Startseite
Aktuelles
Buchempfehlung
Neue Artikel
Kultukritisches
Philosophisches
Kunstgeschichtliches
Kalender
Editorial
Site-Map
Store
- Werbung -
- Werbung -
Ernst Cassirer eine Biografie
Endlich wird der Philosoph Ernst Cassirer entdeckt
Einleitung
zu Heideggers Verständnis von "Angst" und "Destruktion"
Es geht mir hier nicht um eine Apologie des heideggerschen Ansatzes, sondern
um den Versuch einer Klärung, welche
meines Erachtens von größerer Bedeutung ist als die Bemühung, Sympathien
zu erwecken: Zum einen unterscheidet Heidegger, wie sicherlich bekannt
ist, das Phänomen der „Angst“ von dem der „Furcht vor innerweltlich Seiendem“.
So, wie diese Befindlichkeit in dem Artikel angesprochen wird, scheint
sie mir aber doch eher als eine Furcht interpretiert zu werden – in dem
Sinne, dass das Dasein sich lediglich in einem misslichen Sichfürchten
in seinem Sein erfahren kann. In der Angst dagegen erfährt sich der Mensch
nicht als „ängstliches“ Wesen, sondern in seinen eigensten Möglichkeiten,
sie bringt das Dasein aus der verfallenen Abkehr als Aufgehen im 'Man'
in die „Unheimlichkeit“ (die unterschieden wird von der Vertrautheit der
Alltäglichkeit und nichts mit einem dunklen Grauen zu tun hat).
In der Angst ist das Dasein gerade frei „für die Freiheit des Sich-selbst-wählens
und -ergreifens“ (Vgl. Sein und Zeit § 40, 184-191),
was wiederum nicht zu destruktiven Handlungen aufmuntert, sondern
zu einem entschlossenen, das heißt eigentlichen In-der-Welt-sein. Hierzu
gehört auch (wider geläufiger Interpretationen) das fürsorgende Mitsein
mit Anderen (Vgl. Sein und Zeit, S. 298). In der Angst, wenn man so will,
bezeugt das Dasein also eher den Mut, sich verantwortungsvoll für, nicht
gegen das eigene Sein zu entscheiden – ein Sachverhalt, dessen mögliche
Verkennung Heidegger durch die Wahl seiner eigentümlichen Terminologie
vermutlich selber Vorschub geleistet hat. Des Weiteren weist Heidegger
selber ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei der Destruktion der Geschichte
der Ontologie nicht um eine „Abschüttelung“ der Tradition handelt, sondern
um die Absteckung ihrer positiven Möglichkeiten (Vgl. Sein und Zeit, S.
22). Auch die „Überwindung der Metaphysik“ bedeutet einen „Schritt zurück“
in ihr eigenstes Wesen. Die Metaphysik versteht Heidegger nicht pejorativ
als Irrweg, nicht als ein Versäumnis früherer Denker, sondern als Seinsentzug,
als die Weise, wie sich das Sein selbst – eben als Entzug – zuschickt.
Ernst Cassirer eine Biografie von Thomas
Meyer
Von Oliver Müller
In Davos trafen im Frühjahr 1929 zwei denkbar gegensätzliche Charaktere
aufeinander, bei einer Disputation, die legendär werden sollte. Zwei Philosophen:
Martin Heidegger verkörperte die Virilität einer jungen und jugendbewegten
Generation, ließ sich gerne mit Skianzug auf den Hochschultagen sehen
und erteilte bereitwillig Skiunterricht. Ernst Cassirer trat dagegen als
der angesehene, großbürgerliche Ordinarius auf, dem zwar mit Respekt begegnet,
dessen ehrwürdige Erscheinung aber auch belächelt wurde. Am Ende der Hochschultage
machten sich zwei der jüngeren Teilnehmer über die Kontrahenten lustig,
indem der eine aus seiner Perücke Mehl rieseln ließ und immer wieder sagte:
»Ich bin versöhnlich gestimmt«, während ein anderer, der Heidegger darstellte,
dickköpfig repetierte: »Interpretari heißt eine Sache auf den Kopf stellen.«
Hinter der Verhohnepipelung stand die allgemeine Überzeugung, dass Heidegger,
seit dem Erscheinen von Sein und Zeit im Jahre 1927 der charismatische
Star der Philosophenszene, mit seiner Existenzialontologie den »Sieg«
über Cassirers »langweilige« humanistisch-aufklärerische Kulturanthropologie
davongetragen hatte. Und auch heute noch scheint Cassirer im Vergleich
mit Heidegger blass auszusehen – ganz zu Unrecht.
Nachdem ein strenger Heideggerianismus lange Zeit erfolgreich anthropologische
und humanistische Ansätze als zu seicht und zu wenig »ursprünglich« diskreditiert
hatte, besinnt man sich seit zehn, fünfzehn Jahren wieder auf das reiche
und vielschichtige Erbe Cassirers. Eine systematische Cassirer-Forschung
ist in Gang gekommen; die wichtigste wissenschaftliche Leistung ist die
Cassirer-Gesamtausgabe, die seit 1997 von der Ernst-Cassirer-Arbeitsstelle
in Hamburg unter der Leitung von Birgit Recki besorgt wird. Erst Jahrzehnte
nach der Davoser Disputation beginnt man, ein weitsichtiges philosophisches
Projekt zu würdigen und fortzusetzen. Der jüngste Beleg ist nun die höchst
verdienstvolle Biografie Ernst Cassirers aus der Feder des Philosophen
Thomas Meyer.
Cassirer war zur Zeit der Disputation eine wissenschaftliche Koryphäe; er
galt als gelassener Universalgelehrter – zeitlebens hing ihm der Titel »Olympier«
oder »Apoll« an –, der neugierig und wohlwollend die europäische Geistesgeschichte
durchdringen und vor den Augen seiner Leser lebendig machen konnte. Cassirer
war ein empathischer Denker, der es verstand, aus der Geschichte des Denkens
behutsam seine eigene Theorie zu entwickeln. Bevor dieser humanistische Geist
1933 aus Deutschland vertrieben wurde, führte Cassirer fast traumwandlerisch
ein Gelehrtenleben – von der kreativen Abgeschiedenheit und der produktiven
Freiheit eines Privatdozenten bis zu seinem öffentlichen Amt als Rektor in
Hamburg, als erster jüdischer Rektor einer deutschen Universität.
Zwei Ereignisse bestimmten die philosophische Entwicklung Cassirers, der im
Juli 1874 in Breslau geboren wurde. In Berlin hatte er 1894 als junger, suchender
Student sein philosophisches Erweckungserlebnis in einer Vorlesung von Georg
Simmel. Dieser sagte, die besten Werke zu Kant seien die von Hermann Cohen,
auch wenn er, Simmel, sie nicht verstehen könne. Cassirer besorgte sich sofort
die zwiespältig gelobten Werke und hatte endlich eine Aufgabe, die ihn herausforderte.
Er studierte die Schriften zwei Jahre, um dann wohlpräpariert zu Cohen nach
Marburg zu gehen. Cohen war der vielleicht wichtigste Vertreter des »Neukantianismus«,
einer philosophischen Schule, die den hegelianischen, lebensphilosophischen
und positivistischen Verführungen widerstehen und die Philosophie aufeine
wissenschaftliche Grundlage stellen wollte, indem sie Kants transzendentalen
Denkansatz zu erneuern und an die jüngsten naturwissenschaftlichen Debatten
anzuschließen suchte. Kant blieb seitdem der Ausgangspunkt von Cassirers Denken
– wobei Cassirers Originalität darin bestehen wird, Kants »Bedingungen der
Möglichkeit« unserer Erkenntnis um tiefere kulturelle Erfahrungsdimensionen
erweitert zu haben: Kants Kritik der Vernunft wird bei ihm zu einer Kritik
der Kultur.
Nach seiner Promotion zögerte er, eine akademische Karriere in Marburg einzuschlagen,
nicht zuletzt wegen des dort schon schwelenden Antisemitismus, und lebte die
nächsten Jahre zunächst frei von institutionellen Verpflichtungen und dann
als Privatdozent in Berlin. Es war schwierig, als Jude und Cohen-Schüler akademisch
Fuß zu fassen: Seine Habilitation verzögerte sich, und auf einen Ruf als Professor
musste er bis nach dem Ersten Weltkrieg warten, als eine kurze Liberalisierungswelle
über Deutschland schwappte. Eine Ausnahme bildete ein Angebot aus Harvard,
das Cassirer aber ausschlug, weil er nicht längere Zeit von seiner Familie
getrennt leben wollte. Im Jahr 1902 hatte er seine Cousine Toni (Bondy) geheiratet,
mit der er drei Kinder hatte.
Nach der Jahrhundertwende arbeitete er an den Vorhaben, die ihn bald zu
einer der großen philosophischen Persönlichkeiten seiner Zeit machten,
darunter sein vierbändiges Mammutprojekt über das Erkenntnisproblem. Cassirer
hatte das Talent, die philosophischen Probleme in ihrem historischen Zusammenhang
zu sehen und so den großen abendländischen Denkprojekten eine Linie zu
geben und für die Gegenwartsdiskussionen fruchtbar zu machen. Die verschiedenen
europäischen Versuche um die Selbstbestimmung und Selbstbefreiung des
modernen Menschen hat Cassirer als eine große Aufgabe gesehen und deutschtümelnde
Sonderwege stets abgelehnt.
Wollte man Cassirers Philosophie auf eine einfache Formel bringen, könnte
man sagen, dass er Kant um Goethe – seinen großen Leitstern – erweitern wollte.
Zur wirklichen, gehaltvollen Welterkenntnis gehört die Vielfältigkeit des
Konkreten und Sinnlichen, aus der sich die geistigen Gefüge entwickeln müssen.
Goethes »Phantasie für die Wirklichkeit des Realen«, seine Skepsis, natürliche
Phänomene durch Messung allein verstehen zu können, finden in Cassirers Denken
eine Entsprechung. Die geistige Durchdringung des Sinnlichen und die Sensibilität
für das Anschauliche im Allgemeinen, die Cassirers Denkstil charakterisieren,
hängen auch mit seiner Musikalität zusammen. Er konnte unzählige Arien summen
und singen und hatte ganze Libretti im Kopf, schreibt Toni Cassirer in ihren
Erinnerungen Mein Leben mit Ernst Cassirer – Dokument einer großen Liebe und
der genauen Beobachtung –; in Mozarts Figaro schien Cassirer sogar regelrecht
zu schwimmen.
Das hat nicht zuletzt Auswirkungen auf Cassirers klar und ausgewogen formulierte
Wissenschaftsprosa. Ihm ging es nie um schnelle Polemik, sondern um die
ernsthafte, skrupulöse und nie zu kurz greifende Durchdringung zur kritischen
Verständigung. In dieser neugierigen Haltung beschäftigte er sich auch
mit den akuten Probleme seiner Zeit. So hat er 1920 über die heftig diskutierte
Relativitätstheorie von Einstein geschrieben und versucht, sie von einem
philosophischen Standpunkt aus zu durchleuchten; auf diese Weise hat er
nicht unerheblich zum breiteren Verständnis dieser Theorie beigetragen.
1919 nahm er den Ruf der neu gegründeten Universität Hamburg an, und in der
Hansestadt hatte er schließlich seine zweite entscheidende philosophische
Begegnung: Er lernte Aby Warburg und seine kunstwissenschaftliche Bibliothek
kennen. Cassirer nannte diese Bibliothek »gefährlich«, weil er sie ganz meiden
oder sich für Jahre in ihr einschließen müsste. Denn er erkannte sofort, dass
sie genau das Material versammelte, das er für eine philosophische Untersuchung
brauchte, die er – so die Legende – seit einer Straßenbahnfahrt 1917 im Kopf
hatte. Aus der Untersuchung wurde schließlich sein Hauptwerk, die Philosophie
der symbolischen Formen, die man zu Recht als »Theorie« zu dieser Bibliothek
bezeichnet hat.
In seinem Opus magnum lässt Cassirer die klassische Transzendentalphilosophie
hinter sich und öffnet die Kategorien des Erkennens für den Mythos und die
Eigentümlichkeiten der Sprache, die für ihn niemals ein bloßes Vehikel des
Gedanken ist. Er zeigt, dass die Erkenntnis ausdrucksgebunden ist, und begründet,
wie der Sinn immer an das sinnliche Zeichen geknüpft sein muss – und umgekehrt,
wie das Zeichen, das Symbol, eine sinnhafte Prägung ist. So entwickelt Cassirer
eine große Bedeutungs- und Zeichentheorie, in der das Erkennen nicht mehr
rein abstrakten Mustern folgt, sondern von kulturellen Formen abhängig ist.
Es geht ihm um die verschiedenen Weisen, in denen der Mensch sich seine
Welt erzeugt und wahrnimmt. Daher hat er auch die mythische Weltsicht
als eine Form des Erkennens – der Funktion nach, nicht dem Gehalt – der
wissenschaftlichen Erkenntnis an die Seite gestellt. In einer der Vorarbeiten
zur Philosophie der symbolischen Formen gibt er folgende – klassisch gewordene
– Definition:
»Unter einer ›symbolischen Form‹ soll jene Energie des Geistes verstanden
werden, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches
Zeichen geknüpft und diesem Zeichen innerlich zugeeignet wird. In diesem
Sinne tritt uns die Sprache, tritt uns die mythisch-religiöse Welt und
die Kunst als je eine besondere symbolische Form entgegen. Denn in ihnen
allen prägt sich das Grundphänomen aus, dass unser Bewusstsein sich nicht
damit begnügt, den Eindruck des Äußeren zu empfangen, sondern dass es
jeden Eindruck mit einer freien Tätigkeit des Ausdrucks verknüpft und
durchdringt.«
Als Rektor der Hamburger Universität im Herbst 1929 wurde er zu einer
öffentlichen Figur und war einer der wenigen Intellektuellen, die die
Weimarer Republik und den Republikanismus verteidigten (Cassirer stand
politisch der linksliberalen DDP nahe). Auch in seinen Reden und Vorträgen
öffnet er die Perspektive auf eine europäische Denktradition, indem er
nicht zwischen westlicher »Zivilisation« und einer spezifisch deutschen
»Kultur« unterscheidet, sondern zeigt, dass das deutsche Denken europäisch
verwurzelt ist und die so häufig desavouierten »westlichen« Errungenschaften,
wie die Demokratie, damit auch originär deutsche sind.
Im Frühjahr dieses Jahres 1929, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, traf
er mit Heidegger in Davos zusammen, wo die beiden Philosophen in einer
»Arbeitsgemeinschaft« über Kants Kritik der reinen Vernunft diskutieren
sollten. Eine ausgewogene Einschätzung des Ereignisses ist nicht einfach,
die historischen Fakten bilden ein zu dürres Gerüst, um der soziologischen,
psychologischen und philosophischen Bedeutung des Treffens gerecht zu
werden.
Das nährt die Legendenbildung und fördert die einseitige Parteinahme.
Während die meisten Zeitgenossen sich 1929 deutlich zu Heidegger bekannten,
wird Cassirer in den letzten Jahren immer wieder engagiert rehabilitiert
– wobei Heidegger gern als gefährlicher Provinzler dargestellt wird, der
sich mit seiner Rücksichtslosigkeit und demonstrativen Radikalität schon
als künftiger Nazirektor der Freiburger Universität empfiehlt.* Schon Toni Cassirer findet in ihren Erinnerungen Heideggers »tödlichen
Ernst und seine völlige Humorlosigkeit das Bedenklichste«.* Aber auch weniger parteiische Kommentatoren haben ihre Schwierigkeiten:
Massimo Ferrari gesteht in seinem meisterhaften Cassirer-Buch, dass es
schwerfalle, die Disputation ohne die zukünftige Katastrophe zu beurteilen,
und Hans Blumenberg hat sich in geradezu vatermörderischer Distanzierung
von Heidegger und dessen politischer »Verführbarkeit« schließlich zu Cassirer
bekannt.
In seiner gerade erschienenen Cassirer-Biografie, in der viele Dokumente
und Briefe erstmals zurate gezogen werden, versucht Thomas Meyer die Davoser
Nebel zu lichten. Dazu gehört, dass er erstmals das Zusammentreffen von
Cassirer und Heidegger 1923 in Hamburg und Heideggers Besuch in der Warburg-Bibliothek
als Mosaikstein zu einer ausgewogenen Biografie beisteuert. Wie schon
in seinem Beitrag in der FAZ am 21. Februar 2006 verfolgt Meyer eine Deeskalationsstrategie.
Heidegger habe sich in Hamburg höflich verhalten und wurde noch einmal
eingeladen. Auch sei er in Davos nicht der braun gebrannte Rabauke gewesen,
für den er gerne gehalten wird; schließlich habe er ja in einem Brief
aus Davos an seine Frau Elfride geschrieben, dass Cassirer und seine Frau
»sehr nette und vornehme Leute« seien. Ebenso habe es auf philosophischer
Ebene, bei aller in der Sache harten Kritik, einige durchaus kollegiale
Kontakte gegeben, wie die gegenseitige Kenntnisnahme oder Rezension von
Sein und Zeit, Heideggers Kant-Buch, und dem zweiten Band der Philosophie
der symbolischen Formenbezeuge.
Es ist höchst wünschenswert, die Davoser Disputation nüchtern zu betrachten
– doch sollte man, auch hier Thomas Meyer folgend, ihre Tiefendimension
nicht unterschätzen. Die Disputation mag nach akademischen Gepflogenheiten
über die Bühne gegangen sein, doch handelt sie von einem Grundlagenstreit
in der Philosophie, der nicht zufällig und nicht zu Unrecht als »Richtungsstreit«
gedeutet wurde. Denn trotz einiger Gemeinsamkeiten lag zwischen Cassirer
und Heidegger eine tiefe philosophische Kluft. Heidegger will – um nur
ein Beispiel zu nennen – den Menschen der Angst aussetzen und fordert
sogar eine Art »Angstbereitschaft«. In der existenziellen Grenzerfahrung
könne der Mensch das Geheimnis des Seins aufspüren und den »eigentlichen«
Sinn seines Lebens entdecken.
Cassirer wiederum sieht die Aufgabe der Philosophie darin, den Menschen von
der Angst zu befreien. Die philosophische Selbstvergewisserung über die Möglichkeiten
des Erkennens und des Er-schaffens einer Welt sei die Chance für das Menschsein-Können.
»Ohne Symbolismus«, schreibt Cassirer an anderer Stelle, »wäre das Leben des
Menschen wie das der Gefangenen in der Höhle in Platons berühmtem Gleichnis.«
Auch Heideggers Ansatz, die Geschichte der Metaphysik als einen Irrweg aufzufassen,
sodass man nur in einer Zerstörungsleistung zu den Ursprüngen des Denkens
kommen könne, ist ernstes Anliegen – diese Destruktionsgeste gegenüber der
Geschichte der Philosophie ist im Grunde eine Ohrfeige für Cassirer und sein
philosophiehistorisches Durchdringungsbedürfnis.
Die Bedeutung der Davoser Disputation erschöpft sich nicht in einem anregenden
Treffen zweier konträrer, aber einander wohlgesinnter Kollegen. Diese Disputation
hat einen historischen und philoso-phischen »Mehrwert«, denn sie ist Ausdruck
einer geistesgeschichtlichen Konstellation und ein Symptom für eine, zugegebenermaßen
schwer messbare, philosophische Grundstimmung, die Cassirers Humanismus fatalerweise
für unzeitgemäß erachtete und sich lieber an Heideggers Existenzialpessimismus
berauschte. Wenn Heideggers Fundamentalontologie nach Davos lange Zeit die
philosophische Bühne bestimmen und Cassirers Philosophie nahezu in Ver-gessenheit
geraten wird, dann ist dies nicht bloß Stoff für eine philosophiegeschichtliche
Anekdote.
Um den starken Durchsetzungswillen Heideggers zu verstehen, darf man seinen
konzilianten Äußerungen nicht auf den Leim gehen. Heidegger schreibt in vielen
Briefen verächtlich über das akademische Establishment und den Neukantianismus
und konnte ziemlich vernichtend über Kollegen lästern; die langjährige »Kampfgemeinschaft«
mit Karl Jaspers gegen die alte Ordinarienuniversität wurde mit martialischen
Vokabeln beschworen. Und auch wenn es respektvoll zugegangen sein mag, gibt
es keinen Zweifel, dass Heidegger die Philosophie der symbolischen Formen
als gescheitert betrachtete und ihm überhaupt Anthropologie und Kulturphilosophie
ein Gräuel waren. Heidegger machte in der Disputation deutlich, dass er das
»bloße Vermitteln« für unproduktiv hielt und ein »Bequemmachen« in der Kulturphilosophie
für den falschen Weg; die Aufgabe der Philosophie bestehe vielmehr darin,
»aus dem faulen Aspekt eines Menschen, der bloß die Werke des Geistes benutzt,
gewissermaßen den Menschen zurückzuwerfen in die Härte seines Schicksals«.
Cassirer selbst, so berichtet Ferrari, habe später im amerikanischen Exil
gerade das Motiv der »Geworfenheit« kritisiert (»can no longer do its
duty«) und eine zumindest indirekte Verbindung von Heideggers Denken mit
der Naziideologie beobachtet. Es besteht sicherlich kein einfacher kausaler
Zusammenhang zwischen Davos und der Freiburger Rektoratsrede von 1933,
in der Heidegger seinen Studenten das Führerprinzip als Daseinsmodus des
deutschen Volkes verkaufte. Und doch ist es nicht bloß ein biografischer,
sondern philosophischer Kasus, wenn Cassirer im selben Jahr sein Rektorat
abrupt beenden musste, um seine Exilanten-Odyssee zu beginnen.
In "The Myth of the State", seinem letzten Werk, schreibt Cassirer über
die zerstörerische Kraft der politischen Mythen und ergänzt so seine Deutung
des mythischen Denkens. Als unverbesserlicher Aufklärer musste er mit
Bitterkeit gesehen haben, dass die Mythen doch noch zu einer ernsten Gefahr
für die Menschheit werden können. Das Ende der Katastrophe konnte Cassirer
nicht mehr erleben. Er starb im April 1945 in New York. – Und während
Heidegger auch nach dem Krieg die philosophische Szene bestimmte, kehrte
Cassirers Werk erst in den 1980er Jahren aus der Emigration zurück.
![]()
Literatur
Ernst Cassirer Gesammelte Werke Hamburger Ausgabe
Links
Warburghaus
Hamburg