzählt die Sage nichts Ausführliches. Die Griechen lagen nicht untätig vor Troia, da aber die Bewohner dieser Stadt ihre Kräfte schonten und seiten Ausfälle machten, so wandten die Danaer ihre Macht gegen die Umgegend. Achilles zerstörte und plünderte allmählich zwölf Städte mit seiner Flotte, elf nahm er zu Lande ein. Dem Priester Chryses führte er auf einem Streifzuge nach Mysien seine schöne Tochter Astynome oder Chryseis gefangen fort. Bei der Einnahme von Lyrnessos überfiel er den Palast des Königs oder Priesters Brises, der in der Verzweiflung den Strick um den Hals schlang und sich den Tod gab. Sein holdseliges Kind Briseis oder Hippodameia wurde dem Sieger zuteil, und er führte sie als eine Lieblingsbeute ins griechische Lager mit sich davon. Auch die Insel Lesbos und die Stadt Theben in Kilikien, am Fuße des Berges Plakos gegründet, unterlagen seinen Angriffen. In dieser Stadt herrschte der Eidam des Königs Priamos, der König Eetion, dessen Tochter Andromache mit dem tapfersten Helden Troias, mit Hektor, vermählt war. Sieben blühende Söhne wuchsen noch in seinem Königshause. Da kam Achilles, stürmte die hochragenden Tore der Stadt und erschlug den König mit den sieben Söhnen. Als der Leichnam des hohen Fürsten, der von herrlicher, Ehrfurcht gebietender Gestalt war, vor dem jungen Helden ausgestreckt lag, bemächtigte sich seiner ein Grauen und eine Scheu, und er wagte es nicht, den Liegenden der Waffen zu berauben und sie sich als rühmliche Siegesbeute anzueignen. Er verbrannte daher den Leichnam zur ehrlichen Bestattung im vollen kunstreich gearbeiteten Waffengeschmeide und türmte ihm ein mächtiges Denkmal auf, das noch lange, von hohen Ulmen umschattet, die Gegend schmückte. Die Gemahlin des Königs, die Mutter Andromaches, führte er mit sich fort in die Sklaverei, doch gab er sie später gegen ein reiches Lösegeld frei, und sie kehrte nach der Heimat zurück, wo ein Pfeil der Göttin Artemis sie am Webstuhl traf und tötete. Aus dem Stalle des Königs führte Achilles sein treffliches Pferd, Pedasos genannt, mit sich fort, das, obwohl sterblich gezeugt, es doch an Kraft und Schnelligkeit seinen eigenen unsterblichen Rossen gleich tat und mit ihnen um die Wette am Wagen einherlief; aus der Rüstkammer des Königs Eetion aber nahm er viele andere Herrlichkeiten mit, unter anderen auch eine ungeheure eiserne Wurfscheibe, so groß, daß sie einem Bauer fünf Jahre lang Eisen zu seinem Ackergeräte würde gegeben haben.
Nächst Achilles war der tapferste und riesigste Held unter den Griechen der Telamonssohn Aias. Auch er feierte nicht. Er führte seinen Schiffszug nach der thrakischen Halbinsel, wo die Königsburg Polymnestors prangte. Diesem hatte der König Priamos von Troia seinen jüngsten Sohn Polydoros, den er mit der Laothoe, einem Kebsweibe, gezeugt hatte, zur Pflege übersandt und dadurch, weil er sein Liebling war, dem Waffendienst entzogen, auch dem thrakischen König zur Beköstigung des Kindes Gold und Kostbarkeiten genug übergeben. Dieser Schätze und des ihm anvertrauten Unterpfandes bediente sich nun der treulose Barbar, als sein Land von dem Helden Aias überfallen und seine Burg belagert wurde, den Frieden zu erkaufen; er verleugnete seine Freundschaft mit dem König Priamos, verfluchte ihn, teilte Geld und Getreide, das er zur Nahrung des Knaben von ihm empfangen, unter die griechischen Streiter aus; dem Aias selbst aber überlieferte er das Gold und alle Kostbarkeiten seines Verbündeten und endlich den Knaben Polydoros selbst.
Aias kehrte mit seiner Beute nicht sogleich zum griechischen Schiffslager zurück, sondern wandte sich auf seinen Schiffen nach der phrygischen Küste. Dort griff er das Reich des Königs Teuthras an, tötete den König, der ihm an der Spitze eines Heerhaufens entgegenzog, in der Schlacht, und schleppte die Tochter des Teuthras, die königliche Jungfrau Tekmessa, die edelgesinnt und von herrlicher Gestalt war, als Kriegsbeute mit sich fort. Doch ward sie ihm bald wegen ihrer Schönheit und ihres Edelsinnes lieb; er hielt sie hoch wie eine Gemahlin und hätte sich feierlich mit ihr vermählt, wenn es Griechengebrauch gewesen wäre, eine Barbarin zu freien.
Achilles und der Telamonier trafen von ihren glücklichen Streifzügen, ihre Lastschiffe voll Beute, zu gleicher Zeit im griechischen Schiffslager vor Troia wieder ein. Alle Danaer gingen ihnen unter Lobgesängen entgegen; bald umringte sie eine ganze Versammlung von Streitern; man stellte die Helden in die Mitte, und unter jubelndem Zurufe wurde ihnen als Lohn der Siege ein Olivenkranz aufs Haupt gesetzt. Alsdann hielten die Helden einen Rat, um über die mitgebrachte Beute, die von den Griechen als Gemeingut angesehen wurde, einen Beschluß zu fassen. Da wurden denn auch die gefangenen Frauen vorgeführt, und alle Danaer staunten über ihre Schönheit. Der Besitz der holden Brisestochter wurde dem Achilles, dem Helden Aias der Besitz der königlichen Tekmessa bestätigt. Überdies durfte der Pelide auch die Gespielin seiner Geliebten, die holde Jungfrau Diomedeia, behalten, welche sich von der Königstochter nicht trennen wollte, mit der sie von zarter Kindheit an im Hause des Brises aufgewachsen war; sie hatte sich, vor die griechischen Helden geführt, zu Achilles' Füßen geworfen und flehte ihn unter Tränen an, sie nicht von ihrer lieben Herrin trennen zu lassen. Nur Astynome, die Tochter des Priesters Chryses, wurde dem Völkerhirten Agamemnon, seine Königswürde zu ehren, zugesprochen und von Achilles auch willig abgetreten. Die andere Kriegsbeute an Gefangenen und Mundvorrat ward Mann für Mann unter das griechische Heer verteilt.
Dann brachte Aias, von Odysseus und Diomedes aufgefordert, die Schätze des Königs Polymnestor aus seinen Schiffen herbei, und es wurde auch davon dem König Agamemnon ein schöner Teil an Gold und Silber zugeschieden.
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Polydoros
Endlich berieten sich die Helden über den allerkostbarsten Teil der Beute, über den Knaben Polydoros, den Sohn des Königs Priamos, und nach kurzer Ratschlagung wurde einstimmig beschlossen, daß Odysseus und Diomedes als Gesandte zu König Priamos abgeordnet werden sollten und ihm die Übergabe seines jungen Sohnes anbieten, sobald Helena den Gesandten Griechenlands ausgeliefert sein würde. Den beiden Helden wurde der Gemahl der geraubten Fürstin, Menelaos, als dritter Gesandter beigegeben, und so machten sich alle drei mit dem jungen Polydoros auf den Weg und wurden unter dem Schütze des Völkerrechts als heilige Gesandte von den Troianern ohne Widerspruch in ihre Mauern aufgenommen.
Priamos und seine Söhne in ihrem Königspalast, der fern auf der Burg der Stadt gelegen war, wußten noch nicht, was zu ihren Füßen vorging, als schon die Gesandtschaft auf dem Marktplatze Troias stille hielt und, von troianischem Volk umgeben, Menelaos das Wort ergriff und sich mit herzzerschneidenden Worten über die frevelhafte Verletzung des Völkerrechts beklagte, die sich Paris an seinem heiligsten und teuersten Besitztum durch den frechen Raub seiner Gemahlin hatte zuschulden kommen lassen. Er sprach so beredt und eindringlich, daß die umstehenden Troianer alle, und darunter die ältesten Häupter des Volkes, von seinen Worten ergriffen wurden und unter Tränen des Mitleids ihm Recht geben mußten. Als Odysseus ihre Rührung bemerkte, nahm auch er das Wort und sprach: "Mir deucht, ihr sollet wissen, Häupter und andere Bewohner von Troia, daß die Griechen ein Volk sind, die nichts unüberlegterweise unternehmen und daß sie schon von ihren Vorfahren her bei allen ihren Taten darauf bedacht sind, Lob und nicht Schmach davonzutragen. So wisset ihr denn auch, daß nach der unerhörten Beleidigung, die uns allen eures Königs Sohn Paris durch die Entführung der Fürstin Helena angetan hat, wir, bevor wir die Waffen gegen euch erhoben, zur gütlichen Beilegung dieses Handels eine friedliche Gesandtschaft an euch geschickt haben. Erst als dies vergebens war, ist der Krieg und zwar noch dazu durch einen Überfall von eurer Seite begonnen worden. Auch jetzt, nachdem ihr unseren Arm gefühlt habt und alle euch unterworfenen oder mit euch verbündeten Städte ringsumher in Trümmern liegen, ihr selbst aber nach vieljähriger Belagerung in mannigfaltige Not geraten seid, liegt ein glücklicher Ausgang unseres Streites immer noch in eurer Hand, ihr Troianer! Gebet uns heraus, was ihr uns geraubt habt, und auf der Stelle brechen wir unsere Lagerhütten ab, steigen zu Schiffe, lichten die Anker und verlassen mit der furchtbaren Flotte, die euch so vielen Schaden getan hat, euren Strand für immer. Auch kommen wir nicht mit leeren Händen. Wir bringen eurem König einen Schatz, der ihm lieber sein sollte als die Fremde, die eure Stadt zu seinem und eurem eigenen Fluche beherbergen muß. Wir bringen ihm den Knaben Polydoros, sein jüngstes und geliebtestes Kind, den unser Held Aias in Thrakien dem König Polymnestor entrissen hat und der hier gebunden vor euch steht und von eurem und eures Königs, seines Vaters Entschlüsse, seine Freiheit und sein Leben erwartet. Gebt ihr uns Helena heraus und liefert ihr sie heute noch in unsere Hände, so wird der Knabe seiner Fesseln ledig und bleibt im Hause seines Vaters. Wird uns Helena verweigert, so gehe eure Stadt zugrunde, und vorher wird noch euer König sehen müssen, was er für sein Leben nicht sehen möchte!"
Ein tiefes Stillschweigen herrschte in der ihn umringenden Versammlung des troianischen Volkes, als Odysseus aufgehört hatte zu sprechen. Endlich ergriff der weise und bejahrte Antenor das Wort und sprach: "Liebe Griechen und einst meine Gäste! Alles was ihr uns saget, wissen wir selbst, und müssen in unserem Herzen euch Recht geben; auch fehlt uns der Wille, die Sache zu bessern, nicht, wohl aber die Gewalt. Wir leben in einem Staat, in welchem der Befehl des Königs alles gilt; ihm sich zu widersetzen, erlaubt die Verfassung unseres Reiches, der Glaube, den wir von den Vätern ererbt, und das Gewissen des Volkes keinem von uns. Wir dürfen in allen öffentlichen Angelegenheiten nur alsdann sprechen, wenn der König uns zu Rate zieht, und wenn wir gesprochen haben, so behält er noch immer freie Hand, zu tun, was er will; damit du aber erfahrest, was die Meinung der Besten im Volke über eure Angelegenheit ist, so werden sich die Ältesten unseres Volkes versammeln, und vor euch ihre Meinung abgeben. Dies ist, was uns zu tun übrig bleibt und unser König selbst uns nicht verweigern kann."
Und so geschah es. Antenor veranstaltete einen Rat der Ältesten und führte die Gesandten in denselben ein. Hier führte er den Vorsitz und befragte die Häupter des Volkes der Reihe nach über die Gewalttat des Paris. Die vornehmsten Männer Troias erklärten der Reihe nach, daß sie die Tat für einen fluchwürdigen Frevel hielten, nur Antimachos, ein kriegslustiger, aber tückischer Mann, verteidigte den Raub der griechischen Fürstin. Er war von Paris mit reichlichen Gaben bestochen worden, wo es immer Gelegenheit gäbe, sich seiner anzunehmen und die Auslieferung Helenas zu verhindern. Auch diesmal arbeitete er für diesen Zweck, und hinter dem Rücken der Helden erteilte er den ruchlosen Rat, die Gesandten der Griechen, drei ihrer tapfersten und klügsten Helden, umzubringen. Als aber die Troianer diesen Vorschlag mit Abscheu von sich wiesen, riet er, sie wenigstens so lange zu behalten, bis sie den gefangenen Polydoros, ohne Lösegeld und Tausch, dem Priamos ausgeliefert hätten. Auch dieser Rat wurde als treulos verworfen, und da Antimachos nicht aufhörte, selbst öffentlich in der Versammlung die Helden zu schmähen, so wurde er von seinen Mitbürgern, welche den Griechen ihre Mißbilligung seines Betragens und seiner Grundsätze beweisen wollten, mit Schimpf aus der Versammlung gestoßen.
Erbittert begab sich Antimachos auf die Burg und unterrichtete den König von der Ankunft der griechischen Gesandtschaft. Nun erhob sich im Rate des Königs und seiner Söhne selbst eine lange zwiespältige Beratung, zu welcher auch ein Ältester, der edle Panthoos, der das volle Vertrauen des alten Königs genoß, gezogen wurde. Dieser wandte sich an den tapfersten, edelsten und tugendhaftesten aller Söhne des Königs, an Hektor, mit der flehenden Bitte, dem Rate aller besseren Troianer nachzugeben und die unheilvolle Urheberin des Krieges auszuliefern. "Hat doch", sprach er, "Paris so viele Jahre lang Zeit gehabt, sich seines ungerechten Raubes zu erfreuen und seine Lust zu büßen! Jetzt sind alle unsere verbündeten Städte zerstört, und ihr Untergang weissagt uns unser eigenes Schicksal; dazu haben die Griechen deinen kleinen Bruder Polydoros in ihrer Gewalt, und wir wissen nicht, was aus ihm werden wird, wenn wir den Griechen Helena nicht ausliefern!"
Hektor wurde schamrot und bis zu Tränen betrübt, als er der Untat seines Bruders Paris gedachte. Dennoch sprach er sich im Rate des Königs nicht für die Auslieferung der Fürstin aus. "Sie ist", antwortete er dem Panthoos, "einmal die Schutzflehende unseres Hauses. Als solche haben wir sie aufgenommen, sonst hätten wir sie von der Schwelle des Königspalastes zurückweisen müssen. Statt dies zu tun, haben wir ihr und dem Paris ein prächtiges Haus gebaut, und sie haben darin in Herrlichkeit und Freuden lange Jahre verlebt, und ihr alle habt dazu geschwiegen und habt doch diesen Krieg kommen sehen! Warum sollen wir sie jetzt vertreiben?" - "Ich habe nicht geschwiegen", erwiderte Panthoos, "mein Gewissen ist ruhig; ich habe euch die Prophezeiung meines Vaters mitgeteilt und euch gewarnt, ich warne euch zum zweitenmal. Komme was da will, ich werde die Stadt und den König mit euch getreulich verteidigen helfen, auch wenn ihr meinen heilsamen Rat nicht befolget!" Mit solchen Worten verließ er die Versammlung der Königssöhne.
In dieser wurde zuletzt auf Hektors Vorschlag beschlossen, zwar die Fürstin Helena nicht auszuliefern, wohl aber Genugtuung und Ersatz für alles zu leisten, was mit ihr geraubt worden sei. An ihrer Statt sollte dem Menelaos eine der Töchter des Königs Priamos selbst, die weise Kassandra oder die in Jugendblüte heranreifende Polyxena, mit königlicher Mitgift zur Gemahlin angeboten werden. Als die griechischen Gesandten vor den König und seine Söhne geführt diesen Vorschlag vernahmen, ergrimmte Menelaos und sprach: "Wahrhaftig, es ist weit mit mir gekommen, wenn ich, so viele Jahre des Ehegemahls meiner Wahl beraubt, am Ende von den Feinden mir eine Gattin auslesen lassen muß! Behaltet eure Barbarentöchter und gebt mir das Weib meiner Jugend zurück!" Dagegen erhob sich der Eidam des Königs, der Gemahl Kreusas, der Held Aineias und rief dem Fürsten Menelaos, der die letzten Worte mit verächtlichem Hohnlachen gesprochen hatte, mit rauher Stimme zu: "Du sollst weder das eine noch das andere erhalten, Elender, wenn es nach meiner Abstimmung geht und nach der Meinung aller derjenigen, die den Paris lieben und es mit der Ehre dieses alten Königshauses halten! Noch hat das Reich des Priamos seine Beschützer! Und sollte auch der Knabe Polydoros, der Sohn des Kebsweibes, ihm verlorengehen, so ist Priamos dadurch nicht kinderlos geworden! Sollen die Griechen einen Freibrief von uns erhalten, Frauen zu rauben? Genug der Worte! Wenn ihr euch nicht auf der Stelle mit eurer Flotte davonmacht, so sollet ihr den Arm der Troianer fühlen! Noch haben wir streitlustige Jugend genug, und aus der Ferne kommen uns von Tag zu Tag mächtigere Verbündete, wenn auch die Schwachen in der Nähe erlegen sind!"
Diese Rede des Aineias wurde von lautem Beifallsruf in der troianischen Fürstenversammlung begleitet und die Gesandten nur durch Hektor vor rohen Mißhandlungen geschützt. Voll heimlicher Wut entfernten sie sich mit ihrem Gefangenen Polydoros, den der König Priamos nur aus der Ferne erblickt hatte, und kehrten zu den Schiffen der Griechen zurück. Als sich hier die Nachricht von dem verbreitete, was ihnen in Troia widerfahren war, von den Umtrieben des Antimachos, von dem Übermute des Aineias und aller Priamossöhne, außer Hektor, entstand ein Auflauf unter dem Heere, und alles Volk schrie mit wilden Gebärden um Rache. Ohne lange die Fürsten zu fragen, wurde in einer unordentlichen Kriegerversammlung der Beschluß gefaßt, den unglücklichen Knaben Polydoros büßen zu lassen, was seine Brüder und sein Vater verschuldet. Und auf der Stelle schritten sie zur Ausführung des Beschlossenen. Das arme Kind wurde auf Schußweite unter die Mauern Troias geführt, und als durch den großen Heeresauflauf herbeigelockt König Priamos selbst mit seinen Söhnen auf den Mauern erschien, tönte bald ein kläglicher Wehruf von den Zinnen herab, denn mit ihren eigenen Augen mußten sie sehen, wie die Drohung des Odysseus an dem Knaben vollzogen ward. Steine flogen von allen Seiten gegen sein bloßes Haupt und seinen aller Beschirmung baren Leib, und unter unzähligen Würfen starb er eines kläglichen und grausamen Todes. Den zerfleischten Leichnam gestatteten die Griechenfürsten dem flehenden Vater zum ehrlichen Begräbnis auszuliefern, und die Diener des Königs erschienen, von dem Troianerhelden Idaios begleitet und luden die Leiche des Kindes unter Tränen und Wehklagen auf den Trauerwagen, der sie dem trostlosen Vater zuführen sollte.
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Chryses, Apollon und der Zorn des Achilles
Unter diesen Begebenheiten war das zehnte Jahr des Krieges angebrochen und der griechische Held Aias von vielen glücklichen Streifzügen zurückgekehrt. Mit der Ermordung des Polydoros aber flammte der Haß zwischen beiden Nationen feuriger auf als zuvor, und die Götter des Himmels selbst, die einen durch die Grausamkeit der Griechen den Troianern zugeneigt, die anderen zum Schütze der Danaer aufgeregt, nahmen tätigen Anteil an dem Kampfe: Hera, Athene, Hermes, Poseidon, Hephaistos auf Seite der Griechen, auf der Gegenseite Ares und Aphrodite, so daß von diesem zehnten und letzten Jahre der Belagerung Troias zehnmal mehr erzählt und gesungen wird als von den neun anderen. Denn jetzt hebt das Lied des Fürsten der Dichter, des Homer, vom Zorne des Achilles an und von allen Übeln, die der Groll ihres größten Helden über die Achiver brachte.
Die Veranlassung zum Zorne des Peliden war folgende: Die Griechen hatten nach der Rückkehr ihrer Gesandten die Drohung der Troianer nicht vergessen und bereiteten sich in ihrem Lager zu entscheidenden Kämpfen vor, als der Priester Apolls, Chryses, dem seine Tochter von Achilles geraubt und dem König Agamemnon überlassen worden war, den Lorbeer seines Gottes um den goldenen Friedensstab geschlungen, mit reichen Lösegeldern im Schiffslager der Griechen ankam, seine Tochter freizukaufen. Mit dieser Bitte stellte er sich vor die Atriden und das gesamte Heer und sprach: "Ihr Söhne des Atreus und andere Achiver, mögen euch die Olympischen Vertilgung Troias und glückliche Heimkehr verleihen, wenn ihr, den fernhin treffenden Gott Apollon, dessen Priester ich bin, ehrend, mir gegen die Lösung, die ich bringe, die geliebte Tochter zurückgebet!"
Das ganze Heer gab seinen Worten Beifall und gebot, den ehrwürdigen Priester zu scheuen und die köstliche Lösung anzunehmen. Nur der König Agamemnon, der die liebliche Sklavin nicht verlieren wollte, wurde zornig und sprach: "Laß dich nicht mehr bei den Schiffen treffen, Greis, weder jetzt noch in Zukunft, deine Tochter ist und bleibt meine Dienerin und wird in meinem Königshause zu Argos bis ins Alter hinter dem Webstuhl sitzen! Geh, reize mich nicht; mache, daß du gesund in deine Heimat kommst!"
Chryses erschrak und gehorchte. Schweigend eilte er an den Meeresstrand; dort aber erhob er seine Hände zu dem Gölte, dem er diente, und flehte ihn an: "Höre mich, Sminthier, der du zu Chryse, Killa und Tenedos herrschest! Wenn ich je dir deinen Tempel zum Wohlgefallen geschmückt, und dir auserlesene Opfer dargebracht habe, so vergilt jetzt den Achivern mit dem Geschosse!"
So betete er laut, und Apollon erhörte seine Bitte. Zorn im Herzen verließ er den Olymp, Bogen und Köcher mit den hallenden Pfeilen auf der Schulter; so wandelte er einher wie die düstere Nacht, dann setzte er sich in einiger Entfernung von den griechischen Schiffen nieder und schnellte Pfeil um Pfeil ab, daß sein silberner Bogen grauenvoll erklang. Wen aber sein unsichtbarer Pfeil traf, der starb den plötzlichen Tod der Pest. Anfangs nun erlegte er im Lager nur Maultiere und Hunde, bald aber wandte er sein Geschoß auch gegen die Menschen, daß einer um den anderen dahinsank und bald die Totenfeuer unaufhörlich aus den Scheiterhaufen loderten. Neun Tage lang wütete die Pest im griechischen Heere. Am zehnten Tage berief Achilles, dem die Beschirmerin der Griechen, Hera, es ins Herz gelegt, eine Volksversammlung, nahm das Wort und riet, einen der Opferpriester, Seher oder Traumdeuter im Heere zu befragen, durch welche Opfer der Eifer des Phoibos Apollon besänftigt und das Unheil abgewendet werden könne.
Hierauf stand der weiseste Vogelschauer im Heere, der Seher Kalchas, auf und erklärte, den Zorn des fernhin treffenden Gottes deuten zu wollen, wenn ihm der Held Achilles Schutz zuspräche. Der Sohn des Peleus hieß ihn getrost sein und Kalchas sprach: "Keine versäumten Gelübde oder Hekatomben haben den Gott erzürnt. Er ist ergrimmt über die Mißhandlung seines Priesters durch Agamemnon, und wird seine Hand zu unserem Verderben nicht zurückziehen, bis das Mägdlein dem erfreuten Vater zurückgegeben und ohne Entgelt mit einem hundertfachen Sühnopfer nach Chryse heimgeführt wird. Nur auf diese Weise möchten wir die Gnade des Gottes wieder gewinnen."
Im Busen des Königs Agamemnon schwoll die Galle bei diesen Worten des Sehers; sein Auge funkelte, und er begann mit drohendem Blicke: "Unglücksseher, der noch nie ein Wort gesprochen, das mir Gedeihen gebracht hätte, auch jetzt beredest du das Volk, der Fernhintreffer habe uns die Pest gesandt, weil ich das Lösegeschenk für die Tochter des Chryses verworfen habe. Wahr ist's, ich behielt sie gern in meinem Hause, denn sie ist mir lieber als selbst Klytaimnestra, das Weib meiner Jugend, und steht ihr an Wuchs, Schönheit, Geist und Kunst nicht nach! Dennoch will ich sie eher zurückgeben, als daß ich das Volk verderben sehe. Aber ich verlange ein anderes Ehrengeschenk zum Ersatz für sie!"
Nach dem König nahm Achilles das Wort: "Ich weiß nicht, ruhmvoller Atride", sprach er, "welches Ehrengeschenk deine Habsucht von den Achivern verlangt. Wo ist denn noch viel Gemeinschaftliches aufgespeichert? Alle Beute aus den eroberten Städten ist längst verteilt, und den Einzelnen kann man doch das Ausgeteilte nicht wieder nehmen! Darum entlaß die Tochter des Priesters! Wenn uns dereinst Zeus die Eroberung Troias gönnt, so wollen wir dir den Verlust drei-und vierfach ersetzen!" - "Tapferer Held", rief ihm der König zu, "sinne nicht auf Trug! Meinst du, ich werde deinem Befehle folgen und mein Geschenk hergeben, während du das deinige behältst? Nein. Geben mir die Griechen keinen Ersatz, so gehe ich hin, mir einen aus eurer Beute zu holen, sei es ein Ehrengeschenk des Aias oder des Odysseus, oder auch das deinige, Pelide; möget ihr dann noch so sehr zürnen. Doch davon reden wir ein andermal. Jetzt aber immerhin ein Schiff und die Hekatombe gerüstet; sie selbst, die rosige Tochter des Chryses, möget ihr einschiffen, und einer der Fürsten, meinethalben du, Achilles, mag das Schiff befehligen!"
Finster entgegnete Achilles: "Schamloser, selbstsüchtiger Fürst! wie mag dir nur ein Grieche noch gehorchen! Ich selbst, dem die Troianer nichts zuleide getan haben, bin nur dir gefolgt, um deinen Bruder Menelaos dir rächen zu helfen. Und das achtest du nun nicht, sondern willst mir mein Ehrengeschenk entreißen, das ich mir mit meinem Schwert errungen und die Griechen mir geschenkt haben! Bekam ich doch nach keiner Städteeroberung je ein so herrliches Geschenk wie du; die schwerste Last des Kampfes hatte mein Arm stets zu tragen, aber wenn es zur Teilung kommt, trägst du das beste davon, und ich kehre streitmüde und mit wenigem vergnügt zu den Schiffen zurück! Jetzt aber gehe ich heim nach Phthia; versuch es, häufe dir Güter und Schätze ohne mich!"
"Fliehe nur, wenn dir's dein Herz gebeut", rief ihm Agamemnon zu, "ich habe genug Helden ohne dich, du bist doch einer der zanksüchtigsten! Aber wisse, die Tochter des Chryses erhält zwar ihr Vater wieder, ich dagegen hole mir selbst die liebliche Briseis aus deinem Zehe, damit du lernst, wie viel ich höher als du sei und keiner mehr es wage, mir ins Antlitz zu trotzen, wie du tust!"
Achilles entbrannte, sein Herz ratschlagte unter seiner Männerbrust, ob er das Schwert ziehen und den Atriden auf der Stelle niederhauen oder seinen Zorn beherrschen solle. Da stand plötzlich unsichtbar hinter ihm die Göttin Athene, enthüllte sich ihm allein, indem sie ihn am braunen Lockenhaar faßte und sprach flüsternd: "Fasse dich, zücke das Schwert nicht, schelten magst du immerhin. Wenn du mir gehorchst, verspreche ich dir dreifache Gabe!"
Auf diese Mahnung hemmte Achilles seine Rechte am silbernen Hefte des Schwertes und stieß es in die Scheide zurück; aber seinen Worten ließ er freien Lauf: "Unwürdiger", sprach er, "wann hat dein Herz dir eingegeben, mit den Edelsten Griechenlands in einen Hinterhalt zu ziehen, oder in offener Schlacht zuvorderst zu kämpfen? Viel bequemer dünkt es dir, hier im Heereslager sein Geschenk dem zu entwenden, der es wagt, dir zu widersprechen! Aber ich schwöre dir bei diesem Fürstenszepter, so gewiß er nie wieder als Baumast grünen wird, hinfort siehest du den Sohn des Peleus nicht mehr in der Schlacht; umsonst wirst du Rettung suchen, wenn der Männer mordende Hektor die Griechen scharenweise niederwirft; umsonst wird alsdann an deiner Seele der Gram fressen, daß du den edelsten der Danaer keiner Ehre wert geachtet hast!" So sprach Achilles, warf seinen Szepter auf die Erde und setzte sich nieder. Vergebens suchte der ehrwürdige Nestor die Streitenden mit milder Rede zu versöhnen. Endlich rief Achilles, sich aus der Versammlung erhebend, dem König zu: "Tue was du willst, nur mute mir keinen Gehorsam weiter zu. Nie werde ich des Mägdleins wegen gegen dich oder andere die Arme zum Streit aufheben. Ihr gäbet sie mir, ihr könnt sie mir auch wieder nehmen. Aber laß dir nicht einfallen, das Mindeste sonst bei meinen Schiffen anzutasten, wenn du nicht willst, daß dein Blut von meiner Lanze triefe!"
Die Versammlung trennte sich. Agamemnon ließ die Tochter des Chryses und die Hekatombe zu Schiffe bringen, und Odysseus führte beide ihrer Bestimmung zu. Dann aber berief der Atride die Herolde Talthybios und Eurybates und befahl ihnen, die Tochter des Brises aus dem Zelte des Peliden zu holen. Die Herolde gingen ungern, jedoch dem drohenden Worte ihres Herrschers gehorchend, zum Schiffslager. Sie fanden den Achilles vor seinem Zelte sitzend, und er wurde ihres Anblickes nicht fröhlich; sie selbst aber wagten vor Scheu und Ehrfurcht nicht, zu verkündigen, weswegen sie kämen. Aber Achilles hatte es ihnen im Geiste schon abgelauscht. "Freude sei mit euch", rief er ihnen zu, "ihr Herolde des Zeus und der Menschen! Nahet euch immerhin, nicht ihr traget die Schuld eurer Forderung, sondern Agamemnon. Wohlan denn, Freund Patroklos, führe die Jungfrau heraus und übergib sie ihnen. Aber sie selbst sollen mir Zeugen sein vor den Göttern, den Menschen und jenem Wüterich: wenn man je wieder meiner Hilfe bedarf, so ist es nicht meine Schuld, sondern die Schuld des Atriden, wenn ich nicht erscheine."
Patroklos brachte das Mädchen, das den Herolden widerstrebend folgte, denn es hatte seinen milden Herrn liebgewonnen. Achilles aber setzte sich weinend an den Strand, schaute hinunter in die dunkle Meerflut und flehte seine Mutter Thetis um Hilfe an. Da ertönte ihre Stimme aus der Tiefe: "Wehe mir, mein Kind, daß ich dich gebar; so kurz, so gar kurz währet dein Leben, und nun sollst du auch noch so viel Tränen und Kränkung erfahren! Aber ich selbst gehe hinauf zum Donnerer und flehe für dich um Hilfe. Zwar ist er gestern zum Mahle der frommen Aithiopier an den Strand des Okeanos gegangen und erst nach zwölf Tagen wird er wiederkehren, dann aber eile ich hinauf zu ihm und umfasse ihm die Knie. So lange setze du dich zu deinen Schiffen, zürne den Danaern und enthalte dich des Krieges." Achilles verließ, mit der Antwort seiner Mutter im Herzen, den Strand und setzte sich grollend, mit verschlungenen Armen, in seinem Zelte nieder.
Inzwischen war Odysseus mit dem Schiffe zu Chryse angekommen und übergab dem freudig überraschten Vater sein holdseliges Kind. Dankbar hob Chryses seine Hände gen Himmel und flehte zu Phoibos um Abwendung der Plage, die er den Griechen zugesandt, und in diesem Augenblick hörte die Pest unter dem griechischen Heere auf, und als Odysseus mit dem Schiffe ins Lager der Griechen zurückkam, fand er diese des Übels ledig.
Der zwölfte Tag, seit Achilles sich in seine Lagerstätte zurückgezogen hatte, war angebrochen, und Thetis hatte ihr Versprechen nicht vergessen. Im frühesten Morgennebel tauchte sie aus dem Meere und stieg empor zum Olymp. Hier fand sie auf der höchsten Kuppe des gezackten Berges, abseits von den anderen Göttern, den waltenden Zeus gelagert, setzte sich zu ihm, und mit der Linken seine Knie umschlingend, mit der Rechten nach der Sitte Flehender sein Kinn berührend, sprach sie zu ihm: "Vater Zeus, wenn ich dir je mit Worten oder Taten gedient habe, so gewähre mir mein Verlangen: Ehre meinen Sohn, der vom Geschick so früh zu welken bestimmt ist; Agamemnon hat ihn jetzt eben aufs tiefste gekränkt und ihm das Ehrengeschenk entzogen, das er selbst erbeutet hatte. Deswegen bitte ich dich, Göttervater, gib den Troianern so lange Sieg, bis die Griechen meinem Sohne wieder die verdiente Ehre erweisen." Lange blieb Zeus unbeweglich und schweigend. Aber Thetis schmiegte sich ihm immer fester ans Knie und flüsterte: "So gewähre mir doch meine Bitte, Vater, oder verweigere sie mir rundweg, damit ich es wisse, ob ich mehr als alle anderen Götter einer Ehre von dir gewürdigt werde!" So nötigte sie endlich den Vater der Götter zu der unmutigen Antwort: "Es ist nicht zum Heil, daß du mich zwingst, mit der Göttermutter Hera zu hadern, die ohnehin mir immer zuwider ist. Eile nur hinweg, daß sie dich nicht bemerke, und es genüge dir der Wink meines Hauptes, welcher der untrüglichsten Verheißung gleich ist." So sprechend nickte Zeus mit seinen Augenbrauen, und die Höhen des Olymps erbebten von dem Nicken seines Hauptes. Zufrieden fuhr Thetis hinab zur Meerestiefe. Hera aber, welche die Ratschlagung ihres Gemahls mit der Göttin wohl beachtet hatte, trat heran zu Zeus und reizte ihn mit Vorwürfen. Doch dieser antwortete der Göttin ruhig: "Getraue dir nicht einzusehen, was ich beschließe; schweig und gehorche meinem Gebote." Da erschrak Hera vor dem Wort ihres Gemahls, des Götter- und Menschenvaters, und wagte nicht weiter Einsprache gegen seinen Entschluß zu tun.
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Versuchung des Volkes durch Agamemnon
Zeus gedachte des Winkes, den er der Meeresgöttin Thetis zugenickt hatte. Er schickte den Traumgott in das Lager der Griechen und in das Zelt des schlummernden Königs Agamemnon. Dieser stellte sich in Nestors Gestalt, den der König vor allen anderen Ältesten ehrte, zu seinen Häupten und sprach zu ihm: "Schläfst du, Sohn des Atreus? Ein Mann, der das ganze Volk beraten soll, darf nicht so lange schlafen. Höre mich, der ich als ein Bote des Zeus zu dir komme; er befiehlt dir, die Achiver zur Schlacht zu rüsten; jetzt sei die Stunde, wo Troia bezwungen werden kann. Die Himmlischen sind entschlossen, und Verderben schwebt über der Stadt."
Agamemnon erwachte vom Schlafe und sprang vom Lager. Er band sich die Sohlen unter die Füße, zog das Gewand an, hängte das Schwert über die Schulter, ergriff den Szepter und wandelte in der Frühe des Morgens nach den Schiffen. Die Herolde gingen auf sein Geheiß, das Volk zur Versammlung zu rufen, von einer Lagerstatt zu der anderen; die Fürsten des Heeres aber wurden am Schiffe Nestors zu einem Rat versammelt. Hier eröffnete Agamemnon die Beratung mit den Worten: "Freunde, vernehmet! ein gottgesandter Traum, in Nestors Gestalt zu mir tretend, hat mich belehrt, daß, von Zeus herabgesandt, über Troia Verderben schwebe. Laßt uns nun sehen, ob es uns gelingt, die durch den Zorn des Achilles entmutigten Männer zur Schlacht zu rüsten. Ich selbst will sie zuerst mit Worten versuchen und ihnen den Rat erteilen, zu Schiffe zu gehen und die troianische Küste zu verlassen, dann sollt ihr euch, der eine da, der andere dorthin eilend, verteilen, und die Völker zum Bleiben zu bewegen suchen." Nach Agamemnon erhob sich Nestor und sprach zu den Fürsten: "Wenn ein anderer Mann uns einen solchen Traum erzählte, so würden wir ihn der Lüge beschuldigen und uns verächtlich abwenden. So aber ist der, der diesen Traum gesehen hat, der erste Fürst aller Danaer, und darum glauben wir ihm und gehen ans Werk!" Nestor verließ den Rat, und alle Fürsten folgten ihm auf den Markt, wo das gesamte Volk sich schon wie ein Bienenschwarm versammelte. Neun Herolde ordneten dasselbe, daß es sich im Kreise lagerte und allmählich der Lärm und das Flüstern der Redenden verstummte. Dann sprach Agamemnon, in der Mitte der Versammlung stehend und auf seinen Herrscherstab sich lehnend: "Liebe Freunde, versammelte heldenmütige Streiter des Danaervolkes, der grausame Zeus hat mich in schwere Schuld verstrickt, er, der mir einst so gnädig gelobt hatte, daß ich nur als Vertilger Troias heimziehen sollte. Jetzt aber gefällt es ihm, der schon so viele Städte zu Boden geschmettert hat und in seiner Allmacht noch niederschmettern wird, mir zu befehlen, daß ich, nachdem so viel Volkes umsonst erlegen ist, ruhmlos nach Argos zurückkehren soll. Auch ist es freilich schmählich, wenn ein späteres Geschlecht vernehmen soll, daß dieses große Griechenvolk in einem heillosen Streite gegen so viel schwächere Feinde fortkämpfe. Denn wahrhaftig, wenn wir die Zahl der Troianer im Frieden mit der Zahl der Unsrigen messen wollten, so daß je ein Troianer einem Tische von zehn Griechen den Wein kredenzte, so würden, deucht mir, viele Tische des Weines entbehren müssen. Aber freilich haben sie mächtige Bundesgenossen aus vielen Städten, deren Macht mir nicht erlaubt, ihre Stadt zu vertilgen, wie ich wohl möchte. Inzwischen sind neun Jahre herumgegangen, das Holz an unseren Schiffen wird anbrüchig, die Seile vermodern, unsere Weiber und Kinder sitzen zu Hause und schmachten nach uns, so ist es wohl das beste, wir fügen uns in des Zeus Gebot, gehen zu Schiffe und kehren ins liebe Land der Väter zurück." Die Worte Agamemnons bewegten die Versammlung wie schwellende Meereswogen. Das ganze Heer geriet in Aufruhr; alles stürzte den Schiffen zu, daß der Staub in die Luft wirbelte; einer ermunterte den anderen, die Schiffe ins Meer zu ziehen; die Balken unter diesen wurden hinweggezogen, die Gräben, die mit dem Meer in Verbindung standen, geräumt.
Den Freunden der Griechen im Olymp selbst wurde bange, als sie den Ernst der Völker sahen, und Hera ermahnte Athene, hinunter zu eilen ins Heer der Achiver und durch ihre schmeichelnde Götterrede die Flucht derselben zu hemmen. Pallas Athene gehorchte ihr und flog von den Felsenhöhen des Olymp hinab ins Schiffslager der Griechen. Hier fand sie den Odysseus mit gramvollem Herzen regungslos vor seinem Schiffe stehend, das er nicht zu berühren wagte. Die Göttin näherte sich ihm, und indem sie sich seinen Blicken offenbarte, sprach sie freundlich zu ihm: "Also wollet ihr euch wirklich in die Schiffe stürzen und fliehen? Wollet dem Priamos den Ruhm und den Troianern Helena lassen, die Griechin, um welche so viele Griechen, fern vom Vaterlande, dahingesunken sind? Nein, das wirst du nicht dulden, edler, kluger Odysseus! Eilig dich ins Heer der Danaer geworfen, nicht gezaudert! brauche deine Beredsamkeit, ermahne, hemme sie." Auf den Ruf der Göttin warf Odysseus schnell seinen Mantel weg, den Eurybates, sein Herold, der ihm gefolgt war, aufnahm, und eilte unter das Volk. Stieß er nun auf einen der Fürsten und edleren Männer, so hielt er ihn mit freundlichen Worten an und sprach ihm zu: "Ziemt es dir auch, mein Trefflicher, zu verzagen, wie ein Feigling? Du solltest vielmehr ruhig bleiben und auch die anderen beruhigen. Weißt du doch nicht, wie der Atride wirklich im Herzen gesinnt ist, und ob er die Griechen nicht hat versuchen wollen!" Wo er aber einen Mann vom Volk lärmend und schreiend antraf, den schlug er mit seinem Szepter und bedrohte ihn mit lauter Stimme: "Elender, rühre dich nicht; hör' du, was andere sagen, du, den man weder im Kampf noch im Rate rechnen kann! Wir Griechen können doch nicht alle Könige sein! Vielherrschaft ist nichts nütze, nur einem hat Zeus den Szepter verliehen, und diesem sollen die anderen gehorchen!"
So ließ Odysseus seine herrschende Stimme durchs Heer erschallen, und bewog endlich das Volk, von den Schiffen auf den Versammlungsplatz zurückzuströmen. Allmählich wurde alles ruhig und verharrte geduldig auf den Sitzen. Nur eine einzige Stimme krächzte noch; es war Thersites, der sich, wie gewöhnlich, mit fordernden Scheltworten gegen die Fürsten vernehmen ließ. Dieser war der häßlichste Mann, der aus Griechenland mit vor Troia gekommen war; er schielte mit dem einen Auge und war lahm am anderen Fuße, hatte einen Höcker auf dem Rücken, die Schulter gegen die Brust eingeengt, einen Spitzkopf, dessen Scheitel nur mit dünner Wolle spärlich besäet war. Besonders war der Haderer dem Peliden und Odysseus verhaßt, denn gegen diese Helden lästerte er unaufhörlich. Diesmal aber kreischte er seine Schmähungen dem Völkerfürsten Agamemnon entgegen: "Was hast du zu klagen, Atride", schrie er, "wessen bedarfst du denn? Ist nicht dein Zelt voll von edlem Erz und voll von Weibern? Du lassest es dir wohl sein, und wir sollen uns von dir in allen Jammer hineinführen lassen? Viel besser tun wir, auf den Schiffen heimzusegeln, und diesen hier allein vor Troia sich mit Ehrengeschenken mästen zu lassen! Hat er doch jetzt selbst den mächtigen Achilles verunehrt und enthält ihm seine Ehrengabe vor. Aber der träge Pelide hat keine Galle in der Leber, sonst hätte der Tyrann heute zum letztenmal gefrevelt!"
Während Thersites so schalt, stellte sich Odysseus neben ihn und maß ihn mit finsterem Blick, dann hob er sein Szepter, bläute ihm Rücken und Schultern und rief: "Find' ich dich noch einmal im Wahnsinn toben, wie jetzt, du Schuft, so soll mein Haupt nicht auf meinen Schultern stehen und Telemachos nicht mein Sohn sein, wenn ich dir nicht die Kleider bis auf die Blöße vom Leibe ziehe und dich mit Geißelhieben gestäupt nackt zu den Schiffen sende!" Thersites krümmte sich unter den Streichen des Helden mit blutigen Striemen auf Schulter und Nacken und lief dann tobend vor Schmerz und heulend vor Wut von dannen. Im Volke aber stieß ein Nachbar den anderen lachend an und freute sich darüber, daß der ekelhafte Mensch die verdiente Strafe erhielt.
Jetzt aber trat der Held Odysseus vor das Volk; neben ihm Pallas Athene, welche die Gestalt eines Herolds angenommen hatte und den Völkern Stillschweigen gebot. Er selbst hob seinen Fürstenstab in die Höhe, daß die Umstehenden aufmerkten und sprach: "Sohn des Atreus! Wahrhaftig, so weit ist es gekommen, daß die Griechen dir Schmach bereiten und ihren Verheißungen ungetreu werden, sie, die versprochen haben, nicht eher von dannen zu ziehen, als bis sie Troia vertilgt hätten. Nun jammern sie wie Weiber und kleine Kinder nach der Heimkehr und klagen einander ihr Leid! Aber welche Schande wäre es für uns, nachdem wir so lange hier verweilt, leer heimzukehren! Darum, ihr Freunde! geduldet euch doch noch ein weniges; erinnert euch an das Zeichen, das uns vor unserer Abfahrt nach Aulis zuteil wurde, als wir auf geweihten Altären, um jenen Sprudelquell her, Hekatomben unter dem schönen Ahornbaume opferten. Mir ist's, als wäre es erst gestern geschehen! Ein gräßlicher Drache mit dunkelfarbigen Schuppen schlüpfte unter dem Altar hervor und fuhr schlangelnd an dem Ahornbaume hinauf. Dort hing ein Sperlingsnest mit nackten Jungen schwankend auf einem Ast; ihrer acht schmiegten sich in die Blätter, das neunte aber war die brütende Mutter der Vögel. Die umflog mit kläglichem Zwitschern die Kleinen, bis der Drache sein Haupt hindrehte und die Jammernde am Flügel erhaschte. Nachdem er die Mutter samt den Jungen verzehrt, verwandelte Zeus, der den Drachen gesandt hatte, ihn zum offenbaren Wunderzeichen in einen Stein, und ihr Achiver sähet es mit staunendem Grauen. Kalchas aber, der Seher, rief euch zu: ‚Was stehet ihr verstummt, ihr Griechen ? Wisset ihr nicht, daß dies Wunder eine Wahrsagung von Zeus ist? Die neun Sperlinge sind neun Jahre, die ihr um Troia kriegen werdet; im zehnten aber werdet ihr die prachtvolle Stadt erobern.' So weissagte damals Kalchas. Nun aber wird ja alles vollendet! Die neun Jahre des Kampfes sind vorüber, das zehnte Jahr ist erschienen, und der Sieg muß mit ihm kommen. So harret denn die kleine Weile miteinander noch aus, ihr Griechen! Bleibet, bis wir die Veste des Königs Priamos zerstört haben!"
Ein Jubel der versammelten Argiver beantwortete die Rede des Odysseus; der weise Nestor benützte die umgewandelte Stimmung der Völker und riet dem König Agamemnon, sofort, wenn sich etwa noch einer unbändig nach der Heimkehr sehnte, einem solchen nicht zu verweigern, zu Schiffe zu gehen und von dannen zu fahren. Dann aber sollte er die Männer nach Stamm und Geschlecht absondern und kämpfen lassen, so würde er am sichersten erfahren, wer von Kriegern und Führern der Mutigere oder der Feigere sei, und ob Göttergewalt, oder Furcht, oder mangelnde Kriegserfahrung die Eroberung Troias verhindere. Erfreut antwortete auf diesen Vorschlag der Völkerfürst:
"Fürwahr, Nestor, du, der Greis, übertriffst unsere Männer alle durch Einsicht. Hätte ich im Rate der Griechen noch zehn deinesgleichen, so sollte mir Troias hochragende Burg bald zertrümmert in den Staub sinken! Ich selbst muß gestehen, daß ich unbesonnen gehandelt habe, mich mit Achilles wegen des Mädchens zu entzweien. Zeus hatte mich damals mit Blindheit geschlagen. Versöhnen wir beide uns je wieder, so wird der Untergang Troias nicht länger säumen! Doch nun wollen wir uns zum Angriff rüsten, stärke sich jeder mit einem Mahl, bereite Schild und Lanze, füttere und tränke seine Rosse, besichtige den Streitwagen und gedenke der Schlacht, die bis zum Abend dauern wird. Bleibt mir einer absichtlich bei den Schiffen zurück, dessen Leib soll den Hunden und Vögeln nicht entgehen!"
Als Agamemnon ausgeredet, schrien die Danaer laut auf, daß es tönte wie die Meeresflut, wenn sie sich beim Südwind am hohen Felsenstrande bricht. Das Volk sprang auf, jeder eilte zu seinen Schiffen, und bald sah man den Rauch des Frühstücks aus den Lagerhütten dampfen. Agamemnon selbst opferte dem Zeus einen Stier und lud die edelsten Achiver zum Mahle ein. Als dies vorüber war, gebot er den Herolden, die Griechen zur Schlacht zu rufen, und bald stürzten die Haufen, Scharen von Kranichen oder Schwänen gleich, die am Flußufer hinflattern, auf die skamandrische Wiese. Die Führer, an ihrer Spitze der Atride, ordneten die Reihen. Herrlich war der Fürst der Fürsten, Agamemnon, anzuschauen, an Augen und Haupt dem Göttervater gleich, an breiter Brust dem Poseidon, und gerüstet wie der streitbare Kriegsgott selbst.
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Paris und Menelaos
Das Heer, auf Nestors Rat nach Volksstämmen geordnet, stand in Schlachtordnung, als man endlich den Staub der aus ihren Mauern heranziehenden Troianer gewahr wurde. Nun setzten sich auch die Griechen in Bewegung. Als beide Heere einander nahe genug waren, daß der Kampf beginnen konnte, schritt aus der Reihe der Troianer der Königssohn Paris vor, in ein buntes Pantherfell gekleidet, den Bogen um die Schultern gehängt, sein Schwert an der Seite, und indem er zwei spitze Lanzen schwenkte, forderte er den Tapfersten aller Griechen heraus, mit ihm den Zweikampf zu wagen. Als diesen Menelaos aus den sich heranwälzenden Scharen hervorspringen sah, freute er sich wie ein hungriger Löwe, dem eine ansehnliche Beute, ein Gemsbock oder ein Hirsch, in den Weg kommt, und schnell sprang er in voller Rüstung von seinem Wagen zur Erde herab, den frevelhaften Dieb seines Hauses zu bestrafen. Dem Paris aber graute beim Anblick eines solchen Gegners und er entzog sich dem Kampf, erblassend und ins Gedränge seiner Landsleute zurückfahrend, als hätte er eine Natter gesehen. Als ihn Hektor so in die Menge der Troianer zurücktauchen sah, rief er ihm voll Unmut zu: "Bruder, du bist doch nur von Gestalt ein Held, in Wahrheit aber nichts als ein weibischer schlauer Verführer. Wärest du lieber gestorben, ehe du um Helena gebuhlt! Siehst du nicht, wie die Griechen ein Gelächter erheben, daß du es nicht wagst, dem Manne standzuhalten, dem du die Gattin gestohlen hast? Du wärest wert, zu erfahren, an welchem Manne du dich versündigt, und ich würde dich nicht bemitleiden, wenn du dich verwundet auf dem Boden wälzest und der Staub dein zierliches Lockenhaar besudelte." Paris antwortete ihm: "Hektor, dein Herz ist hart und dem Mut unwiderstehlich wie eine Axt aus Erz, mit der der Schiffszimmermann Balken behaut, und du tadelst mich nicht mit Unrecht; aber schilt mir nicht meine Schönheit, denn sie ist auch eine Gabe der Unsterblichen. Wenn du mich aber jetzt kämpfen sehen willst, so heiße Troianer und Griechen ruhen; dann will ich um Helena und alle ihre Schätze mit dem Helden Menelaos vor allem Volk den Zweikampf wagen. Wer von uns beiden siegt, mag sie heimführen; ein Bund soll es bekräftigen; ihr bauet alsdann das troianische Land in Frieden und jene schiffen heim gen Argos."
Eine freudige Überraschung hatte sich Hektors bei diesen Worten seines Bruders bemächtigt; er trat vor die Schlachtordnung heraus in die Mitte und hemmte, den Speer vorhaltend, den Anlauf der troianischen Haufen. Als die Griechen seiner ansichtig wurden, zielten sie um die Wette mit Wurfspießen, Pfeilen und Steinen nach ihm. Agamemnon aber rief laut nach den griechischen Reihen zurück: "Haltet ein, Argiver, werfet nicht; der helmumflatterte Hektor begehrt zu reden!" Die Griechen ließen ihre Hände sinken und verharrten in Schweigen ringsumher, und nun verkündete Hektor mit lauter Stimme den Völkern den Entschluß seines Bruders Paris. Seiner Rede folgte ein tiefes Stillschweigen. Endlich nahm Menelaos vor den Heeren das Wort: "Höret mich an", rief er, "mich, auf dessen Seele der allgemeine Kummer am schwersten lastet! Endlich, hoffe ich, werdet ihr, Argiver und Troianer, nachdem ihr um des Streites willen, den Paris angefacht, so viel Schlimmes erduldet habt, versöhnt voneinander scheiden! Einer von uns zweien, welchen auch das Schicksal auserkoren hat, soll sterben; ihr anderen aber sollt in Frieden scheiden. Laßt uns opfern und schwören, alsdann mag der Zweikampf beginnen!"
Beide Heere wurden froh über diesen Worten, denn sie sehnten sich nach einem Ende des unseligen Krieges. Auf beiden Seiten zogen die Wagenlenker den Rossen die Zügel an, die Helden sprangen von den Streitwagen, zogen die Rüstungen aus und legten sie, Feinde ganz nahe an Feinden, auf die Erde nieder. Hektor sandte eilig zwei Herolde nach Troia, die Opferlämmer zu bringen und den König Priamos herbeizurufen; auch der König Agamemnon schickte den Herold Talthybios zu den Schiffen, ein Lamm zu holen. Die Götterbotin Iris aber, in Priamos' Tochter Laodike umgestaltet, eilte, die Botschaft der Fürstin Helena in die Stadt zu bringen. Sie fand sie am Webstuhl, ein köstliches Gewand mit den Kämpfen der Troianer und Griechen durchwirkend, die Augen auf ihre Arbeit geheftet. "Komm doch heraus, trautes Kind", rief sie ihr zu, "du sollst etwas Seltsames schauen! Die Troianer und Griechen, die noch eben voll Ingrimms zur Feldschlacht gegeneinander heranrückten, ruhen stillschweigend, auf die Schilde hingelehnt, die Speere in den Boden gesteckt, einander gegenüber; aller Krieg ist beendigt, nur deine Gatten Alexander und Menelaos werden mit der Lanze um dich kämpfen, und wer seinen Gegner besiegt, trägt dich als Gemahlin davon!"
So sprach die Göttin und erfüllte das Herz Helenas mit Sehnsucht nach ihrem Jugendgemahl Menelaos, nach der Heimat und nach den Freunden. Sie hüllte sich schnell in einen silberweißen Schleier, in welchen sie die Träne verbarg, die ihr an den Wimpern hing, und eilte, von Aithra und Klymene, zweien ihrer Dienerinnen, gefolgt, nach dem skaeischen Tore. Hier saß auf den Zinnen König Priamos mit den ältesten und verständigsten Greisen des troianischen Volkes, Panthos Thymoitos, Lampos, Klytios, Hiketaon, Antenor und Ukalegon; die beiden letzteren waren die verständigsten Männer von Troia; sie alle ruhten zwar in ihrem hohen Alter vom Kriege aus, in der Ratsversammlung aber war ihr Wort das tüchtigste. Als diese von der Höhe des Turmes Helena herankommen sahen, flüsterten die Greise, die Gestalt der Fürstin bestaunend, einander leise zu: "Fürwahr, niemand soll Troianer und Griechen tadeln, daß sie für ein solches Weib so lange im Elend ausharren. Gleicht sie doch einer unsterblichen Göttin an Herrlichkeit! Aber auch mit solcher Gestalt mag sie immerhin auf den Schiffen der Danaer heimkehren, damit uns und unseren Söhnen nicht der Schaden zurückbleibe!" Priamos aber rief Helena liebreich herbei: "Komm näher heran", sprach er, "mein Töchterchen, setze dich zu mir her, ich will dir deinen ersten Gemahl, deine Freunde und deine Verwandten zu schauen geben; du bist mir nicht schuld an diesem jammervollen Kriege, die Götter sind es, die ihn mir zugesendet haben. Nenne mir denn jenes gewaltigen Mannes Namen, der dort so groß und herrlich über alle Danaer hervorprangt, an Haupt überragen ihn zwar hier und da noch größere Männer in dem Heere, aber von so königlicher Gestalt habe ich doch noch keinen unter ihnen gesehen."
Ehrfurchtsvoll entgegnete Helena dem König: "Teurer Schwiegervater, Scheu und Furcht bewegen mich, indem ich dir nahe. Mir wäre der bitterste Tod besser gewesen, als daß ich, Heimat, Tochter und Freunde verlassend, deinem Sohne hierher gefolgt bin. In Tränen möchte ich zerfließen, daß es geschah! Nun aber höre: der dort, nach dem du fragst, ist Agamemnon, der trefflichste König und ein tapferer Krieger; er war, ach, er war dereinst mein Schwager!" - "Glücklicher Atride", rief Priamos aus, den Helden sich betrachtend. "Gesegneter, dessen Szepter zahllose Griechen gehorchen! Auch ich stand einst in männlicher Jugend an der Spitze eines großen Heeres, als wir die Horde der Amazonen von Phrygien abwehrten; doch war mein Heer nicht so groß wie das deinige!" Dann fragte der Greis von neuem: "Nenne mir nun auch noch jenen, Töchterchen, er ragt nicht so hoch empor wie der Atride, aber seine Brust ist breiter, seine Schultern sind mächtiger; seine Wehr liegt zu Boden gestreckt; er selbst umwandelt die Reihen der Männer wie ein Widder die Schafe." - "Das ist der Sohn des Laertes", antwortete Helena, "der schlaue Odysseus; Ithaka, die felsige Insel, ist seine Heimat." Jetzt mischte sich auch der Greis Antenor ins Gespräch: "Du hast recht, Fürstin", sagte er, "ihn und Menelaos kenne ich gut; habe ich sie doch in meinem Hause als Gesandte einst beherbergt. Im Stehen überragte Menelaos den Helden Odysseus; wenn sie sich aber beide gesetzt, erschien Odysseus als der Herrlichere. Auch redete Menelaos wenig, lauter hingeworfene inhaltsreiche Worte. Odysseus aber, wenn er reden wollte, stand da, die Augen zur Erde geheftet, den Stab unbeweglich in der Hand, anzusehen wie ein Verlegener; man wußte nicht, ist er tückisch oder dumm. Sandte er aber einmal die gewaltige Stimme aus der Brust, dann drängten sich seine Worte wie Schneeflocken im Winter, und kein Sterblicher konnte sich mit Odysseus an Beredsamkeit messen."
Priamos hatte sich indessen noch weiter umgeschaut. "Wer ist denn der Riese dort", rief er, "der so gar groß und gewaltig über alles Volk hervorragt?" - "Das ist der Held Aias", antwortete Helena, "die Stütze der Achiver, und weiter drüben steht wie ein Gott unter seinen Kretern Idomeneus. Ich kenne ihn wohl; Menelaos hat ihn oft in unserer Wohnung beherbergt. Und ach, nun erkenne ich einen um den anderen, die freudigen Krieger aus meiner Heimat; hätten wir Muße, so wollte ich dir sie alle mit Namen nennen! Nur meine leiblichen Brüder Kastor und Polydeukes sehe ich nicht. Sind sie wohl nicht mit hierher gekommen? oder scheuen sie sich, in der Schlacht zu erscheinen, weil sie sich ihrer Schwester schämen?" Über diesem Gedanken verstummte Helena; sie wußte nicht, daß ihre Brüder schon lange von der Erde verschwunden waren.
Während diese sich so unterredeten, trugen die Herolde die Bundesopfer durch die Stadt, welche aus zwei Lämmern und aus einheimischem Weine zum Trankopfer, der in einen bocksledernen Schlauch gefüllt war, bestand. Der Herold Idaios folgte mit einem blinkenden Krug und goldenem Becher. Als sie durchs skaeische Tor kamen, nahte dieser dem König Priamos und sprach zu ihm: "Mach dich auf, König, beide, die Fürsten der Troianer und der Griechen, rufen dich hinab ins Gefilde, damit du dort einen heiligen Vertrag beschwörest. Dein Sohn Paris und Menelaos werden allein um das Weib mit dem Speere kämpfen; wer im Kampfe siegt, dem folgt sie mitsamt den Schätzen. Alsdann schiffen die Danaer nach Griechenland zurück." Der König stutzte, doch befahl er seinen Gefährten, die Rosse anzuschirren, und mit ihm bestieg Antenor den Wagensitz. Priamos ergriff die Zügel und bald flogen die Rosse durchs skaeische Tor hinaus aufs Blachfeld. Zwischen den beiden Völkern angekommen, verließ der König mit seinem Begleiter den Wagen und stellte sich in die Mitte. Aus dem griechischen Heere eilten jetzt Agamemnon und Odysseus herbei. Die Herolde führten die Bundesopfer heran, mischten den Wein im Kruge und besprengten die beiden Könige mit dem Weihwasser. Dann zog der Atride das Opfermesser, das ihm immer neben der großen Scheide seines Schwertes herabhing, schnitt den Lämmern, wie bei Opfern gebräuchlich, das Stirnhaar ab, und rief den Göttervater zum Zeugen des Bündnisses. Dann durchschnitt er den Lämmern die Kehlen und legte die geopferten in den Staub nieder; die Herolde gössen unter Gebet den Wein aus goldenen Bechern, und alles Volk von Griechenland und Troia flehte dazu laut: "Zeus und ihr unsterblichen Götter alle! Welche von uns zuerst den Eidschwur brechen, deren Gehirn fließe auf den Boden wie dieser Wein, ihres und ihrer Kinder!"
Priamos aber sprach: "Jetzt, ihr Troianer und Griechen, laßt mich wieder zu Ilions hoher Burg zurückkehren, denn ich kann es unmöglich mit eigenen Augen ansehen, wie mein Sohn hier auf Leben und Tod mit dem Fürsten Menelaos kämpft; weiß doch Zeus allein, welchem von beiden der Untergang verhängt ist!" So sprach der Greis, ließ die Opferlämmer in den Wagen legen, bestieg mit seinem Begleiter den Sitz und lenkte die Rosse wieder der Stadt Troia zu.
Hierauf maßen Hektor und Odysseus den Raum des Kampfplatzes ab und schüttelten in einem ehernen Helm zwei Lose, zu entscheiden, wer zuerst die Lanze auf den Gegner werfen dürfe. Hektor, rückwärts gewandt, schwenkte den Helm; da sprang das Los des Paris heraus. Nun waffneten sich beide Helden und wandelten in Panzer und Helm, die mächtigen Lanzen in der Hand, mit drohendem Blicke in der Mitte der Troianer und Griechen einher, von beiden Völkern angestaunt. Endlich traten sie einander in dem abgemessenen Kampfräume gegenüber und schwangen zornig ihre Speere. Durch das Los berechtigt, entsandte zuerst Paris den seinigen; der traf dem Menelaos den Schild, aber die Lanzenspitze bog sich am Erze und sank zurück. Dann erhob auch Menelaos seinen Speer und betete dazu mit lauter Stimme: "Zeus, laß mich den strafen, der mich zuerst beleidigt hat, daß man noch unter den späten Enkeln sich scheue, dem Gastfreunde Böses zu tun!" Der entsandte Speer durchschmetterte dem Paris den Schild, durchdrang den Harnisch und durchschnitt ihm den Leibrock an der Weiche; nun riß der Atride sein Schwert aus der Scheide und führte einen Streich auf den Helm des Gegners, aber die Klinge zersprang ihm klirrend. "Grausamer Zeus, was mißgönnst du mir den Sieg?" rief Menelaos, stürmte auf den Feind ein, ergriff ihn am Helm und zog ihn umgewendet der griechischen Schlachtordnung zu, ja er hätte ihn geschleift, und der beengende Kehlriemen hätte ihn erwürgt, wenn nicht die Göttin Aphrodite die Not gesehen und den Riemen gesprengt hätte. So blieb dem Menelaos der leere Helm in der Hand; diesen schleuderte der Held den Griechen zu und wollte aufs neue auf seinen Gegner eindringen. Den aber hatte Aphrodite in einen schirmenden Nebel gehüllt und plötzlich nach Troia geführt. Hier setzte sie ihn im süßduftenden Gemache nieder, trat dann in Gestalt einer alten spartanischen Wollekremplerin zu Helena, die auf einem der Türme unter vielen troianischen Weibern saß. Die Göttin zupfte sie am Gewand und sprach zu ihr: "Komm, Paris ruft dich, er sitzt in der Kammer in reizendem Feierkleide; du solltest glauben, er gehe zum Reigen, und nicht, er komme vom Zweikampf." Als Helena aufblickte, sah sie Aphrodite in göttlichem Reize vor sich verschwinden. Unbemerkt von den Frauen schlich sie sich davon und eilte nach ihrem Palaste. Dort fand sie im hohen Gemache den Gatten, von Aphrodite geschmückt, in einem Sessel gelagert. Sie setzte sich ihm gegenüber, kehrte die Augen weg und schalt ihren Gemahl: "So kommst du vom Kampfe zurück? Lieber sähe ich dich getötet von dem Gewaltigen, der mein erster Gatte war! Noch kürzlich prahltest du, ihn im Lanzenwurf und im Handgemenge zu besiegen! Geh nun, und fordere ihn noch einmal heraus! Doch nein, ich rate dir, bleib in Ruhe; das zweite Mal dürfte er dir übler mitspielen!" - "Kränke mir das Herz nicht durch deine Schmähungen, Frau", erwiderte ihr Paris, "wenn Menelaos mich besiegt hat, so geschah es mit Athenes Hilfe. Ein andermal werde ich über ihn siegen; die Götter haben auch uns noch nicht vergessen." Da wandte Aphrodite Helenas Herz, daß sie den Gatten freundlicher ansah und ihm versöhnt die Lippen zum Kusse reichte.
Auf dem Kampfplatze durchstürmte Menelaos noch immer wie ein Raubtier das Heer, den verschwundenen Paris ausspähend; aber weder ein Troianer, noch ein Grieche konnte ihm den Fürsten zeigen, und doch hätten sie ihn gewiß nicht verhehlt, denn er war beiden zuwider wie der Tod. Endlich erhob Agamemnon seine Stimme und sprach: "Höret mein Wort, ihr Dardaner und Griechen! Menelaos ist der offenbare Sieger. So gebet uns denn jetzt Helena samt den Schätzen zurück und bezahlet uns für alle Folgezeit einen Tribut!" Die Argiver nahmen diesen Vorschlag mit Jubel auf, die Troianer schwiegen.
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Pandaros
Auf dem Olymp war große Götterversammlung. Hebe wandelte an den Tischen umher und schenkte Nektar ein. Die Götter tranken einander aus goldenen Pokalen zu und schauten auf Troia nieder. Da ward von Zeus und Hera Troias Untergang beschlossen. Der Vater der Götter wandte sich zu seiner Tochter Athene und befahl ihr, auf den Kampfplatz hinabzueilen und die Troianer zu versuchen, daß sie die auf ihren Sieg stolzen Griechen wider den Vertrag zu beleidigen anfingen. Pallas Athene mischte sich sofort unter das Getümmel der Troianer, nachdem sie die Gestalt des Laodokos, der ein Sohn Antenors war, angenommen. In dieser Verhüllung suchte sie den Sohn Lykaons, den trotzigen Pandaros, auf, der ihr zu dem Werke geschickt schien, das ihr der Vater aufgetragen. Dieser war ein Verbündeter der Troianer und aus Lykien mit seiner Heerschar hergekommen. Die Göttin fand ihn bald, in der Mitte der Seinigen stehend. Sie trat nahe zu ihm, klopfte ihm auf die Schulter und sprach: "Höre, kluger Pandaros, jetzt könntest du etwas tun, wodurch du bei allen Troianern dir Preis und Dank verdientest, vor allem von Paris, der dir gewiß mit den herrlichsten Geschenken lohnen würde. Siehst du dort Menelaos, den hochmütigen Sieger stehen? Wage es, und drücke deinen Pfeil auf ihn ab." So sprach die verhüllte Göttin, und das Herz des Toren gehorchte ihr. Schnell entblößte er den Bogen, öffnete den Deckel des Köchers, wählte einen befiederten Pfeil, legte ihn auf die Sehne und bald sprang das Geschoß vom schwirrenden Hörn. Athene aber lenkte den Pfeil auf den Leibgurt, so daß er zwar durch diesen und den Harnisch drang, aber nur die oberste Haut ritzte, jedoch so, daß das Blut aus der Wunde drang und den Menelaos ein leichter Schauer durchflog. Wehklagend umringten ihn Agamemnon und die Genossen. "Teurer Bruder", rief der König, "dir zum Tode habe ich das Bündnis geschlossen; die treulosen Feinde haben es mit Füßen getreten. Zwar werden sie es büßen und ich weiß gewiß, daß der Tag kommt, wo Troia mit Priamos und dem ganzen Volke hinsinkt; mich aber erfüllt dein Tod mit dem bittersten Schmerz. Wenn ich ohne dich heimkehre und deine Gebeine auf troianischem Boden am unvollendeten Werk dahinmodern, mit welcher Schmach würde mich das Vaterland empfangen; denn einem anderen, nicht mir ohne dich ist beschieden, Troia zu erobern und Helena fortzuführen; und die Troianer werden spottend über deinem Grabe hüpfen! Täte sich doch die Erde unter mir auf!" Aber Menelaos tröstete seinen Bruder: "Sei ruhig", sprach er, "das Geschoß hat mich nicht zum Tode verwundet; mein Leibgurt hat mich geschützt." - "O daß dem so wäre", seufzte Agamemnon und beschickte durch seinen Herold eilig den heilkundigen Machaon. Dieser kam, zog den Pfeil aus dem Gurt, löste diesen, öffnete das Blech des Harnisches und beschaute die Wunde; dann sog er selbst das quellende Blut heraus und legte ihm eine lindernde Salbe auf.
Während der Arzt und die Helden so um den verwundeten Menelaos beschäftigt waren, rückten die Schlachtreihen der Troianer schon heran; auch die Griechen hüllten sich wieder in ihre Wehren, und Agamemnon übergab dem Eurymedon Rosse und Wagen mit der Weisung, sie ihm zu bringen, wenn er ihn vom Durcheilen der Schlachtordnung ermattet sehe. Dann flog er zu Fuß unter die Scharen der Streiter und ermunterte sie zur Abwehr, die Mutigen belobend, die Saumseligen tadelnd. So gelangte er auf seinem Gange zu den Kretern, die gewappnet ihren Heerführer Idomeneus umringten. Dieser stand an ihrer Spitze, kampflustig wie ein Eber. Die hinteren Reihen munterte sein Freund Meriones auf. Als Agamemnon diese Scharen sah, wurde sein Herz fröhlich: "Du bist mir doch der Besten einer, Idomeneus", rief er ihnen zu, "bei jedem Geschäft, im Kriege wie beim Mahle, wenn man den funkelnden Ehrenwein in den mächtigen Krügen mischt. Wenn da die anderen ihr bescheidenes Maß trinken, so steht dein Becher immer voll wie der meinige. Jetzt aber stürme mit mir in die Schlacht, wie du dich so oft gegen mich gerühmt." - "Wohl bleibe ich dem treuer Genösse, König", erwiderte jener, "geh nur andere anzuspornen, bei mir bedarf es dessen nicht. Möge Tod und Verderben die bundbrüchigen Troianer treffen!"
Jetzt erreichte Agamemnon die beiden Aias, hinter denen ein ganzes Gewühl von Fußvolk einherzog: "Wenn doch", rief ihnen der König im Vorübereilen zu, "ein Mut wie der eurige den Busen aller Danaer beseelte, dann sollte die Burg des Priamos bald unter unseren Händen in Trümmer fallen." Nun traf er weiter schreitend auf Nestor. Dieser ordnete gerade seinen Heerhaufen, voran die Helden mit Roß und Wagen, viele und tapfere Männer zu Fuße hinten, die Feigen in die Mitte gedrängt. Dazu ermahnte er sie mit weisen Worten: "Wage sich mir keiner mit seinem Streitwagen zu weit vor, weiche mir auch keiner zurück; stößt Wagen auf Wagen, so strecket die Lanze vor." Wie ihn Agamemnon die Seinigen so ermahnen hörte, rief er ihm zu: "O Greis, möchten dir die Knie folgen und deine Leibeskraft ausreichen, wie dir der Mut noch den Busen füllt. Könnte doch ein anderer dir die Last des Alters abnehmen, daß du zum Jüngling umgeschaffen würdest!" - "Wohl möchte ich jetzt der sein, der ich einst war", antwortete ihm Nestor, "doch haben die Götter den Menschen nicht alles zugleich verliehen. Mögen die Jüngeren Speere werfen; ich begleite meine Männer mit Worten und weisem Rate, den auch das Alter geben kann." Freudig ging Agamemnon an ihm vorüber und stieß jetzt auf Menestheus, den Sohn des Peteos, um den die Athener geschart waren, und neben welchem die Kephallener in dichten Schlachtreihen unter Odysseus standen. Beider Haufen ruhten in Erwartung und wollten andere Züge voranstürmen lassen. Dies verdroß den Völkerfürsten und er sprach mürrisch zu ihnen: "Was schmieget ihr euch so zusammen, ihr beiden, auf andere harrend? Wenn wir Braten schmausen und Wein trinken, seid ihr immer die ersten; nun aber würdet ihr es nicht ungern sehen, wenn zehn Griechenscharen vor euch in die Schlacht eindrängen!" Odysseus aber sah ihn finster an und sprach: "Was denkst du, Atride? Uns schiltst du saumselig? Warte nur, wenn wir einmal losbrechen, ob wir die Wut der Schlacht nicht gehörig gegen die Troer aufregen, und du mich nicht im vordersten Getümmel erblicken wirst. Drum schwatze nicht voreilig nichtige Worte!" Als er den Helden so zürnen sah, erwiderte Agamemnon lächelnd: "Ich weiß es wohl, edler Sohn des Laertes, daß du weder Tadel noch Ermahnung bedarfst; auch bist du im Herzensgrunde milde wie ich; laß uns keine harten Worte wechseln." So verließ er ihn und eilte weiter. Da fand er den Sohn des Tydeus, den stolzen Diomedes, neben Sthenelos, des Kapaneus Sohn, seinem Freund und Wagenlenker, auf dem herrlichen Streitwagen harrend. Auch diesen versuchte er mit verdrießlichen Worten: "Weh mir", sprach er, "Sohn des Tydeus, du scheinst dich bange nach dem Treffen umzusehen; so blickte dein Vater nicht, als er gegen Theben zog; den sah man immer mitten in der Arbeit!" Diomedes schwieg auf den Verweis des Herrschers, sein Freund Sthenelos antwortete für ihn: "Du weißt es besser, Atride", sprach er, "wir rühmen uns größerer Tapferkeit denn unsere Väter, haben wir doch Theben erobert, vor dem sie erlegen sind!" Diomedes aber unterbrach seinen Genossen und sagte finster: "Schweige, Trauter, ich verarge es dem Völkerhirten nicht, daß er die Griechen zum Kampf anreizt; ihm wird der Ruhm zuteil, wenn wir siegen; ihm unendlicher Gram, wenn wir überwunden werden! Darum auf, laß uns der Abwehr gedenken!" So sprach Diomedes und sprang vom Wagen, daß ihm das Erz um die Brust klirrte.
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Die Schlacht - Diomedes
Bald begegneten sich die Heere in einem Raum; Schild traf auf Schild, Speer kreuzte sich mit Speer und lautes Getöse, hier Wehklagen, dort Frohlocken, erhob sich ringsum. Wie sich im Spätling zwei geschwollene Bergströme im Hinabsturz vermischen, so vermählte sich das Geschrei der kämpfenden Heere. Der erste Held, welcher fiel, war der Troianer Echepolos, der sich zu weit in den Vorkampf gewagt hatte. Diesem durchbohrte Nestors Sohn Antilochos mit der Lanzenspitze die Stirn, daß er umsank wie ein Turm. Schnell ergriff Elephenor, der griechische Fürst, den Fuß des Gefallenen, um ihn den Geschossen zu entziehen und der Rüstung zu berauben. Aber wie er sich bückte, ihn zu schleifen, entblößte er sich die Seite unter dem Schild; dies sah Agenor, der Troianer, und durchbohrte ihm die Seite mit dem zückenden Speer, daß der Grieche tot in den Staub sank. Über ihm tobte der Kampf beider Heere fort, und wie Wölfe erwürgten sie einander.
Aias traf den blühenden Simoeisios im Vorwärtsdringen rechts über der Brust, daß ihm der Speer zur Schulter herausfuhr und er in den Staub hintaumelte; dann stürzte er sich auf ihn und beraubte ihn der Rüstung; gegen ihn warf der Troianer Antiphos die Lanze; diese verfehlte ihn zwar, traf aber Leukos, den tapferen Freund des Odysseus, wie er eben den Toten hinwegschleifte. Das schmerzte den Odysseus und, vorsichtig umschauend, schleuderte er seinen Wurfspieß ab, vor dem die Troianer zurückprallten; und er traf einen Sohn des Königs Priamos, den Bastard Demokoon, so daß die Spitze von einer Schläfe zur anderen durchdrang. Als dieser in dumpfem Falle hinstürzte, wichen die vordersten Kämpfer der Troianer rückwärts, und selbst Hektor mit ihnen. Die Griechen aber jauchzten laut auf, schoben die Leichname beiseite und drangen tiefer in die Schlachtreihen der Troianer ein.
Darüber zürnte Apollon und ermunterte die Troianer von der Stadt aus, indem er ihnen zurief: "Räumet doch den Achivern das Feld nicht! Ist doch ihr Leib weder von Stein noch von Eisen, und ihr bester Held Achilles kämpft nicht einmal, sondern grollt bei den Schiffen." Auf der anderen Seite trieb Athene die Danaer in den Kampf, und so fielen von beiden Teilen noch viele Helden.
Da rüstete Pallas Athene den Sohn des Tydeus, Diomedes, mit besonderer Kraft und Kühnheit aus, daß er vor allem Danaervolk hervorstrahlte und sich unsterblichen Ruhm gewann. Helm und Schild machte sie ihm glänzend wie ein Gestirn der Herbstnacht, und trieb ihn hinein ins wildeste Getümmel der Feinde. Nun befand sich unter den Troianern ein Priester des Hephaistos, mit Namen Dares, ein mächtiger, reicher Mann, der zwei Söhne, Phegeus und Idaios, mutige Männer, in die Schlacht gesendet hatte. Diese sprengten aus den Reinen der Ihrigen auf Diomedes hervor mit ihren Streitwagen, während der griechische Held zu Fuße kämpfte. Zuerst sandte Phegeus seine Lanze ab; sie aber fuhr links an der Schulter des Tydiden vorbei, ohne ihn zu verwunden. Des Diomedes Wurfspieß dagegen traf den Phegeus in die Brust und stürzte ihn vom Wagen. Als sein Bruder Idaios dieses sah, wagte er es nicht, den Leichnam seines Bruders zu schirmen, sondern sprang vom Wagen und entfloh, indem der Beschirmer seines Vaters, Hephaistos, Finsternis um ihn her verbreitete, denn dieser wollte nicht, daß sein Priester beide Söhne verlöre.
Jetzt nahm Athene ihren Bruder, den Kriegsgott Ares, bei der Hand und sprach zu ihm: "Bruder, wollen wir nicht Troer und Griechen jetzt sich selbst überlassen und eine Weile zusehen, welchem Volke die Vorsehung unseres Vaters den Sieg zuwende?" Ares ließ sich von der Schwester aus der Schlacht hinausführen, und nun waren die Sterblichen sich selbst überlassen; doch wußte Athene wohl, daß ihr Liebling Diomedes mit ihrer Kraft ausgerüstet streite. Nun fingen die Argiver an, den Feind erst recht hart zu bedrängen, und vor jedem griechischen Führer sank ein Troianer dahin. Agamemnon jagte dem Hodios den Speer ins Schulterblatt; Idomeneus durchstach den Phaistos aus Tarne, daß er dem Wagen entstürzte; der kundige Jäger Skamandrios wurde von der spitzen Lanze des Menelaos durchbohrt; den kunstvollen Phereklos, der dem Paris die räuberischen Schiffe gezimmert hatte, traf Meriones, und andere fielen von anderer Hand. Der Tydide aber durchtobte das Feld wie ein angeschwollener Herbststrom, und man wußte nicht, gehörte er den Griechen oder den Troianern an, denn bald war er da, bald dort. Wie nun der Kampf ihn so hin- und hertrieb, faßte Lykaons Sohn, Pandaros, sich ihn ins Auge, richtete seinen Bogen auf ihn und schoß ihm mit dem Pfeil gerade in die Schulter hinein, so daß sein Blut über den Panzer herabströmte. Pandaros solches sehend, jauchzte und rief hinterwärts zu seinen Genossen: "Drängt euch heran, ihr Troianer, spornt eure Rosse! Ich habe den tapfersten Danaer getroffen! Bald wird er umsinken und ausgewütet haben, wenn anders mich Apollon aus Lykien zum Kampfe selbst herbeigerufen hat!" Doch den Diomedes hatte das Geschoß nicht tödlich getroffen; er stellte sich vor seinen Streitwagen und rief seinem Freund und Wagenlenker Sthenelos zu: "Steige doch vom Wagen, mein Geliebter, und zieh mir den Pfeil aus der Schulter!" Sthenelos sprang eilig herab und tat also; das helle Blut spritzte dabei aus den Panzerringen. Da betete Diomedes zu Athene: "Blauäugige Tochter des Zeus! Wenn du je schon meinen Vater beschirmt hast, so sei auch mir jetzt gnädig! Lenke meinen Speer auf den Mann, der mich verwundet hat, und jetzt frohlockt, auf daß er nicht lange mehr das Licht der Sonne schaue!" Athene hörte sein Flehen und beseelte ihm Arme und Füße, daß sie leicht wurden wie der Leib eines Vogels, und er, unbeschwert von seiner Wunde, in die Schlacht zurückeilen konnte. "Geh", sprach sie zu ihm, "ich habe auch die Finsternis von deinen Augen genommen, daß du Sterbliche und Götter in der Schlacht unterscheiden kannst; hüte dich darum, wenn ein Unsterblicher auf dich zugewandelt kommt, dich mit solchem in einen Kampf einzulassen! Nur Aphrodite, wenn sie dir naht, die magst du mit deinem Speer verwunden."
Nun flog Diomedes in das vorderste Treffen zurück, mit dreifachem Mut und mit Kraft wie ein Berglöwe ausgerüstet. Hier hieb er den Astynoos durch einen Streich ins Schultergelenk nieder, dort durchbohrte er den Hypenor mit der Lanze; dann erlegte er zwei Söhne des Eurydamas; dann zwei spätgeborene Söhne des Phainops, daß dem Vater nur der Gram zurückblieb; dann warf er zwei Söhne des Priamos, den Chromios und Echemmon, zugleich aus dem Wagen mit Gewalt und beraubte sie der Rüstung, indes die Seinigen den erbeuteten Streitwagen nach den Schiffen abführten.
Aineias, der tapfere Eidam des Königs Priamos, sah, wie dünn die Reihen der Troianer unter den Streichen und Stößen des Tydiden wurden. Deswegen eilte er durch die stürmenden Geschosse hin, bis er den Pandaros traf, den er so anredete: "Sohn Lykaons, wo bleibt dein Bogen und Pfeil, wo dein Ruhm, den bisher kein Lykier, kein Troianer dir streitig machte? Sende doch dem Manne, der den Troern soviel Böses tut, noch ein Geschoß zu; wenn es nicht anders ein unsterblicher Gott in menschlicher Gestalt ist!" Ihm antwortete Pandaros : "Wenn es nicht ein Gott ist, so ist's der Tydide Diomedes, den ich erschossen zu haben glaubte. Ist er es aber, so hat sich ein Unsterblicher seiner erbarmt und steht ihm auch jetzt noch zur Seite! Dann bin ich wohl ein unglücklicher Kämpfer! Schon gegen zwei griechische Heerfürsten sandte ich den Pfeil ab, verwundete beide, ohne sie zu töten, und habe sie nur wütender gemacht! Wahrhaftig, zur Unglücksstunde habe ich Köcher und Bogen genommen und bin damit vor Troia gezogen! Kehre ich je wieder heim, so soll mir ein Fremdling das Haupt abschlagen, wenn ich nicht Bogen und Pfeile mit den Händen zerknicke, und diesen nichtigen Tand, der mich begleitet hat, ins lodernde Feuer werfe!"
"Nicht also!" sprach ihn beruhigend Aineias. "Besteige vielmehr meinen Streitwagen und lerne die Gewandtheit der troianischen Pferde im Verfolgen und Entfliehen kennen. Verleiht Zeus dem Diomedes durchaus die Siegesehre, so werden sie uns sicher nach Troia hineintragen! Ich selbst will indessen zu Fuß des Kampfes warten." Aber Pandaros bat ihn, die Rosse selbst lenken zu wollen, da er dieses Werkes nicht kundig sei, schwang sich zu ihm auf den Wagen, und so sprengten sie mit den hurtigen Tieren auf den Tydiden zu. Sein Freund Sthenelos sah sie herankommen, rief den Genossen an und sprach: "Sieh da, zwei tapfere Männer, die auf dich losstürmen, Pandaros und der Halbgott Aineias, Aphrodites Sohn! Diesmal laß uns zu Wagen entfliehen; dein Wüten dürfte dir nichts nützen gegen diese!"
Aber Diomedes blickte finster und erwiderte ihm: "Sage mir nichts von Furcht! Es liegt nicht in meiner Art, vor einem Kampfe zurückzubeben oder mich zu schmiegen. Meine Kraft ist noch nicht erschöpft; es verdrösse mich, untätig im Wagen stehen zu müssen. Nein, wie ich hier zu Fuß bin, will ich ihnen entgegenwandeln. Gelingt es mir, sie beide zu töten, so hemme du unsere Pferde, den Zaum am Sesselrand befestigend, und führe mir die Rosse des Aineias als Beute zu den Schiffen!" Indem flog die Lanze des Pandaros dem Tydiden entgegen, durchfuhr den Schild und prallte vom Panzer ab. "Nicht getroffen, gefehlt!" rief Diomedes dem jauchzenden Troianer entgegen, und sein, die Luft im Bogen durchsausender Speer fuhr dem Gegner unter dem Auge in den Kiefer, durch Zähne und Zunge hindurch, daß die Spitze am Unterkiefer wieder herauskam. Pandaros stürzte rasselnd vom Wagen und zuckte sterbend in der glänzenden Rüstung auf dem Boden. Seine Rosse rannten flüchtig mit dem Wagen auf die Seite, Aineias aber sprang herab und umwandelte den Leichnam wie ein trotziger Löwe, Schild und Speer vorstreckend, und jeden zu erschlagen bereit, der ihn antasten würde. Jetzt ergriff Diomedes einen Feldstein, wie ihn zwei gewöhnliche Männer nicht aufheben konnten. Mit diesem traf er den Sohn des Anchises am Hüftgelenk, zermalmte dieses und zerriß ihm die Sehnen, daß der Held ins Knie sank, die Rechte gegen den Boden stemmend, und ihm die Sinne vergingen; und er wäre gestorben, wenn nicht Aphrodite ihren trauten Sohn mit den Lilienarmen umschlungen, ihn mit den Falten ihres silberhellen Gewandes umhüllt und aus der Schlacht getragen hätte. Sthenelos hatte inzwischen Wagen und Rosse des Aineias, dem Befehl seines Freundes folgsam, zu den Schiffen geführt, und war auf dem eigenen Wagen bald wieder an der Seite des Tydiden angekommen. Dieser hatte mit seinen von Athene geöffneten Augen die Göttin Aphrodite erkannt, durch das Schlachtgetümmel verfolgt und mit ihrer Beute erreicht. Der Held stieß mit der Lanze nach ihr, und sein Speer drang durch die ambrosische Haut in die Handwurzel, daß ihr unsterbliches Blut zu rinnen begann. Die verwundete Göttin schrie laut auf und warf den Sohn zur Erde hin. Dann eilte sie ihrem Bruder Ares zu, den sie zur Linken der Schlacht, Wagen und Rosse in Nacht gehüllt, sitzen fand. "O Bruder", rief sie flehend, "schaff mich weg, gib mir die Rosse, daß ich zum Olymp entkomme; mich schmerzt meine Wunde: Diomedes, der Sterbliche, hat mich verwundet; er wäre imstande, selbst mit unserem Vater Zeus zu kämpfen." Ares überließ ihr den Wagen, und Aphrodite, auf der Höhe des Olymps angekommen, warf sich weinend in die Arme ihrer Mutter Dione und wurde von ihr unter schmeichelnden Trostworten vor den Göttervater geleitet, der sie lächelnd empfing und ihr entgegenrief: "Drum wurden dir nicht die Werke des Krieges verliehen, mein liebes Töchterchen, ordne du Hochzeiten und laß die Schlachten den Kriegsgott besorgen!" Ihre Schwestern Pallas und Hera aber sahen sie spöttisch von der Seite an und sprachen stichelnd: "Was wird es sein? Wahrscheinlich hat die schöne falsche Griechin unsere Schwester nach Troia gelockt; da wird sie Helenas Gewand gestreichelt und sich mit einer Spange geritzt haben!"
Drunten auf dem Schlachtfelde hatte sich Diomedes auf den liegenden Aineias geworfen und holte dreimal aus, ihm den Todesstreich zu versetzen; aber dreimal hielt der zornige Gott Apollon, der nach der Schwester Verwundung herbeigeeilt war, ihm den Schild vor, und als jener das viertemal anstürmte, drohte er ihm mit schrecklicher Stimme: "Sterblicher, wage nicht mit den Göttern dich zu messen!" Scheu und mit zauderndem Schritt entwich Diomedes. Apollon aber trug den Aineias aus dem Schlachtgewühl in seinen Tempel nach Troia, wo Leto, seine Mutter, und Artemis, seine Schwester, ihn in ihre Pflege nahmen. Auf dem Boden, wo der Held gelegen, schuf er sein Scheinbild, um das sich nun Troianer und Griechen mit wilden Schlägen und Stößen zankten. Nun ermahnte Apollon den Ares, daß er den frechen Tydiden, der die Götter selbst bekämpfe, aus der Schlacht zu entfernen strebe. Und der Kriegsgott, in der Gestalt des Thrakiers Akamas, mischte sich im Getümmel unter die Söhne des Priamos und schalt sie: "Wie lange gönnet ihr den Griechen das Morden, ihr Fürsten? Wollt ihr warten, bis um die Tore eurer Stadt selbst gekämpft wird? Wißt ihr nicht, daß Aineias auf dem Boden liegt? Auf! retten wir den edlen Genossen aus der Hand der Feinde!" So erregte Ares die Herzen der Troianer. Sarpedon, der Fürst der Lykier, näherte sich Hektor und sprach zu ihm: "Hektor, wohin ist dir dem Mut geschwunden? Rühmtest du dich doch jüngst, selbst ohne Verbündete, ohne Heeresmacht, mit deinen leiblichen Brüdern und Schwägern allein wolltest du Troia schirmen; nun aber sehe ich ihrer keinen in der Schlacht, sie schmiegen sich alle wie die Hunde vor dem Löwen, und wir Bundesgenossen allein müssen den Kampf aufrechterhalten!" Hektor fühlte den Vorwurf tief im Herzen, er sprang vom Wagen, schwenkte die Lanze, durchwandelte ermahnend alle Heldengeschwader und erweckte den tobenden Streit aufs neue. Seine Brüder und alle Troianer kehrten die Stirn dem Feinde wieder zu. Auch den Aineias, mit Gesundheit und Kraft erfüllt, sandte Apollon wieder in den Kampf, daß er sich plötzlich unverletzt den Seinigen wieder zugesellte. Alle freuten sich, aber keiner nahm sich die Zeit, ihn zu fragen, sie stürzten nur miteinander in die Schlacht.
Aber die Danaer, Diomedes, die beiden Aias und Odysseus an der Spitze, erwarteten ruhig die Heranstürmenden wie ein unbewegliches Gewölk, und Agamemnon durcheilte die Heerschar und rief: "Jetzt seid Männer, o ihr Freunde, und ehret euch selbst in der Schlacht, denn wo ein Volk sich selbst ehrt, da stehen mehr Männer als fallen, aber für den Fliehenden gibt es keinen Ruhm und keine Rettung!" So rief er, schickte selbst zuerst den Speer gegen die heranrückenden Troianer ab, und streckte den Freund des Aineias, den hochgeehrten Deikoon, der immer im Vorderkampfe stritt, nieder. Aber auch die gewaltige Hand des Aineias tötete zwei der tapfersten Danaer, Krethon und Orsilochos, Söhne des Diokles, die zu Pherai im Peloponnes wie zwei freudige Berglöwen zusammen aufgewachsen waren. Um die Gefallenen trauerte Menelaos, schwenkte den Speer und warf sich rasch in das vorderste Gewühl. Ares selbst spornte sein Herz, denn er hoffte, daß ihn Aineias fällen werde. Aber Antilochos, Nestors Sohn, um den Völkerhirten besorgt, stürzte gleichfalls hervor an seine Seite, während jene beiden schon voll Kampfgier ihre Lanzen gegeneinander gezückt hatten. Als Aineias zwei Helden sich gegenüber sah, wich er zurück; Menelaos und Antilochos retteten die beiden Leichen aus den Händen der Feinde und übergaben sie den Freunden; sie selbst wandten sich dem Vorkampfe wieder zu. Menelaos durchstach den Pylaimenes, Antilochos hieb dessen Wagenlenker Mydon das Schwert in die Schläfe, daß er auf den Scheitel gestellt in den Staub stürzte, bis ihn seine eigenen Rosse umwarfen, die Antilochos mit der Geißel den Griechen zutrieb.
Jetzt aber jagte Hektor mit den tapfersten Heerscharen der Troianer voran, und der Kriegsgott selbst wandelte bald vor, bald hinter ihm her. Als Diomedes den Gott kommen sah, stutzte der Held, wie ein Wanderer vor einem brausenden Wasserfalle staunt, und rief dem Volke zu: "Staunet nicht über die Unerschrockenheit Hektors, ihr Freunde, denn immer geht ein Gott neben ihm her und wehrt das Verderben von ihm ab. Darum, wenn wir weichen, so weichen wir den Göttern!" Indessen stürmten die Schlachtreihen der Troianer immer näher heran, und Hektor erschlug zwei tapfere Griechen auf einem Streitwagen, den Anchialos und Menesthes. Aias, der Telamonier, eilte herbei, sie zu rächen; er traf mit der Lanze den Amphios, einen Verbündeten der Troianer, unter dem Gurte, daß er in dumpfem Falle zu Boden stürzte; dann stemmte er den Fuß auf den Leichnam und zog die Lanze heraus; ein Hügel von Speeren hinderte ihn, den Gefallenen der Rüstung zu berauben.
Auf einer anderen Seite trieb ein böses Verhängnis den Herakliden Tlepolemos auf den Lykier Sarpedon zu, dem er schon von weitem zurief: "Was nötigt dich, hier in Angst zu vergehen, weibischer Asiate, der du dich fälschlich rühmest, ein Zeussohn zu sein, wie mein Vater Herakles! Du bist feige, und selbst wenn du ein Tapferer wärest, so solltest du jetzt dem Hades nicht entgehen!" - "Habe ich mir noch keinen Ruhm erworben", entgegnete ihm Sarpedon, "so soll dein Tod mir ihn verschaffen!" Und nun kreuzten sich die Lanzen beider Helden; der Wurfspieß des Sarpedon traf den prahlerischen Gegner gerade in den Hals, daß die Spitze hinten hervordrang und er entseelt zur Erde stürzte. Aber auch des Tlepolemos Speer hatte den linken Schenkel Sarpedons bis auf die Knochen durchbohrt, und nur sein Vater Zeus hemmte den Tod. Die Freunde führten den Bebenden aus dem Kampfe, so hastig, daß keiner bemerkte, wie er die aus dem Schenkel hervorragende Lanze noch nachschleppte. Auch die Leiche des Tlepolemos trugen die Griechen aus dem Kampfe zurück.
Während Odysseus in der führerlosen Schar der Lykier wütete, und schon ganz nahe an dem flüchtenden Sarpedon war, erfreute diesen der Anblick des herannahenden Hektors, und er rief ihm mit schwacher Stimme zu: "Priamos' Sohn, laß mich nicht den Achivern zum Raube daliegen, verteidige mich, daß ich mein Leben ruhig in dieser Stadt aushauchen mag, wenn ich doch das Land der Väter, mein Weib und mein Söhnlein nicht mehr sehen soll!" Ohne ein Wort zu erwidern, drängte Hektor die verfolgenden Griechen unwiderstehlich zurück, so daß selbst Odysseus nicht wagte, weiter vorzudringen. Nun legten den Sarpedon seine Freunde unweit vom skaeischen Tore unter der hohen Buche nieder, die seinem Vater Zeus heilig war, und sein Jugendgenosse Pelagon zog ihm den Speer aus dem Schenkel. Einen Augenblick verließ den Verwundeten die Besinnung, doch atmete er bald wieder auf, und ein kühler Nordwind wehte seinen matten Lebensgeistern Erfrischung zu.
Ares und Hektor bedrängten jetzt die Griechen, daß sie allmählich rückwärts wichen zu ihren Schiffen. Sechs herrliche Helden fielen allein von Hektors Hand. Mit Schrecken überblickte vom Olymp herab Hera, die Göttermutter, das Gemetzel, das die Troianer unter dem Beistande des Ares anrichteten. Auf ihren Antrieb ward Athenes Wagen mit den ehernen, goldumfaßten Rädern, der silbernen Deichsel und dem goldenen Joche gerüstet, in welches Hera selbst ihr schnellfüßiges Rossegespann fügte; Athene aber hüllte sich in ihres Vaters Panzer, bedeckte das Haupt mit dem goldenen Helm, ergriff den Schild mit dem Gorgonenhaupte, faßte den Speer und schwang sich auf den silbernen Sessel, der in goldenen Riemen hing. Neben ihr sitzend, schwenkte Hera die Geißel und beflügelte die Rosse. Des Himmels Tor, das die Hören hüteten, krachte von selbst auf, und die riesigen Göttinnen fuhren an den Zacken des Olymp vorüber. Auf der höchsten Kuppe saß Zeus, und ihr Gespann einen Augenblick zügelnd, rief ihm Hera, seine Gemahlin, zu: "Zürnst du denn gar nicht, Vater, daß dein Sohn Ares das herrliche Volk der Griechen wider das Geschick verdirbt? Siehst du, wie sich Aphrodite und Apollon freuen, die den Wüterich gereizt haben? Nun wirst du mir doch erlauben, daß ich dem Frechen einen Streich versetze, der ihn aus dem Kampfe hinausstößt!" - "Immerhin soll es dir gestattet sein", rief ihr Zeus von seinem Sitze zu, "sende nur frisch meine Tochter Athene gegen ihn, die am bittersten zu kämpfen versteht." Nun flog der Wagen zwischen dem Sternengewölbe und der Erde dahin, bis er sich am Zusammenflusse des Simoeis und Skamander mitsamt den Rossen auf den Boden niederließ.
Die Göttinnen eilten sofort in die Männerschlacht, wo die Krieger wie Löwen und Eber um den Tydiden gedrängt standen. Zu ihnen gesellte sich Hera in Stentors Gestalt und rief mit der ehernen Stimme dieses Helden: "Schämet euch, ihr Argiver! Seid ihr nur furchtbar, so lange Achilles an eurer Seite ficht? Der sitzt nun bei den Schiffen, und ihr vermöge! nichts!" Mit diesem Ruf erregte sie den wankenden Mut der Danaer. Athene aber bahnte sich durch das Gedränge einen Weg zu Diomedes selbst. Sie fand diesen, an seinem Wagen stehend und die Wunde abkühlend, die ihm der Pfeil des Pandaros gebohrt hatte. Der Druck des breiten Schildgehenkes und der Schweiß peinigten ihn, und seine Hand fühlte sich kraftlos; mit Mühe lüftete er den Riemen und trocknete sich das Blut. Nun faßte die Göttin Athene das Joch der Rosse, stützte ihren Arm darauf und sprach zu dem Helden gekehrt: "In Wahrheit, der Sohn des mutigen Tydeus gleicht seinem Vater nicht sonderlich; dieser war zwar nur klein von Gestalt, aber doch ein immer rüstiger Kämpfer; schlug er sich doch vor Theben einmal ganz wider meinen Willen, und doch konnte ich ihm meinen Beistand nicht versagen. Auch du hättest dich meiner Obhut und meiner Hilfe zu erfreuen, aber ich weiß nicht, was es ist - starren dir die Glieder von der Arbeit, oder lahmt dich die sinnberaubende Furcht; genug, du scheinst mir nicht der Sohn des feurigen Tydeus zu sein!" Diomedes blickte bei diesen Reden der Göttin auf, staunte ihr ins Gesicht und sprach: "Wohl erkenne ich dich, Tochter des Zeus, und will dir die Wahrheit unverhohlen sagen. Weder Furcht noch Trägheit lahmten mich, sondern der gewaltigsten Götter einer. Du selbst hast mir das Auge aufgetan, daß ich ihn erkenne. Es ist Ares, der Gott des Krieges, den ich im Treffen der Troianer walten sah; sieh hier die Ursache, warum ich selbst zurückwich, und auch dem übrigen Griechenvolke gebot, sich hier um mich zu sammeln!" Darauf antwortete ihm Athene: "Diomedes, mein auserwählter Freund! Hinfort sollst du weder den Ares noch einen anderen der Unsterblichen fürchten; ich selbst will deine Helferin sein. Lenke nur mutig deine Rosse dem rasenden Kriegsgott selber zu! So sprach sie, gab seinem Wagenlenker Sthenelos einen leichten Stoß, daß er willig vom Streitwagen sprang, und setzte sich selbst in den Sessel zu dem herrlichen Helden. Die Achse stöhnte unter der Last der Göttin und des Stärksten unter den Griechen. Sofort ergriff Pallas Athene Zügel und Peitsche und lenkte den Huftritt der Rosse Ares, dem Kriegsgotte, zu. Dieser raubte gerade dem tapfersten Aitolier, Periphas, den er erschlagen hatte, die Rüstung. Als er aber den Diomedes im Streitwagen auf sich zukommen sah (die Göttin hatte sich in undurchdringliche Nacht gehüllt), ließ er den Periphas liegen und eilte auf den Tydiden zu, mit der Lanze nach der Brust des Helden zielend. Aber Athene, unsichtbar, ergriff sie mit der Hand und gab ihr eine andere Richtung, daß sie ohne Ziel in die Luft hinausflog. Nun erhob sich Diomedes in seinem Wagensitze, und Athene selbst lenkte den Stoß seines Speeres, daß er dem Ares unter dem ehernen Leibgurt in die Weiche fuhr. Der Kriegsgott brüllte, wie zehntausend Sterbliche in der Schlacht schreien; Troianer und Griechen zitterten, denn sie glaubten, bei heiterer Luft den Donner des Zeus zu hören. Diomedes aber sah den Ares, in Wolken gehüllt, wie in einem Orkane zum Himmel emporfahren. Dort setzte sich der Kriegsgott neben den Donnerer, seinen Vater, und zeigte ihm das aus der Wunde herabtriefende Blut. Aber Zeus schaute finster und sprach: "Sohn, winsele mir hier nicht an meiner Seite! Von allen Olympiern bist du mir der verhaßteste; immer hast du nur Zank und Fehde geliebt, mehr als alle anderen gleichest du an Trotz und Starrsinn deiner Mutter. Gewiß hat dieses Weh auch ihr Rat mir bereitet! Dennoch kann ich nicht länger mit ansehen, wie du leidest, und der Arzt der Götter wird dich heilen." So übergab er ihn dem Paian, welcher der Wunde wahrnahm, daß sie sich auf der Stelle schloß.
Inzwischen waren auch die anderen Götter in den Olymp zurückgekehrt, um die Feldschlacht der Troer und Danaer wieder sich selbst zu überlassen. Zuerst brach jetzt Aias, der Sohn Telamons, in das Gedränge der Troianer, und machte den Seinigen wieder Luft, indem er Akamas, dem gewaltigsten Thraker, die Stirn unter dem Helm durchbohrte. Darauf erschlug Diomedes Axylos und seinen Wagenlenker; vor Euryalos erlagen drei andere edle Troianer, vor Odysseus Pidytes, vor Teukros Aretaon, vor Antilochos Ableros, vor Agamemnon Elatos, vor anderen andere. Den Adrastos erhaschte Menelaos, als ihn die Rosse strauchelnd auf den Boden geworfen und mit dem Wagen, unter anderen herrenlosen Pferden, zur Stadt enteilten. Der liegende Feind umschlang die Knie des Fürsten und flehte jämmerlich: "Fange mich lebendig, Atride, nimm volle Lösung von Erz und Gold aus dem Schatze meines Vaters, der sie dir willig gibt, wenn er mich wieder lebendig umarmen darf!" Menelaos fühlte sein Herz im Busen bewegt; da lief Agamemnon heran und strafte ihn mit den Worten: "Sorgst du so für deine Feinde, Menelaos? Fürwahr, sie haben es um dich im Heimatlande verdient! Nein, keiner soll unserem Arm entfliehen, auch der Knabe im Mutterschoße nicht! Alles, was Troia groß gezogen hat, soll ohne Erbarmen sterben!" Da stieß Menelaos den Flehenden mit der Hand von sich, und Agamemnon durchbohrte ihm den Leib mit der Lanze. Unter den stürmenden Argivern hörte man Nestors hallenden Ruf: "Freunde, daß nur keiner, zu Raub und Beute gewendet, dahinten bleibe! Jetzt gilt es nur, Männer zu töten; nachher könnt ihr gemächlich den Leichnamen die Rüstung abziehen!"
Bald wären jetzt die Troianer ihrer Stadt überwunden zugeflohen, wenn nicht Helenos, der Sohn des Priamos, der kundigste Vogelschauer sich zu Hektor und Aineias gewendet und so zu ihnen gesprochen hätte: "Alles beruht jetzt auf euch, ihr Freunde, nur wenn ihr das flüchtige Volk vor den Toren hemmet, vermögen wir selbst noch die Scharen der Danaer zu bekämpfen. Dir, Aineias, übertragen die Götter zunächst dieses Geschäft. Du aber, Bruder Hektor, eile gen Troia und sage unserer Mutter ein Wort. Sie soll die edelsten Weiber auf der Burg im Tempel Athenes versammeln, ihr köstlichstes Gewand auf die Knie der Göttin legen und ihr zwölf untadelige Kühe geloben, wenn sie sich der troianischen Frauen und Kinder und ihrer Stadt erbarmt, und den schrecklichen Tydiden abwehrt." Unverdrossen sprang Hektor vom Wagen, durchwandelte ermahnend die Geschwader und enteilte nach der Stadt.
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Glaukos und Diomedes
Auf dem Schlachtfelde rannten jetzt der Lykier Glaukos, der Enkel des Bellerophontes, und der Tydide Diomedes aus den Heeren hervor und begegneten voll Kampfgier einander. Als Diomedes den Gegner in der Nähe sah, maß er ihn mit den Blicken und sprach: "Wer bist du, edler Kämpfer? Noch nie bist du mir in der Feldschlacht begegnet, doch jetzt sehe ich dich vor anderen weit hervorragen, da du es wagest, dich meiner Lanze entgegenzustellen; denn mir begegnen nur Kinder, die zum Unglück geboren sind. Bist du aber ein Gott, der sterbliche Gestalt angenommen hat, so begebe ich mich des Kampfes. Ich fürchte den Zorn der Himmlischen und verlange nicht ferner nach dem Streite mit unsterblichen Göttern. Doch wenn du ein Sterblicher bist, so komm immerhin heran, du sollst dem Tode nicht entgehen!" Darauf antwortete der Sohn des Hippolochos: "Diomedes, was fragst du nach meinem Geschlecht? Wir Menschen sind wie Blätter im Walde, die der Wind verweht, und der Frühling wieder treibt! Willst du es aber wissen, so höre: mein Urahn ist Aiolos, der Sohn des Hellen, der zeugte den schlauen Sisyphos, zeugte den Glaukos, Glaukos den Bellerophontes, Belerophontes den Hippolochos, und des Hippolochos Sohn bin ich. Dieser schickte mich her gen Troia, daß ich anderen vorstreben und der Väter Geschlecht nicht schänden sollte." Als der Gegner geendigt, stieß Diomedes fröhlich seinen Schaft in die Erde und rief ihm mit freundlichen Worten zu: "Wahrlich, edler Fürst, so bist du ja mein Gastfreund von Väterzeiten her! Oineus, mein Großvater, hat deinen Großvater Bellerophontes zwanzig Tage lang gastlich in seinem Hause beherbergt, und unsere Ahnen haben sich schöne Ehrengeschenke gereicht, der meine dem deinen einen purpurnen Leibgurt, der deinige dem meinen einen goldenen Henkelbecher, den ich noch in meiner Behausung verwahre. So bin ich denn dem Wirt in Argos und du der meinige in Lykien, wenn ich je dorthin mit meinem Gefolge komme.
Darum wollen wir uns im Schlachtgetümmel beide mit unseren Lanzen vermeiden. Gibt es doch für mich noch Troianer genug zu töten, und für dich der Griechen genug! Uns aber laß die Waffen miteinander vertauschen, damit auch die anderen sehen, wie wir uns von Väterzeiten her rühmen, Gastfreunde zu sein!" So redeten jene, schwangen sich von den Streitwagen herab, faßten sich liebreich die Hände und gelobten einander gegenseitige Freundschaft. Zeus aber, der alles, was geschah, zugunsten der Griechen lenkte, verblendete den Sinn des Glaukos, daß er seine goldene Rüstung mit der ehernen des Diomedes wechselte; es war, wie wenn ein Mann gegen neun Farren hundert hergäbe.
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Hektor in Troia
Hektor hatte unterdessen die Buche des Zeus und das skaeische Tor erreicht. Hier umringten ihn die Weiber und Töchter der Troianer und forschten ängstlich nach Gemahlen, Söhnen, Brüdern und Verwandten. Nicht allen wußte er Bescheid zu geben, er ermahnte nur alle, die Götter anzuflehen. Doch viele hatten seine Nachrichten in Weh und Jammer versenkt. Jetzt war er am Palast seines Vaters angekommen. Dieser war ein herrliches Gebäude, ringsum mit weithin sich dehnenden Säulenhallen geschmückt, im Innern waren fünfzig Gemächer aus glattem Marmor, eins ans andere nachbarlich angebaut. Hier wohnten die Söhne des Königs mit ihren Gemahlinnen. Auf der anderen Seite des inneren Hofes reihten sich zwölf Marmorsäle aneinander, wo die Eidame des Königs mit seinen Töchtern hausten. Das Ganze war von einer hohen Mauer umschlossen und bildete für sich allein eine stattliche Burg. Hier begegnete Hektor seiner guten Mutter Hekabe, die eben zu ihrer liebsten und anmutigsten Tochter Laodike zu gehen im Begriff war. Die Mutter eilte auf Hektor zu, faßte ihm die Hand und sprach voll Sorgen und Liebe: "Sohn, wie kommst du zu uns aus der wütenden Schlacht? Die entsetzlichen Männer müssen uns wohl hart bedrängen, und du kommst gewiß, die Hände zu Zeus zu erheben. So warte denn, bis ich dir vom lieblichen Wein bringe, daß du dem Vater Zeus und den anderen Göttern ein Trankopfer darbringen kannst, und darauf dich selbst mit einem Labetrunk erquicken, denn der Wein ist doch die kräftigste Stärkung für einen müden Kämpfer!" Aber Hektor erwiderte der Königin: "Laß mir keinen Wein reichen, geliebte Mutter, daß du mich nicht entnervest und ich meiner Kraft vergesse; auch dem Göttervater scheue ich mich, mit ungewaschener Hand Wein zu spenden; du hingegen geh, von den edelsten Frauen Troias umringt, mit Räucherwerk zu Athenes Tempel, lege der Göttin dein köstlichstes Gewand auf die Knie und gelobe ihr zwölf untadelige Kühe, wenn sie sich unserer erbarmt. Ich aber will hingehen, meinen Bruder Paris in die Schlacht zu berufen. Schlänge ihn doch die Erde lebendig hinab, denn er ist zu unserem Verderben geboren!"
Die Mutter tat, wie der Sohn sie angewiesen. Sie stieg in die duftende Kammer hinunter, wo die schönsten Seidengewänder verwahrt lagen, die Paris selbst aus Sidon mitgebracht hatte, als er auf Umwegen mit Helena nach der Heimat schiffte. Eins davon, das größte, schönste, mit den herrlichsten Bildern durchwirkte, das zuunterst von allen lag, suchte sie hervor und wandelte nun, von der Schar der edelsten Weiber begleitet, nach der Burg, zu Athenes Tempel. Hier öffnete ihnen Antenors Gattin Theano, die troianische Priesterin der Pallas, das Haus der Göttin. Die Frauen reihten sich um das Bild Athenes und hoben mit Klagetönen die Hände zu der Göttin empor. Dann nahm Theano das Gewand aus den Händen der Königin, legte es auf die Knie des Bildes und flehte zu der Tochter des Zeus: "Pallas Athene, Beschirmerin der Städte, erhabene, machtvolle Göttin, brich du dem Diomedes den Speer, laß ihn selbst, auf sein Angesicht gestürzt, vor unseren Toren sich wälzen; erbarme dich der Stadt, der Frauen, der stammelnden Kinder! In dieser Hoffnung weihen wir dir zwölf untadelige Kühe." Aber Pallas Athene verweigerte ihnen im Herzen ihre Bitte.
Hektor war inzwischen im Palast des Paris angekommen, der hoch auf der Burg, in der Nähe vom Königspalast und von Hektors Wohnung stand; denn beide Fürsten hatten von der Königswohnung abgesonderte Häuser. Er trug in der Rechten seinen Speer, der elf Ellen lang und dessen eherne Spitze am Schaft mit einem goldenen Ring umlegt war. Er fand den Bruder, wie er in seinem Gemache die Waffen musterte und das Hörn des Bogens glättete; seine Gemahlin Helena saß emsig unter den Weibern und leitete ihr Tagewerk. Wie Hektor jenen sah, schalt er ihn und rief: "Du tust nicht recht, so im Unmute hier zu sitzen, Bruder, um deinetwillen schlägt sich das Volk vor der Stadt im Feldgetümmel! Du selbst aber würdest mit jedem anderen zanken, den du so saumselig zum Treffen sähest. Auf denn, ehe die Stadt unter den Feuerbränden unseres Feindes auflodert, hilf sie verteidigen mit uns!" Paris antwortete ihm: "Du tadelst mich nicht mit Unrecht, Bruder, doch bin ich nicht aus Unmut, sondern nur aus Gram hier in der Untätigkeit gesessen. Nun aber hat mir meine Gattin freundlich zugeredet, in die Schlacht hinauszugehen, so verzeihe denn, bis ich meine Rüstung angezogen habe, oder geh, ich hoffe dir bald nachzufolgen. Hektor schwieg darauf, aber Helena redete ihn mit Worten der Beschämung an: "O Schwager, ich bin ein schnödes, unheilstiftendes Weib! Hätte mich doch die Meereswoge verschlungen, ehe ich mit Paris hier ans Land stieg! Nun das Übel aber einmal verhängt worden, wäre ich doch wenigstens nur die Genossin eines besseren Mannes, der die Schmach und die vielen Vorwürfe, die er sich zuzieht, auch empfände; so aber hat er kein Herz im Leibe und wird keins haben, und die Frucht seiner Feigheit wird nicht ausbleiben. Aber du, Hektor, komm doch herein und ruhe von der Arbeit, die wegen meiner, des schändlichen Weibes, die wegen der Freveltat meines Gatten doch zumeist auf deinen Schultern lastet!" "Nein, Helena", sprach Hektor, "heiß mich nicht so freundlich sitzen, ich darf wahrlich nicht, mein Herz drängt mich, den Troianern zu helfen. Muntere du nur diesen Menschen da auf, und er selbst treibe sich an, daß er mich bald noch innerhalb der Stadtmauern erreiche. Ich will zuvor noch in meine eigene Wohnung gehen und nach Weib, Söhnlein und Gesinde schauen." So sprach Hektor und enteilte. Aber er fand die Gattin nicht zu Hause. "Als sie hörte", sprach zu ihm die Schaffnerin, "daß die Troianer Not leiden und der Sieg sich zu den Griechen neige, verließ sie die Wohnung wie außer sich, um einen der Stadttürme zu besteigen, und die Wärterin mußte ihr das Kind nachtragen."
Schnell legte Hektor den Weg durch die Straßen Troias jetzt wieder zurück. Als er das skaeische Tor erreicht, kam seine Gemahlin Andromache eilenden Laufes gegen ihn her; die Dienerin, ihr folgend, trug das unmündige Knäblein Astyanax, schön wie ein Stern, an der Brust. Mit stillem Lächeln betrachtete der Vater den Knaben, Andromache aber trat ihm unter Tränen zur Seite, drückte ihm zärtlich die Hand und sprach: "Entsetzlicher Mann! Gewiß tötet dich noch dein Mut, und du erbarmest dich weder deines stammelnden Kindes, noch deines unglückseligen Weibes, das du bald zur Witwe machen wirst. Werde ich deiner beraubt, so wäre es das beste, ich sänke in den Boden hinab. Den Vater hat mir Achilles getötet, meine Mutter hat der Bogen der Artemis erlegt, meine sieben Brüder hat auch der Pelide umgebracht. Ohne dich habe ich keinen Trost, Hektor; du bist mir Vater und Mutter und Bruder. Darum erbarme dich, bleib hier auf dem Turm; mach dein Kind nicht zur Waise, dein Weib nicht zur Witwe! Das Heer stelle dort an den Feigenhügel, dort steht die Mauer dem Angriffe frei und ist am leichtesten zu ersteigen, dorthin haben die tapfersten Krieger, die Aias beide, Idomeneus, die Atriden und Diomedes schon dreimal den Sturm hingelenkt, sei es, daß ein Seher es ihnen offenbarte, sei's, daß das eigene Herz sie trieb!"
Liebreich antwortete Hektor seiner Gemahlin: "Auch mich härmt alles dieses, Geliebteste, aber ich müßte mich vor Troias Männern und Frauen schämen, wenn ich, erschlafft wie ein Feiger, hier aus der Ferne zuschaute. Auch mein eigener Mut erlaubt es mir nicht, er hat mich immer gelehrt, im Vorderkampfe zu streiten; zwar, das Herz weissagt es mir, der Tag wird kommen, wo die heilige Troia hinsinkt und Priamos und all sein Volk; aber weder der Troianer Leid, noch der eigenen Eltern und der leiblichen Brüder, wenn sie dann unter dem Schwert der Griechen fallen, geht mir so zu Herzen wie das deine, wenn dich, die Weinende, ein Danaer in die Knechtschaft führen wird, und du dann zu Argos am Webstuhl sitzest oder Wasser trägst, vom harten Zwang belastet, und dann wohl ein Mann dich in Tränen schauend, spricht: das war Hektors Weib! Decke mich der Grabhügel, ehe ich von deinem Geschrei und deiner Entführung hören muß!" So sprach er und streckte die Arme nach seinem Knäblein aus; aber das Kind schmiegte sich schreiend an den Busen der Amme, von der Zärtlichkeit des Vaters erschreckt und vor dem ehernen Helm und dem fürchterlich flatternden Roßschweif erbangend. Der Vater schaute das Kind und die zärtliche Mutter lächelnd an, nahm sich schnell den schimmernden Helm vom Haupte, legte ihn zu Boden, küßte sein geliebtes Kind und wiegte es auf dem Arm. Dann flehte er zum Himmel empor: "Zeus und ihr Götter! Laßt dies mein Knäblein werden wie mich selbst, voranstrebend dem Volk der Troianer; laßt es mächtig werden in Troia und die Stadt beherrschen, und dereinst sage man, wenn es beutebeladen aus dem Streite heimkehrt: der ist noch weit tapferer als sein Vater, und darüber soll sich seine Mutter herzlich freuen!" Mit diesen Worten gab er den Sohn der Gattin in den Arm, die unter Tränen lächelnd ihn an den Busen drückte. Hektor aber streichelte sie, inniger Wehmut voll, mit der Hand und sagte: "Armes Weib, traure mir nicht zu sehr im Herzen, gegen das Geschick wird mich niemand töten, dem Verhängnis aber ist noch kein Sterblicher entronnen. Auf, geh du zur Spindel und zum Webstuhl und befiehl deinen Weibern! Den Männern Troias liegt die Sorge für den Krieg ob, am meisten aber mir!" Als er dies gesagt, setzte sich Hektor den Helm auf und ging davon. Auch Andromache schritt dem Hause zu, indem sie wiederholt rückwärts blickte und herzliche Tränen weinte. Als die Mägde in der Kammer sie erblickten, teilte sich ihnen allen ihr Gram und ihre Betrübnis mit, und Hektor wurde bei lebendigem Leibe in seinem Palast betrauert.
Auch Paris hatte nicht gezaudert; in strahlenden Erzwaffen eilte er durch die Stadt, wie ein stattliches Roß die Halfter zerreißt und nach dem Strombade rennt. Er erreichte den Bruder, als dieser sich eben von seiner Gattin Andromache gewendet hatte. "Nicht wahr", rief ihm Paris von weitem zu, "ich habe dich, mein älterer Bruder, durch mein Zaudern aufgehalten und bin nicht da zur rechten Zeit!" Aber Hektor antwortete ihm freundlich: "Mein Guter, billig zu reden bist du ein tapferer Streiter, nur säumst du oft gern und willst nicht, und sieh, da kränkt es mich dann innig, wenn ich unter dem Troianervolke, das so viel für dich erduldet, schmähliche Reden über dich hören muß. Doch, das wollen wir ein andermal ausmachen, wenn wir die Griechen aus Troia verjagt haben und um den Krug der Freiheit im Palast sitzen!"
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Hektor und Aias im Zweikampf
Als die Göttin Athene vom Olymp herab die beiden Brüder so zum Kampfe hineilen sah, flog sie stürmisch hinunter zur Stadt Troia. An der Buche des Zeus begegnete ihr Apollon, der von der Zinne der Burg, von wo er die Schlacht der Troianer lenkte, daherkam und seine Schwester anredete: "Welch ein heftiger Eifer treibt dich vom Olymp herunter, Pallas? Bist du noch immer auf den Fall der Troianer bedacht, Erbarmungslose? Wolltest du mir doch gehorchen und für heute den Entscheidungskampf ruhen lassen. Ein andermal mögen sie die Feldschlacht erneuern, weil ihr, du und Hera, doch nicht ruhet, bis ihr die hohe Stadt Troia verwüstet habt!" Ihm antwortete Athene: "Fernhintreffer, es sei wie du sagst, und in derselben Absicht bin ich auch vom Olymp herabgekommen. Aber sage mir, wie gedenkst du den Männerkampf zu stillen?" - "Wir wollen", sprach Apollon, "dem gewaltigen Hektor seinen Mut noch steigern, daß er einen der Danaer zum entscheidenden Zweikampf herausfordert, laß uns dann sehen, was diese tun." Athene war das zufrieden.
Das Gespräch der Unsterblichen hatte der Seher Helenos in seiner Seele vernommen; eilig trat er zu Hektor und sprach: "Weiser Sohn des Priamos, wolltest du diesmal meinem Rate gehorchen, der ich dein liebender Bruder bin? Heiß die anderen alle, Troianer und Griechen, vom Streite ruhen; du selbst aber fordere den Tapfersten aller Achiver zur Entscheidung heraus. Du kannst es ohne Gefahr, denn glaube meinem Seherworte, der Tod ist noch nicht über dich verhängt."
Hektor freute sich dieses Wortes. Er hemmte die troianischen Heerhaufen und trat, den Speer in der Mitte haltend, zwischen die kämpfenden Heere, und auf dieses Zeichen ruhte alsbald der Streit auf beiden Seiten, denn auch Agamemnon hieß seine Griechen sich lagern. Athene und Apollon aber setzten sich beide in Gestalt zweier Geier auf die Buche des Zeus und freuten sich des Männergewühls, bis beide Ordnungen, von Schildern, Helmen und hervorragenden Lanzen dicht umstarrt, gedrängt dasaßen, nur so viel sich regend als das Meer, wenn das Gekräusel des Westes darüber hinschauert. In der Mitte beider Völker begann jetzt Hektor: "Troianer und ihr Griechen, höret, was mir mein Herz gebietet! Den Bundesvertrag, den wir jüngst geschlossen, hat Zeus nicht genehmigt, vielmehr beiden Völkern böse Entschlüsse eingegeben, bis entweder ihr selbst Troia erobert, oder vor uns erlieget bei euren Schiffen. Nun sind die tapfersten Helden Griechenlands in eurem Heere. Welchem nun von solchen sein Herz gebeut, mit mir, dem göttergleichen Hektor, den Vorkampf zu wagen, der trete heraus! Die Bedingung, die ich stelle, ist diese, und Zeus sei mein Zeuge: wenn mein Gegner mich mit dem Speer erlegt, mag er meinen Waffenraub zu den Schiffen hinabtragen, doch meinen Leib nach Troia senden, daß er der Ehre des Scheiterhaufens in der Heimat teilhaftig werde; wenn aber mir Apollon Ruhm gewährt und ich meinen Gegner erlege, so hänge ich seine Rüstung im Tempel des Phoibos zu Troia auf, und den Erschlagenen möget ihr bei euren Schiffen mit Pracht bestatten und ihm am Hellespont ein Mal auftürmen, von dem einst in späten Zeiten der Schiffer noch sage: ‚Sehet, hier ragt der Grabhügel des längstverstorbenen Mannes, der einst im Streit mit dem göttergleichen Hektor erlag !' "
Also sprach jener, die Danaer aber schwiegen, denn es war schimpflich, den Kampf zu verweigern, und gefahrvoll, ihn anzunehmen. Endlich stand Menelaos auf und strafte seine Landsleute seufzend mit den Worten: "Wehe mir, ihr Prahler, Griechinnen und nicht Griechen. Wäre es doch eine unvertilgbare Schande, wenn kein Danaer dem Hektor zu begegnen wagte! Möchtet ihr euch alle in Kot und Wasser verwandeln, wie ihr miteinander dasitzet, jeder ohne Herz und ohne Ruhm! So will ich denn mich selbst zum Kampfe gürten und den Göttern den Ausgang anempfehlen!" So sprach er und warf sich in die Rüstung; und sein Tod wäre bei den Göttern beschlossen gewesen, wenn nicht die Fürsten der Griechen aufgefahren wären und ihn zurückgehalten hätten. Ja selbst Agamemnon ergriff seine Rechte und sprach: "Bruder, bedenke dich! Was fällt dir ein, den stärkeren Mann bekämpfen zu wollen, vor dem selbst anderen, als du bist, graut, mit dem Achilles selber in der Feldschlacht sich zu messen gestutzt hat. Wir bitten dich alle, tritt zurück und setze dich nieder!" So wandte Agamemnon seinem Bruder das Herz. Und nun hielt Nestor eine strafende Rede an das Volk und erzählte seinen eigenen Zweikampf mit Ereuthalion dem Arkadier. "Wäre ich noch so jugendlich", endete er, "noch so ungeschwächter Kraft wie damals, so sollte Hektor seinen Kämpfer bald gefunden haben!" Auf seine Straf rede erhoben sich neun Fürsten in dem Heere: vor allen Agamemnon, ihm zunächst Diomedes, darauf die beiden Aias zugleich, dann Idomeneus, sein Genösse Meriones, Eurypylos, Thoas und Odysseus. Sie alle erboten sich zu dem gefürchteten Kampfe. "Das Los soll entscheiden", begann von neuem Nestor, "wen es auch trifft, freuen werden sich die Griechen, und der Erkorene mit, wenn er aus dem erbitterten Streit als Sieger hervorgeht." Nun bezeichnete sich jeder selbst sein Los; alle zusammen wurden in den Helm Agamemnons geworfen; das Volk betete, Nestor schüttelte den Helm, und heraus sprang das Los des Telamonssohnes Aias. Ein Herold zeigte das Los herumwandelnd den acht Helden vor Aias, aber keiner erkannte es, bis die Reihe an den kam, der es sich selbst bezeichnet hatte. Freudig warf Aias das Los vor die Füße und rief: "Freunde, wahrlich, es ist mein Los, und mein Herz ist froh, denn ich hoffe, über Hektor zu siegen. Ihr alle betet in der Stille oder laut, während ich mich rüste."
Das Volk gehorchte ihm, und bald stürmte Aias, den riesigen Leib in blinkende Erzwaffen gehüllt, zum Kampfe vor, dem ungeheuren Kriegsgott selber ähnlich. Ein Lächeln flog über sein finsterernstes Antlitz, wie er mächtigen Schrittes, die gewaltige Lanze schwingend, einherwandelte. Alle Danaer freuten sich ringsum seines Anblickes, und Schrecken durchschauderte die Schlachtreihen der Troianer. Ja, dem gewaltigen Hektor selbst fing sein Herz im Busen an zu schlagen, aber er konnte nicht mehr ins Gewühl seiner Scharen zurückfliehen, hatte er doch selbst den Zweikampf gefordert.
Aias näherte sich ihm, den ehernen siebenhäutigen Schild vortragend, den der berühmte Künstler Tychios ihm einst gefertigt. Als er ganz nahe vor Hektor stand, sprach er drohend: "Hektor, nun erkennst du, daß es im Danaervolk auch außer dem löwenherzigen Peliden noch Helden gibt, und zwar ihrer genug. Wohlan denn, beginne den blutigen Kampf!" Ihm antwortete Hektor: "Göttergleicher Sohn des Telamon, versuche mich nicht wie ein schwaches Kind oder ein unkriegerisches Weib. Sind mir doch die Männerschlachten wohl bekannt, ich weiß den Stierschild rechts und links hinzuwenden, weiß den Tanz des schrecklichen Kriegsgottes zu Fuße zu tanzen und die Rosse im Gewühl zu lenken! Wohlan, nicht mit heimlicher List sende ich den Speer nach dir, tapferer Held, nein, öffentlich laß sehen, ob er dich treffe!" Mit diesen Worten entsandte er in hohem Schwung die Lanze, und sie fuhr dem Aias in den Schild, durchdrang sechs Schichten und ermattete erst in der siebenten Haut. Jetzt flog die Lanze des Telamoniers durch die Luft. Diese durchschmetterte dem Hektor den ganzen Schild, durchschnitt seinen Leibrock und wäre ihm in die Weiche gedrungen, wenn nicht Hektor ihrem Fluge ausgebogen wäre. Beide zogen die Speere aus den Waffen und rannten wie unverwüstliche Waldeber aufs neue gegeneinander an. Hektor zielte, mit dem Speere stoßend, dem Aias auf die Mitte des Schildes, aber seine Lanzenspitze bog sich und durchbrach das Erz nicht; Aias hingegen durchbohrte mit dem Speer den Schild seines Gegners und streifte ihm selbst den Hals, daß ihm schwarzes Blut entspritzte. Nun wich Hektor zwar ein wenig rückwärts; seine nervige Rechte ergriff jedoch einen Feldstein und traf damit die Schildbuckel des Feindes, daß das Erz erdröhnte. Aias hob einen noch viel größeren Stein vom Boden auf und sandte ihn mit solchem Schwünge dem Gegner zu, daß er den Schild einwärts brach und den Gegner am Knie verletzte, so daß derselbe rücklings hinsank; doch verlor er den Schild nicht aus den Händen, und Apollon, der ihm unsichtbar zur Seite stand, richtete ihn schnell vom Boden wieder auf. Beide wären jetzt mit dem Schwert aufeinander losgegangen, um den Streit endlich zu entscheiden; da eilten die Herolde der beiden Völker, Idaios, der Troer, und Talthybios, der Grieche, herbei, und streckten die Stäbe zwischen die Kämpfenden. "Nicht weiter gekämpft, ihr Kinder", rief Idaios, "ihr seid ja beide tapfer, beide von Zeus geliebt; wir alle haben das gesehen! Jetzt aber kommt die Nacht herbei, gehorchet der Nacht!" - "Ermahne du deinen eigenen Volksgenossen!" entgegnete dem Herold Aias, "er ist es ja, der den Tapfersten der Griechen zum Kampfe hervorgerufen hat! Will er es so, so mag ich dir gehorchen!" Und nun sprach Hektor selbst zu seinem Gegner: "Aias, ein Gott hat dir den gewaltigen Leib, die Kraft und die Speerkunde verliehen; darum laß uns heute vom Entscheidungskampfe ausruhen, bis ein Gott einem von beiden Völkern Sieg und Kriegsruhm verleiht! Nun laß uns aber auch noch einander rühmliche Gaben schenken, damit es dereinst bei Troianern und Griechen heiße: Sehet, sie kämpften miteinander den Kampf der Zwietracht, aber in Freundschaft sind sie voneinander geschieden!" So sprach Hektor und reichte dem Gegner sein Schwert mit dem silbernen Griff samt Scheide und zierlichem Wehrgehenk. Aias aber löste seinen purpurnen Gurt vom Leibe und bot ihn dem Hektor dar. Dann schieden beide voneinander. Aias zog sich in die Schar der Griechen zurück, Hektor ins Gewühl der Troianer. Diese waren froh, ihren Helden unverletzt aus den Händen des furchtbaren Aias zurückzuerhalten.
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Waffenstillstand
Die Fürsten der Danaer versammelten sich jetzt in dem Gezelte ihres Oberfeldherrn Agamemnon, wohin sie auch den seines Sieges sich hocherfreuenden Aias jubelnd geführt hatten. Hier wurde dem Zeus ein fünfjähriger fetter Stier geopfert, und beim Schmause der Sieger mit dem besten Rückenstück geehrt. Als sie sich an Speise und Trank gesättigt, eröffnete Nestor den Rat der Fürsten mit dem Vorschlag, am anderen Morgen den Krieg ruhen zu lassen und nach Abschluß eines Waffenstillstandes die Leichname der gefallenen Danaer auf Wagen, mit Rindern und Maultieren bespannt, abzuholen und abseits von den Schiffen zu verbrennen, damit, wenn sie wieder zum Vaterlande heimzögen, ein jeder den Kindern seiner Verwandten den Staub der Ihrigen mitbringen könnte. Die Könige riefen ihm ringsumher Beifall.
Auf der anderen Seite kamen auch die Troianer auf ihrer Burg, vor dem Palast des Königs, nicht ohne Schmerz und Verwirrung über den Ausgang des Zweikampfes zur Versammlung, und hier stand der weise Antenor auf und sprach: "Höret mein Wort, ihr Troianer und Bundesgenossen. So lange wir treulos gegen den heiligen Vertrag, den Pandaros gebrochen hat, kämpfen, kann unserem Volke keine Wohlfahrt blühen; deswegen berge ich meines Herzens Meinung und meinen Rat nicht, daß wir die Argiverin Helena mitsamt ihren Schätzen den Atriden ausliefern sollten." Dagegen erhob sich Paris und erwiderte: "Wenn du im Ernste so geredet hast, Antenor, so haben dir wahrhaftig die Götter deinen Verstand geraubt; ich aber bekenne geradeheraus, daß ich das Weib nie wieder hergeben werde. Die Schätze, die ich aus Argos mitgeführt, mögen sie meinethalben wieder haben, und ich will freiwillig von dem Meinigen noch hinzutun, was sie als Buße verlangen können!" Nach seinem Sohne sprach der greise König Priamos mit wohlmeinender Gesinnung: "Laßt uns heute nichts Weiteres mehr beginnen, ihr Freunde! Verteilet den Nachtimbiß unter das Heer, stellet die Wachen aus und überlasset euch, behutsam wie immer, dem Schlafe. Am anderen Morgen aber soll Idaios, unser Herold, zu den Schiffen der Griechen gehen und ihnen das friedsame Wort meines Sohnes Paris verkündigen, zugleich sie erforschen, ob sie geneigt seien, uns Waffenruhe zu gewähren, bis wir unsere Toten verbrannt haben. Können wir uns nicht vereinigen, so mag nachher die Feldschlacht wieder beginnen."
So geschah es. Am anderen Morgen erschien Idaios als Herold vor den Griechen und meldete das Anerbieten des Paris und den Vorschlag des Königs. Als die Helden der Danaer solches hörten, blieben alle lange stumm. Endlich begann Diomedes: "Laßt euch doch nicht einfallen, ihr Griechen, die Schätze anzunehmen, auch nicht, wenn ihr Helena dazu bekämet. Der Einfältigste wird ja wohl hieraus erkennen, daß die Troianer bereits mit dem Untergange bedroht sind!" Diesem Worte jauchzten die Fürsten alle Beifall zu und Agamemnon sprach jetzt zu dem Herold: "Du hast selbst den Bescheid der Griechen, was den Vorschlag des Paris betrifft, vernommen. Die Verbrennung der Toten aber soll euch keineswegs verweigert sein; der Donnerer selbst soll diese unsere Zusage hören!" Mit diesen Worten hob er den Szepter gen Himmel. Idaios kehrte nach Troia zurück und traf den Rat der Troianer wieder versammelt. Auf die willkommene Botschaft wurde es schnell in der Stadt lebendig; die einen holten die Leichname, die anderen Holz aus der Waldung. Und ganz dasselbe geschah im Schiffslager der Griechen. Friedlich begegneten im Strahl der Morgensonne Feinde den Feinden und suchten ihre Toten, einer an der Seite des anderen. Schwer war der Gegner vom Freunde zu erkennen, wie die Leichname blutig und der Rüstungen beraubt dalagen. Unter heißen Tränen wuschen die Troianer den Ihrigen, deren Zahl viel größer war, das Blut von den Gliedern; aber alle laute Wehklage verbot Priamos. So hoben sie sie verstummt auf die Wagen und türmten unter großer Herzensbetrübnis die Scheiterhaufen auf. Dasselbe taten die Griechen, gleichfalls mit traurigem Herzen, und als die Glut ausgelodert, kehrten sie zu ihren Schiffen zurück. Der Tag war über dieser Arbeit zu Ende gegangen, und das Abendmahl begann. Gerade zur rechten Zeit waren aus Lemnos von Euneos, dem Sohne Iasons und Hypsipyles, Lastschiffe mit einer Ladung edlen Weines angekommen, den der Gastfreund den verwandten Griechen zum Geschenk sandte, viel tausend Krüge. Da ward ein lieblicher Festschmaus gerüstet, und als die Griechen ihre Beute bei den Schiffen untergebracht, setzten sie sich zum Mahle.
Auch die Troianer wollten sich beim Schmause von der Schlacht erholen. Aber Zeus ließ ihnen keine Ruhe und schreckte sie die ganze Nacht hindurch mit Donnerschlägen, die sich von Zeit zu Zeit wiederholten und ihnen neues Unglück zu verkündigen schienen. Entsetzen faßte sie, und sie wagten den Becher nicht an den Mund zu führen, ohne dem zürnenden Göttervater ein Trankopfer auszugießen.
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Sieg der Troianer
Für den Augenblick jedoch hatte es Zeus anders in seinem Rate beschlossen. "Höret mein Wort", sprach er zu den versammelten Göttern und Göttinnen am anderen Morgen, "wer mir heute hingeht, den Troianern oder den Griechen beizustehen, den fasse ich und schleudere ihn in den Abgrund des Tartaros unter das Erdreich, so tief hinunter, als tief unter dem Himmel die Erde drunten liegt; dann verschließe ich die eiserne Pforte, welche die eherne Schwelle der Unterwelt verwahrt, und der Missetäter kommt mir nicht mehr herauf. Und zweifelt ihr an meiner Allmacht, so versucht es; befestiget eine goldene Kette am Himmel, hängt euch alle daran und sehet zu, ob ihr mich auf den Erdboden herabzuziehen vermögend seid. Vielmehr würde ich euch selbst mitsamt Erd' und Meer emporziehen, die Kette an der Felsenkuppe des Olymp festbinden und so das Weltall in der Schwebe tragen." Die Götter demütigten sich unter dieses zornige Wort; Zeus selbst bestieg seinen Donnerwagen und fuhr nach dem Ida, wo er einen Hain und Altar hatte. Dort setzte er sich auf die Höhe und überschaute mit freudigem Trotz die Stadt der Troianer und das griechische Schiffslager. An beiden Orten warfen sich die Männer in die Rüstung. Der Troianer waren zwar weniger, doch waren auch sie nach der Schlacht begierig, galt es doch den Kampf für ihre Weiber und Kinder. Bald öffneten sich bei ihnen die Tore, und ihr Kriegsheer stürzte, zu Fuß und zu Wagen, unter Getümmel heraus. Den Morgen über wurde mit gleichem Glück gekämpft, und auf beiden Seiten strömte viel Blut auf den Boden. Als aber die Sonne hoch am Mittagshimmel stand, legte Zeus zwei Todeslose in seine goldene Waage, faßte sie in der Mitte und wog in der Luft. Da sank das Verhängnis der Griechen, daß ihr Gewicht sich bis zur Erde niedersenkte und das der Troianer zum Himmel emporstieg.
Mit einem Donnerschlage kündigte er die verwandelte Schickung dem Heere der Griechen an, indem ein Blitzstrahl mitten unter dasselbe herabfuhr. Bei diesem Anblick durchschauderte ein ahnungsvoller Schrecken die Reihen der Griechen, und die größten Helden fingen an zu wanken. Idomeneus, Agamemnon, die beiden Aias selbst hielten nicht mehr stand. Bald war nur noch der greise Nestor im Vorderkampfe zu schauen, aber auch dieser nur gezwungen, denn Paris hatte sein Roß vorn am Mähnenbusch mit einem Pfeile tödlich getroffen. Das Pferd bäumte sich angstvoll und wälzte sich bald mit seiner Wunde; während nun Nestor dem Nebenroß die Stränge mit seinem Schwert abzuhauen bemüht war, kam Hektor mit seinem Wagen, in der Verfolgung der Griechen begriffen, auf ihn zugefahren, und jetzt wäre es um das Leben des edlen Greises geschehen gewesen, wenn nicht Diomedes herbeigeeilt wäre. Dieser schalt den mit umgewandtem Rücken den Schiffen zufliehenden Odysseus und ermunterte ihn vergebens zur Abwehr; dann stellte er sich selbst vor die Rosse Nestors, überantwortete sie dem Sthenelos und Eurymedon und nahm den Greis auf seinen eigenen Wagen. Dann ging er mit ihm gerade dem Hektor entgegen, schickte seinen Speer ab und verfehlte zwar den Helden selbst, durchschoß jedoch seinem Wagenlenker Eniopeus die Brust, daß er dem Wagen entsank. So tief ihn der Tod des Freundes schmerzte, ließ ihn Hektor doch liegen, rief einen anderen Helden herbei, die Rosse zu lenken, und flog dem Diomedes entgegen. Hektor wäre verloren gewesen, wenn er sich mit dem Tydiden gemessen hätte, und Zeus wußte wohl, daß mit seinem Sturze sich die Schlacht gewendet und die Griechen noch an diesem Tage Ilion erobert hätten. Dies wollte Zeus nicht und schleuderte dicht vor dem Wagen des Diomedes einen Blitzstrahl in den Boden. Nestor ließ vor Schrecken die Zügel aus den Händen fahren und sprach: "Auf, Diomedes, wende deine Rosse zur Flucht, erkennst du nicht, daß Zeus dir heute den Sieg verweigert?" - "Du hast recht, o Greis", erwiderte dieser, "aber es empört mir das Herz, wenn Hektor einst in der Versammlung der Troianer sagen darf: der Sohn des Tydeus hat sich vor mir in banger Flucht den Schiffen zugewendet!" Aber Nestor sprach: "Was denkst du, wenn dich Hektor auch feige schilt, werden ihm die Troer und Troerinnen glauben, deren Freunde und Gatten du in den Staub gestreckt hast?" Mit diesen Worten wandte er die Rosse zur Flucht und Hektor, mit seinen Troianern nachstürmend, rief: "Tydide, dich ehrten die Griechen in der Versammlung und beim Festmahl; künftig verachten sie dich wie ein zagendes Weib! Du bist es nicht, der Troia erobern und unsere Frauen zu Schiffe wegführen wird!" Da besann sich Diomedes dreimal, ob er die Rosse umlenken und dem Höhnenden entgegenfahren sollte, aber dreimal donnerte Zeus fürchterlich vom Ida her, und so setzte er die Flucht und Hektor die Verfolgung fort.
Vergebens wollte Hera, die dies mit Kummer sah, Poseidon, den besonderen Schutzgott der Danaer, bewegen, seinem Volke beizustehen; er wagte es nicht, gegen das zornige Wort seines mächtigen Bruders zu handeln. Jetzt waren die fliehenden Griechen mit Roß und Mann am Wall und Graben vor den Schiffen angekommen, und gewiß wäre Hektor eingedrungen und hätte die Brandfackel ins Schiffslager der Griechen geworfen, wenn nicht Agamemnon, von Hera ermutigt, die verstörten Griechen um sich gesammelt hätte. Er betrat das gewaltige Meerschiff des Odysseus, das in der Mitte stand und hoch über die anderen hervorragte. Hier stand er auf dem Verdeck, den schimmernden Purpurmantel mit der nervigen Rechten sich über die Schulter schlagend und rief, auf der einen Seite zu den Gezelten des salaminischen Aias, auf der anderen zu denen des Peliden hinab, wo auf beiden Seiten das flüchtende Heer sich zusammendrängte: "Schämet euch, Verworfene", rief er, "wo ist euer Heldenruhm jetzt, ihr Prahler bei den Krügen? Vor dem einen Hektor sind wir jetzt zunichte geworden, bald wird er unsere Schiffe in Brand stecken. O Zeus, mit welchem Fluche hast du mich beladen! Wenn ich dich je mit Gebeten und Opfern geehrt, so laß uns jetzt wenigstens entfliehen und entkommen, und nicht hier bei den Schiffen von der Macht der Troianer erdrückt werden!" So rief er unter Tränen, daß es den Göttervater selbst erbarmte und er den Griechen ein heilvolles Zeichen vom Himmel sandte, einen Adler, der ein junges Reh in den Klauen trug und vor dem Altar des Zeus selbst niederwarf.
Dieses Zeichen stärkte die Danaer, und aufs neue flogen sie vorwärts, dem Gewühl der eindringenden Feinde entgegen. Vor allen anderen sprengte Diomedes mit seinen Rossen über den Graben hervor und stieß den Troianer Agelaos, der vor ihm seinen Streitwagen zur Flucht wandte, mit dem Speer durch den Rücken. Nächst ihm drangen Agamemnon und Menelaos vor, ihnen zunächst die beiden Aias, dann Idomeneus und Meriones, dann Eurypylos. Jetzt kam Teukros als der neunte; dieser, hinter dem Schilde seines Halbbruders Aias aufgestellt, schoß einen Troianer um den anderen mit seinen Pfeilen in den Staub. Schon hatte er ihrer acht zu Boden gestreckt, als Agamemnon einen freudigen Blick auf ihn warf und ihm zurief: "Triff so fort, edler Freund, und werde ein Licht der Danaer! Gewähren uns Zeus und Athene, Troia zu vertilgen, so sollst du der Erste sein, dem ich ein Ehrengeschenk verleihe!" - "Du brauchst mich nicht lange zu ermahnen, König", antwortete ihm Teukros, "fällt es mir doch nicht ein zu rasten, sofern mich nur die Kraft nicht verläßt. Nur den wütenden Hund dort zu treffen ist mir noch nicht gelungen!" Damit sandte er einen Pfeil gerade auf Hektor ab; dennoch fehlte das Geschoß und traf nur einen Bastard des Priamos, den Gorgythion, der sein helmbeschwertes Haupt zur Seite neigte, wie ein Mohnhaupt unter dem Regenschauer des Frühlings sich beugt. Einen zweiten Pfeil des Teukros lenkte Apollon ab, doch durchschoß er die Brust seines Wagenlenkers Archeptolemos. Auch diesen Freund ließ Hektor mit bitterem Schmerze liegen und rief einen dritten auf den Wagen. Dann drang er in heißer Begier auf Teukros los und traf ihn, als er eben den Bogen wieder spannte, mit einem kantigen Stein am Schlüsselbeine, daß die Sehne ihm zerriß, die Hand am Knöchel erstarrte und er ins Knie sank. Aber Aias vergaß des Bruders nicht, er umging ihn und deckte ihn so lange mit dem Schild, bis zwei Freunde den schwer Aufstöhnenden nach den Schiffen getragen hatten.
Nun aber stärkte Zeus den Troianern den Mut wieder. Wütend und mit funkelnden Augen drang Hektor mit den Ersten voran und verfolgte die Griechen, wie ein Hund den gehetzten Eber im Bergwalde verfolgt, indem er immer jeden äußersten, der ihm in den Wurf kam, niederstreckte. Die Griechen wurden wieder zu den Schiffen zusammengedrängt und beteten geängstigt zu ihren Göttern. Das erbarmte Hera, und zu Athene gewendet, sprach sie: "Wollen wir das sterbende Volk der Danaer immer noch nicht retten? Siehst du nicht, wie unerträglich Hektor dort unten wütet, welches Blutbad er schon angerichtet hat!" - "Ja, mein Vater ist grausam", antwortete Athene, "er hat ganz vergessen, wie getreulich ich seinem Sohne Herakles auf allen Abenteuern zur Seite gestanden habe. Aber die Schmeichlerin Thetis hat ihn mit ihren Liebkosungen bestochen, und nun bin ich ihm verhaßt geworden. Doch, denke ich, nennt er mich einmal wieder sein blauäugiges Töchterlein. Hilf mir den Wagen anschirren, Hera, ich selbst will zum Vater nach dem Ida hinabeilen!"
Aber Zeus ergrimmte, als er dies inne wurde, und seine windschnelle Botin Iris mußte den Wagen aufhalten, als er mit den beiden Göttinnen eben durch das vorderste Tor des Olymp hindurchfuhr. Auf seine zornige Botschaft lenkten diese um, und bald erschien Zeus auf dem Donnerwagen selbst wieder, daß die Höhen des Götterberges vor seinem Nahen erbebten. Aber er blieb taub gegen die Bitten der Gemahlin und der Tochter. "Noch größeren Sieg der Troianer sollst du morgen schauen", sprach er zu Hera. "Nicht eher soll der gewaltige Hektor vom Streite ruhen, bis die Griechen in schrecklicher Bedrängnis, um die Steuerruder ihrer Schiffe zusammengedrängt, kämpfen und der zürnende Achilles sich wieder in seinem Zelte erhebt. So ist es der Wille des Verhängnisses." Hera ward traurig und verstummte.
Bei den Schiffen hatte die Nacht dem Kampfe ein Ziel gesetzt. Hektor berief seine Krieger, seitwärts von den Schiffen bei den Wirbeln des Skamanders, zu einer Ratsversammlung, und sprach: "Hätte uns die Nacht nicht ereilt, so wären die Feinde jetzt vertilgt. Aber auch so lasset uns nicht in die Stadt zurückkehren, sondern führet eilig aus derselben Hornvieh und Schafe herbei, auch Wein und Brot werde uns reichlich aus den Häusern herbeigeschafft; Wachtfeuer sollen uns rings vor einem Überfall der Feinde schützen, während wir des Mahles oder der Wunden pflegen. Mit Anbruch des Morgens erneuern wir den Angriff auf die Schiffe, dann will ich sehen, ob Diomedes mich zur Mauer hinwegdrängt, oder ich ihm selbst die Rüstung vom Leichnam abziehe!" Die Troianer rauschten ihm Beifall zu; es geschah nach seinem Rate, die ganze Nacht über rasteten sie, im Schütze von tausend Wachtfeuern, je fünfzig und fünfzig bei Schmaus und Wein; ihre Rosse standen beim Geschirr und labten sich an Spelt und Gerste.
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Botschaft der Griechen an Achilles
Im griechischen Lager hatte sich der Schrecken von der Flucht noch nicht gelegt, als Agamemnon die Fürsten Mann für Mann, doch nicht laut, zu einer Ratsversammlung rufen ließ. Tiefbekümmert saßen sie bald beisammen und unter schweren Seufzern sprach der Völkerfürst: "Freunde und Pfleger des Volkes, in schwere Schuld hat mich Zeus verstrickt. Er, dessen gnädiger Wink mir verheißen hatte, daß ich als Sieger nach Vertilgung Troias heimgehen sollte, hat mich betrogen und befiehlt mir jetzt, so viele tapfere Männer auf der Walstatt zurücklassend, ruhmlos nach Argos heimzukehren. Vergebens widersetzen wir uns dem Willen dessen, der schon so vielen Städten das Haupt zerschmettert hat und noch zerschmettern wird. Aber Troia sollen wir nicht erobern. So gehorchet mir denn, und laßt uns auf den schnellen Schiffen zum Lande der Väter fliehen!"
"Achilles und die Gesandten der Griechen" Kupferstich nach Vorlage von Ingres, 1854
Lange blieben die bekümmerten Helden Griechenlands stumm, als sie das traurige Wort vernommen hatten, bis endlich Diomedes zu reden begann: "Zwar schmähtest du jüngst", sprach er, "meinen Mut und meine Tapferkeit vor den Griechen, o König! Jetzt aber will mir bedünken, daß dir selbst Zeus mit dem Szepter der Macht die Tapferkeit nicht verliehen hat. Glaubst du denn im Ernste, die Männer Griechenlands seien so unkriegerisch wie du geredet? Wohl, wenn dich das Herz so sehr nach der Heimat drängt, so wandre! Der Weg ist frei, und dein Schiff steht bereit! Wir anderen Achiver wollen bleiben, bis wir die Burg des Priamos zerstört haben. Ja, wenn sie alle davongingen, so blieben doch wir, ich und mein Freund Sthenelos, und kämpften fort, im Glauben, daß eine Gottheit uns hierher geführt!" Die Helden jubelten bei diesen Worten, und Nestor sprach: "Du könntest mein jüngster Sohn sein, o Jüngling, und doch hast du lauter Verständiges gesprochen. Auf daher, Agamemnon, gib den Führern ein Mahl, du hast ja Wein genug in den Zelten; die Scharenhüter sollen sich am Graben draußen vor der Mauer lagern, du aber horche beim Mahl auf den Rat der Besten unter dem Volke."
So geschah es. Die Fürsten schmausten bei Agamemnon getrösteteren Mutes, und nach dem Mahle sprach Nestor wieder in der Versammlung: "Agamemnon, du weißt, was seit dem Tage geschehen ist, an welchem du dem zürnenden Peliden die schöne Tochter des Brises aus den Zelten raubtest, wider unseren Sinn, denn ich habe dich mit großem Ernst abgemahnt. Jetzt ist es Zeit, darauf zu sinnen, wie wir das Herz des Gekränkten zur Versöhnung bewegen mögen." -"Du hast recht, o Greis", antwortete Agamemnon, "ich habe gefehlt, und leugne es nicht. Auch will ich es gern gut machen, und dem Beleidigten unendliche Sühnung bieten: zehn Talente Goldes, sieben Dreifüße, zwanzig Becken, zwölf Rosse, sieben blühende lesbische Weiber, die ich selbst erobert habe, endlich die liebliche Jungfrau Brisei's selbst, die ich, obgleich ich sie dem Achilles entrissen, doch immer in Ehren gehalten habe, wie ich mit heiligem Eide beschwören kann. Erobern wir dann Troia und teilen den Siegesraub, so will ich ihm selbst sein Schiff mit Erz und Gold voll füllen, und er mag sich zwanzig Troianerinnen, die schönsten nach Helena, zur Beute heraussuchen. Kommen wir nach Argos heim, so soll er sich eine von meinen Töchtern zur Gattin erwählen; er wird mir ein lieber Eidam sein, und meinen eigenen einzigen Sohn Orestes will ich nicht höher halten. Sieben Städte werde ich ihm zum Brautschatz geben. Solches alles will ich tun, sobald er von seinem Zorn abläßt."
"Fürwahr", antwortete ihm Nestor, "du bietest dem Fürsten Achilles keine verächtlichen Gaben. Senden wir denn auf der Stelle auserlesene Männer, Phoinix als Führer, dann den großen Aias und den edlen Odysseus, und mit ihnen die Herolde Hodios und Eurybates nach den Zelten des zürnenden Helden."
Nach einem feierlichen Trankopfer verließen wirklich die von Nestor ausgewählten Helden die Versammlung und gelangten in kurzem zu den Schiffen der Myrmidonen. Hier fanden sie den Achilles, wie er auf der schönen gewölbten Leier mit silbernem Stege, einer Beute aus Eetions Stadt, sein Herz erlabend, spielte und Siegestaten der Helden dazu sang. Ihm gegenüber saß sein Freund Patroklos und harrte schweigend, bis jener den Gesang beendigt hätte. Als der Pelide die Abgesandten, Odysseus an der Spitze, kommen sah, erhob er sich bestürzt von seinem Sitze, die Leier in der Hand behaltend. Auch Patroklos stand auf, sobald er ihrer ansichtig wurde; beide gingen ihnen entgegen, und Achilles faßte den Phoinix und den Odysseus bei den Händen und rief: "Freude sei mit euch, ihr Teuren! Zwar führt euch gewiß irgendeine Not zu mir her, doch liebe ich euch so sehr vor allen Griechen, daß ihr auch dem Zürnenden willkommen seid." Schnell brachte jetzt Patroklos einen großen Krug Weines herbei. Achilles selbst steckte den Rücken einer Ziege und eines Schafes und das Schulterblatt eines Mastschweines an den Spieß und briet alles mit Hilfe seines Gefährten Automedon. Nachdem sie sich nun, um das Mahl gelagert, an Speise und Trank gelabt hatten, winkte Aias dem Phoinix; Odysseus aber kam diesem zuvor, füllte den Becher mit Wein und trank dem Peliden mit einem Handschlage zu, dann begann er: "Heil dir, Pelide, deinem Schmaus gebricht es nicht an Fülle; aber nicht das liebliche Mahl ist's, wonach uns verlangt, sondern unser großes Unglück führt uns zu dir. Denn jetzt gilt es unsere Rettung oder unseren Untergang, je nachdem du mit uns gehest oder nicht. Die Troianer bedrohen den Stein wall und unsere Schiffe; Hektor, die Augen voll Mordlust, wütet, auf Zeus vertrauend. Erhebe dich denn, die Griechen, wenn auch spät, zu befreien, bändige den Stolz deines Herzens, glaube mir, freundlicher Sinn ist besser als verderblicher Zank. Hat dir doch dein Vater Peleus selbst solche Ermahnungen mit auf den Zug gegeben!" Dann zählte ihm Odysseus alle die herrlichen Gaben auf, die Agamemnon ihm zur Sühne anbieten ließ und noch weiter versprach.
Aber Achilles erwiderte: "Edler Sohn des Laertes, ich muß deine schöne Rede von der Brust weg mit Nein beantworten. Agamemnon ist mir verhaßt wie die Pforte des Hades, und weder er noch die Griechen werden mich bereden, wieder in ihren Reihen zu kämpfen, denn wann habe ich einen Dank für meine Heldenarbeit davongetragen? Wie eine Mutter den nackten Vögelchen den gefundenen Bissen darbringt, auch wenn sie selbst hungert, so habe ich unruhige Nächte und blutige Tage genug zugebracht, um jenen Undankbaren ein Weib zu erobern, und was ich erbeutet, brachte ich dem Atriden zur Gabe dar; er aber nahm die Schätze, behielt das meiste, und verteilte davon nur weniges; mir selbst hat er auch die lieblichste Beute entrissen. Darum will ich morgen schon Zeus und den Göttern opfern, noch im Morgenrote sollen meine Schiffe im Hellespont schwimmen, und in dreien Tagen hoffe ich in Phthia zu Hause zu sein. Einmal hat er mich betrogen, zum zweitenmal wird er mich nicht täuschen, er begnüge sich! Gehet und meldet den Fürsten diese Botschaft, Phoinix aber bleibe, wenn es ihm gefällt, und schiffe heim mit mir ins Land der Väter!"
Vergebens suchte Phoinix, sein alter Freund und Führer, den jungen Helden auf andere Gedanken zu bringen; er winkte dem Patroklos, dem alten Helden ein warmes Bett zurechtzumachen. Da stand Aias auf und sprach: "Odysseus, laß uns gehen, in der Brust des Grausamen wohnt keine Milde, den Unbarmherzigen bewegt nicht die Freundschaft der Genossen, er trägt ein unversöhnliches Herz im Busen!" Auch Odysseus erhob sich nun vom Mahle, und nachdem sie den Göttern das Trankopfer dargebracht, verließen sie mit den Herolden das Zelt des Achilles, bei dem nur Phoinix zurückblieb.
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Dolon und Rhesos
Als Odysseus die unwillkommene Botschaft aus dem Zelte des Peliden mitbrachte, verstummten Agamemnon und die Fürsten. Kein Schlaf legte sich die ganze Nacht über auf die Augenlider der Atriden; in banger Angst erhoben sich beide noch vor Tagesanbruch und teilten sich in ihr Geschäft. Menelaos ging, die Helden Mann für Mann in den Zelten zu bearbeiten, Agamemnon aber wandelte nach der Lagerhütte Nestors. Er fand den Greis noch im weichen Bett ruhend; Rüstung, Schild, Helm, Gurt und zwei Lanzen lagen an der Seite des Lagers. Der Greis, aus dem Schlaf erweckt, stützte sich auf den Ellbogen und rief dem Atriden zu: "Wer bist du, der in finsterer Nacht, wo andere Sterbliche schlummern, so einsam durch die Schiffe wandelt, als suchtest du einen Freund oder ein verlaufenes Maultier? So rede doch, du Schweigender, was suchst du?" - "Erkenne mich, Nestor", sprach jener leise, "ich bin Agamemnon, den Zeus in so unergründliches Leid versenkt hat; kein Schlaf kommt in meine Augen, mein Herz klopft, meine Glieder zittern aus Angst um die Danaer. Laß uns zu den Hütern hinabgehen, ob sie nicht schlummern. Weiß doch keiner von uns, ob die Feinde nicht noch in der Nacht einen Angriff machen werden!" Nestor zog eilig seinen wollenen Leibrock an, warf den Pupurmantel um, ergriff die Lanze und durchwandelte mit dem König die Schiffsgassen. Zuerst weckten sie Odysseus, der auf ihren Ruf sogleich den Schild um die Schultern warf und ihnen folgte; dann nahte sich Nestor dem Zelt und der Lagerstatt des Tydiden, berührte ihm den Fuß mit der Ferse, und weckte ihn scheltend. "Unmüßiger Greis", antwortete der Held im halben Schlafe, "du kannst doch nimmer von der Arbeit ruhen! Gäbe es nicht jüngere genug, die das Heer bei Nacht durchwandern und die Helden aus dem Schlafe wek-ken könnten? Aber du bist unbändig, Alter!" - "Du hast wohlziemend geredet", erwiderte ihm Nestor, "habe ich doch selbst Völker genug, dazu treffliche Söhne, die dies Amt verrichten könnten. Aber die Bedrängnis der Achiver ist viel zu groß, als daß ich nicht selbst tun sollte, was das Herz mir gebietet. Auf der Schwertspitze steht bei ihnen Untergang und Leben, deswegen erhebe dich und hilf du selbst uns den Aias und Meges, den Sohn des Phyleus wecken!" Diomedes warf sogleich sein Löwenfell um die Schultern und holte die verlangten Helden. Nun musterten sie zusammen die Schar der Hüter, aber keinen fanden sie schlafend, alle saßen munter und wach in ihren Rüstungen da.
Allmählich waren jetzt alle Fürsten vom Schlaf aufgeweckt worden, und bald saß die Ratsversammlung vollständig beisammen. Nestor aber begann das Gespräch: "Wie war' es, ihr Freunde", sagte er, "wenn jetzt ein Mann die Kühnheit hätte, hinzugehen zu den Troianern, ob er nicht etwa einen der äußersten erhaschen könnte, oder ihren Rat erlauschen, und erfahren, ob sie hier auf dem Schlachtfelde zu bleiben gedenken, oder mit dem Siege sich in ihre Stadt zurückzuziehen? Edle Gaben sollten den kühnen Mann belohnen, der solches wagte!" Als Nestor ausgeredet, stand Diomedes auf und erbot sich zu dem Wagnisse, falls ein Begleiter sich zu ihm gesellen wollte. Da fanden sich viele bereit, die Aias beide, Meriones, Antilochos, Menelaos und Odysseus, und Diomedes sprach: "Wenn ihr mir anheim stellet, den Genossen selbst zu wählen, wie sollte ich des Odysseus vergessen, der in jeder Gefahr ein so entschlossenes Herz zeigt, und den Pallas Athene liebt. Wenn er mich begleitet, glaube ich, wir würden aus einem Flammenofen zurückkehren, denn er weiß Rat wie keiner!" - "Schilt und rühme mich nicht zu sehr", antwortete Odysseus, "du redest beides vor kundigen Männern! Aber gehen wir, denn die Sterne sind schon weit vorgerückt, und wir haben nur noch ein Drittel der Nacht übrig."
Darauf hüllten sich beide in furchtbare Rüstung und machten sich unkenntlich. Diomedes ließ Schwert und Schild bei den Schiffen und entlehnte das zweischneidige Schwert des Helden Thrasymedes sowie dessen Sturmhaube und Stierhaut, ohne Federbusch und Roßschweif. Dem Odysseus gab Meriones Bogen, Köcher und Schwert und einen Helm von Leder und Filz mit Schweinshauern. So verließen sie das griechische Lager und wandelten in der Nacht dahin. Da hörten sie einen Reiher von der rechten Seite schreiend vorüberflattern, wurden des Glückszeichens froh, das ihnen Pallas Athene sendete, und flehten zu ihr um Begünstigung ihres Unternehmens. So gingen sie durch Waffen, Blut und Leichen im Dunkel dahin, an Mut zweien wilden Löwen gleich.
Während diese Auskundschaftung im griechischen Lager verabredet wurde, hatte in der Versammlung seiner Troianer Rektor denselben Vorschlag gemacht und aus der griechischen Beute, die er hoffte, einen Wagen und zwei der edelsten Rosse dem Manne versprochen, der es über sich nehmen würde, den Zustand des griechischen Lagers zu erforschen. Nun befand sich unter dem troianischen Volke der Sohn des Eumedes, eines edlen Herolds, namens Dolon, ein an Geld und Erz wohlbegüterter Mann, von unansehnlicher Gestalt, aber ein gar hurtiger Läufer, neben fünf Schwestern der einzige Sohn. Diesen reizte die Kühnheit seines Herzens, daß er gegen das Versprechen, den Wagen und die Rosse des Achilles zu erhalten, es über sich nahm, das feindliche Kriegsheer zu durchwandern, bis er an Agamemnons Feldherrnschiff käme, um dort den Fürstenrat der Danaer zu belauschen. Er hängte eilends seinen Bogen um die Schulter, hüllte sich in ein graues zottiges Wolfsfell, setzte einen Otterhelm auf das Haupt, faßte den Wurfspieß und ging mit Begier seinen Weg. Dieser aber führte ihn ganz nahe an den auf gleichem Gange begriffenen Griechenhelden vorüber. Odysseus merkte den Tritt des Herannahenden und flüsterte seinem Gesellen zu: "Diomedes, dort kommt ein Mann aus dem troianischen Lager herangewandelt; entweder es ist ein Kundschafter, oder er will die Leichname auf dem Schlachtfelde berauben. Lassen wir ihn ein wenig vorübergehen, dann wollen wir ihm nachjagen und ihn entweder erhaschen oder nach den Schiffen treiben." Nun schmiegten sich beide abseits von dem Wege unter die Toten, und Dolon lief sorglos vorüber. Als er einen Bogenschuß entfernt war, hörte er das Geräusch der Helden und stand still, denn er vermutete, daß Hektor ihn durch befreundete Boten zurückrufen lasse; bald aber waren die Helden nur noch einen Speerwurf entfernt, und nun erkannte er sie als Feinde. Nun regte er seine schnellen Knie und flog dahin wie ein Hund, der einen Hasen verfolgt. "Steh, oder ich werfe meine Lanze nach dir", donnerte Diomedes, und entsandte seinen Speer, jedoch mit Vorsatz fehlend, so daß das Erz über die Schulter des Laufenden hin in den Boden fuhr. Dolon stand starr und bleich vor Schreck, sein Kinn bebte und die Zähne klapperten ihm. "Fanget mich lebendig", rief er unter Tränen, als die herankeuchenden Helden ihn mit beiden Händen festhielten, "ich bin reich und will euch als Lösegeld Eisenerz und Gold geben, soviel ihr nur wollet!" - "Sei getrost", sprach Odysseus zu ihm, "und mach dir keine Todesgedanken, aber sag' uns die Wahrheit, was dich diesen Weg führte." Als Dolon zitternd und bebend alles gestanden, sprach Odysseus lächelnd: "Fürwahr, du hast keinen schlechten Geschmack, Bursche, daß deine Seele nach dem Gespann des Peliden gelüstet! Jetzt aber sage mir auf der Stelle: wo verließest du den Hektor, wo stehen seine Rosse, wo sind die Kriegsgeräte? wo sind die anderen Troianer? wo die Bundesgenossen?" Dolon antwortete: "Hektor berät sich mit den Fürsten am Grabmale des Ilos; das Kriegsheer ist ohne besondere Wachen um Feuer gelagert, die fern herbeigerufenen Bundesgenossen aber, die für keine Weiber und Kinder zu sorgen haben, schlafen getrennt von dem Heere und unbewacht. Wenn ihr in das troianische Lager wandeln wollet, so stoßet ihr zuerst auf die eben angekommenen Thrakier, die um ihren Fürsten Rhesos, den Sohn des Eioneus, hingestreckt ruhen. Seine blendend weißen Rosse sind die schönsten, größten und schnellfüßigsten, die ich je gesehen habe; sein Wagen ist mit Silber und Gold köstlich geschmückt; er selbst trägt eine wundervolle goldene Rüstung wie ein Unsterblicher und nicht wie ein Mensch. Nun wißt ihr alles, führet mich nun nach den Schiffen, oder laßt mich gebunden hier, und überzeuget euch, daß ich die Wahrheit gesagt habe." Aber Diomedes schaute den Gefangenen finster an und sprach: "Ich merke wohl, Betrüger, du sinnest auf Flucht; aber meine Hand wird dafür sorgen, daß du den Argivern nicht mehr verderblich sein kannst!" Zitternd erhob Dolon seine Rechte, das Kinn des Helden flehentlich zu berühren, als schon das Schwert des Tydiden ihm durch den Nacken fuhr, daß das Haupt des Redenden in den Staub hinrollte. Hierauf nahmen ihm die Helden den Otterhelm vom Scheitel, zogen dem Rumpf das Wolfsfell ab, lösten den Bogen, nahmen den Speer des Getöteten zur Hand, und legten die ganze Rüstung zum Merkmale für den Heimweg auf einige Rohrbüschel. Dann gingen sie vorwärts und stießen endlich auf die harmlos schlafenden Thrakier. Bei jedem stand ein Doppelgespann von stampfenden Rossen, die Rüstungen lagen in schöner Ordnung und dreifachen Reihen blinkend auf dem Boden. In der Mitte schlief Rhesos, und seine Rosse standen am hintersten Wagenringe, mit Riemen angebunden. "Hier sind unsere Leute", sprach Odysseus ins Ohr des Tydiden, "jetzt gilt es Tätigkeit. Löse du die Rosse ab, oder besser, töte du die Männer, und laß mir die Rosse." Diomedes antwortete ihm nicht, sondern wie ein Löwe unter Ziegen oder Schafe fährt, hieb er wild um sich her, daß sich ein Röcheln unter seinem Schwert erhob und der Boden rot vom Blute ward. Bald hatte er zwölf Thrakier gemordet; der kluge Odysseus aber zog jeden Getöteten, am Fuß ihn ergreifend, zurück, um den Rossen eine Bahn zu machen. Nun hieb Diomedes auch den dreizehnten nieder, und dies war der König Rhesos, der eben in einem schweren Traume stöhnte, den ihm die Götter gesendet hatten. Inzwischen hatte Odysseus die Rosse vom Wagen abgelöst, mit Riemen verbunden, und indem er sich seines Bogens anstatt der Geißel bediente, sie aus dem Haufen hinweggetrieben. Dann gab er seinem Genossen ein Zeichen durch leises Pfeifen, dieser besann sich, ob er den köstlichen Wagen an der Deichsel wegziehen oder auf den Schultern hinaustragen sollte; da nahte ihm warnend Pallas, die Göttin, und trieb ihn zur Flucht. Eilend bestieg Diomedes das eine Roß, Odysseus trieb nebenherlaufend beide mit dem Bogen an, und nun flogen sie dem Schiffslager wieder zu.
Der Schutzgott der Troianer, Apollon, hatte bemerkt, wie sich Athene zu Diomedes gesellte. Dies verdroß ihn; er machte sich ins Getümmel des troianischen Heeres und weckte den tapferen Freund des Rhesos, den Thrakier Hippokoon, aus dem Schlaf. Als dieser die Stelle leer fand, wo die Rosse des Fürsten gestanden, und sterbende Männer am Boden zappelnd, rief er laut wehklagend den Namen seines Freundes. Die Troianer stürzten im Aufruhr heran und starrten vor Schrecken, als sie die entsetzliche Tat sahen.
Unterdessen hatten die beiden Griechenhelden den Ort wieder erreicht, wo sie den Dolon getötet hatten. Diomedes sprang vom Rosse, schwang sich aber wieder hinauf, nachdem er die Rüstung den Händen des Freundes überreicht; Odysseus bestieg das andere Tier, und bald waren sie mit den rasch dahinfliegenden Pferden bei den Schiffen angekommen. Nestor hörte zuerst das Stampfen der Hufe und machte die Fürsten der Griechen aufmerksam; aber ehe er sich recht besinnen konnte, ob er sich geirrt oder Wirkliches vernommen, waren die Helden mit den Rossen da, schwangen sich von den Pferden, reichten den Freunden die Hände ringsumher zum Gruße, und erzählten unter dem Jubel des Heeres den glücklichen Erfolg ihres Unternehmens. Dann trieb Odysseus die Rosse durch den Graben, und die anderen Achiver folgten ihm jauchzend zur Lagerhütte des Tydiden. Dort wurden die Pferde zu den anderen Rossen des Fürsten an die mit Weizen wohlgefüllte Krippe gebunden. Die blutige Rüstung Dolons aber legte Odysseus hinten im Schiffe nieder, bis sie bei einem Dankfest Athenes prangen könnte. Dann spülten sich beide Helden mit der Meerflut Schweiß und Blut von den Gliedern, setzten sich zum warmen Bad in Wannen, salbten sich mit Öl und genossen dann das Frühmal beim vollen Kruge, und Pallas Athene ward mit dem Trankopfer nicht vergessen.
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Zweite Niederlage der Griechen
Es war Morgen. Agamemnon befahl nun dem Volke sich zu gürten, und legte selbst die Rüstung an, den herrlichen Harnisch, an dem zehn bläuliche Stahlstreifen mit zwölf aus funkelndem Gold und zwanzig aus Zinn wechselten; die Halsbrünne bildeten drei Drachen, glänzend wie Regenbogen, der Panzer war ein Geschenk des Kynyras, Fürsten von Kypros; dann warf er sich das Schwert, mit goldenen Buckeln am Griff, in silberner Scheide, am strahlenden Goldgehenke befestigt, um die Schulter; darauf hob er den kunstreich gewölbten Schild, um den zehn Erzkreise herliefen, und zwanzig weiße zinnerne Buckel blinkten; auf dem mittleren dunkelblauen Felde war das gräßliche Gorgonenhaupt abgebildet, das Schildgehenk hatte die Gestalt eines bläulichen Drachens mit drei gekrümmten Häuptern. Dann setzte er sich den viergipfeligen, von Roßhaaren umwallten Helm, mit fürchterlich nickendem Helmbusch, aufs Haupt, ergriff zwei mächtige Lanzen mit strahlenden Erzspitzen und schritt in die Schlacht. Hera und Athene begrüßten vom Himmel herab den herrlich gerüsteten König der Völker mit einem freudigen Donner. Zuerst drangen die Fußgänger mit den ehernen Waffenrüstungen über den Graben, ihnen folgten die Reisigen auf den Streitwagen, und mit lautem Getümmel eilte das ganze Heer vorwärts.
Auf der anderen Seite hielten die Troianer einen Hügel des Feldes mit ihren Scharen besetzt; ihre Führer waren Hektor, Polydamas und Aineias, nächst ihnen Polybios, Agenor und Akamas, die drei tapferen Söhne Antenors. Wie ein Stern durch Nachtgewölk wandelte Hektor bald durch den vordersten, bald durch den äußersten Zug und ordnete die Schlachtreihen; in seiner Erzrüstung leuchtete er wie ein Blitzstrahl des Donnerers. Bald stürmten nun Troianer und Danaer mordend gegeneinander, wie Schnitter mähend in die Schwaden fahren; alles drängte sich Haupt an Haupt zur Schlacht; in beiden Heeren tobten die Streiter wie Wölfe. Endlich durchbrachen die Griechen mit ihrer Kraft die Schlachtreihen der Feinde, und Agamemnon stieß, voranstürmend, den Fürsten Bianor und seinen Wagenlenker nieder. Dann warf er sich auf zwei Söhne des Königs Priamos, den Antiphos und seinen Wagenlenker, den Bastard Isos, jenem durchschoß er die Brust mit der Lanze, diesen stürzte er mit einem Schwerthiebe vom Wagen, und den Getöteten entzog er eilig die Rüstung. Jetzt begegnete er zwei Söhnen des Antimachos, des Troianerfürsten, der einst, von Paris' Golde betört, die Helena auszuliefern verboten hatte. Vergebens flehten ihn die Knaben, in den Wagen hineingeschmiegt, um Schonung an. Ihres Vaters gedenkend, durchbohrte er den einen und hieb dem anderen die Hände vom Leib und das Haupt von der Schulter. Immer tiefer drang die Verfolgung der Griechen ein, auf Fußvolk und auf Wagen, wie ein Feuerbrand unter Sturm durch unausgehauene Waldung sich verbreitet.
Aus den Blutströmen und dem Getümmel entzog den Fürsten Hektor Zeus selbst den Geschossen, daß er zum Denkmal des Königs Ilos, an dem Feigenhügel vorüber, mitten durch das Gefilde, sehnsüchtig nach der Stadt hin floh; aber Agamemnon, seine Hände mit Troianerblut besudelt, folgte ihm laut schreiend. Endlich an der Buche des Zeus, nicht fern vom skaeischen Tore, stand Hektor und mit ihm die ganze Flucht der Seinigen, ihm nachgedrungen, still. Da sandte Zeus die Götterbotin Iris zu ihm und befahl ihm, so lange Agamemnon im Vordergewühl tobte, selbst zurückzustehen und dem anderen Volke die Feldschlacht zu überlassen, bis der Atride verwundet würde. Dann wollte der Göttervater ihn selbst wieder zum Siege führen. Hektor gehorchte. Von der Hinterhut aus mahnte er die Seinigen zu neuem Kampfe. Aufs neue begann das Gefecht; Agamemnon stürmte voraus und fing wieder an, in den Scharen der Troianer und ihrer Bundesgenossen zu wüten. Ihm begegnete zuerst Agenors Sohn Iphidamas, ein großer gewaltiger Held, der in Thrakien bei seinem Ahn aufgewachsen war und neuvermählt zum Kampfe in die alte Heimat gezogen kam. Agamemnons Lanze fehlte; der Speer des Iphidamas verbog sich die Spitze am Leibgurt seines Feindes. Schleunig ergriff jetzt Agamemnon die Lanze des Gegners, riß sie ihm aus der Hand und durchhieb ihm den Nacken mit dem Schwert. So sank der Arme, von der Gattin getrennt, im Kampfe für die Seinigen, bemitleidenswert, in den ehernen Todesschlummer. Agamemnon entwaffnete ihn und prahlte mit der herrlichen Rüstung durch die Reihen der Achiver. Als ihn so der ältere Sohn des Antenor, Koon, einer der gepriesensten troianischen Kämpfer, einherschreiten sah, faßte ihn unaussprechlicher Gram um den gefallenen Bruder; doch raubte ihm der Schmerz die Besinnung nicht, sondern, unbemerkt vom Atriden, stach er diesen seitwärts mit seinem Speer mitten in den Arm, dicht unter der Beugung. Agamemnon fühlte sich von einem plötzlichen Schauer durchdrungen; dennoch gönnte er sich keine Rast vom Kampfe, und während Koon seinen Bruder am Fuß aus dem Gewühl zu ziehen bestrebt war, durchstach ihn der Schaft des Atriden unter dem Schilde, so daß er entseelt auf den Leichnam des Bruders hinsank.
So lange das Blut noch warm aus der offenen Wunde hervordrang, fuhr Agamemnon fort, mit Lanze, Schwert und Steinen in den Reihen der Troianer zu morden; als aber das Blut in der Wunde zu erharschen anfing, da mahnte ihn ein scharfer, zuckender Schmerz, das Gewühl der Schlacht zu verlassen. Schnell sprang er in den Sitz des Streitwagens, dem Rosselenker gebietend, nach den Schiffen umzukehren, und bald trug der Wagen, mit Staub umwölkt, den von der Wunde hart gequälten König dem Schiffslager zu.
Als Hektor sah, wie der Atride sich entfernte, gedachte er an den Befehl des Zeus, eilte in die Vorderschar der Troianer und Lykier und rief laut aus: "Jetzt, ihr Freunde, seid Männer und sinnet auf Abwehr! Der tapferste Mann Griechenlands ist fern, und Zeus verleiht mir Siegesruhm. Auf, mitten unter die Helden der Danaer hinein mit den Rossen, damit wir um so höheren Ruhm gewinnen!" So rief Hektor und stürzte sich wie ein Sturmwind zuerst in die Schlacht. Und in kurzer Zeit waren neun Fürsten der Griechen, dazu viel gemeines Volk, unter seinen Händen erlegen. Schon war er nahe daran, das fliehende Heer der Griechen in die Schiffe zu drängen; da ermahnte Odysseus den Tydiden: "Ist es möglich, daß wir der Abwehr so ganz vergessen? Tritt doch näher, Freund, und stelle dich neben mich, laß uns die Schande nicht erleben, daß Hektor unser Schiffslager erobere!" Diomedes nickte ihm zu und durchschmetterte die Brust des Troianers Thymbraios mit dem Wurfspieß auf der linken Seite, daß er vom Wagen auf die Erde herabfiel; unter Odysseus sank Molion zu Boden, der Wagengenosse desselben. Weiter noch durchtobten die vorwärts Gewendeten den Feind, und die Griechen fingen an, wieder aufzuatmen. Zeus, der noch immer vom Ida herabschaute, ließ die Schlacht im Gleichgewicht schweben. Endlich erkannte Hektor durch die Schlachtreihen hindurch die zwei rasenden Helden, und stürmte mit seinen Heerscharen auf sie daher. Noch zur rechten Zeit sah sich Diomedes vor und schleuderte ihm die Lanze an die Helmkuppel. Zwar prallte sie ab, doch flog Hektor zurück in die Scharen aufs Knie, seine Rechte stemmte sich gegen die Erde, und vor seinen Blicken ward es Nacht. Bis jedoch der Tydide dem Schwung seines Speeres selbst nachgeeilt kam, hatte sich der Troianer in den Wagensitz geschwungen und rettete sich vor dem Tode ins Gedränge der Seinigen. Unmutig wandte sich Diomedes einem anderen Troianer zu, den er niederstreckte und der Rüstung zu berauben sich anschickte. Diesen Augenblick ersah Paris, schmiegte sich hinter die Denksäule des Ilos und schoß dem knieenden Helden in die Ferse, daß der Pfeil, durch die Sohle gedrungen, im Fleische festsaß. Dann sprang er lachend aus dem Hinterhalt und spottete jauchzend des Getroffenen. Diomedes schaute sich um, und als er den Schützen erblickte, rief er ihm zu: "Bist du es, Weiberheld? Du vermöchtest mit offener Gewalt nichts gegen mich und prahlest jetzt, daß du mir den Fuß von hinten geritzt hast? Das macht mir so wenig, als hätte mich ein Mädchen oder ein Knabe getroffen!" Inzwischen war Odysseus herbeigeeilt und stellte sich vor den Verwundeten, der sich mit Schmerzen, doch in Sicherheit, den Pfeil aus dem Fuße zog. Dann schwang er sich in den Wagensitz zu seinem Freunde Sthenelos und ließ sich heimgeleiten zu seinen Schiffen.
Nun blieb Odysseus allein zurück im tiefsten Gedränge der Feinde, und kein Argiver wagte sich in die Nähe. Der Held besprach sich mit seinem Herzen, ob er weichen sollte oder ausharren. Doch sah er wohl ein, daß es demjenigen, der in der Feldschlacht edel erscheinen will, durchaus not tut, standzuhalten, mag er nun treffen oder getroffen werden. Während er dies erwog, umschlossen ihn die Troianer mit ihren Schlachtreihen, wie Jäger und Jagdhunde einen stürzenden Eber umringen, der den Zahn im zurückgebogenen Rüssel wetzt. Er aber empfing entschlossen die auf ihn Einstürmenden, und es dauerte wenige Augenblicke, so waren fünf Troianer vor seinen Waffen in den Staub gesunken. Da kam ein sechster heran, Sokos, dem er eben den Bruder erstochen, und rief: "Odysseus, heute trägst du entweder den Ruhm davon, daß du beide Söhne des Hippasos, herrliche Männer, zu Boden gestreckt und ihre Waffen erbeutet hast, oder aber du verhauchst unter meiner Lanze das Leben!" Und nun durchschmetterte er ihm den Schild und riß ihm die Haut von den Rippen; tiefer ließ Athene den Stoß nicht eindringen. Odysseus, der sich nicht zum Tode getroffen fühlte, wich nur ein wenig zurück, stürzte dann auf den Gegner los, der sich zur Flucht wendete und durchbohrte ihm den Rücken zwischen den Schultern, daß der Speer aus dem Busen vordrang und er in dumpfem Falle hinkrachte. Dann erst zog sich Odysseus die Lanze des Feindes aus der Wunde. Als nun die Troianer sein Blut springen sahen, drängten sich erst recht alle auf ihn zu, daß er zurückwich und dreimal einen lauten Hilferuf ausstieß.
Menelaos vernahm das Geschrei zuerst und rief seinem Nebenmanne Aias zu: "Laß uns durchdringen durch das Getümmel, ich habe den Schrei des Odysseus gehört!" Beide hatten in kurzem den duldenden Kämpfer erreicht und trafen ihn, gegen unzählige Feinde seine Lanze schwingend. Als aber der Schild des Aias wie eine getürmte Mauer dem Streitenden vorgehalten ward, erzitterten die Troianer. Da benutzte Menelaos den Augenblick, ergriff den Sohn des Laertes bei der Hand und half ihm auf seinen eigenen Streitwagen. Aias aber sprang jetzt mitten in die Troianer hinein und wälzte Leichen vor sich her wie ein Bergstrom im Herbste dorrende Kiefern und Eichen. Davon hatte Hektor keine Ahnung; er kämpfte auf der linken Seite des Treffens, am Gestade des Skamander, und richtete dort in den Reihen der Jünglinge, die den Helden Idomeneus umgaben, breite Verwüstung an. Dennoch wären die Helden nicht vor ihm gewichen, hätte nicht ein dreikantiger Pfeil des Paris dem großen Arzt des Danaerheeres, Machaon, die rechte Schulter verwundet. Da rief erschrocken Idomeneus: "Nestor! Hurtig dem Freund auf den Wagen geholfen! Ein Mann, der Pfeile ausschneidet und lindernden Balsam auflegt, ist hundert andere Helden wert!" Schnell schwang sich Nestor auf seinen Wagen, der verwundete Machaon mit ihm, und beide flogen den Schiffen zu.
Aber der Wagenlenker Hektors machte jetzt diesen auf die Verwirrung aufmerksam, in welcher sich der andere Flügel der Troianer befand, wo Aias das Gewühl der Feinde durchtobte. In einem Augenblick waren sie mit ihrem Wagen dort und Hektor fing an, unter den Reihen der Griechen zu rasen. Nur den Aias vermied er, denn Zeus hatte ihn gewarnt, sich mit dem stärkeren Manne messen zu wollen. Zugleich aber sandte der Göttervater in die Seele des Aias Furcht, daß dieser beim Anblicke Hektors den Schild auf die Schulter warf und, angstvoll um die Schiffe der Danaer besorgt, die Reihen der Troianer, sich zur Flucht kehrend, verließ. Als die Feinde dies gewahr wurden, schleuderten sie ihm die Lanzen auf den vom Rücken herabhängenden Schild. Doch Aias durfte sein Angesicht nur umwenden, so flohen sie wieder. Wo der Weg zu den Schiffen ging, stellte er sich jetzt auf, hielt den Schild vor, und wehrte die vordringenden Troianer ab, daß ihre Speere teils in seinem siebenhäutigen Stierschilde hafteten, teils, ohne den Leib zu berühren, in die Erde fuhren. Als der tapfere Held Eurypylos ihn so von Geschossen bedrängt sah, eilte er dem Telamonier zu Hilfe und durchbohrte dem Troianer Apisaon die Brust. Doch während Eurypylos dem getöteten Feinde die Rüstung abzog, sandte ihm Paris einen Pfeil in den Schenkel, daß er sich schnell in das Gedränge der Freunde zurückzog, die ihn mit erhöhten Lanzen und vorgehaltenen Schilden deckten.
Inzwischen trugen seine Stuten den Nestor mit dem wunden Machaon aus der Schlacht, vorbei an dem grollenden Achilles, der auf dem Hinterdeck seines Schiffes saß und ruhig zusah, wie seine Landsleute von den Troianern verfolgt wurden. Da rief er dem Patroklos, ohne zu ahnen, daß er das Unglück seines Freundes selbst vorbereite, und sprach: "Geh doch, Patroklos, und erforsche mir von Nestor, welchen Verwundeten er dort aus der Schlacht zurückführt; denn ich weiß nicht, welch Mitleid für die Griechen sich in meiner Seele regt!" Patroklos gehorchte und lief zu den Schiffen. Er kam am Zelte Nestors an, als dieser eben aus dem Wagen stieg, seinem Diener Eurymedon die Rosse übergab und ins Zelt hineintrat, mit Machaon der erquickenden Mahlzeit zu genießen, die ihnen seine erbeutete Sklavin Hekamede vorsetzte. Als der Greis den Helden Patroklos an der Pforte gewahr ward, sprang er vom Sessel, ergriff ihn bei der Hand und wollte ihn freundlich zum Sitzen nötigen. Doch Patroklos sprach: "Es bedarf dessen nicht, ehrwürdiger Greis! Achilles hat mich nur ausgesandt, zu schauen, welchen Verwundeten du zurückführest. Nun habe ich selbst in ihm den heilungskundigen Helden Machaon erkannt, und eile, ihm dieses zu melden. Du kennst ja den heftigen Sinn meines Freundes, der auch Unschuldige selber leicht beschuldigt." Aber Nestor antwortete ihm mit tiefer Gemütsbewegung: "Was kümmert sich doch das Herz des Achilles so sehr um die Achiver, die bereits zum Tode wund sind? Alle Tapferen liegen bei den Schiffen umher: Diomedes ist pfeilwund, Odysseus und Agamemnon sind lanzenwund; und diesen unschätzbaren Mann entführe ich soeben, vom Geschoß des Bogens verwundet, aus der Feldschlacht! Aber Achilles kennt kein Erbarmen! Will er vielleicht warten, bis unsere Schiffe am Gestade in Flammen lodern und wir Griechen einer um den anderen der Reihe nach hinbluten? Oh, war ich noch kräftig wie in meiner Jugend und in meinen besten Mannesjahren, damals, wo ich als Sieger im Hause des Peleus einkehrte! Da sah ich auch deinen Vater Menoitios und dich und den kleinen Achilles. Diesen ermahnte der graue Held Peleus, stets der erste zu sein und allen anderen vorzustreben, dich aber dein Vater, des Peliden Lenker und Freund zu sein, weil er an Stärke zwar der größere, an Alter aber hinter dir sei. Erzähle davon dem Achilles; vielleicht rührt ihn auch jetzt deine Zurede." So sprach der Alte und mischte liebliche Erinnerungen aus seiner eigenen Heldenjugend in die Rede, so daß dem Patroklos das Herz im Busen bewegt wurde.
Als er auf der Rückkehr an den Schiffen des Odysseus vorübereilte, fand er hier den Eurypylos, der, vom Pfeil in den Schenkel verwundet, mühsam aus der Schlacht einhergehinkt kam. Es erbarmte den Sohn des Menoitios, wie der wunde Held ihn so kläglich anrief, seiner mit den Künsten Chirons des Kentauren, die er gewiß durch Achilles gelernt habe, zu pflegen, so daß Patroklos endlich den Verwundeten unter der Brust faßte, ins Zelt führte, dort ihn auf eine Stierhaut legte und ihm mit dem Messer den scharfen Pfeil aus dem Schenkel schnitt; dann spülte er das schwarze Blut sogleich mit lauem Wasser ab, zermalmte eine bittere Heilwurzel mit den Fingern und streute sie auf die Wunde, bis das Blut ins Stocken geriet. So pflegte der gute Patroklos den wunden Helden.
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Kampf um die Mauer
Der Graben und die Mauer, welche die Griechen um ihre Schiffe her breit aufgetürmt hatten, war ohne ein Festopfer den Göttern zum Trotz von ihnen gebaut worden. Deswegen sollte sie ihnen auch nicht zum Schütze dienen und nicht lange unerschüttert bestehen. Schon jetzt, wo Troia im zehnten Jahre seiner Belagerung schmachtete, beschlossen Poseidon und Apollon, den Bau dereinst zu vertilgen, die Bergströme auf sie hereinzuleiten und das Meer gegen sie zu empören. Doch sollte dies erst nach der Zerstörung Troias ins Werk gesetzt werden.
Jetzt aber war Getümmel und Schlacht rings um den gewaltigen Bau entbrannt, und die Argiver drängten sich, bange vor Hektors Wut, bei den Schiffen eingehegt. Dieser rannte wie ein Löwe im Gewühl umher und munterte die Seinigen auf, den Graben zu durchrennen. Das aber wollte kein Rossegespann ihm wagen. Am äußersten Rande des Grabens angekommen, bäumten sich alle unter lautem Gewieher zurück, denn dieser war zu breit zum Sprunge und zu abschüssig von beiden Seiten zum Durchgang, dazu mit dicht gereihten spitzen Pfählen bepflanzt. Nur die Fußvölker versuchten daher den Übergang. Als dies Polydamas sah, ging er mit Hektor zu Rate und sprach: "Wir wären alle verloren, wenn wir es mit den Rossen wagen wollten; und kämen ruhmlos in der Tiefe des Grabens um. Lasset deswegen die Wagenlenker die Rosse hier am Graben hemmen, uns selbst aber in den ehernen Waffen eine Fußschar bilden, unter deiner Führung über den Graben setzen und den Wall durchbrechen."
Hektor billigte diesen Rat. Auf seinen Befehl stürmten alle Helden von den Wagen, mit Ausnahme der Lenker; sie scharten sich in fünf Ordnungen, die erste unter Hektor und Polydamas, die andere unter Paris, die dritte führte Helenos und Deiphobos, der vierten gebot Aineias; an der Spitze der Bundesgenossen schritten Sarpedon und Glaukos. Diese Fürsten alle aber hatten andere bewährte Helden zur Seite. Von den sämtlichen Streitern wollte nur Asios seinen Wagen nicht verlassen. Er wandte sich mit demselben zur Linken, wo die Achiver selbst beim Bau einen Durchgang für ihre eigenen Rosse und Streitwagen gelassen hatten. Hier sah er die Flügel des Tores offen, denn die Griechen harrten, ob nicht noch ein verspäteter Genösse käme, der, dem Treffen entflohen, Rettung im Lager suchte. So lenkte Asios die Rosse gerade auf den Durchgang los, und andere Troianer folgten ihm zu Fuße mit lautem Geschrei nach. Aber am Eingang waren zwei tapfere Männer aufgestellt, Polypoites, der Sohn des Peirithoos, und Leonteus. Diese standen am Tore, hohen Bergeichen gleich, die, mit langen und breiten Wurzeln in den Boden eingesenkt, in Sturm und Regenschauer unverrückt aushalten. Plötzlich stürzten diese beiden auf die hereinstürmenden Troianer vor, und zugleich flog ein Schwall von Steinen von den festen Türmen der Mauer herab.
Während Asios und die ihn Umringenden verdrießlich den unvermuteten Kampf bestanden und viele erlagen, kämpften andere, zu Fuß über den Graben stürmend, um andere Tore des griechischen Lagers. Die Argiver waren jetzt auf die Beschirmung ihrer Schiffe beschränkt, und die Götter, soviel ihrer ihnen halfen, trauerten herzlich, vom Olymp herabschauend. Nur die zahlreichste und tapferste Schar der Troianer, unter ihnen Hektor und Polydamas, verweilte noch unschlüssig am jenseitigen Rande des Grabens, den sie eben erstiegen; denn vor ihren Augen hatte sich ein bedenkliches Zeichen ereignet. Ein Adler streifte links über das Kriegsheer hin; er trug eine rote zappelnde Schlange in den Klauen, die sich unter seinen Krallen wehrte, und den Kopf rückwärts drehend, den Vogel in den Hals stach; von Schmerzen gequält, ließ er sie fahren und flog davon; die Schlange aber fiel mitten im Haufen der Troianer nieder, die sie mit Schrecken im Staube liegen sahen und in diesem Ereignis ein Zeichen von Zeus erkannten. "Laß uns nicht weitergehen", rief Polydamas, der Sohn des Panthoos, seinem Busenfreunde, dem Hektor, erschrocken zu, "es könnte uns ergehen wie dem Adler, der seinen Raub nicht heimbrachte. Aber Hektor erwiderte finster: "Was kümmern mich die Vögel, ob sie rechts oder links daherfliegen, ich verlasse mich auf des Zeus Ratschlag! Ich kenne nur ein Wahrzeichen, es heißt Rettung des Vaterlandes! Warum zitterst denn du vor dem Kampfe? Sänken wir auch alle an den Schiffen danieder, dir droht kein Todesschrecken, denn du hast kein Herz, in der Feldschlacht auszuhalten; doch wisse, wo du dich dem Kampfe entziehest, so fällst du, von meiner eigenen Lanze durchbohrt!" So sprach Hektor und ging voran, und alle anderen folgten ihm unter gräßlichem Geschrei. Zeus aber schickte einen ungeheuren Sturmwind vom Idagebirge herab, der den Staub zu den Schiffen hinüber wirbelte, daß den Griechen der Mut entsank; die Troianer aber, dem Winke des Donnergottes und der eigenen Kraft vertrauend, die große Verschanzung der Danaer zu durchbrechen sich anschickten, indem sie die Zinnen der Türme herabrissen, an der Brustwehr rüttelten, und die hervorragenden Pfeiler des Walles mit Hebeln umzuwühlen begannen.
Aber die Danaer wichen nicht von der Stelle; wie ein Zaun standen sie mit ihren Schildern auf der Brustwehr und begrüßten die Mauerstürmer mit Steinen und Geschossen. Die beiden Aias machten die Runde auf der Mauer und ermahnten das Streitvolk auf den Türmen, die Tapferen freundlich, die Nachlässigen mit strengen Drohworten. Inzwischen flogen die Steine hin und her wie Schneeflocken; doch hätte Hektor mit seinen Troianern den mächtigen Riegel an der Wallpforte noch immer nicht durchbrochen, wenn nicht Zeus seinen Sohn Sarpedon den Lykier, mit dem goldgeränderten Schilde, wie einen heißhungrigen Berglöwen gegen die Feinde gereizt hätte, daß er schnell zu seinem Genossen Glaukos sprach: "Was ist es, Freund, daß man uns im Lykiervolke mit Ehrensitz und gefüllten Bechern beim Gastmahl wie die Götter ehrt, wenn wir in der brennenden Schlacht nicht auch uns im Vorkampfe zeigen? Auf, entweder wollen wir den eigenen Ruhm, oder durch unseren Tod den Ruhm anderer verherrlichen!" Glaukos vernahm es nicht träge, und beide stürmten mit ihren Lykiern in gerader Richtung voran. Menestheus, von seinem Turme herab, stutzte, als er sie so wütend herannahen und sich und die Seinigen dem Verderben ausgesetzt sah. Ängstlich schaute er sich nach der Unterstützung anderer Helden um; wohl sah er in der Ferne die beiden Aias, unersättlich im Kampfe, dastehen, und noch näher den Teukros, der eben von den Zelten zurückkam; doch hallte sein Hilferuf nicht so weit, er prallte an Helmen und Schilden ab, und das Getöse der Schlacht verschlang ihn. Deswegen schickte er den Herold Thootes zu den beiden Aias hinüber und bat den Telamonier durch ihn, wenn sie beide dies könnten, samt seinem Bruder Teukros ihm aus der Bedrängnis zu helfen. Der große Aias war nicht säumig; er eilte mit Teukros und Pandion, der seines Bruders Bogen trug, der Mauer entlang von innen dem Turme zu. Sie kamen bei Menestheus an, als eben die Lykier an der Brustwehr emporzuklimmen anfingen. Aias brach sogleich einen scharfgezackten Marmorstein zuoberst aus der Brustwehr und zerknirschte damit dem Epikles, einem Freunde des Sarpedon, Helm und Haupt, daß er wie ein Taucher von dem Turme herabschoß. Teukros aber verwundete den Glaukos am entblößten Arme, während er eben den Wall hinanstieg. Dieser sprang ganz geheim von der Mauer, um nicht von den Griechen erblickt und mit seiner Wunde gehöhnt zu werden. Mit Schmerzen sah Sarpedon seinen Bruder aus der Schlacht scheiden, er selbst aber klomm aufwärts, durchstach den Alkmaon, den Sohn Thestors, mit der Lanze, daß dieser der wieder herausgezogenen taumelnd folgte, faßte dann mit aller Gewalt die Brustwehr, daß sie von seinem Stoß zusammenstürzte, und die Mauer, entblößt, für viele einen Zugang gewährte. Doch Aias und Teukros begegneten dem Stürmenden; der letztere traf ihn mit einem Pfeil in den Schildriemen; Aias durchstach dem Anlaufenden den Schild, die Lanze durchdrang ihn schmetternd, und einen Augenblick zuckte Sarpedon von der Brustwehr hinweg. Doch ermannte er sich bald wieder, und gegen die Schar seiner Lykier sich umdrehend, rief er laut: "Lykier, vergesset ihr des Sturmes? Mir allein, und wäre ich der Tapferste, ist es unmöglich, durchzubrechen! Nur wenn wir zusammenhalten, können wir uns die Bahn zu den Schiffen öffnen!" Die Lykier drängten sich um ihren scheltenden König und stürmten rascher empor; aber auch die Danaer von innen verdoppelten ihren Widerstand, und so standen sie, nur durch die Brustwehr getrennt, und über sie hin wild aufeinander loshauend, wie zwei Bauern auf der Grenzscheide stehen und miteinander darum hadern. Rechts und links von den Türmen und der Brustwehr rieselte das Blut hinab. Lange stand die Waage der Schlacht schwebend, bis endlich Zeus dem Hektor die Oberhand gab, daß er zuerst an das Tor der Mauer vordrang und die Genossen teils ihm folgten, teils zu seinen beiden Seiten über die Zinnen kletterten. Am verschlossenen Tor, dessen Doppelflügel zwei sich begegnende Riegel von innen zusammenhielten, stand ein dicker, oben zugespitzter Feldstein. Diesen riß Hektor mit übermenschlicher Gewalt aus dem Boden und zerschmetterte damit die Angeln und die Bohlen, daß die mächtigen Riegel nicht mehr standhielten, das Tor dumpf aufkrachte und der Stein schwer hineinfiel. Furchtbar anzuschauen wie die Wetternacht, im schrecklichen Glänze seiner Erzrüstung, mit funkelndem Auge, sprang Hektor, zwei blinkende Lanzen schüttelnd, in das Tor. Ihm nach strömten seine Streitgenossen durch die aufgerissene Pforte, andere hatten zu Hunderten die Mauer überklettert; Aufruhr tobte allenthalben im Vorlager, und die Griechen flüchteten zu den Schiffen.
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Kampf um die Schiffe
Als Zeus die Troianer so weit gebracht hatte, überließ er die Griechen ferner ihrem Elend, wandte, auf dem Gipfel des Ida sitzend, seine Augen von dem Schiffslager ab und schaute gleichgültig ins Land der Thrakier hinüber. Inzwischen blieb der Meergott Poseidon nicht untätig. Dieser saß auf einem der obersten Gipfel des waldigen Thrakiens, wo der Ida mit allen seinen Höhen samt Troia und den Schiffen der Danaer unter ihm lagen. Mit Gram sah er die Griechen vor Troias Volk in den Staub sinken, er verließ das zackige Felsengebirge, und mit vier Götterschritten, unter denen Höhen und Wälder bebten, stand er am Meeresufer bei Aigai, wo ihm in den Tiefen der Flut ein von unvergänglichem Golde schimmernder Palast erbaut stand. Hier hüllte er sich in die goldene Rüstung, schirrte seine goldmähnigen Rosse ins Joch, ergriff die goldene Geißel, schwang sich in seinen Wagensitz und lenkte die Pferde über die Flut; die Meerungeheuer erkannten ihren Herrscher und hüpften aus den Klüften umher, die Woge trennte sich freudig, und ohne die eherne Wagenachse zu benetzen, kam Poseidon bei den Schiffen der Danaer, zwischen Tenedos und Imbros, in einer tiefen Grotte an, wo er die Rosse aus dem Geschirr spannte, ihnen die Füße mit goldenen Fesseln umschlang und Ambrosia zur Kost reichte. Er selbst eilte mitten ins Gewühl der Schlacht, wo sich die Troianer wie ein Orkan um Hektor mit brausendem Geschrei drängten, und jetzt eben die Schiffe der Griechen zu bemeistern hofften. Da gesellte sich Poseidon zu den Reihen der Griechen, dem Seher Kalchas an Wuchs und Stimme gleich. Zuerst rief er den beiden Aias zu, die für sich selbst von Kampflust glühten: "Ihr Helden beide vermöchtet wohl das Volk der Griechen zu retten, wenn ihr eurer Stärke gedenken wolltet. An anderen Orten ängstigt mich der Kampf der Troianer nicht, so herzhaft sich ihre Heeresmacht über die Mauer hereinstürzt; die vereinigten Achiver werden sie schon abzuwehren wissen. Hier nur, wo der rasende Hektor wie ein Feuerbrand vorherrscht, hier nur bin ich um unsere Rettung bange. Möchte doch ein Gott euch den Gedanken in die Seele geben, hierhin euren Widerstand zu kehren, und auch andere dazu anzureizen." Zu diesen Worten gab ihnen der Ländererschütterer einen Schlag mit seinem Stabe, davon ihr Mut erhöht und ihre Glieder leicht geschaffen wurden; der Gott aber entschwang sich ihren Blicken wie ein Habicht, und Aias, der Sohn des Oileus, erkannte ihn zuerst. "Aias", sprach er zu seinem Namensbruder, "es war nicht Kalchas, es war Poseidon, ich habe ihn von hinten an Gang und Schenkeln erkannt, denn die Götter sind leicht zu erkennen. Jetzt verlangt mich im innersten Herzen nach dem Entscheidungskampfe, Füße und Hände streben mir nach oben!" Ihm erwiderte der Telamonier: "Auch mir zucken die Hände ungestüm um den Speer, die Seele hebt sich mir, die Füße wollen fliegen, Sehnsucht ergreift mich, den Einzelkampf mit Hektor zu bestehen!"
Während die beiden Führer dies Gespräch wechselten, ermunterte Poseidon hinter ihnen die Helden, die vor Gram und Müdigkeit bei den Schiffen ausruhten, und schalt sie, bis alle Tapferen sich um die beiden Aias scharten und gefaßt den Hektor mit seinen Troianern erwarteten. Lanze drängte sich an Lanze, Schild auf Schild, Helm an Helm, Tartsche war an Tartsche gelehnt, Krieger an Krieger, die Helme der Sinkenden berührten sich mit den Zacken, so dicht stand die Heerschar; ihre Speere aber zitterten dem Feinde entgegen. Doch auch die Troianer drangen mit voller Kraft herein, Hektor voran, wie ein Felsstein von der Krone des Berges, durch den herbstlichen Strom abgerissen, im Sprunge herniederstürzt, daß die Waldung zerschmettert zusammenkracht. "Haltet euch, Troianer und Lykier", rief er hinterwärts, "jene wohlgeordnete Heerschar wird nicht lange bestehen, sie werden vor meinem Speer weichen, so gewiß der Donnerer mich leitet!" So rief er den Mut der Seinigen anspornend. In seiner Schar ging trotzig, doch mit leisem Schritt, unter dem Schilde Deiphobos, das andere Heldenkind des Priamos, einher. Ihn wählte sich Meriones zum Ziele und schoß die Lanze nach ihm ab; aber Deiphobos hielt den mächtigen Schild weit vom Leibe vor, daß der Wurfspieß brach. Erbittert über den verfehlten Sieg, wandte sich Meriones zu den Schiffen hinab, sich einen mächtigeren Speer aus dem Zelte zu holen.
Die anderen kämpften indessen fort und der Schlachtruf brüllte. Teukros traf den Imbrios, den Sohn Mentors, unter dem Ohre mit dem Speer, daß er wie eine Esche auf luftigem Gebirgswipfel hintaumelte. Den Leichnam machte ihm Hektor streitig; doch traf er statt des Teukros nur den Amphimachos; als er diesem den Helm von den Schläfen ziehen wollte, traf ihn die Lanze des großen Aias auf den Schildschnabel, daß er von dem Erschlagenen zurückprallte, und Menestheus samt Stichios den Leichnam des Amphimachos, den Imbrios aber die beiden Aias, wie zwei Löwen die Ziege, die sie den Hunden abgejagt, hinab ins Heer der Griechen trugen.
Amphimachos war ein Enkel des Poseidon und sein Fall empörte diesen. Er eilte zu den Zelten hinunter, die Griechen noch mehr zu entflammen. Da begegnete ihm Idomeneus, der einen verwundeten Freund zu den Ärzten geschafft hatte und jetzt seinen Speer im Zelte suchte. In den Thoas verwandelt, den Sohn des Andraimon, näherte sich ihm der Gott und sprach mit tönender Stimme zu ihm: "Kreterkönig, wo sind eure Drohungen? Nimmer kehre der Mann von Troia heim, der an diesem Tage den Kampf freiwillig meidet; die Hunde sollen ihn zerfleischen!" - "So geschehe es, Thoas", rief Idomeneus dem enteilenden Gotte nach, suchte sich zwei Lanzen aus dem Zelte hervor, hüllte sich in schönere Waffen und flog, herrlich wie der Blitz des Zeus, aus dem Zelte hervor. Da begegnete er dem Meriones, dessen Speer an Deiphobos' Schilde zerbrochen war, und der dahineilte, sich im fernen Zelt einen anderen zu holen. "Tapferer Mann", rief ihm Idomeneus zu, "ich sehe, in welcher Not du bist; in meinem Zelte lehnen wohl zwanzig erbeutete Speere an der Wand, hole dir den besten davon." Und als Meriones sich eine stattliche Lanze erkoren hatte, eilten sie beide in die Schlacht zurück und gesellten sich zu den Freunden, die den eindringenden Hektor bekämpften. Obgleich Idomeneus schon halb ergraut war, ermunterte er die Griechen doch, sobald sie ihn in ihren Reihen wieder begrüßt hatten, wie ein Jüngling. Der erste, dem er den Wurfspieß mitten in den Leib sandte, war Othryoneus, der als Freier der Kassandra, der Tochter des Königs Priamos, in den Reihen der Troianer kämpfte. Frohlockend rief Idomeneus, während er den Gefallenen am Fuß aus dem Schlachtgewühl zog: "Hole dir jetzt die Tochter des Priamos, beglückter Sterblicher! Auch wir hätten dir die schönste Tochter des Atriden versprochen, wenn du uns hättest helfen wollen, Troia vertilgen! Folge mir nun zu den Schiffen, dort wollen wir uns über die Ehe verabreden, du sollst eine stattliche Mitgift erhalten!" Er spottete noch, als Asios vor seinem Gespanne, das der Wagenführer lenkte, herangeflogen kam, den Getöteten zu rächen. Schon holte er den Arm zum Wurfe aus, da traf ihn der Speer des Idomeneus unter dem Kinn in die Gurgel, daß das Erz aus dem Nacken hervorragte, und er vor seinem Streitwagen der Länge nach daniederfiel. Sein Wagenlenker erstarrte, als er dieses sah, er vermochte das Gespann nicht mehr rückwärts zu lenken, und ein Lanzenstoß von Antilochos, dem Sohne Nestors, warf auch ihn vom Wagen herab.
Nun aber kam Deiphobos auf Idomeneus heran, und entschlossen, den Fall seines Freundes Asios zu rächen, schleuderte er die Lanze gegen den Kreter. Dieser aber schmiegte sich so ganz unter den Schild, daß der Wurfspieß über ihn hinwegflog und den Schild nur klirrend streifte, dafür aber dem Fürsten Hypsenor in die Leber fuhr, der auch alsbald in die Knie sank. "So hegst du doch nicht ungerächt, lieber Freund Asios", so frohlockte der Troer, "denn ich habe dir einen Begleiter gegeben, gleichviel welchen!" Der schwer aufstöhnende Hypsenor wurde indessen von zwei Genossen aus dem Getümmel getragen. Doch war Idomeneus dadurch nicht mutlos gemacht, er erschlug den Alkathoos, den edlen Eidam des Anchises und rief jauchzend: "Ist unsere Rechnung billig, Deiphobos? Ich gebe dir drei für einen! Wohlan, erprobe du selbst auch, ob ich wirklich von des Zeus Geschlecht bin!" Es war aber Idomeneus ein Enkel des Königs Minos und ein Urenkel des Zeus. Deiphobos besann sich einen Augenblick, ob er den Zweikampf allein bestehen oder sich einem heldenmütigen Troianer gesellen solle. Der letzte Gedanke schien ihm der beste; und bald führte er seinen Schwager Aineias dem Idomeneus entgegen. Dieser aber, als er die beiden gewaltigen Kämpfer auf sich zukommen sah, zagte nicht etwa vor Furcht wie ein Knabe, sondern erwartete sie, wie ein Gebirgseber die Hetzhunde. Doch rief auch er seine Genossen herbei, die er in der Nähe kämpfen sah, und sprach: "Heran, ihr Freunde, und helfet mir einzelnem, denn mir graut vor Aineias, der ein Gewaltiger in der Feldschlacht ist und noch in üppiger Jugend strotzt!" Auf diesen Ruf versammelten sich um ihn, die Schilde an die Schultern gelehnt, Aphareus, Askalaphos, Deipyros, Meriones, Antilochos. Indes rief auch Aineias seine Genossen Paris und Agenor herbei, und die Troianer folgten ihnen nach wie Schafe dem Widder. Bald rasselte das Erz der Speere ans Erz, und aus dem Zweikampfe wurde ein vielfältiger Männerkampf. Aineias schoß zuerst seinen Speer auf Idomeneus ab, aber er fuhr an dem Helden vorüber in den Boden. Idomeneus dagegen traf den Oinomaos mitten in den Leib, daß er stürzend und sterbend mit der Hand den Boden faßte; der Sieger hatte eben nur Zeit, den Speer aus dem Leichnam herauszuziehen, denn die Geschosse bedrängten ihn so, daß er sich zum Weichen entschließen mußte. Aber seine greisen Füße trugen ihn nur langsam aus dem Treffen, und Deiphobos schickte ihm voll Groll die Lanze nach, die zwar ihn selbst verfehlte, aber den Askalaphos, den Sohn des Ares, dafür in den Staub warf. Der Kriegsgott, der durch den Ratschluß des Zeus mit anderen Göttern in die goldenen Wolken des Olymp gebannt war, ahnte nicht, daß ihm ein Sohn gefallen sei. Diesem aber riß Deiphobos den blanken Helm vom Haupte; da fuhr ihm der Speer des Meriones in den Arm, daß der Helm auf den Boden rollte. Meriones sprang herzu, zog den Wurfspieß aus dem Arme des Verwundeten und flog ins Gedränge seiner Freunde zurück. Nun faßte Polites seinen verwundeten Bruder Deiphobos um den Leib und trug ihn aus der stürmenden Schlacht über den Graben hinüber zu dem harrenden Wagen, auf dem der Blutende, matt vor Schmerz, alsbald nach der Stadt geführt wurde.
Die anderen kämpften fort. Aineias durchstach den Aphareus; Antilochos den Thoon; der Troianer Adamas verfehlte diesen und verblutete bald am Speere des Meriones. Dafür rollte Deipyros der Grieche, von Helenos mit dem Schwert über die Schläfe getroffen, die Reihen der Danaer entlang. Schmerzergriffen zuckte Menelaos seinen Speer gegen Helenos, der zu gleicher Zeit den Pfeil vom Bogen auf den Atriden abschnellte. Menelaos traf den Sohn des Priamos auf das Panzergewölbe; doch prallte der Wurfspieß ab; aber auch der Pfeil des Helenos war vergebens entflogen, und nun bohrte ihm Menelaos seine Lanze in die Hand, die den Bogen noch hielt, und Helenos schleppte den Speer, ins Gedränge seiner Freunde flüchtend, nach. Sein Kampfgenosse Agenor zog ihm die Waffe aus der Hand, nahm einem Begleiter die wollene Schleuder ab und verband damit die Wunde des Sehers.
Jetzt führte ein böses Geschick den Troianer Peisandros dem Helden Menelaos entgegen. Der Atride schoß fehl mit der Lanze, sein Gegner stieß kräftig den Speer dem Menelaos in den Schild, aber der Schaft zerbrach am Ohr. Nun holte Menelaos mit dem Schwert aus; Peisandros hob die lange Streitaxt unter dem Schilde, und beide rannten aufeinander los, aber der Troianer traf dem Gegner nur die Spitze des Helmbusches, indes dieser ihm den Knochen über der Nase zerspaltete, daß die Augen ihm blutig vor die Füße hinabrollten und er sich sterbend auf dem Boden wand. Menelaos stemmte ihm die Ferse auf die Brust und sprach frohlockend: "Ihr Hunde, die ihr mein junges Weib und Schätze genug freventlich von dannen geführt, nachdem sie euch freundlich bewirtet hatte; die ihr nun auch noch den Feuerbrand in unsere Schiffe werfen und alle Griechen ermorden möchtet; wird man euch endlich zur Ruhe bringen, ihr nimmersatten Fechter?" So sprach er und zog dem Leichnam die blutige Rüstung ab, die er den Freunden übergab. Dann drang er wieder in den Vorderkampf und fing die geschwungene Lanze des Harpalion mit dem Schild auf; den, der sie abgeschossen, traf Meriones rechts in die Weiche, daß er sterbend von seinem Vater Pylaimenes auf den Wagen gerettet werden mußte. Das erbitterte den Paris, und er schoß dem Korinther Euchenor, der ihm eben in den Weg kam, den Pfeil durch Ohr und Backen, daß dieser entseelt zu Boden sank.
So kämpften sie dort; Hektor ahnte indessen nicht, daß zur Linken der Schiffe der Sieg sich auf die Seite der Griechen hinneigte, sondern wo er zuerst durchs Tor hineingesprungen und die Mauer am niedrigsten gebaut war, fuhr er fort, siegreich in die Schlachtreihen der Achiver einzubrechen. Vergebens wehrten ihn anfangs die Boiotier, Thessalier, Lokrer, Athener ab; sie vermochten nicht, ihn hinwegzudrängen. Wie zwei Stiere am Pflug wandelten die beiden Aias dicht aneinander; vom Telamonier wichen die Seinigen nicht, lauter entschlossene Männer; aber die Lokrer, den stehenden Kampf nicht aushaltend, waren ihrem Aias nicht auf den Fersen gefolgt; denn voll Zuversicht waren sie ohne Helme, Schilde und Lanzen, mit Bogen und wollenen Schleudern allein bewaffnet, gen Troia gezogen und hatten früher mit ihren Geschossen manche troianische Schar gesprengt. Auch jetzt bedrängten sie die Troer, sich verbergend und von ferne herschießend, mit ihren Pfeilen und richteten selbst so keine geringe Verwirrung unter ihnen an.
Und wirklich wären die Troianer jetzt, von Schiffen und Zelten zurückgetrieben, mit Schmach in ihre Stadt geworfen worden, hätte nicht Polydamas dem trotzigen Hektor so zugeredet: "Verschmähest du denn allen Rat, Freund, weil du im Kampf der kühnere bist? Siehest du nicht, wie die Flamme des Krieges über dir zusammenschlägt, die Troianer sich teils mit den erbeuteten Rüstungen aus dem Gefechte entfernen, teils, und dies die wenigeren, durch die Schiffe hin und her zerstreut kämpfen? Weiche darum, beruf einen Rat unserer Edeln und laß uns dann entscheiden, ob wir uns ins Labyrinth der Schiffe hineinstürzen oder unbeschädigt von dannen ziehen wollen; denn fürwahr, ich besorge, die Griechen möchten uns die gestrige Schuld mit Wucher heimbezahlen, solange ihr unersättlichster Krieger noch bei den Schiffen auf uns harrt!" Hektor war es zufrieden und beauftragte seinen Freund, die Edelsten des Volkes zu versammeln. Er selbst eilte in die Schlacht zurück, und wo er einen der Führer traf, befahl er ihm, sich bei Polydamas einzufinden. Seine Brüder Deiphobos und Helenos, den Asios und seinen Sohn Adamas suchte er im Vorderkampfe, und fand die ersteren verwundet, die anderen tot. Als er seinen Bruder Paris erblickte, rief er ihn zornig an: "Wo sind unsere Helden, du Weiberverführer? Bald ist es aus mit unserer Stadt, dann nahet auch dir das grause Verhängnis; jetzt aber komm in den Kampf, während die anderen sich zum Rate versammeln!" - "Ich begleite dich mit freudiger Seele", erwiderte Paris dem Bruder, ihn beschwichtigend, "du sollst meinen Mut nicht vermissen!" So eilten sie miteinander in das heftigste Gefecht, wo die tapfersten Troianer wie ein Sturmwind im rollenden Wetter daherrauschten; und bald war Hektor wieder an ihrer Spitze. Doch erschreckte er die Griechen nicht mehr wie früher, und der mächtige Aias rief ihn trotzig zum Kampfe heraus. Der Troianer achtete sein Schelten nicht und stürmte vorwärts ins Getümmel der Schlacht.
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Die Griechen von Poseidon gestärkt
Während so draußen das Treffen tobte, saß der greise Nestor ruhig in seinem Zelte beim Trank, den verwundeten Helden und Arzt Machaon bewirtend. Als nun aber der Streitruf immer lauter hallte und näher in ihre Ohren drang, überantwortete er seinen Gast der Dienerin Hekamede, ihm ein warmes Bad zu bereiten, ergriff Schild und Lanze und trat hinaus vor das Zelt. Hier sah er die unerfreuliche Wendung, die der Kampf genommen hatte, und während er in Zweifeln stand, ob er in die Schlacht eilen oder den Völkerfürsten Agamemnon aufsuchen sollte, mit ihm zu beraten, begegnete ihm, von den Schiffen am Meeresgestade zurückkommend, dieser selbst mit Odysseus und Diomedes, alle drei auf ihre Lanzen gestützt und an Wunden krank. Sie kamen auch nur, der Schlacht wieder zuzuschauen, ohne Hoffnung, selbst an dem Kampfe teilnehmen zu können. Sorgenvoll traten sie mit Nestor zusammen und berieten das Geschick der Ihrigen. Endlich sprach Agamemnon: "Freunde, ich hege keine Hoffnung mehr. Da der Graben, der uns so viele Mühe gekostet, da die Mauer, die unzerbrechlich schien, den Schiffen nicht zur Abwehr gereicht haben, und der Kampf längst mitten unter diesen wütet, so gefällt es dem Zeus, uns Griechen alle, wenn wir nicht freiwillig abziehen, fern von Argos, hier in der Fremde ruhmlos umkommen zu lassen. Laßt uns deswegen mit den Schiffen, die wir zunächst am Meeresstrande aufgestellt haben, auf der hohen See uns vor Anker legen und die Nacht dort erwarten. Ziehet sich alsdann Troias Volk zurück, so wollen wir auch die übrigen Schiffe in die Wogen ziehen und noch bei Nacht der Gefahr entrinnen." Mit Unwillen hörte Odysseus diesen Vorschlag. "Atride", sprach er, "du verdientest ein feigeres Kriegsvolk anzuführen als das unserige. Mitten im Treffen ermahnest du, die Schiffe ins Meer hinabzuziehen, daß die armen Griechen in Angst umschauen, der Streitlust vergessen, und verlassen auf der Schlachtbank zurückbleiben?" - "Fern sei das von mir", erwiderte Agamemnon, "daß ich wider Willen der Argiver und ohne sie zu hören solches tun wollte! Auch gebe ich meinen Rat gern auf, wenn einer besseren vorzubringen weiß." - "Der beste Rat ist", rief der Tydide, "daß wir sogleich in die Schlacht zurückkehren, und wenn wir auch nicht selbst zu kämpfen vermögen, doch die andern als ehrliche Volksführer zur Tapferkeit ermahnen."
Dieses Wort hörte mit Wohlgefallen der Beschirmer der Griechen, der Meergott, der schon lange das Gespräch der Helden belauscht hatte. Er trat in Gestalt eines greisen Kriegers zu ihnen, drückte dem Agamemnon die Hand und sprach: "Schande dem Achilles, der sich jetzt der Griechenflucht erfreuet! Aber seid getrost, noch hassen euch die Götter nicht so, daß ihr nicht bald den Staub von der Troianer-flucht aufwirbeln sehen solltet!" So sprach der Gott und stürmte von ihnen weg durchs Gefilde, indem er seinen Schlachtruf in das Heer der Griechen hineinschallen ließ, der wie zehntausend Männerstimmen brüllte und jedes Helden Herz mit Mut durchdrang.
Auch die Himmelskönigin Hera, die vom Olymp herab den Kampf überschaute, blieb jetzt nicht untätig, als sie Poseidon, ihren Bruder und Schwager, zu Gunsten ihrer Freunde sich in die Schlacht mischen sah. Und wie sie ihren Gemahl Zeus so feindselig auf dem Gipfel des Ida sitzend erblickte, zürnte sie ihm in der tiefsten Seele und sann hin und her, wie sie ihn täuschen und von der Sorge für den Kampf abziehen möchte. Ein glücklicher Gedanke stieg ihr plötzlich im Herzen auf. Sie eilte in das verborgenste Gemach, das ihr Sohn Hephaistos im Götterpalast ihr kunstreich gezimmert und dessen Pforte er mit unlösbaren Riegeln befestigt hatte. Dieses betrat sie und schloß die Türflügel hinter sich. Hier badete und salbte sie mit ambrosischem Öl ihre schöne Gestalt, flocht ihr Haupthaar in glänzende Locken um den unsterblichen Scheitel, hüllte sich in das köstliche Gewand, das ihr Athene zart und künstlich gewirkt hatte, heftete es über der Brust mit goldenen Spangen fest, umschlang sich mit dem schimmernden Gürtel, fügte sich die funkelnden Juwelengehänge in die Ohren, umhüllte das Haupt mit einem durchsichtigen Schleier und band sich zierliche Sohlen unter ihre glänzenden Füße. So von Anmut leuchtend, verließ sie das Gemach und suchte Aphrodite, die Liebesgöttin, auf. "Grolle mir nicht, Töchterchen", sprach sie liebkosend, "weil ich die Griechen und du die Troianer beschützest, und versage mir nicht, um was mein Herz dich bittet. Leihe mir den Zaubergürtel der Liebe, der Menschen und Götter bezähmt, denn ich will an die Grenze der Erde gehen, den Okeanos und die Tethys, meine Pflegeeltern, aufzusuchen, die in Zwistigkeiten leben. Ich möchte ihr Herz durch freundliche Worte zur Versöhnung bewegen, und dazu brauche ich deinen Gürtel." Aphrodite, die den Trug nicht durchschaute, erwiderte arglos: "Mutter, du bist die Gemahlin des Götterkönigs, nicht recht wäre es, dir eine solche Bitte zu verweigern." Damit löste sie sich den wunderköstlichen buntgestickten Gürtel, in dem alle Zauberreize versammelt waren. "Birg ihn", sprach sie, "immerhin in dem Busen; gewiß kehrst du nicht ohne Erfolg zurück."
Weiter ging nun die Götterkönigin nach dem fernen Thrakien in die Behausung des Schlafes und beschwor diesen, in der folgenden Nacht dem Göttervater die leuchtenden Augen unter seinen Wimpern tief einzuschläfern. Aber der Schlaf erschrak. Er hatte schon einmal auf Heras Befehl den Sinn des Gottes betäubt, damals als Herakles von dem verwüsteten Troia heimfuhr und Hera, seine Feindin, ihn auf die Insel Kos verschlagen wollte. Damals hatte Zeus, als er erwachend den Betrug inne wurde, die Götter im Saale herumgeschleudert, und den Schlaf selbst hätte er vertilgt, wenn er nicht in die Arme der Nacht geflüchtet wäre, die Götter und Menschen bändigt. Daran erinnerte jetzt der Schlafgott erschrocken die Gemahlin des Zeus, doch diese beruhigte ihn und sprach: "Was denkst du, Schlaf! Meinst du, Zeus verteidige die Troianer so eifrig, als er seinen Sohn Herakles liebte? Sei klug und willfahre mir; tust du es, so will ich dir die jüngste und schönste der Chariten zur Gemahlin geben." Der Gott des Schlummers ließ sie mit einem Schwur beim Styx dies Versprechen bekräftigen und versprach, ihr zu gehorchen.
Nun bestieg Hera im Glanz ihrer Schönheit den Gipfel des Ida, und Inbrunst erfüllte das Herz ihres Gemahls, als er sie erblickte, so daß er auf der Stelle des Troianerkampfes vergaß. "Wie kommst du hierher vom Olymp", sprach er, "wo hast du Rosse und Wagen gelassen, liebes Weib?" Mit listigem Sinn erwiderte ihm Hera: "Väterchen, ich will ans Ende der Erde gehen, den Okeanos und die Tethys, meine Pflegeeltern, zu versöhnen." - "Hegst du denn ewige Feindschaft gegen mich?" antwortete Zeus, "diese Ausfahrt kannst du auch später betreiben. Laß uns hier, sanft gelagert, und einmütig an dem Kampfe der Völker uns ergötzen." Als Hera dies Wort hörte, erschrak sie, denn sie sah, daß selbst ihre Schönheit und der Zaubergürtel Aphrodites dem Gemahl die Sorge für den Kampf und den Groll gegen die Griechen nicht ganz aus dem Herzen zu scheuchen vermochte. Doch verhehlte sie ihren Schrecken, umschlang ihn freundlich und sprach, seine Wange streichelnd: "Väterchen, ich will ja deinen Willen tun." Zugleich aber winkte sie dem Schlaf, der ihr unsichtbar gefolgt war und ihres Befehles gewärtig hinter dem Rücken des Zeus stand. Dieser senkte sich auf seine Augenlider, daß er, ohne zu antworten, sein nickendes Haupt in den Schoß der Gemahlin legte und in tiefen Schlummer versank. Eilig schickte jetzt die Himmlische den Gott des Schlafes als Boten nach den Schiffen zu Poseidon und ließ dem Gotte sagen: "Jetzt laß dir's Ernst sein und verleih den Griechen Ruhm, denn Zeus liegt auf dem Gipfel des Ida durch meine Betörung in tiefen Schlaf gesunken!"
Schnell stürzte sich Poseidon jetzt ins vorderste Getümmel und rief dem Danaervolke zu: "Wollen wir dem Hektor auch jetzt noch den Sieg lassen, ihr Männer, daß er die Schiffe erobere und Ruhm einernte? Zwar ich weiß, er verläßt sich auf den Zorn des Achilles, aber es wäre eine Schmach für uns, wenn wir ohne diesen nicht zu siegen vermöchten! Ergreifet eure gewaltigsten Schilde, hüllt euch in die strahlendsten Helme, schwinget die mächtigsten Lanzen, wir wollen gehen und ich selbst voraus vor euch allen; wir wollen sehen, ob Hektor vor uns besteht!" Die Krieger gehorchten der gewaltigen Stimme des mächtigen Streiters, die verwundeten Fürsten selbst ordneten die Schlacht, vertauschten den Männern die Waffen, gaben dem Starken starke, dem Schwächeren schwache. Dann drang alles vor; der Erderschütterer selbst, ein entsetzliches Schwert wie einen flammenden Blitz in der Rechten führend, war ihr Führer. Ihm wich alles aus, und niemand wagte ihm im Kampfe zu begegnen. Zugleich empörte er das Meer, daß es wogend an die Schiffe und Zelte der Danaer anschlug.
Doch ließ sich Hektor durch dieses alles nicht schrecken. Er stürzte mit seinen Troianern in die Schlacht, wie ein Waldbrand mit sausenden Flammen durch ein gekrümmtes Bergtal prasselt, und ein erneuter Kampf entspann sich zwischen beiden Heeren. Zuerst zielte Hektor auf den großen Aias mit der Lanze und traf gut; aber Schild- und Schwertriemen, die sich ihm über dem Busen kreuzten, beschirmten den Leib, und Hektor, des Speeres verlustig, wich unwillig in die Reihen der Seinigen zurück. Aias schickte dem Weichenden einen Stein nach, daß er in den Staub stürzte, Lanze, Schild und Helm ihm entflog und das Erz der Rüstung klirrte. Die Griechen jauchzten, ein Hagel von Speeren folgte, und sie hofften den Liegenden wegzuziehen. Aber die ersten Helden der Troianer verließen ihn nicht; Aineias, Polydamas, der edle Agenor, der Lykier Sarpedon und sein Genösse Glaukos, alle hielten die Schilde zur Abwehr vor, erhoben den Betäubten und brachten ihn ungefährdet auf den Streitwagen; der führte ihn zur Stadt zurück.
Als sie den Hektor fliehen sahen, rannten die Griechen noch viel heftiger auf den Feind ein. Um Aias erhob sich ein Getümmel, denn nach allen Seiten hin traf sein Wurfspieß und seine Lanze. Doch schmerzte auch die Griechen hier und dort ein in ihrer Mitte fallender Held. Den Sturz des Danaers Prothoenor, den Polydamas erlegt hatte, mußte dem Aias der Sohn des Antenor, Archilochos, büßen; den Boiotier Promachos, den der Bruder des Archilochos, Akamas, mit dem Speer niedergestochen, rächte der Grieche Peneleus an Ilioneus; Aias stieß den Hyrtios nieder; Antilochos den Mermeros und Phalkes; Meriones den Hippotion und Morys; der Pfeil des Teukros brachte den Prothoon und Periphetes zu Falle. Agamemnon durchstach dem Hyperenor die Weiche; am allermeisten aber wütete unter den Troianern, die schon draußen vor der Mauer über den Graben und durch die Pfähle zu fliehen begannen, der kleine Aias, der hurtige Lokrer, dessen Augenblick jetzt gekommen war.
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Hektor von Apollon gekräftigt
Erst bei ihren Wagen machten die Troianer wieder halt, erschrocken und bleich vor Angst. Jetzt aber erwachte Zeus auf dem Gipfel des Ida und erhob sein Haupt aus Heras Schoße. Schnell sprang er empor und überschaute mit einem Blick Griechen und Troianer, diese in die Flucht getrieben, jene stürmisch verfolgend; mitten in ihren Reihen seinen Bruder Poseidon; er sah Hektor auf dem Wege zur Stadt, mitten im Felde, aus dem Wagen gehoben, zu Boden liegen, die Genossen um ihn her; schwer atmete der Bewußtlose und spie Blut, denn kein Schwächerer hatte ihn getroffen. Voll Mitleid ruhte der Blick des Vaters der Götter und Menschen auf ihm, dann wandte er sich drohend zu Hera, sein Angesicht verfinsterte sich und er sprach: "Arglistige Betrügerin, was hast du getan? Fürchtest du nicht, die erste Frucht deines Frevels selbst zu genießen? Denkst du nicht mehr daran, wie du, zwei Ambosse an die Füße gehängt, die Hände mit goldener Fessel geschürzt, zur Strafe in der Luft schwebtest und kein Olympischer dir zu nahen wagte, ohne von mir auf die Erde geschleudert zu werden, damals als du die Götter der Stürme gegen meinen Sohn Herakles aufgewiegelt? Verlangt dich danach zum zweitenmal?"
Hera stutzte eine Weile schweigend, dann sprach sie: "Himmel und Erde und die Flut des Styx sollen meine Zeugen sein, daß nicht mein Geheiß den Erderschütterer gegen die Troianer aufgehetzt hat; ihn wird die eigene Regung getrieben haben. Ja eher möchte ich ihm selbst freundlich zureden, daß er deinem Befehle, du wolkig Blickender, sich füge." Des Gottes Stirn wurde heiterer, denn noch immer wirkte der Gürtel Aphrodites, den Hera bei sich trug. Endlich sprach er besänftigt: "Hegtest du im Rate der Unsterblichen gleiche Gesinnung mit mir, Gemahlin, so würde freilich Poseidon seinen Sinn bald nach unser beider Herzen umlenken. Wenn es dir aber Ernst ist, so geh und rufe mir Ins und Apollon herbei, daß jene meinem Bruder befehle, aus dem Kampf zum Palast heimzukehren, und Phoibos Apollon den Hektor heile, zur Schlacht aufmuntere und mit neuer Kraft beseele!" Mit erschrockenem Antlitz gehorchte Hera und trat in den olympischen Saal ein, wo die Unsterblichen zechten. Diese sprangen ehrerbietig von den Sitzen empor und streckten ihr die Becher entgegen. Sie aber ergriff den Becher der Themis, schlürfte vom Nektar und meldete das Machtgebot des Zeus. Windschnell fuhr Iris hinab auf das Schlachtfeld. Als Poseidon den Befehl seines Bruders aus ihrem Munde vernahm, sprach er zuerst unmutsvoll: "Traun, das ist nicht brüderlich gesprochen. Auch soll er nicht mit Gewalt meinen Willen hemmen, denn ich bin, was er ist; hat gleich das Los um die Herrschaft mir nur das graue Meer zugeteilt, dem Pluton die Hölle, und ihm den Himmel. Die Erde wie der Olymp ist uns allen gemein!" - "Soll ich diese trotzige Rede, so wie du sie gesprochen, dem Göttervater überbringen?" fragte Iris zögernd. Da besann sich der Gott, und das Heer der Danaer verlassend, rief er: "Nun wohl, ich gehe! Das aber wisse Zeus: trennt er sich von mir und den anderen olympischen Freunden der Griechen und beschließt Troias Vertilgung nicht, so entflammt uns unheilbarer Zorn!" So sprach er, in die Fluten tauchend; und augenblicklich vermißten die Danaer seine Gegenwart.
Seinen Sohn Phoibos Apollon sandte dagegen Zeus zu Hektor vom Olymp hinab. Dieser fand ihn nicht mehr liegend auf dem Boden, sondern schon wieder aufgerichtet und von Zeus gestärkt. Der Angstschweiß hatte nachgelassen, der Atem war leichter, ihn erfrischte wiederkehrendes Leben. Als Apollon sich ihm mitleidig näherte, blickte er traurig auf und sprach: "Wer bist du, Bester der Himmlischen, der nach mir fragt? Hast du es schon gehört, daß der gewaltige Aias mich bei den Schiffen mit einem Stein an die Brust getroffen und mitten im Siege gehemmt hat? Glaubte ich noch an diesem Tage den schwarzen Hades schauen zu müssen!" - "Sei getrost", antwortete ihm Apollon, "siehe, mich selbst, seinen Sohn Phoibos, sendet dir Zeus, dich ferner, wie ich wohl auch von selbst früher getan habe, von nun an auf sein Geheiß zu schirmen, und ich werde das goldene Schwert, das du in meinen Händen siehest, für dich schwingen. Besteige deinen Wagen wieder, ich selbst eile voran, ebne euren Rossen den Weg, und helfe dir die Griechen in die Flucht jagen!"
Kaum hatte Hektor die Stimme des Gottes vernommen, so sprang er, wie ein mutiges Roß die Halfter an der Krippe zerreißt, vom Boden auf und schwang sich in seinen Wagen. Die Griechen aber, als sie den Helden herbeifliegen sahen, standen starr und ließen plötzlich von der Verfolgung ab, wie Jäger und Hunde, die einem Hirsch ins Waldesdickicht nachfolgen, vor einem zottigen Löwen erschrecken, der ihnen plötzlich drohend in den Weg kommt. Der erste, der Hektors ansichtig geworden, war der Aitolier Thoas, ein beredter Mann, der sogleich die ersten Fürsten der Griechen, in deren Mitte er kämpfte, aufmerksam machte und ausrief: "Wehe mir, welch Wunder erblicke ich mit meinen Augen dort! Hektor! den wir alle unter dem Steinwurfe des Telamoniers stürzen sahen, kommt aufrecht auf dem Wagen heran, freudigen Mutes dem Vorkampfe zueilend; gewiß steht ihm Zeus der Donnerer zur Seite! So gehorchet denn meinem Rate: heißt die Masse des Heeres sich auf die Schiffe zurückziehen; wir aber, die Tapfersten im Heere, wollen ihm mit Abwehr begegnen, und unsere Schar zu durchbrechen wird er sich scheuen, wenn er auch noch so mörderisch herantobt."
Die Helden gehorchten dem vernünftigen Rate; sie beriefen die edelsten Fürsten und Kämpfer, und diese reihten sich schnell um die beiden Aias, um Idomeneus, Meriones und Teukros her; hinter ihnen aber zog sich alles Volk auf die Schiffe zurück. Die Troianer ihrerseits drangen mit Heereskraft vor; sie führte Hektor, hoch auf seinem Streitwagen stehend; ihn selbst, in Gewölk eingehüllt, Apollon der Gott, den grauenvollen Aigisschild in der Hand. Die griechischen Helden harrten der Feinde in gedrängtem Häuflein; lautes Geschrei stieg aus beiden Heeren; bald sprangen die Pfeile und sausten die Speere, aber die Geschosse der Troianer hafteten alle in Feindesleibern, weil Phoibos Apollon mit ihnen war, und sobald dieser die gräßliche Aigis gegen das Antlitz der Danaer schüttelte, laut und fürchterlich aus seiner dunkeln Wolke dazu ausschreiend, bebte den Griechen das Herz im Busen, und sie vergaßen der Abwehr. So erschlug denn Hektor zuerst den Führer der Boiotier, Stichios, dann Arkesilaos, den edeln Genossen des Menestheus; Aineias raubte dem Athener Iasos und dem Medon, dem Halbbruder des lokrischen Aias, Leben und Waffen; vor Polydamas sank Mekistheus, vor Polites Echios und Klonios vor Agenor; den Deiochos aber, der aus dem Vorderkampfe floh, erschoß Paris durch den Rücken, daß die Lanzenspitze zur Brust herausdrang. Während die Troianer diese alle der Rüstungen entblößten, flohen die Griechen in Verwirrung, dem Graben und den Pfählen zustürzend, bebten da- und dorthin, und manche retteten sich in der Not auch schon über die Mauer. Hektor rief unter seine Troianer hinein, daß es hallte: "Laßt die Leichname in ihren blutigen Rüstungen liegen und sprenget geradeswegs auf die Schiffe zu. Wen ich nicht auf dem Wege dorthin treffe, der ist des Todes!" So rief er, geißelte seine Rosse über die Schultern und lenkte dem Graben zu, und ihm folgten alle Helden Troias mit ihren Streitwagen. Apollon stampfte mit seinen Götterfüßen die emporragenden Ränder des Grabens in der Mitte hinab und schuf ihnen so die Brücke eines Pfades, so lang und breit als der Schwung eines Wurfspießes reicht. Auf diesem Wege überschritt der Gott selbst zuerst den Graben, und mit einem Stoße seiner Aigis warf er die Mauer der Griechen über den Haufen wie ein am Meeresufer spielendes Kind den Sandhaufen, den es aufgebaut, auseinander stört. Die Griechen waren jetzt wieder in den Schiffsgassen zusammengedrängt und hoben ihre Hände flehend zu den Göttern empor. Auf Nestors Gebet aber donnerte Zeus mit gnädigem Halle.
Die Troianer deuteten das Zeichen vom Himmel zu ihren eigenen Gunsten, stürzten sich mit Wutausruf durch die Mauerbrücke mit Roß, Wagen und Mann und kämpften von ihren Streitwagen herab, während die Griechen sich auf die Verdecke ihrer Schiffe flüchteten und von ihren Borden herab sich wehrten.
Während Griechen und Troianer noch um den Wall kämpften, saß Patroklos immer noch in dem schönen Zelte des Helden Eurypylos und pflegte die Wunde desselben, lindernde Säfte darein träufelnd. Als er aber hörte, wie die Troer mit Macht an die Mauer rannten, und das Getümmel und Angstgeschrei der flüchtenden Danaer vor seine Ohren kam, schlug er sich die Hüfte mit der flachen Hand und rief laut aufjammernd: "Nein, Eurypylos, so gern ich dich noch weiter pflegen möchte, länger darf ich nicht bei dir verweilen, denn draußen wird es zu laut! So behilf dich denn mit deinem Waffengenossen. Ich selbst aber eile zu meinem Freunde, dem Peliden, und versuche es, ob ich mit Hilfe der Götter und mit meinem Zuspruch ihn nicht zu bewegen vermag, an der Feldschlacht endlich wieder Anteil zu nehmen!" Kaum hatte er ausgesprochen, als seine behenden Füße ihn auch schon aus dem Zelte trugen.
Inzwischen tobte der Kampf bei den Schiffen, ohne daß der Vorteil sich auf eine Seite geneigt hätte. Um eines der Schiffe stritten sich Hektor und Aias; aber jener vermochte diesen nicht vom Borde zu vertreiben und den Feuerbrand in das Fahrzeug zu werfen; dieser nicht, jenen zu verdrängen. Der Speer des Telamoniers streckte Kaletor, den Verwandten Hektors, an dessen Seite nieder; die Lanze Hektors traf Lykophron, den Streitgenossen des Aias. Auf seinen Fall eilte Teukros dem Bruder zu Hilfe und schoß dem Wagenlenker des Polydamas, Kleitos, einen Pfeil in den Nacken. Polydamas, der zu Fuße focht, hemmte die leer davoneilenden Rosse. Ein zweiter Pfeil des Teukros flog auf Hektor, aber Zeus ließ die Sehne zerreißen und das Geschoß seitwärts abirren; der Bogenschütze empfand schmerzlich die feindselige Gewalt des Gottes. Aias ermahnte den Bruder, Bogen und Pfeil zu lassen und zu Schild und Speer zu greifen; dies tat der Held und bedeckte sich mit einem stattlichen Helme. Hektor dagegen rief seinen Kämpfern zu: "Mutig fortgestritten, ihr Männer! Eben sah ich, wie der Donnerer einem der tapfersten Griechen das Geschoß zerbrochen hat! Drum auf, mit Heereskraft zum Schiffskampfe! Mit uns sind die Götter!" -"Schande über euch, Argiver", rief auf der anderen Seite Aias, "nun gilt's zu sterben, oder den Schiffen Rettung zu schaffen! Wenn der gewaltige Hektor diese mit Feuer zerstört, gedenket ihr zu Fuße über die Meerflut heimzukehren? Oder meint ihr, Hektor lade euch zum Reigentanz und nicht zum Kampfe? Viel besser ist's die Wahl des Todes oder Lebens zu beschleunigen, als in schmählicher Unentschiedenheit hinzuschmachten, von schlechteren Männern, die hinter dem Schirme der Götter fechten, vertilgt!" So rief Aias und streckte einen Troianerhelden nieder; aber für jeden Fallenden vergalt ihm Hektor mit dem Fall eines anderen. Endlich entspann sich ein mörderischer Kampf um die Leiche und Rüstung des Dolops, den Menelaos gefällt hatte. Hektor bot alle Brüder und Verwandte auf; Aias und seine Freunde dagegen umzäumten die Schiffe mit einem ehernen Gehege von Schilden und Lanzen. Da munterte Menelaos den schmucken Sohn des Nestor, Antilochos, auf und rief ihm zu: "Es ist doch keiner jünger und schneller im ganzen Heer als du, und auch nicht tapferer, o Jüngling! Es wäre schön, wann du hervorsprängest und einen der Troianer erlegtest!" So reizte er den Antilochos, der sofort aus dem Gewühl hervoreilte, sich umschaute und den blinkenden Wurfspeer absandte. Als er zielte, flohen die Troianer auseinander; dennoch traf sein Geschoß den Melanippos, den Sohn Hiketaons, unter der Brustwarze, daß er zusammenstürzte und die Waffen um ihn prasselten, Antilochos sprang herzu, wie der Hund auf das Hirschkalb, das der Jäger auf der Lauer durchschossen; als ihm aber Hektor entgegenlief, entfloh er wie ein Wild, das Hund oder Hirten der Herde zerrissen, und, sich Böses bewußt, davonflieht, wenn es eine Männerschar herannahen sieht. Die Geschosse der Troianer folgten ihm, und Antilochos wandte sich erst wieder um, als er bei den Seinigen in Sicherheit war.
Nun stürzte Troias Volk wie eine Schar blutgieriger Löwen unter die Schiffe. Zeus hatte beschlossen, den unbarmherzigen Wunsch der mit ihrem Sohne Achilles zürnenden Thetis ganz zu gewähren. Doch wartete er nur darauf, bis er die aufflackernde Lohe eines einzigen in Flammen gesetzten Schiffes erblickte, um alsdann wieder Flucht und Verfolgung über die Troianer zu verhängen und den Griechen aufs neue Siegesruhm zu gewähren. Hektor wütete unterdessen voll Grimm; der Schaum stand ihm um die Lippen, die Augen funkelten ihm unter den düsteren Brauen, und fürchterlich wehte der Busch von seinem Helme. Weil ihm nur noch wenige Lebenstage gewährt waren, so rüstete ihn Zeus vor allen Männern noch einmal mit Kraft und Herrlichkeit aus; denn schon lenkte ihm Pallas Athene das grause Todesverhängnis entgegen. Jetzt aber durchbrach er die Reihen der Feinde, wo er die dichtesten Haufen und die besten Rüstungen sah. Aber er versuchte lange umsonst einzubrechen; die dichtgeschlossene Schar der Danaer stand wie ein getürmter Meerfels, an dem die Brandung umsonst in die Höhe schäumt; dennoch warf er sich auf die Heerscharen, wie im Sturm eine Woge sich in ein Schiff hineinstürzt, daß endlich ein Grauen sich der Griechen bemächtigte und sie miteinander die Flucht ergriffen. Einem jedoch, der unten am Schilde sich stieß, als er sich zur Flucht umdrehte, und rückwärts fiel - es war der Sohn des berüchtigten Kopreus, Periphetes aus Mykene, ein besserer Mann als sein häßlicher Vater-, bohrte dicht bei seinen fliehenden Genossen Hektor die Lanze in die Brust.
Schon wichen die Griechen von den vorderen Schiffen zurück, doch zerstreuten sie sich nicht durch die Gassen des Lagers, sondern Scham und zugleich Furcht hielt sie bei den Zelten in Scharen aufgestellt zusammen, und sie ermahnten einander gegenseitig, vor allen der greise Held Nestor, der mit seinem Schlachtruf die Herzen der Männer ermutigte. Aias, der Telamonier, aber umwandelte die Schiffsverdecke, ein zweiundzwanzig Ellen langes Ruder, mit Eisenringen gefügt, in seiner Rechten, und wie ein geschickter Rossespringer von einem Pferde aufs andere zum Staunen der Zuschauer hüpft, so sprang er von einem Schiffsverdeck aufs andere und schrie mit schrecklicher Stimme zu den Griechen hinab, Schiffe und Zelte zu verteidigen. Aber auch Hektor weilte nicht untätig im Haufen der Seinigen, sondern wie ein funkelnder Adler auf die Scharen von Kranichen oder Schwänen stürzt, die sich am Ufer eines Stromes gelagert haben, so drang er geradeswegs auf eines der Meerschiffe stürmend los, Zeus selbst gab ihm im Rücken einen Stoß, daß er voranflog und seine ganze Schar ihm nachstürmte.
Da erhob sich von neuem um die Schiffe ein erbitterter Kampf; die Griechen wollten lieber sterben als entfliehen, von den Troianern aber hoffte ein jeder, den ersten Fackelbrand in die Schiffe zu schleudern. Und nun faßte Hektor das Steuerende des schönen Schiffes, das den Protesilaos gen Troia geführt hatte, aber nicht wieder heimbringen sollte, weil er der erste war, der nach der Landung im Gefecht gegen die Troianer gefallen war. Um dieses Schiff kämpften und mordeten jetzt Danaer und Troer; da war keine Rede mehr von Bogenschuß oder auch nur von Speerwurf: zusammengedrängt schwangen alle nur scharfe Beile, Äxte und Schwerter gegeneinander und führten Lanzen zum Stich. Manches gute Schwert stürzte dort aus der Hand in den Staub oder von den Schultern der Streitenden herab, und der Boden schwamm in Blut. Hektor aber, nachdem er einmal das Schiff gefaßt, umklammerte es fest und rief: "Jetzt Feuer her und den Schlachtruf erhoben! Jetzt schickt uns Zeus den Tag, der uns für alle anderen schadlos hält! Jetzo die Schiffe erobert, welche uns so viel Jammer gebracht haben! Jetzt wird kein Ältester uns hindern, den Sieg zu benutzen, Zeus selbst ermahnt und befiehlt uns jetzt!"
Auch Aias vermochte Hektors Andränge nun nicht mehr zu widerstehen, die Geschosse drängten ihn zu sehr; er wich ein wenig vom Verdeck des Schiffes und schwang sich auf die Bank des Steuermanns. Aber auch von hier aus spähte er umher, wo abzuwehren sei, und richtete seine Lanze gegen die mit Feuerbränden eindringenden Troianer; zugleich donnerte er seine Volksgenossen an: "Freunde, jetzt seid Männer! oder wähnet ihr, hinter den Schiffen stehen euch noch andere Helfer, noch ein stärkerer Wall, der euch schirmen könnte? Ihr habt keine Stadt, hinter deren Mauern ihr euch flüchten könntet, wie die Troianer; auf Feindesboden, fern vom Lande der Väter, an den Meeresrand sind wir hingedrängt! Unser ganzes Heil beruht nur auf unserem Arme!" So rief er und empfing jeden Feind, der mit einer Fackel sich dem Schiff näherte, mit einem Lanzenstich, daß bald zwölf Leichen vor ihm den Boden deckten.
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Tod des Patroklos
Indes um das Schiff, auf welchem Aias stand, auf Tod und Leben gekämpft wurde, war Patroklos, als er das Zelt des wunden Eurypylos verlassen, zu seinem Freunde Achilles geeilt, und als er in dessen Lagerhütte eintrat, stürzten ihm die Tränen aus den Augen, wie eine finstere Quelle, die ihr dunkles Wasser aus steilen Klippen gießt. Mitleidig sah ihn der Pelide an und sprach zu ihm: "Du weinst ja wie ein kleines Mädchen, Freund Patroklos, das der Mutter nachläuft und ‚nimm mich' schreit, und sich lange an ihr Kleid anklammert, bis die Mutter es aufhebt! Bringst du meinen Myrmidonen, mir oder dir selbst schlimme Botschaft aus Phthia? Ich weiß doch, dein Vater Menoitios lebt, mein Vater Peleus lebt! Oder beklagst du vielleicht das Volk von Argos, daß es so jämmerlich zugrunde geht, zum Lohn seines eigenen Frevels? Rede nur immer ehrlich heraus und laß mich alles wissen!"
Schwer seufzte bei dieser Frage Patroklos auf und sprach endlich: "Zürne mir nicht, erhabenster Held! Allerdings lastet der Gram der Griechen schwer auf meiner Seele! Alle Tapfersten liegen von Wurf oder Stoß verwundet bei den Schiffen umher; wund ist Diomedes, lanzenwund Odysseus und Agamemnon, den Eurypylos traf ein Pfeil in den Schenkel; sie sind alle den Ärzten zur Heilung übergeben, statt daß sie in unseren Reihen kämpfen sollten. Du aber bleibst unerbittlich; nicht Peleus und Thetis, der Mensch und die Göttin können deine Eltern sein, dich muß das finstere Meer oder ein starrer Fels geboren haben, so unfreundlich ist dein Herz! Nun denn, wenn die Worte deiner Mutter und ein Bescheid der Götter dich zurückhalten, so sende wenigstens mich und deine Krieger ab, ob wir den Griechen nicht vielleicht Trost bringen können. Laß mich deine eigene Rüstung anlegen; leicht mag es sein, wenn die Troianer mich sehen und dich zu erblicken glauben, daß sie vom Kampfe abstehen und den Danaern Zeit lassen, sich zu erholen!"
Aber Achilles erwiderte unmutig: "Wehe mir, Freund! Nicht das Wort meiner Mutter, auch kein Götterausspruch hindert mich; nur der bittere Schmerz, daß ein Grieche es gewagt hat, mich, den Ebenbürtigen, des Ehrengeschenks zu berauben, frißt mir an der Seele. Dennoch habe ich mir nicht vorgesetzt, ewig zu grollen, und war von jeher entschlossen, wenn das Schlachtgetümmel bis zu den Schiffen gelangen sollte, meinem Groll Abschied zu sagen. Selber Anteil am Kampfe zu nehmen, kann ich mich zwar noch nicht entschließen; du aber hülle immerhin deine Schultern in meine Rüstung, und führe auch unser streitbares Volk zum Kampfe. Stürze mit aller Macht auf die Troianer und treibe sie aus den Schiffen fort! Nur an einen lege die Hände nicht, und dies ist Hektor; auch hüte dich, daß du nicht einem Gott in die Hände fallest; denn Apollon liebt unsere Feinde! Wenn du die Schiffe gerettet hast, kehre wieder um. Die anderen mögen sich dann auf dem offenen Felde gegenseitig ermorden; denn eigentlich wäre es doch am besten, wenn gar kein Troianer von allen und auch kein Danaer davonkäme, und wir zwei allein der Vertilgung entgingen und Troias Mauern niederreißen könnten!"
Bei den Schiffen atmete inzwischen Aias immer schwerer; sein Helm rasselte von feindlichen Geschossen, die Schulter, vom aufliegenden Schilde beschwert, fing an ihm zu erstarren; der Angstschweiß floß ihm von den Gliedern herab, und keine Erholung durfte er sich gönnen. Als nun vollends Hektors Schwert ihm die Lanze dicht am Ohr durchschmetterte, daß der verstümmelte Teil in seiner Hand blieb und die eherne Spitze klirrend auf den Boden fiel, da erkannte Aias, daß die Gewalt eines Gottes den Griechen entgegen sei, und entwich dem Geschoß. Und nun warf Hektor mit den Seinigen einen mächtigen Feuerbrand in das Schiff, und bald schlug die Flamme lodernd um das Steuerruder zusammen.
Als Achilles von seinem Zelt aus das Feuer von dem Schiffe auflodern sah, da durchzuckte auch den unbeugsamen Helden der Schmerz. "Auf, edler Patroklos!" rief er, "erhebe dich, daß sie die Schiffe nicht nehmen und den Unsrigen jeden Ausweg versperren! Ich selbst will hingehen, mein Volk zu versammeln." Patroklos war des Wortes froh, das er aus dem Munde seines Freundes vernommen hatte; eilig legte er die Beinschienen an, schnallte den kunstvoll gearbeiteten Harnisch um die Brust, hing sich das Schwert um die Schulter, setzte den von Roßhaaren umwallten Helm aufs Haupt, griff mit der Linken zum Schilde, mit der Rechten faßte er zwei mächtige Lanzen. Gern hätte er den mörderischen Speer seines Freundes Achilles selbst genommen, der aus einer Esche des thessalischen Berges Pelion gezimmert war und den sein Erzieher, der Kentaur Chiron, dem Vater Peleus geschenkt hatte; dieser aber war so groß und schwer, daß ihn außer dem Peliden kein anderer Held schwingen konnte. Nun ließ Patroklos seinen Freund und Wagenlenker Automedon die Rosse Xanthos und Balios anschirren, die unsterblichen Kinder der Harpyie Podarge und des Zephyros, die Achilles einst aus der Stadt Theben als Beute fortgeführt hatte. Achilles aber rief sein Myrmidonenvolk unter die Waffen, und diese stürmten schlachtbegierig, hungrigen Wölfen gleich, herbei, je fünfzig Männer aus den fünfzig Schiffen; ihre Schlachtreihen führten fünf Kriegsobersten: Menesthios, der Sohn des Stromgottes Spercheios; Eudoros, der Sohn des Hermes und der Jungfrau Polymele; Peisandros, der Sohn des Maimalos, nach Patroklos der beste Kämpfer in der Schar; endlich der ergraute Phoinix und Alkimedon, der Sohn des Laerkes.
Den Abziehenden rief der Pelide zu: "Vergesse mir keiner, ihr Myrmidonen, wie oft ihr während meines Zornes den Troianern gedroht und unmutig meine Galle gescholten habt, welche die Streitgenossen mit Zwang vom Kampfe zurückhalte. Endlich ist die Stunde, nach der ihr geschmachtet, erschienen; kämpfe nun, wem es das mutige Herz befiehlt!" Als er so gesprochen, zog er sich in sein Zelt zurück und holte aus dem Kasten, den, voll von Leibröcken, Decken und Mänteln, auch anderen kostbaren Dingen, seine Mutter Thetis ihm mit aufs Schiff gegeben hatte, einen kunstreichen Becher hervor, aus dem kein anderer Mann je den funkelnden Wein getrunken hatte, und kein anderer Gott Dankopfer empfangen hatte als der Donnerer. Aus diesem spendete er auch jetzt, in die Mitte seines Hofes tretend, unter Gebeten dem Vater Zeus und bat ihn, den Griechen Sieg zu verleihen, seinen Waffengenossen Patroklos aber unverletzt zu den Schiffen zurückzugeleiten. Zu der ersten Bitte winkte Zeus Gewährung, zur zweiten schüttelte er sein Haupt, beides von dem Helden ungesehen. Achilles ging in sein Zelt zurück, den Becher wieder aufzubewahren, dann stellte er sich wieder vor sein Zelt, um dem blutigen Kampfe zwischen Griechen und Troianern zuzusehen.
Die Myrmidonen zogen indessen, den Führer Patroklos an der Spitze, wie ein Wespenschwarm am Heerweg. Als die Troianer ihn kommen sahen, schlug ihnen das Herz vor Schrecken, und ihre Geschwader gerieten in Verwirrung, denn sie glaubten, Achilles selbst habe sich, den Groll aus der Seele verbannt, von den Zelten aufgemacht, und schon fingen sie an umherzublicken, wie sie dem Verderben entrinnen könnten. Patroklos benutzte ihre Furcht und schwang seine blinkende Lanze gerade in ihre Mitte hinein, wo am Schiffe des Protesilaos das Getümmel am stärksten war. Sie traf den Paionier Pyraichmes, daß er, an der rechten Schulter durchbohrt, wehklagend rücklings auf den Boden taumelte und die Paionier um ihn her, alle betäubt, vor dem gewaltigen Patroklos flüchteten. Das Schiff blieb halbverbrannt stehen; angstvoll flohen alle Troianer, die Danaerhaufen stürzten sich in die Schiffsgassen zur Verfolgung; allenthalben tobte der Aufruhr. Doch faßten sich die Troianer bald wieder, und die Griechen sahen sich genötigt, Mann für Mann zu Fuß zu kämpfen: Patroklos durchschoß dem Areilykos den Schenkel; Menelaos bohrte dem Thoas die Lanze in die Brust; Meges, der Neffe des Odysseus, durchstach dem Amphiklos die Wade; Antilochos, Nestors Sohn, durchstieß dem Atymnios die Weiche; da flog Maris, voll Zorn über den Fall des Bruders, auf Antilochos zu, stellte sich vor den Erschlagenen und drohte mit der Lanze; doch ihm durchbohrte Thrasymedes, Nestors anderer Sohn, Schulter und Armende mit dem Speer, daß er sterbend zusammensank. Als so Brüder die Brüder zu Boden gestreckt hatten, sprang auch der schnelle kleine Aias hervor und hieb dem vom Gedränge gehinderten Kleobulos auf der Flucht das Schwert in den Rücken. Peneleos und Lykon rannten, beide sich verfehlend, mit den Lanzen gegeneinander; aber im Schwertkampf siegte der Danaer; Meriones traf den Akamas, als er eben den Wagen bestieg, und durchbohrte ihn unter dem Hirn das Gebein des Kopfes, daß ihm die Zähne einstürzten und er Blut zu Mund und Nase herausröchelte.
Der große Aias sann auf nichts anderes, als wie er mit dem Speer Hektor treffen könnte; dieser aber, voll Kriegserfahrung, deckte sich mit seinem stierledernen Schilde, daß Pfeile und Wurfspieße daran abprallten. Zwar hatte der Feldherr bereits erkannt, daß der Sieg sich von ihm und den Seinen abgewendet habe, dennoch verweilte er unerschüttert in der Schlacht, und dachte wenigstens darauf, seine teuren Genossen zu beschützen und zu retten. Erst als der Andrang unwiderstehlich wurde, kehrte er mit seinem Wagen um und flog mit seinen vortrefflichen Rossen über den Graben. Die anderen Troianer waren nicht so glücklich; viele Rosse ließen hier und dort im Graben die Wagen ihrer Herren zerschmettert an der Deichsel zurück; doch was glücklich hinüberkam, stäubte in der eiligsten Flucht nach der Stadt zurück, und Patroklos sprengte mit tönendem Rufe den noch diesseits des Grabens Dahinfliegenden nach; viele stürzten kopfüber unter die Räder ihrer Wagen, und geborstene Sitze krachten. Endlich sprang das unsterbliche Rossegespann des Peliden auch über den Graben, und Patroklos trieb sie an, den auf seinem Wagen dahineilenden Hektor zu erreichen. Dabei mordete er zwischen Schiffen, Mauer und Strom, was er antraf. Pronoos, Thestor, Eryalos und neun andere Troer waren auf seinem stürmenden Weg teils dem Speerschwunge, teils dem Lanzenstiche, teils dem Steinwurfe des Siegers erlegen. Mit Schmerz und Ingrimm sah dies der Lykier Sarpedon, ermahnte scheltend seine Heerschar und sprang gerüstet von seinem Wagen zur Erde. Patroklos tat ein gleiches, und nun stürzten sie schreiend gegeneinander wie zwei scharfklauige, krummschnäbelige Habichte. Mit Erbarmen sah Zeus auf seinen Sohn Sarpedon hernieder vom Olymp; aber Hera schalt ihn und sprach: "Was denkst du, Gemahl! Einen Sterblichen willst du schonen, der dem Tode doch schon längst verfallen ist? Bedenke, wenn alle Götter ihre Söhne aus der Schlacht entführen wollten, was aus den Geschicken, die du selber zu vollführen beschlossen hast, alsdann würde. Glaube mir, es ist besser, du lassest ihn in der Feldschlacht umkommen, übergibst ihn dem Schlaf und dem Tode und gestattest seinem Volk, ihn aus dem Getümmel zu tragen und dereinst in Lykien unter Grabhügel und Säule zu bestatten!" Zeus ließ die Göttin gewähren, und nur eine Träne fiel aus seinem Götterauge herab auf die Erde, dem fallenden Sohne geweiht.
Die beiden Kämpfer hatten sich jetzt einander auf Schußweite genähert. Patroklos aber traf zuerst den tapferen Genossen Sarpedons, Thrasymelos; Sarpedons Speer verfehlte zwar den Helden, stieß aber dafür dem Beirosse Pedasos, das sterblich war, den Speer in die rechte Schulter; bei dem Stürzen des Röchelnden wären auch die zwei unsterblichen Rosse scheu geworden; das Joch knarrte schon, die Zügel verwirrten sich, und sie wären ausgerissen, wenn nicht der Wagenlenker Automedon schnell sein Schwert von der Hüfte gerissen und den Strang des getöteten Rosses zerhauen hätte.
Ein zweiter Lanzenwurf Sarpedons verfehlte den Gegner wieder, der Speer des Patroklos aber traf diesmal den Lykier ins Zwerchfell, und er fiel zu Boden wie eine Bergtanne unter der Axt, knirschte mit den Zähnen und griff mit der Hand in den blutigen Staub. Sterbend rief er seinen Freund Glaukos auf, mit den Lykierscharen sich um seinen Leichnam zu werfen, und verschied. Da betete Glaukos zu Phoibos Apollon, ihm die Armwunde zu heilen, die Teukros ihm bei Erstürmung der Mauer mit dem Pfeile beigebracht hatte und die ihn noch immer quälte und zum Kampf untätig machte. Der Gott erbarmte sich seiner und stillte auf der Stelle den Schmerz. Nun durcheilte er die Reihen der Troianer und rief die Helden Polydamas, Agenor und Aineias, Sarpedons Leichnam zu schützen, auf. Die Fürsten trauerten, als sie den Tod des Mannes vernahmen, der, obwohl aus fremdem Geschlecht, doch ihre Stadt wie eine Säule stützte, aber ihre Trauer war nicht feige. Wild drangen sie auf die Danaer ein, und ihnen allen flog Hektor voran. Die Griechen dagegen entflammte Patroklos, und so rannten sie gegeneinander mit grauenvollem Geschrei, um die Leiche des gefallenen Sarpedon kämpfend. Als einer ihrer tapfersten Krieger, Epeigeus, der Sohn des Agakles, von einem Steinwurfe Hektors gefallen war, fingen zuerst die Myrmidonen an zu weichen. Patroklos aber, den der Tod des Freundes bitter schmerzte, stürzte sich ins vorderste Gewühl, zerschmetterte dem Troer Sthenelaos den Rücken und brachte die Troianer wieder zum Weichen. Endlich kehrte sich unter diesen Glaukos zuerst wieder um und durchstach den Myrmidonen Bathykles mit der Lanze; dagegen traf Meriones den Laogonos, dessen Vater Onetor Priester des idaeischen Zeus war; den Meriones aber verfehlte der Speer des gewaltigen Aineias. Während diese Hohnworte miteinander wechselten, rief Patroklos ihnen zu: "Was schwatzet ihr, Helden? Im Arme sucht der Krieg die Entscheidung!" Und damit drang er an der Spitze der Seinigen auf den Leichnam ein, und die Troer erwehrten sich seiner, daß die Leiche bald vom Haupte bis an die Sohlen von Geschossen, Staub und Blut zugedeckt war.
Zeus, der dem Kampfe aufmerksam zuschaute, bedachte sich eine Weile über den Tod des Patroklos, aber es däuchte ihm besser, diesem vorerst noch Sieg zu verleihen, und so drängte denn der Freund des Peliden die Troianer samt den Lykiern zurück und der Stadt zu. Die Griechen beraubten den gefallenen König der Rüstung, und eben wollte ihn Patroklos seinen Myrmidonen übergeben, als Apollon auf des Zeus Geheiß vom Gebirge in die Feldschlacht herunterfuhr, den Leichnam auf seine göttlichen Schultern nahm und ihn fern an den Strom des Skamander trug. Hier spülte er ihn im Gewässer rein, salbte ihn mit Ambrosia und gab ihn den Zwillingen Schlaf und Tod hinwegzutragen. Diese flogen mit ihm davon und brachten ihn in sein lykisches Heimatland.
Aber Patroklos, vom bösen Geschicke getrieben, munterte seinen Wagenlenker und seine Rosse auf und rannte den Troianern und Lykiern nach, ins eigene Unheil. Neun Troern zog er ihre Rüstungen vom erlegten Leichnam ab, und tobte so unaufhaltsam im Lanzenkampfe voran, daß er die getürmte Stadt Troia selbst erobert hätte, wäre nicht auf dem festesten Turme der Gott Apollon gestanden und hätte auf das Verderben des Helden und auf die Beschirmung der Troianer gesonnen. Dreimal stieg der Sohn des Menoitios zur hervorragenden Mauerecke heran, und dreimal verdrängte ihn Apollon mit unsterblicher Hand, den leuchtenden Schild ihm entgegenhaltend und sein "Weiche!" rufend. Da entwich Patroklos mit eilendem Schritte vor dem Befehl des Gottes.
Am skaeischen Tore hielt der fliehende Hektor mit seinen Rossen inne und besann sich einen Augenblick, ob er sie ins Schlachtgetümmel zurücktreiben oder seinem Volke gebieten sollte, sich in die Mauern der Stadt einzuschließen. Während er so unentschlossen die Zügel anzog, nahte sich ihm Phoibos in der Gestalt von Hekabes Bruder Asios, der ein Oheim des Fürsten war, und sprach zu ihm: "Hektor, was entziehst du dich dem Kampfe? War ich soviel stärker denn du, als ich schwächer bin, ich wollte dich für deine Untätigkeit zum Hades senden. Aber wohlan, wenn du nicht gern solche Worte hörst, lenke deine Rosse dem Patroklos zu; wer weiß, ob dir Apollon nicht den Sieg schenkt." So raunte ihm der vermummte Gott ins Ohr und verlor sich im Gewühl der Schlacht. Da ermunterte Hektor seinen Wagenlenker Kebriones, einen Bastard seines Vaters, die Rosse wieder in die Schlacht zu treiben, und Apollon drang vor ihm her in die Reihen der Griechen ein und richtete Verwirrung unter ihnen an. Hektor aber rührte keinen anderen Achiver an, sondern ging geraden Laufes auf Patroklos allein los.
Als dieser ihn herannahen sah, sprang er aus dem Wagen, in der Linken den Speer, mit der Rechten einen zackigen Marmorstein vom Boden auflesend, mit dem er sofort den Kebriones zum Tode an die Stirn traf, daß der Wagenlenker auf den Boden hinabstürzte. Patroklos sandte dem Fallenden beißenden Spott nach und rief: "Bei den Göttern, ein behender Mann! Wie leicht er sich in den Staub taucht! Hat er das Taucherhandwerk etwa auf dem Meere gelernt und einen Austernhandel getrieben?" Mit diesen Worten sprang er wie ein Löwe auf die Leiche des zu Boden Gesunkenen ein, und Hektor wehrte sich um seinen Halbbruder; dieser faßte das Haupt des Erschlagenen, Patroklos den Fuß, und von beiden Seiten schlugen Troer und Danaer drein, wie wenn Ost- und Südwind miteinander kämpften. Gegen Abend entschied sich das Gefecht zugunsten der Achiver; sie entrissen die Leiche des Kebriones den Geschossen und beraubten ihn seiner Rüstung. Und nun warf sich Patroklos mit verdoppelter Wut auf die Troianer und erschlug ihrer dreimal neun. Aber als er das vierte Mal angestürmt kam, lauerte der Tod auf ihn, denn Phoibos Apollon selbst begegnete ihm in der Schlacht. Patroklos bemerkte den Herannahenden nicht, denn er war in dichtes Nebelgewölk eingehüllt. Apollon aber stellte sich hinter ihn und versetzte dem Helden mit der flachen Hand einen Schlag auf Rücken und Schulter: da schwindelte es ihm vor den Augen; alsdann schlug der Gott ihm den Helm vom Haupte, daß er weithin in den Sand klingend unter die Pferdehufe dahinrollte und der Helmbusch mit Staub und Blut besudelt ward. Nun zerbrach er ihm die Lanze in der Hand, löste ihm den Schildriemen von der Schulter und den Harnisch vom Leibe und betäubte ihm sein Herz, daß er vor sich hinstarrend dastand. Nun durchbohrte ihn Euphorbos, der Sohn des Panthoos, ein tapferer Krieger, der schon zwanzig Griechen gefällt hatte, von hinten mit der Lanze und eilte in die Heerschar zurück. Hektor aber rannte wieder aus der Schlachtreihe hervor und stieß dem schon Verwundeten von vorn den Speer in die Weiche des Bauches, daß die Erzspitze hinten wieder hervordrang. So bezwang er ihn, wie ein Löwe den Eber am Gebirgsquell bezwingt, wohin sie beide zu trinken gekommen sind; er entriß ihm mit dem Speer zugleich das Leben und rief frohlockend: "Ha, Patroklos! Du hattest im Sinn, unsere Stadt in einen Schutthaufen zu verwandeln, und unsere Weiber als Mägde auf den Schiffen in eure Heimat zu führen! Nun habe ich ihnen den Tag der Knechtschaft wenigstens aufgeschoben, und dich werden die Geier fressen! Was hat dir nun dein Achilles geholfen?"
Mit schwacher Stimme antwortete ihm der sterbende Patroklos: "Frohlocke du immer nach Herzenslust, Hektor! Zeus und Apollon haben dir Siegesruhm gewährt ohne Mühe, denn sie sind es, die mich entwaffnet haben, sonst hätte meine Lanze dich und zwanzig deinesgleichen gebändigt! Von den Göttern hat mich Phoibos, von den Menschen Euphorbos bezwungen. Du nimmst mir nur die Rüstung ab! Aber eins verkünde ich dir: du wirst nicht lange mehr so einhergehen, das Verhängnis steht dir schon zur Seite, und ich weiß, durch wen du sinkest!" Er brachte mit Mühe diese Worte hervor, und die Seele verließ die Glieder des Leibes und entfloh hinunter zum Hades. Hektor aber rief dem Gestorbenen noch zu: "Was willst du mir da für Verderben weissagen, Patroklos? Wer weiß, ob nicht Achilles selbst, von meiner Lanze durchbohrt, sein Leben aushauchen wird?" Unter solchen Worten zog er, die Ferse anstemmend, ihm den ehernen Speer aus der Wunde und schwang den Toten rücklings auf den Boden. Dann kehrte er die noch vom Blute des Patroklos triefende Lanze gegen dessen Wagenlenker Automedon. Doch diesen retteten die unsterblichen Rosse vor dem nachsprengenden Verfolger.
Um die Leiche des Patroklos zankten sich derweil mit den Waffen Euphorbos, der Troianer, und Menelaos, der Atride. "Du sollst es mir büßen", rief jener, "daß du mir den Bruder Hyperenor erschlagen und sein Weib zur Witwe gemacht!" Und damit rannte er mit der Lanze gegen den Schild des Atriden an, aber die Eisenspitze bog sich. Nun erhob auch Menelaos die Lanze und bohrte sie dem Feinde mitten in den Schlund, daß die Spitze zum Genick herausdrang, und sein zierlich gelocktes, mit Gold und Silber durchringeltes Haar vom Blute troff. So sank er in den Staub, unter dem Klirren seiner Waffen, deren ihn sofort Menelaos beraubte; und er hätte die Rüstung fortgetragen, wenn ihn nicht Apollon darum beneidet hätte. Dieser aber spornte den Hektor, in Gestalt des Mentes, des Fürsten der Kikonen, an, von den unsterblichen Rossen des Peliden, die Automedon entführte, als einer unerreichbaren Beute, abzulassen und sich wieder der Leiche des Euphorbos zuzuwenden. Er kehrte um, und plötzlich ward er den Fürsten Menelaos gewahr, wie er sich die herrliche Wehr des Euphorbos, über den blutenden Leichnam hingebückt, zueignete. Dieser vernahm den schmetternden Weheruf des troianischen Helden und mußte sich errötend gestehen, daß er dem mit seinen Troerscharen heranstürmenden Hektor nicht standhalten könne. So wich denn Menelaos, Leichnam und Rüstung zurücklassend, doch nur unwillig, schaute sich, zurückeilend, von Zeit zu Zeit um, stand still und suchte den großen Aias in der Schlacht.
Als er ihn endlich zur Linken im Gemenge des Treffens erkannte, eilte er auf ihn zu und forderte ihn auf, mit ihm selbst dem Kampf um die Leiche des Patroklos zuzueilen. Es war die höchste Zeit, als beide sich wieder dem Platze näherten, wo der Sohn des Menoitios gefallen war. Denn Hektor beschäftigte sich eben damit, nachdem er dem Leichnam des Patroklos die Rüstung abgezogen, diesen an sich zu ziehen, um ihm mit dem Schwerte den Kopf von der Schulter zu hauen, und den geschleiften Leib den Hunden zum Fraß vorzuwerfen. Wie er aber den Aias unter seinem siebenhäutigen Stierschilde herannahen sah, ließ er von dem blutigen Vorhaben ab und flüchtete sich schnell in die Schar seiner Streitgenossen zurück. Dort sprang er empor in seinen Wagen und übergab die Rüstung des Patroklos den Freunden, damit sie ihm dieselbe zur Stadt trügen, wo sie als Denkmal seines Ruhmes aufbewahrt werden sollte. Vor die Leiche selbst warf sich Aias wie ein Löwe vor seine Jungen hin, und neben ihm stellte sich Menelaos auf.
Glaukos, der Lykier, aber heftete einen finsteren Blick auf Hektor und sprach zu ihm die strafenden Worte: "Umsonst erhebt dich der Ruf, Hektor, wenn du dich so zagend vor dem Helden flüchtest! Denke nur darauf, wie du allein die Stadt verteidigest! Wenigstens ficht hinfort kein Lykier mehr an deiner Seite. Denn welchen geringeren Mann im Heere wirst du verteidigen, nachdem du unseren Fürsten Sarpedon, deinen Gastfreund und Kampfgenossen, den Danaern und den Hunden preisgegeben, hast liegen lassen? Wären die Troianer an Kühnheit uns gleich, so würden wir bald die Leiche des Patroklos in die Mauern Troias hereinziehen; dann würden die Achiver auch bald den Leichnam Sarpedons abliefern, um nur wieder seine Rüstung zu erhalten!" Es wußte nämlich Glaukos nicht, daß Apollon die Leiche Sarpedons den Griechen entführt hatte.
"Du bist nicht klug, Freund Glaukos", erwiderte Hektor, "wenn du meinst, ich fürchte mich vor der Übermacht des Aias. Noch kein Kampf je hat mir Grauen gemacht. Aber des Zeus Ratschluß ist mächtiger als unsere Tapferkeit. Jetzt jedoch tritt näher, mein Freund, schau mein Tun an und urteile, ob ich so verzagt sei, wie du soeben gesprochen!" Mit diesen Worten flog er seinen Freunden nach, welche die Waffen des Peliden, die Patroklos angetan hatte, als Beute der Stadt zutrugen. Er vertauschte, bei ihnen angekommen, seine eigene Rüstung mit der Rüstung des Achilles, und zog die unsterbliche Wehr an, welche die Götter des Himmels selbst dem Helden Peleus bei seiner Hochzeit mit der Meeresgöttin Thetis geschenkt hatten, und die der Vater dem Sohne übergeben, als er zu altern anfing. Aber der Sohn sollte nicht alt werden in den Waffen des Vaters.
Als der Herr der Götter und Menschen aus der Höhe zuschaute, wie Hektor die Waffen des göttergleichen Helden Achilles anlegte, schüttelte er mit trübem Ernst sein Haupt und sprach in seines Herzens Tiefe: "Du Armer, du ahnest doch auch gar nichts von dem Todesgeschicke, das schon an deiner Seite geht. Du hast dem erhabenen Helden, vor dem auch andere zittern, seinen geliebten Freund erschlagen, hast ihm von Haupt und Schultern die Rüstung abgezogen, und schmückst dich jetzt mit der unsterblichen Wehr des Sohnes der Göttin. Dennoch, weil dich keine Wiederkehr aus der Schlacht erwartet, und dir deine Gattin Andromache diese schönen Waffen nicht ablösen und dich nie mehr begrüßen wird, so will ich dir zur Entschädigung noch einmal Siegesruhm verleihen." Als Zeus so sprach, schloß sich die Rüstung enger an Hektors Leib, der kriegerische Geist des Ares durchdrang ihn, seine Glieder strotzten ihm innerlich von Kraft und Stärke. Mit lautem Zuruf sprengte er zu den Bundesgenossen und führte sie ermunternd, mit erhöhten Lanzen, gegen den Feind. Da entbrannte der Kampf aufs neue um des Patroklos Leiche, und Hektor wütete so mit Morden, daß Aias selbst zu Menelaos sprach: "Trauter Held, ich bin nicht mehr so sehr um unseren toten Patroklos besorgt, der nun einmal die Speise troianischer Vögel und Hunde werden muß, als um mein eigenes Haupt und um das deine; denn Hektor umringt uns mit seinen Heerscharen wie eine Wolke. Versuch es daher, ob die Helden der Danaer unseren Hilferuf nicht hören! Menelaos erhob seine Stimme, so laut er vermochte, und der erste, der den Ruf hörte, war Aias der Lokrer, des Oileus schneller Sohn; dieser flog zuerst herbei; dann Idomeneus mit seinem Streitgenossen Meriones und bald unzählige andere, so daß die Griechen bald wieder den Leichnam mit ihren Erzschilden umzäunt hielten. Doch wurden sie von den Troianern so bedrängt, daß diese schon die Leiche hinwegzuziehen anfingen; bald aber gelang es dem herrlichen Aias, der Not zu steuern, und während Hippothoos, der Pelasger, ein troischer Bundesgenosse, die Sehnen des Leichnams unten am Knöchel mit Riemen umband, um ihn so fortzuschleppen, schlug ihm der Speer des Telamoniers durch die Kuppel des Helms, daß dieser zerborst und das Gehirn aus der Wunde blutig am Speer emporspritzte. Hektor zielte jetzt auf Aias, aber er traf nur den Phokaier Schedios; Aias durchstieß dafür Phorkys, dem Sohne des Phainops, der um den Leichnam des Hippothoos kämpfte, den Panzer, daß die Spitze ihm schmetternd ins Eingeweide fuhr. Nun wichen die Troianer und Hektor selbst, und gegen des Zeus Beschluß hätten die Griechen gesiegt, wenn nicht Apollon in der Gestalt des Helden Periphas, des greisen Herolds, den gewaltigen Aineias zum Kampfe angetrieben hätte. Dieser erkannte den Gott, feuerte die Seinigen mit mächtigem Zuruf an und focht selbst, weit voranspringend, bald als der vorderste im Streite. Jetzt wandten die Troianer die Stirn wieder dem Feinde zu. Aineias durchstach den Leiokritos, den Genossen des Lykomedes; dieser rächte den Tod des Freundes an Apisaon, dem Paionier, und jetzt streckten die Griechen ihre Lanzen alle dem Leichnam wieder vor.
So, während die Schlacht auch an anderen Punkten nicht feierte, wetteiferten sie hier den ganzen Tag in immer wütender Mordlust, und über Schenkel und Knie bis zu den Füßen hinab troff den Streitern der Schweiß. "Schlinge uns", riefen die Danaer, "lieber der Boden hinab, als daß wir diesen Leichnam den Troianern überlassen und ohne Ruhm zu den Schiffen kehren!" - "Und müßten wir", schrien dagegen die Troianer, "alle miteinander bei diesem Manne sterben, so säume doch keiner im Kampf!"
Während sie so stritten, standen die unsterblichen Rosse des Achilles abwärts vom Schlachtfeld. Als sie vernommen, daß ihr Wagenlenker Patroklos, von der Hand Hektors ermordet, im Staube gestreckt liege, fingen sie an zu weinen, wie Menschen tun. Vergebens bemühte sich Automedon, sie jetzt mit der Geißel zu beflügeln, jetzt mit Schmeichelworten, jetzt mit Drohungen anzutreiben. Nicht heim zu den Schiffen wollten sie gehen, nicht zu den Griechen in die Feldschlacht, sondern wie die Säule, die unbeweglich über dem Grabhügel eines Verstorbenen steht, standen sie beide vor dem Wagensitze fest, ihre Häupter auf den Boden gesenkt; ihre Mähne sank wallend und mit Staub besudelt aus dem Ringe des Jochs hervor, und aus den Wimpern tropften ihnen heiße Tränen. Nicht ohne Mitleid konnte sie Zeus von seiner Höhe herab erblicken. "Ihr armen Tiere", sprach er bei sich selbst, "warum haben wir euch ewig Junge, Unsterbliche, dem sterblichen Peleus geschenkt! Etwa daß ihr mit den unseligen Menschen Gram ertragen sollet? Denn es gibt doch nichts Jammervolleres auf Erden von allem, was atmet und sich regt, als der Mensch! Aber umsonst hofft Hektor, euch zu bändigen und an seinen Wagen zu spannen. Nimmer mehr gestatte ich dieses; ist es nicht genug, daß er in seiner Eitelkeit sich rühmt, des Peliden Waffen zu besitzen?" Da beseelte Zeus die Rosse mit Mut und edler Stärke. Plötzlich schüttelten beide den Staub von den Mähnen und sprengten mit dem Wagen rasch unter Troianer und Griechen hinein. Automedon mußte sie gewähren lassen und wehrte sich, so gut er konnte. Aber allein auf dem hohen Wagensitze, war es ihm unmöglich, zugleich die Rosse zu lenken und die Lanze gegen den Feind zu schwingen. Endlich erspähte ihn sein Genösse Alkimedon, der Sohn des Laerkes, und wunderte sich, daß der Einsame mit dem leeren Wagen sich dem Schlachtgetümmel aussetze. "Du bist, nächst meinem erschlagenen Freunde Patroklos, der beste Rossebändiger, Alkimedon", rief ihm jener zur Antwort zu, "wolltest du Peitsche und Zügel übernehmen, so überlasse ich dir die Rosse und warte des Kampfes."
Wie sich Automedon aus dem Sitze schwang, bemerkte es Hektor und sprach zu seinem Nebenkämpfer Aineias: "Schau, dort sprengen die Rosse des Achilles mit sehr unkriegerischen Lenkern in die Schlacht vor, ist es dir recht, so bestürmen wir sie; die Beute kann uns nicht fehlen!" Aineias winkte, und beide sprengten unter ihren Schilden heran, Chromios und Aretos ihnen nach. Aber Automedon betete zu Zeus, und dieser erfüllte ihm sein Herz mit ungewohnter Kraft: "Halt mir die schnaubenden Rosse dicht am Rücken, Alkimedon!" sprach er, und rief: "Aias herbei, Menelaos herbei, überlaßt den Gestorbenen andern Tapferen und wehret von uns Lebendigen das Verderben. Uns bedrängen Hektor und Aineias, die tapfersten Helden Troias!" Mit diesen Worten schwang er die Lanze gegen Aretos, und diese durchstürmte den Schild und drang dem Helden ins Gedärm, daß der Vorspringende in den Staub zurücksank. Dann warf Hektor seinen Speer auf Automedon, aber dieser fuhr über das Haupt des Gegners zitternd in die Erde. Und jetzt wären sie sich im Schwertkampfe begegnet, hätte nicht die Ankunft der beiden Aias die Streitenden getrennt und die Troianer zur Rückkehr nach der Leiche des Patroklos vermocht.
Dort flammte der Entscheidungskampf wieder heftiger auf. Dem Zeus hatte sich das Herz gewandt; in dunkler Wolke senkte sich seine Botin Athene hernieder und stellte sich in des alten Phoinix Gestalt, sichtbar geworden, neben Menelaos. Dieser sprach, den Helden erblickend: "Vater Phoinix, möchte mir Athene heute Kraft verleihen, so wollte ich dem toten Freunde wohl helfen, denn ich verstehe den Vorwurf deines Blickes." Da freute sich die Göttin, daß er unwissend zu ihr selber vor allen Göttern gefleht, stärkte ihm Schultern und Knie mit Kraft und gab ihm ausdauernden Trotz ins Herz. Schnell eilte er, die Lanze schwingend, auf die Leiche zu, und als Hektors geehrtester Tischfreund, Podes, der Sohn des Eetion, sich vor ihm zur Flucht wandte, traf ihn der Speer des Atriden durchbohrend am Gurt, daß er in dumpfem Falle zu Boden krachte. Jetzt trat Apollon in Phainops Gestalt zu Hektor und ermahnte diesen: "Ei, Hektor, wer im ganzen Danaervolk wird dich künftig noch fürchten, wenn ein Menelaos dich zurückzuschrecken vermag? Er hat dir deinen besten Freund erschlagen, und jetzt wird er, der Weichlichste unter allen Griechen, dir auch die Leiche des Patroklos entführen!" Diese Worte versenkten das Herz Hektors in Schwermut, und er eilte im Glänze seiner Erzrüstung voran. Zeus aber schüttelte die Aigis, hüllte den Ida in Wolken und gab durch Blitz und Donner den Troianern das Zeichen des Sieges.
Der Boiotier Peneleos, dem der Speer des Polydamas die Schultern gestreift, war der erste, der zur Flucht umwendete. Den Leitos machte Hektor kampfunfähig, indem er ihm die Hand am Knöchel durchstach; ihn selbst verfehlte der Speer des Idomeneus, und statt diesen, der eben erst zu Fuße von den Schiffen angekommen war, mit dem Gegenwurfe zu treffen, durchschmetterte Hektors Speer Ohr und Wange des Koiranos, der mit Meriones und seinem Wagen dem Idomeneus zum Heile vorangefahren war. Der Speer stieß ihm die Zähne aus und durchschnitt die Zunge, und der Held entsank dem Wagen; Meriones hob die Zügel aus dem Staub auf und gab sie seinem Freund Idomeneus, der sich schnell in den Wagensitz schwang und das Gespann fliehend den Schiffen zutrieb. Als der herrliche Aias dies sah, brach er gegen seinen Nebenstreiter Menelaos in so lauten Jammer aus, daß Zeus selbst Mitleid mit ihm fühlte, das Nebelgewölk zerstreute und die Schlacht wieder von der Sonne beleuchten ließ. "Sieh doch zu, Menelaos", sprach jetzt Aias, "ob du nicht den Antilochos, den Sohn des Nestor, irgendwo noch lebend erblickst. Der war uns ein tauglicher Bote zu Achilles, ihm zu melden, daß sein Freund Patroklos tot im Staube liege." Menelaos ging mit spähendem Blicke, wie ein Adler nach dem flüchtigen Hasen späht, der im Läubgesträuch hingeduckt sitzt, und bald erkannte er ihn links im Gewühl des Treffens. "Weißt du noch nicht, Antilochos", rief er ihm zu, "daß ein Gott den Danaern Unheil und den Troianern Sieg zugeschleudert? Patroklos ist gesunken, und alle Griechen vermissen ihre tapfersten Helden; nur ein Kühnerer lebt noch, Achilles. Eile du zu diesem ins Zelt und bring ihm die Trauerbotschaft; ob er nicht kommen wird, den nackten Leichnam zu retten, dem Hektor die Rüstung ausgezogen hat."
Ein Schauer durchfuhr den Jüngling, sein Auge füllte sich mit Tränen bei der Nachricht, und lange blieb er stumm und ohne Sprache. Endlich gab er seinem Wagengenossen Laodokon die Rüstung und eilte fliegenden Laufes den Schiffen zu. Als Menelaos wieder bei der Leiche angekommen war, beredete er sich mit Aias, wie sie beide den erschlagenen Freund hinwegziehen wollten, denn sie hofften selbst von Achilles' Ankunft wenig, da dieser seiner unsterblichen Wehr beraubt war. Sie hoben den Leichnam mit Gewalt hoch von der Erde empor, und obgleich die Troianer von hinten ein grauenvolles Geschrei hören ließen und mit Schwertern und Lanzen folgten, so brauchte sich Aias doch nur umzuwenden, daß sie erblaßten und ihnen die Bürde nicht streitig zu machen wagten. So trugen sie mit großer Anstrengung den Leichnam aus der Schlacht zu den Schiffen, und mit ihnen flüchteten auch die anderen Griechen aus dem Treffen. Hektor und Aineias waren ihnen auf den Fersen, und hier und dort entsank den Fliehenden ein Waffenstück, indem sie in wilder Unordnung über den Graben zurückgingen.
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Jammer des Achilles
Antilochos fand den Helden vorn an den Schiffen nachdenklich sitzend, im Geiste das Geschick übersinnend, dessen Vollendung er noch nicht kannte. Als er die Griechen aus der Ferne flüchtig herannahen sah, sprach er unmutig zu sich selbst: "Wehe mir, was schwärmen doch die Achiver voll Angst durchs Gefilde den Schiffen wieder zu? Werden doch die Götter nicht, mir zum Grame, das Unglück verwirklichen, das meine Mutter mir einst verkündigt hat, daß der tapferste der Myrmidonen, so lange ich noch lebe, das Leben durch die Hand der Troianer lassen müsse!"
Während er noch solches erwog, kam Antilochos weinend mit der Schreckensbotschaft, und rief ihm schon von ferne zu: "Wehe mir, Pelide, möchte es doch nie geschehen sein, was du jetzt vernehmen mußt. Unser Patroklos ist gefallen, sie kämpfen um seinen nackten Leichnam, die Waffen hat ihm Hektor abgezogen." Nacht wurde es vor den Augen des Achilles, als er dieses hörte; mit beiden Händen griff er nach dem schwarzen Staube und bestreute Haupt, Antlitz und Gewand. Dann warf er sich selbst, so riesig er war, zu Boden und raufte sich das Haupthaar aus. Jetzt stürzten auch die Sklavinnen, die Achilles und Patroklos erbeutet hatten, aus dem Zelte hervor; mit wankenden Knien rannten sie herbei, als sie ihren Herrn zu Boden gestreckt sahen, und da sie inne wurden, was geschehen war, schlugen sie wehklagend an ihre Brust. Auch Antilochos schwamm in Tränen, jammernd und die Hände des Helden festhaltend, denn er fürchtete, dieser möchte sich mit dem Schwert die Kehle abschneiden.
Achilles selbst heulte so fürchterlich in die Lüfte hinaus, daß seine Mutter im Abgrunde des Meeres, neben ihrem grauen Vater sitzend, die Stimme des Weinenden vernahm, und selber so laut zu schluchzen anfing, daß ihre silberne Grotte sich bald mit den Nereiden füllte, die alle zugleich an die Brust schlugen und die Wehklage mit der Schwester begannen. "Wehemir Armen", rief diese ihren Geschwistern zu, "wehe mir unglücklichen Heldenmutter, daß ich einen so edeln, so tapferen, so herrlichen Sohn gebar! Er wuchs empor, wie eine Pflanze von Gärtnershand gepflegt, dann sandte ich ihn zu den Schiffen gen Troia, aber nie sehe ich ihn wieder, nie kehrt er in den Palast des Peleus zurück; und so lange er das Sonnenlicht noch sieht, muß er solche Qual dulden, und ich kann ihm nicht helfen! Dennoch will ich mein geliebtes Kind zu schauen gehen, will hören, welcher Kummer ihn betraf, während er ungefährdet vom Kampfe bei den Schiffen sitzt!" So sprach die Göttin und stieg mit den Schwestern durch die gespaltenen Wogen hinan zum Gestade, tauchte bei den Schiffen ans Land und eilte dem schluchzenden Sohne zu. "Kind, was weinst du", rief sie, indem sie unter Wehklagen sein Haupt umschlang, "wer betrübt dir dein Herz? Rede, verhehle mir nichts! Ist es doch alles geschehen, wie du gewollt hast, die Männer Griechenlands sind um die Schiffe zusammengedrängt und schmachten trostlos nach deiner Hilfe!" Endlich begann Achilles unter schweren Seufzern: "Mutter, was hilft mir das, seit mein Patroklos, der mir so lieb war, wie mein eigenes Haupt, in den Staub gesunken ist! Meine eigenen köstlichen Waffen, das Ehrengeschenk, das dem Peleus die Götter bei deiner Hochzeit dargebracht, hat ihm sein Mörder Hektor vom Leibe gezogen. O wohntest du doch lieber immer im Meere, und hätte Peleus ein sterbliches Weib, so müßtest du nicht unsterbliches Leid tragen um deinen gestorbenen Sohn, denn nie kehrt er zur Heimat wieder! Ja, das Herz selbst verbietet mir, lebend umherzuwandeln, wenn mir nicht Hektor, von meiner Lanze durchbohrt und sein Leben aushauchend, den Raub meines Patroklos büßt!" Weinend antwortete Thetis: "Ach, nur allzubald verblüht dir das Leben, mein Sohn, denn gleich nach Hektor ist dir dein eigenes Ende bestimmt." Aber Achilles rief voll Unmut: "Möchte ich doch auf der Stelle sterben, da das Schicksal mir nicht vergönnt hat, meinen gemordeten Freund zu verteidigen. Ohne meine Hilfe, fern von der Heimat mußte er sterben; was hilft den Griechen nun mein kurzes Leben? Kein Heil habe ich dem Patroklos, kein Heil unzähligen erschlagenen Freunden gebracht. Bei den Schiffen sitze ich, eine unnütze Last der Erde, so schlecht im Gefecht, wie kein anderer Achiver, im Rate besiegen mich ohnedem andere Helden. Verflucht sei der Zorn bei Göttern und Menschen, der zuerst dem Herzen süß eingeht wie Honig, und bald wie eine Feuerflamme in der Mannesbrust emporwächst!" Und plötzlich fuhr er, sich ermannend, fort: "Doch, Vergangenes sei vergangen; ich gehe, den Mörder des geliebtesten Hauptes zu haschen, den Hektor. Mag mein Los mir werden, wann Zeus und die Götter es wollen, wird doch manche Troianerin über mir mit beiden Händen sich die Tränen des Jammers von der Rosenwange trocknen, und zitternde Seufzer werden ihrer Brust entsteigen. Die Troianer sollen merken, daß ich lange genug vom Kriege gerastet habe! Verwehre mir den Kampf nicht, liebe Mutter!"
"Du hast recht, mein Kind", antwortete ihm Thetis, "nur schade, daß deine strahlende Rüstung in der Gewalt der Troianer ist und Hektor selbst in ihr einherstolziert. Doch soll er nicht lange darin frohlocken, denn in aller Frühe, sobald die Sonne aufgeht, bringe ich dir neue Waffen, die Hephaistos selbst geschmiedet. Nur geh mir nicht früher in die Schlacht, als bis du mich mit eigenen Augen zurückkommen siehst." So sprach die Göttin und hieß ihre Schwestern in den Schoß des Meeres wieder hinabtauchen. Sie selbst eilte hinauf zum Olymp, den Gott der Feuerarbeit, Hephaistos, aufzusuchen.
In dieser Zeit ereilte den Leichnam des Patroklos, den die Freunde davontrugen, der Kampf der Troianer noch einmal, und Hektor kam ihm, gleich daherstürmendem Feuer, so nahe, daß er ihn dreimal hinten am Fuße faßte, um ihn wegzuziehen, und dreimal die beiden Aias ihn von dem Toten hinwegstoßen mußten. Nun wütete er seitwärts durchs Schlachtengewühl, stand dann wieder von neuem und schrie laut auf; zurückweichen wollte er nimmermehr. Vergebens bestrebten sich die beiden Helden, ihn von dem Leichnam abzuschrecken, wie Hirten bei Nacht umsonst einen hungrigen Berglöwen vom Leibe des zerrissenen Rindes zu verscheuchen bemüht sind. Und wirklich hätte Hektor zuletzt die Leiche geraubt, wäre nicht Iris auf Heras Befehl mit der Botschaft zu dem Peliden geflogen, sich, von Zeus und den anderen Göttern ungesehen, heimlich zu bewaffnen. "Aber wie soll ich zur Schlacht gehen", fragte erwidernd Achilles die Götterbotin, "da die Feinde meine Rüstung haben? Auch hat mir meine Mutter selbst alle Bewaffnung verboten, bis ich sie selbst mit einer neuen Rüstung von Hephaistos zurückkehren sehen würde. Ich weiß niemand, dessen Waffen mir gerecht wären, es müßte denn der Riesenschild des Aias sein; aber der hat und braucht ihn selber zum Schütze meines erschlagenen Freundes!" - "Wohl wissen wir", antwortete ihm Iris, "daß du deiner herrlichen Waffen beraubt bist; aber nahe dich einstweilen nur so dem Graben wie du bist, und erscheine den Troianern, vielleicht stehen sie vom Kampfe ab, wenn sie dich nur erblicken, und den Griechen ist Erholung gegönnt."
Als Iris wieder entflogen war, erhob sich der göttliche Achilles. Athene selbst hängte ihm ihren Aigisschild um die Schulter und umgab sein Gesicht mit überirdischem Glänze. So trat er schnell durch Wall und Mauer zum Graben; doch mischte er sich, der mütterlichen Warnung eingedenk, nicht in den Kampf, sondern blieb von ferne stehen und schrie, und in seinen Ausruf mischte sich der Ruf Athenes, daß er wie eine Kriegsposaune ins Ohr der Troianer tönte. Als sie die eherne Stimme des Peliden vernahmen, füllte sich ihr Herz mit unheilvoller Ahnung, und Wagen und Rosse wandten sich rückwärts; mit Grauen sahen die Lenker um das Haupt des Peliden die Flamme brennen, und vor seinem dreifachen Schrei vom Graben her zerstob dreimal das Schlachtgewühl der Troer, und zwölf ihrer tapfersten Männer fielen in dem Gewühl, unter den Wagen und Lanzen ihrer eigenen Freunde. Jetzt war Patroklos den Geschossen entrissen; die Helden legten ihn auf Betten, und voll Wehmut umringten den Leichnam die Freunde. Als Achilles seinen treuen Genossen, von den Speeren zerfleischt, auf der Bahre liegen sah, mischte er sich zum erstenmal wieder unter die Griechen und warf sich mit heißen Tränen über den Leichnam. Die untergehende Sonne beleuchtete das jammervolle Schauspiel.
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Achilles neu bewaffnet
Beide Heere ruhten jetzt vom hartnäckigen Kampfe. Die Troianer lösten ihre Rosse von den Streitwagen, aber noch ehe sie des Mahles gedachten, eilten sie zur Versammlung. Da standen alle aufrecht im Kreise umher, keiner wagte sich zu setzen, denn noch bebten sie vor Achilles und fürchteten sein Wiedererscheinen. Endlich sprach der Sohn des Panthoos, der verständige Polydamas, der allein vorwärts wie rückwärts zu schauen verstand, und riet, nicht auf die Frühe zu warten, sondern sogleich in die Stadt heimzukehren. "Findet Achilles, der Gewappnete", sprach er, "uns morgen noch hier, dann werden diejenigen froh sein, die ihm in die Stadt entrinnen, viele aber werden den Hunden und Geiern zum Fräße dienen. Möge mein Ohr nie von solchem hören! Drum ist mein Rat, die Nacht auf dem Markte der Stadt mit aller Kriegsmacht zu halten, wo hohe Mauern und feste Tore uns ringsum beschützen. In aller Frühe sodann stehen wir wieder auf der Mauer, und wehe ihm, wenn er alsdann, von den Schiffen angestürmt, mit uns um jene zu kämpfen begehrt."
Nun stand auch Hektor auf und begann mit finsterem Blick: "Mir gefällt keineswegs, was du da gesprochen hast, Polydamas. In dem Augenblicke, wo mir Zeus den Sieg verliehen, daß ich die Achaier bis ans Meer zurückgedrängt habe, muß dein Rat dem Volke töricht erscheinen, und kein einziger Troianer wird dir gehorchen. Vielmehr befehle ich Haufen um Haufen, die Nachtkost unter das Heer zu verteilen und der Wachen nicht zu vergessen. Härmt sich einer um sein Gut und Vermögen, der lasse es beim gemeinsamen Gastmahl aufgehen, besser daß die Unsrigen sich daran erlustigen, als daß die Griechen es tun. Am Morgen wiederholen wir sodann den Sturm auf die Schiffe; wenn wirklich Achilles wieder auferstanden ist, so hat er sich das schlimmere Los erkoren, denn ich werde nicht diesen gräßlichen Kampf verlassen, ehe mich oder ihn die Siegesehre krönt!" Die Troianer überhörten die heilsamen Worte des Polydamas, rauschten dem Unheilsworte Hektors Beifall zu und warfen sich hungrig auf ihr Mahl.
Die Griechen aber jammerten die ganze Nacht über der Leiche des Patroklos, und vor allen erhob Achilles die Klage, während seine mörderischen Hände auf dem Busen des Freundes ruhten. "O eitles Wort", sprach er, "das mir damals entfahren ist, als ich, den alten Helden Menoitios im Palaste tröstend, ihm versprach, seinen Sohn nach Troias Zerstörung, reich an Ruhm und Beute, nach Opus in seine Heimat ihm zurückzubringen! Nun ward uns beiden bestimmt, dieselbe fremde Erde mit unserem Blute rot zu färben, denn auch mich werden mein grauer Vater Peleus und meine Mutter Thetis nimmermehr im Palast empfangen, sondern hier vor Troia wird mich das Erdreich bedecken. Aber weil ich doch nach dir in den Boden sinken soll, Patroklos, so will ich dir nicht eher dein Leichenfest feiern, als bis ich dir die Waffen und das Haupt deines Mörders, Hektor, gebracht habe; auch will ich dir zwölf der edelsten Söhne Troias an deinem Scheiterhaufen opfern. Bis dies geschieht, ruhe du hier bei meinen Schiffen, geliebter Freund!" Hierauf befahl Achilles seinen Freunden, einen großen Dreifuß voll Wasser an das Feuer zu stellen, und den Leichnam des gefallenen Helden zu waschen und zu salben. Alsdann wurde er auf schöne Betten gelegt und köstliche Leinwand vom Haupte bis zu den Füßen über ihn gebreitet, auch ein schimmernder Teppich über den Toten geworfen.
Derweil gelangte Thetis an den unvergänglichen, sternenhellen Palast des Hephaistos, den der hinkende Künstler sich selbst aus Erz gebaut. Sie fand ihn dort schwitzend und in voller Arbeit um seine Blasebälge beschäftigt; er bereitete an zwanzig Dreifüße und befestigte unter dem Boden eines jeden goldene Räder, mit welchen sie, ohne von fremder Hand getrieben zu werden, in den olympischen Sälen vor die Götter hinrollten und dann wieder zu ihrem Gemache heimkehrten, wahre Wunderwerke anzuschauen; sie waren bis auf die Henkel fertig, und diese fügte er jetzt eben an, indem er mit dem Hammer die Nägel am gehörigen Orte einschlug. Seine Gattin, die holde Charis, eine der Huldgöttinnen, ergriff die Hand der hereintretenden Göttin, führte sie auf einen silbernen Sessel, rückte ihr einen Schemel unter die Füße und rief ihren Gemahl herbei. Dieser rief, als er die Meeresgöttin erblickte, freudig aus: "Wohl mir, ist doch einmal die Edelste der Unsterblichen bei mir im Hause, die mich, den Neugeborenen, vom Verderben gerettet hat; denn weil ich lahm auf die Welt kam, warf mich die Mutter aus dem Schöße, und ich wäre elendiglich verkommen, wenn nicht Eurynome und Thetis mich in ihrem Schöße aufgefangen hätten und in ihrer Meeresgrotte großgezogen bis ins neunte Jahr. Dort schmiedete ich allerlei Kunstwerke, Spangen, Ringe, Ohrengehenke, Haarnadeln, Kettchen aller Art, in der gewölbten Grotte, und rings um uns her schäumte brausend der Strom des Ozeans. Diese meine Retterin besucht jetzt mein Haus! Bewirte sie, holdselige Gattin, mich aber laß diesen Wust hier aus dem Wege schaffen." So sprach der rußige Gott, erhob sich hinkend vom Amboß und mühsam hin und herwankend, legte er die Blasebälge vom Feuer weg, verschloß alle die mancherlei Gerätschaften in einen silbernen Kasten, wusch sich dann mit einem Schwämme Hände, Angesicht, Hals und Brust, und hinkte in einen Leibrock gehüllt und von geschäftigen Mägden gestützt, wieder aus der Kammer; diese Dienerinnen aber waren keine geschaffenen Wesen, doch lebenden gleich; voll Jugendreiz, alle von ihm aus Gold geschmiedet, mit Kraft, Verstand, Stimme und Kunsttrieb begabt. Sie eilten mit hurtigen Füßen von ihrem Herrn weg, er aber, nachwackelnd, nahm sich einen schmucken Sessel, setzte sich neben Thetis, faßte ihre Hand und sprach: "Ehrenwerte, geliebte Göttin, was führt dich zu meiner Wohnung, die du sonst nur wenig besuchest; sage mir, was du verlangst: alles wird dir mein Herz gewähren, was ich nur gewähren kann und was an sich gewährbar ist."
Da erzählte ihm Thetis ihren ganzen Jammer und bat ihn, seine Knie umfassend, ihrem früh verwelkenden Sohne Achilles, so lange er den Griechen zum Schirm noch lebe, Helm, Schild, Harnisch, Beinschienen und Knöchelbedeckung neu gefertigt zu verleihen; denn die Rüstung der Unsterblichen, die er früher besessen, habe der gefallene Genoß ihm vor Troia verloren. "Mutig, edle Göttin", antwortete ihr Hephaistos, "dein Herz kümmere sich darüber nicht; möchte ich deinen Sohn doch so gewiß aus der Gewalt des Todes retten können, wenn ihm dereinst sein Geschick herannaht, als ich ihm jetzt eine herrliche Rüstung fertigen will, die ihn erfreuen soll, und die noch mancher Sterbliche, der sie erblickt, anstaunen wird!" So sprach er, verließ die Göttin, und in seine Feueresse hinkend, kehrte er die Blasebälge ins Feuer und ließ sie mit Macht arbeiten. Ihrer zwanzig schickten den glühenden Wind zugleich in die Ofen hinein, während in mächtigen Tiegeln Erz, Zinn, Silber und Gold auf der Glut stand. Alsdann richtete er den Amboß auf dem Bocke zurecht, griff mit der Rechten nach seinem gewaltigen Hammer und faßte mit der Linken die Zange. Und nun fing er an zu schmieden und formte zuerst den riesenmäßigen starken Schild aus fünf Schichten, mit einem Silbergehenk und dreifachem blankem Rande. Auf der Wölbung des Schildes bildete er die Erde, das wogende Meer, den Himmel mit Sonne, Mond und allen Gestirnen ab; ferner zwei blühende Städte, die eine voll von Hochzeitsfesten und Gelagen, mit Volksversammlung, Markt, hadernden Bürgern, Herolden und Obrigkeiten; die andere von zwei Heeren zugleich belagert, in den Mauern Weiber, unmündige Kinder, wankende Greise; die Männer der Stadt, vor dieser draußen in einen Hinterhalt gelagert, und den Hirten in die Herden fallend. Auf einer anderen Seite Schlachtgetümmel, Verwundete, Kampf und Leichname und Rüstungen. Weiter schuf er ein lockeres Brachfeld, mit Bauern und Ochsen am Pflug, ein wallendes Ährenfeld voll Schnitter; seitwärts unter einer Eiche die Mahlzeit bereit; weiter einen Rebengarten voll schwarzer, schwellender Trauben, an Pfählen von lauterem Silber, ringsum ein Graben von blauem Stahl und ein Gehege von Zinn; eine einzige Furche führte durch den Weingarten, und eben war Lese. Jünglinge jauchzten und rosige Jungfrauen trugen die süße Frucht in schönen Körben davon; mitten in der Schar ging ein Leierknabe, den andere umtanzten. Weiter schuf er eine Rinderherde aus Gold und Zinn, längs einem wallenden Fluß, mit vier goldenen Hirten und neun Hunden; vorn in die Herde waren zwei Löwen gefallen und hatten einen Stier gefaßt, die Hirten hetzten ihre Hunde, die bellend auf Sprungweite von den Löwen standen. Wiederum schuf er eine anmutige Taltrift, von silbernen Schafen durchschwärmt, mit Hirtengehegen, Hütten und Ställen; endlich einen Reigen von blühenden Jünglingen und Jungfrauen in glänzenden Gewändern, jede Tänzerin schmückte ein Kranz, die Tänzer hatten goldene Dolche an silbernen Riemen hängen; zwei Gaukler drehten sich im Kreise zur Harfe eines Sängers; Zuschauergedränge umgab den Reigen. Um den äußersten Rand des Schildes schlang sich der Strom des Ozeans wie eine Schlange.
Als er den Schild vollendet, schmiedete er auch den Harnisch und gab ihm helleren Glanz als das Feuer hat; dann den schweren prangenden Helm, den Schläfen ganz gerecht, mit goldenem Haarbusch; und zuletzt Beinschienen aus dem feinsten Zinn. Dieses ganze Gerät legte er gehäuft vor die Mutter des Peliden hin. Sie aber warf sich auf die Rüstung, wie ein Habicht auf die Beute, dankte und trug das schimmernde Waffengeschmeide mit ihren Götterhänden von dannen.
Mit dem ersten Morgenlicht war sie wieder bei ihrem Sohne, der noch immer weinend und von jammernden Genossen umgeben über seinen Freund Patroklos gestreckt lag. Sie legte die Waffen vor Achilles nieder, daß alle die Wunder zusammen rasselten. Die Myrmidonen zitterten bei dem Anblick, und keiner wagte, der Göttin gerade ins Gesicht zu schauen. Dem Peliden aber funkelten die Augen unter den Wimpern wie Feuerflammen, von Zorn und Freude; er hielt die herrlichen Gaben des Gottes, eine um die andere, in die Höhe, und weidete lange sein Herz an der Betrachtung. Dann brach er auf, sich damit zu waffnen. "Sorget mir dafür", sprach er im Weggehen zu seinen Freunden, "daß nicht Fliegen in die Wunden meines erschlagenen Streitgenossen schlüpfen und den schönen Leichnam entstellen!" -"Laß dies meine Sorge sein", sprach Thetis, und nun flößte sie dem Patroklos Ambrosia und Nektar in die halbgeöffneten Lippen, und dieser Götterbalsam durchdrang seinen Leib, daß er blieb wie ein Lebender.
Achilles aber ging an den Meeresstrand, und seine Donnerstimme rief die Danaer herbei. Da lief zusammen, was wandeln konnte; selbst die Steuermänner, die die Schiffe noch nie verlassen hatten, kamen herbei; herbei hinkten, auf ihre Lanze gestützt, Diomedes und Odysseus, die Verwundeten; alle Helden kamen, am spätesten erschien der Völkerfürst Agamemnon, auch er noch krank an der Wunde, die ihm Koon, der Sohn des Antenor, mit dem Speer gebohrt hatte.
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Achilles mit Agamemnon versöhnt
Als die Versammlung vollzählig war, stand Achilles auf und sprach: "Sohn des Atreus, hätte lieber der Artemis Pfeil an jenem Tage die Tochter des Brises bei den Schiffen getötet, an dem ich sie mir aus dem zerstörten Lyrnessos zur Beute erlesen, ehe so viele Argiver, dieweil ich zürnte, von den Feinden gebändigt, den Staub mit den Zähnen knirschen mußten! Vergessen sei das Vergangene, wenn es uns auch in der Seele kränkt; mein Zorn wenigstens ist besänftigt. Auf nun zum Gefecht! Ich will versuchen, ob die Troianer noch Lust haben, bei den Schiffen zu ruhen!"
Unermeßlicher Jubel der Griechen erfüllte bei diesen Worten die Luft. Und jetzt erhob sich Agamemnon, der Völkerfürst, und sprach, aufgestanden von seinem Sitze, doch ohne, wie andere Redner, in den Kreis vorzutreten: "Bändiget eure Zungen! Wer vermag bei solchem Getümmel zu reden oder zu hören? Ich will mich dem Sohne des Peleus erklären, ihr anderen merkt's und beherziget meine Worte. Oft schon haben mich die Söhne Griechenlands über mein Betragen an jenem Unglückstage gestraft. Doch war die Schuld nicht mein: Zeus, die Moira und die Erinnyen schickten mir damals in der Volksversammlung die verderbliche Verblendung zu. So mußte ich fehlen. Aber so lange Hektor um die Schiffe her die Scharen der Argiver vertilgte, ward ich unaufhörlich an meine Schuld gemahnt, und ich wurde es inne, daß Zeus mir die Besinnung hinweggenommen hatte. Nun will ich gern büßen, was ich gefehlt, ich biete dir Sühnung, Achilles, so viel du begehrst. Ziehe in den Kampf und ich bin erbötig, dir alle die Geschenke reichen zu lassen, die dir Odysseus, von mir in dein Zelt abgesandt, jüngst noch verheißen hat. Oder wenn du lieber willst, so bleibe noch so lange, bis meine Diener aus dem Schiffe sie hergebracht haben, damit du mit eigenen Augen sehest, wie ich mein Versprechen erfülle."
"Ruhmvoller Völkerfürst Agamemnon", antwortete der Held, "mag es dir gut dünken, mir die Geschenke, wie es ziemlich ist, zu reichen, oder sie zu behalten, es gilt mir gleich. Jetzt aber laß uns ohne Verzug der Schlacht gedenken, denn noch ist vieles ungetan, und mich verlangt danach, daß man den Achilles wieder im Vordertreffen gewahr werde!" Aber der kluge Odysseus tat Einrede und sprach: "Göttergleicher Pelide, treibe die Achiver nicht so ungespeist vor Troia hin! Laß sie sich vorher bei den Schiffen mit Speise und Wein erquicken, denn nur das gibt Kraft und Stärke! Inzwischen mag Agamemnon das Geschenk in unseren Kreis bringen, daß alle Danaer es mit Augen schauen, und dein Herz sich daran erfreue. Und darauf soll er selbst dich in seinem Gezelte feierlich mit einem köstlichen Mahl bewirten." -"Freudig habe ich dein Wort vernommen, Odysseus", antwortete der Atride, "du aber, Achilles, wähle dir selbst die edelsten Jünglinge aus dem ganzen Heere, daß sie dir alle Geschenke aus meinem Schiffe herbeibringen, und Thalthybios, der Herold, schaffe uns einen Eber herbei, daß wir Zeus und dem Sonnengott opfern und ohne Fährde den Bund der Eintracht beschwören." - "Tut ihr, wie ihr wollt", sprach Achilles, "mir soll weder Trank noch Speise durch die Kehle gleiten, so lange mir der Freund zerfleischt im Zelte daliegt. Mich verlangt nur nach Mord und Blut und Geröchel der Sterbenden!" Aber Odysseus sprach besänftigend zu ihm: "Erhabenster Held aller Griechen, du bist viel stärker als ich und viel tapferer im Speerkampf; am Rate jedoch mochte ich es dir vielleicht zuvortun, denn ich habe länger gelebt und mehr erfahren. So füge sich denn diesmal dein Herz meiner Ermahnung. Die Danaer müssen ja ihre Toten nicht mit dem Bauch betrauern; wie einer gestorben, beerdigt man ihn und beweint ihn einen Tag; wer aber entronnen ist, der stärke sich mit Trank und Speise, damit wir um so rastloser kämpfen mögen!"
So sprach er und wandelte, Nestors Söhne, dann auch den Meges, Meriones, Thoas, Melanippos und Lykomedes sich beigesellend, mit diesen der Lagerhütte Agamemnons zu. Dort nahmen sie die versprochenen Geschenke, sieben Dreifüße, zwölf Rosse, zwanzig Becken, sieben untadelige Weiber und die rosige Briseis als achte. Odysseus wog die zehn Talente Goldes dar und schritt mit ihnen voran, die Jünglinge mit den anderen Geschenken folgten. So stellten sie sich in den Volkskreis; Agamemnon erhob sich von seinem Sitze, der Herold Thalthybios aber faßte den Eber, richtete ihn zum Opfer zu, betete und zerschnitt ihm die Kehle. Dann warf er den geschlachteten wirbelnd in die Meerflut, den Fischen zum Fraß. Nun stand Achilles auf und sprach vor den Argivern: "Vater Zeus, wie große Verblendung sendest du doch oft den Männern zu! Gewiß hätte mir der Sohn des Atreus nicht den Zorn so fürchterlich im Herzen aufgeweckt, oder nicht so unbeugsam mit Gewalt mir das Mädchen entführt, wenn du nicht den Tod vielen Danaern hättest bereiten wollen! Doch nun laßt uns zum Mahle gehen und uns dann zum Angriffe rüsten."
Nachdem der Held so gesprochen, trennte sich die Versammlung. Als die Tochter des Brises, holdselig wie Aphrodite, in das Zelt ihres früheren Gebieters trat und den Helden Patroklos mit seinen tiefen Speerwunden auf den Teppichen ausgestreckt daliegen sah, zerschlug sie sich Brust und Wangen, und warf sich weinend über ihn. "Ach, mein teurer Patroklos", rief sie, "der du mein liebreichster Freund im Elend warst, blühend verließ ich dich im Zelte, tot finde ich dich wieder! So verfolgt mich immer Unheil auf Unheil. Meinen Bräutigam sah ich vor unserer Stadt vom Speer getötet, drei leibliche herzlichgeliebte Brüder riß mir derselbe Unglückstag von der Seite weg. Dennoch, als Achilles meinen Freund erschlagen und meine Heimat verheert hatte, wolltest du mich nie weinen sehen; du versprachst, mich dem Peliden zu vermählen, sobald du mich auf den Schiffen nach Phthia gebracht hättest, und dort unter den Myrmidonen meine Hochzeit zu feiern. Nie werde ich aufhören, dich zu beweinen, du Freundlicher." So sprach sie weinend, und ringsum seufzten mit ihr die gefangenen Weiber, zum Schein um den Patroklos, im Grunde aber jede über ihr eigenes Elend.
Die edelsten Danaerfürsten umringten indessen den Peliden, indem sie ihn flehentlich baten, sich doch des Mahles zu erfreuen. Doch er weigerte sich dessen unter Seufzen. "Wenn ihr wirklich Liebe zu mir heget", sprach er, "so verlanget nicht, mir das Herz zu erfrischen, ihr Freunde, mein Kummer duldet es nicht. Laßt mich bleiben, wie ich bin, bis die Sonne ins Meer sinkt." Mit diesen Worten entließ er die anderen Fürsten, und nur die beiden Atriden, Odysseus, Nestor, Idomeneus und Phoinix blieben zurück. Sie alle waren vergebens bestrebt, den Trauernden aufzuheitern, doch dieser blieb regungslos, und wenn er einmal sprach, so flog sein Atem schneller und seine Rede galt dem toten Freunde. "Ach wie oft hast du mir", sagte er, "vordem selber, wenn das Heer der Griechen zur Schlacht hinausdrang, in geschäftiger Hast das labende Frühstück nach dem Zelt gebracht! Jetzt liegst du erschlagen hier, und mich vermag von all dem reichlichen Vorrat nichts zu erquicken. Herberes hatte mich nicht treffen können, selbst nicht die Botschaft vom Tode meines Vaters Peleus oder meines lieben Sohnes Neoptolemos, der mir in Skyros erzogen wird, wenn er anders noch lebt. Früher tröstete mich immer noch die Hoffnung, ich würde allein hier sterben dürfen, du aber werdest nach Phthia heimkehren, und meinen Sohn von Skyros abholen, ihn in alle meine Habe einzusetzen, denn daß mein Vater Peleus, immer den schrecklichen Boten erwartend, der ihm meinen frühen Tod zu verkündigen käme, längst von Alter und Traurigkeit niedergebeugt gestorben sei, das ahnt mir ja im Geiste." So sprach er weinend, und die Fürsten im Kreise seufzten mit, denn jeder dachte daran, was er im eigenen Hause von Geliebten zurückgelassen. Mitleidig sah Zeus von seiner Höhe auf die Trauernden herab, wandte sich schnell zu seiner Tochter Pallas und sagte: "Kümmert sich denn dein Herz gar nicht mehr um den edlen Helden, trautes Töchterchen, der dort, während die anderen zum Frühmahle hingingen, um seinen Freund wehklagend dasitzt, ohne Speise und Trank zu berühren. Auf, labe ihm sogleich die Brust mit Nektar und Ambrosia, daß ihm in der Schlacht kein Hunger nahe!"
Wie ein Adler mit breiten Flügeln schwang sich die Göttin, die längst danach verlangt hatte, ihrem Freunde zu helfen, durch den Äther, und während das Heer sich eifrig zur Schlacht rüstete, flößte sie Nektar und Ambrosia sanft und unvermerkt in die Brust des Peliden, daß seine Knie ihm nicht im Treffen von Hunger erstarrten. Dann kehrte sie zum Palast ihres allmächtigen Vaters heim. Inzwischen drangen, Helm an Helm, Schild an Schild, Harnisch an Harnisch und Lanzen an Lanzen, die Danaer aus den Schiffen hervor; das ganze Erdreich leuchtete von Erz und dröhnte von Erz unter ihren Fußtritten. Mitten unter den Dahineilenden bewaffnete sich Achilles, mit den Zähnen knirschend und Glut in den Augen wie feurige Lohe. Er ergriff das Göttergeschenk, legte zuerst Schienen und Knöchelbedeckung an, dann deckte er die Brust mit dem Harnisch, warf das Schwert um die Schulter und ergriff den Schild, der dem Vollmond ähnlich durch den Äther glänzte. Dann setzte er den schweren Helm mit dem hohen goldenen Busch, strahlend wie ein Gestirn, aufs Haupt, und die Mähne flatterte aus gesponnenem Golde von ihm herab. Nun versuchte er sich selbst in der Rüstung, ob sie ihm auch genau paßte und sich selbst die Glieder ungehemmt bewegten, und siehe, seine Waffen deuchten ihm wie Flügel und schienen ihn vom Boden emporheben zu wollen. Jetzt zog er den schweren gediegenen Speer seines Vaters Peleus, den kein anderer Danaer schwingen konnte, aus dem schönen Gehäuse; Automedon und Alkimos schirrten die Rosse ein, legten jedem den Zaum ins Maul und spannten die Zügel über den Wagensitz. In diesen sprang Automedon, die blanke Geißel fassend, und in Waffen strahlend schwang sich hinter ihm Achilles auf. "Ihr unsterblichen Rosse", rief dieser dem Gespanne seines Vaters zu, "ich sag' es euch, bringt mir, nachdem wir uns in der Schlacht gesättigt haben, die Helden, die ihr führet, anders ins Heer zurück, als Patroklos zurückgekehrt ist, den ihr tot im Gefilde liegen ließet." Wie der Held so sprach, ward ihm ein grauenhaftes Wunderzeichen zuteil: sein Roß Xanthos neigte das Haupt tief zur Erde, daß die wallende Mähne ganz aus dem Ringe des Joches hervordrang und bis auf den Boden hinuntersank; und von der Göttin Hera plötzlich mit Sprache begabt, erteilte es ihm unter dem Joch die traurige Nachricht: "Wohl, starker Achilles, führen wir jetzt dich, den Lebenden, rüstig dahin; aber der Tag des Verderbens ist dir nahe. Nicht unsere Säumnis oder Fahrlässigkeit, sondern das Verhängnis und die Allmacht der Götter hat dem Patroklos das Leben geraubt und dem Hektor Siegesruhm gegeben. Wir können mit Zephyros, dem schnellsten der Winde, in die Wette laufen und ermüden nicht. Dir aber ist vom Geschicke bestimmt, unter der Hand eines Gottes zu erliegen." So sprach das Roß und wollte noch weiter sprechen, aber die Macht der Rachegöttinnen hemmte seinen Laut, und Achilles antwortete voll Unmut: "Xanthos, was redest du mir da vom Tode? Es bedarf deiner Weissagung nicht, weiß ich doch selbst, daß mich, ferne von Vater und Mutter, das Schicksal hier wegraffen wird. Doch auch so raste ich nicht, bis Troianer genug vor mir im Kampfe erlegen sind!" So sprach er und lenkte mit lautem Ruf die stampfenden Rosse vorwärts.
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Schlacht der Götter und Menschen
Im Olymp hatte Zeus eine Götterversammlung berufen, in welcher er den Olympischen erlaubte, beiden Teilen, Troianern und Griechen, zu helfen, wie einen jeden die Gesinnung triebe, denn wenn Achilles, ohne daß die Götter Anteil an der Schlacht nähmen, die Troianer jetzt bekämpfte, so würde er selbst gegen das Schicksal Troia auf der Stelle erobern. Auf dies Zugeständnis gingen die Götter sogleich zweierlei Wege: Hera die Göttermutter, Pallas Athene, Poseidon, Hermes und Hephaistos eilten zu den Schiffen der Griechen; Ares ging unter die Troianer und mit ihm Phoibos und Artemis, beider Mutter Leto, der Flußgott Skamander, bei den Göttern Xanthos genannt, und Aphrodite.
So lange die Götter sich noch nicht unter die heranrückenden Heere gemischt hatten, trugen die Griechen das Haupt hoch, weil der schreckliche Achilles wieder in ihrer Mitte war. Den Troianern zitterten die Glieder vor Angst, als sie von ferne den Peliden in seinen blinkenden Waffen erblickten, dem furchtbaren Kriegsgott ähnlich. Plötzlich aber erschienen die Götter in beiden Heeren und drohten den Kampf wieder unentschieden zu machen. Da stand Athene bald außerhalb der Mauer am Graben, bald am Meeresstrand und ließ ihren mächtigen Ausruf hören. Auf der anderen Seite ermahnte Ares bald von der obersten Höhe der Stadt die Troianer brüllend wie ein Sturm, bald durchflog er die Reihen am Simoeisfluß. Durch beide Scharen tobte Eris, die Göttin der Zwietracht, dazu donnerte gräßlich vom Olymp herab Zeus, der Beherrscher der Schlachten, Poseidon erschütterte die Erde von unten, daß die Häupter aller Berge und die Wurzeln des Ida wankten, und Pluton selbst, der Fürst der Nacht, erschrak und bebend vom Throne sprang, weil er fürchtete, ein Erdriß möchte sein geheimnisvolles Reich Sterblichen und Göttern offenbaren. Nun stellten sich die Götter einander unmittelbar im Kampfe entgegen; dem Meergotte Poseidon begegnete Phoibos Apollon mit seinen Pfeilen, dem Kriegsgotte Pallas Athene, der Göttermutter Artemis mit dem Bogen, Hermes der Leto, dem Hephaistos Skamander.
Während so Götter auf Götter zurückten, suchte Achilles im Gewühl nur den Hektor auf, Apollon aber, in den Sohn des Priamos, Lykaon, verkleidet, schickte ihm den Helden Aineias entgegen, daß er von Mut beseelt, im schimmernden Erzpanzer, schnell in die vordersten Reihen vordrang. Doch blieb der Held im Getümmel der Heranziehenden nicht unbemerkt von Hera; schnell sammelte sie die ihr befreundeten Götter um sich und sprach: "Überleget ihr beide, du Poseidon und Athene du, wohin unsere Sache sich jetzt wende. Dort kommt, von Phoibos gereizt, Aineias gegen den Peliden angestürmt; diesen müssen wir entweder verdrängen, oder es muß einer von uns die Kraft des Achilles erhöhen, daß er spüre, die mächtigsten Götter seien mit ihm. Heute nur soll ihm nichts vom Troianervolk geschehen, nur deswegen sind wir alle ja vom Olymp herabgekommen. Künftig mag er dulden, was die Parze ihm bei seiner Geburt gesponnen hat." -"Sei besonnen, Hera", erwiderte Poseidon, "ungern möchte ich, daß wir, ich und ihr anderen, vereinigt gegen die Götter anrennten, es wäre nicht ziemlich, denn wir sind die weit überlegenen; laß uns vielmehr abseits vom Wege dort auf die Warte uns niedersetzen. Wenn aber Ares oder Apollon zuerst den Kampf anheben, wenn sie den Achilles hindern und sich nicht frei im Streite bewegen lassen, alsdann haben auch wir ein Recht, am Gefecht teilzunehmen, und gewiß kehren unsere Gegner dann, von unserer Kraft gebändigt, eilig in den Olymp zur Schar der anderen Götter zurück!" Der Meergott wartete nicht auf die Antwort, sondern schüttelte seine finsteren Locken und ging voran auf den Wall des Herakles, den vor Zeiten Pallas und die Troianer diesem zum Schütze gegen die Meerungeheuer aufgetürmt hatten. Dorthin eilte Poseidon; die anderen Götter folgten ihm, und hier saßen sie nun, die Schultern in undurchdringlichen Nebel gehüllt. Gegenüber auf dem Hügel Kallikolone setzten sich Ares und Apollon, und so saßen die Unsterblichen säumend und sinnend, getrennt, aber kampfbereit und nicht ferne voneinander.
Unterdessen füllte sich ringsum das Gefilde und strahlte vom Erz der Streiter und der Wagen, und der Boden dröhnte vom Fußtritte der Herankommenden. Doch bald erschienen zwei Männer, einer aus jedem Heer, kampfbereit hervorgerannt: Aineias, der Sohn des Anchises, und Achilles, der Pelide. Zuerst schritt Aineias heraus; vom schweren Helme nickte sein Federbusch, den riesigen Stierschild hielt er vor die Brust und schwenkte seinen Wurfspieß drohend. Als der Pelide dies sah, drang auch er wie ein grimmiger Löwe mit Ungestüm vor. Als sie ganz nahe aneinander waren, rief er: "Was wagst du dich so weit aus der Menge hervor, Aineias? Hoffst du etwa das Volk der Troianer zu beherrschen, wenn du mich erlegst? Törichter, diese Ehre wird dir Priamos nie einräumen, hat er doch Söhne die Fülle, und er selbst, der Alte, gedenkt noch nicht vom Throne zu steigen. Oder versprachen dir vielleicht die Troianer ein köstliches Landgut, wenn du mich erschlügest? Hab ich dich doch, wie ich meine, im Beginne dieses Kampfes schon einmal mit meiner Lanze verfolgt! Denkst du nicht mehr daran, wie ich dich, den Vereinzelten, dort von den Rinderherden weg die Höhen des Ida hinabjagte? Da schautest du dich im Fliehen nicht einmal um, und bis nach der Stadt Lyrnessos trugen dich deine Füße. Ich aber warf sie mit Pallas und Zeus in Trümmer, und nur die Barmherzigkeit des letzteren rettete dich, während ich Weiber und Beute genug davonführte. Doch heute werden dich die Götter nicht zum zweitenmal retten, ich rate dir, begieb du dich schleunig wieder unter die Menge zurück und hüte dich, mir zu begegnen, daß dir kein Leid geschehe!" Dagegen rief Aineias: "Hoffe mich nicht mit Worten wie einen Knaben abzuschrecken, Pelide, herzzerschneidende Worte könnte auch ich dir zurufen. Kennt doch einer vom Rufe des anderen Geschlecht wohl; daß dich die Meeresgöttin Thetis gebar, weiß ich; ich aber rühme mich, Aphrodites Sohn und des Zeus Enkel zu sein. Auch werden wir nicht mit kindischen Worten voneinander aus dem Schlachtfelde scheiden; laß uns deswegen nicht länger hier, gleich albernen Kindern, schwatzend in der Mitte des Getümmels stehen! Die ehernen Kriegslanzen sind es, die wir einander zu kosten geben wollen." So sprach er und schwang den Speer zum Wurfe, von dem der entsetzliche Schild des Achilles ringsum nachhallte; doch durchstürmte das Geschoß nur die zwei äußeren Schichten von Erz, die beiden inneren waren von Zinn, und von den mittleren goldenen wurde die Lanze gehemmt. Jetzt schwang auch der Pelide seinen Speer; dieser traf den Schild des Aineias am äußersten Rande, wo das Erz und die Stierhaut am dünnsten war; Aineias duckte sich und streckte in der Angst den Schild in die Höhe, so sauste ihm die Lanze, die beiden Schildränder durchfahrend, über die Schulter hm und bohrte sich aufrecht dicht neben ihm in den Boden ein, daß der Sohn Aphrodites vor der Todesgefahr schwindelte. Und schon rannte Achilles mit gezücktem Schwerte, laut schreiend, herbei. Da ergriff Aineias einen ungeheuren Feldstein, wie ihn zwei jetzige Sterbliche nicht aufheben könnten, er aber schwang ihn ganz behende. Hätte er nun mit dem Steine nur des Gegners Helm oder Schild getroffen, so wäre er unfehlbar dem Schwerte des Peliden erlegen.
Das erbarmte selbst die Götter, die, den Troianern abhold, auf dem Herakleswalle saßen. "Es wäre doch schade", sprach Poseidon, "wenn Aineias, weil er Apollons Wort gehört hat, zum Hades hinabfahren sollte; auch fürchte ich, Zeus könnte zürnen, denn haßt er gleich den Stamm des Priamos, so will er ihn doch nicht ganz vertilgen, und durch Aineias soll das Herrschergeschlecht in Kindern und Kindeskindern fortdauern. " - "Tue, was du willst", erwiderte Hera, "ich und Pallas, wir haben es mit einem Eidschwur beteuert, daß wir kein Unglück, welches es auch sei, von den Troianern abhalten wollen."
Diese Unterredung war das Werk eines Augenblickes; Poseidon flog in den Kampf, zog unsichtbar den Speer aus dem Schilde des Aineias und legte diesen dem Achilles quer vor die Füße, nachdem er die Augen des Helden mit einem dichten Nebel umgössen hatte. Den Troianer selbst schleuderte er, ihn hoch von der Erde aufhebend, über Wagen und Streiter hinweg, an die Grenzen der Schlachtordnung, wo das Volk der kaukonischen Bundesgenossen kampfgerüstet einherzog. "Welcher Gott", so schalt Poseidon hier den geretteten Helden, "verblendete dich, Aineias, gegen den Liebling der Götter, den weit mächtigeren Peliden, kämpfen zu wollen? Weich in Zukunft zurück, so oft du ihm begegnest; hat ihn einmal das Schicksal erreicht, dann magst du dich getrost in den vordersten Reihen schlagen!" Jetzt verließ ihn der Gott und zog vor Achilles' Augen den Nebel hinweg, der verwundert seine Lanze an der Erde liegen und den Mann verschwunden sah. "Troll er sich immerhin mit eines Gottes Hilfe", sprach er verdrießlich, "ich bin sein Fliehen schon gewohnt." Dann sprang er in die Reihen der Seinigen zurück und ermunterte sie zur Schlacht. Drüben aber feuerte Hektor die Seinigen an, und nun folgte ein wilder gemischter Angriff. Als Phoibos Apollon sah, wie gierig Hektor dem Peliden entgegenstrebte, flüsterte er ihm ein Warnungswort ins Ohr, vor welchem Hektor erschrocken in den Haufen seiner Streiter zurückwich. Achilles aber drang stürmend unter die Feinde ein, und sein erster Speerwurf spaltete dem tapferen Iphition das Haupt, daß er zu Boden fiel und, von den Wagenrädern der Danaer zermalmt, im vordersten Gewühle dalag. Dann stieß er dem Sohne Antenors, Demoleon, den Speer in die Schläfe, dem Hippodamas stach er, als er eben vom Wagen herabsprang, die Lanze in den Rücken; dem Pammon, dem Sohne des Priamos, bohrte er sie, wie er gerade an ihm vorüberflog, in den Rückgrat an der Spange des Gurtes, daß sie vorn herausdrang und der Jüngling heulend ins Knie sank.
Als Hektor seinen Bruder auf der Erde gekrümmt sah, das eigene Gedärm in den Händen, wurde es Nacht vor seinen Augen; er konnte nicht länger entfernt vom Kampfe bleiben und stürmte trotz der Warnung des Gottes gerade auf Achilles los, seinen Speer wie einen Blitzstrahl zückend. Achilles frohlockte, als er ihn sah. "Dies ist der Mann", sprach er, "der meinem Herzen in der tiefsten Tiefe weh getan hat. Wollen wir länger voreinander fliehen, Hektor? Näher heran, daß du auf der Stelle das Todesziel erreichest!" - "Wohl weiß ich, wie tapfer du bist", antwortete Hektor unerschrocken, "und wie weit ich dir nachstehe; doch wer weiß, ob die Götter mein Geschoß nicht begünstigen, daß es dir, obwohl vom schwächeren Manne abgesendet, dennoch dein grausames Leben raubt." Seinen Worten schickte er die Lanze nach. Aber Athene stand hinter dem Peliden und trieb sie mit einem leisen Anhauche gegen Hektor zurück, daß sie ihm kraftlos zu Füßen sank. Nun stürzte Achilles heran, den Gegner mit einem Speerstoße zu durchbohren; doch Apollon schlug einen Nebel um Hektor, entrückte ihn, und dreimal stach der heranstürmende Pelide in die leere Luft. Als er das vierte Mal vergebens anrannte, rief er mit drohender Stimme: "So entrannst du abermals dem Tode, du Hund, und hast gewiß zu deinem Phoibos gebetet; aber wenn anders ein Gott auch mich begleitet, entrinnst du künftig dem Verderben von meiner Hand nicht! Für jetzt gehe ich, andere zu erhaschen." So sprach er und stach dem Dryops die Lanze in den Hals, daß er ihm vor die Füße taumelte, durchbohrte dem Demuchos das Knie mit einem Speerwurf; stürzte den Laogonos und Dardanos, die Söhne des Bias, jenen mit einem Lanzenwurfe, den mit einem Schwerthiebe vom Wagen; dem Tros, dem Sohne Alastors, spaltete er die Leber, obgleich er ihm die Knie flehend umfaßte; dem Mulios fuhr seine Lanze durch ein Ohr bis zum anderen; dem Sohne Agenors, Echeklos, schwang er das Schwert tief in den Schädel, den Deukalion traf seine Lanzenspitze unter dem Armbug, und sein Haupt flog vor seinem Schwerte mitsamt dem Helm in den Staub; Rhigmos, dem Thrakier, schoß er die Lanze in den Bauch, und seinen Wagenlenker Areithoos warf er mit einem Speerstoße vom Sitz. So wütete der göttergleiche Held wie ein Wind im entsetzlichen Waldbrande; seine Rosse trabten stampfend über Schilde und Leichname dahin, die Achse seiner Wagenräder troff von Blut, und bis zu den schmucken Rändern des Sitzes spritzten die Tropfen empor.
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Kampf des Achilles mit dem Stromgott Skamander
Als die Fliehenden und ihr Verfolger an die Flut des Wirbel drehenden Skamander gekommen waren, teilte sich die Flucht. Ein Teil warf sich stadtwärts auf das Blachfeld, wo am vorigen Tage Hektor als Sieger die Griechen getummelt hatte. Über sie breitete Hera ein dichtes Gewölk aus und hinderte sie so, weiter zu fliehen. Die anderen aber, hart an das Gewässer des Stromes gedrängt, stürzten sich in seine tosenden Wirbel hinab, daß die Gestade ringsumher widerhallten. Dort schwammen sie durcheinander wie Heuschrecken, die man mit Feuer ins Wasser gescheucht hat; so füllte sich mit einem Gewirre von Rossen und Männern der ganze Fluß. Da lehnte der Fehde seine Lanze an einen Tamariskenbaum des Ufers und stürzte sich, das Schwert allein in der Hand, wie ein Gott ihnen nach. Bald rötete sich das Wasser von Blut, und unter seinen Streichen erhob sich hier und dort ein Röcheln aus den Wellen; er wütete wie in einer Hafenbucht ein ungeheurer Delphin, der von den anderen Fischen verschlingt, welchen er erhascht. Als ihm allmählich vom Morden die Hände starr wurden, ergriff er doch noch zwölf Jünglinge lebendig im Strome; er zog sie der Sinne halb schon beraubt heraus und übergab sie den Seinigen, um dort als Sühnopfer für den Tod seines Freundes Patroklos zu fallen.
Als der Held nun wieder in den Strom stürzte, nach neuem Würgen sich sehnend, begegnete ihm, eben aus den Fluten aufstrebend, Lykaon, der Sohn des Priamos, und Achilles stutzte bei dem Anblick. Ihn hatte einst bei einem früheren nächtlichen Überfalle der Pelide im Obsthaine seines Vaters Priamos überrascht, wo er gerade wilde Feigensprossen zu einem Sesselrande seines Wagens schnitt. Damals entführte ihn Achilles mit Gewalt und sandte ihn zu Schiffe nach der Insel Lemnos, wo der Sohn des Iason, Euneos, ihn als Sklaven an sich kaufte. Als nun ein anderer Sohn des Iason, Eetion, Fürst von Imbros, seinen Halbbruder zu Lemnos besuchte, kaufte er den feinen Jüngling diesem um teures Geld ab und sandte ihn nach seiner Stadt Arisbe. Als Lykaon hier einige Zeit gelebt, schlich er sich heimlich von dannen und rettete sich nach Troia. Es war der zwölfte Tag, daß er aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, und jetzt fiel er zum zweitenmal dem Achilles in die Hände. Wie dieser ihn mit wankenden Knien kraftlos aus dem Strome hervortauchen sah, sprach er staunend zu sich selber: "Wehe mir, welch Wunder muß ich erblicken! Gewiß werden jetzt auch die anderen Troianer, die ich erschlagen habe, aufs neue aus der Nacht hervorkriechen, da dieser wiederkommt, den ich vor langer Zeit nach Lemnos verkauft habe! Nun, wohlan, mag er die Spitze unserer Lanzen kosten und es dann versuchen, ob er auch aus dem Boden zurückkehren kann!" Doch ehe Achilles recht mit dem Speere zielen konnte, hatte sich Lykaon heraufgeschwungen, umschlang ihm mit der einen Hand die Knie und faßte mit der anderen seine Lanze. "Erbarme dich meiner, Achilles", rief er, "war ich doch einst deinem Schütze anvertraut! Damals trug ich dir hundert Stiere ein, jetzt will ich mich dreimal so hoch lösen! Erst seit zwölf Tagen bin ich in der Heimat, nach langer Qual der Gefangenschaft, aber Zeus muß mich wohl hassen, daß er mich von neuem in deine Hand gegeben. Doch töte mich nicht; ich bin ein Kind Laothoes und kein leiblicher Bruder des Hektor, der dir deinen Freund gemordet hat." Aber Achilles faltete die Stirn und mit unbarmherziger Stimme sprach er: "Schwatze mir nicht von Lösung, du Tor; ehe Patroklos starb, war mein Herz zu schonen willig, jetzt aber entflieht keiner dem Tode. So stirb denn auch du, mein Guter; sieh mich nicht so kläglich an! Ist doch auch Patroklos gestorben, der viel herrlicher war als du. Und betrachte mich selbst, wie schön und groß ich von Gestalt bin; dennoch, ich weiß es gewiß, wird auch mich das Verhängnis von Feindeshand ereilen, sei's am Morgen, am Mittag oder am Abend!" Lykaon ließ zitternd den Speer fahren, als er ihn so reden hörte, saß mit ausgebreiteten Händen und empfing den Stoß des Schwertes in den Hals. Achilles faßte den Gemordeten am Fuße, schleuderte ihn in den Strudel des Flusses und rief ihm höhnend nach: "Laß sehen, ob der Strom dich rette, dem ihr vergebens so viele Sühnopfer gebracht habt."
Über diese Worte ergrimmte der Stromgott Skamander, der ohnedem auf Seite der Troianer war, und erwog bei sich im Geiste, wie er den gräßlichen Helden in seiner Arbeit hemmen und die Plage von seinen Schützlingen abwenden könnte. Achilles sprang indessen mit seiner Lanze auf Asteropaios, den Paionier, den Sohn des Pelegon, ein, der, zwei Speere in den Händen, eben aus dem Strome stieg. Diesem hauchte der Flußgott Mut in die Seele, daß er mit Ingrimm das erbarmungslose Gemetzel des Peliden überblickte und kühn auf den Mordenden zueilte. "Wer bist du, der es wagt, mir entgegen zu gehen", rief Achilles ihm zu, "nur die Kinder unglückseliger Eltern begegnen meiner Kraft." Ihm antwortete Asteropaios: "Was fragst du nach meinem Geschlecht? Der Enkel des Stromgottes Axios bin ich, Pelegon hat mich gezeugt; vor elf Tagen bin ich mit meinen Paionen als Bundesgenosse Troias erschienen. Jetzt aber kämpfe mit mir, hoher Achilles." Da erhob der Pelide seine Lanze; der Paionier aber warf zwei Speere zugleich, einen mit jeder Hand, denn er konnte die linke wie die rechte brauchen: der eine brach das Schildgewölbe des Peliden, ohne den Schild selbst zu brechen, der andere streifte ihm den rechten Arm am Ellbogen, daß das Blut hervorrieselte. Jetzt erst schwang Achilles seine Lanze, aber sie verfehlte den Gegner und fuhr bis zur Hälfte ins Ufer. Dreimal zog Asteropaios mit seiner nervigen Hand an ihr, ohne sie aus dem Boden herausreißen zu können. Als er das vierte Mal ansetzte, überfiel ihn Achilles mit dem Schwert und hieb ihm in den Leib, daß alles Gedärme hervordrang und er röchelnd auf die Erde sank. Der Pelide zog ihm jauchzend die Rüstung ab und ließ den Leichnam den Aalen zur Uferbeute liegen; dann stürzte er sich unter die Paionier, die noch voll Angst an dem Flusse umherflogen. Ihrer sieben hatte sein Schwert erschlagen, und noch wollte er unter ihnen fortwüten, als plötzlich Skamander, der zürnende Beherrscher des Stromes, in Menschengestalt aus dem tiefen Strudel emportauchte und dem Helden zurief: "Pelide, du wütest mit entsetzlichen Taten, mehr als ein Mensch! Meine Gewässer sind voll von Toten, mit Mühe ergießen sich meine Ströme ins Meer, laß ab!" - "Ich gehorche dir, denn du bist ein Gott", antwortete Achilles, "aber darum wird mein Arm nicht vom Morde der Troianer rasten, bis ich sie in die Stadt zurückgejagt und meine eigene Kraft mit der Kraft Hektors gemessen habe." So sprach er und stürzte sich auf die flüchtigen Reihen der Troianer, drängte sie aufs neue dem Ufer zu, und als sie sich ins Wasser retteten, sprang, den Befehl des Gottes vergessend, auch er wieder in den Strudel. Nun fing der Strom an wütend zu schwellen, regte seine trüben Fluten auf, warf die Getöteten mit lautem Gebrüll ans Gestade; seine Brandung schlug schmetternd an den Schild des Peliden. Dieser, mit den Füßen wankend, faßte eine Ulme mit den Händen, riß sie mit den Wurzeln aus und klomm über ihre Äste ans Ufer. Nun flog er über das Gefilde hin, aber der Flußgott rauschte ihm mit der tosenden Welle nach und erreichte ihn, so rasch er war. Und so oft er ihm widerstehen wollte, bespülten die Wogen ihm die Schultern und raubten ihm den Boden unter den Füßen. Da klagte der Held gen Himmel: "Vater Zeus, erbarmt sich denn keiner der Ewigen meiner, mich aus der Gewalt des Stromes zu retten? Betrogen hat mich meine Mutter, als sie weissagte, daß mir der Tod durch Apolls edles Geschoß bereitet sei. Hätte mich doch Hektor getötet, der Starke den Starken! So aber soll ich des schmählichsten Todes in den Fluten sterben, wie der Knabe eines Sauhirten, der im Winter durch den Sturzbach watet und fortgerissen wird!"
Wie er so jammerte, gesellten sich Poseidon und Athene in Menschengestalt zu ihm, faßten ihn bei der Hand und trösteten ihn, denn nicht sei ihm vom Schicksal bestimmt, in den Strom zu sinken. Die Götter schieden wieder, aber Athene erfüllte ihn mit Kraft, daß er hoch mit den Knien aus der Flut sprang und das Gefilde wieder gewann. Aber noch immer ließ Skamander von seinem Zorne nicht ab; vielmehr bäumte er sich mit immer höherer Brandung und rief laut seinem Bruder Simoeis zu: "Komm, Bruder, laß uns beide zusammen die Gewalt dieses Mannes da bändigen, sonst wirft er uns heute noch die Veste des Priamos in den Staub! Auf! hilf mir, nimm die Quellen des Gebirges auf, ermuntere jeden Gießbach, hebe deine Flut hoch, rolle Steinblöcke daher! Nicht seine Kraft, nicht seine Rüstung soll ihn verteidigen; tief im Sumpfe soll diese liegen, mit Schlamm bedeckt. Ihn selbst verschütte ich mit Muscheln, Kies und Sand, daß die Argiver selbst seine Gebeine in dem Wust nicht mehr auffinden können. So türme ich ihm selbst sein Denkmal auf, und die Danaer brauchen ihm für kein Rasengrab zu sorgen!" Unter diesem Zurufe rauschte er mit Schaum, Blut und Leichen auf den Helden daher, daß bald seine Welle sich über ihm bäumte, indes auch der Strom Simoeis aus der Ferne sich aufmachte.
Hera selbst, voll inniger Angst um ihren Liebling, schrie laut auf, als sie dieses sah. Dann sprach sie schnell zu Hephaistos: "Lieber hinkender Sohn, nur deine Flammen sind dem gewaltigen Strome gewachsen: bringe dem Peliden deine Hilfe; ich selbst will den West- und Südwind vom Meergestade erregen, daß sie die schreckliche Glut bis ins Heer der Troianer hineintragen. Du aber zünde die Bäume am Gestade des Flusses an und durchlodere ihn selbst; laß dich durch keine Schmeichelei und durch keine Drohung zurückhalten, Glut muß die Vertilgung im Zaume halten!" Auf ihr Wort durchflog die Flamme des Hephaistos das Gefilde, und zuerst verbrannte sie die Leichname der Troer, die von Achilles" Hand gefallen waren. Dann wurde das Feld ganz trocken und das Wasser gehemmt. Am Ufer fingen die Ulmen, die Weiden, die Tamarisken und alles Gras zu brennen an; schon schnappten die Aale und andere Fische, angstvoll und matt von dem Glutanhauche, nach frischem Wasser. Endlich wogte der Strom selbst in lichten Flammen, und Skamander, der Gott, rief wimmernd aus seinen Flammen hervor: "Glutatmender Gott, ich begehre nicht, mit dir zu kämpfen, laß uns vom Streite ruhen; was geht mich die Fehde der Troianer und des Achilles an!" So klagte er, während seine Gewässer sprudelten, wie Fett im Kessel über der Flamme brodelt. Endlich wandte er sich laut wehklagend an die Göttermutter und rief: "Hera, warum quält denn dein Sohn Hephaistos meinen Strom so entsetzlich? Habe ich doch nicht mehr verschuldet als die anderen Götter alle, so viel ihrer den Troianern beistehen; jetzt aber will ich ja gern ruhig sein, wenn du es befiehlst, nur sollte auch er mich in Ruhe lassen!" Da begann Hera zu ihrem Sohne: "Halt ein, Hephaistos, martere mir den unsterblichen Gott nicht länger um der Sterblichen willen!" Jetzt löschte der Feuergott seine Flamme, der Strom rollte in seine Ufer zurück, und der ferne Simoeis gab sich auch zufrieden.
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Schlacht der Götter
Den anderen Göttern tobte dafür das Herz in ungestümer Feindschaft, und im Sturme prallten sie aneinander, daß der Erdkreis dröhnte und die Luft rings wie von Posaunen erscholl. Zeus, auf der Spitze des Olymp gelagert, vernahm es, und sein Herz erbebte vor Wonne, als er die Unsterblichen zum riesenhaften Kampf aufeinander losrennen sah. Zuerst drang Ares, der Kriegsgott, vor und stürmte mit seinem ehernen Speer auf Pallas Athene ein, indem er ihr schmähende Worte entgegenrief: "Du schamloseste Fliege, was treibst du voll stürmischer Dreistigkeit die Götter zum Kampfe? Weißt du noch, wie du den Tydiden gereizt, daß er mich mit der Lanze verwundete, ja wie du selbst mit dem strahlenden Speer mir den unsterblichen Leib verletzt? Jetzt wollen wir die Rechnung miteinander abschließen, du Unbändige!" So sprach er, schlug an seinen schrecklichen Aigisschild und stieß mit dem Speer nach der Göttin. Diese wich aus, griff nach einem großen rauhen Markstein, der dort im Gefilde lag, und traf damit den Wütrich an den Hals, daß er klirrend in seinen ehernen Waffen zu Boden sank, sieben Hufen Landes im Fall bedeckend, und sein göttliches Haar vom Staube besudelt ward. Da lächelte Athene und sprach jubelnd: "Törichter, du hast wohl nie bedacht, wie viel ich dich an Kraft übertreffe, da du es gewagt hast, dich mit mir zu messen! Büße jetzt ganz deiner Mutter Hera Verwünschungen, die voll Zornes über dich ist, daß du dich den Griechen entzogen hast, und die übermütigen Troianer verteidigen magst." So redete sie, und wandte ihre strahlenden Götteraugen ab. Den schwer aufstöhnenden Kriegsgott, dem erst allmählich der Atem wiederkehrte, führte des Zeus Tochter, Aphrodite, aus der Schlacht; als aber Hera die beiden gewahr wurde, begann sie zu Athene: "Wehe mir, Pallas, siehst du nicht, wie dreist dort die weibliche Liebesgöttin den wilden Mörder mitten aus dem entscheidenden Kampfe durchs Getümmel hinwegführt? Wirst du sie nicht schnell verfolgen?" Nun stürmte Pallas Athene nach und versetzte der zarten Göttin mit mächtiger Hand einen Schlag auf die Brust, daß sie zu Boden sank, und der verwundete Kriegsgott mit ihr. "Mögen alle so stürzen", rief Athene, "die es wagen, den Troianern beizustehen! Wäre es jedem der Unseren gelungen, wie mir, so hätten wir längst Ruhe, und Troia wäre zum Schutthaufen unter unseren Händen geworden." Ein Lächeln flog über Heras Gesicht, als sie dieses sah und hörte. Darauf sprach der Erderschütterer Poseidon, zu Apollon gewendet: "Phoibos, warum stehen wir so entfernt, da doch andere den Kampf schon begonnen haben? Es wäre doch eine Schmach für uns, wenn wir beide zum Olymp zurückkehren wollten, ohne unsere Kraft aneinander versucht zu haben. So hebe denn du an, bist du doch der Jüngere! Was säumest du? Hat dein Herz doch ganz vergessen, wie viel wir beide vor allen Göttern bereits Böses um Troia geduldet haben, seit wir dem stolzen Laomedon bei dem Bau der Stadtmauer frönten und er unsere Dienste so schnöde vergalt? Du denkst wohl nicht mehr daran, sonst würdest du mit uns anderen auf die Vernichtung der Troianer bedacht sein, und nicht dem Volke des trügerischen Laomedon willfahren!" - "Beherrscher des Meeres", antwortete ihm Phoibos, "ich selbst würde dir nicht bei Besinnung dünken, wenn ich, der Sterblichen wegen, die hinfällig sind wie das Laub im Walde, mit dir, dem ehrfurchtgebietenden Gotte, kämpfen wollte." So sprach Apollon, und wandte sich, voll Scheu, wider den Bruder seines Vaters gewaltsam den Arm aufzuheben. Da spottete seiner die Schwester Artemis und rief höhnend: "Fliehest du schon vor der Schlacht, du Fernhintreffer, und räumst dem prahlerischen Poseidon den Sieg ein? Du Tor, was trägst du alsdann auf der Schulter den Bogen, das nichtige Kinderspiel?" Aber Hera verdroß die Spottrede: "Gedenkst du etwa, weil du dein Geschoß auf dem Rücken trägst, dich mit mir an Stärke zu messen, du Schamlose?" sprach sie, "wahrlich, dir wäre besser, du gingst in die Wälder, einen Eber oder Hirsch zu erlegen, als frech gegen höhere Götter anzukämpfen! Und doch, weil du so trotzig bist, so magst du meine Hand fühlen." So schalt sie, ergriff mit der Linken beide Hände der Göttin am Knöchel, mit der Rechten zog sie ihr den Köcher samt den Pfeilen von der Schulter, und versetzte damit der Zurückgewendeten schimpfliche Streiche um die Ohren, daß die Pfeile klirrend aus dem Köcher sanken. Wie eine schüchterne Taube, vom Habicht verfolgt, ließ Artemis Köcher und Pfeile liegen und floh unter Tränen davon. Ihre Mutter Leto wäre ihr zu Hilfe geeilt, wenn nicht Hermes in der Nähe auf der Lauer gestanden hätte. Als dieser das inne ward, sprach er zu ihr: "Ferne sei von mir, daß ich mit dir streiten wollte, Leto; gefahrvoll ist der Kampf mit den Frauen, die der Donnerer seiner Liebe gewürdigt hat. Deswegen magst du dich immerhin im Kreise der Unsterblichen rühmen, mir obgesiegt zu haben." So sprach er freundlich; da eilte Leto herbei, hob den Bogen, den Köcher und die Pfeile, wie sie wirbelnd da und dorthin in den Staub gefallen waren, sie sammelnd, auf und eilte der Tochter nach, zum Olymp hinan. Dort hatte sich Artemis weinend auf die Knie des Vaters gesetzt, und ihr feines, von Ambrosia duftendes Gewand bebte ihr noch vom Zittern der Glieder. Zeus schloß sie liebkosend in die Arme und sprach unter freundlichem Lächeln zu ihr: "Welcher von den Göttern hat es gewagt, dich zu mißhandeln, mein zartes Töchterchen?" - "Vater", antwortete sie, "dein Weib hat mir ein Leides angetan, die zornige Hera, die alle Götter zu Streit und Hader empört." Da lachte Zeus, streichelte sie und sprach ihr Trost ein.
Drunten aber ging Phoibos Apollon hinein in die Stadt der Troianer, denn ihm war ernstlich bange, die Danaer möchten dem Schicksal zum Trotz noch heute die Mauer der schönsten Feste niederreißen. Die übrigen Götter eilten, die einen voll Siegeslust, die anderen voll Zorn und Gram in den Olymp zurück, und setzten sich um den Vater, den Donnergott, im Kreise.
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Achilles und Hektor vor den Toren
Auf einem hohen Turme der Stadt stand der greise König Priamos und schaute nieder auf den gewaltigen Peliden, wie er die fliehenden Troianer vor sich hertrieb, ohne daß ein Gott oder ein Sterblicher erschien, ihn abzuwehren. Wehklagend stieg der König vom Turme hernieder und ermahnte die Hüter der Mauer: "Öffnet die Torflügel und haltet sie, bis alle die fliehenden Völker sich in die Stadt hineingedrängt haben, denn Achilles tobt ganz nahe dem Schwärm, und mir ahnet schlimmer Ausgang. Sind sie innerhalb der Mauer, so füget mir die Flügel wieder wohl ineinander, sonst stürmt der Verderbliche hinter ihnen durch das Tor zu uns herein! Die Wächter schoben die Riegel zurück, die Torflügel taten sich auseinander, und eine Rettungspforte stand offen.
Während aber die Troianer ausgedörrt von Durst, bedeckt mit Staub, durch das Blachfeld flohen und Achilles mit seiner Lanze sie wie wahnsinnig verfolgte, verließ Apollon Troias offenes Tor, die Not seiner Schutzbefohlenen zu wenden. Er erweckte den Helden Agenor, den tapferen Sohn Antenors, und stand ihm, in dunkeln Nebel gehüllt, an die Buche des Zeus gedrängt, selbst zur Seite. So geschah es, daß Agenor zuerst von allen Troianern im Fliehen innehielt, sich besann und schämte und zu sich selbst sagte: "Wer ist es, der dich verfolgt, ist nicht auch ihm der Leib mit spitzem Eisen verwundbar, ist er nicht auch sterblich wie andere Menschen?" So faßte er sich in Gedanken und erwartete den heranstürmenden Achilles, streckte den Schild vor, und rief ihm, die Lanze schwingend, entgegen: "Hoffe nicht so schnell die Stadt der Troianer zu verheeren, Törichter; noch gibt es Männer unter uns, die für Eltern, Weiber und Kinder ihre Feste beschirmen!" Damit entschwang er den Speer und traf die neugegossene zinnerne Knieschiene des Helden, von der die Lanze jedoch, ohne zu verwunden, abprallte. Achilles stürzte sich auf den Gegner, aber Apollon entführte diesen im Nebel und wußte den Peliden selbst durch eine List von der Verfolgung abzulenken. Er selbst verwandelte sich nämlich in die Gestalt Agenors und nahm seinen Weg durch das Weizenfeld, dem Skamanderflusse zu. Achilles eilte ihm fliehend nach und hoffte ihn beständig im Laufe zu erhaschen. Indessen flüchteten die Troianer glücklich durchs offene Tor in die Stadt, die sich bald mit gedrängten Scharen füllte; keiner wartete auf den anderen, keiner schaute sich um, zu sehen, wer gerettet, wer gefallen sei; alle waren nur froh für sich selbst, sich sicher hinter den Mauern zu wissen. Da kühlten sie den Schweiß, löschten den Durst und streckten sich längs der Mauer an der Brustwehr nieder.
Doch die Griechen, Schild an Schulter, wandelten in dichten Scharen auf die Mauer zu. Von allen Troianern war nur Hektor außerhalb des skaeischen Tores geblieben, denn sein Schicksal hatte es so geordnet. Achilles aber war immer noch auf der Verfolgung Apolls begriffen, den er für Agenor hielt. Da stand plötzlich der Gott still, wandte sich um und sprach mit seiner Götterstimme: "Was verfolgest du mich so hartnäckig, Pelide, und vergissest über mich die Verfolgung der Troianer? Du meinest einen Sterblichen zu jagen, und ranntest einem Gotte nach, den du doch nicht töten kannst." Da fiel es wie Schuppen von den Augen des Helden, und er rief voll Ärger aus: "Grausamer, trügerischer Gott! daß du mich so von der Mauer hinweglocken konntest! Fürwahr, noch viele hätten mir im Staube knirschen müssen, ehe sie in Ilion einzogen! Du aber hast mir den Siegesruhm geraubt und sie gefahrlos gerettet, denn du hast als ein Gott keine Rache zu fürchten, wie gern ich mich auch an dir rächen möchte!"
Achilles wandte sich und flog trotzigen Sinnes auf die Stadt zu, wie ein ungestümes, sieggewohntes Roß am Wagen. Ihn erblickte zuerst der greise Priamos von der Warte des Turmes herab, auf der der König wieder Platz genommen hatte, und er erschien ihm leuchtend, wie der ausdörrende Hundsstern am Nachthimmel dem Landmann verderbenbringend entgegenfunkelt. Der Greis schlug sich die Brust mit den Händen und rief wehklagend zu seinem Sohne herab, der außerhalb des skaeischen Tores stand und voll heißer Kampfgier auf den Fehden wartete: "Hektor, teurer Sohn! Was weilest du draußen einsam und von allen anderen getrennt! Willst du dich denn mutwillig dem Verderben in die Hände geben, ihm, der mir schon so viele tapfere Söhne geraubt hat! Komm herein in die Stadt, beschirme hier Troias Männer und Frauen, verherrliche nicht den Ruhm des Peliden durch deinen Tod! Erbarme dich auch meiner, deines elenden Vaters, so lange er noch atmet, meiner, den Zeus verdammt hat, an der äußersten Schwelle des Alters in Gram hinzuschwinden, und so unendliches Leid mit anzuschauen! Meine Kinder werde ich sehen müssen erwürgt, meine Töchter hinweggerissen, ausgeplündert die Kammern meiner Burg, die stammelnden Kinder zu Boden geschmettert, die Schwiegertöchter fortgeschleppt. Zuletzt liege ich wohl selbst, von einem Speerwurf oder Lanzenstich ermordet, am Tore des Palastes, und die Haushunde, die ich aufgezogen, zerfleischen mich und lecken mein Blut!"
So rief der Greis vom Turme herab und zerraufte sein weißes Haar. Auch Hekabe, die Mutter, erschien an seiner Seite, zerriß ihr Gewand und rief weinend hinunter: "Hektor, gedenke, daß meine Brust dich gestillt hat; erbarme dich meiner! Wehre dem schrecklichen Manne hinter der Mauer, aber miß dich nicht mit ihm im Vorkampfe, du Rasender!"
Das laute Weinen und Rufen seiner Eltern vermochte den Sinn Hektors nicht umzustimmen; er blieb unbeweglich auf dem Platze und erwartete den herannahenden Achilles. "Damals hätte ich weichen müssen", sprach er in seinem Herzen, "als mein Freund Polydamas mir den Rat gab, das Heer der Troianer in die Stadt zurückzuführen! Jetzt, nachdem ich das Volk durch meine Betörung verderbt habe, fürchte ich mich vor den Männern und Weibern Troias, daß nicht einer der Schlechteren mir dereinst sage: im Vertrauen auf seine eigene Stärke hat Hektor das Volk preisgegeben. Viel besser ich siege oder ich falle im Kampfe mit dem Gefürchteten. - Oder wie? Wenn ich Schild und Helm jetzt zur Erde legte, meinen Speer an die Wand lehnte, ihm entgegenginge, ihm Helena, alle Schätze, die Paris geraubt, zudem anderes Gut die Fülle anböte; wenn ich alsdann den Fürsten Troias einen Eidschwur abnähme, nichts insgeheim zu entziehen, all unsere Schätze und Vorräte in zwei Teile zu teilen . . . Doch, wehe mir, was für Gedanken kommen mir ins Herz? Ich mich ihm flehend nahen? Ohne Erbarmen würde er mich, den Entblößten, niederhauen, wie ein Weib! Fürwahr, es würde schön lassen, wenn ich mich zu einem traulichen Gespräche ihm beigesellen wollte, wie ein Jüngling wohl mit der Jungfrau plaudert! Besser, wir rennen aufeinander an zum Kampfe, da es sich bald entscheiden muß, welchem von uns beiden die Olympischen den Sieg verliehen!" Solche Gedanken wog Hektor im Geiste ab und blieb.
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Der Tod Hektors
Immer näher kam Achilles geschritten, dem Kriegsgott an furchtbarer Herrlichkeit gleich; auf der rechten Schulter bebte ihm entsetzlich seine Lanze aus Pelions Eschenholz, seine Erzwaffen schimmerten um ihn wie eine Feuersbrunst oder wie die aufgehende Sonne. Als Hektor ihn sah, mußte er unwillkürlich zittern, er vermochte nicht mehr still zu stehen; er wandte sich um, dem Tore zu, und hinter ihm her flog der Pelide, wie ein Falke der Taube nachstürzt, die oft seitwärts schlüpft, während der Raubvogel gerade andringt in seinem Fluge. So flüchtete Hektor längs der Mauer von Troia über den Fahrweg hinüber an den beiden sprudelnden Quellen des Skamander vorbei, der warmen und der kalten, immer weiter um die Mauer; ein Starker floh, aber ein Stärkerer folgte. Also kreisten sie dreimal um die Stadt des Priamos, und vom Olymp sahen alle ewigen Götter dem Schauspiel mit gespannter Aufmerksamkeit zu. "Erwäget es wohl, ihr Götter", sprach Zeus, "die Stunde der Entscheidung ist jetzt gekommen; jetzt fragt es sich, soll Hektor dem Tode noch einmal entfliehen, soll er, wie tapfer er auch sein mag, fallen?" Da nahm Pallas Athene das Wort und sprach: "Vater, wo denkst du hin? Einen Sterblichen, der längst dem Verhängnis anheimgefallen ist, willst du vom Tode erlösen? Tue, was dir gut dünkt, aber hoffe nicht, daß die Götter deinen Rat billigen werden!" Zeus nickte seiner Tochter Gewährung zu, und sie schwang sich wie ein Vogel von den Felsenhöhen des Olymp aufs Schlachtfeld hinab.
"Apollon überwacht die Leiche Hektors" Kupferstich nach Vorlage von John Flaxman,
1854
Hier floh Hektor noch immer vor seinem Verfolger, der ihn, wie ein Jagdhund den aus dem Lager aufgejagten Hirsch, bedrängte, und ihm, wie dieser seinem Wild, keinen Schlupfwinkel und keine Rast gönnte. Auch winkte Achilles seinem Volke zu, daß keiner sein Geschoß auf Hektor werfen und ihm den Ruhm rauben sollte, der erste und einzige gewesen zu sein, der den furchtbarsten Feind der Griechen erlegte.
Als sie nun zum viertenmal auf ihrer Runde um die Mauer an die Quellen des Skamander gelangt waren, da erhob sich Zeus auf dem Olymp, streckte die goldene Waage vor und legte zwei Todeslose hinein, das eine für den Peliden, das andere für Hektor. Dann faßte er die Waage in der Mitte und wog; da sank Hektors Waagschale tief nach dem Hades zu, und augenblicklich verließ Phoibos Apollon seine Seite. Zu Achilles aber trat Athene, die Göttin, und flüsterte ihm ins Ohr: "Steh und erhole dich, während ich jenem zurede, dich kühn zu bekämpfen." Achilles lehnte sich, der Göttin gehorchend, auf seinen eschenen Speer; sie aber, in der Gestalt des Deiphobos, trat ganz nahe zu Hektor und sprach zu ihm: "Ach, mein älterer Bruder, wie bedrängt dich der Pelide!
Wohlan, laß uns standhalten und ihn abwehren." Freudig aufblickend, erwiderte Hektor: "Du warst immer mein trautester Bruder, Deiphobos; jetzt aber muß dich mein Innerstes nur um so mehr hochachten, daß du dich, sobald mich dein Auge wahrnahm, aus der Stadt gewagt hast, während, die anderen alle hinter der Mauer sitzen!" Athene winkte dem Helden zu und schritt ihm, die Lanze gehoben, voran, dem ausruhenden Achilles entgegen. Diesem rief Hektor zuerst zu: "Nicht länger entfliehe ich dir, Pelide; mein Herz treibt mich, dir fest entgegenzustehen, daß ich dich töte oder falle! Laß uns aber die Götter zu Zeugen eines Eidschwures nehmen: wenn mir Zeus den Sieg verleiht, werde ich dich nimmermehr mißhandeln, sondern, nachdem ich dir deine Rüstung abgezogen, die Leiche deinen Volksgenossen zurückgeben. Ein gleiches sollst du mir tun!"
"Nicht von Verträgen geplaudert!" erwiderte finster Achilles, "so wenig ein Hund zwischen Löwen und Menschen Freundschaft stiftet, so wenig zwischen Wölfen und Lämmern Eintracht besteht, so wenig wirst du mich mit dir befreunden. Einer von uns muß blutig zu Boden stürzen. Nimm deine Kunst zusammen, du mußt Lanzenschwinger und Fechter zugleich sein. Doch du wirst mir nicht entrinnen; all das Leid, das du den Meinigen mit der Lanze angetan hast, das büßest du mir jetzt auf einmal!" so schalt Achilles und schleuderte die Lanze, doch Hektor sank ins Knie, und das Geschoß flog über ihn weg in die Erde; hier faßte es Athene und gab es dem Peliden, unbemerkt von Hektor, sogleich zurück. Mit zornigem Schwünge entsandte nun Hektor auch seinen Speer, und dieser fehlte nicht; er traf mitten auf den Schild des Achilles, aber prallte auch davon ab; bestürzt sah sich Hektor nach seinem Bruder Deiphobos um, denn er hatte keine zweite Lanze zu versenden. Doch dieser war verschwunden. Da wurde Hektor inne, daß es Athene war, die ihn getäuscht hatte. Wohl sah er ein, daß das Schicksal ihn jetzt fassen würde; er dachte nur darauf, wie er nicht ruhmlos in den Staub sinken wollte, zog sein gewaltiges Schwert von der Hüfte und stürmte, das geschwungene in der Rechten, wie ein Adler einher, der auf einen geduckten Hasen oder ein Lämmlein aus der Luft herabschießt. Der Pelide wartete den Streich nicht ab, auch er drang unter dem Schilde vor; sein Helm nickte, die Mähne flatterte, und sternhell strahlte sein Speer, den er grimmig in seiner Rechten schwenkte. Sein Auge durchspähte den Leib Hektors, forschend, wo etwa eine Wunde haften könne. Da fand er alles blank von der geraubten Rüstung umhüllt, nur wo Achsel und Hals das Schlüsselbein verbindet, erschien die Kehle, die gefährlichste Stelle des Lebens im Leib, ein wenig entblößt. Dorthin lenkte Achilles schnell besonnen seinen Stoß und durchstach ihm den Hals so mächtig, daß die Lanzenspitze zum Genick herausdrang. Doch durchschnitt ihm der Speer die Gurgel nicht so, daß der Verwundete nicht noch reden konnte, obgleich er in den Staub sank, während Achilles laut frohlockte und den Leichnam Hunden und Vögeln preiszugeben drohte. Da begann der liegende Hektor, schon schwächer aufatmend, zu flehen: "Ich beschwöre dich bei deinem Leben, Achilles, bei deinen Knien, bei deinen Eltern, laß mich bei den Schiffen der Danaer nicht die Hunde zerreißen! Nimm Erz und Gold so viel du willst zum Geschenk und entsende dafür meinen Leib nach Troia, daß Männer und Frauen dort ihm die Ehre des Scheiterhaufens zuteil werden lassen."
Aber Achilles schüttelte sein fürchterliches Haupt und sprach: "Beschwöre mich nicht bei meinen Knien und meinen Eltern, du Mörder meines Freundes! Niemand sei, der dir die Hunde verscheuche von deinem Haupt, und wenn mir deine Landsleute zwanzigfältige Sühnung darwögen und noch mehr verhießen. Ja, wenn dich Priamos mir selbst mit Gold aufwägen wollte!" - "Ich kenne dich", stöhnte Hektor sterbend, "ich ahnte, daß du nicht zu erweichen sein würdest; dein Herz ist eisern! Aber denk an mich, wenn die Götter mich rächen und am hohen skaeischen Tore du vom Geschosse Phoibos Apollons getroffen im Staube endest, wie jetzt ich!" Mit dieser Weissagung verließ Hektors Seele den Leib und flog zum Hades hinunter. Achilles aber rief der fliehenden nach: "Stirb du; mein Los empfang ich, wann Zeus und die Götter wollen!" So sprach er und zog den Speer aus dem Leichnam, legte ihn beiseite und zog die eigene blutige Rüstung von den Schultern des Gemordeten.
Nun kamen aus dem griechischen Heere viel Streiter herbeigelaufen und betrachteten den Wuchs und die hohe Bildung des toten Hektor bewundernd, und mancher sprach, ihn anrührend: "Wunderbar, wie viel sanfter ist doch der Mann nun zu betasten, als da er den Feuerbrand in unsere Schiffe schleuderte!" Jetzt stellte sich Achilles mitten unter das Volk und sprach: "Freunde und Helden! Nachdem die Götter mir verliehen haben, diesen Mann hier zu bändigen, der uns mehr Böses getan hat als alle anderen zusammen, so laßt uns in unserer Rüstung die Stadt ein wenig auskundschaften, um zu erforschen, ob sie uns wohl die Burg räumen werden, oder ob sie es wagen, uns auch ohne Hektor Widerstand zu leisten. Aber was rede ich? Liegt nicht mein Freund Patroklos noch unbestattet bei den Schiffen? Darum stimmet den Siegesgesang an, ihr Männer, und laßt uns vor allen Dingen meinem Freunde das Sühneopfer bringen, das ich ihm geschlachtet habe!"
Mit solchen Worten wandte sich der Grausame dem Leichnam aufs neue zu, durchbohrte ihm an beiden Füßen die Sehnen zwischen Knöchel und Fersen, durchzog sie mit Riemen von Stierhaut, band sie am Wagensitze fest, schwang sich in den Wagen und trieb seine Rosse mit der Geißel den Schiffen zu, den Leichnam nachschleppend. Staubgewölk umwallte den Geschleiften, sein jüngst noch so liebliches Haupt zog mit zerrüttetem Haar eine breite Furche durch den Staub. Von der Mauer herab erblickte seine Mutter Hekabe das grauenvolle Schauspiel, warf den Schleier ihres Hauptes weit von sich und sah jammernd ihrem Sohne nach. Auch der König Priamos weinte und jammerte. Geheul und Angstruf der Troianer und der fremden Völker hallte durch die ganze Stadt. Kaum ließ der alte König sich abhalten, selbst in seinem zornigen Schmerz zum skaeischen Tore hinauszustürmen und dem Mörder seines Sohnes nachzueilen. Er warf sich zu Boden und rief: "Hektor, Hektor! Alle anderen Söhne, die mir mein Feind erschlug, vergesse ich über dir; o wärest du doch nur in meinen Armen gestorben!"
Andromache, Hektors Gemahlin, hatte von dem ganzen Jammer noch nichts vernommen, ja ihr war nicht einmal ein Bote gekommen, der gemeldet hätte, daß ihr Gatte sich noch draußen vor den Toren befinde. Ruhig saß sie in einem der Gemächer des Palastes und durchwirkte ein schönes Purpurgewand mit bunter Stickerei. Und eben rief sie eine der Dienerinnen, einen großen Dreifuß ans Feuer zu stellen, um ihrem Gemahl ein wärmendes Bad vorzubereiten, wenn er aus der Feldschlacht käme. Da vernahm sie vom Turme her Geheul und Jammergeschrei. Finstere Ahnung im Herzen rief sie: "Wehe mir, ihr Mägde, ich fürchte, Achilles habe meinen mutigen Gatten allein von der Stadt abgeschnitten und bedrohe seine Kühnheit, die ihn niemals im Haufen weilen läßt! Folget euer zwei mir, daß wir schauen, was es gibt!" Mit pochendem Herzen durchstürmte sie den Palast, eilte auf den Turm und sah herab über die Mauer, wie die Rosse des Peliden den Leichnam ihres Gatten, erbarmungslos an den Wagen des Siegers gebunden, durchs Gefilde schleppten. Andromache sank rückwärts in die Arme ihrer Schwäger und Schwägerinnen, in tiefe Ohnmacht, und der köstliche Haarschmuck, das Band, die Haube, die schöne Binde, das Hochzeitsgeschenk Aphrodites, flogen weit weg von ihrem Haupte. Als sie endlich aufzuatmen anfing, begann sie mit gebrochener Klage schluchzend vor Troias Frauen: "Hektor! Wehe mir Armen! du, elend wie ich, zu Elend geboren wie ich! In Schmerz und Jammer verlassen, sitze ich nun im Hause, eine Witwe mit unserem unmündigen Kinde, das des Vaters beraubt, die Augen gesenkt, mit immer betränkten Wimpern aufwächst! Betteln wird es müssen bei den Freunden des Vaters und bald den am Rock, bald den am Ärmel zupfen, daß er ihm das Schälchen reiche und zu nippen gebe! Manchmal auch wird ein Kind blühender Eltern es vom Schmause verstoßen und sagen: Trolle dich, dein Vater ist ja nicht beim Gastmahl! Dann flüchtet es sich weinend zu der Mutter, die keinen Gatten hat. Der aber wird die Hunde sättigen und die Würmer werden den Überrest verzehren! Was helfen mir nun die schmucken, zierlichen Gewänder in den Kästen? Der Flamme will ich sie alle übergeben, was frommen sie mir? Hektor wird nicht mehr auf ihnen ruhen, nicht mehr in ihnen prangen!" So sprach sie weinend und wehklagend, und ringsumher seufzten die Troianerinnen.
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Leichenfeier des Patroklos
Sobald Achilles mit der Leiche seines Feindes bei den Schiffen angekommen war, ließ er diese am Bette des Patroklos aufs Antlitz in den Staub strecken. Derweil legten die Danaer ihre Rüstungen ab und setzten sich zu Tausenden am Schiffe des Peliden zum festlichen Leichenschmause nieder. Stiere, Schafe und Schweine wurden geschlachtet, und der Pelide ließ den Streitenden eine köstliche Mahlzeit zurichten. Den Helden selbst führten die Genossen widerstrebend von der Leiche seines Freundes weg in das Zelt des Königs Agamemnon. Hier ward ein großes Geschirr voll Wassers an die Glut gestellt, ob sie nicht etwa den Peliden vermögen könnten, sich den blutigen Schlachtstaub von den Gliedern zu waschen. Er aber weigerte sich hartnäckig und schwur einen großen Eid: "Nein, so wahr Zeus lebt, kein Bad soll meinen Scheitel netzen, ehe Patroklos von mir auf den Scheiterhaufen gelegt ist, ehe ich mein Haar geschoren und ihm ein Denkmal aufgetürmt habe! Meinetwegen mögen wir jetzt das traurige Festmahl abhalten. Morgen aber laß Holz im Walde fällen, Fürst Agamemnon, und beut alles auf, was zur Leichenfeier meinem Freunde gebührt, daß das Feuer den Jammeranblick schnell von uns nehme und das Volk sich wieder zur Kriegsarbeit wende!" Die Fürsten ließen ihn gewähren, setzten sich ans Mahl und schmausten. Dann ging ein jeder zur Nachtruhe. Der Sohn des Peleus aber, weil die Toten in seinem Zelte waren, legte sich, von seinen Myrmidonen umringt, am Meergestade nieder, wo der kiesige Strand von den Wellen reingespült war.
Lange seufzte er hier noch auf dem harten Lager um den erschlagenen Freund. Als ihn aber endlich der Schlummer umfangen hatte, da kam die Seele des jammervollen Patroklos im Traumbilde zu ihm, an Größe, Gestalt, Stimme und Augen jenem ganz ähnlich, den Leib eingehüllt in Gewändern. So trat der Schatten zu seinem Haupte und sprach: "Schläfst du, meiner so ganz vergessen, Achilles? Des Lebenden zwar hast du immerdar gedacht, aber nicht also des Toten! Gib mir ein Grab, denn mich verlangt sehr, durch das Tor des Hades einzugehen! Bis jetzt habe ich es nur irrend umwandelt, und es sitzen als Wächter Seelen da, die mich zurückscheuchen! Ehe der Scheiterhaufen mir nicht gewährt worden ist, kann ich nicht zur Ruhe kommen. Du mußt aber wissen, Freund, daß auch dir vom Schicksal bestimmt ist, nicht fern von der Mauer Troias zu fallen. Richte deswegen mein Grab so ein, daß unser beider Gebein nebeneinander ruhen kann, wie wir zusammen in deines Vaters Wohnung aufgewachsen sind."
"Ich gelobe dir alles, Bruder!" rief Achilles und streckte die Hände nach dem Schattenbilde aus; da sank die Seele schwirrend zur Erde hinab, wie ein Rauch. Der Held sprang bestürzt vom Lager auf, schlug die Hände zusammen und sprach jammernd: "So leben denn die Seelen wirklich noch in der Behausung des Hades, aber ach! ein besinnungsloses Leben! Diese Nacht stand ja leibhaftig vor mir des Patroklos Seele, traurig und klagend, aber ihm in allem gleich!" Dadurch erregte Achilles allen Helden die Sehnsucht nach dem Toten aufs neue.
Als aber die Morgenröte anbrach, da verließen auf Agamemnons Befehl Männer und Maultiere die Lagerzelte, Meriones an ihrer Spitze, die Tiere voran, die Männer mit Äxten und Seilen ihnen folgend. Da wurden von ihnen auf den Waldhöhen des Ida die hochstämmigen Bäume gefällt, das Holz zerschlagen und den Maultieren aufgeladen. Diese trabten damit hinab nach den Schiffen, auch die Männer schleppten Holzklötze auf den Schultern, und am Meeresstrande wurde alles in Reihen niedergelegt. Nun befahl Achilles seinen Myrmidonen, ihre Erzrüstung anzulegen, und den Reisigen, die Wagen anzuspannen. Bald setzte sich der Leichenzug in Bewegung: die Fürsten, Kämpfer und Wagenlenker von den Rossen gezogen, voran: ein dichtes Gewölk von Fußvolk zu Tausenden hinterdrein. In der Mitte trugen den Patroklos seine Streitgenossen und Freunde; der Leichnam war ganz mit geschorenen Locken bedeckt; sein Haupt hielt Achilles, der Leiche folgend, selbst in den Händen, in tiefe Trauer versenkt.
Als sie den von diesem für das Grab seines Freundes bezeichneten Ort erreicht hatten, setzten sie die Totenbahre nieder, und ein ganzer Wald von Bäumen wurde zum Scheiterhaufen herbeigebracht. Der Pelide stellte sich abgewandt vom Gerüst und schor sein braungelocktes Haar, dann schaute er in die dunkle Meeresflut und sprach: "O Spercheios, thessalischer Heimatfluß, vergebens gelobte mein Vater Peleus, ich sollte heimgekehrt dir mein Haar scheren, und an deinen Quellen, wo du Hain und Altar hast, dir fünfzig Widder opfern! Du hast sein Flehen nicht gehört, Stromgott! Du lassest mich nicht heimkehren. So zürne mir auch nicht, wenn ich mein Lockenhaar dem Freunde Patroklos mit in den Hades zu tragen gebe!" Mit diesen Worten legte er sein Haupthaar in die Hände des Freundes, trat zu Agamemnon und sprach: "Heiß die Völker sich einmal sättigen am Gram, o Fürst! Gebeut ihnen, sich zu zerstreuen und das Mahl einzunehmen, und laß das Werk der Bestattung vollenden!"
Auf Agamemnons Befehl zerstreute sich das Kriegervolk zu den Schiffen, und nur die bestattenden Fürsten blieben auf der Stelle. Da fingen sie an, ein ungeheures Gerüst aus den gefällten und behauenen Baumstämmen aufzuführen, je hundert Fuß ins Gevierte. Oben darauf legten sie mit betrübten Herzen den Leichnam. Dann zogen sie eine Menge Schafe und Hornvieh vor dem Scheiterhaufen ab, die abgezogenen Leiber wurden umhergehäuft, mit dem Fette der Leichnam bedeckt, gegen die Bahre Honig- und Ölkrüge gelehnt, auch vier lebendige Rosse ächzend auf das Gerüst geworfen, sodann zwei der neun Haushunde geschlachtet, endlich mit dem Schwert erwürgt zwölf tapfere troiamsche Jünglinge, aus der Zahl der Gefangenen erlesen. Denn entsetzlich rächte Achilles den Tod seines Freundes.
Und nun hieß er die Flamme wüten und rief, während der Holzstoß angezündet wurde, dem Toten zu: "Möge dich noch in die Unterwelt Freude begleiten, Patroklos! Was ich gelobt habe, ist vollbracht. Zwölf Opfer verzehrt die Glut. Nur den Hektor soll sie nicht verzehren; nicht der Flammen, der Hunde Raub soll er sein!" So sprach er drohend; doch die Götter fügten dieses nicht so. Tag und Nacht wehrte Aphrodite die heißhungrigen Hunde von Hektors Leichnam ab und salbte ihn mit ambrosischem Balsam voll Rosenduft, daß auch keine Spur von der Schleifung übrig blieb. Apollon zog eine dunkle Wolke über die Stelle, wo er lag, daß die Sonne sein Fleisch nicht ausdörren konnte.
Der Scheiterhaufen des Patroklos war nun zwar angezündet, aber die Glut wollte nicht lodern. Da wandte sich Achilles abermals vom Gerüste, gelobte den Winden Boreas und Zephyros Opfer, spendete ihnen Wein aus goldenem Becher und flehte sie, das Holz mit raschem Hauche zum Brand anzufachen. Iris brachte den Winden die Botschaft, diese kamen mit grauenvollem Getöse über das Meer gestürmt und stürzten sich in den Scheiterhaufen. Die ganze Nacht sausten sie um das Gerüst und durchwühlten es mit Flammen, während Achilles unaufhörlich mit goldenem Krug und Becher der Seele seines toten Freundes Opferspenden darbrachte. Mit der Morgenröte ruhten Winde und Flammen, und der Holzstoß fiel in Asche. In der Mitte der Kohlen lag abgesondert das Gebein des Patroklos; am äußersten Rande lagen vermischt die Gebeine der Tiere und Männer. Auf den Befehl des Peliden löschten die Helden den glühenden Schutt mit rotem Weine, sammelten unter Tränen das weiße Gebein ihres Freundes, bargen es, mit einer doppelten Lage von Fett umgeben, in eine goldene Urne, und stellten diese im Zelte auf. Alsdann nahmen sie im Umkreise das Maß zu seinem Denkmal, legten rings um den abgebrannten Scheiterhaufen einen Grund von Steinen und türmten dann aufgeschüttete Erde zum Grabhügel.
Auf die Bestattung folgten die Leichenspiele zu Ehren des gefallenen Helden. Achilles berief alles Griechenvolk zusammen, hieß es in weitem Kreise sich setzen und stellte Dreifüße, Becken, Rosse, Maultiere, mächtige Stiere, kunstfertige Weiber aus den Gefangenen, in köstlichen Gewändern, dazu lauteres Gold, als verschiedene Preise auf. Zuerst kam das Wagenwettrennen an die Reihe. Er selbst nahm keinen Teil an diesem Kampfe, lag doch sein geliebter Wagenlenker im Grabe! Dagegen erhob sich Eumelos, der Sohn Admets, der wagenkundigste Held; Diomedes, der die dem Aineias geraubten Rosse anschirrte; Menelaos mit seinem Hengst Podargos und Agamemnons Stute Aithe; dann als vierter Antilochos, der junge Sohn Nestors, dem sein Vater allerlei weise Ermahnungen für das Wettrennen erteilte; als fünfter endlich schirrte Meriones seine glänzenden Rosse an den Wagen. Alle fünf Helden bestiegen den Wagensitz, und Achilles schüttelte die Lose, in welcher Ordnung sie aus den Schranken fahren sollten. Da sprang zuerst das Los des Antilochos aus dem Helme, dann kamen Eumelos, Menelaos, Meriones, zuletzt der Tydide. Zum Kampfschauer ward der graue Phoinix, der Kampfgenosse seines Vaters, von dem Peliden bestellt. Jetzt erhoben alle fünf Fürsten zumal ihre Geißel, schlugen mit den Zügeln, ermahnten die Rosse und durchstürmten das Blachfeld; dicker Staub erhob sich, wild flatterten die Mähnen der Pferde, die Wagen rollten bald tief an der Erde, bald flogen sie in schwebendem Sprunge durch die Luft. Hoch standen die Lenker in den Sitzen, und jedem klopfte das Herz nach dem Sieg. Als sich die Rosse dem Ende der Laufbahn, die ans Meer grenzte, nahten, da schien jedes ganz Schnelligkeit zu sein, und alle rannten in gestrecktem Lauf. Zuvorderst sprangen die Stuten des Eumelos; über Rücken und Schultern atmete ihm schon das Hengstgespann des Tydiden, als diesem Apollon zürnend die Geißel aus den Händen stieß und so die Schnelligkeit seiner Rosse hemmte. Athene bemerkte die List, gab dem Helden die Geißel zurück und zerbrach dem Eumelos das Joch, daß die Stuten auseinander sprangen und der Lenker sich neben dem Rade verwundet auf dem Boden wälzte. Der Tydide flog vorüber; ihm zunächst Menelaos, nächst ihm trieb Antilochos seine Rosse mit scheltendem Zuruf. An einem durchwühlten Hohlwege strauchelte Menelaos; Antilochos aber fuhr kühn durch den engen Paß an ihm vorüber. Während die zuschauenden Helden Rosse und Wagen durch den Staub zu erkennen strebten und sich darüber stritten, war Diomedes; die anderen immer hinter sich lassend, mit seinem von Zinn und Gold schimmernden Wagen am Ziel angekommen. Den dampfenden Rossen strömte der Schweiß vom Nacken; der Held selbst sprang vom Sitz und lehnte die Geißel ans Joch. Sein Freund Sthenelos nahm den Kampfpreis in Empfang, ein schönes Weib und einen gehenkelten Kessel, gab sie den Freunden wegzubringen und schirrte die Rosse aus. Nächst ihm kam Antilochos an, und fast zu gleicher Zeit Menelaos. Speerwurfsweite davon fuhr etwas träger Meriones einher, und ganz zuletzt schleppte den Versehrten Wagen mit verrenkten Gliedern Eumelos daher. Dennoch wollte diesem Achilles, weil ihn unverschuldetes Unglück getroffen und er der beste Wagenlenker war, den zweiten Preis erteilen, aber Antilochos fuhr zornig auf: "Mir gehört der zweite Preis", sprach er, "die herrliche ungezähmte, sechsjährige Stute; bedauerst du jenen, so hast du Gold, Erz, Vieh, Rosse und Mägde genug im Zelte; gibt ihm davon was du willst!" Achilles lächelte, sprach seinem lieben Altersgenossen das Roß zu und schenkte dem Eumelos einen herrlichen Harnisch. Aber Menelaos beschuldigte nun seinerseits den Antilochos, ihm die Rosse mit List gehindert zu haben, und sann ihm einen Eid beim Schöpfer des Rosses, Poseidon, an. Der beschämte Jüngling gestand sein Vergehen und führte die gewonnene Stute dem Atriden zu. Dies besänftigte den Zorn des Menelaos; er überließ dem Jüngling das Roß und nahm sich den dritten Preis, das Becken. Zwei Talente Goldes als vierten Kampfpreis erhob Meriones; den übrigen fünften, einen vom Feuer noch unberührten Mischbecher mit Henkeln, überließ Achilles dem Nestor als Geschenk.
Nun wurde zum Faustkampfe geschritten und dem Sieger ein Maultier, dem Besiegten ein Henkelbecher bestimmt. Sogleich erhob sich ein kraftvoller, gewaltiger Mann, Epeios, der Sohn des Panopeus, faßte das Tier und rief: "Dieses ist mein, den Becher nehme wer will! Das aber verkünde ich: der Leib wird ihm von meiner Faust zerschmettert und die Gebeine zermalm' ich ihm!" Auf diesen Gruß verstummten alle Helden, bis sich Euryalos, des Mekistheus Sohn, ihm gegürtet und kampfbereit entgegenstellte. Bald kreuzten sich ihre Arme, die Fäuste klatschten auf den Kiefern, der Angstschweiß floß ihnen von den Gliedern. Endlich versetzte Epeios seinem Gegner einen Streich auf den Backen, daß er zu Boden fiel wie ein Fisch, der aus der Welle aufs Ufergras gesprungen ist. Epeios hob ihn an den Händen empor, und seine Freunde führten ihn blutspeiend und mit hängendem Haupt aus der Versammlung.
Hierauf stellte Achilles die Preise für den Ringkampf aus: dem Sieger einen großen Dreifuß, zwölf Rinder an Wert, dem Besiegten ein blühendes kunstfertiges Weib. Da umfaßten sich bald mit schmiegsamen Armen Odysseus und der große Aias, ineinandergefügt, wie ein Zimmermann Sparren zusammenfügt; ihr Schweiß floß, ihr Rücken knirschte, an Seiten und Schultern wurden Blutstriemen sichtbar; schon murrten die Achiver, da hob Aias den Odysseus in die Höhe, doch dieser gab dem Gegner mit gebeugtem Knie von hinten einen Stoß, warf ihn rücklings nieder und sank ihm von oben auf die Brust; doch vermochte er ihn nur ein weniges zu bewegen, und beide rollten miteinander in den Staub. "Ihr seid beide Sieger", rief Achilles, "und ich belohne euch mit gleichem Preise."
Für den Wettlauf ward dem Sieger ein silberner, sechs Maß haltender Krug kunstreicher Arbeit bestimmt; dem nächsten Läufer ein Stier, dem dritten ein halbes Talent Goldes. Hier erhoben sich der schnelle Lokrer Aias, Odysseus und Antilochos. Achilles gab das Zeichen; voran stürmte Aias, ihm
zunächst Odysseus, wie ein Webschiff an der Brust des Weibes dahinfliegt; schon wehte sein Hauch dem Aias im Nacken, und alle Danaer ermunterten den Eilenden. Als sie dem Ziel ganz nahe waren, flehte Odysseus im Herzen zu seiner Schützerin Athene; die schuf die Glieder leicht und ließ den Lokrer über den Unrat der dem Patroklos geschlachteten Rinder straucheln, daß ihm Mund und Nase besudelt ward. Ein lautes Gelächter schallte, als Odysseus den Mischkrug, und bald darauf Aias, Kot ausspeiend, den Stier faßte. Den letzten Preis ergriff Antilochos lächelnd und sprach: "Ehre verleihen die Götter älteren Menschen, zwar ist Aias nur weniges älter denn ich, aber er ist früheren Stammes." - "Du sollst nicht umsonst so neidlos geredet haben", sprach Achilles zu dem holden Jüngling, "ich füge deinem Preis noch ein halbes Talent Goldes hinzu."
Und nun trug der Pelide die herrliche Lanze des Sarpedon, die Patroklos jüngst erbeutet hatte, in den Kreis und legte sie mit Schild und Helm nieder. Darum sollten zwei der tapfersten Helden in Waffen kämpfen, die Rüstung sollten beide gemeinschaftlich erhalten und beide köstlich im Zelte des Achilles bewirtet werden, der Sieger aber das thrakische Schwert des Asteropaios voll Silberbuckeln davontragen. Mit drohendem Blicke rannten der Telamonier Aias und Diomedes gegeneinander, in Waffen dreimal aufeinander losstürmend. Aias durchstieß den Schild des Tydiden, Diomedes aber zielte nach dem Hals. Die Achiver, um Aias besorgt, trennten die Kämpfenden, doch das Schwert erhielt der Tydide.
Noch wurde mit der eisernen Scheibe, die vordem Eetion, der König von Theben, den Achilles erschlug, oft geworfen, um die Wette gestritten. Epeios schwang sie im Wirbel und warf, doch so, daß die Danaer lachten; dann Leonteus, dann der gewaltige Aias, daß sie über das Zeichen wegflog; aber weit über alle hinaus, wie ein Hirt Stecken über seine weidenden Rinder, schleuderte sie Polypoites und trug sie als Preis davon.
Zehn Äxte und zehn Beile von bläulich schimmerndem Eisen stellte Achilles dem Schützen aus. An dem Mast eines Schiffes wurde an dünnen Fäden eine Taube gebunden; wer die traf, sollte die Äxte haben, der Besiegte sich mit den kleineren Beilen begnügen. Um den ersten Schuß losten Teukros und Meriones. Das Los des Teukros sprang aus dem Helm, aber durch Apollons Mißgunst verfehlte er den Vogel und durchschoß den Faden, daß die Taube sich in die Lüfte schwang. Dem verdrossen nachblickenden Teukros entriß Meriones den Bogen, legte seinen Pfeil darauf, und durchschoß der Taube in der Luft den Flügel, denn er hatte in Eile dem Phoibos eine Dankhekatombe gelobt. Die Taube setzte sich verwundet auf den Mast, senkte den Hals und die Flügel, und bald fiel sie tot zur Erde nieder. Staunend jubelten die Völker, Meriones faßte die Äxte; Teukros schlich mit den Beilen davon.
Ein Speer und ein mit Blumen geziertes reines Becken ward als Preis des Speerwurfes zuletzt in den Kreis gebracht. Da stand zuerst der Völkerfürst Agamemnon auf, und Meriones nach ihm. Aber Achilles sprach: "Atride, wir wissen alle aus der Schlacht, wie weit du die Helden im Speerwurf besiegest, laß darum dem Helden Meriones den Speer und nimm ohne Kampf das Becken." Agamemnon gehorchte dem Wunsch, reichte dem Kreter die Lanze und griff nach dem Becken. Und damit hatten die Spiele ein Ende.
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Priamos bei Achilles
Als sich die versammelten Völker getrennt hatten, sättigte sich jeder mit Speise und Schlaf. Nur Achilles brachte eine Nacht ohne Schlummer im Andenken an seinen bestatteten Freund hin; er legte sich bald auf die Seite, bald auf den Rücken, bald aufs Angesicht; dann stand er plötzlich auf und schweifte am Meeresufer umher. Am frühen Morgen spannte er seine Rosse ins Joch, befestigte den Leichnam Hektors am Wagensitz und schleifte ihn dreimal um das Denkmal des Patroklos, aber Apollon deckte diesen mit dem goldenen Schirm seiner Aigis und sicherte den Leib vor allen Entstellungen. Achilles verließ den Leichnam, in den Staub auf das Antlitz gestreckt. Das erbarmte die seligen Götter im Olymp, mit Ausnahme Heras, und Zeus beschickte die Mutter des Peliden, Thetis; er befahl ihr, schleunig zum Heere zu gehen und dem Sohne zu verkündigen, daß den Göttern insgesamt und Zeus selbst das Herz von Zorn glühe, weil er Hektors Leib ohne Lösung bei den Schiffen zurückhalte. Thetis gehorchte, ging in das Zelt des Sohnes, setzte sich nahe zu ihm, und sanft mit der Hand ihn streichelnd, sprach sie: "Lieber Sohn, wie lange willst du mit Gram und Seufzern dir das Herz abzehren, des Schlafes und der Nahrung vergessen? Es wäre gut, wenn du dich der Freude des Lebens wieder zuwendetest, denn du wirst mir ja doch nicht lange mehr auf Erden einhergehen, und das grausame Verhängnis lauert schon an deiner Seite. Höre denn die Worte des Zeus, die ich dir melde. Er und alle Götter zürnen dir, daß du Hektors Leiche mißhandeltst und bei den Schiffen zurückhältst. Wohlan, entlaß ihn, mein Sohn, gegen reiche Lösung." Achilles schaute auf, sah der Mutter ins Gesicht und sprach: "So sei es; was Zeus und der Rat der Himmlischen gebietet, muß geschehen. Wer mir die Lösung bringt, soll den Leichnam empfangen."
Zur selben Zeit schickte Zeus die schnelle Götterbotin Iris in die Stadt des Priamos mit seinen Aufträgen. Diese, dort angekommen, fand nichts als Geheul und Wehklage. Im Vorhofe saßen, um den Vater im Kreise, die Söhne, sich die Gewänder feucht weinend; in der Mitte der Greis, straff in den Mantel gehüllt, Staub auf Nacken und Haupt gestreut. In den Wohnungen lagen Töchter und Schwiegertöchter auf den Knien und jammerten um die gemordeten Helden. Da trat plötzlich die Botin des Zeus vor den König und begann mit leiser Stimme, daß ihm ein Schauer durch die Glieder fuhr: "Fasse dich, Sohn des Dardanos, verzage nicht, ich habe dir kein übles Wort zu verkündigen. Zeus erbarmt sich deiner: er gebietet dir, zu Achilles zu gehen und ihm Geschenke darzubringen, womit du den Leichnam deines Sohnes lösen sollst. Du allein sollst gehen, von keinem anderen Troianer begleitet, als von einem der älteren Herolde, der dir den Wagen mit den Maultieren lenken und dich mit dem Toten wieder zur Stadt zurückführen kann. Fürchte weder Tod noch einen anderen Schrecken; Zeus gesellt dir den mächtigen Argoswürger Hermes zum Schütze zu, daß er dich geleite, zum Peliden führe und auch dort beschirme. Doch ist Achilles selbst ja nicht vernunftlos und kein blinder Frevler; er wird von selbst des Flehenden schonen, und alles Leid von dir abwehren."
Priamos vertraute den Worten der Göttin, befahl seinen Söhnen, den Wagen mit dem Maultiergespann zu rüsten, und stieg dann in die duftige, mit Zedernholz getäfelte Kammer hinab, in welcher viel Kostbarkeiten aufbewahrt lagen. Dorthin berief er seine Gemahlin Hekabe und sprach zu ihr: "Armes Weib, wisse, daß mir Botschaft von Zeus kam: ich soll zu Achilles nach den Schiffen wandeln, sein Gemüt mit Geschenken versöhnen, und den Leichnam unseres lieben Sohnes Hektor einlösen. Wie deucht dir solches in deinem Herzen? Mich selbst, ich berge es nicht, drängt ein heftiger Trieb, nach den Schiffen zu gehen." So sprach der Greis; aber seine Gemahlin erwiderte ihm schluchzend: "Wehe mir, Priamos, wohin ist dir dein einst so gepriesener Verstand entflohen? Welch ein Gedanke, du, der Greis, allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln und dem Manne vor Augen zu treten, der dir so viel tapfere Söhne erschlagen hat! Meinst du, der Falsche, Blutgierige werde Mitleid mit dir haben, wenn er dich erblickt? Viel besser, wir beweinen ihn fern, zu Hause, ihn, dem das Geschick schon bei der Geburt bestimmt hat, von den Hunden verzehrt zu werden!" - "Halte mich nicht", antwortete Priamos entschlossen, "werde mir nicht selbst im Hause zum drohenden Unglücksvogel! Und erwartete mich auch der Tod bei den Schiffen: der Wüterich mag mich ermorden, wenn ich nur, mein Herz mit Tränen sättigend, den geliebtesten Sohn in den Armen halten darf." Unter diesen Worten schlug er den Deckel von den Kisten und wählte zwölf köstliche Feiergewänder, zwölf Teppiche, ebensoviel Schlafröcke, Leibröcke und prächtige Mäntel aus. Dann wog er zehn volle Talente Goldes dar, erlas weiter vier schimmernde Becken, zwei Dreifüße; ja selbst einen köstlichen Becher, den ihm die Thrakier geschenkt hatten, als er zu ihnen auf Gesandtschaft kam, sparte der Greis nicht. So begierig war er, seinen trautesten Sohn zu lösen! Dann scheuchte er sämtliche Troianer, die ihn aufhalten wollten, aus der Halle und bedrohte sie: "Ihr Nichtswürdigen, habt ihr nicht Gram im Hause genug, daß ihr herkommet, um auch mich zu bekümmern? Achtet ihr es für etwas Kleines, daß Zeus den Jammer über mich verhängte, meinen tapfersten Sohn zu verlieren? Doch, ihr werdet's schon erfahren. Möchte nur ich in den Hades hinuntergehen, ehe ich die Trümmerhaufen eurer Stadt schaue!" So scheuchte er sie mit dem Stabe hinaus; dann rief er scheltend seine Söhne: "Ihr Schändlichen, Untüchtigen, lägt ihr mir doch alle an Hektors Statt getötet bei den Schiffen. Alle Guten sind tot, nur die Schandflecke sind übrig, Lügner, Gaukler, Reigentänzer, die im Fette des Volkes schwelgen! Werdet ihr mir nicht sogleich den Wagen ausrüsten und alles dieses in den Korb hineinlegen, damit ich meinen Weg vollenden kann?" Erschrocken gehorchten die Söhne dem murrenden Vater, spannten die Maultiere vor den Lastwagen und luden die Lösegeschenke auf. Alsdann spannten sie auch die sorglich gepflegten Rosse an den Wagen des Priamos, und der greise Herold, der ihn begleiten sollte, war auf der Stelle. Mit bekümmertem Herzen reichte Hekabe dem König den goldenen Becher zum Opfertrank; die Schaffnerin nahte ihm mit Waschgefäß und Kanne, und als Priamos sich die Hände mit lauterem Wasser besprengt, empfing er den Becher, stellte sich in die Mitte des Hofes, spendete vom Weine und betete mit erhobener Stimme zu Zeus: "Vater Zeus, Herrscher vom Ida, laß mich Barmherzigkeit und Gnade vor Peleus' Sohne finden! Gib mir auch ein Zeichen, daß ich getrost zu den Schiffen der Danaer gehen kann!" Kaum hatte er ausgesprochen, so stürmte mit ausgebreiteten Fittichen ein schwarzgeflügelter Adler rechts her über die Stadt. Alle Troianer sahen es mit Wonne, und der Greis schwang sich voll Zuversicht in den Wagensitz. Vor ihm her zogen die Maultiere den schwerbepackten vierrädrigen Wagen, den der Herold Idaios lenkte. Hinter diesem trieb der Greis mit der Geißel sein Rossegespann an; die Seinigen aber folgten ihm alle wehklagend, als ob es zum Tode ginge. Als die Wagen draußen vor der Stadt waren und Priamos und der Herold am Denkmal des alten Königs Ilios vorbeilenkten, hielten sie mit beiden Wagen ein wenig, um die Rosse und Maultiere unten am Strome zu tränken. Der Abend war hereingebrochen und das Gefilde lag rings in Dämmerung. Da bemerkte Idaios ganz in der Nähe die Gestalt eines Mannes und erschrocken sprach er zu Priamos: "Merk auf, Herr, hier gilt's Besonnenheit! Sieh den Mann dort, ich fürchte, er steht auf der Lauer und sinnt auf unseren Tod. Wir sind unbewaffnet, dazu Greise; laß uns entweder umkehren und schnell in die Stadt zurückfliehen, oder seine Knie umfassen und ihn um Erbarmen flehen." Den Greis durchfuhr ein banger Schauer und seine Haare sträubten sich. Jetzt näherte sich die Gestalt; es war aber kein Feind, sondern der Abgesandte des Zeus, Hermes, der Bringer des Heils, der auserwählte Sterbliche auf ihren Wegen zu begleiten hat. Dieser faßte die Hand des Königs, ohne daß der ihn erkannte, und sprach: "Vater, wohin lenkst du in tiefer Nacht, wo andere Sterbliche schlafen, deine Rosse und Maultiere? Fürchtest du dich denn gar nicht vor den erbitterten Achivern? Wenn dich einer davon so viel köstlicher Habe durchs Dunkel führen sähe, wie würde dir wohl zu Mute werden? Sorge jedoch nicht, daß ich dir etwas zuleide tue; vielmehr möchte ich dich auch vor anderen beschirmen; gleichst du doch meinem lieben Vater an Gestalt! Aber sage mir, führst du so viel auserlesene Güter, flüchtend, nach einem fremden Lande? Oder verlasset ihr alle bereits Troia, nachdem ihr den tapfersten Mann verloren habt, der keinem Griechen an Mute wich?" Priamos schöpfte leichter Atem und antwortete: "Wahrlich, jetzt sehe ich, daß die Hand eines Gottes mich beschirmt, da mir ein so liebreicher und verständiger Gefährte auf meinem Wege begegnet, der so schön vom Tode meines Sohnes redet. Aber wer bist du, mein Guter, und welcher Eltern Kind?" - "Mein Vater heißt Polyktor", antwortete Hermes, "ich bin von sieben Söhnen der letzte, ein Myrmidone und Genosse des Achilles; daher ich denn oft mit meinen Augen deinen Sohn kämpfen und die Argiver zu den Schiffen treiben sah, während wir bei unserem zürnenden Herrn standen und ihn aus der Ferne bewunderten." -"Wenn du ein Genösse des schrecklichen Peliden bist", fragte Priamos jetzt voll Ungeduld, "o so verkündige mir, ob mein Sohn noch bei den Schiffen ist oder ob Achilles ihn schon, in Stücke zerhauen, den Hunden vorgeworfen hat?" - "Nein", antwortete Hermes, "er liegt noch im Zelte des Achilles, von Moder unberührt, obgleich schon der zwölfte Morgen verflossen ist und der Held ihn mit jedem Sonnenaufgang ohne Mitleid um das Grab seines Freundes schleift. Du würdest dich selbst verwundern, wenn du sähest, wie frisch und tauig er daliegt, vom Blute gereinigt, alle Wunden geschlossen. Selbst im Tode pflegen die Götter noch seiner." Voll Freude langte Priamos den herrlichen Becher hervor, den er bei sich im Wagen liegen hatte. "Nimm ihn", sprach er, "verleih' mir deinen Schutz dafür und geleite mich zum Zelte deines Herrn." Hermes, als scheute er sich, ohne Achilles' Wissen Geschenke zu nehmen, wies die Gabe ab, schwang sich jedoch zu dem Helden in den Wagen, ergriff Zaum und Geißel, und bald hatten sie Graben und Mauer erreicht. Hier fanden sie die Hüter eben mit ihrem Abendmahle beschäftigt. Doch ein Wink des Gottes versetzte sie in tiefen Schlaf, und ein Druck seiner Hand schob den Riegel vom Tore. So gelangte Priamos mit seinem Lastwagen glücklich vor die Lagerhütte des Peliden, die hoch aus Balken gebaut und mit Schilf bedeckt und mit einem geräumigen Hofe umgeben war, den eine dichte Reihe von Pfählen umschloß. Nur ein einziger tannener Riegel verschloß die Pforte, aber so schwer, daß nur drei starke Griechen ihn vor- oder zurückschieben konnten; nur Achilles selbst brauchte keine Beihilfe dazu. Jetzt aber öffnete Hermes das Tor ohne Mühe, stieg vom Wagen, gab sich als Gott zu erkennen und verschwand, nachdem er dem Greis geraten, des Helden Knie zu umfassen und ihn bei Vater und Mutter zu beschwören.
Priamos sprang jetzt auch vom Wagen und übergab dem Idaios Rosse und Maultiere. Er selbst ging geradeswegs auf die Wohnung zu, wo Achilles saß. Er traf ihn zu Hause, getrennt von den Seinigen, nur von den Helden Automedon und Alkimos bedient, eben von der Mahlzeit ruhend, und die Tafel stand noch vor ihm. Unbemerkt trat der erhabene Greis ein, eilte auf den Peliden zu, umschlang seine Knie, küßte ihm die Hände, die entsetzlichen, die ihm so viele Söhne gemordet hatten, und sah ihm ins Antlitz. Staunend betrachteten ihn Achilles und seine Freunde; da fing der Greis an zu flehen: "Göttergleicher Achilles, gedenke deines Vaters, der alt ist wie ich, vielleicht auch bedrängt von feindlichen Nachbarn, in Angst und ohne Hilfe wie ich. Doch bleibt ihm von Tag zu Tag die Hoffnung, seinen geliebten Sohn von Troia heimkehren zu sehen. Ich aber, der ich fünfzig Söhne hatte, als die Argiver herangezogen kamen, und davon neunzehn von einer Gattin, bin der meisten in diesem Kriege beraubt worden und zuletzt durch dich des einzigen, der die Stadt und uns alle zu beschirmen vermochte. Darum komme ich nun zu den Schiffen, ihn, meinen Hektor, von dir zu erkaufen und bringe unermeßliches Lösegeld. Scheue die Götter, Pelide, erbarme dich mein, gedenke deines eigenen Vaters! Ich bin des Mitleids noch werter, dulde ich doch, was noch kein Sterblicher geduldet hat, und drücke die Hand an die Lippe, die meine Kinder mir getötet." So sprach er und erweckte dem Helden sehnsüchtigen Gram um seinen Vater, daß er den Alten sanft bei der Hand anfaßte und zurückdrängte. Da gedachte der Greis seines Sohnes Hektor, wand sich zu den Füßen des Peliden, und fing laut an zu weinen; Achilles aber weinte bald über seinen Vater, bald über seinen Freund, und das ganze Zelt erscholl von Jammertönen. Endlich sprang der edle Held vom Sessel empor, hob den Greis, voll Mitleid mit seinem grauen Haupt und Bart, an der Hand auf und sprach: "Armer, fürwahr, viel Weh hast du erduldet, und jetzt, welch ein Mut, so allein zu den Schiffen der Danaer zu wandeln und
einem Manne vor die Augen zu treten, der dir so viele und so tapfere Söhne erschlagen hat! Du mußt ja ein eisernes Herz im Busen tragen! Aber wohlan, setze dich auf den Sessel, laß uns den Kummer ein wenig beruhigen, so sehr er uns von Herzen geht; wir schaffen ja doch nichts mit unserer Schwermut. Das ist nun einmal das Schicksal, das die Götter den elenden Sterblichen bestimmt haben, Gram zu erdulden, während sie selbst ohne Sorge sind. Denn zwei Fässer stehen an der Schwelle der Behausung des Zeus, das eine voll Gaben des Unglücks, das andere voll Gaben des Heils. Wem der Gott vermischt austeilt, den trifft abwechselnd bald ein böses, bald ein gutes Los; wem er nur Weh austeilt, den stößt er in Schande, der wird von herzzerfressender Not über die Erde hin verfolgt. So schenkten die Götter dem Peleus zwar herrliche Gaben, Habe, Macht, ja selbst eine Unsterbliche zur Gattin; doch hat ihm ein Himmlischer auch Böses gegeben, denn ihm ward ein einziger Sohn, der frühe hinwelken wird, der des Alternden so gar nicht pflegen kann; denn hier in weiter Ferne sitze ich vor Troia und betrübe dich und die Deinigen. Auch dich, o Greis, priesen die Völker vormals glückselig, jetzt aber haben die Olympischen dir dieses Leid gesandt, und seitdem tobt nur Schlacht und Mord um deine Mauern. So dulde es denn und jammere nicht unablässig, du kannst deinen edlen Sohn doch nicht wieder auferwecken!"
Da antwortete Priamos: "Heiß mich nicht sitzen, Liebling des Zeus, so lange Hektor noch unbeerdigt in deinem Zelte liegt. Erlaß ihn mir eilig, denn mich verlangt, ihn zu schauen. Freue dich der reichlichen Lösung, schone meiner, und kehre heim in dein Vaterland!"
Achilles runzelte die Stirn bei diesen Worten und sprach: "Reize mich nicht mehr, o Greis! Ich selbst ja beabsichtige, dir Hektor zu erlassen, denn meine Mutter brachte mir des Zeus Botschaft; auch erkenne ich wohl im Geiste, daß dich selbst, o Priamos, zu unseren Schiffen ein Gott geführt hat. Denn wie sollte dies ein Sterblicher, und wäre es der kühnste Jüngling, wagen, wie unseren Wächtern entschlüpfen, wie die Riegel der Tore zurückschieben? Darum errege mir mein trauriges Herz nicht noch mehr, ich möchte sonst den Befehl des Zeus vergessen und deiner nicht schonen, o Greis, so demütig du flehst!"
Zagend gehorchte Priamos. Achilles aber sprang wie ein Löwe aus der Pforte, und ihm nach seine Genossen. Vor dem Zelte spannten sie die Tiere aus dem Joch und führten den Herold herein. Dann hoben sie die Lösegeschenke vom Wagen und ließen nur zwei Mäntel und einen Leibrock zurück, um damit die Leiche Hektors anständig zu verhüllen. Dann ließ Achilles, fern und ungesehen vom Vater, den Leichnam waschen, salben und bekleiden. Achilles selbst legte ihn auf ein unterbreitetes Lager, rief, während die Freunde den Toten auf den mit Maultieren bespannten Wagen hoben, den Namen seines Freundes an und sprach: "Zürne und eifre mir nicht, Patroklos, wenn du etwa in der Nacht der Unterwelt vernimmst, daß ich Hektors Leiche seinem Vater zurückgebe! Er hat kein unwürdiges Lösegeld gebracht, und auch dir soll dein Anteil davon werden!"
Nun kehrte er zurück ins Zelt, setzte sich dem König wieder gegenüber und sprach: "Siehe, dein Sohn ist jetzt gelöst, o Greis, wie du es gewünscht hast; er liegt in ehrbare Gewänder eingehüllt. Sobald der Morgen sich rötet, magst du ihn schauen und davonführen. Jetzt aber laß uns der Nachtkost gedenken; du hast noch Zeit genug, deinen lieben Sohn zu beweinen, wenn du ihn zur Stadt gebracht hast; denn wohl verdient er viele Tränen." So sprach der Held, erhob sich wieder vom Sitz, eilte hinaus und schlachtete ein Schaf. Seine Freunde zogen die Haut ab, schnitten das Fleisch in Stücke und brieten es sorgfältig am Spieße. Dann setzten sie sich zu Tische; Automedon verteilte in zierlichen Körben das Brot, Achilles das Fleisch, und alle sättigten sich nun mit Speise und Trank. Staunend betrachtete Priamos Wuchs und Gestalt seines edlen Wirtes, denn er glich den Unsterblichen. Aber auch Achilles staunte vor Priamos, wenn er ihm in das Angesicht voll Würde schaute und die weise Rede des Greises vernahm. Als nun das Mahl vorüber war, sprach Priamos: "Bette mich jetzt, edler Held, daß wir uns am erquickenden Schlaf sättigen; denn seit mein Sohn gestorben ist, haben sich meine Augenlider nicht mehr geschlossen, und das erste Mal habe ich Fleisch und Wein gekostet."
Sofort befahl Achilles seinen Genossen und den Mägden, ein Bett unter die Halle zu stellen, mit Purpurpolstern zu belegen, Teppiche darüber zu breiten und zottige Mäntel als Decke darauf. So wurde jedem der Fremdlinge ein gesondertes Lager bereitet, und nun sprach Achilles freundlich: "Lagere dich jetzt draußen, lieber Greis; es möchte dich sonst einer der Danaerfürsten, die sich beständig in meinem Zelte zum Rat versammeln, durchs Dunkel hinschleichen sehen und es dem Völkerhirten Agamemnon melden. Der aber könnte dir den Leichnam streitig machen. Jetzt sage mir aber auch noch: wie viel Tage gedenkst du auf die Bestattung deines edlen Sohnes zu verwenden, damit ich so lange ruhe und auch das Volk von jedem Angriff abhalte?" - "Wenn du mir es vergönnst", antwortete Priamos, "meinem Sohn eine Leichenfeier zu halten, so gestatte mir deine Güte elf Tage. Du weißt, wir sind in die Stadt eingeschlossen und müssen das Holz fern im Gebirge holen. So brauchen wir neun Tage zur Vorbereitung, am zehnten möchten wir ihn bestatten und das Totenmahl feiern, am elften ihm einen Ehrenhügel auftürmen; am zwölften Tage, wenn es so sein muß, wollen wir wieder kämpfen." - "Auch dieses geschehe, wie du begehrst", erwiderte Achilles, "ich werde das Heer so lange zurückhalten, als du gefordert." So sprechend faßte er die Rechte des Greises am Knöchel, um seinem Herzen alle Furcht zu benehmen. Nun entließ er ihn zum Schlafe und legte sich selbst im innersten Räume seines Zeltes nieder.
Während so alles schlief, blieb nur Hermes, der Gott, schlummerlos und erwog im Geiste, wie er den König Troias, von den Wächtern ungesehen, aus den Schiffen zurückführen möchte. Deswegen trat er zu dem Haupte des schlummernden Greises und sprach zu ihm: "Alter, du schläfst fürwahr sehr unbesorgt bei feindlichen Männern, nachdem dich alles verschont hat. Es ist wahr, du hast den Sohn teuer gelöst; aber wenn Agamemnon und die Griechen es wüßten, so müßten deine Söhne daheim dich, den Lebenden, mit dreimal größerem Lösegeld auskaufen!" Der Greis erschrak und weckte den Herold; Hermes selbst spannte ihnen Rosse und Mäuler ein und schwang sich zu dem König in den Wagen; Idaios lenkte die Maultiere mit dem Leichnam. So fuhren sie unbemerkt durch das Heer und hatten bald das griechische Lager hinter sich.
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Hektors Leichnam in Troia
Hermes begleitete den König bis an die Furt des Skamander. Dort schied er aus dem Wagen und entflog zum hohen Olymp. Priamos und der Herold aber trieben seufzend und wehklagend die Rosse mit dem Wagen des Königs und die Maultiere mit dem Leichnam in die Stadt. Es war früher Morgen, alles lag noch im Schlummer, und niemand sah sie herankommen; nur Kassandra hatte die Burg von Pergamos erstiegen und erschaute von ferne ihren Vater im Wagensitze stehend, den Herold mit dem Maultierwagen, und in diesem auf Gewänder ausgestreckt den Leichnam. Da begann sie laut zu wehklagen und rief, daß es in der stillen Stadt widerhallte: "Schaut doch hin, ihr Troer und ihr Troerinnen, dort kommt ja Hektor, ach, nur der tote Hektor! Habt ihr euch jemals des Lebenden erfreut, wenn er siegreich aus der Feldschlacht zurückkehrte, so begrüßet jetzt auch den Gestorbenen!" Auf ihren Ruf blieb kein Mann und kein Weib in der Feste, denn aller Herzen durchdrang eine grenzenlose Trauer. Am Tore begegneten Männer und Frauen, voran die Mutter und die Gattin Hektors, dem Führer des Leichenwagens; jene beiden rauften ihr Haar aus, stürzten sich auf den Wagen und legten ihre Hände auf das Haupt des Erschlagenen; die Menge umringte sie in Tränen, und sie hätten den Wagen mit ihrem Wehklagen bis zum Abend aufgehalten, wenn nicht Priamos von seinem Wagensitze zu dem Volke geredet hätte: "Macht Platz und laßt die Maultiere hindurchgehen; wenn ich ihn ins Haus geführt, möget ihr euch satt weinen!" Auf seinen Ruf wichen die Volkshaufen ehrfurchtvoll dem Wagen.
Sobald die Leiche am Palast des Königs angekommen war, wurde sie auf ein schönes Gestell gelegt und Sänger zugeordnet, welche mit kläglichen Lauten den Trauergesang unter dem Nachseufzen der Weiber anstimmten. Vor allen klagte die Fürstin Andromache, die, noch in der Blüte ihres Lebens, vor dem Leichnam stand und sein Haupt in Händen hielt. "Herrlicher Gatte", rief sie, "so verlorst du dein Leben, und lassest mich als Witwe hier am Palast, und mit mir unser unmündiges Kind. Ach, schwerlich blüht dieses wohl zum Jüngling heran! Denn vorher noch wird Troia zerstört, da du, der Stadt Verteidiger, starbest, du Schutz der züchtigen Frauen und der stammelnden Kinder! Bald werden diese nun gefangen zu den Schiffen hinweggeführt, und ich mitten unter ihnen. Du aber, mein trauter Astyanax, wirst Schmach und Arbeit unter einem grausamen Fronherrn mit deiner Mutter teilen. Oder es faßte dich ein Grieche am Arm und schmettert dich vom Turme herab, weil ihm dein Vater Hektor Bruder, Vater oder Sohn getötet; denn freilich schonte dein Vater auch nicht, wo es die Entscheidung galt; deswegen wehklagen auch jetzt die Völker um ihn ringsumher in der Burg. Unaussprechlichen Gram hast du deinen Eltern bereitet, Hektor, endlose Verzweiflung mir selbst. Nicht von dem Sterbelager hast du die Hand mir gereicht, nicht ein Abschiedswort voll Weisheit mir zugerufen, dessen ich Tag und Nacht unter Tränen der Wehmut gedenken könnte!"
Nach Andromache erhob Hekabe, die Mutter, klagend ihre Stimme. "Hektor, o du mein Herzenskind, wie lieb wärest du selbst den Göttern, die deiner auch beim bittersten Tode nicht vergessen haben. Mit dem Schwert getötet und geschleift, ruhst du doch so frisch in unserem Hause, als hätte dich das linde Geschoß Apolls vom silbernen Bogen unversehens hingestreckt." So sprach sie, sich selber tröstend, und vergoß eine Flut von Tränen. Jetzt nahm auch Helena das Wort. "Hektor", klagte sie, "du mir lieber als alle Gebrüder meines Mannes, zwanzig Lebensjahre sind mir entflohen, seit mich Unglückselige Paris gen Troia geführt hat, und nie in dieser langen Zeit hörte ich auch nur ein Wörtlein im Bösen von dir. Zwar König Priamos war immer auch milde gegen mich, wie ein Vater, aber wenn ein anderer im Hause, Bruder oder Schwester des Gatten, Schwägerin oder Schwiegermutter mich hart anließ, die besänftigtest du immer, und dein freundliches Herz redete mir zugut. In dir ist mein Tröster und Freund gestorben; mit Abscheu werden sich jetzt alle von mir abwenden!"
So sprach sie unter Tränen, und das zahllos versammelte Volk seufzte. Da rief Priamos über das Gedränge hin: "Jetzt, ihr Troianer, bringet Holz für den Scheiterhaufen zur Stadt her und besorget nicht, daß etwa ein Hinterhalt der Danaer auf euch laure. Der Sohn des Peleus, als er mich von den Schiffen entließ, hat mir verheißen, uns keinen Schaden zu tun, bis der zwölfte Morgen gekommen wäre."
Die Völker gehorchten; schnell wurden Lastwagen mit Stieren und Maultieren bespannt, und alles versammelte sich vor der Stadt. Neun Tage lang führten sie Holz, eine ganze Waldung herbei; am zehnten Morgen wurde die Leiche Hektors unter lautem Wehklagen hinausgetragen, auf das hohe Scheitergerüst niedergelegt und dieses in Flammen gesetzt. Das ganze Volk stand um den brennenden Holzstoß versammelt; als er niedergebrannt war, löschten sie den glimmenden Schutt mit Wein, und die Brüder und Streitgenossen des Verstorbenen lasen das weiße Gebein unter Tränen aus der Asche zusammen. Mit weichen Purpurgewändern umhüllt, ward es in ein goldenes Kästchen gelegt und in die hohle Gruft gesenkt. Dichte Quadern verschlossen diese, dann wurde der Grabhügel aufgeschüttet, und ringsum saßen Späher, damit nicht ein plötzlicher Überfall der Griechen sie störte. Als die Erde aufgeschüttet war, zog alles Volk in die Stadt zurück, und im Königshause des Priamos wurde das feierliche Totenmahl begangen.
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Penthesilea
Penthesilea aber stürmte noch immer unbezwungen unter die Griechen, wie eine Löwin unter einer Rinderherde wütet, und diese wichen, von Schrecken ergriffen, zurück, wo sie nahte. Trunkenen Mutes rief ihnen die Siegerin entgegen: "Heute noch, ihr Hunde, sollt ihr die Schmach des Priamos mir büßen. Raubtieren und Vögeln sollt ihr zum Fräße modern, und keiner von euch soll Weib und Kind zu Hause wieder schauen, kein Erdhügel je über euren Gebeinen sich erheben! Wo ist Diomedes, wo Aias, Telamons Sohn, wo der Pelide Achilles, die Besten unter eurem Heere? Warum kommen sie nicht und messen sich mit mir? Aber freilich, sie wissen, daß sie von mir zerschmettert und zu Leichen werden müßten!" So rief sie und drang voll Verachtung auf die Argiver ein; bald wütete sie mit der Axt, bald mit dem Wurfspieß, und den Köcher voll Geschosse trug ihr, falls sie sein bedürftig wäre, ihr gelenkiges Roß. Ihr nach drängten sich die Söhne des Priamos und die Ersten der Troianer. Diesem Andränge vermochten die Griechen nicht zu widerstehen; wie Blätter im Winde, oder wie Regentropfen fielen sie gedrängt nacheinander; bald war das Gefilde mit argivischen Leichen bedeckt, und die Rosse der troischen Streitwagen zertraten verfolgend Gefallene und Tote wie gedroschenes Korn. Den Troianern war nicht anders zu Sinne, denn als ob eine der Unsterblichen sichtbar vom Himmel herabgestiegen wäre, um ihnen die Scharen der Feinde bekämpfen zu helfen, und in der törichten Freude ihres Herzens glaubten sie schon an deren gänzliche Vernichtung.
Aber noch war das Getöse des Kampfes weder zu dem gewaltigen Aias noch zu dem Göttersohn Achilles gedrungen. Beide lagen fern am Grabe des Patroklos und gedachten hier ihres erschlagenen Freundes; so war es vom Geschicke verordnet, welches der Amazonenfürstin ein paar Stunden der Ernte gönnen wollte und sie mit Ruhm bekränzt zum Tode trieb. Auf den Mauern der Stadt standen die troianischen Frauen und bewunderten jubelnd die Heldentaten ihrer Mitschwester. Eine von ihnen, Hippodameia, die Gattin des tapferen Troianers Teisiphonos, fühlte sich plötzlich von Kampflust ergriffen: "Freundinnen", sprach sie, "warum kämpfen nicht auch wir, unseren Männern gleich, fürs Vaterland, für uns und unsere Kinder? Stehen wir doch nicht so ferne von dem kräftigen Geschlecht unserer Jünglinge, dieselbe Kraft wie ihnen ward auch uns verliehen, unsere Augen spähen nicht weniger scharf, unsere Knie wanken so wenig, wie die ihrigen, Licht, Luft und Nahrung gehört uns wie ihnen; warum sollte nicht auch die Feldschlacht uns verliehen sein? Seht ihr denn nicht dort das Weib, das hoch hervorragt vor allen Männern? Und doch ist es nicht einmal von unserem Stamme! Es kämpft für einen fremden König, für eine Stadt, die nicht seine Heimat ist, und tut es unbekümmert um die Männer, faßt sich einen Mut im Herzen und sinnt auf Unheil gegen die Feinde. Wir aber hätten für unser eigenes Glück zu fechten, und eigenes Unglück hätten wir zu rächen. Wo ist eine von uns, die in diesem unseligen Kriege nicht ein Kind, oder einen Gatten, oder einen Vater verloren hätte, oder um Brüder oder andere nahe Verwandte trauert? Und wenn unsere Männer unterliegen, was steht uns allen besseres bevor als die Knechtschaft? Darum lasset uns den Kampf nicht länger aufschieben; lieber wollen wir sterben denn als Beute von den Feinden hinweggeführt werden mit unseren unmündigen Kindern, wenn die Gatten tot sind und die Stadt hinter uns in Flammen steht!"
So sprach Hippodameia und erregte die Begierde nach Kampf in ihnen allen. Sie legten Wolle und Webekorb zur Seite, zerstreuten sich wie ein Bienenschwarm in ihre Häuser und griffen nach den Waffen. Unfehlbar wären alle ein Opfer ihres unsinnigen Eifers geworden, wenn nicht die Schwester der Königin Hekabe, Theano, die Gemahlin Antenors, welche weiser war als alle anderen, sich ihrem unsinnigen Beginnen widersetzt hätte. Diese suchte sie mit verständigen Worten zu beschwichtigen. "Was wollt ihr anfangen, ihr Unvernünftigen", rief sie den schon Ausziehenden entgegen: "gegen die Danaer wollt ihr ziehen, die in Waffen und im Kampfe geübten Männer? Wie möget ihr hoffen, euch mit ihnen messen zu können ? Habt ihr denn je Kriegswerk getrieben, wie die Amazonen, habt Rosse tummeln gelernt und anderes Tun der Männer? Dazu ist jenes Wunderweib noch eine Tochter des Kriegsgottes, ihr aber seid alle Kinder von Sterblichen. Deswegen sollt ihr Weiber bleiben, euch fern vom Schlachtgetümmel halten und im inneren Hausraume der Spindel pflegen, den Krieg aber mögt ihr den Männern lassen. Noch sind ja diese aufrecht und umringen schirmend eure Stadt; noch ist es nicht so weit gekommen, daß sie der Hilfe ihrer Weiber bedürfen und diese zur Verteidigung der Stadt aufrufen müßten!"
Den klugen Worten der bejahrten Troerin schenkten die aufgeregten Frauen allmählich Gehör, kehrten auf die Mauer zurück und sahen bald wieder, wie zuvor, von ferne der Schlacht zu. Indessen mordete Penthesilea fort, und die Scharen der Argiver erbebten vor ihr; die Helden begannen zu fliehen und zerstreuten sich da- und dorthin, die einen, nachdem sie die Wehr von den Schultern auf den Boden geworfen, die anderen in voller Waffenrüstung; Rosse und Wagen flogen hier und dorthin ohne Führer; überall hörte man Gewinsel der Sterbenden, denn alles sank zusammen vor dem Schlachtspeer der Amazone.
Immer vorwärts drangen die Troianer; schon waren sie ganz nahe an den Schiffen der Griechen angekommen und machten Anstalt, diese zu verbrennen. Da hörte endlich Aias, der gewaltige Sohn des Telamon, das Kriegsgeschrei, hob sein Haupt vom Grabhügel des Patroklos empor und sprach zu Achilles: "Kampfbruder, mir drang ein unendliches Getöse zu den Ohren, gleich als hätte sich irgendwo ein gefährlicher Kampf erhoben! Laß uns gehen, daß die Troianer uns nicht zuvorkommen und doch einmal die Schiffe verbrennen!" Diese Worte erregten den Peliden, und jetzt wurde auch sein Ohr von dem Jammergeschrei erreicht. Eilig warfen sich beide in ihre schimmernde Rüstung und gingen, in Waffen leuchtend und von Streitlust brennend, der Gegend zu, von welcher der Hall des Kampfes ihnen entgegen lärmte.
Durch die gebrochenen Reihen der Argiver zuckte eine Freude, als sie die beiden tapfersten Männer heraneilen sahen. Diese aber stürzten sich sogleich mit brennendem Eifer in den Kampf und fingen an, unter dem troianischen Heere zu würgen. Aias warf sich auf die Männer, und seinen ersten Speerstößen erlagen vier Troianer. Achilles aber kehrte sich gegen die Amazonen, und vier der Jungfrauen erlagen unter seinen Streichen; dann stürzten sich beide miteinander auf die Masse des feindlichen Heeres, und mit geringer Mühe waren die noch jüngst so dicht stehenden Reihen der Feinde gelichtet.
Als Penthesilea dies inne ward, stürzte sie mutig ihren beiden mächtigen Feinden entgegen, wie ein Panthertier den Jägern entgegeneilt. Jene aber reckten sich, daß ihre ehernen Panzer klirrten, und hielten ihre Lanzen empor. Die Amazone warf ihren Speer zuerst auf Achilles. Der Schild des Helden fing ihn auf, daß er zersplitternd abprallte, als wäre er auf einen Felsen gestoßen. Mit der zweiten Lanze zielte sie jetzt auf Aias, und zugleich rief sie beiden Helden zu: "Wenn auch mein erster Wurf mißlang, dieser zweite soll euch Prahlern Kraft und Leben rauben, die ihr euch rühmt, die Stärksten im Heere der Danaer zu sein, aber jetzt nur hergekommen seid, um zu erfahren, daß ein Weib mehr vermag als ihr beide zusammen!" So rief sie und brachte durch ihre Reden die Helden zum Lachen. Ihre Lanze aber erreichte die silberne Beinschiene des Aias, und so gern sie in seinem Blute geschwelgt hätte, vermochte sie doch nicht einmal seine Haut zu ritzen, denn die Waffe prallte von der ehernen Fußbekleidung ab. Aias, ohne sich viel um die Amazone zu bekümmern, stürzte sich auf die Schlachtreihen der Troianer und überließ dem Achilles die Feindin, denn er zweifelte in seinem Geiste keinen Augenblick, daß dieser allein mit ihr fertig werden würde, so bald wie ein Habicht mit der Taube.
Penthesilea, als sie sah, daß auch ihr zweiter Wurf ohne Erfolg geblieben, stieß einen lauten Seufzer aus; Achilles aber maß sie mit seinen Blicken und rief ihr zu: "Sage mir, Weib, wie hast du dich erdreisten können, dich so übermütig uns entgegenzuwerfen und uns, die gewaltigsten Helden der ganzen Erde, zu bekämpfen, uns, die wir vom Blute des Donnerers selbst entsprossen sind, und vor welchem Hektor bebte und erlegen ist? Der Wahnsinn muß aus dir gesprochen haben, als dem Mund uns heute mit dem Tode bedrohte; denn siehe, dein eigenes letztes Stündlein ist jetzt gekommen. " Mit diesen Worten drang er auf sie ein, die unbezwingliche Lanze, das Werk des Kentauren Chiron, seines Erziehers, in der Rechten schwingend. Der Wurf traf die Kriegerin oberhalb der rechten Brust, so tief, daß alsbald das schwarze Blut aus der Wunde strömte und alle Kraft ihre Glieder verließ. Die Axt fiel ihr aus der Rechten und ihr Auge hüllte sich in Finsternis. Doch erholte sie sich noch einmal und sah ihrem Feinde, der eben heranstürmte, sie vom flüchtigen Rosse zu ziehen, fest ins Antlitz. Sie besann sich einen Augenblick, ob sie ihr Schwert aus der Scheide ziehen und sich wehren, oder vom Rosse steigen und zu dem Sieger flehend ihm Gold und Erz genug für ihr Leben versprechen sollte. Aber Achilles ließ ihr keine Zeit, sich zu besinnen. Im Zorne über ihren Stolz durchbohrte er Roß und Reiterin mit einem Stoße. Alsbald glitt diese herab und sank in den Staub und ins Verderben, am Speere zuckend und mit dem Rücken an das flüchtige Streitroß gelehnt, das sterbend auf den Knien lag; sie selbst einer schlanken Tanne gleich, die der Nordwind geknickt hat.
Als die Troianer den Fall ihrer Heldin gewahr wurden, stürzten sie voll Betäubung zurück nach den Toren der Stadt, wehklagend über den Tod der Amazone und ihrer eigenen vielen Stammesverwandten. Der Sohn des Peleus aber rief mit Frohlocken: "So liege du denn, du armes Geschöpf, den Raubvögeln und Hunden zur Weide! Wer hat dich auch mit mir kämpfen geheißen? Du hofftest wohl unermeßliche Gaben aus der Hand des Königs Priamos als Kampfpreis zu empfangen, dafür, daß du so viele Griechen erschlagen hast! Aber ein anderer Lohn wurde dir zuteil!" So sprach er und zog ihr und dem Pferde den Speer aus dem Leibe, und noch zuckten beide. Dann nahm er ihr den Helm vom Haupt ab und betrachtete das Antlitz der Verschiedenen. Obgleich von Blut und Staub bedeckt, waren doch ihre edlen Züge auch im Tode noch voll Anmut, und die Griechen, die den Leichnam umringten, mußten alle über die überirdische Schönheit der Jungfrau staunen, die, der nach heißer Gebirgsjagd schlummernden Artemis ähnlich, in voller Waffenrüstung dalag. Achilles selbst, als er sie länger betrachtete, fühlte sich von überschleichendem Schmerz bestrickt und mußte sich gestehen, daß die Fürstin, anstatt von ihm getötet zu werden, viel eher verdient hätte, als herrliche Gattin mit ihm in Phthia einzuziehen.
In den tiefsten Schmerz aber versank der Vater der Amazone, der Kriegsgott, über ihren Tod. Wie ein Blitz mit rollendem Donner stürzte er sich bewaffnet vom Olymp herunter auf die Erde und schritt über die Gipfel und Schluchten des Berges Ida hin, daß Gebirge und Tal unter seinem Schritte erbebten. Und sicherlich hätte er den Griechen das Verderben gebracht, wenn ihn nicht Zeus, der Freund der Danaer, durch ein furchtbares Gewitter gewarnt hätte, das sich Schlag auf Schlag über seinem Haupte entlud und in welchem er die Stimme seines allmächtigen Vaters vernahm, so daß Ares, so sehr er sich nach dem Kampfe sehnte, es doch nicht sogleich wagte, dem Willen des Donnerers entgegen zu handeln, und mitten auf dem Wege nach dem Schlachtfelde still stand. Er war unschlüssig, ob er zum Olymp zurückkehren sollte, oder dem Vater trotzend hingehen und seine Hände in das Blut des Achilles tauchen. Zuletzt gedachte er jedoch der vielen Söhne des Zeus selbst, die nach dem Ratschlüsse des Vaters sterben müßten und die er selbst nicht imstande gewesen, vor dem Tode zu schützen. So besann er sich denn des Besseren; kannte er ja doch seinen allgewaltigen Vater und wußte, daß, wer sich ihm widersetzt, vom Blitze gebändigt und zu den Titanen in die Unterwelt geschleudert wird.
Um den Leichnam Penthesileas drängten sich inzwischen die Danaer und fingen an, die Tote ihrer Waffen zu berauben. Achilles aber stand mit ganz verwandeltem Gemüte daneben, er, der noch soeben ihren Leib den Hunden und Vögeln zum Fräße hatte preisgeben wollen. Mit tiefer Wehmut blickte er auf die Jungfrau hernieder, und es nagte ihm keine geringere Qual am Herzen als einst, da er um seinen lieben Freund, den erschlagenen Patroklos, jammerte.
Unter den herbeiströmenden Griechen näherte sich auch der häßliche Thersites und fiel den Helden mit schmähenden Reden an: "Bist du nicht ein Tor", rief er ihm zu, "daß du dich um die Jungfrau abhärmen magst, die uns allen doch so vielfaches Unheil bereitet hat? Du zeigst dich fürwahr als einen weibischen Lüstling, daß dich eine Sehnsucht nach der Schönheit dieser Erschlagenen beschleicht! Hätte dich doch ihre Lanze in der Schlacht getötet, du Unersättlicher, der du meinst, daß alle Weiber deine Beute werden müßten!" Wütender Zorn bemächtigte sich des Helden, als er aus dem Munde eines Elenden solche Schmähworte hören mußte. Er versetzte dem häßlichen Schelter mit der bloßen Faust einen solchen Streich auf die Wange, daß ihm die Zähne aus dem Munde fielen, ein Blutstrom hervorschoß und Thersites, sich auf dem Boden krümmend, seine feige Seele aushauchte. Da war unter den Umstehenden keiner, der ihn bedauert hätte, denn sein einziges Geschäft war gewesen, andere zu schmähen, indes er selbst im Felde und im Rate sich immer nur als ein armseliger Wicht bewies. Achilles aber sprach voll Unmut: "Hier magst du denn im Staube liegen und deine Torheit vergessen lernen! Denn Torheit ist es, wenn der Schlechtere sich dem Besseren gleichstellen will! Wie mich hast du schon früher den Odysseus gereizt, aber er war zu großmütig, dich zu bestrafen. Jetzt erfuhrest du, daß der Sohn des Peleus sich nicht ungestraft schelten läßt. Gehe jetzt und schmähe bei den Schatten!"
Nur einer war unter dem ganzen griechischen Heere, dem der Tod des Thersites die Galle aufregte, Diomedes, des Tydeus Sohn, und zwar deswegen, weil der Erschlagene aus einem Blute mit ihm entsprungen war, denn sein Großvater Oineus und des Thersites Vater waren Brüder gewesen. Darum zürnte jetzt Diomedes, und er hätte die Waffen gegen Achilles erhoben, wenn nicht die edelsten Danaer ins Mittel getreten wären, denn auch der Pelide war bereit, ihm für das Blut seines Vetters mit dem Schwerte Genugtuung zu geben. So aber ließen sich beide beschwichtigen.
Die Atriden selbst erlaubten nun, voll Mitleid und Bewunderung für die getötete Jungfrau, daß dem König Priamos, der durch eine feierliche Botschaft sich die Leiche erbeten hatte, um sie in der Gruft des Königs Laomedon zu bestatten, ihr Leichnam ausgeliefert werde. Priamos aber errichtete ihr vor der Stadt einen mächtigen Scheiterhaufen und legte den Leib der Jungfrau samt vielen herrlichen Gaben darauf. Dann entzündete er den Scheiterhaufen, daß er hoch emporloderte, und als der Leichnam verzehrt war, löschten die umstehenden Troianer den Brand mit süßduftendem Wein. Sodann sammelten sie die Gebeine Penthesileas, legten sie in ein Kästchen und trugen sie wehklagend und in feierlichem Aufzuge in die Gruft des Königs Laomedon, die sich an einem hervorragenden Turme der Stadt befand. Neben ihr wurden ihre zwölf Begleiterinnen, die alle ebenfalls in der Männerschlacht geblieben waren, beigesetzt, denn auch ihnen hatten die Söhne des Atreus diese Ehre gegönnt. Auf der anderen Seite begruben auch die Griechen ihre Toten und bejammerten vor allen den Podarkes, der seinem Bruder Protesilaos, welchen Hektor erschlagen hatte, nun im Schlachtentode gefolgt war. Abgesondert von den anderen wurde ihm ein eigener Grabhügel erhöht, der ein weithin sichtbares Denkmal bildete. Zuletzt scharrten sie auch den häßlichen Thersites ein, und nun kehrten sie wieder zu ihren Schiffen zurück, alle voll Dankes in ihrem Herzen gegen den gewaltigen Achilles, der auch diesmal der Retter der Griechen gewesen war.
Als die Nacht einbrach, lagerten sich im geräumigen Zelt des Atriden die vornehmsten Helden zum Schmause, und auch die andern Griechen freuten sich, da und dort hingestreckt, des erquickenden Mahles, bis der Morgen wieder anbrach.
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Memnon
Die aufsteigende Sonne leuchtete in Troia über lauter Kümmernis. Auf den Mauern umher saßen spähend die Troianer, denn sie fürchteten jeden Augenblick, der gewaltige Sieger möchte nun auf Leitern über die Stadtmauer setzen und ihren alten Wohnsitz einäschern. Da erhob sich im Rate der Bangenden ein Greis mit Namen Thymoites, der sprach: "Freunde! Vergebens sinnt mein Geist auf ein Mittel, das drohende Verderben von uns abzuwenden. Seit Hektor unter den Händen des unbezwinglichen Achilles erlegen ist, müßte, glaube ich, selbst ein Gott, wenn er sich unser annehmen wollte, im Kampfe erliegen. Hat er doch auch die Amazone, vor der alle anderen Danaer bebten, bezwungen! Und doch war sie so furchtbar, daß wir alle in ihr eine Göttin zu sehen glaubten und Freude unser Herz bei ihrem Anblick durchströmte. Aber ach, leider war sie nicht unsterblich! So fragt es sich denn nun, ob es nicht besser für uns wäre, wenn wir diese unglückselige Stadt, die doch zum Untergange bestimmt ist, verließen und anderswo sichere Wohnsitze aufsuchten, zu welchen die verderblichen Griechen nicht dringen könnten!"
So redete Thymoites. Nun stand Priamos in der Versammlung auf, ihm zu entgegnen: "Lieber Freund", sprach er, "und ihr alle Troianer und gute Bundesgenossen! Laßt uns doch die geliebte Heimat nicht feige aufgeben und uns größerer Gefahr preisgeben, wenn wir uns in offener Feldschlacht durch die umringenden Feinde durchschlagen sollten. Vielmehr wollen wir warten, bis Memnon da ist, der Aithiopier, aus dem Lande der schwarzen Männer, der wohl mit seinem unzähligen Volke schon unterwegs ist, uns Hilfe zu bringen! Es ist schon viel Zeit verflossen, seit meine Boten zu ihm gegangen sind. Deswegen haltet nur noch ein kleines aus; und müßtet ihr selbst im Kampfe alle umkommen, so ist es doch besser, als bei Fremdlingen, von Schande gebeugt, sein Leben fristen zu müssen!"
Zwischen diese entgegengesetzten Meinungen trat ein bedächtiger Mann unter den Troianern, der Held Polydamas, und gab seinen Rat in folgenden Worten: "Wenn Memnon wirklich kommt, so habe ich nichts dagegen, König und Herr! Aber ich befürchte, der Mann wird mitsamt seinen Gefährten den Tod bei uns finden und den Unsrigen nur noch mehr Unheil bereiten. Doch bin auch ich keineswegs der Meinung, daß wir das Land unserer Väter verlassen sollten. Vielmehr wäre, wenn es auch jetzt spät ist, doch immer noch das beste, wenn wir die Ursache dieses ganzen Krieges, die Fürstin Helena, mit allem dem, was sie uns aus Sparta zugebracht hat, den Griechen wieder auslieferten, ehe sich die Feinde in unsere Habe geteilt und die Stadt mit Feuer verzehrt haben!"
Dieser Rede gaben die Troianer zwar im Herzen stillen Beifall, doch wagten sie nicht, ihrem Könige laut zu widersprechen. Auf der anderen Seite erhob sich Paris, Helenas Gemahl, und beschuldigte den Schutzredner der Griechen, wie er Polydamas nannte, der äußersten Feigheit. "Ein Mann, der dazu raten kann, würde im Felde der erste sein, der die Flucht ergriffe", sprach er. "Besinnet euch wohl, Troianer, ob es klug gehandelt ist, dem Rate eines solchen zu folgen!"
Polydamas wußte wohl, daß Paris von Helena nicht lassen und eher einen Aufruhr im Heere erregen, ja selber sterben würde, ehe er auf sie verzichtete; darum schwieg er und die ganze Versammlung mit ihm. Als sie noch sinnend im Rate saßen, kam die frohe Botschaft, daß Memnon im Anzuge sei. Den Troianern war zumute wie Schiffern, die, dem Tode schon im Rachen, nach dem furchtbaren Sturme die Sterne wieder am Himmel schimmern sehen; vor allen aber freute sich der König Priamos, denn er zweifelte nicht, daß es der Überzahl der Aithiopier gelingen müßte, die feindlichen Schiffe zu verbrennen.
Als daher Memnon, der hohe Sohn der Eos (Aurora), angekommen war, ehrte der König ihn und die Seinen durch die herrlichsten Gaben und Festmahle. Das Gespräch wurde wieder heiter, und sie gedachten in Ehren der gefallenen Troianerhelden. Memnon aber erzählte von seinem unsterblichen Elternpaare, Tithonos und Eos; ein andermal vom endlosen Weltmeere und wiederum von den Grenzen der Erde, vom Aufgang der Sonne und von dem ganzen weiten Wege, den er von den Ufern des Ozeans bis zu den Höhen des Berges Ida und der Stadt des Königs Priamos zurückgelegt, und was für Heldentaten er unterwegs verrichtet habe. Ihm lauschte der Troianerkönig mit Wohlgefallen; voll Wärme ergriff er seine Hand und sprach: "Memnon, wie danke ich den Göttern, daß sie mir, dem Greise, gegönnt haben, dich und dein Heer noch zu erblicken und dich selbst in meinem Palast zu bewirten! Fürwahr, du gleichest mehr als irgendein Sterblicher den Göttern, und deswegen hege ich die Zuversicht zu dir, daß du unter unseren Feinden mit furchtbarem Gemetzel wüten werdest!" Mit diesen Worten hob der König einen Pokal aus gediegenem Gold und trank ihn dem neuen Bundesgenossen zu. Memnon betrachtete staunend ringsum den herrlichen Becher, der ein Werk des Hephaistos und ein Erbstück der troianischen Königsfamilie war; dann erwiderte er: "Nicht beim Schmause ziemt es sich zu prahlen und zuversichtliche Verheißungen zu tun; ich antworte dir daher nicht, o König, sondern freue mich jetzt in Ruhe des Mahles und will im Geiste das Nötige vorbereiten. In der Schlacht muß es sich zeigen, ob ein Mann ein Held sei. Nun aber laß uns bald zur Ruhe gehen, denn dem, der die Entscheidung des Kampfes erwartet, schadet ein übermäßiger Genuß des Weines und eine durchschwärmte Nacht!"
Damit erhob sich der besonnene Memnon vom Mahle, und Priamos hütete sich, seinen Gast zu längerem Bleiben zu nötigen. Auch die übrigen Gäste gingen zur Ruhe, und alles überließ sich dem wohltuenden Schlaf. Während nun die Sterblichen auf der Erde schlummerten, saßen die Götter im olympischen Palast des Zeus noch beim Schmause und besprachen sich über den Kampf um Troia. Zeus, der Sohn des Kronos, dem die Zukunft deutlich war wie die Gegenwart, nahm zuletzt das Wort und sprach: "Es ist vergebens, daß ihr sorget, der eine für die Griechen, der andere für die Troer. Noch unzählige Rosse und Männer werdet ihr auf beiden Seiten im Kampfe dahinsinken sehen. So sehr euch nun mancher, der des einen oder des anderen Freund ist, am Herzen liegen mag, so lasse sich doch keiner von euch einfallen, sich mir deshalb mit Bitten zu nahen, und für einen Sohn oder einen Freund zu flehen, denn die Schicksalsgöttinnen sind unerbittlich, für mich wie für euch!"
Keiner der Unsterblichen wagte es, dem Göttervater zu widersprechen; schweigend verließen sie das Mahl, und jeder in seinem Hause warf sich traurig auf das Lager, bis auch der Götter sich der Schlaf erbarmte.
Am anderen Morgen stieg Eos nur widerstrebend am Himmel auf, denn auch sie hatte das Wort des Zeus vernommen, und ihr Herz sagte ihr voraus, welch ein Schicksal ihrem geliebten Sohne Memnon bevorstand. Dieser aber war schon in aller Frühe erwacht, als kaum die Gestirne bleichten; er schüttelte sich den Schlaf, den letzten auf Erden, von den Wimpern, und sprang vom Lager voll Sehnen, den entscheidenden Kampf für seine Freunde mit den Griechen zu beginnen. Auch die Troianer warfen sich in ihre Rüstungen, und mit ihnen die zahllosen Gäste aus Aithiopien. Ohne sich lange zu verweilen, strömten die Scharen, Sturmgewölk gleich, das vom Winde getrieben wird, zu den Toren hinaus aufs Blachfeld; die ganze Straße wogte von dichtem Gedränge und der Staub erhob sich unter ihren Füßen.
Als die Griechen sie aus der Ferne heranziehen sahen, staunten sie, waffneten sich in Eile und zogen aus; Achilles, auf welchen sie vertrauten, in ihrer Mitte, stolz auf seinem Wagen stehend wie ein Titane und gleich einem Donnergeschoß in des Zeus Hand. Aber in der Mitte des troianischen Heeres zog nicht minder herrlich Memnon einher, dem Kriegsgott selber zu vergleichen; und sein unendliches Volk, gehorsam und kampflustig, hatte sich rings um ihn her geschart. Nun begann der Kampf; wie zwei Meere wogten die Heere sich entgegen und schlugen aneinander Welle an Welle. Schwerter zischten und Speere sausten, lautes Getöse hallte durch die Schlachtreihen, und bald erhob sich in beiden Heeren Klagelaut um die Fallenden. Bald stürzte ein Troer um den anderen vor den Stößen des Achilles nieder, wie vor einem Sturm, der Bäume aus den Wurzeln reißt und Häuser umwirft. Andererseits warf auch Memnon die griechischen Scharen darnieder, wie ein böses Verhängnis, das den Sterblichen viel Jammer und Unheil bringt. Zwei edle Genossen Nestors fielen von seiner Hand, und jetzt nahte er dem Greise von Pylos selber, und es fehlte wenig, daß Nestor von der Lanze des Aithiopiers gefallen wäre. Denn eines seiner Wagenpferde war eben von einem Pfeile des Paris verwundet worden und hemmte den Wagen seines Herrn, als Memnon mit seinem Speer auf den Greis hergerannt kam. Erschrocken rief dieser seinen Sohn Antilochos zu Hilfe, und sein Wort verhallte nicht in den Lüften. Der fromme Jüngling eilte heran, stellte sich vor die Brust des Vaters und warf seinen Speer nach dem Aithiopier. Dieser wich dem Geschosse aus, aber es traf seinen Freund Aithops, den Sohn des Pyrrhasos. Darüber ergrimmte Memnon, und wie der Löwe auf den Eber losstürzt, warf er sich nun auf Antilochos. Dieser schleuderte einen Stein gegen den Tobenden, der jedoch an seinem dicken Helm abprallte. Nun stieß ihm Memnon die Lanze durchs Herz, und Antilochos erkaufte so die Rettung seines Vaters mit dem Tode. Als die Achiver ihn sinken sahen, bemächtigte sich ihrer aller der Schmerz; den bittersten aber empfand der Vater, als um seinetwillen und ihm vor den Augen der Sohn erschlagen wurde, doch behielt er Besinnung genug, einen anderen seiner Söhne, Thrasymedes, herbeizurufen, damit er den Mörder von dem Leichnam seines Bruders hinwegscheuchte. Dieser vernahm den Ruf im Getümmel der Schlacht und zugleich mit ihm machte sich Pheres auf, den tobenden Sohn der Eos zu bekämpfen. Memnon ließ sie voll Zuversicht nahen, und alle ihre Speere flogen an seiner Rüstung vorüber, die ihm die göttliche Mutter gefeit hatte. Doch erreichten sie immer ein Ziel, nur ein anderes, als wofür sie bestimmt waren, und beide trafen mit ihren Geschossen feindliche Helden. Währenddessen fing Memnon an, den getöteten Antilochos seiner Rüstung zu berauben, und die griechischen Streiter umkreisten den Gefallenen vergebens, wie heulende Schakale einen Hirsch, den der Löwe zerreißt. Nestor, als er dies erblickte, jammerte laut auf, rief seinen übrigen Freunden, ja sprang selbst vom Wagen herab und wollte mit schwindenden Geisteskräften für den Leichnam des Sohnes kämpfen. Doch Memnon, als er ihn kommen sah, wandte sich freiwillig von ihm ab, ehrfurchtsvoll, als sähe er einen Vater nahen. "Greis", sprach er, "mir ziemt nicht, den Kampf mit dir zu versuchen! Von ferne hielt ich dich für einen jungen kriegerischen Mann, darum zielte meine Lanze nach dir; nun aber sehe ich, daß du weit älter bist. Meide den Kampf, weiche, daß ich dich nicht mit widerstrebendem Herzen fälle und du zu deinem Sohne in den Staub sinkest! Würde man dich doch einen Toren schelten, wenn du in so ungleichen Kampf dich gewagt hättest!" Nestor aber antwortete: "Das sind nichtige Worte, die du da geredet, Memnon! Kein Mensch heißt den Mann töricht, der, über den Tod seines Sohnes ergrimmt, zu kämpfen kommt, und den grausamen Mörder von seinem Leichnam vertreiben will! O hättest du mich als jung gekannt! Jetzt gleiche ich freilich nur einem alten Löwen, den jeder Hund von der Schafhürde abhalten kann! Doch nein, noch besiege ich viele Streiter, und nur wenigen weicht mein Alter!" So sprach Nestor und wich ein wenig rückwärts, indem er den Sohn im Staube hegen ließ. Zugleich zogen sich auch Thrasymedes und Pheres zurück, und nun wütete Memnon mit seinen Aithiopiern ungehindert in der Schlacht fort, und die Argiver vermieden seinen Speer mit Schrecken.
Nun wandte sich Nestor an Achilles. "Du Beschirmer der Griechen", sprach er, "siehe, dort liegt mein Sohn tot; Memnon hat ihm die Waffen geraubt, bald wird er eine Speise der Hunde sein! Eile zu Hilfe, denn nur der ist ein wahrer Freund, der des erschlagenen Freundes sich annimmt!" Achilles horchte auf, und tiefer Kummer bemächtigte sich seiner, als er sah, wie der Aithiopier die Danaer scharenweise in den Staub streckte. Bisher hatte sich nämlich der Pelide unter den Troianern herumgetummelt und hier viele getötet. Jetzt aber ließ er von ihnen ab und wandte sich plötzlich Memnon entgegen. Als dieser ihn kommen sah, raffte er einen Markstein vom Boden auf und schleuderte ihn nach dem Schilde des Feindes. Aber der Stein prallte ab und Achilles, der seinen Streitwagen hinter der Schlachtreihe gelassen hatte, drang zu Fuße auf Memnon ein und traf ihn mit dem Speere rechts an der Schulter. Der Aithiopier achtete auf diesen Stoß nicht, eilte vorwärts und stieß dem Achilles seine mächtige Lanze in den Arm, daß das Blut des Helden zur Erde floß. Nun brüstete sich Memnon in eitler Freude und rief: "Elender, der du so mitleidlos die Troianer erschlugest, jetzt steht dir ein Göttersohn entgegen, dem du nicht gewachsen bist, denn Eos, meine Mutter, die Olympierin, ist mehr denn deine Mutter Thetis, die sich allein unter den Scheusalen des Meeres gefällt!" Aber Achilles lächelte nur und sprach: "Der Erfolg wird lehren, welcher von uns von edleren Eltern abstammt! Ich fordere von dir jetzt Rache für den jungen Helden Antilochos, wie ich einst an Hektor Rache genommen für meinen Freund Patroklos!"
Damit faßte er seinen riesigen Speer mit beiden Händen, und dasselbe tat Memnon. So stürzten sie aufeinander los. Zeus selbst machte sie in diesem Augenblick größer, stärker und unermüdlicher als Menschen sind, so daß kein Stoß des einen den anderen fällte und sie so nahe aneinander kamen, daß Helmbusch an Helmbusch streifte. Vergebens suchten sie einander bald über dem Schienbein, bald unter dem Panzer zu verwunden; ihre Rüstungen klirrten; das Kampfgeschrei der Aithiopier, Troianer und Argiver stieg empor zum Himmel, der Staub wirbelte unter ihren Füßen auf, und während die Führer kämpften, feierte unter ihren Kriegern das Gemetzel nicht. Die Olympier, die von der Höhe herab zuschauten, hatten ihre Freude an dem unentschiedenen Kampfe, die einen an der Kraft des Peliden, die anderen an Memnons unbesiegtem Widerstande, je nachdem sie dem einen oder dem anderen verwandt oder befreundet waren. Und bald wären die Götter untereinander darüber in Zwietracht geraten, wenn nicht Zeus plötzlich zwei der Parzen aufgerufen hätte und befohlen, daß die finstere sich zu Memnon, die lichte sich zu Achilles gesellen sollte. Laut schrien die Bewohner des Olymps auf bei diesem Befehle, die einen vor Freude, die anderen vor Leid.
Die beiden Helden aber stritten fort, ohne die Schicksalsgöttinnen zu erblicken. Sie kämpften gegeneinander bald mit der Lanze, bald mit Schwertern, bald mit Steinen! Keiner erzitterte; fest standen sie wie Felsen. Und ebenso unentschieden zog sich rechts und links von ihnen der Kampf ihrer Genossen hin, Blut und Schweiß floß auf den Boden, und die Erde deckte sich mit Leichen. Endlich aber siegte das Geschick. Achilles stieß seinem Gegner die Lanze so tief in die Brust, daß sie ihm zum Rücken herausfuhr und er mit dumpfem Dröhnen in sein Blut auf den Kampfplatz niedersank.
Jetzt flohen die Troianer, von dem verfolgenden Achilles wie von einem Orkane gejagt, während er Memnons Leichnam seinen Freunden zum Berauben überließ. Eos stieß am Himmel einen Seufzer aus und hüllte sich in Gewölk ein, daß die Erde Finsternis bedeckte; ihre Kinder, die Winde, flogen auf ihr Geheiß herunter auf die Ebene, ergriffen den Leib des Erschlagenen und entführten ihn durch die Lüfte, aus den Händen seiner Feinde. Nichts blieb von ihm auf der Erde übrig als die Blutstropfen, die herabträufelten, während er von den Winden emporgetragen ward. Daraus wurde ein blutiger, unversieglicher Strom, der in späten Tagen noch am Fuße des Ida jedesmal am Todestage des Memnon flüssig wurde und mit Modergeruch dahinfloß. Die Winde hielten sich mit dem Leichnam nicht allzuhoch über der Erde und flogen mit ihm in die Quere dahin; die Aithiopier aber, die sich von dem erschlagenen Beherrscher nicht trennen wollten, folgten unten mit tiefem Stöhnen, bis sie den staunenden Troern und Argivern mit der Leiche aus den Augen schwanden. Die Winde setzten den Leichnam am Fuße des Flusses Aisepos nieder, dessen Töchter, anmutige Nymphen, ihm in einem lieblichen Haine ein Grabmal errichteten, wo ihn seine vom Himmel herabgestiegene Mutter Eos mit vielen anderen Nymphen unter heißen Tränen bestatten half. Auch die Troer, in ihre Stadt zurückgekehrt, beklagten den hohen Memnon herzlich. Die Argiver selbst empfanden keine ungetrübte Freude; sie priesen zwar den Sieger Achilles, den Stolz des Heeres, aber sie weinten auch mit Nestor um seinen lieben Sohn Antilochos, und so durchwachten sie unter Schmerz und Lust die Nacht auf dem Schlachtfelde.
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Der Tod des Achilles
Am anderen Morgen trugen seine Volksgenossen, die Pylier, den Leichnam ihres Königssohnes Antilochos unter Wehklagen hinweg zu den Schiffen und bestatteten ihn dort an den Ufern des Hellespontes. Der greise Nestor aber blieb fest in seinem Gemüt und bewältigte den Schmerz durch Besonnenheit. Achilles jedoch rastete nicht. Sein Grimm über den Tod des Freundes jagte ihn mit Tagesanbruch unter die Troianer, die auch schon kampflustig ihre Mauern verlassen hatten, obgleich sie vor dem Speer des göttergleichen Achilles bebten. Bald wurde der Kampf wieder allgemein, der Held erschlug eine Unzahl von Feinden und verfolgte die Troianer bis vor die Stadt. Hier, seiner übermenschlichen Kraft sich bewußt, schickte er sich an, die Torflügel aus den Angeln zu heben, die Riegel zu öffnen und den Griechen die Stadt des Priamos aufzutun.
Aber Phoibos Apollon, der vom Olymp herab den unermeßlichen Haufen Erschlagener überschaute, fing an, ihm unerbittlich zu zürnen. Wie ein reißendes Tier stieg er vom Göttersitze hernieder, den Köcher mit den unheilbar tötenden Pfeilen auf dem Rücken. So trat er dem Peliden entgegen; Köcher und Pfeile klirrten, sein Auge flammte, unter dem Wandelnden erbebte der Boden. Und nun, dem Helden im Rücken, ließ er seine furchtbare Stimme erschallen: "Laß von den Dardanern ab, o Pelide, wüte nicht so rasend! Hüte dich, daß nicht einer der Unsterblichen dich verderbe!" Achilles kannte die Stimme des Gottes wohl, aber er ließ sich nicht einschüchtern, und ohne die Warnung zu beachten, rief er ihm laut entgegen: "Was willst du mich reizen, mit Göttern zu kämpfen, indem du immerdar die Frevler, die Troianer, begünstigst? Schon einmal hast du mich in Zorn gebracht, als du mir zum erstenmal Hektor entrissest. Nun rate ich dir, entweiche fern zu den anderen Göttern, daß dich mein Speer nicht treffe, obwohl du unsterblich bist!"
Mit solchen Worten wandte er sich von Apollon ab den Feinden wieder zu. Der zürnende Phoibos aber verhüllte sich in ein schwarzes Gewölk, legte einen Pfeil auf seinen Bogen und schoß aus dem Nebel den Peliden in die verwundliche Ferse. Ein stechender Schmerz durchfuhr auf der Stelle den Achilles bis ans Herz hinan, und wie ein unterhöhlter Turm stürzte er plötzlich zu Boden. Liegend spähte er rings um sich her und schrie mit schneidendem, furchtbarem Tone: "Wer hat mir aus der Ferne den tückischen Pfeil zugeschickt? O daß er mir im offenen Kampf entgegentrete, wie wollte ich ihm sein Gedärm aus dem Leibe zerren und all sein Blut vergießen, bis seine verfluchte Seele in den Hades führe! Aber aus dem Verborgenen stellen die Feiglinge dem Tapferen immer nach! Wisse er dies, und wenn es ein Gott wäre, der mir zürnt. Denn, wehe, mir ahnet, daß es Apollon sei. Auch hat mir Thetis, meine Mutter, einst geweissagt, daß ich am skaeischen Tore dem verderblichen Pfeil des Phoibos erliegen werde, und wohl hat sie die Wahrheit gesprochen!"
So stöhnte der Held und zog den Pfeil aus der unheilbaren Wunde. Zornig schleuderte er ihn weg, als er das schwarze Blut nachquellen sah, und Apollon hob ihn auf und kehrte mit ihm, verhüllt in die Wolke, zum Olympos zurück. Hier trat er aus dem Nebel hervor und mischte sich wieder unter die anderen Olympier. Ihn bemerkte Hera, die Freundin der Griechen, und mit bitterem Unmut fing sie an ihn zu schelten: "Du hast eine verderbliche Tat getan, Phoibos! Hast du doch an der Hochzeit des Peleus mitgeschmaust und mitgesungen, wie die anderen Götter, und, dem Peleus zutrinkend, ihm Nachkommen gewünscht. Und dennoch hast du die Troianer begünstigt und ihm endlich den einzigen Sohn getötet! Das hast du aus Neid getan. Törichter, mit welchem Blick willst du künftig die Tochter des Nereus ansehen?"
Apollon schwieg und setzte sich seitwärts von den Göttern, den Blick zu Boden gesenkt. Die einen von den Olympiern zürnten, die anderen dankten ihm im Herzen. Dem Achilles aber kochte das dunkle Blut in den unbändigen Gliedern noch immer von Kampflust, und kein Troianer wagte es, dem Verwundeten zu nahen. Noch einmal erhob er sich mit einem Sprung vom Boden, stürzte, den Speer schwingend, unter die Feinde und traf damit den Freund seines alten Gegners Hektor, Orythaon, an die Schläfe, daß die Spitze diesem ins Gehirn drang. Dann stieß er dem Hipponoos den Speer ins Auge, durchbohrte dem Alkathoos die Wange und raubte noch vielen Fliehenden das Leben. Jetzt aber wurden seine Glieder kalt, er mußte still halten und sich auf die Lanze stützen. Die Troianer flohen noch immer vor ihm und seiner Stimme, denn er donnerte den Fliehenden nach: "Laufet nur davon, auch nach meinem Tode werdet ihr meinem Speer nicht entgehen, sondern meine Rachegötter werden Strafe an euch nehmen!" Sie flohen zitternd, denn sie glaubten, er sei noch unverwundet. Ihm aber erstarrten die Glieder, und er sank hin unter die anderen Toten, daß die Erde dröhnte und seine Waffenrüstung einen dumpfen Klang von sich gab.
Zuerst wurde seinen Fall Paris gewahr, sein Todfeind. Mit einem lauten Freudenschrei ermahnte er die Troianer, sich der Leiche zu bemächtigen, und nun versammelten sich eine Menge Streiter um den Toten, die früher seine Lanze gemieden oder erfahren hatten. Aber der Held Aias umkreiste die Leiche und verscheuchte mit hoch emporgehaltenem Speer alle Feinde, die sich nahten, und wenn sich einer zum Kampf mit ihm herbeiwagte, so empfing er den Todesstoß. Endlich beschränkte sich Aias nicht mehr auf den Verteidigungskampf, sondern brach los gegen die Troianer und richtete ein gräßliches Blutbad unter ihnen an. Hier fiel auch der Lykier Glaukos und der edle Troianerheld Aineias ward verwundet. An des Aias Seite kämpften Odysseus und andere Danaer, doch leisteten die Troianer immer noch hartnäckigen Widerstand; ja, Paris wagte es, mit dem Speer plötzlich auf Aias zu zielen. Dieser aber nahm den Augenblick wahr, ergriff einen Feldstein und zerschmetterte ihm damit den Helm, daß er in den Staub sank und die Pfeile aus seinem Köcher sich hier und dorthin zerstreuten. Kaum hatten seine Freunde Zeit, den schwach Atmenden auf den Wagen zu heben und mit Hektors Rossen nach Troia zurückzuführen. Als nun Aias die Troianer alle in die Stadt zurückgescheucht hatte, eilte er über Leichen, Blut und Rüstungen zurück zu dem Hellespont.
Derweil hatten die Könige den Leichnam des Achilles vom Schlachtfeld zu den Schiffen getragen und umringten ihn in grenzenlosem Schmerz. Und am lautesten tönte jetzt die Klage des herzugekommenen Aias, welcher in dem hinweggerafften Helden den teuren Sohn eines Oheims bejammerte. Auch der greise Fürst Phoinix ergoß sich in die bittersten Klagen, indem er den riesigen Leib des gewaltigen Peliden umschlungen hielt. Er gedachte des Tages, da Peleus, der Vater des gefallenen Helden, ihm das Kind ans Herz legte, und ihm die Erziehung desselben übertrug; auch des Tages, da sein Zögling sich mit ihm aufmachte, gen Troia zu ziehen. Und nun mußten Vater und Erzieher das Kind überleben!
Auch die Atriden beweinten ihn und alle Griechen; unaufhörlich stieg Klagegeschrei zum Himmel auf und tönte dumpf von den Schiffen wider.
Endlich machte der greise Nestor, seines eigenen, noch unbegrabenen Sohnes gedenkend, den Klagen ein Ende, indem er sie daran erinnerte, den Leichnam des Helden zu waschen, aufs Lager zu legen und ihm dann die letzte Ehre der Toten zu erweisen. Dies geschah; der Leib des Peliden wurde mit warmem Wasser abgewaschen und mit schönen Gewändern umhüllt, die ihm seine Mutter Thetis mit auf den Zug gegeben hatte. Als er nun so im Zelte niedergelassen dalag, warf Athene vom Olymp herab einen mitleidigen Blick auf ihren Liebling und träufelte ihm aufs Haupt einige Tropfen Ambrosia, von dem Götterbalsam, von dem es heißt, daß er die Toten vor Entstellung und Verwesung bewahre. Dadurch machte sie ihn frisch und einem Lebendigen ähnlich. Auf die Stirn legte sie ihm den schrecklichen Ausdruck, von dem sein Antlitz beseelt war, als er über den Tod seines geliebten Patroklos zürnte, und dem ganzen Leibe verlieh sie ein schönes und lebensvolles Ansehen. Alle Argiver, welche ihn zu sehen kamen, ergriff Staunen, wie der Held in riesiger Größe, schön und herrlich auf dem Lager ruhte, als läge er da in friedlichem Schlummer und würde nun bald wieder erwachen.
Die laute Wehklage der Griechen um ihren größten Helden drang auch in die tiefe See zu seiner Mutter Thetis und den übrigen Töchtern des Nereus, die dort wohnen. Ungeheurer Schmerz durchdrang ihre Gemüter, und sie stöhnten so jammervoll, daß der Hellespont widerhallte. Voll Begierde eilten sie nächtlicherweile in Scharen durch die sich vor ihnen teilende Meerflut herauf an den Strand, wo die Schiffe der Griechen standen. Alle Ungeheuer des Meeres stöhnten mit ihnen; sie aber nahten sich wehklagend dem Leichnam, und Thetis, ihr Kind mit den Armen umschlingend, küßte ihn auf den Mund und weinte, daß der Boden naß wurde von ihren Tränen. Die Danaer aber wichen mit ehrfurchtsvollem Grausen zurück vor den meerentstiegenen Göttinnen und nahten sich dem Leichnam erst wieder, als jene sich entfernt hatten und der Morgen anbrach. Da trugen sie unzählige Bäume vom Berge Ida herab, türmten sie hoch auf, legten auf den Scheiterhaufen die Rüstungen vieler Erschlagener, geschlachtetes Opfervieh, Gold und edle Metalle; die Helden der Griechen schnitten ihr Haar ab, und auch Briseis, die geliebte Sklavin des Toten, brachte die Locken als letztes Geschenk ihrem Gebieter dar. Dann gössen sie viele Krüge Öles über das aufgeschichtete Holz als Trankopfer, stellten Schalen mit Honig und lieblichem Weine, welcher wie Nektar duftete, auch mit edlen Gewürzen gefüllt, in das Gerüste; zuoberst auf den Holzstoß wurde der Leichnam gelegt. Darauf machten sie in voller Waffenrüstung zu Roß und zu Fuß die Runde um den düsteren Holzstoß. Nun wurde der Scheiterhaufen angezündet, und die verzehrenden Flammen schlugen unter dem Wehklagen der Krieger empor. Aiolos aber sandte auf des Zeus Befehl seine schnellsten Winde, die mit Sturmhauch in die aufgeschichteten knisternden Bäume fuhren, daß die Glut in wenigen Stunden den Holzstoß mitsamt dem Leichnam in Asche verwandelte. Die letzten Flammen löschten sie mit Wein. Da lagen die Gebeine des Helden wie die Knochen eines Giganten, getrennt von allem, was zugleich mit ihnen verbrannt worden war. Seine Genossen sammelten dieselben seufzend und legten sie in einen geräumigen, aus Silber und Gold gehämmerten Kasten, der auf der erhabensten Stelle des Gestades neben seines Freundes Patroklos Gebein in die Erde gesenkt und mit einem hohen Grabhügel überdeckt wurde.
Auch die unsterblichen Rosse des Helden ahnten seinen Fall; sie rissen die Stränge los, mit welchen sie angebunden waren, und wollten nicht länger die Mühseligkeiten der Menschen teilen. Nur mit Mühe wurden sie von den Freunden des Gefallenen eingeholt und ihr Kummer beschwichtigt.
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Leichenspiele des Achilles
Auch zu Troia wurde in diesen Tagen eine Totenfeier begangen; der Lykier Glaukos, der treue Bundesgenosse der Troianer, der im letzten Kampfe gegen die Griechen gefallen war und dessen Leichnam seine Freunde aus den Händen der Feinde gerettet hatten, wurde verbrannt und bestattet.
Am folgenden Tage erhob sich Diomedes, der Sohn des Tydeus, in der Versammlung der griechischen Helden mit dem Rate, jetzt im Augenblicke, ehe die Feinde Mut aus Achilles' Tode schöpften, mit Wagen, Roß und Mann gegen die Stadt anzurücken und dieselbe zu erstürmen. Aber gegen ihn stand Aias, der Sohn Telamons, auf: "Wäre es auch recht", sprach er, "die erhabene Meeresgöttin, die um den Tod ihres Sohnes trauert, ungeehrt zu lassen und nicht vor allen Dingen herrliche Spiele um das Grabmal ihres Sohnes zu feiern? Sie selbst, als sie gestern an mir vorüber ins Meer zurückrauschte, gab mir einen Wink, den Sohn nicht ungeehrt zu lassen, indem sie selbst bei seiner Leichenfeier erscheinen werde. Was die Troianer betrifft, so werden sie sich schwerlich mehr ermutigen, obgleich der Pelide dahin ist, so lange nur du und ich und der Atride Agamemnon noch am Leben sind!" - "Ich will mich in deine Meinung fügen", erwiderte der Tydide, "wenn Thetis wirklich selbst heute erscheint. Ihr Wunsch soll auch dem dringendsten Kampfe vorangehen."
Kaum hatte Diomedes diese Worte gesprochen, als die Meereswellen am Strande sich teilten und die Gemahlin des Peleus, dem leichten Hauche des Morgens vergleichbar, aus den Fluten heraufrauschte und in der Danaer Mitte hineintrat. Mit ihr kamen Nymphen als Dienerinnen, die aus den Umhüllungen ihrer Schleier herrliche Kampfpreise hervorzogen und vor den Augen der Achiver auf dem Felde ausbreiteten. Thetis selbst ermunterte die Helden, mit den Kampfspielen den Anfang zu machen. Da erhob sich der Sohn des Neleus, Nestor, doch nicht um zu kämpfen, denn das hohe Alter hatte ihm die Glieder steif gemacht, sondern zur lieblichen Rede, und pries die holde Tochter des Nereus. Er erzählte von ihrer Hochzeit mit Peleus, bei der die Unsterblichen selbst als Gäste schmausten und die Hören göttliche Speisen in goldenen Körben herbeibrachten und mit ambrosischen Händen sie aufschichteten. Die Nymphen mischten den Göttertrank in goldene Becher, die Chariten führten ihren Reigen und die Pieriden sangen. Der Äther und die Erde, Sterbliche und Unsterbliche, alles nahm damals an der seligen Freude teil.
So erzählte Nestor und pries dann die ewigen Taten des Peliden, der diesem Ehebund entsprossen war. Seine Rede goß sanften Trost in die Seele der betrübten Mutter, und die Argiver, obwohl voll Kampflust, hörten doch mit Wonne zu und stimmten in sein Lob des Helden jubelnd ein. Thetis übergab dem Nestor als Vermächtnis zwei der herrlichsten Rosse ihres Sohnes; dann schied sie aus den mitgebrachten Gaben als Preis für den Sieg im Wettlaufe zwölf stattliche Kühe, jede mit einem saugenden Milchkalbe; sie waren eine Beute ihres Sohnes, der sie einst kämpfend von den Berghöhen des Ida hinweggetrieben. Nun erhoben sich unter den griechischen Helden Teukros, der Sohn des Telamon, und der Lokrer Aias, des Oileus schneller Sohn, und entkleideten sich zum Laufe bis an den Gürtel. Agamemnon steckte das Ziel des Wettlaufes; wie Habichte stürmten sie dahin, und rechts und links jauchzten ihnen die zuschauenden Griechen Beifall zu. Schon waren beide dem Ziele nahe, als dem Teukros ein Tamariskengesträuch den Weg versperrte, daß er strauchelte und fiel. Laut schrien die Danaer, der Lokrer aber stürmte an ihm vorbei, ergriff das Ziel und führte die Kühe triumphierend weg zu den Schiffen; den Teukros führten hinkend die Seinigen davon, Ärzte wuschen ihm das Blut vom Fuße und wickelten ihn sorgfältig in ölgetränkte Binden ein.
Zum Ringkampfe standen jetzt zwei andere Helden auf, Diomedes und der mächtigere Aias, der Telamonssohn. Beide rangen vor den neugierigen Blicken ihrer Genossen mit gleicher Kraft und Erbitterung, endlich aber umstrickte Aias den Tydiden mit den nervigen Händen und schien ihn erdrücken zu wollen. Dieser aber, ebenso gewandt als stark, bog zur Seite aus, stemmte die Schultermuskeln an, hob den gewaltigen Gegner in die Höhe, daß seine Arme abglitten und warf ihn mit einem Stoße des linken Fußes auf den Boden. Die Zuschauer jauchzten laut auf. Aias aber raffte sich empor und begann den Kampf aufs neue, und so wüteten sie, wie zwei Stiere im Gebirge ihre eisernen Köpfe gegeneinander stoßen; diesmal faßte Aias den Diomedes an den Schultern und warf ihn wie einen Felsen mit unwiderstehlicher Kraft auf den Boden, daß er dahinrollte und die Helden umher Beifall jubelten. Doch auch Diomedes raffte sich empor und bereitete sich zum dritten Gange. Da stellte sich Nestor zwischen beide hinein und sprach: "Macht diesem Ringen doch ein Ende, Kinder, wir alle wissen auch ohnedem, daß ihr, seit wir den großen Achilles verloren haben, die Tapfersten unter allen Argivern seid!" Ein Ruf der Zustimmung hallte durch die Luft aus dem zuschauenden Heere, die Ringer wischten sich den Schweiß von der Stirn, fielen einander in die Arme und küßten sich. Thetis beschenkte sie mit vier gefangenen Sklavinnen, die sich durch Fleiß und Herzensgüte auszeichneten und die Achilles einst auf Lesbos erbeutet hatte. Die eine von ihnen verstand das Essen in der Küche zu besorgen, die andere kredenzte den Wein beim Mahle, die dritte reichte das Wasser am Schlüsse desselben, die letzte trug die Speise von der Tafel ab, und alle vier wurden nur von der schön gelockten Briseis an Reiz übertroffen. In diese vier teilten sich die beiden Kämpfer und sandten das liebliche Geschenk zu den Schiffen.
Hierauf begann der Faustkampf, zu dem sich Idomeneus erhob, der geübteste Kämpfer in allen Arten desselben. Darum, und auch weil er einer der älteren Helden war, traten die anderen alle ehrfurchtsvoll vor ihm zurück, und es fand sich keiner, der den Wettstreit mit ihm versuchen wollte. Thetis gab ihm daher den Wagen des Patroklos zum Geschenk. Phoinix und Nestor aber munterten die jüngeren Männer zu dieser Gattung des Kampfes auf. Da trat Epeios, der Sohn des Panopeus, und bald nach ihm Akamas, der Sohn des Theseus, hervor; beide schnürten sich ihre Hände schnell mit trockenen Riemen und prüften sie, ob sie gelenkig seien, dann erhoben sie dieselben gegeneinander und, indem sie sich mit lauerndem Blick umschauten, näherten sie sich einander ganz leise auf den Zehen, Schritt für Schritt, bis sie plötzlich, wie vom Winde getriebene Wolken, aus denen es blitzt und donnert, aufeinander losstürzten; und nun hallten vom Schlage der Riemen die Wangen, und unter dem Schweiße floß das Blut. Theseus5 Sohn wehrte den rastlos eindringenden Gegner, listig ausweichend, ab und schlug ihn plötzlich mit der Faust über den Wimpern bis auf die Knochen, daß das Blut hervordrang, dafür traf ihn jener an die Schläfe, daß Akamas taumelnd zu Boden sank. Doch er erholte sich wieder, und der Kampf begann aufs neue, bis die Freunde sich dazwischen warfen und den Erbitterten begreiflich machten, daß hier ja nicht Grieche und Troianer sich entgegenstehen. Thetis schenkte ihnen zwei herrliche Mischkrüge von Silber, die ihr Sohn als Ehrengeschenk von Lemnos gebracht hatte. Die Helden griffen freudig danach, noch ehe sie an die Heilung ihrer Wunden dachten.
Nun warben Aias und Teukros, die sich schon im Wettlaufe gemessen hatten, auch um den Preis des Bogenschießens. Als fernes Ziel stellte Agamemnon einen Helm mit flatternder Mähne auf: Sieger sollte der sein, dessen Pfeil das Roßhaar des Schweifes durchschnitte. Aias schnellte zuerst seinen Pfeil von der Sehne, der traf den Helm, daß das Erz getroffen erklang. Eilig sandte Teukros auch seinen Pfeil ab, und siehe, seine Pfeilspitze durchschnitt den Helmschweif, daß die zuschauenden Helden laut aufjauchzten, denn obwohl sein Fuß noch vom vorigen Kampfe halb gelähmt war, hatte er doch so zierlich und sicher zu zielen gewußt. Thetis beschenkte ihn mit der Rüstung des Troilos, des königlichen Jünglings aus Troia, den Achilles in den früheren Jahren des Kampfes erlegt hatte.
Auf diesen Wettkampf folgte das Scheibenschießen; hierin versuchten sich viele der Helden, aber keiner vermochte die schwere Scheibe so kräftig zu werfen, wie Aias, der Telamonier, der sie hinausschleuderte, als wäre sie ein verdorrter Ast. Ihn beschenkte Thetis mit der Rüstung des Göttersohnes Memnon, die der Held auch sogleich anlegte. Mit Staunen sahen die Danaer, wie Stück für Stück des riesigen Panzers sich um seine Glieder schloß, als wäre er ihnen angegossen.
Die Reihe kam jetzt an den Wettstreit im Sprunge, in welchem Agapenor der Speerschwinger siegte und dafür die Waffen des von Achilles besiegten Kyknos erhielt. Im Jagdspeerwurf siegte Euryalos und empfing die silberne Schale, die Achilles einst zu Lyrnessos erbeutet hatte.
Nun folgte der Wettstreit im Wagenrennen. Da schirrten fünf Helden zugleich ihre Rosse: der Atride Menelaos, Euryalos, Polypoites, Thoas und Eumelos. Dann stellte sich jeder mit seinem Wagen vor den Schranken auf, schwang die Geißel, und auf ein gegebenes Zeichen flogen alle fünf zugleich über das Blachfeld hin, und der Staub vom Sande wirbelte gen Himmel. Bald rannten weit vor den übrigen die Rosse des Eumelos, nach ihm kam Thoas, dann Menelaos, die beiden anderen blieben allmählich weit und immer weiter zurück; aber auch Thoas ermüdete, die Pferde des Eumelos strauchelten im allzuraschen Lauf, und als ihr Wagenlenker sie mit Gewalt zurecht bringen wollte, bäumten sie sich und warfen den Wagen um, daß Eumelos in den Sand rollte. Ein Geschrei erhob sich aus dem Umkreise der Zuschauer, und nun flogen die ausdauernden Rosse des Atriden weit vor allen anderen dahin und hielten am Ziele. Der Sohn des Atreus freute sich im Herzen seines Sieges, ohne sich über die anderen Helden zu überheben, und Thetis schenkte ihm den goldenen Becher, den ihr Sohn einst in Eetions Palast erbeutet hatte.
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Der Tod des großen Aias
So endigten die Leichenspiele zu Ehren des göttlichen Achilles. Von allen Fürsten des griechischen Heeres hatte nur Odysseus daran keinen Teil nehmen können, denn im Kampfe um den Leichnam des Peliden hatte er von dem Troianer Alkon eine schmerzliche Wunde erhalten, an der er, obgleich wieder unter die Helden gemischt, doch noch immer krankte.
Zuletzt stellte nun Thetis die unsterblichen Waffen ihres hochherzigen Sohnes vor den Griechen als Kampfpreis aus. Weithin schimmerte der Schild des Helden, auf welchem von des Hephaistos eigener Hand die kunstvollen Gebilde in getriebener Arbeit glänzten. Neben ihm lag auf dem Boden der gewaltige Helm, dessen Wölbung das Bild des Zeus trug, wie er voll Zornes auf dem Himmelsgewölbe stand und mit den Titanen kämpfte. Weiter lag auf der Erde der schöne gewölbte Harnisch, der schwarz und undurchdringlich die Brust des Peliden umschloß; dann die schweren und doch so bequemen Beinschienen, die er trug, als wären sie federleicht; nahe dabei glänzte sein unbezwingliches Schwert in silberner Scheide, mit goldener Kuppel und elfenbeinernem Griff; ihm zur Seite lag der gewichtvolle Speer am Boden, einer gefällten Tanne ähnlich und noch rot von Hektors Blut.
Hinter den Waffen stand Thetis, ihr Haupt mit einem dunkeln Trauerschleier bedeckt, und sprach tiefbetrübt zu den Danaern: "Die Siegespreise zur Leichenfeier meines Sohnes sind nun alle gewonnen. Jetzt aber trete der Beste der Griechen auf, der den Leichnam rettete, daß ich ihm die herrlichen Waffen meines Sohnes verleihe, lauter Göttergeschenke, an denen die Unsterblichen selbst ihre Freude hatten."
Da sprangen in plötzlichem Wortwechsel zwei Helden zugleich auf, Odysseus, der große Sohn des Laertes, und der riesige Aias, Telamons Sohn. Strahlend, wie der Abendstern, schwang sich der letztere den Waffen an die Seite, und rief Idomeneus, Nestor und Agamemnon zu Zeugen seiner Taten auf. Aber an dieselben Helden wandte sich auch Odysseus, denn es waren die Verständigsten und Untadeligsten des ganzen Heeres. Nestor nahm die beiden anderen Helden beiseite, und sprach mit bekümmerter Miene: "Ein großes Unglück steht uns allen bevor, dadurch, daß die beiden besten Helden des Heeres um unseres Erschlagenen Waffenschmuck buhlen! Welcher auch von beiden zurückgesetzt werden mag, der wird beleidigt und grimmig sich vom Kampfe zurückziehen, und wir alle werden seine Untätigkeit schmerzlich zu empfinden haben. Deswegen folget mir, dem erfahrenen Greise. Wir haben ja hier im Lager viele, erst vor kurzem gefangene Troianer, lassen wir diese den Streit zwischen Aias und Odysseus entscheiden; sie sind unparteiisch und werden von beiden Helden keinen begünstigen!" Einträchtigen Sinnes mit Nestor legten nun auch die beiden anderen Schiedsrichter ihr Amt nieder, und nun setzten sich die Edelsten der Troianer, obwohl sie nur Kriegsgefangene waren, zu Gericht. Zuerst trat Aias vor ihnen auf. "Welcher Dämon blendete dich, Odysseus", rief er voll Unmuts, "daß du dich mit mir messen willst ? Du stehst mir wahrhaftig nach, wie ein Hund dem Löwen, oder hast du schon vergessen, wie gern du dich dem Zug der Griechen gegen Troia entzogen hättest? Oh, wärest du doch zurückgeblieben! Bist doch du es gewesen, der uns beredet hat, den ruhmvollen Sohn des Poias, den Philoktetes, in seinem schrecklichen Jammer auf Lemnos zurückzulassen; hast doch du den Tod des Palamedes verschuldet, obgleich er dich sowohl an Stärke als an Klugheit übertraf! Und jetzt vergissest du auch alle die Dienste, die ich den Griechen geleistet; vergissest, daß ich dir selbst das Leben gerettet, als du, von allen anderen verlassen, dich allein im Schlachtgetümmel fandest, und vergebens dich nach der Flucht umsähest. Damals als um Achilles' Leiche sich der Kampf erhob, bin nicht ich es gewesen, der den Leib samt den Waffen hinwegtrug? Du selbst aber hättest nicht einmal die Kraft gehabt, die Waffen des Helden davonzutragen, geschweige denn ihn selber! Darum weiche mir, der ich überdies nicht bloß stärker bin als du, sondern auch edleren Stammes und mit dem Helden selbst verwandt, um dessen Waffen wir hier streiten!"
So ereiferte sich Aias. Odysseus aber erwiderte mit einem Lächeln des Spottes: "Wozu verlierst du so viel unnütze Worte, Aias? Du schiltst mich feige und kraftlos, und bedenkst nicht, daß nur die Klugheit es ist, die wahre Stärke verleiht. Diese ist es, welche den Schiffer die Fahrt durch das empörte Meer lehrt, welche wilde Tiere, Panther und Löwen zähmt, welche die Stiere in des Menschen Dienst zwingt. Und deswegen ist in der Not wie im Rate ein Mann mit Verstand mehr wert als der Törichte, der nur Körperstärke besitzt. Dies war auch der Grund, warum Diomedes mich als den Listigsten sich zum Gefährten auslas, um in das Lager des Rhesos zu gehen! Ja, meiner Klugheit hatten es die Griechen zu verdanken, daß der Sohn des Peleus, um dessen Waffen wir hier streiten, für den Feldzug gegen Troia gewonnen wurde. Und wenn je den Danaern irgendein neuer Held vonnöten wäre, glaube mir's, Aias, nicht dem plumper Arm, auch nicht der Witz eines anderen im Heere wird ihnen den verschaffen, sondern ich allein werde es sein, dessen Schmeichelworten er folgt. Zudem haben mir die Götter nicht nur Klugheit, sondern auch die nötige Körperstärke verliehen, und es ist nicht wahr, daß du mich als Flüchtigen aus der Hand der Feinde errettet hast; vielmehr stellte ich mich dem Drange der Feinde entgegen und tötete, die mich angriffen, du aber standest dort aufgepflanzt zu deiner eigenen Sicherheit!"
So stritten sie noch lange miteinander; zuletzt überwogen bei den Troianern, die zu Kampfrichtern gesetzt waren, die Gründe des Odysseus, und sie erkannten ihm einstimmig die herrliche Rüstung des Peliden zu.
Im Innersten erbebte Aias, als er diesen Spruch vernahm; das Blut in seinen Adern kochte vor Wut, und Galle vermischte sich damit, ein stechender Schmerz durchzuckte sein Gehirn, und jede Faser an ihm zitterte. Lange stand er wie eine Bildsäule da mit zu Boden gehefteten Blicken. Endlich führten ihn seine traurigen Freunde begütigend und nur zögernden Schrittes zu den Schiffen.
Inzwischen stieg die dunkle Nacht aus dem Meere. Aias aber saß in seinem Zelte, rührte kein Mahl an und dachte nicht an den Schlummer, vielmehr warf er sich in seine volle Rüstung, faßte sein schneidendes Schwert und besann sich, ob er den Odysseus in Stücke zerhauen, oder lieber die Schiffe verbrennen, oder mit der Schärfe des Schwertes unter alle Griechen fahren solle.
Und gewiß hätte er eins von den dreien ausgeführt, wenn nicht Athene, die Göttin, um ihren Freund Odysseus besorgt, und dem Trotz des Aias und dem Übermaß seines Leibes abhold, den Schlimmes brütenden Helden mit Wahnsinn geschlagen hätte. Den Stachel der Qual im Herzen, stürmte er aus seinem Zelte hervor und unter die Schafherden der Danaer, die er, von der Göttin geblendet, für die Heerscharen der Griechen hielt. Die Schafhirten, die den Rasenden kommen sahen, versteckten sich, dem Tode zu entrinnen, in das Ufergebüsch des Xanthos. Er aber fuhr unter die Schafe und richtete rechts und links unter ihnen ein Gemetzel an. Zwei großen Widdern, auf die er stieß, rannte er nacheinander den Speer durch den Leib und rief dazu mit bitterem Hohnlachen: "Lieget ihr im Staub, den Raubvögeln zur Beute, ihr Hunde, ihr werdet keinen ungerechten Schiedsrichterspruch mehr bestätigen, schändliche Atriden! Und du", fuhr er fort, "der du dich dort in die Ecke verbirgst, und aus bösem Gewissen deinen Kopf ins Gesträuch steckst, jetzt sollen dir die Waffen des Achilles, die du mir gestohlen und in denen du prangtest, nichts helfen, denn was nützt die Rüstung eines Helden, wenn ein feiger Mann sie trägt?" Mit diesen Worten ergriff er einen anderen großen Hammel, schleppte ihn mit sich fort in sein Zelt, band ihn hier an den Türpfosten, zog eine Geißel aus dem Busen und fing an mit allen seinen Kräften auf das Tier loszuschlagen. In diesem Augenblick trat Athene von hinten zu ihm, berührte sein Haupt und befahl dem Wahnsinn, von ihm zu weichen. So fand sich der unglückliche Held wieder, die Geißel in der Hand, vor sich den angebundenen Widder mit zerfleischtem Rücken; dieser Anblick sagte ihm genug. Das schmähliche Werkzeug entfiel seiner Hand, die Heldenkraft entschwand ihm, er sank zu Boden, von der Ahnung getroffen, daß der Zorn der Götter ihn heimgesucht habe. Unaussprechliche Schmerzen bestürmten sein Herz. Als er sich wieder vom Staub erhoben, vermochte er vor Unmut den Fuß weder vorwärts noch rückwärts zu setzen, sondern stand lange unbeweglich da, wie ein Wartturm, der in Felsen wurzelt; endlich holte er einen tiefen Seufzer und sprach: "Wehe mir, warum hassen mich die Unsterblichen, warum haben sie mich in so tiefe Schmach gestürzt, dem arglistigen Odysseus zuliebe? Hier stehe ich, der Mann, dem kein Männertreffen je Unehre gebracht hat, die Hände mit unschuldigem Lämmerblut besudelt, ein Gelächter dem ganzen Heer, ein Spott meiner Feinde!"
Während er so jammerte, suchte ihn im ganzen Lager und bei den Schiffen, seinen kleinen Sohn Eurysakes auf dem Arme, die phrygische Königstochter Tekmessa, die Aias, da er ihr Vaterland überfallen, als Beute fortgeführt hatte, die er einer Gattin gleich hielt und die ihn zärtlich liebte. Sie hatte seinen finsteren Unmut im Zelte beobachtet, ohne seinen Grund erforschen zu können, da ihr Aias auf keine Frage Antwort gegeben hatte. Bald nachdem er das Zelt verlassen hatte, stieg ihr eine finstere Ahnung im Herzen auf, und sie fand endlich bei den Schafhürden das traurige Schlachtfeld, das Aias sich dort geschaffen. In Verzweiflung eilte sie zu dem Zelte zurück und fand ihn hier beschämt und verzweifelnd, bald nach seinem Bruder Teukros und nach seinem Kinde Eurysakes rufend, bald nach einem edlen Untergange begehrend. Tekmessa nahte sich ihm unter Tränen, umfaßte seine Knie und flehte ihn an, sie, seine Lebensgenossin, nicht allein zu lassen, als eine Gefangene unter Feinden; sie hieß ihn auch des greisen Vaters und der Mutter in Salamis gedenken, streckte ihm seinen Knaben entgegen und erinnerte ihn daran, welches Los das Kind treffen würde, wenn es von harter Vormundschaft gedrückt, der Jugendaufsicht beraubt, ohne Vater heranwachsen müßte. Der Held griff mit einer heftigen Bewegung nach seinem Sohne, herzte ihn und sprach: "O Kind, übertriff an Glück deinen Vater, in allem anderen gleiche ihm, so wirst du wahrlich kein schlechter Mann. An meinem Halbbruder Teukros hast du gewiß einen guten Pfleger; jetzt aber sollen dich meine Schildträger zu meinen Eltern Telamon und Eriboia nach Salamis bringen, wo du die Lust ihres Alters sein magst, bis auch sie zur Unterwelt hinabgehen." Damit reichte er das Kind den Dienern, empfahl durch sie auch seine geliebte Tekmessa dem Halbbruder, riß sich aus ihren Umarmungen los, zog das Schwert, das ihm einst sein Feind Hektor als Gastgenosse geschenkt hatte und pflanzte es in den Boden seines Zeltes. Dann hob er die Hände gen Himmel und betete: "Um eine bescheidene Wohltat flehe ich zu dir, Vater Zeus: sende mir meinen Bruder Teukros her, sobald ich gefallen bin, daß nicht mein Feind mich zuvor aufspüre und mich den Hunden und Vögeln zum Fraß vorwerfe. Euch aber, ihr Erinnyen, rufe ich an: wie ihr mich hier als Selbstmörder enden sehet, so lasset jene meuchelmörderisch, durch ihr eigenes, liebstes Blut dahingewürgt, fallen, kommet, schonet nichts, sättiget euch in die Runde am ganzen Heer! Du aber, o Sonnengott, der du leuchtend am hohen Himmel dahinfährst, wenn du mit deinem Wagen über meinem Vaterlande Salamis kreisest, so hemme die Zügel und verkünde meinem greisen Vater und meiner armen Mutter mein herbes Schicksal. Lebewohl, du heiliger Strahl, lebewohl, Salamis, Heimatgefilde; lebewohl, mein Stammsitz Athen mit deinen Flüssen und Quellen, lebt auch ihr wohl, ihr troianischen Gefilde, die ihr mich so lange gepflegt habt! Erscheine du jetzt, o Tod, und wirf einen Blick des Mitleids auf mich!" Mit solchen Worten stürzte er sich in das Schwert und lag im Staube da, als hätte ihn der Blitz zerschmettert.
Auf die Nachricht von seinem Tode eilten die Danaer in Scharen herbei, warfen sich zu Boden und streuten jammernd Staub auf ihre Häupter. Teukros, sein Halbbruder, dem der Vater Telamon befohlen hatte, nicht ohne den Bruder von Troia heimzukehren, wollte sich an seiner Seite auch den Tod geben und hätte es getan, wenn die Griechen ihm das Schwert nicht genommen hätten. Dann warf er sich auf den Leichnam und weinte heftiger als ein vaterloses Kind an dem Tage weint, der ihm seine Mutter geraubt hat. Doch faßte sich seine Heldenseele, daß er sich von dem Leichnam emporraffte und sich an Tekmessa wandte, die in starrer Verzweiflung bei der Leiche saß, den Sohn, den ihr die Diener zurückgegeben hatten, auf den Armen. Er versprach der Gefangenen seinen Schutz und dem Knaben, als zweiter Vater für ihn zu sorgen, wenngleich er selbst, den Zorn seines Vaters Telamon fürchtend, sie beide nicht nach Salamis begleiten könne.
Darauf schickte er sich an, den Leichnam seines geliebten Halbbruders zu bestatten. Aber hier trat ihm der Atride Menelaos wehrend in den Weg: "Unterstehe dich nicht, diesen Mann zu bestatten", sprach er, "den wir schlimmer befunden haben als unsere Feinde, die Troianer. Um seines bösen Mordanschlags willen verdient er kein ehrliches Grab." Während Menelaos so mit Teukros um den Leichnam des Aias haderte, kam nun Agamemnon herbei, trat auf die Seite seines Bruders und schalt in der Hitze des Streites den Teukros einen Sklavensohn. Umsonst erinnerte sie dieser an alle Wohltaten, welche die Griechen dem gefallenen Helden zu danken hätten, an seine Rettung des Heeres, als die Flamme der Troianer schon um die Schiffe der Danaer emporschlug und Hektor über den Graben in die Schiffsverdecke herniedersprang. "Und was scheltet ihr mich einen Sklaven", rief er, "ist doch mein Vater Telamon, der herrliche Griechenheld, meine Mutter Laomedons königliche Tochter! Soll ich, edel von den Edelsten abstammend, mich meiner Blutsgenossenschaft schämen? Wisset, daß ihr mit dem gefallenen Helden auch sein geliebtes Weib hier und seinen Sohn und mich, seinen Bruder, aus dem Lager hinauswerfet. Bedenkt ihr auch, welchen Ruhm bei den Menschen und welchen Segen von den Göttern euch dieses bringen wird?"
So haderten sie, als Odysseus, der kluge Held, mitten unter sie eintrat und, gegen Agamemnon gewendet, hastig fragte: "Darf euch ein treuer Freund die Wahrheit sagen, ohne übel darum angesehen zu werden?" - "So rede doch", erwiderte Agamemnon, indem er ihn mit Verwunderung anblickte, "wohl halte ich dich für meinen besten Freund im ganzen Argiverheere!" - "Nun, so höre mich auch", sprach Odysseus. "Wirf bei den Göttern diesen Mann nicht ohne Erbarmen und ohne Bestattung hinaus! Laß dich durch deine Macht nicht zum ungerechten Hasse verleiten! Bedenke, wenn du einen solchen Helden schändetest, so würde nicht er dadurch herabgewürdigt, sondern das Recht und der Wille der Götter würden verachtet!" Als die Atriden solches hörten, blieben sie lange vor Staunen sprachlos. Endlich rief Agamemnon : "Und du, Odysseus, vermagst es über dich, zugunsten dieses Mannes mich zu bekriegen? Bedenkst du denn gar nicht, daß es dein Todfeind ist, dem du eine so hohe Gunst verschaffen willst?" - "Wohl war er mein Feind", antwortete Odysseus, "und ich haßte ihn, so lange der Haß noch ziemlich war. Jetzt, wo er gefallen ist und wir über den Verlust eines so edlen Helden trauern müssen, kann und darf ich ihn nicht mehr anfeinden. Ich selbst bin bereit, ihn zu bestatten, und seinem Bruder bei dieser heiligen Pflicht an die Hand zu gehen."
Als Teukros, der bei Odysseus' Ankunft mit Abscheu auf die Seite getreten war, solches hörte, trat er auf den Helden zu, seinen Arm zum Handschlag ausgestreckt:
"Edler Mann", rief er, "du, sein größter Feind, bist die einzige Stütze des Toten! Dennoch wage ich es nicht, dich zur Berührung dieses Toten zuzulassen, dessen unversöhnt dahingeschiedenem Geist solches unwillkommen sein dürfte. In allem anderen sei mein Helfer; gibt es doch für deinen Edelmut noch genug zu tun!" Mit diesen Worten deutete Teukros auf Tekmessa, die noch immer sprachlos da saß. Odysseus kehrte sich ihr wohlwollenden Sinnes zu: "Niemals, o Weib", sprach er zu ihr, "soll ein anderer dich als Sklavin schauen. So lange Teukros und ich leben, sollst du mit deinem Kinde gepflegt und geborgen sein, als stände auch Aias selbst noch zur Seite, die Schutzwehr der Achiver."
Die Atriden schämten sich, gegen die edlen Vorstellungen des Odysseus Einwendungen zu machen. Der riesige Leib wurde mit vereinter Heldenkraft vom Boden gehoben und nach den Schiffen getragen, dort von dem Blut gereinigt, das ihn zugleich mit der Rüstung und dem Staub umgab, und endlich auf einem nicht minder stattlichen Scheiterhaufen verbrannt als Achilles selbst, der in seinem Tode noch die Ursache eines zweiten, unersetzlichen Verlustes für die Griechen geworden war.
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Machaon und Podaleirios
Am anderen Tage strömten die Danaer in die Volksversammlung, welche der Völkerhirt Menelaos berufen hatte. Als alle beisammen waren, stand er selbst auf und hob also an zu reden: "Höret mich an, ihr Fürsten des Volkes! Mir blutet das Herz, wenn ich unsere Scharen so vor uns hinsinken sehe. Für mich ist das Volk in den Kampf gezogen, und nun soll am Ende keiner mehr Heimat und Verwandte begrüßen! Ehe dies geschieht, laßt uns diesen unheilvollen Strand verlassen, und was noch übrig ist, mag mit den Schiffen, jeder in sein Vaterland zurücksegeln. Seit Achilles und Aias dahingesunken sind, ist kein Erfolg unserer Unternehmung mehr zu hoffen. Was mich betrifft, so bekümmert mich jetzt Helena, meine unwürdige Gemahlin, weniger als euch, mag sie mit dem weiblichen Paris dahinfahren!"
So redete Menelaos; doch tat er es nur, um die Griechen zu verführen, denn im Herzen wünschte er nichts sehnlicher als die Vertilgung der Troianer. Der Sohn des Tydeus aber, Diomedes, der gerade Lanzenschwinger, der seine List nicht merkte, fuhr unwillig von seinem Sitz empor und fing an zu schelten: "Unbegreiflicher! Welche schmähliche Furcht hat sich deiner Heldenbrust bemächtigt, daß du so sprechen magst? Doch bin ich ruhig. Nimmermehr folgen dir die mutigen Söhne Griechenlands, bevor sie Troias Zinnen zu Boden gestürzt haben! Entschlösse sich aber ein einziger, dir zu folgen, so soll dieser blaue Stahl ihm das Haupt vom Rumpfe trennen!"
Kaum hatte sich Diomedes wieder auf seinen Sitz niedergelassen, als sich der Seher Kalchas erhob und mit einem weisen Vorschlage den scheinbaren Zwist vermittelte. "Ihr wisset alle noch", sprach er, "wie wir vor mehr als neun Jahren, als wir zu Eroberung dieser verfluchten Stadt ausschifften, den herrlichen Helden Philoktetes, den Freund des Herakles, an einer giftigen und fressenden Wunde krank, auf der wüsten Insel Lemnos aussetzen und dort zurücklassen mußten. Zwar war der Geruch der eiternden Wunde und das Jammergeschrei des Unglücklichen unerträglich. Dennoch war es unrecht und erbarmungslos von uns gehandelt, den Armen auf diese Weise preiszugeben. Nun aber hat mir ein gefangener Seher geoffenbaret, daß nur mit Hilfe der heiligen und stets treffenden Pfeile, welche Philoktetes von seinem Freunde Herakles geerbt hat, sowie durch seine und des Pyrrhos, dieses jungen Achillessprößlings, Gegenwart Troia erobert werden könnte. Der Troianer hat mir diese Weissagung wohl nur mitgeteilt, weil er die Erfüllung derselben für unmöglich hielt, denn so dachte er: wie sollte der Haß des Philoktetes gegen die Griechen, die ihn so schändlich verlassen haben, ihm erlauben, die Pfeile auszuliefern und selbst vor Troia zu erscheinen ? Mein Rat ist daher, ohne Verzug den stärksten unserer Helden, Diomedes, und den beredtesten, Odysseus, nach dem Eilande Skyros zu senden, wo der Sohn des Achilles bei dem Vater seiner Mutter erzogen wird. Mit seiner Hilfe wollen wir dann auch den Philoktetes zu Lemnos bereden, sich mit uns wieder zu vereinigen und die unsterblichen Waffen des Herakles, durch welche Troia bezwungen werden soll, uns mitzubringen."
Die Scharen der Griechen jubelten diesem Vorschlage Beifall, und die beiden Helden gingen zu Schiffe ab. Unterdessen rüsteten sich die Heere wieder zum Kampfe. Den Troianern war der Sohn des Telephos, Eurypylos, von Mysien mit einem Heere zu Hilfe gekommen, und so fühlten sich diese von neuem gestärkt und ermutigt. Den Griechen dagegen fehlten ihre zwei besten Helden. So kam es, daß die wieder begonnene Schlacht sich ihnen zum Verderben wendete. Da wurde auch Nireus, der schönste unter den Danaern, von der Lanze des Eurypylos erreicht und lag mit den anderen Erschlagenen im Staube wie ein blühendes Stämmchen vom zerbrechlichen Olivenbaume, das, vom Flusse aufgewühlt, mit der Wurzel entführt und wieder ans Gestade getrieben wird, wo es nun mit Blüten bedeckt daliegt. Eurypylos aber spottete sein und wollte den Leichnam des schönen Harnisches berauben. Da stellte sich ihm Machaon, der Bruder des Podaleirios, entgegen, der schon den Tod des Nireus voll Zorn mit angesehen hatte. Er stieß dem Räuber seinen Speer in die mächtige Schulter, daß das Blut herausströmte. Eurypylos aber drang wie ein verwundeter Eber auf Machaon ein; dieser suchte ihn mit einem Steinwurfe abzuwehren, aber der Helm schützte jenen, und nun stieß der Sohn des Telephos dem Griechen schnell wie der Blitz den Speer mitten in die Brust, daß die blutige Spitze bis zum Rückgrat durchdrang und Machaon klirrend auf den Boden fiel. Eurypylos zog die Lanze aus dem Leibe des Erschlagenen und wandte sich höhnend wieder in die Schlacht.
Teukros, der die beiden hatte fallen sehen, rief die Griechen auf, um ihre Leichname zu kämpfen. Zuletzt aber erlagen sie den Troianern. Nachdem der Lokrer Aias von Aineias mit einem Steine hart verwundet und zu Boden gestreckt war, mußten die Achiver den schwach atmenden Helden aus der Schlacht tragen, und zogen sich alle nach den Schiffen zurück; die Troianer richteten unter den Fliehenden eine große Niederlage an. Ja, sie hätten die Schiffe selbst durchs Feuer vernichtet, wenn die Nacht nicht dazwischen gekommen wäre. So aber zog sich der riesige Mysier mit den Seinigen vor dem einbrechenden Dunkel zurück zu den Mündungen des Simoeis, wo er freudig sein Nachtlager aufschlug. Die Danaer dagegen, auf dem sandigen Ufer bei ihren Schiffen gelagert, seufzten die ganze Nacht durch vor Schmerz und beklagten das Los der unzähligen Brüder, die sie im Kampfe verloren hatten.
Aber kaum glühte die Morgenröte am Himmel, als auch die Griechen schon wieder aufbrachen, voll Begierde, sich an Eurypylos zu rächen. Andere von ihnen legten bei den Schiffen den schönen Nireus und den hochbegabten Arzt und mächtigen Kämpfer Machaon ins Grab. Während nun in der Ferne die Schlacht wieder tobte, lag Podaleirios, der Bruder Machaons, und wie er berühmt als der trefflichste Arzt im Heere, Trank und Speise verschmähend, im Staube unter lautem Stöhnen. Er wich nicht vom Grabe seines geliebten Bruders; brütend sann er in seinem Geiste auf Selbstmord und legte bald die Hand ans Schwert, bald suchte er ein schnellwirkendes Gift, das er selbst gebraut hatte und immer bei sich trug, zu verschlingen. Seine Freunde aber wehrten ihm und sprachen ihm Trost ein; doch hätte er sich endlich am frischen Grabhügel seines Bruders getötet, wenn nicht der greise Nestor dem Verzweifelnden genaht wäre. Dieser traf ihn, wie er sich bald jammernd auf das Grab warf, bald wieder Staub auf sein Haupt streute, sich die Brust mit den nervigen Händen zerschlug und zugleich den Namen des getöteten Bruders ausrief. Schwer lag sein Kummer auf allen Dienern und Gefährten, die ihn umgaben. Da fing Nestor an mit schmeichelnden Worten den Betrübten zu trösten: "Liebes Kind, mach doch deinem bitteren Kummer ein Ende. Es ziemt einem verständigen Manne nicht, wie ein Weib an dem Grabe eines Toten zu jammern. Deine Klage ruft ihn doch nicht mehr ans Licht; das Feuer hat seinen Leib verzehrt und seine Gebeine ruhen in der Erde. Er schwand, wie er gekommen ist. Du aber trage deinen großen Schmerz, wie ich den meinigen getragen habe, als der Sohn der Eos mir den Knaben erschlug, der mein liebster war und seinen Vater liebte wie keiner meiner Söhne. Als er für mich gestorben war, nahm ich doch Nahrung zu mir wie vorher; ich ertrug es, das verhaßte Tageslicht auch ferner zu schauen; denn ich dachte daran, daß wir ja alle denselben Weg zum Hades wandeln müssen."
Podaleirios hörte den Greis an, während ihm die Tränen noch über die Wangen liefen, und sprach: "Vater, wie sollte der Gram um den erschlagenen Bruder mein Herz nicht beugen, der mich, der ältere, als unser Vater Asklepios zum Olymp entrückt wurde, wie das eigene Kind auf den Armen trug, mit mir an demselben Tische saß, sein Lager, seine Habe mit mir teilte, in seiner herrlichen Kunst mich unterrichtete? Nachdem er mir gestorben, mag ich das liebliche Tageslicht nicht mehr schauen!"
Doch der Greis ließ nicht ab mit seinem Tröste: "Bedenke doch", sprach er zu dem Bekümmerten, "daß die Götter es sind, welche uns die Geschicke senden, gute wie schlimme, und daß über allen die dunkle Moira waltet, welche dieselben blind auf die Erde hinabwirft; darum stürzt oft großes Unheil auf redliche Männer, und keiner gehet ganz sicher einher. Das Leben gestaltet sich stets wechselnd; bald führt es zu großem Jammer, bald wieder zu Besserem. Dazu gehet ja auch die Sage unter den Menschen, daß der Gute zum seligen Himmel emporsteige und der Frevler in die Schrecken des Dunkels. Dein Bruder aber war ein menschenfreundlicher Mann, dazu ein Göttersohn; darum hoffe, daß er zum Geschlechte der Götter emporgestiegen ist." Mit solchen Trostworten hob Nestor den lange Widerstrebenden vom Boden auf und führte ihn von dem traurigen Grabe hinweg; dieser aber sah sich noch oft nach dem Grabhügel um.
Unterdessen nahte Eurypylos der Mysier auf dem Schlachtfelde, und die Danaer flohen aufs neue zu den Schiffen und fochten hier bald vor diesen, bald vor der weithin reichenden Mauer.
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Neoptolemos
Während dies vor Troia geschah, kamen die Gesandten der Griechen, Diomedes und Odysseus, glücklich auf der Insel Skyros an. Hier trafen sie den jungen Sohn des Achilles, Pyrrhos, der später von den Griechen Neoptolemos, das heißt Jungkrieger, genannt wurde, vor dem Hause des Großvaters, wie er sich abwechselnd im Pfeilschießen und Speerschleudern übte, dann auch wieder zu Wagen schnelle Rosse tummelte. Sie sahen ihm eine Weile mit Wohlgefallen zu und lasen mit inniger Teilnahme auf seinem Antlitz die Spuren der Trauer, denn der Tod des Vaters war dem Jüngling schon bekannt. Als sie näher traten, mußten sie staunen, denn der Jüngling war an schöner und hoher Gestalt ganz und gar seinem Vater ähnlich. Pyrrhos kam ihnen mit seinem Gruße zuvor: "Seid mir von Herzen willkommen, Fremdlinge", sprach er. "Wer seid ihr und woher kommt ihr? Was wollt ihr von mir?" Darauf erwiderte ihm Odysseus: "Wir sind Freunde deines Vaters Achilles und zweifeln nicht, daß wir zu seinem Sohne sprechen; so ganz ähnlich bist du ihm von Gestalt und Antlitz. Ich selbst bin Odysseus aus Ithaka, der Sohn des Laertes, mein Genösse aber ist Diomedes, der Sohn des unsterblichen Tydeus. Wir kommen, der Weissagung unseres Sehers Kalchas gehorsam, dich auf den Kampfplatz vor Troia abzuholen, damit wir den Krieg glücklich beendigen können. Die Söhne der Griechen werden dir herrliche Gaben verleihen, ich selbst will dir die unsterblichen Waffen deines Vaters, die mir zugesprochen worden sind, abtreten."
Freudig antwortete ihm Pyrrhos: "Wenn die Achiver mich rufen, der Stimme eines Gottes gehorsam, so laßt uns nur gleich morgen in die See stechen. Jetzt aber kommt mit mir in den Palast meines Großvaters und zu seinem gastlichen Tische!" In dem Königshause angelangt, fanden sie die Witwe des Achilles, Deidameia, noch in tiefer Herzensbetrübnis dahinschmelzend in Tränen. Der Sohn trat zu ihr und meldete die Fremden, verbarg ihr aber bis zum anderen Morgen den Grund, um sie nicht noch mehr zu bekümmern. Die Helden wurden satt und ergaben sich getrost dem Schlummer. Aber Deidameia schloß ihre Augen nicht zum Schlafe. Ihr kam nicht aus dem Sinn, wie dieselben Helden, die sie jetzt unter ihrem Dache beherbergen mußte, es verschuldet hatten, daß sie jetzt ihren Gemahl als Witwe beweinte, indem sie ihm sein kampflustiges Herz beredeten, hinauszuziehen in den Krieg. Und nun ahnte ihr, daß auch ihr Sohn in denselben Sturm würde hinausgerissen werden. Deswegen erhob sie sich mit dem frühesten Morgenlichte, warf sich dem Sohne an die mächtig gewölbte Brust und erfüllte die Luft mit Wehklage. "O mein Kind", rief sie, "ich weiß es, auch ohne daß du es mir gestehest: du willst mit den Fremden nach Troia, dem Sitze der Tränen, ziehen, wo so viele Helden und auch dein Vater untergegangen sind! Nun bist du aber so jung und aller Kriegswerke noch so unkundig! Darum höre auf mich, deine Mutter, und bleibe zu Hause bei mir, damit nicht auch noch die Unheilskunde an mein Ohr schlage, daß mein Sohn in der Feldschlacht gefallen sei wie sein Vater!" Aber Pyrrhos erwiderte: "Mutter, laß doch die Unglücksworte sein! Kein Mann im Kriege fällt wider des Schicksals Willen. Soll mein Los der Tod sein, - nun, was könnte ich Besseres tun, als, wert meiner Abstammung, für die Achiver sterben?"
Da stand auch Lykomedes, sein Großvater, aus dem Ruhesessel auf, in welchem er zu schlummern schien, trat vor den Enkel und sprach: "Starkmütiges Kind, wohl sehe ich, daß du deinem Vater ganz gleich bist. Aber wenn du auch glücklich von Troia heimkehrst, wer weiß, ob nicht auf dem Heimwege das Verderben noch auf dich lauert; denn die Seefahrt ist ein gefährlich Ding!" So sagte er und küßte den Enkel, doch ohne ihn von dem Wege abzuhalten. Jener aber, dem ein holdes Lächeln sein junges Heldenangesicht verklärte, riß sich aus den Umarmungen der weinenden Mutter los und ließ Vaterpalast und Heimat hinter sich. Wie ihn die rüstigen Glieder so hintrugen, glänzte er hell wie ein Gestirn des Himmels. Ihm folgten die beiden Griechenhelden und zwanzig entschlossene Männer, lauter vertraute Diener Deidameias, und alle schifften sich am Strande der Insel ein.
Poseidon gab ihnen günstige Fahrt, und nicht lange, so lagen vor ihnen im Morgenlichte die Höhen des Idagebirges, Chryse die Stadt, das Vorgebirge Sigeion, dann das Grab des Achilles. Odysseus sagte jedoch seinem Sohne nicht, wessen der Grabhügel sei, sondern schweigend fuhren sie an dem Eilande Tenedos vorüber und weiter, bis in die Nähe von Troia. Sie kamen an den Strand, als gerade der Kampf gegen Eurypylos bei der Mauer, welche das Bollwerk der Schiffe bildete, am heftigsten war, und jetzt hätte sie der Mysier niedergerissen, wäre nicht der eben landende Diomedes über das Fahrzeug an den Strand gesprungen und hätte die Schar aus dem Schiffe mit mutigem Rufe nach sich gezogen.
Ohne Verzug eilten sie nach dem Zelte des Odysseus, das dem Strande zunächst stand, und wo sich teils dessen eigene Waffen, teils viele erbeutete Rüstungen befanden. Von diesen wählte sich der eine die, der andere jene aus. Neoptolemos aber - so dürfen wir ihn von jetzt an heißen, hüllte sich in die Waffen seines Vaters Achilles, welche den anderen allen zu groß waren; ihn selbst aber drückte weder der Panzer noch der Helm; Speer, Schwert und Schild schwang er mit Leichtigkeit, und in allem ähnlich seinem Vater, stürzte er in den hitzigsten Kampf hinaus, und alle mit ihm gelandeten Helden ihm nach. Jetzt erst begannen die Troianer wieder von der Mauer zu weichen und drängten sich, von allen Seiten bestürmt und beschossen, um den Sohn des Telephos zusammen, wie furchtsame Kinder bei dem Rollen des Donners zu ihrem Vater fliehen. Aber jedes Geschoß, das aus der Hand des Neoptolemos flog, sandte den Tod auf die Häupter der Feinde, und die verzweifelnden Troianer glaubten den riesigen Achilles selbst in seiner Rüstung vor sich zu sehen; auch focht er unter dem Schirm der Göttin Athene, der Freundin seines Vaters, und wie Schneeflocken den Felsen umfliegen, so flatterten die Geschosse um ihn her, ohne ihm die Haut zu ritzen. Ein Schlachtopfer um das andere brachte er dem gefallenen Vater dar. Zwei Söhne des reichen Meges, Zwillingsbrüder, raffte, wie eine Stunde sie geboren, so jetzt eine Stunde dahin, denn den einen traf Neoptolemos mit dem Speer in das Herz, den anderen an das Haupt mit einem mächtigen Steine, so daß der schwere Helm zertrümmert wurde und im Schädel das Gehirn sich mischte. Noch unzählige andere Feinde fielen rings um sie her, bis endlich gegen Abend Eurypylos und das feindliche Heer den Rückzug vor dem Sohne des Achilles antraten.
Als Neoptolemos nun vom Kampfe ruhte, kam auch der greise Held Phoinix, der Freund seines Großvaters Peleus und der Erzieher seines Vaters Achilles, auf den jungen Helden zu und betrachtete voll Verwunderung die Ähnlichkeit mit dem Peliden. Schmerz und Freude bestürmten ihn zugleich, jener, bei der Erinnerung an den Tod seines Pflegesohnes, diese, weil er dessen kräftigen Sprößling vor sich sah. Ein Tränenstrom quoll aus den Augen des Greises, er umarmte den herrlichen Jüngling, küßte ihm Haupt und Brust und rief: "O Sohn, mir ist, als wandle dein Vater, um den ich mich täglich abhärme, wieder lebendig unter uns! Doch stille! Es darf der Gram um den Vater dir jetzo den Mut nicht schwächen; vielmehr sollst du, das Herz voll Zornes, den Griechen zu Hilfe kommen und den grimmigen Sohn des Telephos töten, der uns so viel Schaden getan. Übertriffst du ihn doch an Kraft so weit, als dein Vater seinen Vater übertraf!" Bescheiden erwiderte darauf der Jüngling: "Wer der Tapferste sei, werden erst Feldschlacht und Schicksal entscheiden, o Greis!" Mit diesen Worten wandte er sich nach den Schiffen und dem Lager zurück, denn die Nacht war eingebrochen, und die Helden kehrten um vom Streite nach ihren Zelten.
Bei Tagesanbruch begann der Kampf aufs neue. Lanze mit Lanze, Schwert mit Schwert kreuzte sich, und ein Mann drang auf den anderen ein. Lange war das Gefecht unentschieden, und auf beiden Seiten mordeten und fielen die Helden. Dem Eurypylos ward ein Freund erschlagen; darüber verdoppelte sich seine Wut, und er warf die Achiver nieder, wie man Bäume in dichten Waldungen zu Haufen fällt, so daß die Stämme zerrissene Schluchten anfüllen. Endlich aber trat ihm Neoptolemos entgegen, und beide schüttelten ihre mächtigen Lanzen in der Rechten. "Wer bist du, Jüngling, woher bist du gekommen, mich zu bekämpfen?" rief zuerst Eurypylos seinem Gegner zu, "fürwahr, dich reißt dein Geschick zur Unterwelt hinab!" Neoptolemos erwiderte:
"Warum willst du meine Abstammung wissen, wie ein Freund, da du doch ein Feind bist? So wisse denn, ich bin der Sohn des Achilles, der einst deinen Vater niedergestreckt; die Rosse meines Wagens sind die windschnellen Kinder der Harpyien und des Zephyros, die selbst über das Meer dahinrennen; die Lanze, vom Scheitel des hohen Berges Pelion stammend, ist die Lanze meines Vaters, die sollst du jetzt erproben!" So sprach der Held, sprang vom Wagen und schüttelte den Speer. Von der anderen Seite hob Eurypylos einen gewaltigen Stein vom Boden auf und warf ihn nach dem goldenen Schilde seines Feindes; doch der Schild erzitterte nicht einmal. Wie zwei Raubtiere drangen beide jetzt aufeinander ein, und rechts und links von ihnen wogte die Feldschlacht in langen Reihen. Jene aber zerstießen einander die Schilde und trafen bald die Schienen, bald die Helme; ihre Kraft wuchs mit dem Kampfe, denn beide stammten von Unsterblichen ab. Endlich gelang es der Lanze des Neoptolemos, den Weg in die Kehle des Gegners zu finden: ein purpurner Blutstrom drang aus der Wunde, und, einem entwurzelten Baume gleich, stürzte Eurypylos entseelt zu Boden.
Nach seinem Falle hätten sich die Troianer vor Neoptolemos, wie Kälber vor dem Löwen, hinter ihre Mauer geflüchtet, wenn nicht Ares, der schreckliche Kriegsgott selber, der den Troianern Beistand verleihen wollte, unbemerkt von den anderen Göttern, den Olymp verlassen und mit seinen feuerschnaubenden Rossen seinen Kriegswagen mitten ins Schlachtgetümmel hineingetrieben hätte. Hier schwang er seinen mächtigen Speer und ermahnte die Troer mit lautem Zurufe, den Feind zu bestehen. Diese staunten, als sie die göttliche Stimme hörten, denn den Gott selbst, den ein Nebel unsichtbar machte, sahen sie nicht. Der Sohn des Priamos, der gepriesene Seher Helenos, war der erste, dessen Scharfsinn den Gott erkannte, und der seinen Leuten zurief: "Bebet nicht! Euer Freund, der mächtige Kriegsgott, ist selbst mitten unter euch: habt ihr den Ruf des Ares nicht vernommen?" Jetzt hielten die Troianer wieder stand, und das Gemetzel begann auf beiden Seiten von neuem. Ares hauchte den Troianern gewaltigen Mut ein, und zuletzt wankten die Reihen der Griechen. Nur den Neoptolemos vermochte er nicht zu schrecken; dieser kämpfte mutig fort und erschlug jetzt diesen, jetzt jenen im Streite. Der Gott zürnte über seine Kühnheit, und schon war er im Begriff, die Wolke, die ihn umgab, zerreißend, dem jungen Helden sichtbar im Kampfe entgegenzutreten, als Athene, die Freundin der Griechen, vom Olymp herunter auf das Schlachtfeld eilte. Die Erde und die Wellen des Xanthos erbebten vor ihrer Ankunft, leuchtende Blitze flogen um ihre Waffen, die Schlangen auf ihrem Gorgonenschilde hauchten Feuer. Und während die Sohlen der Göttin auf dem Boden standen, berührte ihr Helm die Wolken; sterblichen Blicken jedoch blieb sie verborgen. Und jetzt hätte sich ein Zweikampf zwischen den Göttern erhoben, wenn nicht Zeus mit einem warnenden Donnerschlage sie geschreckt hätte. Beide erkannten den Willen des Vaters; Ares zog sich nach Thrakien zurück, Athene wandte sich nach Athen; das Schlachtfeld war den Sterblichen wieder überlassen, und jetzt wich die Stärke von den Troianern; sie flohen in ihre Stadt zurück, und die Griechen drängten ihnen nach. Von den Mauern herab verteidigten jene tapfer ihre Stadt; dennoch hätten die Danaer die Tore erbrochen, wenn nicht Zeus, der den Willen des Schicksals kannte, die Stadt in Gewölk eingehüllt hätte. Da riet der greise Nestor den Griechen, sich zurückzuziehen, um ihre Toten zu bestatten und vom Kampfe auszuruhen.
Am folgenden Tage sahen die Danaer mit Staunen die Burg von Troia wieder unumwölkt in den blauen Morgenhimmel steigen und erkannten in dem Nebel des gestrigen Abends das Wunder des Göttervaters. An diesem Tage herrschte Waffenruhe. Die Troianer benutzten sie, um den Mysier Eurypylos feierlich zu bestatten. Neoptolemos aber besuchte das hohe Grab seines Vaters, küßte die zierliche Säule, die sich darüber erhob, und sprach mit Seufzern und Tränen der Wehmut: "Auch unter den Toten sei mir gegrüßt, mein Vater, denn nie werde ich dein vergessen! O, daß ich dich lebend bei den Griechen gefunden hätte! So aber hast du dein Kind nie gesehen, und ich den Vater nicht, so sehr ich mich im Herzen nach dir gesehnt habe! Doch noch lebest du in mir, und lebst in deinem Speere; beide jagen in der Feldschlacht den Feinden Schrecken ein, und die Danaer sehen mich mit freudigen Blicken an und sagen, ich gleiche dir, Vater, an Gestalt und Taten!"
So sprach er weinend und kehrte zu den Schiffen zurück. Den ganzen nächstfolgenden Tag wütete der Kampf wieder um die Mauern von Troia; doch gelang es den Griechen nicht, in die Stadt einzudringen; und an den Ufern des Skamanders, wo Neoptolemos nicht war, fielen die Danaer sogar in Scharen danieder. Dort hatte der mutige Sohn des Priamos, Deiphobos, einen glücklichen Ausfall gewagt und bedrängte die Belagerer. Auf die Nachricht davon hieß Neoptolemos seinen Wagenlenker Automedon die unsterblichen Rosse dorthin treiben. Staunend sah ihn der troianische Königssohn nahen. Das Herz schwankte ihm zwischen dem Entschlüsse zu fliehen, oder dem entsetzlichen Helden entgegenzutreten. Neoptolemos aber rief ihm schon von weitem zu: "Sohn des Priamos, wie wütest du gegen die zitternden Danaer! Kein Wunder, wenn du dich für den tapfersten Helden der Erde hältst. Wohlan denn, so versuch es auch mit mir!" So rief er und stürmte auf ihn zu wie ein Löwe, und gewiß hätte er ihn mitsamt dem Wagenlenker daniedergestreckt, wenn nicht Apollon, in dunkles Gewölk gehüllt, aus dem Olymp herniedergeeilt wäre und den Gefährdeten zur Stadt entrückt hätte, wohin auch die übrigen Troianer ihm nachflohen. Als Neoptolemos in die leere Luft mit dem Speer stieß, schrie er voll Unmuts: "Hund, du bist mir entgangen, doch nicht deine Tapferkeit half dir, sondern ein Gott hat dich mir gestohlen!" Dann warf er sich wieder in den Kampf. Aber Apollon, der in den Mauern Troias war, schirmte die Stadt. Da ermahnte der Seher Kalchas die Danaer, zu den Schiffen zurückzuweichen und sich für eine Weile dem mühseligen Kampfe zu entziehen. Hier sprach er: "Es ist vergeblich, ihr Freunde, daß wir uns im Streite gegen diese Stadt abmühen, wenn nicht auch der andere Teil der Weissagung, welche ich euch mitgeteilt habe, in Erfüllung geht, und Philoktetes mit seinen unwiderstehlichen Pfeilen von Lemnos herbeigeschafft wird."
Sofort wurde beschlossen, den klugen Odysseus und den tapferen Jüngling Neoptolemos nach Lemnos abzusenden, und diese gingen ohne Säumen zu Schiffe.
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Philoktetes auf Lemnos
Die Helden landeten an der unbetretenen, unbewohnten Küste der wüsten Insel Lemnos. Hier hatte vor mehr als neun Jahren, nach dem Ausspruche der Heerführer, Odysseus den Sohn des Poias, Philoktetes, dessen unheilbares Übel den Griechen seine Gegenwart unerträglich machte, in einer Höhle mit zwei Mündungen ausgesetzt, wo er des Winters im Sonnenstrahle Schutz vor der Kälte und des Sommers an einer anderen Stelle Schatten und Kühlung finden konnte; in der Nähe rieselte eine lebendige Quelle. Die beiden Helden hatten diese Stelle bald wieder gefunden, und Odysseus traf noch alles wie das erste Mal. Aber die Wohnung war leer; nur eine breite Streu aus Laub, wie von einem Ruhenden zusammengedrückt, ein kunstlos geschnitzter Becher aus Holz und etwas Feuergeräte deuteten auf einen Bewohner; und in der Sonne lagen Lumpen voll Eiters ausgebreitet, die sie nicht zweifeln ließen, daß der kranke Philoktetes noch der Bewohner sei. Das erste, was sie taten, war, daß ein Diener auf die Lauer ausgesandt wurde, damit der Kranke sie nicht überraschen könnte. "Benützen wir", sprach Odysseus zu dem jungen Sohne des Achilles, "die Abwesenheit des Mannes, um unseren Plan mit ihm zu verabreden, denn nur durch Täuschung können wir uns seiner bemächtigen. Bei eurer ersten Zusammenkunft darf ich nicht zugegen sein; haßt er mich doch tödlich, und mit Recht! Sobald er dich nun fragt, wer du seiest und von wannen du kommst, sagst du ehrlich, du seiest der Sohn des Achilles. Dann aber dichtest du noch weiter hinzu, du habest dich zürnend von den Griechen abgewandt
und seiest auf der Fahrt nach der Heimat begriffen. Denn diese, die dich von Skyros nach Troia flehend herbeigeholt, um ihnen diese Stadt erobern zu helfen, hätten dir die Waffen deines Vaters verweigert und sie mir, dem Odysseus, gegeben. Häufe nur so viel Schimpf auf mich, als dir einfällt; mich kränkt es nicht, und ohne List bekommen wir den Mann und die Pfeile nicht. Darum mußt du darauf denken, wie du ihm dies unbesiegbare Geschoß entwenden magst." Hier fiel ihm Neoptolemos ins Wort: "Sohn des Laertes", sprach er, "eine Tat, die ich ohne Abscheu nicht hören kann, vermag ich auch nicht zu tun; weder ich noch mein Vater sind zu so böser Kunst geboren worden. Gern bin ich bereit, den Mann mit Gewalt zu fangen; nur erlaß mir die Arglist! Wie sollte auch der einzelne Mann, der dazu nur auf einem Fuße stehen kann, uns, die vielen, überwältigen?" - "Mit seinen unentfliehbaren Pfeilen", erwiderte Odysseus ruhig. "Ich weiß wohl, mein Sohn, daß dir die Gabe der Täuschung nicht eingepflanzt ist, und auch ich selbst, der ich von einem redlichen Vater stamme, war in der Jugend mit der Zunge langsam und rasch mit der Hand. Erst die Erfahrung mußte mich belehren, daß die Welt weniger durch Taten als durch Worte gelenkt wird. Wenn du nun bedenkst, daß der Bogen des Herakles allein Troia zu zwingen vermag, und du durch diese Tat den Ruhm der Klugheit wie der Tapferkeit davontragen, auch durch den Erfolg vollkommen gerechtfertigt erscheinen wirst, so weigerst du dich gewiß nicht länger der kurzen Trugworte!"
Neoptolemos gab den Gründen seines älteren Freundes nach, und dieser entfernte sich nun, wie verabredet war. Auch dauerte es nicht lange, bis aus der Ferne der Schmerzensruf des leidenden Philoktetes sich hören ließ. Dieser hatte nämlich von fern das Schiff am hafenlosen Strande erblickt und kam auf Neoptolemos und seine Begleiter herzugeeilt. "Wehe mir", rief er ihnen zu, "wer seid ihr, die ihr an dieser unwirtbaren Insel gelandet? Zwar erkenne ich an euch die geliebte Griechentracht; doch möchte ich auch den Laut eurer Sprache vernehmen. Bebet vor meinem verwilderten Aussehen nicht zurück, bedauert vielmehr mich unglücklichen, von allen Freunden verlassenen, gepeinigten Mann und antwortet, wenn ihr anders nicht mit feindlichen Absichten erschienen seid!"
Neoptolemos antwortete, wie Odysseus ihn gelehrt hatte; da brach Philoktetes in ein Freudengeschrei aus: "O teuerwerte griechische Laute, wie nach so langer Zeit tönet ihr in mein Ohr! O Sohn des liebsten Vaters! Geliebtes Skyros! Guter Lykomedes! Und du, Pflegekind des Alten, was sprichst du da? So haben dich die Danaer denn auch nicht anders behandelt als mich! Wisse, ich bin Philoktetes, der Sohn des Poias, derselbe, den die Atriden und Odysseus einst, ganz verlassen, von entsetzlicher Krankheit gequält, auf unserem Zuge nach Troia hier aussetzten. Sorglos schlief ich am Strande der See unter diesem hohlen Felsendache; da entflohen sie treulos, hinterließen mir nur kümmerliche Lumpen, wie einem Bettler, und die notdürftige Kost, wie sie einst ihnen aufgespart sein möge. Wie meinst du, liebes Kind, daß ich aus meinem Schlaf erwacht sei? Mit welchen Tränen, welchem Angstgeschrei, als ich von dem ganzen Schiffszuge, der mich hierher geführt, keine Seele mehr erblickte, keinen Arzt, keine Hilfe für mein Übel; gar nichts mehr ringsum, außer meinem Jammer, aber diesen freilich im Überfluß! Seitdem sind mir Armen Tage um Tage und Jahre um Jahre verlaufen, und unter diesem engen Dache bin ich mein einziger Pfleger gewesen. Mein Bogen hier verschaffte mir die nötigste Nahrung; aber wie jammervoll mußte ich mich, wenn mir eine Beute aus den Lüften zufiel, nach der Stelle hinschleppen, den kranken Fuß nachziehend. Und so oft ich einen Trunk aus der Quelle suchen, so oft ich von Winter zu Winter zur Feuerung meiner Höhle mir Holz im Wald fällen wollte, das alles mußte ich, mit Mühe aus meiner Höhle hervorkriechend, selbst besorgen. Wiederum fehlte es mir an Feuer; wie lange währte es, bis ich den rechten Stein fand, der, an Eisen geschlagen, den Funken sprühte, welcher mich bis diese Stunde erhalten hat. Denn als ich einmal dies Bedürfnis hatte, fehlte mir nichts mehr, mein Leben zu fristen, als Gesundheit. Jetzt höre aber auch von der Insel etwas, lieber Sohn! Wisse, es ist der armseligste Fleck auf der Erde; niemals nahet sich ihr freiwillig ein Schiffer; es fehlt an Landungsplätzen, fehlt an Gelegenheit, Waren umzutauschen, fehlt an allem Umgange mit Sterblichen. Wen die Fahrt hierher treibt, der landet nur gezwungen. Solcherlei Schiffer beklagen mich dann zwar wohl, reichen mir auch wohl etwas Speise oder ein Kleid, aber heimgeleiten will mich keiner, und so schmachte ich denn hier in Not und Hunger schon ins zehnte Jahr; und das alles haben Odysseus und die Atriden mir zuleide getan, denen die Götter mit Gleichem vergelten mögen!"
Neoptolemos geriet bei dieser Erzählung in wilde Bewegung seines Innern; doch drängte er sie zurück, der Ermahnung des Odysseus eingedenk. Er berichtete dem jammernden Helden den Tod seines Vaters und was er sonst über Landsleute und Freunde zu hören wünschte, und knüpfte daran mit aller Wahrscheinlichkeit die Lüge, die Odysseus ihn gelehrt. Philoktetes hörte unter lauten Bezeugungen der Teilnahme und Überraschung zu; dann faßte er den Sohn des Achilles bei der Hand, weinte bitterlich und sprach: "Nun, liebes Kind, beschwöre ich dich bei Vater und Mutter, laß mich nicht in diesen meinen Qualen zurück. Ich weiß wohl, daß ich eine lästige Ladung bin! Dennoch entschließe dich, nimm mich mit, wirf mich wohin du willst, ans Steuerruder, an den Schnabel, in den untersten Schiffsraum, wo ich deine Schiffsgenossenschaft am wenigsten quäle! Laß mich nur nicht in dieser schrecklichen Einsamkeit; führe mich als Retter nach deiner Heimat: von dort bis zum Oeta und dem Lande, wo mein Vater wohnte, ist die Fahrt nicht mehr weit. Zwar habe ich oft schon Gelandeten manche herzliche Bitten an ihn mitgegeben, aber niemand brachte mir Kunde von ihm, und er ist wohl schon lange tot: nun, ich wäre froh, wenn ich nur an seinem Grabe ruhen dürfte."
Neoptolemos gab dem kranken Mann, der sich zu seinen Füßen warf, mit schwerem Herzen die unredliche Zusage und rief: "Sobald du willst, laß uns zu Schiffe gehen; möge nur ein Gott uns schnelle Fahrt aus diesem Lande verleihen, nach dem Ziele, das uns angewiesen ist!" Philoktetes sprang auf, so schnell das Übel seines Fußes es ihm zuließ, und ergriff mit einem Freudenrufe den Jüngling bei der Hand. In diesem Augenblick erschien der Späher der Helden, als ein griechischer Schiffsherr verkleidet, mit einem anderen Schiffer von ihrem Gefolge. Er erzählte, an Neoptolemos gewendet, die erheuchelte Kunde, daß Diomedes und Odysseus auf der Fahrt nach einem gewissen Philoktetes begriffen seien, den sie, einer Weissagung des Sehers Kalchas zufolge, fangen und vor Troia bringen müßten, wenn die Stadt erobert werden sollte. Diese Schreckensnachricht warf den Sohn des Poias ganz den Neoptolemos in die Arme. Er raffte die heiligen Geschosse des Herakles zusammen, übergab sie dem jungen Helden, der sich zum Träger erbot, und schritt mit ihm unter das Tor der Höhle. Da vermochte sich Neoptolemos nicht länger zu halten, die Wahrheit siegte in dem reinen Herzen des jungen Helden über die Lüge, und ehe sie am Ufer angekommen waren, sprach er: "Philoktetes, ich kann es dir nicht länger verbergen; du mußt mit mir nach Troia zu den Atriden und Griechen schiffen!" Philoktetes bebte zurück, flehte, fluchte. Ehe aber das Mitleid ganz die Oberhand über die Seele des Jünglings gewann, sprang Odysseus aus dem Gebüsch, das ihn verborgen hielt, hervor und befahl den Dienern, den unglücklichen alten Helden, der doch schon ihr Gefangener sei, zu fesseln. Philoktetes hatte ihn auf den ersten Laut erkannt. "O wehe mir", rief er, "ich bin verkauft, ermordet! Dieser ist's, der mich ausgesetzt hat, der mich jetzt dahmschleppt, durch dessen Trug mir meine Pfeile gestohlen sind!" - "Gutes Kind", sprach er dann schmeichelnd zu Neoptolemos, "gib du mir Bogen und Pfeile wieder!" Aber Odysseus fiel ihm in die Rede: "Nie geschieht solches", rief er, "und wollte es der Jüngling auch; sondern du mußt mit uns gehen, du mußt; es gilt der Griechen Heil und Troias Untergang!" Damit überließ ihn Odysseus den ihn fesselnden Dienern und zog den verstummten Neoptolemos mit sich fort. Philoktetes blieb mit den Dienern im Eingange der Höhle stehen, klagte über den schamlosen Betrug und schien umsonst die Rache der Götter anzurufen, als er plötzlich die beiden Helden im Wortwechsel miteinander zurückkehren sah, und aus der Ferne vernehmlich die Worte des jüngeren vernahm, welcher zürnend ausrief: "Nein, ich habe gefehlt, ich habe durch schnöde List einen edlen Mann verstrickt! Ich will sie ungeschehen machen, die schnöde Tat, und ehe du mich getötet hast, führest du diesen Mann nicht gen Troia!" Beide zogen die Schwerter, Philoktetes aber warf sich dem Sohne des Achilles zu Füßen. "Versprich mir, mich zu retten wie du willst, so sollen die Pfeile meines Freundes Herakles jeden Einfall von deinem Lande abwehren!" - "Folge mir", sprach Neoptolemos, und hob den alten Helden vom Boden auf, "wir schiffen noch heute nach Phthia, in mein Heimatland."
Da verfinsterte sich die blaue Luft über den Häuptern der rechtenden Helden; ihre Blicke kehrten sich nach oben, und Philoktetes war der erste, der seinen Freund, den vergötterten Herakles, in einer dunklen Wolke schwebend erblickte.
"Nicht weiter!" rief dieser mit einer hallenden Götterstimme vom Himmel herab. "Höre, Freund Philoktetes, aus meinem Munde den Ratschluß des Zeus, und gehorche! Du weißt, durch welche Mühsal ich Unsterblichkeit gewann, auch dir ist vom Schicksal bestimmt, aus dieser Trübsal verherrlicht hervorzugehen. Mit diesem Jüngling vor Troia erscheinend, wirst du vor allen Dingen von deiner Krankheit erlöst; dann haben dich die Götter erwählt, den Paris, den Urheber alles Leids, zu vertilgen; dann stürzest du Troia; das Herrlichste der ganzen Beute wird dein Anteil; beladen mit Schätzen fährst du zurück zu deinem Vater Poias, der noch lebt. Hast du etwas übrig von der Beute, so opfere es auf dem Scheiterhaufen bei meinem Denkmal. Leb wohl!" Philoktetes streckte dem verschwindenden Freunde die Arme nach zum Himmel. "Wohlan", rief er, "zu Schiff, ihr Helden, gib mir die Hand, edler Sohn des Achilles; und du, Odysseus, schreit' immerhin an meiner Seite: du hast gewollt, was die Götter wollen!"
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Der Tod des Paris
Als die Griechen das ersehnte Schiff, das den Philoktetes mit den beiden Helden an Bord hatte, in den Hafen des Hellespont einlaufen sahen, eilten sie scharenweise unter lautem Jubel an den Strand. Philoktetes streckte die schwächlichen Hände hinaus; seine beiden Begleiter hoben ihn ans Ufer und führten mühselig den Hinkenden in die Arme der harrenden Danaer. Diese jammerten seines Anblickes. Da sprang einer der Helden aus dem Haufen heraus, heftete einen forschenden Blick auf die Wunde, rief mit lauter Rührung seinen Vater Poias bei Namen und versprach, ihn mit der Götter Hilfe schnell zu heilen. Laut jauchzten die Griechen auf, als sie seine Verheißung hörten. Es war Podaleirios, der Arzt, ein alter Freund des Poias. Schnell schaffte dieser die nötigen Heilmittel herbei, die Argiver aber wuschen und salbten den Körper des alten Helden. Die Unsterblichen gaben ihren Segen; das verzehrende Übel schwand ihm aus den Gliedern und aller Jammer aus der Seele. Der sieche Leib des Helden Philoktetes blühte auf wie ein Ährenfeld, das, am Regen dahinwelkend, von sommerlichen Winden erquickt wird. Die Atriden selbst, die Häupter des Volkes, staunten, als sie ihn so gleichsam vom Tode auferstehen sahen, und, nachdem er sich an Trank und Speise gelabt, trat Agamemnon zu ihm, ergriff ihn bei der Hand und sprach mit sichtbarer Beschämung: "Lieber Freund! Es ist in der Betörung unseres Geistes, aber auch nach göttlicher Fügung geschehen, daß wir dich vorzeiten auf Lemnos zurückgelassen haben; hege nicht länger Groll darüber im Herzen, die Götter haben uns genug dafür gestraft und diese Versuchung über uns verhängt, um uns ihren Zorn fühlen zu lassen. Für jetzt nimm die Geschenke freundlich auf, die wir dir bereitet haben: sieben troianische Jungfrauen, zwanzig Rosse und zwölf Dreifüße. Daran labe dein Herz und nimm in meinem eigenen Zelte Platz. Beim Mahl und allenthalben soll dir königliche Ehre erwiesen werden."
"Liebe Freunde", erwiderte Philoktetes gütig, "ich zürne nicht mehr, weder dir, Agamemnon, noch irgendeinem anderen Danaer, sollte sich auch einer an mir vergangen haben. Weiß ich doch, daß der Sinn edler Männer beugsam ist und sich bald strenge, bald nachgiebig zeigen muß. Doch jetzt laßt uns schlafen gehen, denn wer sich nach dem Kampfe sehnt, tut wohler daran, sich des Schlummers zu freuen als des Schmauses!" So sprach er und eilte ins Gezelt seiner Freunde, wo er bis an den Morgen behaglich der Ruhe pflegte.
Am anderen Tage waren die Troianer außerhalb der Mauer mit der Beerdigung ihrer Toten beschäftigt, als sie die Griechen schon wieder zum Streite heranrücken sahen. Polydamas, der weise Freund des gefallenen Hektor, riet ihnen im Gefühl ihrer Schwäche sich hinter die Mauern zurückzuziehen und sich dort getrost zu verteidigen. "Troia", sprach er, "ist das Werk der Götter, und ihre Werke sind nicht leicht zu zerstören, auch fehlt es uns weder an Speise noch an Getränk, und in den Hallen unseres reichen Königs Priamos liegen noch Vorräte genug, um dreimal so viel Volk zu sättigen, als wir sind." Aber die Troianer gehorchten seinem Rate nicht und jauchzten vielmehr dem Aineias Beifall, der sie zu rühmlichem Sieg oder Tod auf dem Schlachtfelde aufforderte. Bald stürmte der Kampf wieder in beider Heere Reihen. Neoptolemos erschlug zwölf Troianer hintereinander mit dem Speere seines Vaters, aber auch Eurymenes, der Gefährte des kühnen Aineias, und Aineias selbst rissen blutige Lücken ins griechische Heer, und Paris tötete den Gefährten des Menelaos, den Demoleon aus Sparta. Dagegen raste Philoktetes unter den Troianern wie der unbezwingliche Ares selber, oder wie ein tosender Strom, der breite Fluren überschwemmt. Wenn ein Feind ihn nur von ferne erblickte, so war er verloren; schon des Herakles herrliche Rüstung, die er trug, schien die Troer zu verderben, als stünde das Medusenhaupt auf seinem Panzer. Zuletzt aber wagte es doch Paris und drang auf ihn ein, Bogen und Pfeile mutig in der Luft schwenkend. Auch schnellte er bald einen Pfeil ab, doch er schwirrte an Philoktetes vorüber und verwundete seinen Nebenmann Kleodoros an der Schulter. Dieser wich, mit der Lanze fortkämpfend, zurück, aber ein zweiter Pfeil des Paris traf ihn zum Tode. Jetzt griff Philoktetes zu seinem Bogen, und mit donnernder Stimme rief er: "Du troianischer Dieb, Urheber alles unseres Unheils, du sollst es büßen, daß dich gelüstet hat, in der Nähe dich mit mir zu messen. Wenn du einmal tot bist, so wird deinem Haus und deiner Stadt das Verderben mit schnellen Schritten heraneilen!" So sprach er und zog die gedrehte Sehne des Bogens bis nahe an die Brust, so daß das Hörn sich bog, und legte den Pfeil so auf, daß er nur ein weniges über den Bogen hervorragte. Mit einem Schwirren der Sehne flog der zischende Pfeil dahin und verfehlte aus der Hand des göttlichen Helden sein Ziel nicht, doch ritzte er dem Paris nur die schöne Haut, und auch dieser spannte seinen Bogen wieder; da traf ihn ein zweiter Pfeil des Philoktetes in die Weiche, daß er nicht länger im Kampf auszuharren vermochte, sondern entfloh, wie ein Hund vor dem Löwen, am ganzen Leibe zitternd.
Der blutige Kampf dauerte noch eine Weile fort, während die Ärzte sich um die schmerzliche Wunde des Paris bemühten. Aber das Dunkel der Nacht war eingebrochen, und die Troianer kehrten in ihre Mauern, die Danaer zu ihren Schiffen zurück. Paris durchstöhnte die Nacht ohne Schlaf auf seinem Schmerzenslager. Der Pfeil war bis ins Mark des Gebeines eingedrungen und die Wunde durch die Wirkung des scheußlichen Giftes, in das die Pfeile des Herakles getaucht waren, ganz schwarz vor Fäulnis. Kein Arzt vermochte zu helfen, ob sie gleich Mittel aller Art anwandten. Da erinnerte sich der Verwundete eines Orakelspruches, daß ihm einst in der größten Not nur seine verstoßene Gattin Oinone helfen könne, mit welcher er, als er noch Hirt auf dem Ida war, glückliche Tage verlebt hatte. Aus dem eigenen Munde der Gattin hatte er damals, als er nach Griechenland zog, diese Wahrsagung vernommen. So ließ er sich denn jetzt ungern, aber von der harten Qual gezwungen, dem Berg Ida, wo seine erste Gemahlin noch immer wohnte, zutragen. Von dem Gipfel des Berges herab krächzten Unglücksvögel, als die Diener mit ihm hinanstiegen. Ihre Stimme füllte ihn bald mit Entsetzen, bald trieb ihn wieder die Lebenshoffnung, sie zu verachten. So kam er in der Wohnung seiner Gattin an. Die Dienerinnen und Oinone selbst erfüllte der unerwartete Anblick mit Staunen; er aber stürzte sich zu den Füßen seines verschmähten Weibes und rief: "Ehrwürdige Frau, o hasse mich jetzt nicht in meiner Bedrängnis, weil ich dich einst unfreiwillig als Witwe zurückließ. Denn siehe, es waren die unerbittlichen Moiren, die mich Helena entgegengeführt. O wäre ich doch gestorben, ehe ich sie in den Palast meines Vaters gebracht. Doch jetzt beschwöre ich dich bei den Göttern und unserer früheren Liebe, habe Mitleid mit mir und befreie mich von dem quälenden Schmerz, indem du auf meine Wunde die Mittel auflegst, die nach deiner eigenen Weissagung mich allein zu retten vermögen!"
Aber seine Worte erweichten den harten Sinn der Verstoßenen nicht. "Was kommst du zu der", sprach sie scheltend, "die du verlassen und dem bitteren Jammer preisgegeben hast, weil du an Helenas ewiger Jugend dich zu erfreuen hofftest? So geh nun und wirf dich ihr zu Füßen, ob sie dir helfen möge, meine Seele aber hoffe nicht mit deinen Tränen und Klagen zum Mitleid zu stimmen!" So schickte sie ihn wieder aus ihrer Behausung fort, ohne zu ahnen, daß ihr eigenes Schicksal an das ihres Gatten gebunden sei. Paris schleppte sich, von den Dienern gestützt und getragen, kummervoll über die Höhen des waldigen Ida hin, und Hera vom Olymp herab labte sich an dem Anblick. Noch war er nicht an den Abhang des Berges gelangt, als er der giftigen Wunde erlag und seinen Geist noch auf den Gipfeln des Ida selbst aushauchte, so daß seine Buhlin Helena ihn nicht wieder erblickte.
Ein Hirt brachte seiner Mutter Hekabe die erste Kunde von seinem traurigen Tode. Ihr wankten die Knie bei der Nachricht, und sie sank bewußtlos nieder. Priamos aber wußte noch nichts davon, er saß klagend am Grabe seines Sohnes Hektor und wußte nicht, was draußen vorging. Helena dagegen ließ ihren strömenden Klagen bei der Botschaft ihren Lauf, wiewohl ihr Gemüt wenig davon wußte, denn sie war nicht sowohl über den Tod des Mannes betrübt, als über ihre eigene Schuld, an welche sie sich jetzt mit Zagen erinnerte.
Unerwartete Reue bemächtigte sich der Seele Oinones, die ferne von allen troianischen Frauen auf der Höhe des Ida im einsamen Hause lag, und der jetzt erst die Erinnerung an ihre mit Paris in Liebe verlebte Jugend zurückkehrte. Wie das Eis, das auf dem hohen Gebirge sich in den Wäldern angesetzt und die Schluchten umher deckt, unter dem lauen Hauche des Westwindes wieder schmilzt und in strömende Quellen zerfließt, so schmolz die Härtigkeit ihres Herzens dahin vor dem Kummer; das Herz ging ihr auf, und Ströme von Tränen quollen aus ihren lang vertrockneten Augen. Endlich raffte sie sich auf, öffnete mit Heftigkeit die Pforte ihres Hauses und stürzte wie ein Sturmwind hinaus. Von Fels zu Fels, über Schluchten und Bergströme trugen sie die flüchtigen Füße durch die Nacht hin. Mitleidsvoll blickte die Mondgöttin vom blauen Nachthimmel auf sie herunter. Endlich gelangte sie an die Stelle des Gebirges, wo der Leichnam ihres Gatten auf dem Holzstoß flammte und von den Schafhirten des Berges umringt war, die dem Freund und dem Königssohn die letzte Ehre erwiesen. Als ihn Oinone erblickte, machte sie der heftige Schmerz ganz sprachlos; sie verhüllte ihr schönes Antlitz in die Gewänder, sprang rasch auf den Scheiterhaufen, und ehe die Umstehenden sie retten, ja nur beklagen konnten, war sie mit dem Leichnam des Gatten ein Opfer der Flammen.
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Sturm auf Troia
Während sich dieses auf dem Berge Ida ereignete, wurde der Kampf von Seiten beider Heere mit Erbitterung und wechselndem Erfolge fortgesetzt. Apollon hauchte dem Aineias, dem Sohne des Anchises, und dem Eurymachos, dem Sohne Antenors, Mut und Stärke ein, daß sie die Achiver mit großem Verluste zurückdrängten und Neoptolemos nur mit Mühe das Treffen wiederherstellen konnte. Doch wichen die Troianer nicht eher, bis Pallas Athene selbst den Griechen zu Hilfe eilte. Nun mischte sich auch die Göttin Aphrodite in den Kampf und, um das Leben ihres Sohnes Aineias besorgt, hüllte sie diesen in eine Wolke und entrückte ihn aus der Schlacht.
Aus diesem unbarmherzigen Kampfe entrannen nur wenige Troianer, müde und verwundet, in die Stadt. Weiber und Kinder lösten ihnen wehklagend die blutigen Waffen vom Leibe, und die Ärzte hatten vollauf zu tun. Auch die Danaer waren vom Kampfe geschwächt und ermüdet, denn erst nach langem Zweifel hatte sich der Sieg ihnen zugewendet. Doch waren sie am anderen Morgen wieder munter und, nachdem sie eine gehörige Wache bei den Verwundeten zurückgelassen, zogen sie lustig und kriegerisch von den Schiffen den Mauern Troias wieder zu, und diesmal ging es zum Sturme. Die Griechen hatten ihre Scharen verteilt und eine jede hatte einen Angriff auf eines der Tore übernommen. Die Troianer aber kämpften auf allen Seiten von Mauern und Türmen herab, und überall erhob sich ein gewaltiges Getümmel. An das skaeische Tor wagte sich zuerst Sthenelos, der Sohn des Kapaneus, mit dem göttergleichen Helden Diomedes. Über dem Tore aber wehrten der ausdauernde Deiphobos und der starke Polites samt vielen Genossen die Stürmenden mit Pfeilen und Steinen ab, daß Helme und Schilde von dem Wurfe klangen. Am idaeischen Tore focht Neoptolemos mit allen seinen Myrmidonen, die in den Künsten der Bestürmung wohl erfahren waren. In der Stadt munterten hier die Troianer Helenos und Agenor auf und kämpften unermüdlich für die teure Heimat. An denjenigen Toren, die zu der Ebene und zu dem Schiffslager der Griechen führten, waren Eurypylos und Odysseus in unaufhörlichem Kampfe; von der hoch emporragenden Mauer aber hielt sie durch Steinwürfe der tapfere Aineias entfernt. An dem Gewässer des Simoeis kämpfte unter mannigfaltigen Drangsalen Teukros, und so andere anderswo. Endlich kam Odysseus auf seinem Posten auf den glücklichen Gedanken, seine Streiter die Schilde über ihre Häupter gedrängt aneinander emporheben zu lassen, so daß das Ganze wie das wohlgewölbte Dach eines Hauses erschien. Unter diesem Schilddache zogen die Scharen der Danaer, eng geschlossen und wie zu einem einzigen Körper vereinigt, daher, und furchtlos hörten sie das Getöse der zahllosen Steine, Pfeile und Lanzen, die von der Mauer herab aus den Händen der Troianer auf die Schilde herabprasselten, ohne einen einzigen Mann zu verwunden. So nahten sie sich, keiner von dem anderen getrennt, wie ein dunkles Wintersturmgewölk den Mauern, der Grund dröhnte unter ihren Tritten, der Staub wallte über ihren Häuptern, und unter dem Schilddache tönte vermischtes Gespräch durcheinander, wie Bienengesumse in den Körben. Freude erfüllte das Herz der Atriden, als sie das unerschütterliche Bollwerk einherziehen sahen; sie drängten ihre Krieger alle den Toren der Feste entgegen zum Sturmangriff und rüsteten sich, die Tore aus den Angeln zu heben, die Torflügel mit zweischneidigen Beilen zu durchbrechen und niederzuwerfen, und bei der neuen Erfindung des Odysseus schien der Sieg unzweifelhaft zu sein.
Da stärkten die Götter, die auf seilen der Troianer waren, die Arme des Helden Aineias, daß er einen ungeheueren Stein mit beiden Händen herbeibrachte und voll Wut auf das Schilddach hinunter schleuderte. Dieser Wurf richtete eine klägliche Niederlage unter den Stürmenden an, und sie sanken wie Ziegen des Berges, auf die ein losgerissener Fels herabrollt, zerschmettert unter ihren Schilden zu Boden. Aineias aber stand auf der Mauer mit strotzenden Gliedern, und seine Rüstung funkelte wie der Blitz; neben ihm stand unsichtbar in einer dunkeln Wolke der gewaltige Ares, der den Geschossen, die der Held dem Steine nachsendete, die rechte Richtung gab, daß Tod und Entsetzen unter die Reihen der Griechen fuhr. Laut ertönte von den Mauern herab der Ruf des Aineias, der die Seinigen anfeuerte, laut von unten herauf der Ruf des Neoptolemos, der die Myrmidonen ermahnte, standzuhalten, und so dauerte hier der Kampf den ganzen Tag fort ohne Erholung und Rast.
An einer entfernteren Seite der Mauer waren die Griechen glücklicher. Dort säuberte der kühne Lokrer Aias die Zinnen allmählich von Verteidigern, indem er bald mit dem Pfeil einen wegschoß, bald mit dem Speer einen niederstieß. Und jetzt ersah sich sein tapferer Waffengefährte und Landsmann Alkimedon eine ganz leer gewordene Stelle der Mauer, legte eine Sturmleiter an und stieg, auf sein mutiges Herz und seine Jugend vertrauend, voll Kriegslust und mit behendem Fuße die Stufen empor, den Schild über dem Haupte haltend. So gedachte er den Seinigen den Weg in die Stadt zu bahnen. Aber Aineias hatte aus der Ferne sein Beginnen beobachtet, und als jener nun eben über die Mauer hinweg sah und zum ersten- und letztenmal einen Blick in das Innere der Stadt warf, traf ihn ein Stein, aus der gewaltigen Hand des troianischen Helden geschleudert, ans Haupt; die Leiter ward zertrümmert unter der Wucht des Stürzenden: wie ein Pfeil von der Sehne geschnellt, wirbelte er durch die Luft und hauchte die Seele aus, noch ehe er unten am Boden ankam. Die Lokrer seufzten laut auf, als sie den Zermalmten auf der Erde liegen sahen. Jetzt faßte Philoktetes den Sohn des Anchises, der wie ein reißendes Tier die Mauern entlang tobte, ins Auge und richtete sein gepriesenes Geschoß auf ihn. Auch verfehlte er sein Ziel nicht, ritzte jedoch nur ein wenig das Leder des Schildes und traf dann den Troianer Menon, der von der Mauer herabfiel wie ein Wild, das des Jägers Pfeil erreicht hat. Aineias zertrümmerte dafür dem Toxaichmes, einem wackeren Gefährten des Philoktetes, Haupt und Knochen mit einem Steinwurfe. Grimmig blickte Philoktetes zu dem feindlichen Helden empor und rief: "Aineias! du glaubst der Tapferste zu sein, wenn du, wie schwache Weiber, von der Mauer herab deine Feinde mit Steinen bekämpfst. Wohlan, wenn du ein Mann bist, so komm in der Rüstung vor die Tore heraus und erprobe deinen Bogen und deine Lanze im Kampfe mit dem mutigen Sohne des Poias!" Der Troianer hatte nicht Zeit ihm zu antworten, denn die Verteidigung der Stadt rief ihn nach einer anderen Stelle der Mauer, und auch Philoktetes wurde zu neuem rastlosen Kampfe hinweggerissen.
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Das hölzerne Pferd
Nachdem nun die Griechen lange erfolglos um Tore und Mauern von Troia gekämpft und der versuchte Sturm auf allen Seiten abgeschlagen worden war, rief der Seher Kalchas eine Versammlung der vornehmsten Helden zusammen und redete so vor ihnen: "Unterzieht euch nicht ferner den Mühseligkeiten eines gewaltsamen Kampfes, denn auf diesem Wege kommt ihr nicht zum Ziele; besinnet euch vielmehr auf irgendeinen Anschlag, der euren Schiffen und euch selber zum Heil gereichen mag. Denn vernehmet, was für ein Zeichen ich gestern geschaut habe. Ein Habicht jagte einem Täubchen nach; dieses aber schlüpfte in die Spalten eines Felsen hinein, um seinem Verfolger zu entgehen. Lange verweilte dieser grimmig vor dem Felsenspalt, aber das Tierchen ging nicht heraus; da verbarg sich der Raubvogel mit unterdrücktem Unmut ins nahe Gebüsch, und siehe da, jetzt schlüpfte das Täublein in seiner Torheit wieder heraus, der Habicht aber schießt auf das arme Tier nieder und erwürgt es ohne Erbarmen. Laßt uns diesen Vogel zum Muster nehmen und Troia nicht fürder mit Gewalt zu erobern suchen, sondern es einmal mit der List versuchen."
So sprach der Seher; aber keinem Helden, obgleich sie hin und her sannen, wollte ein Mittel einfallen, wie dem grausamen Kriege ein Ziel gesetzt werden könnte; der einzige Odysseus kam endlich durch die Verschmitztheit seines Geistes auf ein solches. "Wisset ihr was, Freunde", rief er, freudig bewegt durch den glücklichen Einfall, "laßt uns ein riesengroßes Pferd aus Holz zimmern, in dessen Versteck sich die edelsten Griechenhelden, so viele unser sind, einschließen sollen. Die übrigen Scharen mögen sich inzwischen mit den Schiffen nach der Insel Tenedos zurückziehen, hier im Lager aber alles Zurückgelassene verbrennen, damit die Troianer, wenn sie dies von ihren Mauern aus gewahr werden, sich sorglos wieder über das Feld verbreiten. Von uns Helden aber soll ein mutiger Mann, der keinem der Troer bekannt ist, außerhalb des Rosses bleiben, sich als Flüchtling zu ihnen begeben und ihnen das Märchen vortragen, daß er sich der frevelhaften Gewalt der Achiver entzogen habe, welche ihn um ihrer Rückkehr willen den Göttern als Opfer schlachten wollten. Er habe sich nämlich unter dem künstlichen Rosse, welches der Feindin der Troianer, der Göttin Pallas Athene, geweiht sei, versteckt und sei jetzt, nach der Abfahrt seiner Feinde, eben erst hervorgekrochen. Dies muß er den ihn Befragenden so lange zuversichtlich wiederholen, bis sie ihr Mißtrauen überwunden haben und ihm zu glauben anfangen. Dann werden sie ihn als einen bemitleidenswerten Fremdling in ihre Stadt führen. Hier soll er darauf hinarbeiten, daß die Troianer das hölzerne Pferd in die Mauern hineinziehen. Geben sich dann unsere Feinde sorglos dem Schlummer hin, so soll er uns ein zu verabredendes Zeichen geben, auf welches wir unseren Schlupfwinkel verlassen, den Freunden bei Tenedos mit einem lodernden Fackelbrande ein Signal geben und die Stadt mit Feuer und Schwert zerstören wollen."
Als Odysseus ausgeredet, priesen alle seinen erfinderischen Verstand, und zumeist lobte ihn Kalchas, der Seher, dessen Sinn der schlaue Held vollkommen getroffen hatte. Er machte auf günstige Vogelzeichen und zustimmende Donnerschläge des Zeus, die sich vom Himmel herab hören ließen, aufmerksam und drängte die Griechen, sogleich zum Werke zu schreiten. Aber da erhub sich der Sohn des Achilles unwillig in der Versammlung. "Kalchas", sprach er, "tapfere Männer pflegen ihre Feinde in offener Feldschlacht zu bekämpfen; mögen die Troianer, das Treffen vermeidend, von ihren Türmen herab als Feige streiten; uns aber lasset nicht auf eine List sinnen oder auf irgendein anderes Mittel außer offenem Kampfe! In diesem müssen wir beweisen, daß wir die besseren Männer sind!"
So rief er, und Odysseus selbst mußte den hochsinnigen Jüngling bewundern; doch erwiderte er ihm: "O du edles Kind eines ebenso furchtlosen Vaters, du hast dich ausgesprochen wie ein Held und wackerer Mann. Aber doch konnte dein Vater selbst, der Halbgott an Mut und Stärke, diese herrliche Feste nicht zerstören. Du siehst also wohl, daß Tapferkeit in der Welt nicht alles ausrichtet. Deswegen beschwöre ich euch, ihr Helden, daß ihr den Rat des Kalchas befolget und meinen Vorschlag ohne Säumen ins Werk setzet!"
Alle anderen Helden gaben dem Sohne des Laertes Beifall; nur Philoktetes stellte sich auf die Seite des Neoptolemos, denn er lechzte noch immer nach Kampf und Schlachtgetümmel, und sein Heldenherz war noch nicht gesättigt. Am Ende hätten die beiden auch den Rat der Danaer zu sich herübergezogen. Aber Zeus bewegte den ganzen Luftkreis, schleuderte Blitz auf Blitz unter krachendem Donner zu den Füßen der widerstrebenden Helden herab und gab so hinlänglich zu verstehen, daß sein Wille sich mit den Vorschlägen des Sehers und des Laertiaden vereinige. So verloren die beiden Helden den Mut, sich länger zu widersetzen und gehorchten, obgleich mit innerlichem Widerwillen.
So kehrten denn alle miteinander zu den Schiffen zurück, und ehe ans Werk gegangen wurde, überließen sich die Helden dem wohltätigen Schlaf. Da stellte sich um Mitternacht im Traume Athene an das Haupt des griechischen Helden Epeios und trug ihm als einem kunstreichen Manne auf, das mächtige Roß aus Balken zu zimmern, indem sie selbst ihm ihren Beistand zu schnellerer Vollendung des Werkes versprach. Der Held hatte die Göttin erkannt und sprang freudig vom Schlafe auf; alle Gedanken wichen in seinem Geiste dem einen Auftrag, und der Geist seiner Kunst bewegte ihm die Seele. Mit Tagesanbruch erzählte er die Göttererscheinung in der Mitte alles Volkes, und nun schickten die Atriden in aller Eile in die waldreichen Täler des Idagebirges und ließen daselbst die hochstämmigsten Tannen fällen. Diese wurden eilig zum Hellespont hinabgetragen, und viele Jünglinge gingen ans Werk und halfen dem Epeios: die einen zersägten die Balken, die anderen hieben die Äste von den noch unzersägten Stämmen, wieder andere taten anderes, Epeios aber machte zuerst die Füße des Pferdes, dann den Bauch; über diesen fügte er sodann den gewölbten Rücken, hinten die Weichen, vorn den Hals; über ihm formte er zierlich die Mähne, die sich flatternd zu bewegen schien; Kopf und Schweif wurden reichlich mit Haaren versehen, aufgerichtete Ohren an den Pferdekopf gesetzt und gläserne leuchtende Augen unter der Stirn angebracht; kurz, es fehlte nichts, was an einem lebendigen Pferde sich regt und bewegt. So vollendete er mit Athenes Hilfe das Werk in drei Tagen, und das ganze Heer bewunderte die Schöpfung des Künstlers, so ausdrucksvoll hatte er Leben und Bewegung nachzubilden gewußt; man meinte jeden Augenblick, jetzt werde das Riesenpferd zu wiehern anfangen. Epeios aber hob die Hände gen Himmel und betete vor allem Heere: "Mächtige Pallas, erhöre mich, rette dein Pferd und mich selbst, hohe Göttin!" Und alle Griechen stimmten in dieses Gebet ein.
Die Troianer waren in der Zwischenzeit vom letzten Kampfe an scheu hinter ihren Mauern geblieben. Um so lauter tobte der Zwiespalt unter den Göttern, selbst jetzt, wo Troias Verhängnis erfüllt werden sollte. Sie fuhren in zwei getrennten Haufen, der eine den Griechen günstig, der andere ihnen abhold, auf die Erde herunter und stellten sich am Flusse Xanthos, den Sterblichen unsichtbar, in zwei Schlachtordnungen gegeneinander auf. Auch die Meergottheiten schlössen sich der einen oder der anderen Seite an. Die Nereiden hielten es, als Verwandte des Achilles, mit den Griechen; andere Meergötter waren auf der Seite Troias, und diese empörten die Flut gegen die Schiffe und trieben sie ans Land gegen das tückische Roß. Sie hätten beide zerstört, wenn das Schicksal es gestattet hätte. Unter den oberen Göttern begann unterdessen der Kampf, und Ares stürzte der Athene zum Kampf entgegen. Damit war das Zeichen des allgemeinen Streites gegeben, und die Götter warfen sich gegenseitig aufeinander; bei jeder Bewegung klirrten die goldenen Rüstungen, und das Meer rauschte mit seinen Wogen darein; unter den Füßen der Unsterblichen bebte die Erde, und alle schrien laut zusammen, so daß der Schlachtruf der Götter bis zur Unterwelt hinabdrang und die Titanen im Tartaros davor erbebten. Es hatten aber die Himmlischen sich zum Kampf eine Zeit ersehen, wo Zeus, der Vater der Götter und Menschen, fern auf einer Reise an den Ozean begriffen war, wohin die Regierung der Erde ihn gerufen hatte. Doch seinem scharfsichtigen Geiste entging auch aus der Ferne nichts von dem, was auf der Oberfläche des Erdbodens sich ereignete. Und so wurde er kaum den Götterkampf inne, als er schnell von der Flut des Ozeans mit seinen geflügelten Windrossen auf dem Donnerwagen, den Iris leitete, in den Olymp zurückkehrte und von dort aus seine Blitze unter die kämpfenden Götter warf. Da erbebten die Unsterblichen und hielten inne mit Kämpfen. Themis, die Göttin des Rechts, die allein dem Streite ferngeblieben war, trat ein unter die Götter und schied sie voneinander, indem sie ihnen verkündigte, daß Zeus die gänzliche Vernichtung der Himmlischen beschlossen hätte, wofern sie nicht gehorchten. Jetzt ward den Göttern bange für ihre Unsterblichkeit, sie unterdrückten die Erbitterung ihrer Herzen und kehrten zurück aus dem Kampfe, die einen zum Olymp, die anderen in die Tiefe des Meeres.
Das Pferd im griechischen Lager war indessen in vollkommene Bereitschaft gesetzt, und Odysseus erhob sich in der Versammlung der Helden. "Jetzt gilt es", sprach er, "ihr Führer des Danaervolkes! Jetzt beweise es, wer wirklich durch Kraft und Mut hervorragt. Denn jetzt ist's Zeit, in dem Bauche des Rosses, der uns beherbergen wird, der dunkeln Zukunft entgegenzugehen! Glaubet mir, es gehört mehr Mut dazu, in diesen Schlupfwinkel zu kriechen, als dem Tode in offener Feldschlacht zu trotzen! Darum, wer sich am tapfersten fühlt, der entschließe sich zu diesem Wagestück. Die anderen mögen vorerst nach Tenedos schiffen! Ein wackerer Jüngling aber bleibe in der Nähe des Pferdes und tue, wie ich geraten habe. Wer will sich diesem Auftrag unterziehen?"
Die Helden zögerten. Da trat ein tapferer Grieche, namens Sinon, auf und sprach: "Sehet mich bereit, das verlangte Werk zu tun! Mögen mich die Troianer mißhandeln, mögen sie mich lebendig ins Feuer werfen, mein Entschluß steht fest!" Die Völker jubelten ihm Beifall zu, und mancher alte Held sprach bei sich im Herzen: "Wer ist doch dieser junge Mensch? Wir haben seinen Namen nie gehört; noch keine tapfere Tat hat ihn ausgezeichnet. Ihn treibt gewiß ein Dämon, entweder den Troianern oder uns selbst Verderben zu bringen!" Nestor aber erhob sich und sprach ermunternd zu den Danaern: "Jetzt, liebe Kinder, bedarf es wackeren Mutes, denn jetzt legen die Götter das Ziel zehnjähriger Mühseligkeiten in unsere Hände, darum rasch hinein in den Bauch des Pferdes. Ich selbst fühle noch die jugendliche Kraft in meinen Greisengliedern, von der ich beseelt war, als ich mit Iason das Argonautenschiff besteigen wollte, und es auch bestiegen hätte, wenn ich nicht von dem König Pelias abgehalten worden wäre!"
So rief der Greis und wollte sich vor allen anderen durch die geöffnete Seitentüre in den Bauch des hölzernen Rosses schwingen, aber Neoptolemos, der Sohn des Achilles, beschwor ihn, diese Ehre ihm, dem Jüngling, abzutreten und seines Greisenalters eingedenk die Führung der übrigen Griechen nach der Insel Tenedos zu übernehmen. Mit Mühe ließ sich Nestor überreden, und nun stieg der Jüngling in voller Rüstung zuerst in die geräumige Höhle. An ihn schlossen sich Menelaos, Diomedes, Sthenelos und Odysseus, dann Philoktetes, Aias, Idomeneus, Meriones, Podaleirios, Eurymachos, Antimachos, Agapenor und so viele sonst noch der Bauch des Rosses fassen mochte. Zuletzt stieg der Verfertiger des Rosses, Epeios, selbst hinein. Dann zog er die Weiteren zu sich herauf in die Höhlung, verschloß sie von innen fest und setzte sich vor den Riegel; die übrigen harrten im Bauche des Rosses in tiefem Schweigen und saßen in dunkler Nacht zwischen Tod und Sieg.
Die andern Griechen aber, nachdem sie die Zelte und alles Lagergeräte in Brand gesteckt hatten, brachen, von Agamemnon, dem Völkerfürsten, und dem König Nestor befehligt, mit den Schiffen auf und segelten der Insel Tenedos zu. So war es von den Danaern bestimmt worden, welche den beiden Helden nicht gestattet hatten, sich dem Pferde anzuvertrauen, dem ersten um seiner Würde, dem anderen um seines Alters willen. Vor Tenedos warfen sie die Anker aus, stiegen ans Land und sahen mit sehnendem Herzen dem Feuerzeichen entgegen.
Die Troianer bemerkten es bald, wie am Hellespont der Rauch in die Lüfte emporwirbelte, und als sie von den Mauern aufmerksam nach dem Gestade hinabspähten, waren auch die Schiffe der Griechen verschwunden. Voll Freuden strömten sie in Scharen dem Ufer zu, doch vergaßen sie nicht, sich in ihre Rüstungen zu hüllen, denn sie waren der Furcht noch nicht ganz los. Als sie nun auf der Stelle des alten feindlichen Lagers das glatte hölzerne Pferd gewahr wurden, stellten sie sich staunend rings um dasselbe her, denn es war ein gar gewaltiges Werk. Während sie noch darüber stritten, was mit dem seltsamen Wunderdinge anzufangen sei, und die einen der Meinung waren, es in die Stadt zu schaffen und als Siegesdenkmal für alle Zukunft auf der Burg aufzustellen, die anderen das unheimliche Gastgeschenk der Griechen in die See zu werfen oder zu verbrennen rieten, eine Beratung, der die im Bauche des Pferdes eingeschlossenen griechischen Helden zu ihrer Qual zuhören mußten, da trat mit eiligen Schritten Laokoon, der troianische Priester des Apollon, in die Mitte des gaffenden Volkes, und rief schon von weitem: "Unselige Mitbürger, welcher Wahnsinn treibt euch? Meinet ihr, die Griechen seien wirklich davongeschifft, oder eine Gabe der Danaer verberge keinen Betrug? Kennet ihr den Odysseus so? Entweder ist irgendeine Gefahr in dem Rosse verborgen, oder es ist eine Kriegsmaschine, die von den in der Nähe lauernden Feinden gegen unsere Stadt angetrieben werden wird! Was es aber auch sein mag, trauet dem Tiere nicht!" Mit diesen Worten stieß er eine mächtige eiserne Lanze, die er einem der neben ihm stehenden Krieger entriß, in den Bauch der Maschine. Der Speer zitterte im Holz, und aus der Tiefe tönte ein Widerhall wie aus einer Kellerhöhle. Aber der Geist der Troianer blieb verblendet.
Während dies vorging, zogen einige Hirten, welche die Neugierde dicht an das hölzerne Pferd herangelockt hatte, unter dem Bauche desselben den schlauen Sinon hervor und schleppten ihn, als einen gefangenen Griechen, vor den König Priamos, und bald sammelte sich das troianische Kriegsvolk, das bisher um das Pferd herumgestanden hatte, um dieses neue Schauspiel. Er aber, waffenlos und zagend, spielte die Rolle, die ihm von Odysseus aufgegeben war. Flehend streckte er die Arme gen Himmel und dann wieder nach den Umstehenden aus und rief unter Schluchzen: "Wehe mir, welchem Lande, welchem Meere soll ich mich anvertrauen, den die Griechen ausgestoßen haben und die Troianer niedermetzeln werden!" Diese Seufzer rührten die Jünglinge selbst, die ihn anfangs als einen Feind gepackt und roh behandelt hatten. Alle Krieger traten teilnehmend herzu und hießen ihn sagen, wer und woher er sei, auch guten Mutes sein, wenn er nichts Feindliches im Schilde führe. Jener ließ die erheuchelte Furcht endlich fahren und sprach: "Ich bin ein Argiver, das will ich ja nicht leugnen; wenn Sinon auch unglücklich ist, so soll er doch nicht zum Lügner werden. Vielleicht habt ihr etwas von dem euboiischen Fürsten Palamedes gehört, der von den Griechen auf Odysseus' Anstiften abscheulicherweise gesteinigt wurde, weil er den Feldzug gegen eure Stadt mißriet; als sein Verwandter zog ich in diesen Krieg, arm und nach seinem Tode ohne Stütze. Und weil ich es wagte, mit Rache für die Ermordung meines Vetters zu drohen, zog ich den Haß des falschen Laertiden auf mich und wurde diesen ganzen Krieg über von ihm geplagt. Auch ruhte er nicht, bis er mit dem lügnerischen Seher Kalchas meinen Untergang verabredet hatte. Als nämlich meine Landsleute die oft beschlossene und wieder aufgehobene Flucht endlich ins Werk setzten und dieses hölzerne Pferd hier schon aufgezimmert stand, schickten sie den Eurypylos zu einem Orakel des Apollon, weil sie am Himmel bedenkliche Wunderzeichen beobachtet hatten. Dieser brachte aus dem Heiligtum des Gottes den traurigen Spruch mit: "Ihr habt bei eurem Auszuge die empörten Winde mit dem Blute einer Jungfrau versöhnt, mit Blut müßt ihr auch den Rückweg erkaufen und eine Griechenseele opfern." Dem Kriegsvolke ging ein kalter Schauder durch die Gebeine, als es dies hörte. Da zog Odysseus den Propheten Kalchas mit großem Lärm in die Volksversammlung und bat ihn, den Willen der Götter zu offenbaren. Fünf Tage lang schwieg der Betrüger und weigerte sich heuchlerisch, einen Griechen für den Tod zu bezeichnen. Endlich, wie gezwungen durch das Geschrei des Odysseus, nennt er meinen Namen. Alle stimmten bei, denn jeder war froh, das Verderben von seinem eigenen Haupte abgewendet zu sehen. Und schon war der Schreckenstag erschienen, ich wurde zum Opfer ausgeschmückt, mein Haupt mit den heiligen Binden umwunden, der Altar und das geschrotene Korn in Bereitschaft gehalten. Da zerriß ich meine Bande, entfloh und versteckte mich, bis sie abgesegelt waren, im Schilfrohr eines nahen Sumpfes. Dann kroch ich hervor und suchte ein Obdach unter dem Bauche ihres heiligen Rosses. In mein Vaterland und zu meinen Landsleuten kann ich nicht zurückkehren. Ich bin in eurer Hand, und von euch hängt es ab, ob ihr mir großmütig das Leben schenken oder mir den Tod geben wollt, der mich von der Hand meiner eigenen Volksgenossen bedroht hat."
Die Troianer waren gerührt, Priamos sprach gütige Worte zu dem Heuchler, hieß ihn die alten Griechen vergessen und versprach ihm eine Zufluchtsstätte in seiner Stadt, wenn er ihnen nur offenbaren wolle, was für eine Beschaffenheit es mit dem hölzernen Rosse habe, dem er soeben den Beinamen eines heiligen gegeben. Sinon hob seine der Fesseln entledigten Hände gen Himmel und betete mit trügerischer Andacht: "Ihr Götter, denen ich schon geweiht war, du Altar und du, verfluchtes Schwert, das mich bedrohte, ihr seid mir Zeugen, daß die Bande, die mich an mein Volk bisher knüpften, zerrissen sind, und daß ich nicht frevle, wenn ich ihre Geheimnisse aufdecke! Von jeher war alle Hoffnung der Danaer in diesem Kriege auf die Hilfe der Göttin Pallas Athene gebaut. Seitdem aber aus dem Tempel, den sie bei euch zu Troia hat, ihr Bild, das Palladion, entwendet worden - und zwar, was ihr Troianer wohl zum erstenmal erfahret, durch die Hände schlauer Griechen - ging alles rückwärts, die Göttin war erzürnt, und das Glück hatte die Waffen der Danaer verlassen. Da erklärte Kalchas, der Seher, auf der Stelle müßte man mit den Schiffen umkehren, um im Vaterlande selbst neue Befehle der Götter einzuholen. Ehe das Palladion an seine Stelle zurückgebracht sei, dürften sie auf keinen glücklichen Ausgang des Feldzuges hoffen. Dies bewog die Danaer, die Flucht zu beschließen, welche sie nun auch wirklich ausgeführt haben. Zuvor aber erbauten sie noch auf den Rat ihres Propheten dieses hölzerne Riesenpferd, das sie als Weihgeschenk für die beleidigte Göttin zurückließen, um ihren Zorn zu versöhnen. Diese Maschine ließ Kalchas so unermeßlich in die Höhe bauen, wie ihr sehet, damit ihr Troianer sie nicht durch eure Tore führen und in eure Stadt bringen könntet, weil auf diese Weise der Schutz der Athene euch zuteil werden würde. Wenn hingegen eure Hand sich an dem geheiligten Pferde, als einem Überbleibsel eurer Feinde, vergriffe - dies war es, was sie zu hoffen wagten -, dann wäre euer und euer Stadt Verderben gewiß. Und in dieser Zuversicht gedenken sie in kurzer Frist, sobald sie zu Argos die Götterbefehle vernommen, zurückzukehren, und hoffen, das Palladion der Göttin eurer eroberten Stadt zurückgeben zu können."
Das Lügengewebe war so wahrscheinlich ersonnen, daß Priamos und alle Troianer dem Betrüger Glauben schenkten. Athene aber wachte über das Geschick ihrer Freunde, die in dem Rosse noch immer in banger Erwartung eingeschlossen saßen und seit der Warnung des Laokoon in beständiger Todesangst schwebten. Die Helden wurden aus ihrer Gefahr durch ein entsetzliches Wunder befreit. Eben jener Laokoon, der Priester des Apollon, hatte nach dem Tode des Poseidon-Priesters auch diese Würde durchs Los erhalten und opferte jetzt gerade am Meeresgestade dem Gölte einen stattlichen Stier am Altar. Siehe, da kamen von der Insel Tenedos aus durch die spiegelglatte Meerflut zwei ungeheuere Schlangen gerudert und nahmen ihren Weg nach dem Ufer; ihre Brust und die blutrote Mähne ragten aus dem Wasser hervor, der übrige Teil ihrer Leiber ringelte sich unter den Fluten fort. Die See plätscherte unter ihrer Spur, und jetzt waren sie am Lande, züngelten und zischten und sahen sich mit feurigen Augen um. Die Troianer, die noch immer in Menge um das Roß herumstanden, wurden totenblaß und ergriffen die Flucht, die Tiere aber nahmen ihre Richtung nach dem Uferaltar des Meergottes, wo Laokoon mit seinen zwei jungen Söhnen beim Opfer beschäftigt war. Zuerst wanden sie sich um die Leiber der beiden Knaben und bohrten ihren giftigen Zahn in ihr zartes Fleisch. Als die Verwundeten laut aufschrien und der Vater selbst ihnen mit gezogenem Schwerte zu Hilfe kommen wollte, schlangen sie sich mit mächtigen Windungen auch diesem zwiefach um den Leib und überragten ihn bald mit ihren aufgerichteten Hälsen und zischenden Häuptern. Seine Priesterbinde troff von Eiter und Gift. Vergebens bestrebte er sich, die Schlingen mit seinen Händen loszumachen, und inzwischen entfloh der schon getroffene Stier blutig und brüllend vom Altar und schüttelte das Beil aus dem Nacken. Laokoon erlag mit seinen beiden Kindern den Schlangenbissen, und nun schlüpften die Tiere in langen Krümmungen dem hochragenden Tempel der Athene zu und bargen sich dort unter den Füßen und dem Schilde der Göttin.
Das Troianervolk sah in diesem gräßlichen Ereignis eine Bestrafung der frevelhaften Zweifel seines Priesters. Ein Teil eilte der Stadt zu und riß die Mauer nieder, um dem unheilvollen Gaste den Weg zu bahnen, ein anderer fügte Räder an die Füße des Rosses, wieder andere drehten gewaltige Seile aus Werg und warfen sie dem hölzernen Riesentier um den Hals. Dann zogen sie es im Triumphe nach der Stadt; Knaben und Mädchen, die Hand an die Seile gelegt, sangen in Chören feierliche Hymnen dazu. Als die Maschine über die erhöhten Torschwellen rollte, stockte viermal ihr Lauf, und viermal dröhnte ihr Bauch wie von Erz. Aber die Troianer waren mit Blindheit geschlagen und führten das Ungeheuer jubelnd auf ihre heilige Burg. Mitten unter der Raserei der öffentlichen Freude blieb nur das Gemüt und der Geistesblick der Seherin Kassandra, der gottbegabten Königstochter des troianischen Hauses, ungetrübt. Nie sprach sie ein Wort aus, das nicht erfüllt worden wäre. Aber sie hatte das Unglück, niemals Glauben zu finden. So hatte sie auch jetzt unheilvolle Zeichen am Himmel und in der Natur beobachtet und stürzte mit flatternden Haaren, vom Geiste der Weissagung getrieben, aus dem Königspalast hervor: ihre Augen starrten in fieberhafter Glut, ihr Nacken wiegte sich hin und her wie ein Zweig im Windhauche, sie holte einen tiefen Seufzer aus der Brust herauf und rief durch die Gassen der Stadt: "Ihr Elenden, sehet ihr nicht, daß wir die Straße zum Hades hinunterwandeln, daß wir am Rande des Verderbens stehen? Ich schaue die Stadt mit Feuer und Blut erfüllt, ich sehe es aus dem Bauch des Rosses hervorwallen, das ihr mit Jauchzen auf unsere Burg hinaufgeführt habt. Doch ihr glaubt mir nicht, und wenn ich unzählige Worte spräche. Ihr seid den Erinnyen geweiht, die Rache an euch nehmen wegen Helenas frevelhafter Ehe."
Wirklich wurde die weissagende Jungfrau nur verlacht oder geschmäht, und hier und da sprach einer der Begegnenden zu ihr: "Hat dich denn die jungfräuliche Scham ganz verlassen, Kassandra, bist du ganz irre geworden in deinem Geiste, daß du dich öffentlich auf den Straßen herumtreiben magst und nicht siehest, wie die Menschen dich verachten, törichte Schwätzerin? Kehre zurück in dein Haus, daß dich nichts Schlimmes treffe!"
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Die Zerstörung Troias
Die Troianer überließen sich die halbe Nacht hindurch der Freude bei Schmaus und Gelage: Syringen und Flöten ertönten, Tanz und Gesang lärmten ringsumher und dazwischen die bunt durcheinander schallenden Stimmen der Schmausenden. Die Becher wurden einmal über das andere bis zum Rande mit Wein gefüllt, mit beiden Händen erfaßt und leergetrunken, bis die Trinkenden zu stammeln anfingen und ihr Geist in dumpfe Betäubung versank. Endlich lagen sie alle in tiefem Schlafe begraben, und die Mitternacht war herangekommen. Jetzt erhob sich Sinon, der mit anderen Troianern im Freien geschmaust und sich zuletzt schlafend gestellt hatte, von seinem Polster, schlich hinaus zu den Toren, zündete eine Fackel an und ließ, dem Strande und der Insel Tenedos zugekehrt, ihren lodernden Brand in die Lüfte wehen. Dann löschte er sie wieder, schlich sich zu dem Pferde hin und pochte leise an den hohlen Bauch, wie Odysseus geheißen hatte. Die Helden vernahmen den Laut; alle aber kehrten ihre Häupter lauschend dem Odysseus zu; dieser ermahnte sie, leise und mit aller möglichen Vorsicht auszusteigen; er hielt die Ungeduldigsten zurück, öffnete ganz leise, nach dem Rate des Epeios, den Riegel der Türe, streckte den Kopf ein wenig hinaus und sandte seine spähenden Blicke allenthalben umher, ob nicht einer der Troianer erwacht sei. Dann, wie ein heißhungriger Wolf mit aller Vorsicht zwischen Hirten und Hunden hindurch in den Pferch schleicht, stieg er die Sprossen der Leiter herab, die Epeios zugleich mit dem Pferd verfertigt und jetzt heruntergelassen hatte, und ein Held um den andern folgte ihm mit klopfendem Herzen. Als die Höhlung des Rosses sich ganz entleert hatte, schüttelten sie ihre Lanzen, zogen ihre Schwerter und verbreiteten sich durch die Straßen und in die Häuser der Stadt. Ein gräßliches Gemetzel entstand unter den schlaftrunkenen und berauschten Troianern; Feuerbrände wurden in ihre Wohnungen geschleudert, und bald loderten die Dächer über ihren Häuptern. Zu gleicher Zeit trieb ein günstiger Fahrwind die Flotte der Griechen, die auf Sinons Fackelzeichen von Tenedos aufgebrochen war, in den Hafen des Hellesponts, und bald stürzte sich das ganze Heer der Danaer durch die breite Mauerlücke, durch welche tags zuvor das Roß hereingezogen worden war, in die Stadt, von Kampfbegierde schnaubend. Jetzt erfüllte sich die eroberte Stadt recht mit Trümmern und Leichnamen; Halbtote und Verstümmelte krochen zwischen den Leichen umher, und hier und dort ward noch einem aufrecht Fliehenden die Lanze in den Rücken gestoßen. Das winselnde Heulen geängstigter Hunde scholl in den Straßen und mischte sich in das Stöhnen der Verwundeten und in die Wehklage der jammernden Frauen und unmündigen Kinder.
Doch war der Kampf für die Griechen selbst auch nicht unblutig, denn obgleich die meisten Feinde waffenlos waren, so wehrten sie sich doch so gut sie konnten. Die einen schleuderten Becher, die anderen Tische, noch andere frisch von dem Herde genommene Feuerbrände auf die eingedrungenen Danaer; andere waffneten sich mit Bratspießen, Beilen und Streitäxten, was ihnen gerade unter die Hände kam; und so stießen die Griechen selbst, während sie mit Feuer und Schwert in der Stadt wüteten, auf genug Tote und Sterbende der Ihrigen. Manche zerschmetterte auch ein Steinwurf von den Dächern, andere wurden von den Flammen der brennenden Häuser ergriffen oder von zusammenstürzenden zerschmettert. Und als sie endlich die Burg des Priamos selbst stürmten, in welche sich viele Troianer geflüchtet, und wo sich diese mit Rüstungen, Lanzen und Schwertern versehen hatten, kamen ihrer viele im ordentlichen Kampfe durch die Hand der Feinde, die sich verzweifelt verteidigten, ums Leben.
Während des Kampfes wurde es in der Stadt mitten in der Nacht immer heller, denn der wachsende Brand der Häuser und Paläste und die vielen Fackeln, die hier und dort von den Achivern geschwungen wurden, leuchteten dem Kampfe; dadurch wurde aber auch dieser immer sicherer und erbitterter, denn die Sieger fürchteten jetzt nicht mehr, den befreundeten Mann mit dem Feinde zu verwechseln, und nun traf ihr Racheschwert erst recht mit Auswahl die edelsten Helden der Troianer. Diomedes schlug zum Tode den Koroibos, den Sohn des gewaltigen Mygdon, indem er ihm die Lanze in den Schlund stieß; dann den Eidam des greisen Troianers Antenor, den gewaltigen Speerschwinger Eurydamas. Hierauf kam ihm Ilioneus, einer der ältesten Troer, entgegen; dieser sank vor dem gezückten Schwert des griechischen Helden in die Knie und mit der einen Hand sein eigenes Schwert emporhebend, mit der anderen das Knie des Siegers umfassend, rief er mit bebender Stimme: "Wer du auch seiest von den Achivern; laß von deinem Zorn! Kann ja dem Mann nur der Sieg über den Jüngern, Kräftigeren Ruhm bringen! Darum, so gewiß du selbst dereinst ein Greis werden willst, schone des Greises!" Einen Augenblick hielt Diomedes sein Schwert zurück und besann sich, dann aber stieß er es dem Gegner in die Kehle mit den Worten: "Freilich hoffe auch ich mich des Alters zu erfreuen; jetzt aber brauche ich meine Kraft und sende alle meine Feinde zum Hades!" So ging er hin und erschlug noch einen nach dem andern. Auf gleiche Weise wüteten Aias der Lokrer und Idomeneus. Neoptolemos aber suchte sich die Söhne des Priamos aus und tötete ihrer drei, dazu den Agenor, der einst mit seinem Vater Achilles den Kampf gewagt hatte. Endlich stieß er auf den König Priamos selbst, der an einem unter freiem Himmel errichteten Altar des Zeus in Gebeten lag. Gierig zückte Neoptolemos sein Schwert, und Priamos blickte ihm furchtlos ins Auge. "Töte mich", rief er, "Kind des tapferen Achilles; nachdem ich so vieles ertragen und fast alle meine Kinder sterben sah, wie möchte ich länger das Licht der Sonne schauen? O hätte mich schon dein Vater getötet! So labe denn du dein mutiges Herz an mir und entrücke mich allem Jammer!" - "Greis", erwiderte Neoptolemos, "du ermahnest mich zu dem, wozu mich mein eigenes Herz antreibt!" Und damit trennte er leicht das Haupt des ergrauten Greises vom Rumpfe, wie ein Schnitter in der Sommerhitze die Ähre auf dem trockenen Saatfelde abmäht: es rollte zu Boden weit hin, und der Rumpf lag mit anderen troianischen Leichen vermischt. Grausamer noch verfuhren die gemeinen Krieger des griechischen Heeres; sie hatten im Palast des Königs den Astyanax aufgefunden, Hektors zarten Sohn, rissen ihn aus den Armen der Mutter und schleuderten ihn, aus Haß gegen Hektor und sein Geschlecht, von der Zinne eines Turmes hinab. Als er der Mutter entrissen wurde, rief diese den Räubern entgegen: "Warum stürzet ihr nicht auch mich von der schrecklichen Mauer herab, oder in die lodernden Flammen? Seit mir Achilles den Gatten getötet, lebte ich nur noch in unserem Kinde; befreit auch mich von der Qual eines längeren Lebens!" Aber die Mörder erhörten sie nicht und gingen davon.
So fand sich der Tod bald in diesem Hause ein, bald in jenem, und nur ein einziges verschonte er. Dies war die Wohnung des greisen Troianers Antenor, der einst den Menelaos und den Odysseus, als sie nach Troia gekommen waren, am Leben erhalten und gastfreundlich bewirtet hatte. Dafür schenkten ihm jetzt die Danaer dankbar Leben und Besitztum.
Aineias, der herrliche Held, der jüngst noch mit unverwüstlicher Kraft beim Sturme der Stadt von den Mauern herab gekämpft hatte, als er die Stadt brennen sah und nach langer, vergeblicher Gegenwehr dem Feinde, den er auch jetzt seinen Sieg teuer bezahlen ließ, weichen mußte, handelte, wie ein mutiger Schiffer im Sturm, der, nachdem er das Schiff lange gelenkt, endlich das hoffnungslos Verlorene den Wellen überläßt und sich in ein Boot rettet. Er nahm den Vater Anchises auf die breiten Schultern, seinen Sohn Askanios an die Hand und eilte davon. Der Knabe drängte sich dicht an den Vater und streifte mit den Füßen kaum die Erde; Aineias aber sprang mit schnellem Fuß über unzählige Leichen hinweg, indem er den Sohn auf dem besseren Wege leitete; und Aphrodite, seine Mutter, war mit ihm; denn wohin er seinen Fuß setzte, wichen ihm die Flammen aus, die Rauchwolken zerteilten sich, Pfeile und Wurfspieße, welche die Danaer gegen ihn schleuderten, fielen ohne zu treffen auf die Erde nieder.
An anderen Stellen raste der Mord. Menelaos fand vor den Gemächern seiner treulosen Gemahlin Helena den Deiphobos, den Sohn des Priamos, der seit Hektors Tode die Stütze des Hauses und Volkes war und welchem, nach dem Tode des Paris, Helena als Gemahlin zuteil geworden war, noch in die Betäubung des nächtlichen Freudengelages versenkt. Bei seiner Annäherung taumelte dieser vom Boden auf und flüchtete in die Gänge des Palastes. Menelaos aber ereilte ihn und stieß ihm den Speer in den Nacken. "Stirb du vor der Tür meiner Gattin", rief er mit donnernder Stimme, "hätte doch meine Lanze den Unheilstifter, den Paris, also getroffen! Nun ist dieser schon längst geschlachtet; und du solltest dich meiner Gattin erfreuen, du Frevler? Wisse, daß kein Verbrecher dem Arme der Themis, der Göttin der Gerechtigkeit, entgeht!" So sprechend stieß Menelaos den Leichnam auf die Seite und ging hin, den Palast zu durchforschen, denn sein Herz, von widerstreitenden Empfindungen bewegt, begehrte nach Helena, seiner Gemahlin. Diese hielt sich, vor dem Zorn ihres rechtmäßigen Gatten zitternd, in einem dunkeln Winkel des Hauses verborgen, und erst spät gelang es ihm, sie zu entdecken. Bei ihrem ersten Anblick trieb ihn die Eifersucht, sie zu ermorden; aber Aphrodite hatte sie mit holdem Liebreize geschmückt, stieß ihm das Schwert aus der Hand, verscheuchte den Grimm aus seiner Brust und erweckte in seinem Herzen die alte Liebe. Es war ihm unmöglich, bei dem Anblick ihrer überirdischen Schönheit das Schwert aufs neue zu erheben; die Stärke brach ihm zusammen, und einen Augenblick vergaß er alles, was sie verschuldet hatte. Da hörte er die den Palast durchtobenden Argiver hinter sich, und ein Gefühl der Scham ergriff ihn, indem er bedachte, daß er vor seinem treulosen Weibe nicht wie ein Rächer, sondern wie ein Sklave dastehe. Wider Willen raffte er das Schwert, das er auf die Erde geworfen, wieder auf, bezwang seine Neigung, und drang von neuem auf die Gattin ein. Doch im Herzen war es ihm nicht ernst, und willkommen erschien ihm daher sein Bruder Agamemnon, der, plötzlich hinter ihm stehend, die Hand auf seine Schulter legte und ihm zurief: "Laß ab, lieber Bruder Menelaos! Es ziemt sich nicht, daß du dein eheliches Weib, um welches wir so viele Leiden erduldet haben, erschlagest! Lastet doch die Schuld weniger auf Helena, wie mir deucht, als auf Paris, welcher so schnöde das Gastrecht gebrochen hat. Dieser aber, sein ganzes Geschlecht, sein ganzes Volk sind ja jetzt bestraft und vernichtet!" So sprach Agamemnon, und Menelaos gehorchte ihm zögernd, aber mit Freuden.
Während dies auf Erden vorging, beklagten die Unsterblichen, in dunkle Wolken eingehüllt, den Fall Troias. Nur Hera, die Todfeindin der Troianer, und Thetis, die Mutter des frühe dahingesunkenen Achilles, jauchzten im Herzen vor Lust auf. Pallas Athene selbst, der doch durch Troias Untergang ihr Wille geschehen war, konnte sich der Tränen nicht enthalten, als sie sah, wie Aias, der wilde Sohn des Oileus, in ihrem Heiligtum es wagte, die fromme Kassandra, ihre Priesterin, die sich in Athenes Tempel geflüchtet hatte, und ihre Bildsäule schutzflehend umarmt hielt, mit rohen Händen anzutasten und sie an den Haaren zerrend herauszuschleppen. Zwar durfte die Göttin die Tochter ihrer Feinde nicht unterstützen; aber die Wangen glühten ihr vor Scham und Zorn; ihr Bildnis gab einen Ton, der Boden ihres Heiligtums dröhnte und den Blick vom Frevel abgekehrt, schwur sie in ihrem Herzen, die Freveltat zu rächen.
Lange noch dauerte der Brand und das Gemetzel. Die Flammensäule Troias stieg hoch in den Äther hinauf und verkündete den Untergang der Stadt den Bewohnern der Insel und den Schiffen, die hin und her das Meer besegelten.
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Menelaos und Helena - Polyxena
Bis zum Morgen waren sämtliche Bewohner der Stadt niedergemacht oder gefangen. Die Danaer fanden nirgends mehr Widerstand, konnten sich der unermeßlichen Schätze der Stadt mit Behagen bemächtigen und brachten ihre Beute, aus Gold, Silber, Edelgesteinen, mannigfaltigem Hausrat, gefangenen Weibern, Mädchen und Kindern bestehend, an den Strand zu ihren Schiffen. Mitten unter dieser Schar führte Menelaos seine Gemahlin Helena nicht ohne Scham, und doch im Herzen zufrieden über ihren wiedererlangten Besitz, aus dem brennenden Troia hinweg. Ihm zur Seite ging Agamemnon, sein Bruder, mit der hohen Kassandra, die er den wilden Armen des Aias entrissen hatte; Hektors Gattin, Andromache, wurde vom Sohne des Achilles, Neoptolemos, fortgeführt; Hekabe, die Königin, die mühselig wandelte und unter lautem Jammer ihr graues, mit Asche bestreutes Haar ausraufte, schleppte Odysseus in die Gefangenschaft. Unzählige Frauen der Troianer folgten, junge und alte, hinter ihnen Mädchen und Kinder, und vermischt gingen die Mägde mit den Fürstentöchtern: den ganzen Weg entlang hallte Jammer und Schluchzen. Nur Helena stimmte nicht mit ein in die Klage, denn tiefes Schamgefühl hielt sie ab; sie heftete die dunkeln Augen auf den Boden, und ihre Wangen färbte ein fliegendes Rot. Im Innersten ihres Busens aber bebte ihr das Herz, und eine entsetzliche Furcht ergriff sie, wenn sie an das Schicksal dachte, das ihrer bei den Schiffen wartete; Todesblässe überzog ihre eben noch purpurroten Wangen, schnell zog sie den dichten Schleier über das Haupt und wandelte zitternd an der Hand des Gatten.
Aber als sie bei den Schiffen angelangt waren, staunten alle Danaer über die liebliche Schönheit der untadelhaften Gestalt, und sagten bei sich selbst, daß es wohl der Mühe wert gewesen sei, dem Völkerhirten Menelaos um eines solchen Kampfpreises willen vor Troia zu folgen und dort zehnjährige Mühseligkeiten und Gefahren auszuhalten. Und keinem kam in den Sinn, Hand an das schöne Weib zu legen; sie ließen ihrem Führer den friedlichen Besitz der Gattin, und das Herz des Fürsten Menelaos selbst hatte Aphrodite längst zur Verzeihung gestimmt.
Bei den Schiffen herrschte jauchzende Lust: alle Helden saßen beim fröhlichen Mahle umher, in der Mitte saß ein des Zitherspiels kundiger Sänger und rief dem Heere die Taten seines größten Helden, des Achilles, in das Gedächtnis zurück. So dauerte die Fröhlichkeit bis in die Nacht, dann brachen sie auf, ein jeglicher in sein Zelt.
Als nun Helena mit ihrem Gemahl Menelaos allein in seinem Feldherrnzelte war, warf sie sich ihm zu Füßen, umfaßte seine Knie und sprach: "Ich weiß wohl, daß du ein Recht hättest, deine treulose Gattin mit dem Tode zu bestrafen! Aber bedenke, edler Gemahl, daß ich deinen Palast zu Sparta nicht freiwillig verlassen habe; gewaltsam entführte mich der trügerische Paris, als du eben abwesend vom Hause wärest und mir deinen männlichen Schutz nicht angedeihen lassen konntest. Und als ich selbst Hand an mich zu legen gedachte und den Strick um meinen Hals zu winden oder mir das Schwert in den Busen zu stoßen, da hielten mich die Dienerinnen des Hauses zurück, und beschworen mich, deiner selbst und unseres blühenden kleinen Töchterleins eingedenk zu sein! Tue nun nach deinem Willen mit mir; ich liege als Reumütige und Schutzflehende zugleich zu deinen Füßen!"
Menelaos hob sie liebreich vom Boden auf und antwortete mit verständiger Mäßigung: "Denke nicht länger an das Vergangene, Helena, und ängstige dich nicht mit überflüssiger Furcht; was geschehen ist, sei in die Nacht der Vergangenheit versenkt, und keines früheren Fehlers hinfort von mir gedacht. " Damit schloß er sie in seine Arme und drückte ihren Lippen den Kuß der Versöhnung auf. Aus beider Wimpern rollte die Träne süßer und wehmütiger Rührung.
Neoptolemos, der Sohn des Achilles, lag um diese Stunde schon in tiefem Schlafe. Da trat zu ihm im Traume an sein Zeltlager der Geist seines hohen Vaters, ganz wie er einst im Leben war, der Schrecken der Troianer und die Freude der Griechen, küßte dem Sohne Brust, Mund und Augen, und sprach: "Gräme dich nicht im Gemüte, lieber Sohn, daß ich gestorben bin, denn ich lebe jetzt in der Gemeinschaft mit den seligen Göttern, sondern nimm dir fröhlich deinen Vater zum Beispiel im Kampfe wie im Rat: im Kampfe sei immer der erste, in der Ratsversammlung aber schäme dich nicht, den weisen Worten älterer Männer dich nachgiebig zu zeigen. Im übrigen strebe dem Ruhme nach, wie dein Vater getan, freue dich des Glückes und betrübe dich nicht zu sehr im Unglück; an meinem frühen Fall aber erkenne, wie nahe die Pforten des Todes dem Sterblichen sind, denn das ganze Menschengeschlecht gleicht den Frühlingsblumen; die einen wachsen, die anderen vergehen. Nun aber sage dem Völkerfürsten Agamemnon, sie sollen das Beste und Edelste von der ganzen Beute mir opfern, damit mein Herz sich auch am Untergange Troias laben könne und zu meiner Zufriedenheit im Olymp nichts fehle!"
Nachdem er seinem Sohne diesen Befehl erteilt hatte, verschwand der selige Geist aus dem Traume des Neoptolemos wie ein flüchtiger Hauch des Windes. Dieser erwachte und seinem freudig bewegten Gemüte war, als hätte er mit dem lebendigen Vater fröhlichen Umgang gepflogen. Am anderen Morgen sprangen die Danaer ungeduldig von ihrem Lager auf, denn die Sehnsucht nach der Heimkehr bemächtigte sich ihres Sinnes, und gern hätten sie augenblicks die Schiffe ins Meer gezogen, wenn der Sohn des Peliden nicht unter das versammelte Volk getreten wäre und ihren Eifer durch seine Anrede gehemmt hätte.
"Höre, Volk der Danaer", rief er mit seiner jugendlichen Kraftstimme, "was in dieser Nacht der Geist meines unsterblichen Vaters, der mich im Traume besucht hat, mir aufgetragen, euch zu verkündigen: Ihr solltet das Edelste und Beste der troianischen Beute ihm opfern, damit sich sein Herz am Untergange der verhaßten Stadt auch sättigen könne, und er des Siegespreises nicht verlustig gehe. Eher sollt ihr diesen Strand nicht verlassen, bis ihr die heilige Pflicht gegen den Toten erfüllt habt, dem ihr doch eigentlich die Eroberung Troias verdanket. Denn ohne daß Hektor besiegt worden, wäret ihr nimmermehr so weit gekommen!"
Ehrerbietig beschlossen die Danaer, den Willen ihres verstorbenen Helden zu befolgen, und Poseidon, aus Liebe zu dem Peliden, regte die Flut zu mächtigem Sturme auf, so daß das Meer in turmhohen Wellen aufbrauste und die Griechen, auch wenn sie es gewollt hätten, nicht imstande gewesen wären, den Strand zu verlassen. Als die Völker aber die empörte See erblickten und stürmen hörten, da flüsterten sie sich gegenseitig zu: "Ja, wahrhaftig stammte Achilles vom höchsten Zeus ab, denn sehet ihr, wie sich die Elemente mit seinen Befehlen verbünden!" Und so zeigten sie sich nur noch williger, dem Gebote des Hingeschiedenen zu gehorchen, und strömten zu Haufen dem Grabmale des Helden, das den Meeresstrand hoch überragte, zu.
Nun entstand aber die Frage: was soll geopfert werden, und was ist das Beste und Edelste der ganzen Beute Troias? Jeder Grieche brachte unweigerlich seine Beute an Schätzen und Gefangenen herbei. Als man aber alles musterte, da erbleichte Gold, Silber, Edelstein samt allen Schätzen vor der himmlischen Schönheit der Jungfrau Polyxena, der gefangenen Tochter des Königs Priamos, und nur ein Ruf ging durch das ganze Heer der Griechen, daß sie das Beste und Edelste von der ganzen troianischen Beute sei. Die Jungfrau, als aller Blicke sich auf sie richteten, erbleichte nicht, obgleich ihr der laute Jammerschrei ihrer Mutter Hekabe, der sich jetzt aus dem Haufen der Gefangenen erhob, durch das Tochterherz schnitt. Polyxena hatte den herrlichen Helden Achilles manches Mal von den Mauern herab im Kampfe erblickt, und obgleich er ein Feind ihres Volkes war, so hatte seine göttliche Gestalt und seine herrliche Heldenkraft ihr doch das Innerste bewegt. Ja, auch Achilles, so ging die Sage, habe, als er einst im Kampfe bis dicht vor die Tore der belagerten Stadt gedrungen, die holdselige Jungfrau auf den Zinnen der Mauer erblickt, und ihm sei das Herz in Neigung zu ihr entbrannt, daß er ausrief: "Priamos' Tochter, würdest du mir zuteil, wer weiß, ob ich deinem Vater nicht den Frieden mit den Danaern zuwege zu bringen mich anheischig machen wollte!" Zwar reute den Helden das Wort, so wie es der Zunge entflohen war, denn ihm fiel ein, was er Griechenland schuldig sei. Aber Polyxena, so erzählt das Gerücht, habe die Worte sich tief ins Herz gefaßt und seitdem in geheimer Liebe für den Feind ihres Volkes gebrannt.
Sei dem, wie ihm sei: die Jungfrau erblaßte nicht, als aller Blicke, auf sie gerichtet, nur sie als das Opfer bezeichneten, das als der edelste Teil der troianischen Beute dem größten Helden dargebracht zu werden allein würdig wäre. Der Altar vor dem Denkmal des Peliden stand aufgerichtet, und es fehlte nicht an Opfergeräten aller Art. Da sprang die Königstochter aus der Schar der gefangenen Frauen hervor, ergriff einen scharfgeschliffenen Stahl, der unter den anderen Gerätschaften bereit lag, und, wie ein Opfer vor dem Altar stehend, stieß sie sich den Dolch, ohne ein Wort zu sprechen, ins Herz und sank, ohne einen Seufzer auszustoßen, zu Boden.
Ein Schrei der Wehklage ließ sich aus dem ganzen Argiverheere vernehmen. Hekabe, die greise Königin, warf sich laut weinend auf die Leiche der Tochter, und von neuem hallte das laute Schluchzen unter der Schar der gefangenen Troianerinnen.
In dem Augenblick, wo Polyxena zusammensank und der purpurne Blutstrahl ihr aus der durchbohrten Brust drang, wurde das Meer ruhig und seine Wellen ebneten sich in spiegelglatte Fläche. Neoptolemos eilte voll Mitleid herbei, half die geopferte Jungfrau vom Altar wegbringen und sorgte dafür, daß sie mit königlichen Ehren bestattet wurde. In der Versammlung der Argiver aber erhob sich Nestor und sprach herzerfreuende Worte: "Endlich", rief der Greis, "ihr lieben Landsleute, ist die erlaubte Stunde der Heimkehr genaht; der Beherrscher des Meeres hat die Wogen gebändigt, nirgendher erhebt sich die Flut; Achilles ist zufriedengestellt, er nimmt das Opfer Polyxenas an. Auf denn, lasset uns ernstlich an den Aufbruch denken und zieht die Schiffe ins Meer!"
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Abfahrt von Troia - Aias des Lokrers Tod
Es geschah unter Jubelruf, wie Nestor geraten hatte; die Schiffe wurden fertig gemacht, sämtliche Güter an Bord gebracht, die Gefangenen zuerst, weinend und wehklagend, eingeschifft, alsdann folgten die Danaer selbst. Nur der Seher Kalchas schloß sich ihnen nicht an, ermahnte sie vielmehr, die Fahrt noch nicht zu beginnen, denn sein wahrsagender Geist ließ ihn ein großes Unglück ahnen, das die Griechen an den kapharischen Felsen bedrohte, welche ein Vorgebirge der Insel Euboia umgaben, an dem die Flotte auf ihrer Heimkehr nach Griechenland vorübersegeln mußte. Aber ihm folgte keiner; das Verlangen nach der süßen Heimat hatte alle Herzen betört; endlich zog Amphilochos, der Sohn des berühmten Sehers Amphiaraos, den der Boden vor Theben verschlungen hatte, den Fuß, den er schon ins Schiff gesetzt hatte, zurück. In seinem Geiste dämmerte die Sehergabe seines Vaters auf, und er wurde sich gleicher Ahnung bewußt wie Kalchas. So blieb er bei diesem zurück. Ihnen beiden ward vom Schicksal bestimmt, das griechische Heimatland nicht wieder zu erblicken, sondern sie sollten in den kilikischen und pamphylischen Städten Kleinasiens sich ihre Wohnsitze gründen.
Alle anderen Achiver lösten indessen die Taue, mit welchen die Schiffe ans Land gebunden waren, und hoben eilig die Anker empor. Bald umspülte das freie Meer die Dahinsegelnden. Auf den Vorderteilen der Schiffe lagen überall Waffen erschlagener Feinde; unzählige Siegeszeichen hingen von den Masten herab; die Schiffe selbst waren bekränzt; Kränze hatten sich die Sieger um Schilde, Lanzen und Helme geflochten; so standen sie auf den Vorderverdecken und gössen Trankopfer goldenen Weines ins Meer, indem sie voll Inbrunst zu den Göttern um eine Zurückkunft flehten, mit der ihnen kein Unheil verbunden wäre. Aber ihr Gebet war nichtig; Luft und Winde trugen es fort von den Schiffen und zerstreuten es in die Lüfte, bevor es sich in den Olymp emporschwingen konnte.
Wie die Helden nun voll Hoffnung und Sehnsucht vorwärts blickten, so schauten die gefangenen troianischen Frauen und Jungfrauen mit bekümmertem Herzen rückwärts nach dem rauchenden Troia, und verstohlenerweise seufzten und weinten sie den verhaltenen Schmerz aus. Die Mädchen hielten die Hände in den Schoß gefaltet, die jungen Frauen hielten Kinder in den Armen. Diese aber dachten nur an die Mutterbrust und fühlten ihr Unglück noch nicht. In der Mitte anderer Gefangenen stand Kassandra, und ihr edler Wuchs ragte hoch über die anderen hervor, aber ihr Auge war tränenlos, und sie spottete der Klage, die rings um sie her ertönte, denn jetzt war geschehen, was sie geweissagt hatte und worüber sie von den Jammernden verlacht worden war. Nun höhnte wohl ihr Mund die Mitgefangenen, aber ihr Herz blutete heimlich über dem Unglück der zerstörten Vaterstadt.
Unter den Trümmern Troias irrten wenig übrig gebliebene Einwohner, schwache Greise oder verwundete Männer, Antenor an ihrer Spitze, einher. Dieser führte sie zu dem schmerzlichen Werke der Leichenbestattung an, das nur langsam vor sich ging, denn der Toten waren so viele und der Lebenden nur wenige. Diese wenigen bauten an einem unermeßlichen Holzstoße, und als er fertig war, legten sie alle Leichen der Ihrigen miteinander darauf und zündeten den Scheiterhaufen unter Tränen und Wehklagen an. Die Danaer hatten indessen bald das Grabmal des Achilles und die troianische Küste im Rücken. Obwohl sie aber immer fröhlicheren Mutes wurden, mischte sich doch auch die Wehmut in ihre Freude, wenn sie an die vielen gefallenen Freunde dachten. Eine Küste und eine Insel um die andere flog an ihren Blicken vorüber: Tenedos, Chryse, das Orakel des Phoibos, die heilige Killa, Lesbos die Insel, das Vorgebirge Lekton, endlich der äußerste Vorsprung des Vorgebirges. Die Winde sausten in die Segel, die Flut rauschte, schwarz rollten die Wellen daher, und weiß dehnte sich über das Meer hin ihr schäumender Pfad, wenn sie an den Schiffen sich gebrochen hatten.
Die Sieger hätten auch wirklich die Küste Griechenlands glücklich erreicht, wenn nicht Pallas Athene über die Untat des Lokrers Aias ihnen gegrollt hätte. Als sie nun an die stürmische Küste von Euboia gelangt waren, sann die Göttin darauf, dem Sohne des Oileus ein trauriges, unbarmherziges Los zu bereiten. Sie hatte dem Göttervater im Olymp den Frevel geklagt, den er in ihrem eigenen Tempel an ihrer Priesterin Kassandra begangen hatte, und begehrte Rache an dem Verbrecher zu nehmen. Und Zeus, der Verwalter der Gerechtigkeit auf Erden, setzte sich ihren Wünschen nicht entgegen, er legte vielmehr neben die Jungfrau die frischesten Donnerkeile der Kyklopen, die eben aus der Esse gekommen waren, und erlaubte seiner Tochter, den Griechen einen verderblichen Sturm zu erregen. Alsbald waffnete sich Athene, legte den schimmernden Aigispanzer an, in dessen Mitte das Gorgonenhaupt mit den feurigen Schlangenhaaren starrte, und faßte eines der Geschosse des Vaters, die zu ihren Füßen lagen, wie es außer dem großen Zeus sonst kein Gott aufzuheben vermag. Dann ließ sie den Olymp von Donnerschlägen erbeben, goß Wolken rings um die Berge und hüllte Meer und Land in Finsternis. Hierauf schickte sie ihre Botin Iris zu Aiolos (Aeolus), dem Gott der Winde, hinab, da, wo in den Abgründen der Erde die Höhle der Winde sich befindet, an welche die Wohnung des Aiolos stößt. Die Botschafterin Athenes traf den Fürsten der Stürme bei seiner Gemahlin und seinen zwölf Kindern daheim; er vernahm den Befehl und gehorchte auf der Stelle. Mit rüstigen Händen stieß er den großen Dreizack in den Berg ein, wo die Behausung der tosenden Winde ist, und riß den Hügel mit Gewalt auf. Die Stürme stürzten, wie Jagdhunde, sogleich aus der Öffnung hervor; er aber befahl ihnen, sich sofort zu einem einzigen, finsteren Orkane zu vereinen und nach der Brandung der kapharischen Felsen zu fliegen, welche die Küste von Euboia umlagern. Noch ehe sie vollständig das Wort ihres Königs vernommen, machten sich die Winde auf den Weg, die Meerflut stöhnte unter ihnen; wie Berge wälzten sich die Wogen einher, und den Argivern brach der Mut im Herzen zusammen, als sie den Meerschwall turmhoch gegen sich anrücken sahen. Bald war nicht mehr an das Rudern zu denken; die Segel hatte der Sturm zerrissen, daß Fetzen herunterhingen; zuletzt erlahmte auch die Kraft der Steuermänner; die finstere Nacht brach herein, und mit ihr verschwand jede Hoffnung der Rettung. Auch Poseidon half seiner Bruderstochter Pallas, und diese raste ohne Erbarmen vom Olymp mit Blitzen daher, die vom krachendsten Donner begleitet waren. Wehklagen und Stöhnen scholl von den Schiffen; hier und dort barst das Gebälk eines Fahrzeuges, wenn es vom Sturme gewaltsam an ein stärkeres geschleudert worden war, und diejenigen, die dem Stoße herstürzender Schiffe durch Rudern zu entgehen versuchten, wurden vom Winde in die Tiefe gerissen. Endlich schleuderte Athene den schärfsten Donnerkeil, den sie zu diesem Gebrauche besonders aufgespart hatte, in das Schiff des Aias, daß es auf der Stelle hierhin und dorthin in Splitter sprang. Erde und Luft hallten von dem Knall, und die Wogen umkreisten das berstende Schiff. Scharenweise stürzten aus diesem die Menschen in die Flut und wurden von den Wellen verschluckt. Aias selbst jedoch schwamm bald auf einem der Balken des Schiffes, die auf den Wellen hier und dort zerstreut daher fuhren; bald zerteilte sein nerviger Arm die Woge, die sich vor dem kräftigen Schwimmer spaltete, jetzt trug ihn eine mächtige Welle wie zum Gipfel eines himmelhoch ragenden Berges, jetzt schleuderte sie ihn wieder hinab in den tiefsten Abgrund. Von allen Seiten fuhr der Blitz neben ihm einschlagend und zischend in die Fluten, aber noch war es Athenes Wille nicht, daß der Tod sich über ihn erbarme. Auch war sein Mut noch nicht erschöpft; er ergriff ein aus den Wellen hervorragendes Felsstück und vermaß sich, wenn auch alle olympischen Götter herangezogen kämen und die Fluten gegen ihn aufreizten, so sollte ihm doch die Rettung nicht mißlingen.
Diese Prahlerei hörte der Erderschütterer Poseidon, dessen Gottheit dem Ringenden am nächsten war, mit Unwillen. Im heftigsten Zorne erschütterte er Meer und Erde zugleich; die Felsabhänge des Vorgebirges Kaphareus erbebten, und die Gestade donnerten ringsumher unter der Peitsche des Herrschers. Da wurde zuletzt der mächtige Felsblock, an welchen sich Aias mit den Händen angeklammert hielt, vom Grunde losgerüttelt und mit ihm der Lokrer wieder ins Meer hinausgestoßen, daß der anspülende Schaum ihm Haupt- und Barthaar weiß färbte. Auf den Versinkenden stürzte Poseidon noch einen losgerissenen Erdhügel des Vorgebirges, daß der Scheitel desselben den Lokrerfürsten, wie einst der Aitna den Enkelados, deckte. So unterlag er, von der Erde und vom Meere zugleich bezwungen.
Die Schiffe der Danaer irrten indessen schwankend und leck auf der stürmenden See umher; viele waren geborsten, viele von den Wogen verschlungen! Die Meerflut tobte fort und der Regen strömte herab, als drohte dem nahen Lande eine zweite deukalionische Flut. Jetzt wurde auch noch die Steinigung des Palamedes an den unglücklichen Griechen gerächt. Auf Euboia herrschte nämlich noch immer der Vater dieses Helden, Nauplios. Als dieser an seiner Küste die griechische Flotte erblickte, die mit dem fürchterlichen Sturme rang, gedachte er der hinterlistigen Ermordung seines geliebten Sohnes, um welchen er nun so viele Jahre trauerte. Die Rachelust war in seinem Herzen nie eingeschlummert, und jetzt endlich hoffte er, sie büßen zu können. Er eilte an den Strand, ließ längs des kapharischen Vorgebirges, den gefährlichsten Klippen gegenüber, brennende Fackeln aufstecken und machte dadurch in den Griechen den Glauben rege, daß es Rettungszeichen seien, welche mitleidige Uferbewohner für sie aufgepflanzt hätten. In dieser Hoffnung steuerten die Danaer mit Begierde auf die Klippen zu, und viele ihrer Schiffe fanden hier den Untergang.
Zugleich ergoß sich das Meer vor Troia, auf des grollenden Poseidon Befehl, über sein Gestade und zerstörte alle Bollwerke und Mauern, welche die Griechen bei ihren Schiffen und vor der belagerten Stadt aufgeführt hatten. Und so war bald von der ungeheueren Unternehmung nichts mehr übrig als der Schutthaufen Troias und einige Schiffe voll zurückkehrender Helden und gefangener Troianerinnen, die, vom Sturme da und dorthin zerstreut, mit Mühe und nach langen und mannigfaltigen Drangsalen die Küsten Griechenlands wieder erreichten, wo nur weniger Sieger ungetrübte Glückseligkeit wartete.
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Literatur
»Hamburger Ausgabe« der Werke Ernst Cassirers, Band 12
Philosophie der symbolischen Formen.
Zweiter Teil: Das mythische Denken, hrsg. v. Birgit Recki, Text u. Anm. bearb. v. Claus Rosenkranz, Hamburg 2002.
Der Mythos als Denkform, Der Mythos als Anschauungsform - Aufbau und Gliederung der räumlich-zeitlichen Welt im mythischen Bewußtsein, Der Mythos als Lebensform - Entdeckung und Bestimmung der subjektiven Wirklichkeit im mythischen Bewußtsein, Die Dialektik des mythischen Bewußtseins.
»Hamburger Ausgabe« der Werke Ernst Cassirers, Band 16
Aufsätze und kleine Schriften [1922-1926], erscheint im Herbst 2003
Die Begriffsform im mythischen Denken [1922]; Goethe und Platon [1922]; Der Begriff der symbolischen Form im Aufbau der Geisteswissenschaften [1923]; Die Kantischen Elemente in Wilhelm von Humboldts Sprachphilosophie [1923]; Eidos und Eidolon. Das Problem des Schönen und der Kunst in Platons Dialogen [1924]; Zur »Philosophie der Mythologie« [1924]; Kant und Goethe [1924]; Sprache und Mythos. Ein Beitrag zum Problem der Götternamen [1925]; Die Philosophie der Griechen von den Anfängen bis Platon [1925]; Paul Natorp [1925]; Von Hermann Cohens geistigem Erbe [1926].
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