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- THEORIE DES BILDAKTS -
Mit Augen und Händen denken
Horst Bredekamp revolutioniert unsere Vorstellungen
davon, wie Wissen produziert wird
Der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Professor der Kunstgeschichte Horst Bredekamp zeigt in großen, detailreichen, dabei fast niemals den Zusammenhang vergessenden, darum ungemein anregenden Abhandlungen über Galileo Galilei, Thomas Hobbes, Gottfried Wilhelm Leibniz und Charles Darwin, dass jeder dieser Wissenschaftler seine um-stürzenden Ideen nicht allein aus der Analyse und dem Spiel mit den Begriffen gewann, sondern mindestens ebenso sehr durch die Vergegenständ-lichung, die Sichtbarmachung in der Zeichnung. Nur wer nicht nur denkt, sondern Auge und Hand mitdenken lässt beim Versuch, sich klarzuwerden über das, was er in sich bewegt, kommt zu jener Klarheit und Präzision, ohne die es keine Wissenschaft gibt.
Galileo Galilei, Mondphasen, Tuschzeichnung 1610
Der Kunsthistoriker Bredekamp hat gelernt, dass der Künstler nicht denken kann, ohne Auge und Hand zu bewegen. Jetzt lehrt er uns, dass es dem Wissenschaftler nicht anders ergeht. Bredekamp zeigt uns das Zeichnen als eines der zentralen Medien unserer Weltaneignung. Leibniz betrachtet es als eine Methode, sich zum Beispiel die Mechanik eines Apparates schnell und unwiderlegiich klarzumachen. Dass Galilei, der das Zeichnen studiert hatte, sich klar wird über das, was er durchs Teleskop sieht, indem er es wiedergibt, darauf mag man auch ohne langes Studium kommen; dass aber Thomas Hobbes' sich aus zahllosen Einzelwesen zusammensetzendes Staatsungeheuer, der Leviathan, keine bloße Gedanken-konstruktion war, die Hobbes dann von dem Künstler Abraham Bosse vergegenständlichen ließ, sondern angeschaute Wirklichkeit, macht Bredekamp beeindruckend klar. Hobbes hatte über Optik gearbeitet, und die Erfahrung des Perspektivglases, das aus vielen nicht zusammengehörigen Bildern ein völlig anderes Ganzes macht, führte ihm vor Augen, dass Gesellschaft und Staat - obwohl zusammengesetzt - eigene Entitäten mit eigener Individualität sind.
Bredekamps Studien verfolgen die Entstehung der Gedanken bis in die feinsten Verästelungen. So wird in seinem Buch über Darwin (Wagenbach Verlag) klar, dass, wo Darwin in seinem Text noch vom Stammbaum schreibt, seine Zeichnungen, die keinen Baum, sondern Korallen zeigen, das Revolutionäre seiner Vorstellung von Evolution viel genauer herausarbeiten. Darwins Hand war klüger, war weiter als seine Sprache. Wer heute von Leibniz spricht, der spricht vom Calculus, vom binären Code, vom Computer. Bredekamps Leibniz-Buch, wie die über Galilei und Hobbes im Akademie-Verlag erschienen, zeigt, dass Leibniz zeitlebens das Interesse an der Mathematisierbarkeit der Naturvorgänge mit dem an ihrer Anschaulichkeit verband.
Horst Bredekamp macht klar, dass das Interesse dieser Wissenschaftler an der Sichtbarmachung der Mechanik der Welt nichts mit Didaktik zu tun hat. Es ging ihnen nicht darum, das begrifflich oder rechnerisch Erkannte auch noch schön darzustellen. Galilei, Hobbes, Leibniz und Darwin wussten, dass sie nicht denken konnten, ohne zu sehen, was sie dachten, und das konnten sie nicht, ohne es sich darzustellen. Leibniz' nie erfüllter Lebenstraum war ein "Theater der Natur und Kunst", eine Schau all dessen, was im Himmel, auf und unter der Erde ist.
Von Arno Widmann
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