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Die Kathedrale von Chartres


Das Interesse an diesem Bauwerk , das man mit seinen Kunstwerken ohne zu Zögern als die vollständigtse, reinste und zugleich qualitätsvollste Verkörperung der mittelalterlichen Kultur Europas bezeichnen kann vereint Besucher der verschiedensten Herkunft und Bildung: vom unbedarften Laien bis zum abgeklärten Spezialisten, vom nüchternen reisefreudigen Touristen bis zum hypersensiblen Esoteriker; jeder empfängliche Mensch kann sich hier in einer Weise angesprochen fühlen, die bewirkt, dass er immer wieder gern nach Chartres, zumindest aber auf das Thema gern zurückkommt.
Nicht nur die überwältigende Fülle an erhaltenen Kunstwerken, sondern vor allem deren überragende Qualität, eingebettet in eine alles durchdringende Stimmung tiefer Spiritualität, entlockt vielen Menschen der Gegenwart wieder die Fähigkeit des Staunens und vermittelt ihnen Eindrücke, die lange in der Erinnerung bleiben und selbst dort noch begeistern, inspirieren und trösten können. Man kehrt bewegt und bezaubert zurück und möchte das Erlebte mitteilen. Rodin, der immer wieder nach Chartres kam, um sich in die Schönheiten der Kathedrale zu vertiefen, schrieb: »Noch niemals habe ich die Größe des menschlichen Geistes so deutlich gefühlt. Ich selber fühle mich von dem Ansturm der Bewunderung erhoben. So würde ein Volk wieder aufblühen, das sich bemühte, zu schauen und zu verstehen. Und ohne Unterlaß rufe ich meinem Volk zu: es gibt nichts, das schöner anzuschauen und nützlicher zu studieren wäre, als unsere gotischen Kathedralen und vor allen anderen gerade diese! Warum seid ihr erblindet, Ihr Erben von Sehern, die das Meisterwerk errichtet haben? ...Kann Chartres untergehen? Ich kann es nicht glauben. Es wartet auf andere Geschlechter, die würdig sind, es zu verstehen.«
Die 1194 begonnene Kathedrale von Chartres ist die erste hochgotische Kathedrale; ihre Grundgestalt wurde schnell zum Vorbild für alle folgenden derartigen Bauten. Was zwei Generationen zuvor mit dem Chor der Abteikirche von St.Denis zu erstem Ausdruck fand, erreichte in Chartres einen Höhepunkt, an dem die bis dahin entwickelten Bauglieder von der souveränen Kraft einer alles durchdringenden und dabei alles Unwesentliche abstreifenden Gestaltungsidee zu einem Ganzen zusammengeschlossen wurden, das man lange Zeit gerne mit dem Begriff »klassisch« bezeichnet hat. In Chartres liegt eine der Quellen, aus denen heraus die Gotik zum Rang eines europäischen Stils, ja zur Ausdrucksform des hohen und späten Mittelalters schlechthin aufstieg.


Das Königsportal


Ähnliches gilt für das gegen Mitte des 12. Jahrhunderts entstandene Königsportal (Portail Royal), das man in den Neubau der Kathedrale übernahm, und das neben dem Chor der Abteikirche von St.Denis und der Kathedrale von Sens zu den Schöpfungsbauten der frühen Gotik gehört (Abb.) Weit mehr als ein bloßer Bauteil, bildet die dreigliedrige Anlage mit ihren hunderten von hochrangigen Skulpturen (Abb.: Beispielhafte Skulpturengruppe des Königsportals) einen eigenen Kosmos und fordert daher auch, als ein Werk für sich betrachtet zu werden. Hier, an dieser Anlage, die zur Blütezeit der damals in Europa hochberühmten Kathedralschule entstand, wird die für Chartres so charakteristische Durchdringung von Kunst, Religion und Wissenschaft ganz besonders augenscheinlich. Darin mag ein Grund für die unerschöpfliche Faszination liegen, die von diesem Werk bis heute ausgeht.