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Barnett Newman


Barnett Newman, einer der bedeutendsten und einflußreichsten Maler der Zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, fand zu seinem unverwechselbaren "Stil" erst 1948, als an seinem 43. Geburtstag das Bild »Onement I« entstand. Von diesem Moment an dominieren große, homogene Farbflächen und senkrechte Streifen seine Gemälde. Häufig schmal und mit scharfen oder schartigen Rändern markieren sie entweder einen Riß in der Bildebene oder gleichsam die Verbindungsnaht zwischen zwei Feldern. Durchaus ambivalent in der Wirkung, wurde das von Newman als »Zip« bezeichnete Element zum Leitmotiv seines Schaffens und übernahm in den Werken unterschiedliche Funktionen. Es löst räumliche Illusionen auf, zerstört atmosphärische Anmutungen, evoziert Gefühle von Ganzheit, Simultanität und Erfülltheit mit anderen Worten: Der »Zip« soll die Erfahrung von Totalität vermitteln.

Bauhaus Eröffnung
Life Magazin 15. Jan. 1951

 

Newmans künstlerische Ethos, sein formaler Reduktionismus und dezidierter Purismus beeindruckten die New Yorker Kunstwelt weniger als dass sie sie irritierten. Unübersehbar waren von Anfang an die Unterschiede zu den anderen Protagonisten der New York School der 50er Jahre wie Jackson Pollock, Mark Rothko, Clyfford Still, Adolph Gottlieb u.a. Trotz der eklatanten Differenzen ging es ihnen allen jedoch, wie sie sagten, um die Vergegenwärtigung absoluter Gefühle. Verkörpern sollten sich in den Bildern die Tragik des Daseins und der Terror des Unbekannten. Transzendenz der Unmittelbarkeit war erklärtes Ziel. Für Rothko z.B. war das Bild eine Offenbarung, eine unerwartete und nie dagewesene Befriedigung eines seit Ewigkeit bekannten Verlangens. (1Kunst verstand Rothko als Abbild des Geistigen und als die einzige Möglichkeit, den Sinn der vielfältigen Varianten von Bewegung und Ruhe des Geistigen zu verdeutlichen. (2) Angestrebt wurde die Manifestation von Ideen. Es ist dieser Ideen-Komplex, der, so meinte Newman, »die Verbindung mit dem Mysterium herstellt dem Mysterium des Lebens, der Menschheit, der Natur, mit dem harten schwarzen Chaos des Todes oder dem sanfteren grauen der Tragödie. Denn es ist nur die reine Idee, die Bedeutung hat. Alles andere ist alles andere.« (3)

   In einer Zeit des »rasenden Stillstands«, des »Anything goes«, der »neuen Unübersichtlichkeit« mag das Pathos befremden, das sich in solchen Äußerungen manifestiert. Angesichts der Auflösung aller Gattungsgrenzen, der Flut manipulierter Bilder, der Simulationssucht und des Umsichgreifens virtueller Realitäten erscheint das Œuvre Newmans quer zu allem zu stehen, was heute Aufmerksamkeit erlangt. Die Machtvolle Suggestion seiner Arbeiten wirkt gleichsam wie von weit her, scheint entrückt. Vor allem Newmans Festhalten an der absoluten Autonomie von Kunst und sein Bemühen, sie ahistorisch zu fundieren und an ethische Prinzipien zu koppeln, provozieren zwangsläufig die Frage nach der Relevanz dieser Haltung und der Bedeutung seines Werkes in zukünftiger Vergangenheit. Immerhin, wie kaum ein anderes malerisches Œuvre hat es sich gegenüber jeglicher falschen Vereinnahmung als resistent erwiesen. In das "Pantheon der Bildungsgüter" ist es nicht eingegangen und seine Wirkung scheint kaum neutralisiert und der Wahrheitsgehalt unbeeinträchtigt. Die außerordentlich sinnlich-ästhetische Präsenz ist der eine, der mit ihnen verknüpfte Ausschließlichkeitsanspruch der andere Aspekt seines Schaffens. Gerade heute, unter dem Diktum der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und der Diffusion aller Maßstäbe und Konturen, ist es wichtig, sich die Position von Barnett Newman deutlich zu machen.

   Dazu eine Anmerkung. 1970, d.h. kurz vor seinem Tod, sagte Barnet Newman in einem Interview: »Ich denke, dass meine Malerei den Betrachter in gewisser Weise ausklammert. Gleichzeitig bin ich nicht glücklich über jene Autoren, die angesichts einiger meiner großformatigen Gemälde von Environment sprechen, das den Betrachter zum Teil des Werks macht. Mir gefällt eher die Vorstellung, dass jemand an der Bedeutung eines Gemäldes teilhat, denn letztlich habe ich das Gefühl, dass die meisten meiner Werke der bestehenden Umgebung feindlich gegenüberstehen«  (4 Der Betrachter soll demnach an einem Werk innerlich Anteil haben, das sich selbst von seinem Ambiente radikal absetzt und auch Front gegen die Gestalt des Betrachters macht. Geistig-psychische Partizipation und materiell-physische Verweigerung also, um diese Polarität geht es bei der Rezeption von Newmans Œuvre, wie er selbst es gegen Ende seines Lebens verstand. Lassen wir hier noch offen, wie es sich tatsächlich verhält.

  Heute jedenfalls stellt sich vieles anders dar, insofern das Problem der Semantisierung der abstrakten Kunst erneut erörtert und dabei manchmal auch negativ beantwortet wird. Die Verknüpfung intendierter Bedeutung mit einem individuellen Formen- und Farbenkanon ohne jede gegenständliche Referenz erschien zwar seit Kandinsky, Malewitsch und Mondrian immer brüchig, aber die Zweifel gelten nun weniger dem einzelnen Fall, sondern ganz generell Voraussetzungen und Grundlagen der Abstraktion. Unter solchen Prämissen stehen Geltungsanspruch bzw. Verbindlichkeit einer radikalen Kunst zur Debatte, die sich als autonome keinerlei Reminiszenzen ans Faktische erlaubt. Wenn im Namen der Appropriation Art Künstler wie Philip Taaffe Bilder Newmans wie etwa »Who´s Afraid of Red, Yellow and Blue II« aufgreifen, die »Zips« in geflochtene Bänder verwandeln und solche Arbeiten dann mit »We are not afraid« betiteln, dann manifestiert sich in solch wohlfeiler Ornamentalisierung nicht nur Ironie, sondern die hanebüchene Behauptung, dass der erhabene Anspruch der gesamten klassischen Moderne, als deren Erbe Barnett Newman gelten kann, obsolet geworden sei. Nun wird man zweifellos nicht die dünnblütigen Surrogate gegen die imponierenden Originale aufwerten wollen, aber solche Vorgänge der vermeintlichen Widerlegung durch paraphrasierende Aneignung erscheinen symptomatisch für eine Zeit, die mit den Emazipationshorizonten auch den Glauben an den Wert einer Kunst verloren zu haben scheint, deren utopischer Sinn zum Teil darin liegt, dem Betrachter ein ungewöhnlich hohes Maß an Autonomie zu gewähren und ihn durch das Werk nicht nur zu überwältigen, sondern ihn in der emotionalen Überwältigung die Möglichkeit zur Emanzipation zu geben, was letztlich heißt, ihn zu stärken.

   Newmans Überlegungen kreisen fortwährend um diese doppelte Autonomie, die des Werkes und die des Betrachters. Noch einmal also die Frage, ob Newmans Werke diesen hohen Anspruch einlösen. Nur theoretisch zu beantworten ist sie nicht, sondern, und darin ist dem Maler beizupflichten, vor allem in unmittelbarer Konfrontation mit dem Werk selbst. In breiterem Umfang gab es hierzulande bislang kaum Gelegenheit dazu. Eine Ausstellung wäre das adäquate Medium, den Problemen auf den Grund zu gehen. Nur ist ein derartiges Vorhaben äußerst kompliziert. Fragilität und Empfindlichkeit der Werke und vergleichweise viele bis heute unrestaurierbare Schäden machen es nahezu unmöglich, eine größere Anzahl von Bildern, Skulpturen und Graphiken an einem Ort zu vereinen. Außerdem ist die quantitative Begrenztheit des Œuvres dieses großen Malers zu berücksichtigen. Mit etwas über 100 Gemälden, ca. 80 Zeichnungen, zwei Graphikfolgen und einigen Einzelblättern sowie den wenigen Skulpturen fällt es zahlenmäßig in der Tat eher bescheiden aus. Wenn ich dennoch eine Ausstellung (Abb.) riskiert habe, zu einer Unzeit, wie sie sich mehr und mehr zeigt, und an einem Ort, der kaum für sich in Anspruch nehmen kann, aufgrund seiner architektonischen Gegebenheiten für ein solches Vorhaben besonders prädestiniert zu sein, dann lag der unmittelbare Anlaß, dieses Projekt zu verfolgen und zu realisieren, u.a. in der Erwerbung der postumen Skulptur »Zim Zum«. Das Werk, in meinen Augen Newmans skulpturales Vermächtnis, gelangte vor drei Jahren in die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Hinzu kam die Einsicht, dass die Konzentration auf eine überschaubare Anzahl von Werken ohnehin von Vorteil sein würde, zumal das Spektrum der Erfahrungsmöglichkeiten, die die Werke Newmans vermitteln, keiner bemerkenswerten Entwicklung unterworfen ist und auch das Feld der Variationen vom Maler überschaubar gehalten wurde.

  Die naheliegende Idee, alle sieben Skulpturen Newmans und sein Synagogen-Modell zusammenzuführen, wurde schließlich modifiziert. Zu den Skulpturen kam eine begrenzte Zahl von Gemälden, Zeichnungen und Graphiken. Solche Ausweitung zielte nicht auf eine Retrospektive, sondern auf ein fokussiertes Projekt, das die räumlichen Möglichkeiten des Museums berücksichtigte. Zwei Besonderheiten setzten dabei Grenzen. Alle Skulpturen, d.h. auch der annähernd acht Meter hohe »Broken Obelisk« und das voluminöse, ca.sechs Meter breite »Zim Zum II«, mußten im Innenraum gezeigt werden. Angesichts des Vandalismus, der bestimmte Bezirke der Innenstädte zu Tummelplätzen von Sprayern verkommen läßt, wäre es unverantwortlich gewesen, das Risiko einzugehen und die monumentalen Werke im Freien zu plazieren. Das zweite Problem lag darin, dass aufgrund der Transportmöglichkeiten im Museum großformatige Werke wie »Cathedra«, »Anna´s Light« und »Who´s Afraid of Red, Yellow and Blue IV« nicht im Obergeschoß unter noch besseren Lichtverhältnissen installiert werden konnten. Daraus resultierte die Notwendigkeit, drei der Skulpturen, das Architekturmodell und vier große Gemälde zusammen in einem Raum zu präsentieren. Wegen des Maßstabswechsels und der unterschiedlichen Wahrnehnungsmodalitäten von Bild und Plastik war mit dieser Bedingung nicht leicht umzugehen. Andererseits bot die hohe und lange Halle des Museums die einzigartige Gelegenheit, Skulpturen und Gemälde so zu präsentieren, dass der Raum selbst zur prägenden Bedingung ihrer Wahrnehmung wurde. Die Werke Newmans erschienen hier in einer neuen Konstellation mit überraschenden Gegenüberstellungen und in einem gleichmäßigen Licht, das die graphischen bzw. flächigen Momente der Skulpturen gegenüber ihrer plastischen Wirkung betonte. Vor allem jedoch wurde auf diese Weise deutlich, dass die sieben Skulpturen im Gesamtwerk Newmans eine wichtige Rolle spielen. Das Einzigartige und Kühne von »Broken Obelisk« ist wohl noch nie so überwältigend zum Ausdruck gekommen wie in der hellen Düsseldorfer Halle. In der Gegenüberstellung von »Broken Obelisk« und »Zim Zum II« zeigte sich überdies das Janusköpfige seiner Skulpturen. Einerseits verfolgte Newman offensichtlich ein traditionelles Konzept, andererseits eröffnete er mit der sockellosen Selbsterfahrungsstruktur der beiden Versionen von »Zim Zum« eine Zukunfts-trächtige Perspektive.

  Anläßlich seiner zweiten Ausstellung bei Betty Parsons im Frühjahr 1951 hatte Newman einen Notizzettel an die Galeriewand geheftet, auf dem zu lesen war, dass die großformatigen Bilder aus der nächsten Nähe zu betrachten seien. Solche Bedingungen sind kaum mehr einzuhalten. Zu Recht schreibt jeder Leihgeber einen größeren Abstand zwischen Werk und Ausstellungsbesucher bindend vor. Indessen zeigt sich, dass Newmans Werke, betrachtet man sie aus unterschiedlichen Distanzen, verblüffende Erfahrungsmöglichkeiten bieten, von denen die Nahsicht nur eine darstellt. Und schließlich erwies sich sogar der atmosphärische Wechsel von der Halle im Erdgeschoß zur Galerie im Obergeschoß als ausgesprochen günstig für die Wahrnehmung der Werke. Die vier anderen Skulpturen, kleinere Gemälde, Druckgraphiken und Zeichnungen konnten bei geringerer Wandhöhe und kleineren Räumen optimal gezeigt und gleichsam in ein dialogisches Verhältnis gebracht werden.

   Auch wenn keine Retrospektive beabsichtigt war, die Düsseldorfer Ausstellung unterscheidet sich grundlegend von allen bisherigen Versuchen, Newman vorzustellen. Das wird vor der Folie früherer Projekte ganz deutlich. Die große postume Retrospektive, die ab dem 21. Oktober 1971 im Museum of Modern Art in New York zu sehen war  (5) , wanderte zum Stedelijk Museum Amsterdam, zur Tate Gallery London und schließlich zum Grand Palais in Paris, wo die Tournee am 2. Dezember 1972 zu Ende ging. Es war das einzige Mal, dass Newman umfassend gezeigt wurde. Eine einmalige, unwiederholbare Manifestation, an der auch ablesbar wird, dass der Rezeption von Newmans Schaffen insofern Grenzen gesetzt sind, als sich die Auseinandersetzung auch in Zukunft eher auf einzelne Bilder oder kleinere Werk-gruppen beschränken dürfte, so wie sie in einigen öffentlichen Sammlungen vorhanden sind. Alle anderen Ausstellungen der Vergangenheit konzentrierten sich auf einzelne Gattungen wie Zeichnungen  (6 bzw. Druck-graphiken  (7) , waren auf eine überschaubare Zahl von Werken beschränkt  (8)  oder stellten eine bestimmte Werkphase in den Mittelpunkt. (9) 

  Dass wir hier nicht alle Fragen, die das hermetische erscheinende Werk von Newman aufwirft, beantworten können, liegt auch in der Kunst Newmans begründet. Spätestens seit 1948 wußte der Maler um die Schwierigkeit, zu schreiben und zu analysieren, was man sah. Die bildnerische Form ließ sich nicht oder doch nur sehr bedingt in Sprache überführen. Andererseits: Ohne Begriff bleibt die Anschauung inkommensurabel. Newman selbst hatte in einem Interview zu diesem Problem folgendes gesagt: »...der Grund, weshalb ich hier sprechen werde, liegt darin, dass ich um die Un-möglichkeit weiß, über mein Werk zu reden. Und weil es für mich wie für jeden anderen unmöglich ist, über mein Werk zu sprechen, meine ich es dennoch tun zu müssen« (10)  Die Selbstzeugnisse des Malers sind häufig erhellend und sollten, wo immer es sich anbietet, berücksichtigt werden. Sie sind freilich auf intentionale Aspekte zu befragen, da Newman mit seinen Statements und Interviews, Aufsätzen und Polemiken durchaus eigene Ziele verfolgte, zumindest eine spezifische Vorstellung von sich selbst favorisierte und zu bestimmen versuchte, wie man ihn sehen sollte. Newmans Schriften liefern zweifellos wichtige Voraussetzungen, manche Phänomene seines Schaffens, manche seiner Reak-tionen auf Zeitgenossen und manche seiner dezidierten Meinungen besser zu verstehen. Worauf es ankäme, was in diesem Rahmen allerdings unterlassen werden mußte, wäre die Kontextualisierung seines gesamten Schaffens einschließlich der verbalen Äußerungen. Newman hat wiederholt davon gesprochen, dass man nach Ende des zweiten Weltkrieges bei Null angefangen habe, quasi voraussetzungslos. Seine veröffentlichten Schriften verraten das Gegenteil, so dass eine Analyse seines Werkes möglicherweise zeigen könnte, wie seine Kunst immer wieder auf die Kunst anderer Bezug nimmt. Bei den vier Versionen von »Who´s Afraid of Red, Yello and Blue« wird man deshalb nicht nur auf Mondrian reflektieren und, hinsichtlich des Titels, auf Edward Albees 1966 verfilmtes Theaterstück mit Elisabeth Taylor und Richard Burton in den Hauptrollen verweisen, wie das z.B. Dan Flavin in seiner Arbeit von 1993/94 für das Baltimore Museum of Art tat (»Untitled — to Barnatt Newman for »Who´s Afraid of Virginia Woolf««). Man wird darüber hinaus u.a. an Ellsworth Kelly im allgemeinen und Jasper Johns´ »Field Painting« von 1963/64 im besonderen zu denken haben, und das um so mehr, als Johns selbst später Motive Newmans in seine Bilder einbaute. Vor allem jedoch ist das Verhältnis zu den Zeitgenossen zu spezifizieren, wobei man über die Relation Pollock — Newman auf die Resultate von Gabriel Ramin Schors Recherchen gespannt sein darf.
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I

  Barnett Newmans Bilder mit ausgedehnten, nur wenig differenzierten Farbfeldern von enormer Strahlkraft, senkrechten Teilungen, Aussparungen oder nicht minder intensiven Farbbahnen begannen erst in den späten 50er Jahren ein begrenztes Publikum von Kennern zu finden. Insbesondere in seiner Heimatstadt New York begegnete man seinem Œuvre lange Zeit mit Zurückhaltung und Skepsis. Und noch 1970 verblüffte Donald Judd mit seiner Einschätzung, die er bereits 1964 formuliert hatte: »Newman ist der beste Maler dieses Landes und einer der besten Künstler der Welt — und die Liste der besten ist kurz« (12)  Der karge optische Befund der Werke Newmans und ihre geradezu überwältigende Wirkung auf den Batrachter, der große Anspruch seiner Kunst und das etliche Jahre auf einen kleinen Kreis von Spezialisten beschränkte Renomee waren nicht ohne weiteres auf einen Nenner zu bringen. Es schien ganz einfach der Code zu fehlen, diese so prägnant strukturierten Werke verständlich zu machen. Die Kunstkritik blieb buchstäblich sprachlos oder verlagerte die Diskussion auf Prioritätsfragen oder konstruierte historische Zusammenhänge, die sich bald als unhaltbar erwiesen. Positiv eingestellte Interpreten flüchteten demgegenüber allzuoft in abstrakte Begrifflichkeit und religiöse Metaphorik, die sich mit der anschaulichen Seite der Malerei, ihren ganzheitlichen Impulsen und den starken emotionalen Aspekten nur partiell verbinden ließen.

   Newman selbst sah diese Diskrepanz zwischen seinen weitreichenden Intentionen und einer mißverständlichen und keineswegs enthusiastischen, manchmal sogar von versteckten Anfeindungen durchsetzten Rezeption. Er äußerte sich daher in Texten und Interviews ausführlich zu künstlerischen Fragen. Diese Statements, 1990 erstmals im Zusammenhang publiziert  (13) , gehören heute zu den wichtigsten Grundlagen einer profunden Ausein-andersetzung mit seinem Schaffen. Existentielles Pathos grundiert dabei ethische und ästehtische Auffassungen allgemeiner Art, während er demgegenüber einzelne Werke nur selten in seine Reflexion einbezog. Als Barnett Newman beispielsweise 1965 auf der 8. Biennale von São Paulo zusammen mit einigen jüngeren Künstlern die USA repräsentierte, formulierte er im Katalog, worauf es ihm in seiner Malerei ankam:

  »Die Freiheit des Raumes, das Gefühl für menschliches Maß, die Helligkeit des Ortes — das ist es, was mich bewegt, aber nicht die Größe des Werkes, die ich gerade überwinden will; nicht die Farben, denn ich will Farbe erschaffen; nicht ein bestimmter Bereich, da ich den Raum festlegen will; und nicht das Absolute, denn um jeden Preis will ich fühlen und wissen. Fetisch und Ornament sind blind und stumm und beeindrucken nur jene, die den Schrecken des eigenen Selbst nicht ertragen können. Das Selbst, schrecklich und konstant, ist für mich Gegenstand von Malerei Skulptur.« (14) 

  Ein erhabener Anspruch, der sich angesichts der Werke nicht ohne Weiteres einlösen wollte. Die Bilder beeindruckten zwar durch ihren kategorischen Purismus und die Plötzlichkeit ihrer geradezu schockartigen Wirkung, erschienen jedoch hermetisch und resistent gegen jede interpretierende Annäherung. Sie ließen und lassen sich nicht instrumentalisieren und für außer-ästhetische Zwecke nutzbar machen. Lange Zeit blieb die Kritik vor den Werken des amerikanischen Malers ratlos, zumal in Deutschland, wo man erst spät einzelne Gemälde zu sehen bekam: die ersten im Herbst 1958 in der Berliner Hochschule der Künste und im Sommer darauf im Rahmen der documenta 2 in Kassel, wo neben »Tundra« (1950) auch »Cathedra« (1951) zu sehen war. Noch einmal neun Jahre sollte es dauern, bis Newman 1968 auf der documenta 4 hierzulande erneut in Erscheinung trat, und zwar mit kapitalen Bildern aus den 60er Jahren wie »Voice of Fire«, »Who´s Afraid of Red, Yellow and Blue II« und »Profile of Light«. Sie wurden seinerzeit jedoch kaum wahrgenommen, da die Medienaufmerksamkeit in erster Linie der Pop Art galt. Diese außerordentliche Verspätung der Rezeption ist bis heute zu spüren.

  Einer der ersten erhellenden Texte, der in den 60er Jahren in der Übersetzung aus dem Amerikanischen auf Deutsch erschien, stammt bezeichnenderweise von einem Künstler. Allan Kaprow analysierte »Vir Heroicus Sublimis« von Newman und kam dabei auf auch auf das Verhältnis von Betrachter und Bild zu sprechen, das er als übergangslose Konfrontation von Minimum und Maximum empfand. »Die weite Spanne innerhalb schafft eine unerträgliche Spannung und muß schließlich zusammenbrechen. Der Fluß des extremen Chaos, der reinen Farbe, die uns überschwemmt, der Linien, die aufsplittern und in die vibrierende Flut verschwinden: Das ist der ›Schrecken‹, auf den sich Newman bezieht, wenn er von seinem Werk spricht, das ›horrend Abstrakte‹, das Robert Rosenblum wahrnahm. Schrecken und Passion gehen uns so bis ins Innerste, verwirren unsere Empfindung wie nur etwas von Pollock: Es ist die andere Seite derselben Münze, und sie treffen sich beide, in der Mitte. Pollock bricht rasend aus und verbrennt. Newman beginnt damit, eine Voraussetzung einer vollkommenen Vision in einer ruhigen, gelassenen Welt zu prüfen und endet mit einem Umsturz«  (15) 

  Ein Aspekt interessiert an diesem frühen Text besonders. Kaprow spricht von Schrecken und Passion eines Subjektes, das als erschüttertes der eigenen Beschränktheit und Endlichkeit innewird. Zugleich, so wird gesagt, geht das Ich angesichts der Bilder Newmans nicht in dieser Erschütterung unter, sondern behauptet sich gegen die emotionalen Überflutungen, die das Werk auslöst. Thematisiert werde in Malerei und Skulptur, so hatte Nemwan gesagt, »der Schrecken des eigenen Selbst«, wobei unterstellt wird, dass das Ich, damit es über das Gefängnis hinausschaue, das es selbst ist, nicht der Zerstreuung, sondern der äußersten Anspannung bedarf. (16)  Die Erfahrungskategorie, auf die damit angespielt wird, ist die des Erhabenen. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

  Kaprow hatte mit seinem Text ein Leitmotiv der Rezeption angeschlagen, das der Selbsterfahrung des Betrachters angesichts der Bilder. Max Imdahls erhellende und Maßstab setzende Interpretation des Bildes »Who´s Afraid of Red, Yellow and Blue III« setzt hier ein und verknüpft die Strukturanalyse mit subtilen Versuchen, die optischen Phänomene zu transzendieren. Die für die Rezeption im deutschsprachigen Umfeld grundlegende Studie erschien 1971, d.h. ein Jahr nach Barnett Newmans Tod. Imdahls Quintessenz lautet, dass die Konfrontation mit einer durch das Format nicht mehr eingeschränkten Totalität der Malerei den Betrachter zu sich selbst bringe. Er geht indessen über Kaprow hinaus, wenn er feststellt, dass die innere Struktur des Betrachters gegen das konventionelle Äußere freigesetzt und der Betrachter zu einer moralischen Person gemacht werde. Kunst solle Ethik und nicht Ästhetik sein. »Barnett Newmans Anspruch an die gegenstandslose Malerei ist außerordentlich«  (17) 

   Eine Überführung von Newmans Ästhetik in Ethik war der notwendige nächste Schritt. In deutschen Museen jedoch gab es damals keine Bilder Newmans zu sehen und größere Ausstellungen fanden nur außerhalb der Bundesrepublik statt, wie die postume Retrospektive des Museum of Modern Art, die 1971/72 in Amsterdamm, Londen und Paris zu sehen war. Zudem dominierte hier in Deutschland die Konsum und Medienwirklichkeit reflektierende Pop Art, die das vorherrschende Informel der 50er Jahre völlig beiseite drängte und so auch die Rezeption des abstrakten Expressionismus amerikanischer Prägung erschwerte. Damit war von vorneherein der Blick auf ein Œuvre verstellt, das selbst im Spektrum des abstrakten Expressionismus nicht leicht situiert werden konnte. Angesichts einer solchen Szenerie blieb die Resonanz auf das monumentale Schaffen dieses Außenseiters in der Bundesrepublik zunächst auf wenige Kenner und Enthusiasten begrenzt. Zu ihnen zählen, neben Max Imdahl, Berhard Kerber und Julian Heynen, dessen 1976 abgeschlossene und drei Jahre später veröffentlichte Untersuchung der Texte des Künstlers von besonderer Bedeutung ist.  (18) 
Ein breiteres Publikum erreichten diese Publikationen verständlicherweise nicht. Und in den 80er Jahren wurde die Wahrnehmung zusätzlich durch vandalistische Akte erschwert und vor allem in einer Weise geprägt, die eine fundierte Auseinadersetzung blockierten und so der Wiederholung bestimmter Klischees Vorschub leisteten.

   Im April 1982 attackierte ein Student das gerade von der Berliner Nationalgalerie mit engagierter Unterstützung von Künstlern und Privatleuten erworbene Riesenformat »Who´s Afraid of Red, Yellow and Blue IV« von 1969/70 und beschädigte es schwer.  (19)  In Interviews erklärte er seinen Haß auf das Bild damit, dass es ihm aufgrund der scheinbaren Kunstlosigkeit und des exorbitanten Preises, der seinerzeit in den Medien breit diskutiert und zum Teil auch heftig kritisiert wurde, als Inbegriff der verkehrten Welt, des Verlustes aller moralischen Maßstäbe und der Vergötzung des Geldes erschienen wäre. (20) 

   Vier Jahre später, im März 1986, zerschnitt ein Besucher des Stedelijk Museum Amsterdam das ebenfalls sehr große Bild »Who`s Afraid of Red, Yello and Blue III« von 1967/68 mehrfach auf ganzer Länge. Er gab den einer Bildvernichtung nahekommenden Anschlag als »Ode an Carel Willink« aus. Dieser holländische Exponent des magischen Realismus hatte seine anti-moderne Haltung 1950 in einem Buch veröffentlicht, das der Attentäter vor Gericht zitierte. (21) 

   Wiederum vier Jahre später geriet die National Gallery of Canada in Ottawa in die Schlagzeilen. Das Museum hatte den Ankauf von »Voice of Fire« von 1967 bekanntgegeben. in dem steilen Hochformat von 543 x 243 cm sahen die meisten Bürger des Landes nichts weiter als drei gleich breite Vertikalstreifen in der Farbfolge blau, rot, blau. An dem durch Reproduktionen vermittelten Eindruck, jeder Anstreicher könnte so etwas in kürzester Zeit zustandebringen, entzündete sich eine monatelange Kontroverse und führte zu verschiedenen sarkastisch gemeinten Nachahmungen bzw. ›Kopien‹. Ähnlich wie in Berlin, wo die von der Witwe des Künstlers geforderte Summe in Höhe von 1,2 Millionen US-Dollar in aller Munde war, löste auch in diesem Fall der Preis eine überaus hitzige Debatte in den Medien aus. Dem Steuern zahlenden Bürger, nicht vertraut mit der modernen Kunst und Newmans exponierter Position, d.h. ohne jede Differenzierungsmöglichkeit, erschien ganz einfach das Preis-Leistungs-Verhältnis als Farce. Wie war es möglich, so viel Geld für etwas auszugeben, was sich offensichtlich ganz leicht nachmachen ließ und mit sogenannter wirklicher Malerei nichts zu tun zu haben schien?

   Die Frage bewegte die Gemüter beinahe ein Jahr lang. Zwar gab es in Kanada glücklicherweise keinen ikonoklastischen Anschlag auf »Voice of Fire«, wohl aber eine Pointe, die manches Vorurteil zu bestätigen schien. Zur Verteidigung seiner Ankaufsentscheidung hatte das Museum eine Broschüre publiziert und auf dem Umschlag die Galeriesituation abgebildet, wie einige Besucher das Gemälde betrachten. Da »Voice of Fire« ebenso wie verschiedene andere Werke Newmans streng symmetrisch angelegt ist und zumal in der Reproduktion links und rechts bzw. oben und unten identisch zu sein scheinen, fiel der Fehler zunächst nicht auf. Es war ein Schüler, der den verantwortlichen Kuratoren der Nationalgalerie nachwies, dass sie »Voice of Fire« seitenverkehrt wiedergegeben hatten, denn bei einem der mitabgebildeten Besucher erschien das Etikett des Jeansherstellers auf der falschen Gesäßtasche. (22) 

   Angesichts der erschreckenden Perspektiven der so unterschiedlich gelagerten und motivierten Angriffe auf die Kunst Newmans und auf das sie überhaupt ermöglichende und tragende System empfindet man das Mißgeschick der Seitenverkehrung vielleicht als ironisches Aperçu der Ereignisse. Und doch drängten sich seinerzeit etliche Fragen auf, die allerdings in Berlin und Amsterdam kaum öffentlich erörtert wurden, weil der Skandal der mutwilligen Zerstörung bzw. Beschädigung verständlicherweise zum alles beherrschenden Thema avancierte. Dass dabei die Boulevardpresse zumal in Berlin das sogenannte gesunde Volksempfinden unter der Schlagzeile »Das hätte jeder Lehrling malen können« umfassend zu Wort kommen ließ, aber nichts unternahm, zur Aufklärung über Newmans Kunst beizutragen, führte sogar dazu, dass sich hier und da Verständnis für den Attentäter artikulierte. In Kanada hingegen war die Öffentlichkeit bis in hohe Regierungskreise um so nachdrücklicher mit Problemen beschäftigt, die nicht nur die kulturelle Identität des Landes und sein Verhältnis zu den Vereinigten Staaten  (23) , sondern auch die ästhetischen Ziele betrafen, die den Künstler zu einer derart reduktionistischen Bildsprache geführt haben mochten. Dabei wurden erneut all jene Einwände vorgebarcht, die die Auseinandersetzung um die abstrakte Kunst seit Anfang des Jahrhunderts begleitet hatten, und die nicht nur ihren ästhetischen Wert in Zweifel zogen, sondern auch ihren transzendentalen Anspruch betrafen. Die Diskussion, wie sie in Kanada geführt wurde, muß uns hier nicht weiter beschäftigen. Wichtiger in unserem Zusammenhang ist indessen die Frage, wie der Künstler selbst das Verhältnis des Betrachters zu seinem Werk sah.
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II

   Wenn Newman sagt: »Das Selbst, schrecklich und konstant, ist für mich der Gegenstand von Malerei und Skulptur« (24) , dann mußte ein derart zugespitzter Subjektivismus angesichts der Bilder mit ihren un-durchdringlichen Farbzonen und vertikalen Elementen irritieren. In die überwältigende Suggestion mischte sich Befremden, aber war man beispielsweise auch erschüt-tert? Wurde das Ich vor diesen Werken real der Möglichkeit inne, die Selbsbehauptung in Frage zu stellen? Newman war sich der Problematik durchaus bewußt, die aus der Evokation des Erhabenen resultierte. Er selbst suchte immer wieder nach gültigen Antworten, nicht nur mit seinen bildnerischen Möglichkeiten, sondern auch mit Worten, wobei er als selbstverständlich voraussetzte, dass ein Gemälde sein Sujet nur mit malerischen Mitteln vergegenwärtigt, ebenso wie ein Gedicht es nur in seiner sprachlichen Form tut. Über einzelne seiner Werke hat sich Newman daher auch nur selten und wenn doch, dann sehr allgemein geäußert, um so wortreicher aber das Medium Malerei und die mit ihm verknüpften Ziele kommentiert.

   Im Januar 1968 kam Barnett Newman zum Beispiel auf Einladung des französischen Kritikers Pierre Schneider nach Paris. Auf einem Symposion über Charles Baudelaire als Kunstkritiker hielt er einen Vortrag und charakterisierte bei dieser Gelegenheit die zeitgenössische Kritik als neutral, langweilig und ›wissenschaftlich‹. Er plädierte stattdessen für eine parteiische, leidenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit der Kunst. Das alles manifestierte sich für ihn vorbildlich in den Schriften Baudelaires, der sich darüber hinaus, so registrierte Newman, für die Mode, den Dandy, die Menge, das Bizarre, mit einem Wort für das moderne Leben in allen seinen Facetten interessiert hätte. Zweifellos wäre Baudelaire, so Newman ironisch, der größte Kritiker der Pop Art geworden, hätte aber auch die Op Art geschätzt. Der Mut, seinen eigenen Intentionen zuvertrauen und mit Leidenschaft allem nachzugehen, was seine Aufmerksamkeit erregte, Dingen, die er sah, die er dachte und die er fühlte, prädestinierten diesen französischen Intellektuellen des 19.Jahrhunderts dazu, wie Nemwan meinte, das fundamentalste aller malerischen Probleme zu begreifen, das in der Frage steckt »What to paint?«  (25 Was malen? Bei einem Künstler, der gegen Ende der 60er Jahre Bilder wie »Who`s Afraid of Red, Yellow and Blue« in vier verschiedenen Fassungen schuf, mag eine solche Zuspitzung der ästhetischen Frage überraschen, denn die Werke, bestehend aus den drei Grundfarben in senk-rechter Absetzung, legen die Vermutung nahe, dass sich für ihren Schöpfer die Frage nach dem Wie viel eher stellte als die Frage nach dem Was.
  Worauf Newmans Frage indessen abhebt, ist die Differenz zwischen der Darstellung eines Gegenstandes und dem Gegenstand einer Darstellung. Die Darstellung eines Gegenstandes ist immer mit der Realität auf die eine oder andere Weise verknüpft, zumindest sind gegenständliche Assoziationen möglich. Der Gegenstand einer Darstellung impliziert das nicht ohne weiteres, denn auch völlig von der Lebenswelt abgekoppelte Gemälde oder Zeichnungen erschöpfen sich für Newman nicht in sich selbst, sondern haben ein Thema.
   Anders gewendet zielt die Frage »What to paint?« auf das Problem jeder abstrakten Kunst, die mehr sein will als formales Beziehungsgefüge, Farbkonstellation oder pure Dekoration. Es ist ein altes Problem, das spätestens seit Kandinsky die Maler beschäftigte. In dessen program-matischer Schrift »Über das Geistige in der Kunst«, die 1911 in München erschienen war, heißt es: »Dieses Was ist der Inhalt, welcher nur die Kunst in sich fassen kann, und welchen nur die Kunst zum klaren Ausdruck bringen kann durch die nur ihr gehörenden Mittel.« (26)  Es würde an dieser Stelle zu weit führen, das Nachleben der Vorstellungen Kandinskys bei Newman zu verfolgen. Rasch würden dabei jedenfalls die Differenzen deutlich. Newman nämlich ersetzte das Spirituelle Kandinskys durch die Kategorie des Erhabenen und reduzierte das breite Reservoir an Formen und Farben des russischen Malers auf Monochromie und Vertikalität, d.h. einen puristischen Elementarismus sondergleichen.

   Was Newman 1968 in Paris zum Ausdruck brachte, beschäftigte ihn sein leben lang. 1944, in einem Moment, als er sich vom surrealistischen Formenvokabular zu verabschieden begann, sah er alle Künstler der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Suche nach einem Thema. (27)  Bedingt duch die semiotische Wende der Moderne und die damit einhergehende Emanzipation der Darstellungsmittel zu voller Eigenwertigkeit, seien die Maler nach dem Impressionismus allerdings vor allem mit technischen Fragen befaßt gewesen und hätten das eigentliche Anliegen der Kunst aus den Augen verloren, das sich eben keinesfalls in formalen Exerzitien erschöpfen dürfe.
   Bereits 1926 notierte er: »Der Künstler schafft nicht aus Leidenschaft Formen. In einem Werk drückt er vielmehr eine ästhetische Idee aus, die ihm eigen und ewig ist.«  (28)  Und 1944 heißt es, Kunst sei ein Ausdruck von Gedanken, von bedeutenden Wahrheiten. »Selbstverständlich ist moderne Kunst abstrakt und intellektuell und damit Ausdruck des menschlichen Geistes.«  (29) 
   Die Kunst der Zukunft werde abstrakt sein, aber voller Gefühl und fähig, den dunkelsten philosophischen Ge-danken auszudrücken. (30)  Alle Äußerungen dieser Zeit haben einen solchen oder sehr ähnlichen Ausgangspunkt.

   Die abstrakte Kunst mußte als Bereich des reinen Gedankens etwas mitzuteilen haben und von menschlicher Würde geprägt sein. (31)  das Gefühl für die Tragik des Lebens war ihm ein wichtiges Anliegen. An anderer Stelle heißt es ganz allgemein, dem zeitgenössischen Künstler würde es nicht um Individuelles oder Subjektives gehen, sondern um die Erfassung des »Weltmysteriums«. »Seine Phantasie versucht daher, in die metaphysischen Geheimnisse einzudringen..., so dass man sagen kann, er tauche wie ein wahrer Schöpfer ins Chaos.« (32)  Letztlich liege die Wahrheit einzig und allein in der Suche nach den verborgenen Bedeutungen des Lebens. Kunst müsse daher zur metaphysischen Übung werden. »Art must become a metaphysical exercise« (33
   Als Clement Greenberg, der einflußreiche Parteigänger der abstrakten Expressionisten New Yorks, 1947 eine Ausstellung Adolph Gottliebs besprach, mit dem Newman seit Jahren befreundet war und dessen beherrschendes Thema ebenso das Gefühl für die Tragik des Lebens war, und dabei allgemein die metaphysischen Ziele der Maler als unausgegoren und in ihrer Erneuerung älterer Vor-stellungen als typisch amerikanisch bezeichnete, reagierte Newman mit einer scharfen Replik.
   So meinte er, die amerikanischen Künstler würden eine wahrhaft abstrakte Kunst schaffen, die nur in metaphysischen Begriffen zu diskutieren wäre. Es gehe ihnen darum, aus dem Unwirklichen, aus dem Chaos der Ekstase etwas hervorzubringen, das die Erinnerung an das Gefühl eines erlebten Augenblickes total erfüllter Realität evozieren würde. (»... that evokes a memory of the emotion of an experienced moment oft total reality.«  (34) ) Da es Newmans Anliegen war, in seiner Antwort auf Greenberg die Originalität der amerikanischen Malerei aufzuzeigen, benannte er die Unterschiede zur europäischen Kunst. Während es dem Europäer um die Transzendenz der Gegenstände gehe, würde der Amerikaner die Wirklichkeit der transzendenten Erfahrung in den Mittelpunkt stellen.  (35)  Ohne auf die Unterschiede mit Europa abzuheben, meint Mark Rothko dasselbe, wenn er sagt: »Ein Bild handelt nicht von einer Erfahrung, es ist eine Erfahrung.«. (36) 

   Der Tradition entsprechend zieht Newman 1948 eine deutliche Trennungslinie zwischen dem Schönen und dem Erhabenen. Wenn reine Beziehungen nicht tragen und der Abstraktionsprozeß lediglich zu mathematischen Formalismen führt, dann, so meint er, gibt es nur einen Weg, das Erhabene bildnerisch auszudrücken: Der Maler muß sich vom Andekdotischen verabschieden und ein in sich selbst evidentes Bild schaffen, das wie eine Offenbarung für jeden verständlich ist, der es unverbildet und unvoreingenommen betrachtet. (37 Vergegenwärtigt werden sollen demnach nicht schöne Formen, sondern absolute Gefühle. Verkörpert werden sollen nicht Ästhetisches und Harmonisches, sondern die Tragik des Daseins und der Terror des Unbekannten. (38)  Es geht nicht um Repräsentationsfunktionen, sondern um die Evokation distanzloser Unmittelbarkeit. An die Stelle der optischen soll die emotionale Sensation treten. Das alles sieht Newman in Parenthese zu den Naturwissenschaften, wo die Notwendigkeit, das Unwißbare zu verstehen, dem Wunsch vorangehe, das Unbekannte zu entdecken. (39
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III

  Es geht Newman in seiner Kunst um das Erhabene. Dieser Leitbegriff der Moderne steht im Zentrum seiner ästhetischen Reflexionen.

   Die Unterscheidung zwischen dem Schönen und dem Erhabenen hatte bereits Burke 1757 getroffen und auch Kant hatte den Gegensatz zwischen dem formgebundenen Naturschönen und dem entgrenzten Erhabenen formuliert. Das Erhabene kommt keinem Gegenstand in der Natur zu, sondern ist nur im Gemüt enthalten, »sofern wir der Natur in uns und dadurch auch der Natur außer uns überlegen zu sein uns bewußt werden.« (40)  Mit den Worten Ernst Cassirers: »Das Erhabene löst die Grenzen der Endlichkeit, aber eben diese Lösung wird vom Ich nicht als Vernichtung, sondern als eine Art Erhöhung und Befreiung empfunden, denn in dem Gefühl für das Unendliche, das es jetzt in sich entdeckt, wird ihm eine neue Erfahrung seiner Grenzenlosigkeit zuteil.« (41)  Im Hinblick auf unseren Zusammenhang bleibt die Erkenntnis von entscheidender Bedeutung, dass das Erhabene ein emotionales Phänomen ist, aber nicht direkt wiedergegeben werden kann. So jedenfalls hatte es Hegel umschrieben. »Das Erhabene überhaupt ist der Versuch, das Unendliche auszudrücken, ohne in dem Bereich der Erscheinungen einen Gegenstand zu finden, welcher sich für diese Darstellung passend erwiese. Das Unendliche, eben weil aus dem gesamten Komplexus der Gegenständlichkeit für sich als unsichtbare, gestaltlose Bedeutung herausgesetzt und innerlich gemacht wird, bleibt seiner Unendlichkeit nach unaussprechbar und über jeden Ausdruck durch Endliches erhaben.«  (42 Das ist der Punkt, um den es Newman geht: Das Unendliche als unsichtbare, gestaltlose Bedeutung auszudrücken, ohne auf den Bereich gegenständlicher Erscheinungen rekurrieren zu müssen.

  Unter solchen Vorzeichen enthält Newmans Frage »What to paint?« im Kern zwar schon die Antwort, doch produziert diese Antwort neue Fragen, nämlich die, was das Erhabene sei, wenn es sich nicht an gegenständlichen Motiven festmachen lasse, und wie es sich dann überhaupt künstlerisch darstelle. Entsprechende Antworten waren nun allerdings nicht mehr in Worte zu fassen, denn Newman wurde spätestens 1948 klar, dass die Authentizität der Werke nicht an der Relevanz ihrer Gegenstände hängt, sondern sich einzig und allein der Form verdankt

  Friedrich Schiller schreibt: »Das Gefühl des Erhabenen ist ein gemischtes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung von Wehsein, das sich in seinem höchsten Grad als ein Schauer äußert, und von Frohsein, das bis zum Entzücken steigen kann und ob es gleich nicht eigentlich Lust ist, von feinen Seelen aller Lust doch weit vorgezogen wird. Diese Verbindung zweier widersprechender Empfindungen in einem einzigen Gefühl beweist unsere moralische Selbstständigkeit auf eine unwiderlegliche Weise. Denn da es absolut unmöglich ist, dass der nämliche Gegenstand in zwei entgegengesetzten Verhältnissen zu uns stehe, so folgt daraus, dass wir selbst in zwei verschiedenen Verhältnissen zu dem Gegenstand stehen, dass folglich zwei entgegengesetzte Naturen in uns vereiniget sein müssen, welche bei Vorstellung desselben, auf ganz entgegengesetzte Art interessieret sind. Wir erfahren also durch das Gefühl des Erhabenen, dass sich der Zustand unseres Geistes nicht notwendig nach dem Zustand des Sinnes richtet, dass die Gesetze der Natur nicht notwendig auch die unsrigen sind, und dass wir ein selbstständiges Prinzipium in uns haben, welches von allen sinnlichen Rührungen unabhängig ist." (42a

1948 war das Jahr, in dem »Onement I« entstand, ein kleineres Format, das Newman selbst gleichsam als 'Geburtsurkunde' seiner künstlerischen Existenz verstand.  (43) Was Newman daher nach 1948 im wesentlichen nur noch bildnerisch ausdrücken konnte und was sich in einer Folge imponierender Gemälde manifestierte, begann in der philosophischen Ästhetik der 60er Jahre auf einmal wieder eine Rolle zu spielen.
Im selben Jahr wie Newman starb Theodor W.Adorno und 1970 erschien, postum, dessen »Ästhetische Theorie«. In ihr steht die Reflexion des Erhabenen im Mittelpunkt, wobei sich der Akzent auf Momente des Inkommensurablen und Unkommunizierbaren in der Kunst verlagerte. »In der verwalteten Welt ist die adäquate Gestalt, in der Kunstwerke aufgenommen werden, die der Kommunikation des Unkommunizierbaren, die Durchbrechung des verdinglichten Bewußtseins. Werke, in denen die ästhetische Gestalt, unterm Druck des Wahrheitsgehalts, sich transzendiert, besetzen die Stelle, welche einst der Begriff des Erhabenen meinte«  (44)  Nur so vermögen die Werke Zellen des ›Standhaltens‹ gegenüber einer ubiquitären Intergration zu bilden. (45) 
  Unmittelbare Korrespondenzen zwischen der Malerei Newmans und der Philosophie Adornos gibt es natürlich nicht. zunächst fallen auch eher die Unterschiede und Widersprüche auf. Sie liegen darin, dass zwar beide für das Kunstwerk die Struktur des Erhabenen als eine Art Matrix verwenden, dass aber Adorno im Grundsätzlichen von der Immanenz des Erhabenen ausgeht, von der Inkorporation des Erhabenen in das Formprinzip der Kunst. Damit ist impliziert, dass für ihn alle Transzendenz ausgeblendet bleibt. (46) Newman hingegen hatte davon gesprochen, der zeitgenössische Künstler wolle das ›Weltmysterium‹ erfassen und versuchen, in die ›metaphysischen Geheimnisse‹ einzudringen.
   Und noch in anderer Hinsicht ergeben sich Be-rührungspunkte und Differenzen. Das kommt exemplarisch in Newmans Idee der Präsenz zum Ausdruck. Künstlerisch geht es darum, ein Gefühl für den Ort zu schaffen, an dem Künstler und Betrachter erfahren, wo sie sind — und das heißt letztlich auch, wer sie sind. »Worum es dem wahren Künbstler geht, ist die Unterscheidung zwischen Ort und Nicht-Ort; und je größer ein Kunstwerk ist, um so größer wird dieses Gefühl sein. Und dieses Gefühl ist die fundamentale spirituelle Dimension.Wenn sie sich nicht einlöst, dann löst sich gar nichts ein.«  (47) Aber diese Präsenz, von der Newman wiederholt spricht, bezieht sich natürlich nicht nur auf einen Ort, sondern sie hat auch eine temporale Dimension, wobei die Plötzlichkeit des Jetzt eine zusätzliche, neuere Form des Erhabenen ist, noch einmal die Transzendenz zu evozieren. Sie ist fern, vollzieht sich als reflektiertes Ereignis in der ästhetischen Evokation und vergegenwärtigt damit etwas, was sich der unmittelbaren Darstellung entzieht.  (48) Mit anderen Worten: Bei Newman wird das Ich von einem Bewußtsein ergriffen, das den ästhetischen Schein zerbricht. Bei Adorno liest sich das dann so: »Die subjektive Erfahrung wider das Ich ist ein Moment der objektiven Wahrheit von Kunst.«  (49)  Und an einer anderen Stelle heißt es:»Das von Kunst erschütterte Subjekt macht reale Erfahrungen; nun jedoch, kraft der Einsicht ins Kunstwerk als Kunstwerk solche, in denen seine Verhärtung in der eigenen Subjektivität sich löst, seiner Selbstsetzung ihre Beschränktheit aufgeht.«  (50)   Keine Frage, Adorno beschreibt in seiner philosophischen Diktion Erfahrungen, die der Betrachter vor Werken Newmans machen kann. Ob solche gewagten Parallelisierungen tragfähig sind, wäre zu prüfen, wobei freilich nicht zu erwarten ist, dass sich Newman verbal in einer Weise über sein Werk äußert, die auf semantischer Ebene mit Adornos Ausführungen vergleichbar wäre.
   Immerhin ist jedoch festzustellen, dass sich im Denken des Malers in den 60er Jahren eine Wende vollzog. Jetzt sprach er nicht mehr von Weltmysterien und metaphysischen Geheimnissen, sondern setzte sich die bildnerische Vergegenwärtigung von empfindungen der Ganzheit und der Erfülltheit zum Ziel (»sensations of wholeness und filfillment«). So jedenfalls äußerte er sich in einem Gespräch mit Drorothee Gees Seckler, das 1962 in der Zeitschrift Art in Amerika publiziert wurde. Dort sagte er weiterhin, er könne problemos über das Transzendentale, das Selbst und die Offenbarung reden, würde es aber vorziehen, über die zentrale Bedeutung der Zeichnung in seinen Bildern zu sprechen. »Statt Umrisse zu verwenden, statt Formen zu machen und den Raum zu betonen, definiert meine Zeichnung den Raum. Statt mit den Resten von Räumlichkeit zu arbeiten, arbeite ich mit dem gesamten Raum.«  (51)  und an einer anderen Stelle erläutert er seine Absicht, eine spezifische Form, in diesem Fall ein Dreieck, malerisch in eine neue Art von Totalität zu verwandeln. (52)  Im Frühjahr 1965 erklärte er David Sylvester sein künstlerisches Anliegen. Ihm gehe es darum, »dass der Betrachter vor meinem Bild weiß, dass er da ist. Für mich hat die Vorstellung des Ortes nicht nur etwas Mysteriöses, sondern hat auch etwas von einer metaphysischen Tatsache an sich... Ich hoffe, mein Bild vermittelt dem Betrachter das, was es mir vermittelt hat, das Gefühl der eigenen Totalität, der eigenen Isoliertheit, der eigenen Individualität und zugleich das Gefühl von Verbundenheit mit anderen, die ebenfalls isoliert sind.« (53)  
   Mit solchen Äußerungen, die zum Teil künstlerische Methoden betreffen, scheint sich Newman partiell auf der Linie Adornos zu bewegen, wenn er die Immanenz der Erfahrung des Erhabenen so nachdrücklich hervorhebt. Das Kunstwerk stellt zwar keinen erhabenen Gegenstand dar, doch ist dieser bei Newman immer mitgedacht. Angesichts des Bildes ist er in der ästhetischen Erfahrung präsent und möglicherweise begrifflich zu fassen, obwohl er keinesfalls unmittelbar anschaulich zu werden vermag. Letztlich wird in Newmans Werken auf das Nichtdarstellbare angespiel und zwar durch Evokation der Nichtdarstellbarkeit von Transzendenz. Anders gesagt: »Vergeistigung vollzieht sich nicht durch Ideen, welche die Kunst bekundet, sondern durch die Kraft, mit der sie intentionslose und ideenfeindliche Schichten durchdringt.«  (54)  Man kann sich dabei fragen, ob Newman das mosaische Bilderverbot »Du sollst Dir kein Bildnis noch Gleichnis machen...« vor dem Versuch bewahrte, transzendente Gehalte zu illustrieren, oder ob nicht vielmehr der kunstimmanente Reduktionsprozeß der Moderne ihn dazu brachte, die Immanenz zu betonen, ohne jedoch das transzendente Ziel völlig aufzugeben. Newmans Position bleibt eigentümlich ambivalent.
  Das zeigt sich auch sonst. Bei dem Versuch, das, wie er sagte, Unmögliche zu malen  (55)  , erschien er schließlich den abstrakten Expressionisten zu abstrakt und den abstrakten Puristen zu expressionistisch. (56)  Worauf diese vordergründige Aporie anspielt, ist jener Zwiespalt zwischen der Repräsentanz des Unrepräsentierbaren und der Bildverweigerung der Präsenz.
  Wie immer man es wenden mag, Adornos Begriff des Erhabenen ist für das Verständnis von Newmans ästhetischer Konzeption nur begrenzt fruchtbar zu machen. Angemessener erscheint vielmehr Lyotards Auffassung, der im Erhabenen die Transzendenz als letztlich undarstellbare mitbedenkt. »Besteht das Erhabene bei Adorno einzig in der inneren, ›latenten‹ Kraft, welche das Kunstwerk in seine Divergenzen auseinadertreibt, so wird das Kunstwerk bei Lyotard zum Ort eines erhabenen Verhältnisses, hinsichtlich dessen es sich als Nicht-Darstellung bzw. Darstellung der Nicht-Darstellbarkeit bestimmt. Horizontalität und strikter Immanenz bei Adorno stehen Motive von Vertikalität und Transzendenz bei Lyotard gegenüber.«  (57)  Mit direktem Bezug auf Newman heißt das bei Lyotard dann folgendermaßen: »Der Raum Newmans ist nicht mehr triadisch in dem Sinne, dass er einen Absender, einen Empfänger und einen Bezug fordertz. Die Botschaft ›spricht‹ von nichts, sie geht von niemandem aus. Nicht Newman sagt oder zeigt etwas durch seine Malerei. Die Botschaft (das Bild) ist der Botschaftsträger, es ›sagt‹: Hier bin ich, d.h.: Ich gehöre Dir, oder:Gehöre mir. Zwei Instanzen: Ich, Du, nicht austauschbar, die nur in der Dringlichkeit des Jetzt stattfinden. Der Bezug (das, wovon das Bild ›spricht‹, der Absender (sein ›Autor‹) tun nichts dazu, nicht einmal im negativen Sinn, noch nicht einmal als Anspielung auf eine mögliche Präsenz. Die Botschaft ist die Präsentation, aber von nichts, d.h. von der Präsenz.«  (58)  
   Damit ist die Situation des Betrachters vor einem Bild Newmans zutreffend beschrieben. Und die knappe Skizze Lyotards macht auch deutlich, worin das Rezeptionsproblem der Bilder Newmans zu sehen ist. Man muß am anschaulichen Charakter des Bildes verifizieren und begrifflich eingrenzen, was de facto gar nicht zu sehen ist und auch nicht gesehen werden kann. Mit anderen Worten, wer sich bei den Bildern Newmans nicht auszusetzen vermag, dem wird sich nichts von den Absichten des Künstlers erschließen. Liegt darin etwas Spezifisches oder haben wir es mit einem allgemeinen Charakteristikum der ungegenständlichen Kunst zu tun? Das Besondere liegt bei Newman offensichtlich darin, dass seine Bilder die Blicke buchstäblich zurückprallen lassen, dass die Werke fszinieren und abweisen, dass sie in Bann schlagen und keinen Halt geben. Die Suggestion unterläuft die absolute Kälte, die emphatische Vehemenz des Kolorits bricht sich an einem formalen Rigorismus, der ohne jeden Vergleich ist. Der Betrachter sucht einen Ort vor dem Werk, findet ihn optisch und büßt ihn emotional ein, er stabilisiert seine Präsenz vor der Leinwand und sieht sich einer visuellen Zwangsveranstaltung gegenüber. Einzelne Farben lodern auf, die Simultankontraste schmerzen, man muß sich abwenden und kehrt wie unter einem Bann stehend zurück. Newmans Bilder sind statische Objekte und doch ist die von ihnen vermittelte bzw. ausgelöste Erfahrung ein zeitliches Phänomen und in den Stärksten Werken an den Augenblick gekoppelt. Newman selbst sah das ganz ähnlich. Auf die Frage eines Besuchers, wie lange er an dem bild »Vir Heroicus Sublimis« gemalt hätte, antwortete er:»I explained that it took a second but the second took a lifetime.« (59)
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Anmerkungen

1   Vgl.Dore Ashton, About Rothko, New York 1983,S.115    ( zurück )
2 Vgl.Mark Rothko 1903 - 1970. Retrospektive der Gemälde, Museum Ludwig, Köln 1988,S.60  (  zurück )
3 Barnett Newman, Selected Writings,ed. by John P.O´Neill; Text Notes and Commentary by Mollie McNickle; Introduction by Richard Schiff, Berkeley, Los Angeles 1990,S.108 - Eine Paperbackausgabe erschien a.a.O. 1992, die deutsche Übersetzung von Tarcisius Schelbert 1996 (Barnett Newman, Schriften und Interviews 1925 - 1970, Bern und Berlin). (  zurück )
4 Newman, Writings,S.307 (  zurück )
5 Barnett Newman, The Museum of Modern Art, New York, 21.Oktober1971 - 10.Januar 1972. Der entsprechende
Katalog wurde von Thomas B.Hess verfaßt und muß als eine der grundlegenden Publikationen über Newman angesehen werden, wenn auch die Interpretationen etlicher Werke durch die ünertriebene Betonung kabbalistische Einflüsse sehr diskussionswürdig sind. Viele Zitate aus seinerzeit unveröffentlichten Schriften des Künstlers und direkt überlieferte Mitteilungen sowie ein reiches Abbildungsmaterial machen den Katalog zu einer nach wie vor unentbehrlichen Basis jeder Beschäftigung mit Leben und Werk Newmans.Die zu den europäischen Stationen erschienenen Kataloge sind alle weit weniger gut ausgewstattet, was auch als Indiz für die Einschätzung Newmans diesseits des Atlantiks zu werten ist. (  zurück )
6 Barnett Newman, The Complete Drawings, 1944 - 1969, ed. by Brenda Richardson, The Baltimore Museum of Art, 29.April - 17.Juni 1979. Die Ausstellung hatte verschiedene Stationen in den USA und in Europa: The Detroit Institute of Arts, 7.August - 30.September 1979;Museum of Contemporary Art, Chicago, 2.November 1979 - 6.Januar 1980; The Metropolitain Museum of Art, New York, 12 Februar - 9. April 1980; Stedelijk Museum Amsterdam, 8.September - 19.Oktober 1980; Centre Georges Pompidou, Paris, 12 November 1980 - 4.Januar 1981; Museum Ludwig, Köln, 9.Februar - 5 April 1981; Kunstmuseum Basel, 11.Mai - 5.Juli 1981. (  zurück )
7 The Prints of Barnett Newman, ed. by Hugh M.Davies and Riva Castleman, Amherst, University of Massachusetts, 5.November - 18.Dezember 1983. Die Ausstellung hatte insgesamt zehnStationen in den USA. - Barnett Newman, Die Druckgraphik 1961- 1969, Staatsgalerie Stuttgart, 19.Juni - 8.September 1996. Die Ausstellung hatte drei weitere Stationen im Londoner Camden Arts Center, 20.September - 10.November 1996, im Kunstmuseum Bern,3.Dezember 1996 - 26.Januar 1997, und in der Graphischen Sammlung Albertina in Wien, 13.Februar - 20.April 1997. Der fundierte Katalog von Gabriele Schor informiert umfassend über dievon Newman bevorzugten Techniken und erörtert Zusammenhänge, die weit über den unmittelbaren Anlaß der Ausstellung hinausgehen. (  zurück )
8 Barnett Newman, Paintings, Pace Gallery, New York, 8.April - 7.Mai 1986. Gezeigt wurden 12 Bilder von 1946 bis 1968. Der Katalog enthält einen grundlegenden Essay von Yve-Alain Bois mit dem Titel »Perceiving Newman«, S.I ff. - Barnett Newman Zim Zum II, GagosianGallery, New York, 29.Januar - 14.März 1992. Der von Robert Pincus-Witten und Ealan Wingate edoerte Katalog enthält eine Reihe vonMaterialien, die mit dem Synagogen-Modell und der Skulpturzusammenhängen. (  zurück )
9 The Sublime is Now: The Early Work of Barnett Newman. Paintingsand Drawings 1944 - 1949. Organisiert von der Pace Gallery, NewYork, war die Ausstellung im Walker Art Center, Minneapolis, vom20.März - 29.Mai 1994 zu sehen, anschließend im Saint Louis ArtMuseum, Saint Louis, 1.Juli - 28.,August 1994, und in der Pace Gallery, New York, 21.Oktober - 26.Noivember 1994. Begleitet wurde die Ausstellung von einem profunden Katalog mit einem vorzüglichen Aufsatz von Jeremy Strick, Enacting Origins, S.7 ff. (  zurück )
10 Newman, Writings,S.281. (  zurück )
12 Donald Judd, Barnett Newman, in Studio International, Februar1970, S.67 (  zurück )
13 Newman, Writings (  zurück )
14 Newman, Writing, S.186 f. (  zurück )
15 Allan Kaprow, Barnett Newman - Ein Klassiker?, in Jürgen Claus,Kunst heute. Personen, Analysen, Dokumente,
Reinbeck bei Hamburg 1965 (rowohlts deutsche enzyklopädie Nr 238/239), S.78. (  zurück )
16 Ich greife hier eine Formulierung Adornos auf. Vgl. Theodor W.Adorno, Ästhetische Theorie, Gesammelte Schriften, Bd.7, Frankfurt 1970, S. 364. (  zurück )
17 Max Imdahl, Barnett Newman, Who´s Afraid of Red, Yellow and Blue III, Stuttgart 1971 (=Werkmonographien zur Bildenden Kunst in Reclams Universal-Bibliothek Nr.147, hrsg. von Manfred Wundram), S. 27. Wiederabgedruckt in: Max Imdahl, zur Kunst der Moderne. Gesammelte Schriften, Bd.I, hrsg. von Angeli Janhsen-Vukicevic. Frankfurt 1996. S.244 ff. (  zurück )
18 Julian Heynen, Barnett Newmans Texte zur Kunst, Hildesheim, New York 1979 (Studien zur Kunstgeschichte Bd.10) (  zurück )
19 Vgl. Hommage à Barnett Newman, a.a.O. Der von Wolf Vostell in Anlehnung an das Bild gestaltete Katalog ist ein bemerkenswertes Dokument, nicht zuletzt weil folgende Künstler durch die Spende jeweils eines ihrer Werke zur Finanzierung der Erwerbung von »Who`s Afraid of Red, Yello and Blue IV« beigetragen haben: Frank Badur, Bodo Baumgarten, Ulrich Erben, Günther Fruhtrunk, Johannes Geccelli, Rupprecht Geiger, Raimund Girke, Kuno Gonschior, Gotthard Graubner, Erich Hauser, Erwin Heerich, Berhard Heiliger, Leo Kornbrust, Norbert kricke, Als Lechner, Thomas Lenk, Heinz Mack, Georg Karl Pfahler, Gerhard Richter, Ulrich Rückriem, Als Schuler, Heinz Trökes, Günther Uecker, Wolf Vostell, Franz Erhard Walther und Ben Willikens. (  zurück )
20 Vgl. Peter Moritz Pickshaus, Kunstzerstörer. Fallstudien. Tatmotive und Psychogramme, Reinbeck bei Hamburg 1988, S.65 ff. (  zurück )
21 Vgl. zu dem gesamten Komplex Dario Gamboni, The Destruction of Art. Iconoclasm and Vandalism since the French Revolution, London 1997, S. 207 ff. (  zurück )
22 Zu der hitzigen und vehement geführten Debatte, die viele politische Inplikationen von großer Tragweite hatte, vgl. Voices of Fire. Art, Rage, Power and the State, ed. by Bruce Barber, Serge Guilbaut, John O`Brian, Toronto, Buffalo, London 1996, S. 32 (  zurück )
23 John O`Brian, Who´s Afraid of Barnett Newman? in: Voices of Fire, a.a.O., S.133 (  zurück )
24 So in einem "Statement von Mark Rothko, Adolf Gottlieb, Barnett Newman vom 7. Juni 1943". (siehe auch: "Who`s Afraid of Red, Yellow and Blue I und II" ) (  zurück )
25 Newman, Writings, S. 135 (  zurück )
26 Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, 5.Aufl., Bern-Bümpliz 1956, S.34 Die bei Kandinsky implitzierte Abkehr von der Welt der Erscheinungen und die Hinwendung zu einer inneren, geistigen Welt ist romantischen Ursprungs und basiert auf der Vorstellung, dass das Subjekt und der Kosmos eine gemeinsame Wurzel haben, ja im Prinzip identisch sind. Vgl. zu diesen Fragen Sixten Ringbom, The sounding Cosmos. A Study in the Spiritualism of Kandinsky and the Genesis of Abstract Art, Abo 1970 (Acta Academie Aboensis, Ser.A, Vol. 38, Nr.2), S. 114 ff. (  zurück )
27 Newman, Writings, S. 80 (  zurück )
28 Newman, Writings, S. 58 (  zurück )
29 Newman, Writings, S. 67 (  zurück )
30 Newman, Writings, S. 69 (  zurück )
31 Newman, Writings, S. 105 (  zurück )
32 Newman, Writings, S. 140 (  zurück )
33 Newman, Writings, S. 145 (  zurück )
34 Newman, Writings, S. 163 (  zurück )
35 Newman, Writings, S. 164 (  zurück )
36 Lawrence Alloway, The Rothko Chapel, in: Nation, Nr. 212, 15. März 1971, S. 349 f. (  zurück )
37 Newman, Writings, S. 173 (  zurück )
38 Newman, Writings, S. 108 (  zurück )
39 Newman, Writings, S. 158 (  zurück )
40 Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ästhetik, Bd. I, Frankfurt, S. 353 (  zurück )
41 Hier zitiert nach: Berhard Kerber, Die Ökumenische Kapelle in Houston, in: Gegenwart Ewigkeit. Spuren des
Transzendenten in der Kunst unserer Zeit, hrsg. von Wieland Schmied in Zusammenarbeit mit Jürgen Schilling, Berlin 1990, S. 65 (  zurück )
42 Hegel, a.a.O., S. 353 (  zurück )
42 a Friedrich Schiller, Sämtliche Werke Bd. V, Philosophische Schriften, Vom Erhabenen, S. 218 f. (  zurück )
43 Newman, Writings, S. 306 (  zurück )
44 Adorno, a.a.O., S. 292 (  zurück )
45 Ebda, S. 31 (  zurück )
46 Vgl.Wolfgang Welsch, Adornos Ästhetik: Eine implizite Ästhetik des Erhabenen, in: Wolfgang Welsch, Ästhetisches Denken,
2.Aufl. Stuttgart 1991, S. 146 (  zurück )
47 Newman, Writings, S. 289 (  zurück )
48 Karl Heinz Bohrer, Das ›Erhabene‹ als ungelöstes Problem der Moderne. Martin Heideggers und Theodor W. Adornos Ästhetik, in: Karl Heinz Bohrer, Das absolute Präsenz. Die Semantik ästhetischer Zeit, Frankfurt 1994, S. 103 (  zurück )
49 Adorno, a.a.O., S. 365 (  zurück )
50 Ebda., S. 401 (  zurück )
51 Newman, Writings, S. 251 (  zurück )
52 Newman, Writings, S. 194 (  zurück )
53 Newman, Writings, S. 257 f. (  zurück )
54 Adorno, a.a.O., S. 144 (  zurück )
55 Newman, Writings, S. 279 (  zurück )
56 Newman, Writings, S. 180 (  zurück )
57 Welsch, a.a.O., S. 147 (  zurück )
58 Jean-Francois Lyotard, Der Augenblick. Newman, in: Zeit. Die vierte Dimension in der Kunst, hrsg. von Michel Baudson,
Palais des Beaux-Arts de Bruxelles, 1984, S. 100(  zurück )
59 Newman, Writings, S. 248 (  zurück )
60 Newman, Writings, S. 258 f. (  zurück )



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