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AINEIAS


Teil I


Aineias verläßt die troianische Küste

Seinen Vater Anchises auf den Schultern, seinen Sohn Askanios an der Hand, geschützt von seiner Mutter Aphrodite, war der troianische Held Aineias dem Brand seiner eroberten Vaterstadt entronnen und am Fuß des Idagebirges, wo dieses in das Meer ausläuft, in der kleinen Hafenstadt Antandros angekommen. Hier sammelten sich um ihn befreundete Flüchtlinge in großer Anzahl, Männer, Frauen und Kinder, lauter unglückliche, des Vaterlandes verlustige Menschen, und alle bereit, unter seiner Anführung eine neue Heimat aufzusuchen. Noch ungewiß, wohin sie das Geschick führen, wo es ihnen Ruhe vergönnen würde, fingen sie mit Hilfe der geretteten und zusammengeschossenen Habe sich eine Flotte zu zimmern an, die mit dem ersten Beginne des Frühlings fertig war unter Segel zu gehen. Der älteste Troianer, der sich in ihrer Mitte befand, der greise Held Anchises selbst, gab das Zeichen zum Aufbruch und sagte zuerst dem unterjochten Geburtslande ein ewiges Lebewohl. Weinen und Wehklagen ertönte von den Schiffen, als sie sich von der Heimatküste losrissen, und bald war diese aus den Blicken der Flüchtlinge verschwunden.

Nach einer ununterbrochenen Fahrt von mehreren Tagen landete die Flotte an dem Gestade Thrakiens, das vorzeiten der wilde Verächter des Bakchos, der König Lykurgos, beherrscht hatte, dessen jetzige Bewohner aber, so lange der Staat der Troianer noch bestand, durch gleichen Götterdienst und Gastfreundschaft mit diesen aufs engste verbunden waren. Doch hatte dieses Verhältnis eine grausame Störung erlitten, denn als das Glück von Troia zu wanken begann und Aias, der Telamonier, vom Schiffslager der Griechen aus einen Streifzug zur See gegen die mit Priamos verbündeten Thrakier unternommen hatte, lieferte Polymnestor, der treulose König des Landes, den jungen Sohn des troianischen Königs, Polydoros, den Griechen aus und erkaufte sich mit dieser Gabe den Frieden. Der Jüngling aber wurde von den Belagerern unter den Mauern Troias und vor den Augen des Vaters gesteinigt.

Doch Aineias wußte nicht, an welchem Ufer er mit seinen Schiffen vor Anker gegangen war. Voll Freude, eine wirtliche Küste erreicht zu haben, betrat er mit seinen Freunden das Land, und ohne von den Eingeborenen gehindert zu werden, schritten sie zu einer Niederlassung und legten den Grund zu einer neuen Stadt, in deren ruhigem Besitze sie sich von den Schlägen des Schicksals zu erholen gedachten, und welcher Aineias, als das Haupt der Auswanderer, seinem eigenen Namen nach, den Namen Amos beilegte. Der Bau war schon im Werden, und der fromme Held wollte für sein Werk den Schutz der Unsterblichen erflehen; er brachte Zeus, dem Göttervater, und seiner eigenen Mutter Aphrodite einen untadeligen Stier am Gestade zum Opfer. In der Nähe befand sich ein lustiger Hügel, auf welchem Kornellen und Myrten in üppigem Wüchse wucherten. Nach diesem Wäldchen hatte sich Aineias begeben, um die frisch errichteten Rasenaltäre mit Laub und Zweigen zu bedecken. Da erfuhr er ein Grausen erregendes Wunder. Sobald er einen Strauch aus den Wurzeln reißen wollte, quollen aus diesen schwarze Blutstropfen und flössen auf den grünen Waldboden, daß dem Helden selbst in den Adern das Blut erstarrte. Angstvoll warf sich Aineias auf die Erde und flehte zu den Nymphen des Waldes und zu Bakchos, dem Schutzgott der thrakischen Fluren, die Schrecken abzuwenden, mit welchen dieses Wunderzeichen ihm drohte. Dann ergriff er mit erneuter Kraft ein drittes Bäumchen, und mit dem Knie auf den Boden gestemmt, versuchte er, es zu entwurzeln. Da ließ sich ein klägliches Stöhnen aus dem Boden vernehmen, und endlich kam ihm eine Stimme zu Ohren, welche in verlorenen Tönen sprach: "Was quälst du mich, unglücklicher Aineias? Meine Seele wohnt in diesem Boden, in den Wurzeln und Ästen dieses Waldes, in welchem ich als Kind einst ahnungslos spielte. Ich bin dein Namensgenosse, dein Verwandter, Aineias, bin Polydoros, der Sohn des Priamos, der einst von seinem Pflegevater an die Griechen verraten und vor deinen Augen unter Troias Mauern zerschmettert ward. Mein Gebein ist von mitleidigen Thrakiern gesammelt und hier im Vaterland bestattet worden. Verletze meine Freistätte nicht; du selbst aber fliehe dieses Ufer, das dir und allen Troianern mit Unheil droht, denn noch herrscht das Geschlecht des Verräters in diesem Lande."

Als Aineias sich vom ersten Schrecken erholt hatte, kehrte er zu den Seinigen zurück und meldete das Gesicht zuerst seinem Vater und dann den anderen Häuptlingen des ausgezogenen Volkes. Alle vereinigten sich, mit ihm die verruchte Stätte des entweihten Gastrechts zu verlassen. Die begonnenen Arbeiten wurden eingestellt, und nachdem sie dem unglücklichen Polydoros ein Totenfest gefeiert, schoben die Troianer ihre Schiffe wieder vom Strande, bestiegen sie und verließen mit ihnen den Hafen. Günstiger Wind führte sie bald weit in die offene See hinaus, und nach glücklicher Fahrt erschien ihnen mitten im Meer unter vielen anderen Inseln ein wunderliebliches kleines Eiland, das sich lachend aus den Fluten emporhob. Sein Name war Delos; es war einst eine schwimmende Insel gewesen, und Apollon war auf ihr geboren und hatte sich ihrer, als sie wie unentschlossen um andere Inseln und Küstenländer herumirrte, mitleidig angenommen und sie in der Mitte der Kykladeninseln in dem Meeresgrunde befestigt, daß sie hinfort den Stürmen trotzen und glückliche Bewohner nähren konnte. Die Menschen, die sich dort ansiedelten, hatten dankbar ihre Stadt dem Apollon geweiht und waren gastliche, gute Leute. Dorthin steuerte Aineias mit seiner Flotte, und ein sicherer Hafen nahm die müden Seefahrer auf. Sie landeten und betraten die Stadt, die dem Fernhintreffer Phoibos Apollon geweiht war, mit tiefer Ehrfurcht. Ihr König Anios, der zugleich Priester des Phoibos war, wandelte, mit der heiligen Binde um die Schläfe und dem Lorbeer in der Hand, den Ankömmlingen entgegen und erkannte in dem greisen Anchises einen alten Gastfreund. Unter Gruß und Handschlag wurden Aineias und seine Genossen in die Mauern aufgenommen und wallfahrten vor allen anderen in den altertümlichen Tempel des Schutzgottes der Insel. Aineias warf sich in tiefer Ehrfurcht vor dem Hause Apollons nieder und betete mit aufgehobenen Händen: "Gib uns, du großer Beschützer des troianischen Volkes, ein eigenes Haus, gönne uns eine bleibende Stadt; laß das Geschlecht deiner Schützlinge nicht aussterben, hilf ihnen ein zweites Troia gründen! Sprich, wer soll unser Führer sein? Wohin schickst du uns? Gib uns ein Zeichen, großer Gott, offenbare dich unseren Seelen!"

Kaum hatte der Held solches gesprochen, als die Schwelle des Gottes, der Lorbeerhain, der den Tempel umgab, und das ganze Gebirge ringsumher sichtlich und fühlbar erbebte, und aus den offenen Hallen des Tempels ertönte vom Dreifuße das Orakel heraus: "Ausdauerndes Volk der Dardaner, ihr kehret in den Schoß eines Landes zurück, das schon den Stamm eurer Ahnherren getragen hat. Eure alte Mutter suchet ihr auf; von dort aus wird das Haus des Aineias in seinen spätesten Enkeln alle Länder der Erde beherrschen."

Bei der Stimme des Gottes hatten sich alle demütig zur Erde niedergeworfen. Als sie den günstigen Ausspruch vernommen hatten, sprangen sie freudig wieder auf; ein jubelndes Getümmel entstand, und sie befragten sich untereinander, von welchem Lande wohl Apollon spreche und wo den Irrenden eine neue Heimat winke.

Als sie so untereinander beratschlagten, erhob der ehrwürdige Held Anchises, der Vater des Aineias, der in die Kunden der Vorwelt eingeweiht war, seine Stimme: "Laßt mich euch, ihr Häupter des Volkes", sprach er, "eure Hoffnungen deuten. Mitten im inselreichsten Meere liegt eine Insel, aus welcher Zeus, der Göttervater selbst, abstammt. Sie heißt Kreta und ist auch die Wiege unseres Volksstammes. Und wie Troias Hauptgebirge heißt auch die waldige Bergkette, die sich durch dieses Inselland zieht, das Idagebirge. Zu seinen Füßen dehnen sich die fruchtbarsten Fluren, und mit hundert Städten ist das Land geschmückt. Dorther soll unser Stammvater Teukros ins troische Land gekommen sein, dorther all unser Götterdienst stammen, und gewiß, dorthin führt uns auch jetzt Apollons Befehl, lasset uns ihm folgen! Die Reise dorthin ist nicht allzu weit, schickt uns Zeus Fahrwind, so befindet sich unsere Flotte am dritten Morgen im Angesicht der Insel Kreta."
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Den Flüchtlingen wird Italien versprochen

Über diese Deutung waren die Auswanderer hoch erfreut. Ehe sie wieder zu Schiff gingen, schlachteten sie dem Meeresgotte Poseidon und dem Apollon, der sie mit seinem Orakel getröstet hatte, jedem einen Stier, und den mächtigsten Winden Lämmer, dem wilden Sturm ein schwarzes, dem sanften Zephyr ein weißes. Dann verließen sie den Hafen von Delos, und ihre Schiffe durchflogen mit dem günstigsten Fahrwinde die Wellen; es war das Inselmeer der Kykladen; das Gewässer schien ganz von Eilanden zu wimmeln, die da und dort mit ihren schneeweißen Marmorfelsen aus den Fluten stiegen. Der heiterste Himmel begünstigte die Fahrt; um die Wette steuerten die Fahrzeuge dahin, und von allen Seiten ertönte fröhliches Geschrei der Schiffenden: "Auf, ihr Freunde, Kreta gesucht, das teure Heimatland unserer Väter aufgefunden!"

Am dritten Morgen hatte die Flotte wirklich, wie es von Anchises vorausgesagt worden war, den lachenden Strand der Insel Kreta erreicht, und als die Flüchtlinge ausgeschifft waren und sich von den Einwohnern wohl aufgenommen sahen, fing Aineias abermals mit großer Begierde die ersehnten Mauern einer Pflanzstadt zu gründen an. Die Flotte war ans Ufer gezogen, und unter den fleißigen Händen der Pflanzer stiegen bald Mauern und Häuser empor, und sie fingen an, sich wohnlich einzurichten. Nach Pergamos, der Burg von Troia, gab Aineias der neuen Stadt den Namen Pergamos, und auch sie erhielt ihre gesonderte Burg auf einem Hügel. Schon beschäftigte sich die Pflanzung mit den ersten bürgerlichen Einrichtungen; unter dem jungen Volke der Auswanderer wurden Ehen geschlossen, Äcker wurden verteilt, und die Häupter des Volkes traten zusammen und berieten sich über die Gesetze des erneuten Volkes; da bedrohte ein neues Unglück die armen Flüchtlinge mit gänzlichem Verderben. Ein glutheißer Sommer brannte ringsum die Felder aus, ohne Nahrung erkrankte die Saat, Gras und Kräuter verdorrten, auf den Bäumen verwelkten die Blüten ohne Früchte; ein schreckliches Sterben riß unter den Menschen selbst ein, und was der Tod verschonte, das schleppte sieche Leiber herum. Auf einer Versammlung, in welcher der zusammenschmelzende Haufen über seine trostlose Lage beratschlagte, stand Anchises mit bekümmertem Herzen auf und riet seinen Unglücksgefährten, die Schiffe wieder zu besteigen, rückwärts nach dem Kykladenmeer zu steuern und wieder auf der Insel Delos das Orakel dieses Gottes um gnädigen Aufschluß anzuflehen, wohin sie die Schiffahrt ferner zu richten hätten, und welches Ziel ihrer Not bestimmt sei. Diesem Rate trat das gesamte Volk bei, und sie beschlossen, alles bewegliche Eigentum auf die Schiffe zurückzubringen, sobald dies geschehen sei, die Anker zu lichten und die fast vollendete Stadt zu verlassen.

Als alle Vorbereitungen getroffen waren und unter fortdauerndem Elende die letzte Nacht herankam, welche sie unter Kretas unglücklichem Himmel zuzubringen gedachten, lag Aineias, müde von Sorgen und doch schlaflos, auf seinem Bett, und sein Geist brütete in der stillen Finsternis. Jetzt stellte sich ein plötzliches Gesicht seinen Augen dar. Der Vollmond brach eben aus den Wolken und erhellte mit seinen Strahlen die Räume seines Schlafgemachs. Da schieneninvoller Beleuchtung hart vor dem Liegenden die heiligen Hausgötter der Troianer, die er aus dem wütenden Feuer seiner Vaterstadt gerettet hatte, zu stehen. Ihr Mund tat sich auf, ihre nie vernommene Stimme sprach zu ihm, und was sie redeten, waren Worte des Trostes: "Apollon selbst", so lautete ihre Rede, "schickt uns in deine Behausung. Du sollst uns vertrauen; wir, die wir aus dem Brande Troias dir folgten und auf deiner Flotte mit dir durch die stürmische Meeresflut gefahren sind, wir werden deinem Geschlecht einen Wohnsitz finden, den Ruhm deiner Enkel verherrlichen und ihrer Stadt die Herrschaft der Welt verleihen. Du selbst bist dazu erkoren, deinen großen Nachkommen diesen Sitz vorzubereiten, und darfst deswegen die langen Beschwerden der Flucht nicht scheuen. Freilich, den Ort, wo du dich jetzt angesiedelt, mußt du verlassen; nicht dieses Ufer hat der delische Apollon gemeint, nicht auf Kreta solltest du dich anbauen; nein, weit von hier hegt das Land, auf welches dich der Götterspruch hinweist, die Griechen nennen es Hesperien; es ist ein uraltes Land, mächtig durch die Waffen seiner Bewohner, reich durch den Segen seines Bodens. Seine ersten Bewohner hießen Oinotrier; von den jüngeren soll es jetzt Italien genannt werden und das Volk Italervolk, nach dem Namen eines einheimischen Königs Italos. Dies ist der Sitz, der euch von euren Ahnen her gehört; dorther stammen eure Väter Dardanos und Iasios, die ältesten Begründer eures Geschlechts. Wohlan, mach dich auf, melde deinem betagten Vater fröhlich dieses unzweifelhafte Wort: Italien soll er aufsuchen; die Gefilde Kretas verweigert euch Zeus."

Ein kalter Angstschweiß hatte den Helden überlaufen, so lange die Götter vor ihm standen und sprachen; doch als sie verschwunden waren, fühlte er sich von ihren Worten wunderbar getröstet, raffte sich vom Lager auf, streckte die flachen Hände betend, wie die Alten pflegten, gen Himmel empor und brachte auf seinem Hausherd den heimischen Göttern ein Trankopfer dar. Nachdem dieses fröhlich vollbracht war, eilte Aineias zu seinem alten Vater und meldete ihm ausführlich das Nachtgesicht. Diesem gingen die Augen des Geistes auf; er erkannte den doppelten Ursprung der Troianer, den einen von Dardanos, den anderen von Teukros, und sah nun wohl ein, daß er in der Verwechslung der beiden alten Stammländer sich getäuscht habe. "Lieber Sohn", sprach er, "jetzt erst erinnere ich mich, daß die Seherin Kassandra allein es war, welche mir das Geschick der Zukunft richtig geweissagt hat. Sie verkündigte unserem Geschlecht ein Land, welches sie bald Hesperien, bald Italien benannte. Das geschah aber, als Troia noch lange stand, und wer dachte damals im Ernste daran, daß jemals teukrische Männer ihre Heimat verlassen und nach den fernen Küsten Hesperiens auswandern würden? Ja, wer achtete damals überhaupt nur auf die Reden Kassandras, die für eine Närrin und keine Seherin galt! Jetzt aber laßt uns dem Wort Apollons nachgeben und auf seine Warnung dem besseren Winke folgen."

So sprach Anchises. Inzwischen hatte sich das Volk zur beschlossenen Abfahrt nach Delos versammelt; als es nun die neue Weisung der Götter vernommen, brach es in einen lauten Jubel aus. Alles rüstete sich, nur wenige Kranke und Genesende blieben in der neugegründeten Pflanzstadt zurück. Durch sie wurde die neue Ansiedelung der Troianer erhalten; glücklichere Zeiten kamen, die kleinen Überbleibsel vermehrten sich, und in späten Tagen blühte auf der Insel Kreta noch Pergamos, die Troierstadt.

Die anderen aber richteten die Segel, und bald steuerte die Flotte wieder auf der hohen See.
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Sturm und Irrfahrten - Die Harpyien

Als kein Land mehr sichtbar und ringsherum nur Himmel und Gewässer war, sammelte sich über den Häuptern der Schiffenden ein graues Gewölk, das Nacht und Sturm herbeiführte, und die Woge fing in schwarzer Finsternis zu schauern an. Sofort brachten Orkane das Meer in Aufruhr, Berge von Fluten stiegen auf, die Flotte ward auseinandergeworfen, und die Schiffe trieben zerstreut über den strudelnden Abgrund hin. Die schwarzen Wetterwolken raubten das Tageslicht und hüllten alles in eine dichte Regennacht, welche nur Blitz auf Blitz aus den zerrissenen Wolken erhellte. Dieses fürchterliche Ungewitter dauerte drei Tage und drei sternlose Nächte, und während dieser Zeit wußte selbst der erfahrene Steuermann der Flotte, Palinuros, nicht mehr, wo sich in dem blinden Dunkel die Schiffenden befanden, und welcher Himmelsgegend die umhergeworfenen Fahrzeuge zugetrieben wurden. Endlich am vierten Tage legte sich der Sturm allmählich, ein fernes Gebirge zeigte sich am Horizont. Dieser Anblick gab den Verzweifelnden geschwundenen Mut wieder; als sie dem Lande näher gekommen waren, zogen sie die Segel ein, warfen sich über die Ruder und wühlten mit aller Anstrengung in dem noch immer empörten Meeresschaum.

Das Land, welches die Verirrten aufnahm, gehörte einer der beiden Strophadeninseln an, die sich im großen ionischen Meere befinden, der Pelopsinsel gegenüber. Es war ein unwirtliches, durch schauerliche Bewohner verrufenes Land. Die Harpyien, die gefräßigen Ungeheuer, seitdem sie die Wohnung des Königs Phineus verlassen hatten und von seinem unglücklichen Tische verscheucht worden waren, hatten an diesem Gestade den häßlichen Sitz aufgeschlagen. Diese grausenhaften Scheusale waren, wie bekannt, ein Vogelgezücht mit Jungfrauengesichtern, die aber, beständig vom Hunger gebleicht, entsetzlich anzuschauen waren. An den Händen hatten sie Krallen, mit welchen sie alle Speise ergriffen, deren sie sich bemächtigen konnten, und mit dem ekelhaften Abfluß ihres Leibes besudelten sie jeden Ort, an dem sie erschienen.

Von diesen Bewohnerinnen des ihnen gänzlich unbekannten Ufers hatten Aineias und seine Fluchtgenossen keine Ahnung. Sie liefen in den Hafen ein, der vor ihnen lag, und waren ganz fröhlich, als sie sich wieder auf festem Lande befanden. Der erste Anblick des Gestades zeigte ihnen auch nichts Unheimliches: Herden von Rindern und Ziegen gingen lustig auf der Weide, ohne alle Hüter. Der ausgestandene Hunger hieß die Gelandeten nicht lange zögern; sie fuhren mit dem Schwert unter das Vieh, brachten Zeus und den Göttern ein Schlachtopfer dar und setzten sich selbst zum leckeren Schmaus am Ufer in die Runde. Sie erfreuten sich aber des Mahles noch nicht lange, als sie plötzlich von den nahen Hügeln her einen lauten Flügelschlag wie von vielen Vögeln vernahmen. Als wären sie vom Sturmwinde herbeigeführt, erschienen plötzlich die Harpyien, fielen über die Speisen her, zerrten daran herum und besudelten alles mit ihrer abscheulichen Berührung. Allenthalben ertönte ihre gräßliche Stimme und verbreitete sich ihr scheußlicher Pesthauch. Die Tafelnden flüchteten sich mit ihrer Opfermahlzeit an eine abgelegene Stelle, unter einen hohlen Felsen, der rings von schattigen Bäumen eingeschlossen war. Hier zündeten sie Feuer auf neuen Rasenaltären an und stellten auch ihr Mahl wieder auf. Aber aus den heimlichsten Winkeln und von ganz anderer Himmelsgegend her kam wieder derselbe sausende Schwärm, machte sich mit seinen Krallenfüßen an die Beute und befleckte das Mahl auf alle Weise. Aineias und die Seinigen griffen endlich zu dem letzten Mittel, sie verbargen ihre Schwerter und Schilde ringsumher im Gras, und als die häßlichen Vögel sich wieder im Schwärme herniedersenkten und die krummen Ufer umflatterten, brachen seine Genossen auf das Zeichen eines ihrer Freunde, der vom Felsen herab seine Beobachtungen anstellte, los und versuchten es, die Untiere mit ihren Schwertern zu erlegen. Aber keine Gewalt vermochte das Gefieder zu durchdringen, keine Wunde saß auf ihren Rücken fest; eilige Flucht entzog sie den Streichen, sie ließen ihre Beute angefressen zurück und überall Spuren voll Unflats. Nur eine von den Harpyien, Kelaino mit Namen, setzte sich auf den höchsten Felsen und brach in die prophetischen Fluchworte aus: "Ist es nicht genug, uns Rinder und Ziegen gemordet zu haben, ihr troianischen Fremdlinge? Müßt ihr uns unschuldige Harpyien auch noch aus dem Heimatlande vertreiben? Nun, so höret die Prophezeiung, die mir Phoibos anvertraut hat und die ich euch als Rachegöttin verkündige: Ihr fahrt nach Italien, ihr werdet es auch erreichen, sein Hafen wird euch aufnehmen; aber nicht eher umgebet ihr die euch verheißene Stadt mit Mauern, als bis euch ein gräßlicher Hunger, die Strafe für das Unrecht, das ihr an uns beginget, zwingen wird, von euren eigenen Tischen zu nagen und sie aufzuzehren." So sprach sie, schwang die Fittiche und floh in die Waldung zurück. Den Troianern erstarrte das Blut in den Adern vor Schrecken; sie wußten nicht, hatten sie es mit fluchwürdigen Vögeln oder mit mächtigen Göttinnen zu tun. Endlich hob der Vater Anchises seine Hände flehend gen Himmel und betete zu den Göttern um Abwendung alles Unheils. Dann riet er seinem Sohn und den Genossen der Flucht, sich in aller Eile wieder einzuschiffen.
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Aineias an der Küste Italiens - Sizilien und der Kyklopenstrand - Tod des Anchises

Nach langen Irrfahrten und mancherlei Abenteuern erschien endlich eine niedrige Küste mit dämmernden Hügeln aus der Ferne. "Italien", rief zuerst der Held Achates, der das Land vor den anderen erblickt hatte. "Italien!" riefen einfallend unter Freudengeschrei die jubelnden Genossen. Der Greis Anchises bekränzte einen geräumigen Becher und füllte ihn bis zum Rand mit Wein. Auf dem Hinterverdeck stehend, flehte er die Meeresgötter um günstigen Wind und leichte Fahrt an. Auch wehte wirklich die erbetene Luft kräftiger, immer näher flogen sie einem sich vor ihren Augen erschließenden Hafen, und von einem Hügel des Landes winkte ihnen ein schöner Tempel. Vertrauensvoll rollten sie die Segel zusammen und drängten die Schiffe nach dem Strande. Der Hafen bildete, von der östlichen Brandung des Meeres ausgehöhlt, einen Bogen, an vorgelagerten Klippen spritzte die Meerflut schäumend auf, eine Mauer getürmter Felsen senkte rechts und links ihre Arme ins Meer herab, und der Tempel, in der Mitte der Bucht gelegen, trat in den Hintergrund. Hier erblickten sie am Gestade als erstes Vorzeichen vier schneeweiße Rosse, die hier und dort im tiefen Grase weideten. "Rosse bedeuten Krieg", rief Anchises aus, "mit Krieg droht uns dieses Land, so gastlich es aussieht. Laßt uns Athene, die auf uns herniederblickt, anbeten und eilig mit unseren Schiffen umkehren!"

Sie taten nach dem Rat des Alten und flogen zurück in das Meer. Nun schifften sie an mancherlei Küstenländern vorüber, immer dem Süden zu, vorbei am Meerbusen von Tarent, an der Stadt Kroton mit ihrem Heratempel, an dem klippenvollen Skylakeion. Schon tauchte aus der fernen Flut Sizilien mit seinem Aitna, schon von weitem hörten sie jetzt ein gewaltiges Tosen des Meeres, Brandung um die Felsen, am Gestade gebrochenen Laut: aus tiefem Abgrunde sprudelte die Flut empor, und Sand unter Wasserschaum stäubt ein die Luft. "Das ist die Charybdis", rief der länderkundige Anchises, "das gräßliche Felsenriff. Werft euch an die Ruder, Gefährten, reißt uns aus der Todesgefahr." Eifrig lenkten alle mit den Schiffen zur Linken um, Palinuros mit dem krachenden Schiffsschnabel voran. Bald flogen die Schiffe aus den Wölbungen des Strudels zu den Wolken empor, und wenn die Wogen verrollten, versanken sie wie in die Unterwelt, und dies geschah dreimal. Als sie der Gefahr glücklich entronnen waren, gerieten sie, aller Bahn unkundig, an den Strand der Kyklopen, wo ein geräumiger Hafen sie aufnahm. In ihrer Nähe hörten sie hier den feuerspeienden Berg Aitna donnern, der bald schwarzes Gewölk, Pechqualm und glühende Asche in die Luft emporwirbelt, bald das Eingeweide des Berges, Steine und geschmolzene Felsen hinaufschleudert und vom untersten Grunde aus brausend siedet. Der Leib des Giganten Enkelados, vom Blitze Zeus' versengt, soll hier in den Gründen der Erde liegen, und der mächtige Aitna, über ihn geworfen, sende, sagt man, den Flammenhauch des Riesen aus seinem Schlund empor; so oft jener, unter der drückenden Last ermattet, seine Seite wechselt, bebt die ganze Insel von dumpfer Erschütterung, und ein Rauch hüllt den Himmel in seinen Schleier.

Aineias und seine Genossen waren bei Nacht an die Insel verschlagen worden, und der Berg war ihnen noch dazu von Wäldern verdeckt. Auch umzog den verfinsterten Himmel ein dichtes Gewölk, und hinter seinen Schichten verbargen sich der Mond und die Sterne. So hörten sie die ganze Nacht hindurch nur das fürchterliche Tosen, ohne die Ursache erraten zu können. Als der Morgenstern am Himmel stand und Eos die Schatten vertrieb, sahen die Flüchtlinge, die sich am Strande gelagert, einen fremden seltsamen Mann, ganz in Lumpen gehüllt, ein rechtes Jammerbild des Elends, plötzlich aus den Wäldern hervortreten und die Hände flehend nach ihnen zu dem Ufer ausstrecken. Abscheulicher Schmutz entstellte ihn, die Fetzen seines Gewandes waren mit Dornen zusammengeheftet, sein langes verwirrtes Barthaar flog im Winde. Übrigens erkannte man auch in diesem jämmerlichen Aufzug noch den Griechen, der einst vor Troia gekämpft hatte. Als dieser in der Ferne troianische Rüstungen sah, stutzte er einen Augenblick und hemmte schüchtern seine Schritte. Bald aber rannte er entschlossen wieder vorwärts zum Ufer und flehte weinend zu den Ankömmlingen hinüber: "Bei den Gestirnen, bei den Göttern, beim Himmelslichte beschwöre ich euch, Troianer, nehmt mich fort mit euch, wohin es auch gehen mag! Ich weiß wohl, ich bin einer vom Danaerheer, ich habe eure Stadt befehdet, habe sie zerstören helfen. Nun, seid ihr unversöhnlich, so reißt mich in Stücke und versenkt mich im tiefsten Wasser: wird mir so doch der Trost zuteil, von Menschenhänden zu sterben!" So sprach der Unglückliche, umfaßte die Knie des Helden Aineias und schmiegte sich fest an ihn an. Da ermahnten ihn alle, sein Geschlecht, seinen Namen, sein Schicksal zu melden, und der ehrwürdige Greis Anchises reichte ihm selbst die Hand und nötigte ihn, vom Boden aufzustehen. Allmählich erholte sich der Arme von der Furcht. "Ich stamme", begann er, "aus Ithaka und war ein Genösse des erfahrungsreichen Helden Odysseus. Achaimemdes ist mein Name; weil mein Vater Adamastos arm war, entschloß ich mich, mit gegen Troia zu ziehen. Es war mein Unheil; den Gefahren des Krieges glücklich entronnen, wurde ich hier in der scheußlichen Höhle des Kyklopen, als Odysseus und meine anderen Begleiter, so viele der Menschenfresser noch nicht geopfert hatte, die Höhle mit List verließen, krank und elend in einem Winkel der Kluft liegend, vergessen. Ich hatte es mit angesehen, wie das Ungetüm von meinen armen Freunden ein Paar ums andere verschlang, und mit Hand angelegt, als der einäugige Riese von Odysseus im Rausch geblendet ward. Ich selbst bin nur durch ein Wunder aus seiner Höhle entkommen; aber, umringt vom ungeschlachten Volk der Kyklopen, brachte ich seit vielen Tagen mein Leben in Hunger und Todesangst hin. Auch ihr, unglückliche Fremde, wenn ihr nicht die Beute dieses abscheulichen Riesenvolkes werden wollet (denn gleich Polyphem irren über hundert in diesem unwirtlichen Gebirge umher), auch ihr besteigt eilig die Schiffe wieder und löst die Seile vom Strand! Drei Monate sind es, daß ich zwischen Höhlen und Wildlagern mein Leben fortschleppe, mich von der ärmlichen Kost der Waldbeeren und Wurzeln ernährend, stets auf der Lauer vor dem Riesengeschlecht; vor dessen tosenden Tritten und brüllenden Stimmen ich erbebe. Da sah ich diese Flotte dem Ufer nahen; ihr mich zu ergeben, brach ich auf, wessen sie auch sein mochte."

Kaum hatte er dieses gesprochen, als die Troianer auch schon auf der Höhe des Berges den Kyklopen Polyphem gewahr wurden, den unförmlichen Riesen mit dem geblendeten Auge, einen behauenen Fichtenstamm als Stock in der Hand, inmitten seiner Schafherde, seines einzigen Trostes im Unglück, einherschlendernd. Am Meere angekommen, ging er mitten in die Fluten hinein, die ihm doch noch nicht einmal bis an die Hüfte gingen. Hier bückte er sich und wusch aus dem ausgestochenen Auge das immer noch fließende Blut, stöhnend und zähneknirschend. Bei diesem gräßlichen Anblick beschleunigten die Troianer ihre Flucht, nahmen den bejammernswürdigen Flüchtling, obgleich er ihr Stammfeind war und ihre Stadt hatte zerstören helfen, mit sich zu Schiffe und hieben stillschweigend die Seile ab. Jetzt vernahm der Riese den Ruderschlag und wandte seine Schritte, noch immer in der Flut, dem Schall des Geräusches zu. Mit Mühe entging das letzte Schiff seinen haschenden Händen, und als er vergebens in die Luft griff, erhob er ein so ungeheures Gebrüll, daß die Klüfte des Aitna wie von einem langen Donner wiederhallten und das ganze Kyklopengeschlecht, in den hohen Bergen aufgestört, zum Gestade herabgerannt kam. Wie luftige Eichen oder Cypressen ragten ihre Häupter gen Himmel, und sie schickten der absegelnden Flotte drohende Blicke nach.

Um der Skylla und Charybdis zu entgehen, segelte diese rückwärts, längs dem Gestade der Insel hin, von Achaimenides beraten, der diesen Weg früher mit Odysseus zurückgelegt hatte. Auf dieser Fahrt traf den Aineias ein großer Schmerz. Sein greiser Vater Anchises, von den Anstrengungen, Gefahren und Schrecken der Reise ermattet, sollte Italien, das gelobte Land seiner Sehnsucht, nicht mehr erreichen. Er wurde zusehends schwächer, seine Sinne schwanden, seine Zunge erlahmte, und ohne nur ein Lebewohl sagen zu können, gab er in den Armen seines Sohnes den Geist auf, als sie eben in den Hafen der sizilianischen Stadt Trepanon eingelaufen waren. Die troianischen Flüchtlinge veranstalteten dem ehrwürdigen Vater ihres Führers ein feierliches Leichenbegängnis. Doch hing Aineias nicht lange der Trauer nach. Die Verheißung der Götter trieb ihn, das Volk, welches sich ihn zum Beschützer erkoren hatte, dem Lande der Ahnen entgegenzuführen und das versprochene Reich dort zu gründen.
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Aineias nach Karthago verschlagen

Kaum hatte die Flotte Sizilien aus dem Gesicht und segelte fröhlich auf der hohen See dahin, als Hera, die alte Feindin der Troianer, die vom Olymp auf den Schiffszug herniederblickte, bei sich selber sprach: "Wie, sollte mein Beginnen auf halbem Wege stehen bleiben 'Sollte Troia nicht ganz zerstört, sein Volk und Königsgeschlecht nicht mit der Wurzel vertilgt sein? Soll dieser Eidam des Priamos, soll sein Enkel wirklich von Italien Besitz nehmen? Konnte nicht Pallas die heimkehrende Flotte der Griechen auseinanderschlagen und mit Orkanen das Meer durchwühlen, nur um die Schuld Aias des Lokrers zu rächen, und ich, die Königin der Götter, Zeus' Gemahlin und Schwester, soll dieses eine Volk jahrelang vergebens bekämpfen?" Solche Gedanken bewegte sie in ihrem zornigen Herzen und eilte in das Gebiet der Stürme, nach der Grotte des Aiolos, des Königs der Winde. Auf ihren Befehl und ihre Bitten ließ dieser sämtliche Winde aus ihrem Verlies los; diese stürzten wie Heere zur Feldschlacht heraus, wirbelten durch die Länder, legten sich, Ost und Süd, West und Nord, zugleich auf das Meer und reizten die Wogen gegeneinander auf, in deren Mitte die Flotte des Troianers schwamm. Ein Jammergeschrei erhob sich unter den Männern, die Taue rasselten, während Blitz auf Blitz zuckte und die Donner durch den Himmel rollten. Aineias pries in diesem Augenblick alle diejenigen glücklich, die unter Troias Mauern zu seiner Verteidigung gefallen waren, er beneidete seine Freunde Sarpedon und Hektor um den Tod durch die Hand des Tydiden und des großen Achilles. Aber seine Seufzer verwehte der Nordorkan, der die Segel der Schiffe nach vorn riß und diese selbst auf fürchterlichen Wasserbergen bis in die Wolken schleuderte. Die Ruder zerbrachen, die Meerflut brach ein, und die Schiffe legten sich wie sterbend auf die Seite. Drei von den Fahrzeugen schleuderte der Südwind auf verborgene Klippen, drei stieß der Ostwind von der hohen See auf seichte Sandbänke; auf eins, das lykische Bundesgenossen mit ihrem Führer Orontes trug, wälzte sich eine ungeheure Welle nieder und warf den Steuermann kopfüber ins Meer; dann drehte der Wirbel das Schiff dreimal in der Runde herum, und der Abgrund verschlang es. Auch das mächtige Schiff des Ilioneus und Achates, das Schiff des Abas und Aletes überwältigte der Sturm, und das Meerwasser drang durch die lockeren Fugen der Planken ein.

Jetzt endlich nahm der Meeresgott Poseidon von dem brausenden Aufruhr Kunde und wunderte sich über die losgelassenen Orkane. Er erhob aus den wilden Wogen sein ruhiges Haupt und schaute sich ringsum. Da erblickte er das Geschwader des Aineias allenthalben im Meere zerstreut und die Schiffe seiner Lieblinge, der Troianer, von den Wogen bedeckt und in Regengüsse gehüllt. Auf der Stelle erkannte er den Groll und die Ränke seiner Schwester Hera, rief den Ost und West gebieterisch zu sich her und sprach zu ihnen: "Was für ein Trotz hat euer freches Geschlecht ergriffen, so ohne meinen Befehl Himmel und Meer untereinander zu mischen und die Wogen bis an die Sterne zu türmen? Ich will euch! - Doch für diesmal sei eure einzige Strafe, die Meeresflut auf der Stelle zu verlassen; geht und sagt eurem Herrn, nicht ihm sei der Dreizack und die Herrschaft über die See verliehen worden, sondern mir; ihm gehören Felsen und Grotten, wo euer Gemach ist; dort mag er in verschlossenem Kerker über euch herrschen, bis man euch braucht!"

So sprach er, und unter dem Sprechen glättete er die schwellenden Wogen, verscheuchte die geballten Wolken und erheiterte die Luft, daß die Sonne wieder schien. Seine Meeresgötter mußten die Schiffe, die zwischen Klippen geraten waren, von den zackigen Felsen hin wegdrängen; er selbst hob die auf den Sandbänken aufsitzenden mit seinem Dreizack wie mit einem Hebel und machte sie wieder flott; dann glitt er auf seinem Wagen, von Seerossen gezogen, leicht über den Saum der Flut hin, und das Getöse des Meeres schwieg überall, wohin der Gott mit verhängtem Zügel die Rosse lenkte und einen Blick über die Wasser warf, wie bei einem Volksaufruhr der gemeine Pöbel, der voll Trotzes mit fliegenden Fackeln und Steinen umhertobte, plötzlich schweigt und horchend aufblickt, wenn ein Mann von Tugend und Verdienst erscheint.

Die müden Seefahrer sahen eine Küste vor sich liegen, rafften ihre Kräfte zusammen und steuerten dem Lande entgegen. Es war Afrikas Gestade. Bald nahm sie ein sicherer Port auf. Auf der einen Seite sonnige Wälder auf sanften Hügeln, auf der anderen ein Gehölz voll schwarzer Schatten an steiler Höhe, im Hintergrunde der Bucht eine Felsengrotte mit Quellen und Moosbänken. Dorthin fuhr mit seinen sieben Schiffen, dies war der ganze Überrest der Flotte, der Held Aineias. Die Troianer stiegen aus und lagerten sich in ihren triefenden Gewändern dem Ufer entlang. Der Held Achates schlug an einem Kiesel Feuer, fing die Glut in trockenen Blättern auf, nährte sie mit dürrem Reisig und fachte sie durch Schwingen zur Flamme an. Dann wurde das Bäckergeräte und das vom Wasser halb verdorbene Getreide aus den Schiffen ausgeladen und das gerettete Korn mit dem Mühlstein zermalmt.

Unterdessen erstieg Aineias klimmend einen Felsen mit seinem treuen Waffenträger Achates und ließ oben die Blicke über die weite Meeresfläche hinschweifen, ob er nichts von den vom Sturme verschlagenen Schiffen erblicken könnte, vom Antheus, vom Kapys mit den Fahrzeugen der Phrygier, von der Flagge des Kaikos; aber kein Schiff Begegnete seinem Blick; nur drei Hirsche sah er unten am Strande, welchen eine ganze Herde folgte, deren Nachzügler bis tief in ein Tal hinein weideten. Schnell ließ er sich Bogen und Pfeile reichen und streckte den Führer der Herde nieder, einen Hirsch mit hochästigem Geweih; und er ruhte nicht, bis er sieben Tiere erlegt hatte, soviel als die Zahl seiner Schiffe war. Dann kehrte er zur Bucht zurück; die Beute ward eingeholt und unter die Freunde verteilt. Auch stattliche Krüge mit Wein ließ Aineias aus den Schiffen herbeiholen, die ein Gastfreund an der sizilianischen Küste ihm geschenkt, und mit dem süßen Tranke flößte er Trost in ihre kummervollen Herzen. "Freunde", sprach er, "sind wir doch lange mit Trübsal vertraut, selbst mit größerer als diese gegenwärtige ist; darum laßt uns hoffen, daß ein Gott auch ihr ein Ende machen werde. Rufet nur den alten Mut zurück; in später Zeit werdet ihr euch mit großer Lust an alle diese Leiden erinnern. Denkt nur daran, daß das Ziel so vieler Not und Gefahr Italien ist, daß uns dort unser Geschick ruhige Sitze zeigt, daß dort ein zweites Troia emporblühen wird!"

Der Held sprach freilich diese Hoffnungsworte mit kummervollem Herzen, und er mußte seinen tiefen Schmerz gewaltsam in die Seele zurückdrängen. Indessen schlachteten und brieten die Genossen das Wildbret und labten sich an Schmaus und Wein, über die verlorenen Genossen zwischen Furcht und Hoffnung geteilt sich unterhaltend.
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Aphrodite von Zeus mit Rom getröstet - Sie erscheint ihrem Sohne

Auf der Zinne des Olymp stand Zeus der Göttervater und heftete die Blicke, die über Meer und Land und Völker geflogen waren, endlich auf die afrikanische Küste, in das libysche Reich der Königin Dido, wo eben Aineias gelandet hatte. Zu dem Sinnenden trat seine Tochter Aphrodite, in ihren glänzenden Augen schwammen Tränen, und sie sprach traurig: "Was hat dir mein Aineias getan, allmächtiger Beherrscher der Menschen und der Götter, daß ihm, nachdem er schon so viel Unheil erduldet hat, der ganze Erdkreis um Italiens willen verschlossen wird? Hast du nicht selbst mir verheißen, daß dorther aus dem erneuerten Blute des troianischen Stammvaters im Laufe der Jahre dereinst das Römervolk kommen und die Herrschaft über Land und Meer erhalten sollte? Nur diese Verheißung söhnte mich mit dem Falle Troias aus; was hat deinen Sinn so auf einmal verwandelt?"

Der Vater lächelte die Göttin huldvoll an, herzte sie mit einem Kuß und sprach mit dem Blicke, mit welchem er die Wolken vom Himmel verscheucht: "Sei getrost, Töchterchen, das Los deiner Schützlinge bleibt unverrückt. Laviniums Mauern in Italien werden sich erheben, in mächtigem Kriege wird Aineias dort siegen, trotzige Völker bändigen, Gesetz und Ordnung gründen. Drei Jahre wird er in Latium herrschen, sein Sohn Askanios oder Iulos wird den Sitz der Herrschaft nach Alba longa verlegen. Drei Jahrhunderte wird dort das Geschlecht des Priamos auf dem Throne sitzen, bis eine Priesterin der Hestia (Vesta) aus dem Königshause dem Kriegsgott Zwillingsknaben gebiert. Von diesen wird Romulus, von einer Wölfin gesäugt, seinem Vater Ares neue Mauern bauen und der Stifter des Römervolkes werden. Die Römer aber mache ich zu Herren der Welt, und ihrer Herrschaft sei kein Ziel gesetzt. Hera selbst, welche deinen Sohn jetzo quält, wird sich mit diesen seinen Enkeln versöhnen und sie mit mir begünstigen, und der größte Römer wird ein Nachkomme des Iulos sein und Iulius heißen. Sein Ruhm wird zu den Sternen sich erheben, er selbst, dein Nachkomme, Tochter, wird in den Himmel unter die Götter aufgenommen werden. Unter den Menschen aber wird nach beendigten Kriegen der ewige Friede wohnen, eiserne Riegel werden die Pforten der Zwietracht schließen, die, mit hundert Ketten gefesselt, vergebens mit den blutigen Zähnen knirschen wird."

So sprach Zeus und sandte sofort seinen Sohn, den Götterboten Hermes, nach Karthago, um dort den Troianern gastliche Herberge zu bereiten. Dieses Land war ein uralter Sitz phönizischer Pflanzer, und Hera beschirmte das Reich mit besonderer Huld. Ihre Rüstung, ihre Wagen waren dort aufbewahrt, und längst war es Wunsch und Bestreben der Göttin, hier ein Weltreich zu begründen. Jetzt aber beherrschte dieses libysche Reich Dido, die Witwe des Phöniziers Sychaios, welche hier die neue Stadt und Burg Karthago erbaut hatte.

Am anderen Morgen machte sich Aineias, nur von seinem Freund Achates begleitet, zwei Wurfspieße in der Hand, auf, um das neue Land zu erforschen, an dessen Gestade ihn der Sturm geworfen hatte. Da begegnete ihm mitten im Walde seine Mutter Aphrodite in Gestalt einer bewaffneten Jägerin, wie Spartas Jungfrauen sich zu tragen pflegen: ein Bogen hing ihr über den Schultern, das Haar flatterte frei in den Lüften, das leichte Gewand war ihr bis ans Knie aufgeschürzt. "Sagt mir doch, ihr Jünglinge", so redete sie die schreitenden Helden an, "habt ihr keine meiner Gespielinnen gesehen, in Luchspelz gekleidet, mit übergehängtem Köcher?" - "Nein", entgegnete ihr Aineias, "aber wer bist du, Jungfrau? In deinem Antlitz und deiner Stimme ist etwas Übermenschliches, bist du eine Nymphe, bist du eine Göttin? Doch, wer du auch seiest: sag uns, in welchem Lande sind wir? Der Sturm hat uns an dieses Gestade verschlagen, und wir irren schon lange in der Welt umher." Hierauf erwiderte Aphrodite lächelnd: "Wir lyrischen Mädchen pflegen uns immer so zu tragen, und ich bin darum nicht Apollons Schwester, weil du mich mit dem Köcher bewaffnet siehst. Du bist unter Tyriern, Fremdling, in einem Reiche der Phönizier, in der Nähe von Agenors Stadt; dennoch ist der Weltteil, in welchem du dich befindest, Afrika, das Land ist libysch und das Volk wild und kriegerisch. Eine Königin herrscht über uns, Dido; auch sie stammt aus Tyros und war dort die geliebte Gattin des reichen Phöniziers Sychaios. Aber ihr Bruder Pygmalion, der König von Tyros, ein unmenschlicher Tyrann, haßte den Schwager, und um die Liebe der Schwester unbekümmert, erschlug er ihren Gatten, geblendet von Goldgier, heimlich am Altar der Götter. Der blasse Schatten des Gemordeten erschien seiner Gemahlin im Traume, mit einer tiefen Schwertwunde in der Brust, und entschleierte ihr das geheime Verbrechen; er riet ihr zu schleuniger Flucht aus dem Vaterlande und bezeichnete ihr die unterirdische Stelle, wo der alte verborgene Reichtum des Königs, Silber und Gold, ihre Fahrt zu unterstützen, bereit läge. Dido folgte seinem Winke; der Tyrannenhaß sammelte viele Gefährten um sie. Was von Schiffen bereit lag, wurde mit dem Golde des kargen Pygmalion angefüllt. So gelangten sie an die Küste Afrikas und an den Ort, wo du jetzt die gewaltigen Mauern der neuen Stadt Karthago und ihre himmelansteigende Burg erblicken wirst. Hier erkaufte sie anfangs nur ein Stück Landes, welches Byrsa oder Stierhaut genannt wurde nach ihrer Tat. Denn sie verlangte nur so viel Feldes, als sie mit einer Stierhaut zu umspannen vermöchte. Diese Haut aber schnitt sie in so dünne Riemen, daß sie den ganzen Raum einschloß, den jetzt Byrsa, die Burg Karthagos, einnimmt. Von dort aus erwarb sie mit ihren Schätzen immer größeres Gebiet, und ihr königlicher Geist gründete das mächtige Reich, das sie jetzt beherrscht. Nun wißt ihr, wo ihr seid, ihr Männer. Aber wer seid denn ihr, woher kommt ihr und wohin wandert ihr?" Mit diesen Fragen veranlaßte die Göttin eine rührende Erzählung seines Schicksals aus dem Munde ihres Sohnes, dessen Klage sie jedoch bald unterbrach: "Wenn meine Eltern mich nicht umsonst die Deutung des Vogelfluges gelehrt haben", sagte sie, "so verkündige ich dir die Rettung deiner verschlagenen Schiffe und die Rückkehr deiner Freunde. Denn ich sah am offenen Himmel in freudigem Zuge zwölf Schwärme fliegend, die kurz zuvor ein Adler, der Vogel Zeus', auseinandergescheucht hatte. In langem Zuge suchten sie teils das Land zu gewinnen, teils schwebten sie schon über dem gewonnenen; so erreichten auch deine Genossen schon zum Teil den Hafen, zum Teil nähern sie sich ihm mit vollen Segeln. Du aber geh' immerhin auf dem betretenen Pfade fort." So sprach die Jungfrau und wandte sich um. Ihr rosiger Nacken erglänzte von überirdischem Licht, ihre ambrosischen Locken verbreiteten einen himmlischen Wohlgeruch, ihr Kleid wallte blendend zu den Fersen hernieder, ihre Gestalt erschien übermenschlich, ihr ganzer Weggang verkündigte die Göttin. Jetzt erkannte Aineias plötzlich seine Mutter und rief die Fliehende vergebens zurück. Diese aber umhüllte die Wanderer mit einer dichten Umkleidung von Nebel, daß niemand sie schauen und ihre Absichten erforschen könnte. Sie selbst schwebte hoch durch die Lüfte nach ihrem Lieblingssitze Paphos.
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Aineias in Karthago

Die beiden Wanderer gingen rüstig im Nebel dahin, immer dem Fußpfade nach. Bald hatten sie den Hügel erstiegen, der sich hoch über die Stadt erhob und auf die gegenüberstehende Burg hinuntersah. Mit Staunen betrachtete Aineias den stolzen Königsbau, der sich da erhob, wo früher nur armselige Bauernhütten gestanden hatten, die hohe steinerne Pforte der Stadt, die breiten gepflasterten Straßen, den Lärm und das Gewühl darin. Noch aber wurde an der Stadt gebaut, die Tyrier betrieben das Werk mit allem Eifer: die einen waren mit den Stadtmauern beschäftigt, die anderen mit der Vollendung der Burg, zu deren Höhen sie Quadersteine emporwälzten; viele bezeichneten mit Furchen erst den Platz, auf welchem sich ihr Haus erheben sollte. Der größere Teil der Einwohnerschaft war auf dem Marktplatze versammelt, wählte den Senat und die Richter des Volkes und beratschlagte über die Gesetze des neuen Staates. Noch andere gruben bereits an den Häfen, andere legten den Grund zu einem Theater und hieben dazu mächtige Säulen als Zierden der künftigen Bühne aus dem Felsen. Das Ganze war anzusehen wie ein Bienenschwarm, der eben schwärmt.

In ihrem Nebelgewande geborgen befanden sich Aineias und sein Begleiter bald in der Mitte des beschäftigten Volkes und gingen unerkannt hindurch. Mitten in der Stadt befand sich ein schöner Hain, voll des kühlsten Schattens, wo nach langen Stürmen und Meerfahrten die Phönizier oder Punier zuerst ein Glückszeichen, das ihnen Hera sandte, ausgegraben hatten, ein Pferdehaupt, wodurch ihnen Kriegsglück und Nahrung vorbedeutet ward. Hier baute die Königin Dido der Hera einen prächtigen Tempel; Stufen, Torpfosten und Türflügel, alles war von Erz. In diesem Haine faßte sich der Held Aineias erst wieder einen getrosten Mut und gab sich in seiner verzweifelten Lage kühneren Gedanken der Hoffnung hin. Denn während er sich in dem herrlichen Tempel umschaute und über die prächtigen Kunstwerke, die sich darin befanden, staunte, stieß er auf eine Reihe von Wandgemälden, in welchen die Schlachten Troias dargestellt waren. Priamos, die Atriden, Achilles, Rhesos und Diomedes, fliehende Griechen, und wieder Troianer, der Knabe Troilos von seinen Pferden geschleift, Troianerinnen mit fliegendem Haar im Tempel der Pallas, Hektors geschleppte Leiche, Penthesilea mit ihren Amazonen, alles erkannte der Held Aineias, ja am Ende entdeckte er auch sich selbst, wie er von der Mauer herab den ungeheuren Stein auf die Feinde schleudert.

Wahrend er dies alles unter Schmerz und Lust mit Verwunderung sich beschaute, nahte die Königin Dido selbst, im höchsten Glänze jugendlicher Schönheit, von einem großen Gefolge tyrischer Jünglinge umgeben, dem Tempel. Unter der Wölbung des Portals setzte sie sich, von Bewaffneten umringt, auf einen hohen Thron und teilte dem Volke, das sich um sie versammelte, teils nach billiger Schätzung, teils durchs Los die Arbeit in der neuen Stadt aus, sprach Recht, gab Gesetze. Da sahen Aineias und Achates plötzlich mitten in dem Gewühle ihre verloren geachteten Freunde und Genossen, den Sergestos, den Kloanthos und viele andere Troianer, welche der Sturm von ihnen getrennt und an andere Küsten verschlagen hatte. Freude und Angst ergriff sie bei diesem Anblick: sie glühten vor Begierde, ihnen die Rechte zu traulichem Handschlage zu reichen, und doch machte sie das Unbegreifliche der Sache wieder irre: sie hielten deswegen in ihrem Nebelgewölbe an sich und warteten zu, ob sie nicht im Verlauf der Dinge das Schicksal der Freunde aus ihrem eigenen Munde erfahren würden. Denn es waren, wie sie sahen, auserwählte Männer von jedem Schiffe. Auch drängten sie sich bald aus der Menge hervor, traten in die Vorhalle des Tempels ein, und als ihnen das Wort von der Königin vergönnt wurde, hob ihr Führer Ilioneus zu sprechen an: "Edle Königin, wir sind arme Troianer, die der Sturm von Meer zu Meer geschleudert hat. Wir richteten den Lauf unserer Flotte nach dem fernen Italien, als ein unvermuteter Orkan uns unter die Klippen schleuderte, wo viele unserer Schiffe ohne Zweifel zugrunde gegangen sind. Die Überbleibsel der Flotte haben euer Gestade erreicht. Aber was sind das für Menschen, unter die wir geraten sind? Welches Barbarenvolk duldet solche Gebräuche? Man verwehrt uns, den Strand zu betreten, man droht mit Krieg, mit Verbrennung unserer Schiffe. Wenn ihr von Menschlichkeit nichts wisset, so scheuet doch wenigstens die Götter! Aineias war unser Führer - es gibt keinen größeren und frömmeren Helden! Wenn das Schicksal uns diesen Mann erhalten hat, so wird euch der Dienst, den ihr uns erweiset, niemals gereuen. Darum gestattet uns, die lecken Schiffe ans Land zu ziehen, in euren Wäldern Schiffsbalken zu zimmern und Ruder zu verfertigen. Finden wir unseren König und unsere Freunde wieder, dann dürfte uns wohl die Fahrt nach dem verheißenen Italien glücken. Hat aber ihn die libysche Flut verschlungen und ist unsere Hoffnung dahin, nun, dann gib uns wenigstens sicheres Geleit, mächtige Königin, daß wir zu unserem Gastfreunde am sizilischen Strande, von dem wir herkommen, wieder zurückkehren können."

Die Königin senkte vor den Männern den Blick auf die Erde und antwortete kurz: "Verbannet die Angst aus euren Herzen, Troianer; mein Schicksal ist so hart, mein Reich ist so jung, daß ich genötigt bin, die Grenzen des Landes ringsumher durch strenge Wachen sicherzustellen. Troias Stadt aber und ihr unglückliches Volk, ihre Helden, ihren Waffenruhm, ihre fürchterliche Zerstörung kennen wir gar wohl. Unsere Stadt ist nicht so abgelegen, daß sie nichts von ihrem Schicksal wüßte; unsere Herzen sind nicht so unempfindlich, daß es uns nicht rührte. Möget ihr euch denn Hesperien zum Wohnsitz erwählen oder Siziliens Insel: in beiden Fällen getröstet euch meiner Hilfe, ich will euch mit allem Nötigen versehen und in Frieden ziehen lassen; es wäre denn, daß ihr euch lieber hier im Lande ansiedeln wolltet! Wollet ihr das, so steht euch frei, eine Stadt zu gründen, und meine Gesetze sollen euch denselben Schutz verleihen wie meinen eigenen Untertanen. Was euren König betrifft, so sende ich auf der Stelle sichere Männer an meine Ufer und im Lande umher, um ihn auszuspähen, ob er nicht, irgendwo gestrandet, in Wäldern oder in Städten umherirrt."

Die beiden Helden in der Wolke brannten vor Begierde, den Nebel zu durchbrechen, als sie solches hörten. "Hörst du es, Sohn der Göttin", flüsterte zuerst Achates seinem erhabenen Freunde zu, "die Schiffe, die Freunde alle sind gerettet; nur einer fehlt, den wir selbst ins Meer sinken sahen; sonst entspricht alles den Verheißungen deiner Mutter." Kaum war dieses gesprochen, als die Nebelwolke sich von selbst teilte und in den offenen Äther verschwand. Da stand nun Aineias im heiteren Lichte, wie ein Gott an Schultern und Haupt glänzend: seine Mutter hatte ihm schönes wallendes Lockenhaar auf das Haupt, das Purpurlicht der Jugend auf die Wangen und in das heitere Auge den Strahl der Huld gezaubert. Wie ein Wunder stand er vor allen da, wandte sich zur Königin und sprach: "Da bin ich, nach dem ihr verlanget, aus den Wellen Libyens gerettet, ich, der Troianer Aineias! Edle, großmütige Königin, die du die Trümmer meines unglücklichen Volkes erbarmungsvoll in deine Stadt aufgenommen hast, keiner von allen Troianern, die über die ganze Erde zerstreut sind, kann dir würdigen Dank bezahlen; mögen dir die Himmlischen vergelten! Selig sind die Eltern, die dich gezeugt haben! So lange die Erde stehet, wird dein Name bei uns von Ruhme strahlen, welches Land uns auch rufen mag!" So sprach Aineias und eilte auf seine Freunde zu, die Rechte, die Linke ihnen um die Wette darreichend. Als sich Dido vom ersten Erstaunen erholt hatte, sprach sie: "Sohn der Göttin, welches Schicksal verfolgt dich durch solche Gefahren? Du bist also jener Aineias, welchen einst Anchises, dem Troianer, die erhabene Göttin Aphrodite an den Wellen des Simoeis geboren hat! Wohl hab' ich vieles von den Schicksalen deines Geschlechts und deines Volkes von meinem Vater Belos vernommen. Als dieser in Kypros kriegte, kam der Argiver Teukros, Telamons Sohn, zu ihm, der dort nach dem troianischen Kriege eine Niederlassung gegründet hatte; dieser erzählte viel von euren Heldentaten. Er war zwar euer Feind im Kriege, aber zugleich euer Blutsverwandter, denn auch er rühmte sich, vom alten Geschlecht der Teukrer abzustammen; seine Mutter Hesione, welche Telamon als eine Kriegsgefangene von seinem Freunde Herakles zum Geschenk erhalten hatte, war eine Tochter des troianischen Königs Laomedon. Nun aber, ihr Männer, tretet getrost in unsere Häuser ein, auch ich bin eine Verbannte, auch ich fand nach langen Mühsalen erst in diesem Lande Ruhe. Ich bin wohl vertraut mit dem Jammer und verstehe mich auf den Beistand Unglücklicher."

So sprach Dido und führte den Helden unverzüglich in ihren Palast, auch ordnete sie in allen Tempeln ein prächtiges Opferfest an. Das Innere der Burg wurde mit königlichem Prunk ausgeschmückt und in den schönsten Sälen des Palastes ein Festmahl zugerüstet. Kunstvolle Purpurteppiche prangten überall, schweres Silber belastete die Tische, goldene Pokale mit erhabener Kunstarbeit schimmerten allenthalben.

Indessen ließ dem edlen Aineias seine Vaterliebe keine Ruhe; er schickte den treuen Diener Achates schleunigst zu der Flotte, dem Knaben Askanios die frohe Botschaft zu verkündigen und ihn selbst herbeizuführen. Auch allerlei Ehrengeschenke, die er aus dem Schutthaufen Troias gerettet, befahl er herbeizubringen: einen prächtigen Mantel mit goldgewirkten Bildern, den Schleier Helenas, ein Wundergeschenk ihrer Mutter Leda, den sie aus Sparta mitgebracht, das Szepter der Ilione, der ältesten Tochter des Priamos, ein Halsgeschmeide von Perlen, und eine Krone, von Gold und Edelsteinen glänzend. Mit diesen Aufträgen eilte Achates nach den Schiffen.
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Dido und Aineias

Aber die himmlische Mutter des Helden war nicht beruhigt über sein Schicksal, sie fürchtete die doppelzüngigen Tyrier und das betrügliche Königshaus. Auch daß Hera, die Todfeindin des Aineias, Schutzgöttin des Landes war, machte ihr schwere Sorge. Sie sann deswegen auf eine ganz neue List. Ihr Sohn, der Liebesgott, sollte die Gestalt des Knaben Askanios annehmen und an seiner Stelle in Karthagos Hofburg erscheinen. Würde nun Dido den holden Jungen beim königlichen Schmause auf den Schoß nehmen und ihn harmlos herzen und küssen, so sollte ihr Eros (Amor) das heimliche Feuer und das betörende Gift der Liebe einhauchen.

Der Liebesgott gehorchte dem Gebote seiner Mutter, er entledigte sich in aller Eile seiner Flügel und wandelte in kurzem, vergnügt über die Rolle, die er zu spielen hatte, dem kleinen Iulos oder Askanios täuschend ähnlich, an der Hand des Achates, der keinen Betrug ahnte, der Königsstadt entgegen. Den wahren Askanios hatte Aphrodite im Schlummer in ihr eigenes Gebiet, in den Hain Idalion, entführt und ihn dort in duftenden Majoran unter kühlen Schatten gelegt.

Als Achates mit dem kleinen Gott an der Hand in Karthagos Burg eintraf, hatte sich die Königin schon auf einem goldenen, mit köstlichen Teppichen gepolsterten Throngestell in der Mitte des Saales niedergelassen; Aineias und die troianischen Helden kamen von allen Seiten herbei und lagerten sich die Tische entlang auf purpurne Polster; Diener boten Reinigungswasser und Handtücher herum und langten das Brot aus den Körben hervor; fünfzig Mägde standen in langen Reihen in der Küche vor den dampfenden Speisen an flammenden Herden; andere hundert Mägde und ebenso viele schmucke Diener türmten die Gerichte auf den Tischen umher und stellten die goldenen Becher vor die Gäste. Auch die Tyrier kamen jetzt scharenweise herbei und lagerten sich auf das Gebot ihrer Königin an den Tafeln. Die Geschenke des Aineias wurden herumgegeben und bewundert. Dann richteten sich aller Blicke auf den kleinen vermeintlichen Iulos, der mit heuchlerischen Umarmungen sich an den Hals seines Vaters warf, seinen Mund mit Küssen bedeckte und wunderkluge Worte dazu sprach. Die arme Dido besonders, die schon von dem Gott ihrem Verderben geweiht war, konnte ihr Gemüt gar nicht sättigen und blickte bald den Knaben, bald die Geschenke mit immer funkelnderen Augen an. Der kleine Liebesgott riß sich endlich von dem erheuchelten Vater los und eilte auf die Königin zu. Diese nahm ihn arglos auf die Arme, blickte ihn liebreich an und herzte ihn zärtlich, ohne zu ahnen, welch ein mächtiger Gott sich ihr anschmiege. Eros aber, den listigen Befehlen seiner Mutter gehorsam, verwischte allmählich das Bild des verstorbenen Gemahls in ihrem Geist und reizte die erstorbenen Gefühle ihrer Brust zu neuer lebendiger Neigung.

Der Schmaus ging zu Ende, die Gerichte wurden von den Tafeln genommen, gewaltige Weinkrüge aufgestellt und die Becher aufs neue gefüllt. Lautes Rauschen wälzte sich durch die Säle des Palastes; die Nacht war herbeigekommen, und flammende Kronleuchter hingen von dem goldenen Deckengetäfel herunter. Jetzt ließ sich Dido die herrlichste Schale, schwer von Gold und Edelsteinen, reichen und füllte sie bis zum Rande mit Wein: sie war längst der Mundbecher aller lyrischen Könige. Diese hielt die Königin, von ihrem Thron sich erhebend, hoch in der Rechten, und in diesem Augenblick verstummte der Lärm in den Sälen des Palastes. "Zeus", sprach sie mit feierlicher Stimme, "mächtiger Beschirmer des Gastrechts, laß diesen Tag den Tyriern und unseren troianischen Freunden günstig sein, und unsere späten Enkel mögen desselben noch mit Lust gedenken! Auch du, Freudengeber Bakchos, auch du, huldreiche Hera, sei mit uns!" So sprechend, goß sie das Trankopfer auf den Tisch aus, nippte dann von der goldenen Schale selbst und bot sie dem tyrischen Häuptling, der ihr zunächst saß. Nun machte der Pokal bei Tyriern und Troianern die Runde, und derweil sang ein lockiger Sänger zur goldenen Zither sinnvolle Lieder vom Ursprung der Welt, der Menschen und der Tiere. Als der Gesang zu Ende war, hing Dido an dem Munde des erzählenden Aineias, vernahm seine Schicksale mit pochendem Herzen und schlürfte in langen Zügen das Gift der süßen Liebe ein.
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Didos Liebe betört den Aineias

Die Mienen, die Worte des Helden gruben sich der Königin tief ins Herz. Als die Gäste den Palast längst verlassen hatten und sie wenige schlaflose Stunden auf ihrem Lager zugebracht, suchte sie das Gemach ihrer geliebten Schwester und vertrautesten Freundin Anna auf und begann dieser ihr ganzes Herz aufzuschließen. "Schwester Anna", sprach sie, "mich ängstigen wunderbare Träume. Welch ein seltener Gast hat unsere Wohnungen betreten, welche Waffen, welcher Mut, welche Blicke! Man sieht ihm wohl an, daß er von den Göttern abstammt! Und welches Geschick hat er erfahren, welche Kriege durchgekämpft, welche Fahrten bestanden! Wahrhaftig, Schwester, wenn ich nicht unwiderruflich beschlossen hätte, mich durch das Band der Ehe keinem Manne mehr zu gesellen, seit der Tod mich um meine Erstlingsliebe betrogen hat: dieser einzigen Schwäche könnte ich vielleicht unterliegen. Aber eher soll mich die Erde verschlingen, eher der Blitz mich treffen, ehe ich meinem ermordeten Gemahl die Treue breche; er hat meine Liebe mit sich fortgenommen, er behalte sie auch im Grabe!" Tränen erstickten ihre Stimme, und sie vermochte nicht weiter zu sprechen.

Ihre Schwester blickte sie mitleidig an und erwiderte: "Dido, ich liebe dich mehr als mein Leben, willst du deine holde Jugend denn ganz in Witwengram verjammern? Meinst du, der Staub deines Gatten kümmere sich um deine Entsagung? Kommt es dir denn gar nicht in den Sinn, in welchem Gebiet du hausest, daß du auf der einen Seite von kriegerischen Gaetulern, von unbändigen Numidenstämmen, von ungastlichen Sandbänken, auf der anderen Seite von wasserlosen Wüsten eingeschlossen bist? Und welche Kriege drohen dir von Tyros her, von deinem unversöhnlichen Bruder? Glaube mir, durch Gunst unserer Schutzgöttin Hera ist es geschehen, daß die troianischen Schiffe hier gelandet sind. Schwester, wie mächtig würde unsere Stadt, wie mächtig das Reich durch eine solche Vermählung werden! Wie wird sich der Ruhm der Punier steigern, von den Waffen der Troianer begleitet! Sei klug, liebe Schwester, opfere den Göttern, heiße die Gäste bleiben, umstricke die Helden mit Einwendungen aller Art, so lange ihre Flotte noch zerschellt und die Winde den Schiffenden zuwider seien."

Anna entflammte mit diesen Worten Didos glühende Seele noch mehr und schläferte alle Scheu in ihrem Herzen ein. Sie gingen zusammen in den Tempel und opferten den Göttern. Dann führte Dido den geliebten Helden durch ihre Stadt, zeigte ihm den sidonischen Königsglanz und feierte ihrem Gast zu Ehren ein neues Mahl; wieder herzte sie den Askanios, das Ebenbild seines Vaters, wieder konnte sie nicht satt werden, den Helden von Troias Leiden erzählen zu hören.

Dies war der Göttermutter Hera vom Olymp herab nicht entgangen. Der rechte Zeitpunkt, den Helden für immer um das verheißene Italien zu betrügen und das Volk der Troianer in fremden Stämmen sich verlieren zu lassen, schien ihr gekommen. Sie suchte ihre Tochter Aphrodite auf und begann heftig, doch freundlich zu ihr: "Wahrhaftig, du und dein Knabe, ihr habt einen schönen Sieg davongetragen! Doch wozu noch längeren Hader? Laß uns ein Ehebündnis und damit ewigen Frieden schließen! Du hast, was du mit ganzer Seele suchtest: Dido glüht von Liebe zu Aineias. Wohlan, laß uns die Völker verschmelzen; sie mag dem troianischen Gatten dienen, und die Tyrier sollen seine Hochzeitsgabe sein."

Aphrodite merkte die heimliche Absicht der Heuchlerin wohl, sie erwiderte aber ganz willfährig: "Wie könnte ich so töricht sein, dir dieses zu verweigern, Mutter? Wie könnte ich es wagen wollen, in endlosem Kampf mich mit dir zu messen? Ich fürchte nur, Zeus möchte den Verein beider Völker nicht gestatten. Doch, du bist ja seine Gemahlin, dir ziemt es, sein Herz durch Bitten geneigt zu machen. Was du zuwege bringst, ist mir recht." - "Laß das meine Sorge sein", erwiderte Hera vergnügt, "vor allen Dingen muß der Bund geschlossen werden. Laß mich nur die Geschicke lenken, Geschehenem wird Zeus seine Billigung nicht versagen." Zustimmend und freundlich nickte Aphrodite, aber im Herzen spottete sie des Betrugs.

Am nächsten Morgen veranstaltete die Königin eine große Jagd, ihren fremden Gästen zu Ehren. Auserlesene Jünglinge mit Schlingen, Netzen, breiten Jagdspießen, von Reitern und Spürhunden begleitet, verließen die Tore. Vor dem Palast stand der Zelter der Königin, mit Gold geschmückt und mit Purpurdecken behangen, und kaute mutig an seinem beschäumten Gebiß; an der Pforte harrten die Punierfürsten. Endlich trat Dido heraus, umdrängt von großem Jagdgefolge; sie trug ein buntbesticktes sidonisches Jägerkleid; darüber einen mit goldener Schnalle aufgeschürzten Purpurrock; ein goldenes Diadem umschlang ihre Stirn, und von der Schulter hing ihr der goldene Köcher. Vier Troianer waren in ihrem Zuge, darunter auch der muntere Iulos. Endlich schloß sich der Schönste von allen, Aineias, mit seinem vertrautesten Helden ebenfalls der Begleitung an.

Als die Gesellschaft das Gebirge erreicht hatte, zerstreute sie sich bald auf der unwegsamen Wildbahn; von den Felsenkuppen sah man bald Gemsen über die Hügel her stürzen; auf der anderen Seite verließen Hirsche in stäubender Flucht ihre Berge, drängten sich in bange Haufen zusammen und durchrannten die offenen Felder. Mitten im Tal tummelte der Knabe Iulos oder Askanios sein mutiges Pferd und flog damit bald an diesen, bald an jenen Jägern vorüber; das schüchterne Wild war ihm viel zu gering; immer hoffte er, es werde ein schäumender Eber angelaufen kommen oder ein Löwe mit gelber Mähne hinter dem Hügel hervorschreiten.

Die Jäger waren so ganz in ihre Lust vertieft, daß sie nicht merkten, wie der Himmel sich zu verdunkeln begann, und das drohende Ungewitter, das sich in den Wolken zusammenzog, erst entdeckten, als der Wind durch die Bäume sauste und plötzlich Regen und Hagel herniederströmte. Tyrier und Troianer suchten, zerstreut und verwirrt, durch Felder und Wälder sich verschiedenen Schutz vor dem Unwetter. Während nun angeschwollene Waldströme von den Bergen stürzten und ein Zufluchtsort vom andern vereinzelt und abgeschnitten wurde, fanden sich durch Heras Veranstaltung die Königin Dido und der Troianerheld Aineias zugleich in der nämlichen Grotte zusammen, um vor dem immer mehr tobenden Ungewitter Schutz zu finden. Mit dem Aufruhr der Natur, beim Leuchten der Blitze und dem Krachen des Donners entfesselte sich auch die bisher zurückgehaltene Neigung der Königin; sie vergaß aller weiblichen Scheu und gestand dem Helden ihre glühende Liebe. Da schwanden dem betörten Aineias die göttlichen Verheißungen, er erwiderte ihre Zärtlichkeit und besiegelte mit einem leichtsinnigen Schwur die Ausbrüche ihrer Leidenschaft.
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Aineias verläßt auf Zeus' Befehl Karthago

Das Ungewitter war vorüber, die Jagdgesellschaft hatte sich wieder zusammengefunden, und Aineias kehrte an Didos Seite nach der Stadt und in den Palast zurück. Ein Freudenfest folgte auf das andere, keiner Abfahrt ward gedacht, und der Winter kam heran.

Jetzt machte sich Pheme, die Göttin des Gerüchts, auf und durchflog die Städte Libyens. Diese, ein Wesen von seltsam beweglicher Gestalt, ist eine Tochter der Mutter Erde und die jüngste Schwester der Giganten. So oft sie aus ihrer Verborgenheit hervorgeht, ist sie anfangs ganz klein und schüchtern, aber im Fortschreiten wächst sie an Kräften und Größe, erhebt sich bald in die Lüfte, und während ihre Füße über den Boden gleiten, verbirgt sich ihr Scheitel in den Wolken. Ihre Gestalt ist gräßlich, ihr Haupt mit Flaumfedern bedeckt; so viel Federn, so viel funkelnde Augen darunter, so viel Zungen und Mäuler, die nie schweigen, so viel immer gespitzte Ohren. Nachts fliegt sie zwischen Erde und Himmel einher, rauscht durch die Schatten, und nie schließen sich ihre Augenlider zum Schlummer. Den Tag über aber lauscht sie hingekauert, bald am Giebel der Häuser, bald auf den Zinnen der Türme und schreckt Stadt und Land mit ihrem krächzenden Ruf, und es ist ihr einerlei, ob sie Wahrheit verkündet oder Lug und Betrug meldet.

Dieses häßliche Wesen füllte auch jetzt mit mancherlei Gerüchten die Länder Afrikas an und erzählte schadenfroh alles durcheinander, was geschah und nicht geschah: Ein Fremdling sei gekommen, ein Mann aus troianischem Geschlecht, Aineias mit Namen; diesen habe sich die reizende Königin Dido zum Gemahl erkoren; sie vergesse der Sorge für ihre Herrschaft, die Zügel der Regierung entgleiten ihren Händen, und das Paar durchschwelge in Pracht und Üppigkeit den Winter. Solche Sagen ließ die häßliche Göttin durch den Mund des Volkes gehen. Dann richtete sie ihren Lauf plötzlich nach Numidien zu dem König Iarbas, dessen Hand kürzlich von Dido verschmäht worden war. Diesem entflammte sie das gekränkte Herz durch ihre Zuflüsterungen zum wildesten Grimm. Er war ein Sohn Zeus' und einer libyschen Nymphe und hatte seinem Vater hundert prächtige Tempel in Numidien erbaut, wo stets geschäftige Priester opferten und die Pforten immer mit Blumen bekränzt waren. Dieser, von dem bitteren Gerücht in Wut versetzt, warf sich jetzt vor die Altäre und flehte mit rückwärts erhobenen Händen zum Himmel empor: "Allmächtiger Zeus, dem die maurischen Völker alle dienen, siehest du das und sendest deinen Blitz nicht? Ein landflüchtiges Weib, das für Geld sich ein Städtchen gegründet hat, der ich in meinem Gebiet das Ufer zum Pflügen, das Land zum Beherrschen verliehen habe, ein solches Weib hat trotzig meine Hand verschmäht, ergibt sich dem glatten Troianer und läßt den Weichling meines Raubes genießen? Und wir sind solche Toren und hören nicht auf, in deinen Tempeln dir Geschenke darzubringen, und glauben an deine Weltregierung!"

So betete er und faßte seines Vaters Altar. Zeus hörte ihn und richtete seinen Blick vom Olymp auf Karthago. Dann berief er seinen Sohn Hermes. "Was hat Aineias", sprach er zornig, "im feindlichen Lande zu schaffen? Nicht dazu habe ich ihn zweimal den Waffen der Griechen und so oft den Stürmen entrissen. Rom soll er mir gründen! Auf der Stelle soll er davonschiffen, ich will's! und das sollst du ihm von mir verkünden." Wie ein Vogel durcheilte der Gott mit seinen fliegenden Sohlen die Luft; bald war er in Karthago und fand hier den Helden Aineias, wie er eben den Bau neuer Paläste überwachte. Sein Schwert funkelte von Edelsteinen; sein Mantel, den Dido selbst gefertigt, glühte von Purpur; er glich vom Kopf bis zur Sohle einem lyrischen Fürsten und nicht mehr einem Troianer. Da stellte sich Hermes, allen anderen unsichtbar, neben ihn und schalt ihm ins Ohr: "Weibersklave, hier stehest du, deiner Bestimmung und deines Reiches vergessend, und bauest einer Fremden die Stadt! Weißt du nichts mehr von deinem Sohn Askanios und von der Römerherrschaft, die du gründen sollst? Wisse, Zeus sendet mich vom Olymp, dich zu strafen, dich fortzutreiben!"

Der Gott war entflogen, ehe sich Aineias von seiner Betäubung erholen konnte, aber das Göttergebot hallte in seiner Seele nach und gestattete ihm nicht mehr an anderes zu denken als an schleunige Flucht. Nachdem er seinen Vorsatz von allen Seiten geprüft und erwogen, berief er seine vertrautesten Genossen zu sich an einen einsamen Ort und befahl ihnen, in aller Stille die Flotte zu rüsten, die Genossen am Strande zu versammeln, die Waffen in Bereitschaft zu halten, aber die Ursache dieses neuen Beginnens aufs vorsichtigste zu verheimlichen. Er selbst wolle, noch bevor Dido den vom Himmel erzwungenen Treubruch ahne, die günstigste Stunde ausspähen, um ihr so mild als möglich den Beschluß des Schicksals beizubringen.

Aber wer kann sich vor einem liebenden Herzen verbergen? Die Königin merkte den Betrug; war sie doch schon bange, als alles noch sicher war. Jetzt hatte ihr die tückische Pheme gemeldet, daß die Troianer ihre Flotte rüsteten und die Abfahrt betrieben. Wie wahnsinnig irrte sie in den Straßen ihrer Stadt umher, und endlich trat sie vor ihren Geliebten selbst und sprach zu ihm: "Treuloser, du hofftest dein Verbrechen mir zu verhehlen und dich schweigend aus meinem Lande zu schleichen; meine Liebe, meine Hand, mein Tod kann dich nicht zurückhalten? Mitten im Winter betreibst du die Fahrt, Grausamer, und willst dich lieber den Nordwinden in den Arm werfen als in meinen Armen ruhen? Warum fliehest du mich, Aineias? Bei diesen Tränen, bei deinem Handschlag, bei unserer begonnenen Ehe beschwöre ich dich, wenn ich Gutes um dich verdient habe, wenn etwas an Dido dir süß war, so ändere deine Gesinnung, so erbarme dich meines sinkenden Hauses; um deinetwillen hassen mich die Völker Libyens, ja die Tyrier selbst, um deinetwillen habe ich der Zucht entsagt, die mich unsterblich machte. Gastfreund, denn Gatte bist du nicht mehr, wem lassest du die Sterbende zurück? Soll ich warten, bis mein Bruder Pygmalion meine Mauern stürmt, bis der Numidier Iarbas mich in die Gefangenschaft führt?"

So sprach die verzweifelnde Dido. Aineias aber, von Zeus gewarnt, zeigte keine Regung in seinem Blicke und preßte den Kummer ins Herz zurück. Endlich erwiderte er kurz: "So lange ich mich selbst kenne, Königin, so lange mein Geist in diesen Gliedern sich regt, werde ich Didos Wohltaten nicht vergessen. Glaube nicht, daß ich mich wie ein Dieb davonstehlen wollte; wir sind nicht vermählt, ich habe nie die Brautfackel angesprochen, nicht zu solchem Bunde bin ich zu dir gekommen. Erlaubte mir das Geschick, nach freier Wahl mein Leben einzurichten, so würde ich zuerst die geliebte Heimat Troia und des Priamos Haus wieder aufrichten; aber nach Italien heißt mich Apollon steuern, dort ist mein Herz und mein Schatz, dort ist mein Vaterland. Darf ich meinen Sohn um das verheißene Reich betrügen? Zeus selbst verbietet es mir; Hermes, sein Bote, ist mir leibhaftig erschienen. Deswegen quäle dich und mich nicht länger mit Klagen; nicht freiwillig suche ich Italien auf!"

Seitwärts gewendet blickte schon lange die Königin den Redenden an, ließ die Augen rollen, maß ihn schweigend von der Sohle bis zum Scheitel und brach endlich in die Worte der Entrüstung aus: "Keine Göttin hat dich geboren, nicht Dardanos ist dein Ahn, aus den Felsen des Kaukasos bist du entsprossen, hyrkanische Tiger haben dich gesäugt! Hat er bei meinen Tränen auch geseufzt? Hat er nur das Auge gewendet, die Liebende beweint, bedauert? Als Bettler an den Strand geworfen, habe ich ihn aufgenommen, die Flotte, die Genossen aus dem Rachen des Todes ihm zurückgegeben, ihn zu meines Thrones Gemeinschaft erhoben: und nun schützt er ein Orakel des Apollon, nun gar die Ankunft eines Götterboten vor, und einen Befehl der Himmlischen, als ob diesen der Treubruch am Herzen läge! Nun wohl, ich streite nicht, ich halte dich nicht, suche dein Italien im Sturm! Wenn es noch Götter gibt, wird meine Rache dich in den Klippen finden! Mein Schatten zieht dir nach, und wenn du büßest, werd' ich es in der Tiefe des Hades vernehmen!" Atem und Stimme versagten der Unglücklichen, und sie wurde von den Armen ihrer Dienerinnen aufgefangen.

Wohl fühlte sich Aineias versucht, den Kummer Didos durch liebreichen Trost zu lindern, und seine eigene große Liebe zu der Königin bewegte ihm den Geist, doch vermochte sie nicht, ihn wankend zu machen; er blieb dem Gebote der Götter treu und wanderte nach seiner Flotte. Diese war bald segelfertig, und Dido mußte es von der Zinne ihrer Burg mit ansehen, wie das Ufer von den Abziehenden wimmelte. "Anna", sprach sie zur herbeigerufenen Schwester, "siehest du das Getümmel längs des ganzen Gestades? Hörst du die Segel in den Lüften schwirren, siehst du, wie die Schiffer die Verdecke bekränzen? Ach, hätte ich das geahnt, ich würde es auch zu ertragen vermögen! Jetzt aber bitte ich dich, Schwester, tu' es mir Armen zuliebe; dich hat ja der Verräter immer geehrt, hat dir seine geheimsten Gefühle anvertraut; geh' zu ihm, Schwester, rede den stolzen Feind mit untertänigen Worten an. Frag' ihn, ob ich denn eine Griechin sei, die zu Aulis Troias Untergang mit beschworen habe, ob ich die Asche seines Vaters Anchises frevelnd in die Lüfte gestreut, daß er solche Rache an mir zu nehmen beschlossen? Heiß' ihn wenigstens bessere Zeit zur Flucht, günstigere Winde erwarten; ich verlange ja nicht, daß er auf Italien verzichte, ich will nur eine Frist für meine wahnsinnige Liebe, will nur Muße, bis ich mein Schicksal begreifen und trauern gelernt habe!"

Also flehte sie, und die geängstigte Schwester ging und trug dem Helden die Klagen Didos noch einmal vor. Ihn aber vermochte kein Menschenwort ferner zu erweichen; ein Gott verschloß dem gefühlvollen Manne das sonst jedem Schmerz offene Ohr. Wie wenn die Nordwinde den uralten Stamm einer Eiche, von beiden Seiten her ihn fassend, auszuwählen sich abmühen; die Wipfel rauschen, der Stamm bebt, fallende Blätter decken den Boden; sie aber haftet fest im Felsenboden, und so hoch ihr Scheitel in die Luft ragt, so tief streckt sie ihre Wurzeln hinunter in die Tiefe - gerade so wurde der Held von den beiden Schwestern mit Bitten bedrängt, und er fühlte auch in seinem edlen Herzen alle die Qualen; aber er blieb unbeweglich, wie die Eiche.

Jetzt erst erkannte Dido den Willen des Schicksals und wünschte sich den Tod; ja, sie mochte den Himmel über sich nicht mehr sehen. Noch mehr bestärkte sie in ihrem Entschlüsse, zu sterben, das schreckliche Zeichen, das ihr der Himmel beim neuesten Opfer vor Augen stellte, wo der aus der Schale gegossene helle Wein sich in schwarzes Blut verwandelte. Dieses Vorzeichen erzählte sie niemand, selbst der Schwester nicht. Seitdem dachte sie nur darauf, wie sie alle die Ihrigen täuschen und sich auf die sicherste Weise den Untergang bereiten könnte. Deswegen trat sie mit heiterer Miene, Hoffnung in den Augen und das gräßliche Vorhaben sorgfältig verbergend, vor die Schwester und sprach: "Preise mich glücklich, liebe Anna! Ich habe ein Mittel gefunden, das mir den Treulosen entweder zurückgeben oder mich von meiner Liebe befreien muß. Eine Aithiopierin, die in den Hesperidengärten des Tempels dieser Göttinnen pflegt, ist hier und verspricht mir, durch ihren Zaubergesang entweder das Herz des Geliebten zu gewinnen oder mein eigenes der Liebe los und ledig zu machen. Sie hat aber dazu gewisse Gebräuche vorgeschrieben; nun nehme ich selbst in einer Sache, die mich so nahe betrifft, nicht gern meine Zuflucht zu magischen Künsten, deswegen beschwöre ich dich, liebste Schwester, errichte mir, wie die Zauberin vorgeschrieben, im inneren Schloßhofe heimlich einen Scheiterhaufen, lege darauf die Waffen des ungetreuen Mannes, die er in seinem Gemache zurückgelassen hat, seine Gewänder, die Betten seines Lagers. Alle Überbleibsel des Schändlichen möchte ich vertilgen, und überdem ordnet es die Priesterin so an."

Dido sprach und verstummte, indem Totenblässe sich über ihr Antlitz verbreitete. Ihre Schwester Anna mutmaßte indessen nicht, daß sich hinter diesem seltsamen und neuen Opfergebrauch ein Gedanke des Selbstmords verstecke; sie ahnte nicht, von welcher Raserei das Gemüt ihrer Schwester ergriffen sei; auch befürchtete sie nichts Schlimmeres als beim Tode des ersten Gemahls ihrer Schwester, des Tyners Sychaios, und ging, sich ihres Auftrages zu entledigen.

Sobald aber der Holzstoß sich in die Luft erhob, aus Kien und Eichenholz aufgerichtet, erschien die Königin selbst, bekränzte ihn mit Cypressenzweigen und zog Blumenketten rings um ihn her. Dann legte sie Schwert, Gewänder und Bildnis des Aineias darauf, und ringsum standen Altäre aufgerichtet. Die fremde Seherin mit fliegendem Haar rief alle Götter der Unterwelt an und goß einen eigenen Höllentrank auf den brennenden Scheiterhaufen aus; Kräuter, die mit Sicheln im Mondenschein abgemäht worden waren, wurden darauf geworfen, und noch allerlei Beschwörungen vorgenommen. Dann kehrte die trauernde Königin zur letzten Nachtruhe auf Erden in ihren Palast zurück.

Aineias lag indessen, nachdem die Abfahrt beschlossen war, auf dem Hinterverdeck des Schiffes, dem Schlummer hingegeben. Da erschien ihm noch einmal der Gott Hermes im Traume und schien ihn zu ermahnen: "Sohn der Göttin, wie kannst du in so gefährlicher Lage schlummern? Siehest du nicht, wie viele Gefahren dich umringen? Hörst du die günstigen Westwinde nicht sausen? Betrug, gräßlichen Frevel der Rachgier wälzt die verlassene Königin in ihrem Herzen! Wirst du nicht fliehen, so lange du noch kannst?" Erschrocken sprang der Held vom Lager auf und trieb die Genossen zur schleunigen Flucht an.

Die Morgenröte war inzwischen angebrochen, die Königin hatte den Söller bestiegen, sah den Strand leer und die Flotte mit schwellenden Segeln auf der hohen See. Schmerzvoll schlug sie mit der Hand an ihre Brust, raufte sich die blonden Locken, und nach langem Wehklagen rief sie ihre Amme Barke und befahl, ihre teure Schwester Anna herbeizurufen. Sobald sie sich allein sah, stürmte sie in den inneren Hof der Burg und bestieg, vom Taumel des Wahnsinns getrieben, das hohe Gerüst, auf welchem das Schwert ihres treulosen Geliebten lag; dieses zog sie aus der Scheide, warf sich auf das Bett und die Kleider des Helden, die zuoberst ausgebreitet lagen, und sprach von dem hohen Holzstoße herab in die einsamen Lüfte die Abschiedsworte: "Ihr süßen Überbleibsel glücklicherer Tage, nehmet dies Leben von mir, erlöset mich von aller Betrübnis! Dido hat ausgelebt, hat den vorgeschriebenen Lauf des Schicksals geendigt. Nicht als ein kleiner Schatten wird sie zur Unterwelt hinabsteigen! Ich habe eine herrliche Stadt gegründet, habe Mauern erblickt, von mir aufgebaute, habe meinen Gemahl Sychaios gerächt, meinen feindseligen Bruder bestraft! In allem wäre ich glücklich gewesen, hätte der Troianer mit seiner Flotte nicht an Libyens Küste gelandet!" - Sie konnte vor Schmerz nicht weiter sprechen, drückte ihr Gesicht in den Pfühl und stieß sich das Schwert in die Brust.

Auf ihr Stöhnen eilten ihre Dienerinnen aus dem Palast und sahen sie zusammengesunken, den Stahl von Blut gerötet, die Hände bespritzt. Lautes Jammergeschrei tönte durch die Gemächer und tobte durch die erschütterte Stadt. Mitten im Laufe - denn sie war auf den Ruf der Alten mit dem letzten Opfergeräte herbeigeeilt - vernahm Anna die entsetzliche Tat. Sie schlug sich die Brust mit den Fäusten, zerfleischte mit den Nägeln ihr Antlitz und stürzte durch das Gedränge des sich sammelnden Volkes in den Hof der Königsburg hinab. "Schwester, Schwester!" rief sie der Sterbenden schon von weitem zu, "was hast du getan, wie hast du mich betrogen? Warum hast du mich nicht zur Gefährtin deines Todes erkoren? du hast mich doch getötet; das Volk, deine Väter, die ganze Stadt hast du gemordet!" Unter solchen Wehklagen erstieg sie die Stufen des Holzstoßes und umarmte die kaum noch Atem holende Schwester, die mit Mühe den Blick erhob und deren schwarze Wunde aufs neue zu bluten anfing. Dreimal strebte sie vergebens, sich aufzurichten und hauchte zusammengesunken den Geist in den Armen der Schwester aus.
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AINEIAS


Teil II


Der Tod des Palinuros - Landung in Italien - Latinus - Lavinia

Aineias mußte das Ende Didos, das sein Leichtsinn herbeigeführt hatte, obgleich ihm von den Göttern selbst geboten worden war, sie zu verlassen, mit neuen Irrfahrten und wiederholten Unglücksfällen büßen. Ein Sturm verschlug ihn rückwärts nach Sizilien, wo er vom König Akestes, dessen Mutter eine Troianerin war, gütig aufgenommen wurde und dem Schatten seines Vaters Anchises, welchen er ein Jahr zuvor bei Trepanon begraben hatte, bei der Wiederkehr dieses Tages herrliche Leichenspiele feierte. Inzwischen warfen die troianischen Frauen, von der Botin Heras, Iris, aufgereizt und der langen Seefahrt überdrüssig, Feuer in die Flotte, daß vier der schönsten Schiffe verbrannten; die übrigen rettete Zeus durch einen Regenguß. In der folgenden Nacht erschien dem kummervollen Helden sein Vater Anchises im Traum und brachte ihm Zeus' Befehl, die älteren Weiber und unkriegerischen Greise in Sizilien zurückzulassen; er selbst solle mit dem Kern der Mannschaft nach Italien segeln.

Der Held gehorchte dem Götterwinke, gründete zu Ehren seines königlichen Wirtes die Stadt Akesta in Sizilien und bevölkerte sie mit den Greisen und den alten Müttern seiner Flotte; er selbst brach mit den kräftigsten Männern, den Jünglingen, Frauen, Jungfrauen und Knaben der Auswanderung auf und verließ die Küste. Diesmal gewährte ihm Poseidon, durch die Bitten der Liebesgöttin bewältigt, sicheres Meer und glückliche Fahrt. Zuletzt wurden sie bei dem günstigsten Winde und blauesten Himmel so sorglos, daß die Ruderer selbst in einer heiteren Nacht sich unter ihre Ruderbänke legten und dem tiefsten Schlafe überließen. Der verführerische Gott des Schlafes hatte sich von den am hellen Nachthimmel funkelnden Gestirnen des Äthers herabgesenkt und nahte in der Gestalt des Helden Phorbas dem wachsamen Steuermanne Palinuros, der auf dem hohen Verdeck am Steuer saß: "Sohn des Iasios", sprach er leise zu ihm, "siehest du nicht, wie das Meer die Flotte selber treibt und die sanftwehende Luft dich einlädt, endlich einmal auch ein Stündchen dir Ruhe zu gönnen? Lege doch dein Haupt nieder, entziehe die ermüdeten Augen der steten Arbeit, komm, laß mich ein wenig dein Amt für dich übernehmen!" Palinuros vermochte kaum den schläfrigen Blick gegen den Redenden aufzuheben und sprach: "Was sprichst du? Ich soll das tückische Element nicht kennen, wenn es Ruhe heuchelt und ihm vertrauen? Ich, den so oft der Betrug des heiteren Himmels hintergangen hat!" So sprach er und klammerte sich an das Ruder, indem er sich zwang, seine Augen nach den Sternen zu richten. Aber der Gott träufelte ihm in einem Zweige ein paar Tropfen vom Wasser der Lethe auf seine Schläfe, und plötzlich schlössen sich seine Augen. Da gab ihm der Gott einen Stoß, und Palinuros stürzte mitsamt dem Steuer kopfüber in die Wellen. Der Schlaf erhob sich wie ein Vogel in die Luft. In den Wogen erwachte der arme Steuermann und rief umsonst, versinkend, die Hilfe seiner schlafenden Genossen an.

Die Flotte verfolgte indessen, unter dem versprochenen Schütze des Meergottes, auch ohne Steuermann ihren Weg, und endlich war Italiens Küste erreicht. Aineias fuhr das Gestade entlang und landete zuletzt in dem Hafen von Caieta. Damals hatte der Hafen diesen Namen noch nicht und erhielt ihn erst von der alten treuen Amme des Helden, Kaieta, welche nach der Landung hier starb und, ehe der Zug weiter ging, an dem Orte feierlich beigesetzt wurde. Dann begab sich Aineias noch einmal mit seinen Gefährten zu Schiffe und gelangte glücklich in den Hafen von Ostia. Hier sah er vom Meer aus ein großes Gehölz; zwischen diesem brach der Tiberstrom, gelb von Sand, unter reißenden Wirbeln sich seine Bahn ins Meer. Bunte Vögel umflatterten unter lieblichem Gesänge den Ausfluß und durchschwebten den Hain.

Das italische Land, in welchem sich die troianischen Auswanderer nun befanden, war das alte Latium, das Gebiet der Laurenter. Seine ruhigen Städte und Felder beherrschte ein schon alternder König, mit Namen Latinus, ein Sohn des Faunus und ein Urenkel des Gottes Saturnus. Das Geschick hatte diesem Fürsten keinen Sohn gegönnt; aber um seine einzige schon herangereifte schöne Tochter Lavinia warben aus Latium und ganz Italien viele Fürstensöhne, vor allen der schönste aller Jünglinge, der Sohn Daunus des Rutulerkönigs, und ihn begünstigte die Mutter Lavinias, die Königin Amata, vor allen anderen. Aber schreckhafte Götterzeichen setzten sich dieser Verbindung entgegen. In den hohen Höfen der latinischen Königsburg stand ein Lorbeerbaum, welchen der alte König schon angetroffen und dem Phoibos geweiht hatte, als er den Palast gründete. Nun besetzte einst plötzlich den Gipfel des Baumes ein dichter Bienenschwarm, der mit lautem Gesumse durch die heitere Luft herbeigeflogen kam; Füße an Füße klammernd, hing der ganze Schwärm wie eine Blumendolde plötzlich vom grünenden Aste des Baumes herunter. Man rief einen Wahrsager herbei, der das Zeichen deuten sollte. Dieser sprach: "Ich sehe einen Mann und ein Heer vom Auslande herbeiziehen, aus einer Himmelsgegend nach einer andern Himmelsgegend, und sehe ihn zuoberst in dieser Burg herrschen!" Und wiederum geschah ein neues Zeichen. Als die Jungfrau Lavinia mit ihrem Vater am Altar stand und dieser die Opferflamme anfachte, da schien es, als fingen die Locken der Jungfrau Feuer, ihr Haar brenne, die Krone von Gold und Edelsteinen glühe, und verstreue, in Rauch und Flammen gehüllt, Glut durch den ganzen Palast. Das wurde nun vollends für ein bedeutsames und grausenhaftes Wunder gehalten: zwar Lavinia selbst - so lautete die Deutung der Seher - gehe einem herrlichen Geschick und großem Ruhm entgegen, aber dem Volke weissage dieses Zeichen einen fürchterlichen Kriegsbrand. Latinus befragte darüber das Orakel seines Vaters Faunus. Aber auch dieses wahrsagte ihm einen fremden Eidam, aus dessen Stamm ein Geschlecht erwachsen werde, dem die Herrschaft der ganzen Welt bestimmt sei.

Am Tibergestade streckte sich der gelandete Aineias mit seinem Sohne Iulos und den übrigen Troianerfürsten unter einem hohen, schattigen Baume nieder und bereitete ein Mahl. In der Eile nahmen sie sich nicht einmal die Mühe, das Gerät aus den Schiffen herbeizuholen, sondern sie buken breite Weizenkuchen, die ihnen statt der Tische und Teller dienten und auf welchen sie die Speisen ausbreiteten. Als der kleine Vorrat, den sie mit zu Lande gebracht, verzehrt und ihr Hunger noch nicht gestillt war, ergriffen sie Teller und Tische von Weizenmehl und bissen rüstig ein. Da sagte der kleine Iulos lachend: "Wir verzehren ja unsere eigenen Tische!" Dieser Scherz fiel allen mit schwerem, entscheidendem Gewicht ins Ohr. Freudig sprang Aineias vom Boden auf und rief: "Heil dir, du fremdes Land! du bist's, das mir vom Geschick verheißene! Auf heitere Weise wird erfüllt, was uns die Harpyie Kelaino als etwas Entsetzliches prophezeit hatte. Der Hunger werde uns an unbekannten Gestaden, so krächzte sie, nötigen, die eigenen Tische zu verzehren. Wohlan denn, es ist geschehen, der Spruch hat sich erfüllt, von dem auch mein Vater Anchises mir geweissagt hatte. Wenn dieses geschieht, sprach er, dann ist das Ende der Mühseligkeiten da, dann bauet Häuser!"

Jetzt erkundigten sich die Fremdlinge, welche, das fruchtbare Land durchstreifend, bald auf Wohnungen stießen, nach dem Volk und König des Landes, und schnell ward eine Gesandtschaft an Latinus, den König der Laurenter, beschlossen.
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Lavinia dem Aineias zugesagt

Der Sohn des Anchises wählte aus allen Schiffen des Geschwaders die ausgezeichnetsten Männer, hundert an der Zahl, als Redner oder Gesandte, die an den Laurenterkönig abgeschickt werden sollten. Diese traten, gleich Schutzflehenden, bebänderte Ölzweige in den Händen, die Reise an und gelangten bald in die Stadt der Latiner. Vor der Stadt tummelte sich die Jugend Latiums zu Wagen und zu Roß, andere vergnügten sich mit Wurfspießwerfen und Bogenschießen, mit Faustkampf und Wettrennen. Als nun die fremden Gesandten kamen, eilte ein Bote zu Roß in die Stadt voran und brachte dem alten König die unerwartete Botschaft, daß eine Schar großer, herrlicher Männer friedlich herannahe. Dieser befahl sogleich, sie in seine Wohnung zu rufen und versammelte alle die Seinigen um den Thron seiner Ahnen.

Der Palast des Königs war groß und herrlich, in der obersten Burg der Stadt gelegen. Hundert Säulen trugen ihn, und ein heiliger Hain umringte ihn mit hohen, Ehrfurcht gebietenden Bäumen. Im Innern saß auf einem hohen Throne Latinus und beschied die Troianer vor sich. Als sie eingetreten waren, sprach er mit freundlichem Angesicht: "Euer Geschlecht ist mir nicht unbekannt, ihr Dardamden, und ihr wäret mir verkündiget, noch als ihr lange auf dem Meer umherirrtet. Möget ihr nun durch Stürme hierher verschlagen oder absichtlich gekommen sein! wisset, daß ihr an keiner ungastlichen Küste gelandet seid. Verkennet in uns Latinern nicht das harmlose Geschlecht des Saturnus, das ohne Zwang und Gesetz Billigkeit übt und den alten frommen Gebräuchen des Gottes mit edler Freiheit folgt! Auch erinnere ich mich wohl noch (obgleich die Sage durch viele Jahrhunderte verdunkelt ist), daß euer Ahnherr Dardanos aus dieser unserer Gegend abstammen solle."

Ihm erwiderte Ilioneus, der von allen zum Sprecher ausersehen war: "Kein Orkan hat uns an dein Gestade genötigt, erhabener Sohn des Faunus, kein Gestirn hat uns in der Richtung des Weges getäuscht! Mit freiem Willen erreichten wir dein Ufer, und bewußte Absicht hat uns an dasselbe geführt. Wir sind aus einem herrlichen Reich vertrieben worden, und der Erzvater unseres Geschlechts ist Zeus selbst. Auch unser Fürst und Anführer Aineias, der Sohn der Göttin Aphrodite, ist Zeus' Enkel, und er selbst ist es, der uns in deinen Palast gesendet hat. Den Sturm, der Troia niedergerissen, kennt alle Welt; auch dir ist er nicht unbekannt geblieben. Dieser Verwüstung sind wir entflohen und flehen euch um einen Fleck an, wo wir die Götter unserer Heimat aufstellen können, um ein sicheres Ufer, um Wasser und Luft, die ein gemeinsames Gut aller Sterblichen sind! Es wird Italien nie gereuen, Troia in seinen Schoß aufgenommen zu haben. Stammt doch Dardanos von hier und ruft uns hierher zurück. Auch trieb uns ein besonderes Gebot der Götter, dieses Land aufzusuchen. Damit du aber erkennest, o König, daß wir in Wahrheit diejenigen sind, für welche wir uns ausgeben, so verehrt dir unser Führer Aineias die Geschenke, die wir für dich mitgebracht haben und die freilich nur kleine Überbleibsel aus Troias Brande sind: diesen goldenen Pokal, aus welchem der Vater unseres Helden, Anchises, sein Trankopfer zu verrichten pflegte; dies Gewand des hohen Königs Pnamos, das er trug, wenn er dem zusammengerufenen Volk Recht sprach, endlich seinen heiligen Kopfschmuck, sein Szepter und andere Gewänder, ein kunstvolles Werk troianischer Frauenhände!" Während Ilioneus sprach, hatte der alte König Latinus die Augen unbeweglich zu Boden gesenkt, wie ein tief Nachdenkender; er gab wenig auf die herrlichen Geschenke acht, welche die Gesandten vor den Stufen seines Thrones ausbreiteten; wohl bewegte er in seinem Herzen den Orakelspruch seines Vaters Faunus. Auf einmal wurde ihm klar, dieser und kein anderer sei der verheißene Bräutigam seiner Tochter, dieser zur gemeinschaftlichen Beherrschung des Reiches ausersehen; aus ihm werde das Geschlecht aufsprießen, das bestimmt sei, über die ganze Erde zu herrschen. Da erheiterte sich seine Miene, er richtete sein Haupt auf und sprach: "Mögen die Götter unser Werk und ihre Verheißung segnen. Ich gewähre eure Wünsche, Troianer, und eure Geschenke nehme ich an. Nur soll Aineias selbst zu mir kommen und sich vor dem Angesicht eines Freundes nicht scheuen. Ihr aber überbringt ihm mein Anerbieten. Mein ist eine einzige Tochter, die mir das Orakel meines Vaters, verbunden mit anderen Wunderzeichen, nicht vergönnt, einem einheimischen Manne zu vermählen. Aus dem Ausland soll mir, nach der Weissagung, der Gatte meiner Tochter kommen."

Nachdem er so gesprochen, ließ der alte König aus seinem herrlichen Marstall, in welchem an hohen Krippen dreihundert der schmucksten Rosse standen, für jeden Troianer ein mit Purpur bedecktes Pferd herbeiführen; goldene Ketten hingen den Rossen bis an die Brust herab, das Geschirr und der Zaum ihres Mundes waren von Gold. Dem Aineias selbst aber sandte er einen Wagen samt einem Doppelgespann, schnaubende Rosse, aus unsterblichem Samen gezeugt.
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Hera facht Krieg an - Amata - Turnus - Die Jagd der Troianer

Dieses Glück des Aineias konnte seine Feindin Hera nicht mit gleichgültigen Augen betrachten. Sie rief die Erinnye Alekto aus der Unterwelt herauf, um die Eintracht im Keime zu zerstören. Diese schwebte zuerst nach Latium und nahm Besitz von dem stillen Gemache der Amata; sie warf der Königin, der ohnedem schon peinliche Sorgen über das Herannahen der Troianer und die ersehnte Vermählung ihrer Tochter Lavinia mit dem Rutulerfürsten Turnus das Herz zernagten, heimlich aus ihrem Schlangenhaare, eine der Nattern auf die Brust, damit sie, von diesem Scheusal angefressen, das ganze Haus in Verwirrung bringe. Die Schlange verwandelte sich sofort in Amatas goldenen Halsring, in ihren langen Schleier, ihr Lockengeschmeide und durchschlüpfte und umirrte ihr so alle Glieder. Zu gleicher Zeit träufelte sie unvermerkt ihr Gift auf die Haut, und dieses fing an, den Leib zu durchrieseln. So lange es noch nicht bis ins Mark der Gebeine durchgedrungen war, zeigte sich noch nicht seine volle Wirkung; es äußerte sich nicht anders, als wie natürliche Gemütsbewegungen sich zu offenbaren pflegen. Amata fing an zu weinen und über die Vermählung ihrer Tochter zu klagen: "Grausamer Gatte", sagte sie zu sich selbst, "du hast weder mit mir, noch mit deiner Tochter Mitleid! Wo ist deine frühere Sorge um die Deinigen, wo das heilige Wort, das du so oft deinem Blutsverwandten Turnus gegeben hast! An heimatlose Flüchtlinge verschenkst du unser Kind!"

Solche Klagen richtete sie auch an ihren Gemahl selbst. Aber als sie ihn fest und unwiderruflich auf seinem Beschlüsse beharren sah, da erst durchströmte sie das Schlangengift der Erinnye ganz, und sie tobte wie wahnsinnig durch die Stadt. Nun war Alekto zufrieden und hatte hier das Werk, das ihr Hera aufgetragen, vollbracht. Sofort schwang sie sich in die Hauptstadt der Rutuler, welche die Geliebte des Zeus, Danae, gegründet haben soll und die von altersher den Namen Ardea führte. Hier fand sie im Innersten des Königspalastes den Fürsten Turnus in tiefem Schlaf. Da legte Alekto ihre Erinnyenkleider ab und nahm die Gestalt eines alten Weibes an, mit häßlichen Runzeln auf der Stirn und unter dem Schleier hervorquellenden grauen Haaren, um welche sich ein Olivenzweig schlang, so daß sie ganz und gar der greisen Kalybe, der Tempelpriesterin Heras, glich. In dieser Gestalt trat sie vor den schlummernden Jüngling und sprach: "Ist es auch möglich, Turnus, kannst du ohne Zorn es mit ansehen, wie alle deine Hoffnung vereitelt und das Szepter, das dich erwartete, an troianische Landfahrer verschenkt wird? Mich sendet Zeus selbst zu dir: du sollst dein Volk waffnen, sollst zum freudigen Kampf aus den Toren ziehen, am Strande den Phrygiern ihre bunten Schiffe verbrennen und sie selbst vertilgen!" Lachend erwiderte im Traum der Jüngling: "Alte! daß die Troianerflotte in den Tiber eingelaufen ist und Hera meiner gedenkt, wußte ich schon längst; das andere sind Schreckbilder, mit denen dich dein Alter quält. Warte du der Götterbilder und des Tempels, Krieg und Frieden laß den Mann betreiben!"

Die Erinnye durchbebte ein Zorn bei diesen Worten, und der Jüngling empfand ihren Schauder auf der Stelle. Er hörte das Zischen ihrer Schlangen, sein Blick erstarrte, und er wollte noch mehreres erwidern, als die nächtliche Gestalt, plötzlich übermenschlich groß geworden, den Aufgerichteten mit einem Stoß aufs Lager zurückwarf, aus dem Haar zwei Schlangen hervorzog, mit ihnen, wie mit einer Peitsche, zu klatschen anfing und dazu mit schäumendem Munde sprach: "Meinst du noch, ich sei ein verschimmeltes altes Weib und verstehe mich nicht auf den Zwist der Könige? Erkenne die Rachegöttin in mir, die Krieg und Tod in ihrer Hand trägt!" In diesem Augenblick warf sie ihre Fackel, die der Jüngling in ihrer Erinnyenhand geschwungen sah, ihm auf die offenliegende Brust, so daß der schwarze, qualmende Brand sich fest in sein Fleisch heftete. Seine Glieder und Gebeine überströmte ein Schweiß. "Waffen!" schnaubte er noch in der Besinnungslosigkeit des Schlafes; Waffen suchte er erwacht in seinem Bett, in seinem Hause; rasende Kriegswut tobte in seiner Brust, wie die Welle in einem siedenden Kessel über Reisigfeuer aufhüpft. Sobald der Morgen angebrochen war, beschickte er die Häuptlinge seines Volkes und hieß sie zu den Waffen gegen den treulosen König Latinus greifen und sich zum Kampf gegen beide, Latiner und Troianer, rüsten.

Während so Turnus den Mut seiner Landsleute anstachelte, flog die Erinnye zuletzt auch noch an den Tiberstrand, wo Iulos mit seinen Begleitern in den dichten Uferwäldern eben dem Wild auf der Jagd nachging. Hier beseelte Alekto die Spürhunde mit plötzlicher Wut, berührte ihre Nasen mit dem bekannten Geruch und jagte sie ganz hitzig einem Hirsch nach. Dieses Wild war besonders herrlich und von Geweihen hoch; die Knaben des Tyrrhus, welcher der Oberhirt über die Herden des Königs Latinus war, hüteten sein; denn er war vom Euter seiner Mutter weggenommen und in den Wäldern des Königs aufgefüttert worden. Die Tochter des Tyrrhus, Silvia, hatte das Tier ganz an ihre Befehle gewöhnt, sie kämmte es, wusch es in lauterer Waldquelle und schmückte sein Geweih mit weichen Blumenkränzen; es ließ sich willig von ihr streicheln, war an den Tisch seines Herrn gewöhnt, irrte frei in den Wäldern umher und stellte sich jeden Abend freiwillig in der Wohnung des königlichen Hüters.

Auf die Spur dieses schönen zahmen Hirsches führte die Erinnye die Rüden des Askanios, während das Tier eben den heißen Ufersand, nach Kühlung begehrend, verlassen hatte und den Tiberstrom hinabschwamm. Askanios faßte das herrliche Wild ins Auge, drückte den Pfeil vom Bogen ab und sandte ihn tief in das Gedärme seines Opfers. Der verwundete Hirsch fuhr aus dem Wasser, kam blutig zum wohlbekannten Hause seines Herrn, schleppte sich ächzend in den Stall und erfüllte, wie ein um Mitleid Flehender, das ganze Haus mit Gewinsel. Jammernd entdeckte zuerst Silvia ihren Liebling und rief mit lautem Geschrei die Bauern der Umgegend zu Hilfe. Diese kamen mit angebrannten Pfählen und Keulen bewaffnet: Tyrrhus selbst rief seinen Gesellen herbei, der just eine stämmige Eiche mit dem Beil spaltete; und als Alekto den rechten Zeitpunkt ersehen, stellte sie sich auf den Giebel des Hofgebäudes und ließ durch das gewundene Hörn den lauten Hirtenruf in die Gegend hinaustönen. Von allen Seiten strömte jetzt tobendes Bauernvolk herbei, aber auch dem Askanios kam die troianische Mannschaft zu Hilfe. Bald waren es auf der anderen Seite auch nicht mehr bloß mit Prügeln bewaffnete Haufen; es hatten sich zwei ordentliche Schlachtreihen gebildet: Schwerter wurden gezogen, Bogen gespannt.

Der erste Pfeilschuß von selten der jagenden Troianer, die sich gegen die anstürmenden Feinde zur Wehr setzten, traf den ältesten Sohn des Tyrrhus, Almo, in die Kehle, daß ihm Stimme und Leben zugleich schwand. Nun begann ein allgemeines Gemetzel unter den Hirten. Der ehrlichste und begütertste Bauer in ganz Latium, der alte Galaesus, der fünf Rinder- und fünf Schafherden besaß und hundert Pflüge über seine Äcker gehen hatte, war aus den Scharen des Bauernvolkes hervorgetreten, um den Frieden zu vermitteln; aber er wurde nicht angehört, und ein Pfeilregen bedeckte ihn, unter dem er sterbend erlag. Jetzt stürzten die überwältigten Hirten aus dem Kampfe in die Stadt und trugen ihre Erschlagenen, den Almo, den Galaesus und viele andere, wehklagend durch die Tore. Sie riefen die Götter laut um Hilfe an, eilten auf den Königspalast zu und versammelten sich um Latinus, ihren Herrn. Auch Turnus fand sich schreiend und tobend ein, mit der lauten Anklage, daß die Herrschaft des Landes an die Troianer verraten werde. So umringten sie alle, in Klagen und Lärm wetteifernd, die Königsburg des Alten. Dieser aber stand unbeweglich wie ein Fels im Meere. Dennoch vermochte er dem blinden Toben in die Länge nicht Widerstand zu leisten. "Wehe mir", rief er endlich, "ich fühl' es wohl, uns reißt der Sturm fort. Armes Volk, du wirst, gegen den Willen der Götter kämpfend, diesen Frevel mit deinem eigenen Blut büßen. Auch du, Turnus, wirst dem Strafgericht des Himmels nicht entgehen! Ich aber glaubte schon im Hafen zu sein und hoffte in Ruhe zu enden; nun gönnt ihr mir nicht einmal einen friedlichen Tod!"

Der Götterkönigin Hera, der Feindin Troias, dauerte der Verzug zu lange. In der Latinerstadt stand ein Tempel des Krieges mit zweifachen Pfosten, von hundert ehernen Riegeln verschlossen; sein Hüter ist Ianus, der uralte Städtegott der Latiner. Wenn die Häupter des Volkes blutigen Kampf auf Leben und Tod beschließen, so öffnet der König selbst im feierlichen Kriegsgewand die knarrenden Pfosten. Dieses zu tun, ermahnte das Volk jetzt auch seinen König Latinus, er aber weigerte sich dieses gräßlichen Dienstes und verbarg sich in die tiefste Einsamkeit seines Palastes. Da schwang sich Hera selbst vom Himmel hernieder, stieß mit eigener Götterhand an die widerstrebenden Pfosten, drehte die Angeln, und donnernd fuhren die ehernen Pforten des Kriegstempels auseinander.
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Ausbruch des Krieges - Aineias sucht bei Euander Hilfe

Ganz Italien, so ruhig und friedsam es vorher war, geriet in plötzlichen Brand. In allen Häusern wurden die Schilde geglättet, die Speere gespitzt, die Äxte am Schleifstein gewetzt; die Trompeten riefen zum Marsch, die Fahnen flatterten. Alle Männer griffen zu den Waffen, die einen zogen zu Fuß ins Feld, die anderen wirbelten hoch zu Rosse den Staub des Weges auf; Streitwagen flogen hinter schnaubenden Pferden daher, die Ebenen glänzten von Gold und Eisen, von Panzer und Schwert. Aus allen Städten Hesperiens kamen die ersten Sprößlinge der alten Heldengeschlechter hervor, deren Ahnen zum Teil Götter und Göttersöhne waren. Unter den ersten schritt in männlicher Schönheit Turnus voran, seine herrlichen Waffen in der Hand, um einen ganzen Scheitel über die andern hervorragend. Ein dreifacher Busch wehte von seinem Helm, auf dessen Kuppel die glutatmende Chimaira gebildet war; auf seinem Schilde war in getriebener Arbeit Io abgebildet, wie sie eben zur Kuh wird, und ihr Hüter Argos und ihr Vater, der Flußgott Inachos, der seinen Strom aus der Urne gießt. Hinter Turnus und seinen Helden drängten sich die Latiner und Rutuler, Aurunker, Sikaner und eine Menge ausonischer Völkerschaften; beschildete Fußgänger, vor allen Mezentius mit seinem Sohne Lausus, Aventinus, der Sohn des Herakles und der Rhea, Catillus und Coras, die Brüder des Tiburtus aus Tibur und viele andere; dann kam die Reiterei der Volsker, schimmernd in Erzpanzern, geführt von ihrer jungfräulichen Fürstin Camilla. Diese hatte ihre weiblichen Hände nie an Athenes Rocken und Webstuhl gewöhnt, im rauhen Männerkampfe war sie aufgewachsen, auf ihrem flüchtigen Rosse hatte sie mit den Winden um die Wette laufen gelernt; sie flog so luftig dahin, daß sie über die Saatflur gesprengt wäre, ohne ein Hälmchen zu rühren, ohne eine Ähre zu verletzen, und über die Meerflut, ohne die Sohlen zu netzen. Alt und jung blickte ihr verwundert nach, wie sie mit ihrer Schar durch Städte und Dörfer zog, den königlichen Purpur über die runden Schultern geworfen, das reiche Haar mit einer goldenen Nadel aufgebunden, Köcher und Bogen auf der Achsel und die scharfe Lanze in der Hand.

Diese gewaltigen Kriegsrüstungen erfüllten den Aineias und seine Troianer mit schweren Sorgen. Da erschien jenem im Traum der Flußgott Tiberinus und stieg in meerblauem Kleide, die Haare mit einem Schilfkranz beschattet, zwischen Pappelstauden in Greisengestalt aus dem Strom empor. "Göttlicher Held", sprach er, "verzage nicht. Der Groll der Himmlischen gegen dich ist verschwunden. Damit du nicht wähnst, ein nichtiges Traumbild zu schauen, will ich dir ein Zeichen sagen. Unter den Eichen des Ufers wirst du ein großes Mutterschwein liegend finden, das dreißig Frischlinge geboren hat: dort ist die Stelle, wo nach dreißig Jahren dein Sohn Askanios die verheißene Stadt Alba, Roms Mutterstadt, gründen wird. Für jetzt aber merke, wie du dich gegen die Gefahr zu schützen hast, die dich bedroht. Nicht weit von hier, im Tuskerlande, haben sich arkadische Pelasger, vom alten König Pallas abstammend, unter ihrem Fürsten Euander angesiedelt und auf einem hohen Hügel die Stadt Pallanteum, nach dem Namen ihres Ahnherrn, gegründet. Ob es gleich Griechen sind, so darfst du sie doch nicht scheuen, denn es sind unversöhnliche Feinde des Latinervolks. Mit diesen sollst du dich verbünden, und sie werden deine Kampfgenossen werden. Opfere der Göttermutter Hera, sobald du erwachst, und überwinde ihren Zorn durch Demut. Alsdann begib dich auf den Weg zu Euander."

Der Gott verschwand, und der erwachte Aineias befolgte seinen Rat. Zwei Schiffe wurden aus der Flotte ausgewählt und mit auserlesenen Freunden bemannt. Noch ehe der Held mit ihnen abging, erfüllte sich das verkündigte Zeichen. Am Saume des Waldes, unter einer mächtigen Eiche, schneeweiß schimmernd, erblickte man ein Schwein mit dreißig Jungen. Der Mahnung des Stromgottes eingedenk, opferte Aineias die Mutter und ihre ganze Zucht der mächtigen Göttin Hera und versöhnte durch ein so herrliches Opfer ihr grollendes Herz. Dann schiffte er sich auf dem Tiber ein, der, von dem Flußgott gebändigt, glatt und eben dalag wie der Spiegel eines Landsees. Die Wellen selbst staunten, und der Uferwald wunderte sich, als sie bunte Verdecke und Männer mit hellen Schilden den Strom fast ohne Ruderschlag heraufziehen sahen. Jene aber fuhren Tag und Nacht durch lange Krümmungen zwischen grünenden Hainen auf dem spiegelhellen Wasser dahin. Endlich am anderen Morgen sahen sie von fern Mauern, Häuser und eine Burg auf hohem Berge schimmern. Sogleich drehten sie ihre Schiffsschnäbel dem Lande zu, wo der Berg, auf welchem die Stadt Pallanteum gelegen war, sich mit seinem Fuß in den Fluß verlor.

Es war gerade der Tag, an welchem der Arkadierkönig Euander, seinen Sohn Pallas an der Seite, mit dem kleinen Rat seiner Stadt und den angesehensten Jünglingen, in einem benachbarten Hain dem Herakles ein feierliches Opfer darbrachte. Der Weihrauch und das Blut dampfte auf den Altären, und das Opfermahl hatte schon begonnen. Als nun die Arkadier die hohen Schiffe zwischen den dunkeln Uferwäldern unter leisem Ruderschlag herbeischwimmen sahen, erschraken sie vor dem plötzlichen Anblick und wollten den Schmaus verlassen. Doch der mutige Jüngling Pallas verbot ihnen, das Fest zu unterbrechen, er selbst ergriff seine Lanze, flog ihnen entgegen und rief noch vom Hügel hinab: "Was führte euch auf diese ungewohnte Bahn, ihr Männer, woher seid ihr? Wohin trachtet ihr? Bringt ihr uns Krieg oder Frieden?" Aineias antwortete von dem hohen Verdeck seines Schiffes, indem er das Zeichen des Friedens, den Olivenzweig, hoch in der ausgestreckten Rechten hielt: "Troianer siehst du, Jüngling, Männer, zum Kampf mit den Latinern gerüstet, welche uns Flüchtlinge mit Waffengewalt aus ihrem Lande vertreiben wollen. Wir kommen zum König Euander, um ihn um sein Bündnis und um Hilfe zu bitten." Als Pallas den großen Troianernamen hörte, staunte er und rief in freudiger Bestürzung: "Willkommen, Gast, wer du auch seiest, tritt immerhin vor meinen Vater und nimm in unserer Wohnung fürlieb!"

Pallas hatte den Ausgestiegenen mit traulichem Handschlag begrüßt, und bald wiederholte der Held sein Gesuch vor dem König der Arkadier, ohne jedoch sich selbst zu nennen. Jener aber hatte Augen, Angesicht und Gestalt des Redenden lange mit Schärfe gemustert und erwiderte endlich: "Wie gern nehme ich dich auf, tapferer Sohn Troias, dein Geschlecht, dein Name verbirgt sich mir nicht. Wort, Stimme und Gestalt deines großen Vaters Anchises steigt wieder in meiner Seele auf; wohl entsinne ich mich noch des Helden Priamos, als er, mit seinen Helden auf der Fahrt gen Salamis, das Reich seiner Schwester Hesione, der Gemahlin Telamons, zu besuchen, auch durch unser Arkadien gezogen kam. Mir sproßte damals der erste Flaum um die jungen Wangen, und mit Ehrfurcht betrachtete ich den König und die Häupter seines Volkes, vor allen aber den herrlichen Anchises. Ich konnte mein Verlangen nicht bezähmen, ihn anzureden und ihm meine Rechte darzubieten. Er folgte mir als Gastfreund in unsere Wohnung, und beim Abschied verehrte er mir Köcher und Pfeile, ein golddurchwirktes Kriegsgewand und zwei vergoldete Zäume, herrliche Gaben, die jetzt mein Sohn Pallas besitzt. Darum dürfet ihr euch zum voraus als meine Verbündeten betrachten, und morgen früh schon sollt ihr, verstärkt durch unseren Beistand, nach eurem Lager zurückkehren. Unterdessen begeht mit uns dieses schöne Jahresfest, das wir nicht verschieben dürfen." So sprach er, hieß die weggeräumten Becher und Speisen wieder zurückbringen und die Troianer auf den Rasenbänken Platz nehmen; den Aineias selbst aber führte er zu einem herrlichen gepolsterten Sessel aus Ahorn, über dem ein zottiges Löwenfell gebreitet war. Der Priester des Altars und auserlesene Jünglinge brachten geröstete Stücke der Stiere herbei, häuften das Brot in Körben auf und reichten um die Wette Wein herum.

Den reichlichen Schmaus würzte der König Euander mit einer schönen Erzählung von der Veranlassung dieses Opfers, indem er mit den Fingern seinen Gästen eine Felsenkluft wies, in welcher der gräßliche Halbmensch Cacus, der Sohn des Hephaistos (Vulcanus) gehaust, der dem Herakles die erbeutete Rinderherde des Riesen Geryones stahl und von Herakles bezwungen wurde. Für den Sieg über dieses Untier brachten die dankbaren Arkadier noch immer dem Herakles, als Schutzgott der Gegend, ein Jahresopfer dar.

Über dieser Erzählung war der Abend herangerückt, und nach vollendetem Opfer begaben sich alle in die Stadt. Diese war nur klein; wer hätte ahnen können, daß einst die Weltstadt Rom an ihrer Stelle stehen sollte? Die Arkadier waren ein ländliches Hirtenvolk und hatten aus ihrer Heimat keine Schätze mitgebracht. Aber Mut und nervige Arme konnten sie den Troianern zum Beistand anbieten. Deswegen gefiel es dem Aineias doch in dem Hause Euanders, das mehr einer Hütte denn einem Palast glich, und er sank auf einem weichen Blätterlager, über welches das zottige Fell eines Bären gebreitet war, in sanften Schlummer.
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Der Schild des Aineias

Mittlerweilen ging Hephaist, von seiner Gattin Aphrodite durch Bitten getrieben, in die Aitnakluft der Kyklopen, die Waffen des Aineias, die ihm den Sieg über die Latiner verschaffen sollten, zu schmieden. Er nahte sich der donnernden Höhle, die ganz von Feueressen durchflammt war. Gewaltige Schläge auf dem Amboß stöhnten widerhallend weit hinaus in die Ferne, im Gewölbe sprühten zischende Stahlschlacken, und aus den Öfen atmete unaufhörliche Glut. Dort in der weiten Kluft schmiedeten das Eisen Tag und Nacht hindurch, mit aufgestülpten Ärmeln, die rußigen Kyklopen, Brontes, Steropes und Pyrakmon, mit unzähligen Knechten. Die einen waren gerade an einem halbfertigen Blitzstrahl, der mit zwölf Zacken geschmiedet wurde, und sie schweißten eben die drei Hagelspitzen, die drei Regenspitzen, die drei Glutspitzen und die drei Sturmwindspitzen daran und mischten Flamme, Donnergeroll und Entsetzen darunter. Die anderen verfertigten dem Ares Räder und Wagen, wieder andere aus Gold und Drachenschuppen den glatten Aigisschild der Pallas mit dem Medusenhaupt.

"Weg mit allem", rief Hephaist, in die Höhle tretend, "auf anderes eure Gedanken gerichtet, ihr Kyklopen! Dem tapfersten Manne sollt ihr jetzt seine Kriegswaffen schmieden; da gilt es Kraft, Kunst und Erfahrung: ans Werk ohne Verzug!" Die Kyklopen kannten schon die kurzangebundene Weise ihres Herrn und machten sich rasch an die Arbeit. Bald floß das Erz und Gold in Bächen, in den Öfen zerschmolz der Stahl. Ein gewaltiger Schild wurde geformt und Scheiben auf Scheiben siebenfach geschmiedet; einige setzten die Blasebälge in Bewegung; andere verkühlten das zischende Erz im Löschtrog. Dann wurde die Masse mit der Zange umgedreht, und die Hämmernden schwangen die Arme im Takt und schlugen auf den Amboß, daß die Höhle schmetterte.

Am anderen Morgen übergab der greise Euander, der nicht selbst mit in den Krieg ziehen konnte, vierhundert arkadische Reiter, dazu den Trost und die Hoffnung seines Alters, seinen eigenen Sohn Pallas, dem scheidenden Gastfreund und beschenkte noch außerdem alle seine Troianer mit Rossen, den Aineias selbst mit dem herrlichsten, welches ein gelbes Löwenfell bedeckte, dessen Klauen vergoldet waren. Dann ergriff Euander die Hand seines abziehenden Sohnes, drückte sie an seine Brust und sprach unter Tränen: "Ach, daß mir Zeus die vergangenen Lebensjahre zurückbrächte und ich wäre, wie ich einst unter Praenestes Mauern war, als ich den König Erulus, der drei Leben von seiner Mutter, der Nymphe, mitbekommen hatte, dreimal in den Orkus hinabschickte, bis er nicht mehr wiederkam! Jetzt kann ich nichts, als dich und unseren Freund den Göttern empfehlen, mögen sie mich erhören, mögen sie dir fröhliche Wiederkehr bereiten! Möge mir keine Schreckensbotschaft je das Ohr verwunden!" Mit diesem Abschied sank der greise Vater zusammen und wurde von den Dienern in die Wohnung zurückgetragen.

Die Reiter aber zogen aus den offenen Toren, mit ihnen Aineias und ein Teil der troianischen Mannschaft, den anderen hatte der Held mit den Schiffen auf dem Strome zurückgehen lassen. Als sie in einem entlegenen Tale zwischen finsteren Tannenwaldungen angekommen waren und, vom langen Zuge ermüdet, ihrer Rosse und der eigenen Leiber pflegten und Aineias an einem kühlenden Waldwasser, abgesondert von der ganzen übrigen Schar, unter einer Eiche sich gelagert, ersah seine Mutter Aphrodite den günstigen Augenblick, senkte sich mit den frisch geschmiedeten Waffen aus dem Gewölk des Äthers hernieder, legte sie dem Sohne zu Füßen, machte sich diesem sichtbar und sprach: "Schau her, Kind, welch ein Geschenk dir die Gunst meines Gemahls bereitet hat. Jetzt darfst du dich nicht mehr besinnen, die stolzesten Laurenter, ja den wilden Rutuler Turnus selbst zum Kampfe herauszufordern." Aineias staunte. Beseligt von der Gegenwart seiner göttlichen Mutter und der großen Ehre, konnte er sich an dem funkelnden Waffengeschmeide gar nicht satt sehen und wendete bald den buschigen Helm, bald das gediegene Schwert, bald den Erzpanzer, der rötlich wie Blut, oder wie die Sonne durch Wolken strahlend, glühte, bald die goldenen Beinschienen und den schlanken Speer in seinen Händen um. Am längsten aber verweilten seine Blicke auf dem kunstreichen, mit unerschöpflicher Bilderpracht in erhabener Arbeit übersäten Schild. Auf diesem hatte der Gott des Feuers eine ganze Reihe von Begebenheiten abgebildet, in welche sich Aineias vergebens mit seiner Beschauung vertiefte, denn es waren die Schicksale und Triumphe der Römer, des Volkes, das erst in später Zukunft dem Stamme seines Sohnes Iulos entsprießen sollte. In der Mitte des Schildes war eine Wölfin abgebildet, der Zwillingsknaben am Euter hingen, zu welchen sie liebkosend ihren Hals zurückbeugte und die sie mit der Zunge beleckte. Jeder Knabe aus unserer Zeit hätte dem Aineias sagen können, daß die Kinder Romulus und Remus hießen. Dann war eine Stadt abgebildet, wo im hohen Theater von kräftigen Männerhänden Frauen als ein Raub davongetragen wurden: es war Rom und der Raub der Sabinerinnen; dann vor Zeus' Altar zwei bewaffnete Herrscher mit Sühnopfern und mit Bundesschalen in der Hand: Romulus und Tatius. Nicht fern davon schleifte ein König mit seinem Viergespann einen Verbrecher zu Tode: Tullus Hostilius den falschen Mettius. Auf einer halb abgebrochenen Brücke stand einäugig ein Verteidiger, und durch den Strom schwamm eine Jungfrau, indes ein zorniger Kriegerkönig am jenseitigen Ufer thronte; es waren Codes, Cloelia und Porsenna der Etrusker. Auf einer hohen Burg mit Palästen und Tempeln stand ein bewaffneter Wächter, und silberne Gänse flatterten durch goldene Hallen, während am Fuße des Berges Barbaren auf der Lauer standen: Manlius und die Gallier. Und so kam eine Geschichte um die andere, bis auf Catilina, Cato, Caesar und Augustus herab. Unkundig aller dieser Dinge freute sich Aineias des Schildes, wie ein Kind sich des Bilderbuches freut, dann kleidete er sich in die himmlischen Waffen, faßte den Schild mit der Linken, und im Gefühl hohen Götterschutzes mischte er sich wieder in den Zug der Seinigen.
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Turnus im Lager der Troianer

Während dies in Tuskien vorging, schickte Hera, deren Groll gegen Aineias doch noch nicht gedämpft war, ihre Botin Iris zu dem Rutuler Turnus. Diese meldete dem Anführer der Feinde, daß Aineias sein Lager, seine Genossen, seine Flotte verlassen und sich nach dem Reiche Euanders gewendet habe, und befahl ihm, das troianische Lager zu stürmen. Turnus folgte auf der Stelle dem Ruf. Der Held Messapus voran, Tyrrhus und seine Söhne in der Hinterhut, mit dem Kerne des Heeres Turnus selbst, zogen sie durchs offene Feld nach dem Gestade des Tiber. Plötzlich sah Kaikos, der Wächter der vordersten troianischen Warte, ein dunkles Staubgewölk vom Felde wirbelnd aufsteigen. "Brüder", rief er rückwärts gewendet, "es verfinstert ein nahender Schwarm die Luft, Waffen herbei, schnell auf die Lagermauern, der Feind ist da!" Auf diese Nachricht stürzten die auf dem Felde zerstreuten Troianer durch alle Tore ins Lager zurück und sammelten sich, wie es Aineias für unvorhergesehene Fälle scheidend befohlen hatte, auf den Schanzen und Mauern, obgleich sie Scham und Zorn viel mehr zum offenen Gefechte getrieben hätte. Sie sperrten also die Tore und vollzogen in allem die Gebote ihres Führers, indem sie den Feind auf den Zinnen und in den hohlen Türmen erwarteten.

Turnus aber eilte dem Heere, das ihm zu langsam vorwärts ging, mit zwanzig auserlesenen Reitern voran und erschien, auf einem thrakischen gefleckten Schimmel, unvermutet vor den Mauern des Lagers. "Wer wagt sich zuerst an den Feind?" fragte er, rückwärts gewendet, seine kleine Schar und schleuderte seinen Wurfspieß durch die Lüfte hinan. Jubelnd taten seine Genossen dasselbe und höhnten die feigen Troianerseelen, die sich hinter ihren Mauern verschanzt hielten und es nicht wagten, ins Feld zum offenen Kampfe herabzusteigen. Indessen spähte Turnus hoch zu Roß, den goldenen Helm mit dem roten Federbusch auf dem Haupte, ringsum die Mauern des Lagers aus und suchte einen unbemerkten Zugang. So schnaubt ein Wolf bei Wind und Regen die halbe Nacht hindurch um den vollen Schafstall und ergrimmt über das Blöken der Schafe und Lämmer, die drinnen in Sicherheit sitzen. Endlich fiel ihm die Flotte ins Auge, die, ganz von Dämmen und Wellen umgeben, sich geborgen an die eine Seite des Lagers lehnte. Jauchzend ermahnte er seine Freunde, diese in Brand zu stecken, ergriff selbst zuerst die flammende Fackel, und sofort bewehrte sich die gesamte Jugend des allmählich nachgerückten Heeres mit Feuerbränden, die von den Herden der benachbarten Hütten geraubt worden waren. Und unfehlbar wäre nun die Flotte der Troianer verbrannt worden, wenn nicht ein göttliches Wunder das Feuer von den Schiffen abgewendet hätte. Schon damals nämlich, als Aineias am Fuße des Idagebirges die Flotte zimmerte, die ihn in das fremde Land tragen sollte, flehte Kybele, die Mutter aller Götter, zum allmächtigen Zeus: "Sohn, gib mir, was ich von dir verlange! Ich habe dem dardanischen Manne, der einer Flotte bedurfte, willig meinen schönen Hain von Ahornbäumen und Kiefern fällen lassen. Nun aber ängstigt mich die Sorge, meine geliebten Bäume, zu Schiffen umgewandelt, möchten ein Raub der Stürme werden. Darum erhöre meine Bitte, laß es dem Holz zugute kommen, daß es auf dem Ida gewachsen ist, und schütze die Schiffe vor aller Gefahr." - "Das kann ich nicht", erwiderte Zeus, "ich vermag dem von sterblichen Händen Erbauten nicht Unsterblichkeit auf Erden zu verleihen, doch was ich für sie tun kann, das will ich. So viel ihrer, ausgedient, das Ziel und den Hafen Ausoniens erreichen, die will ich von der sterblichen Form befreien, und wie die Töchter des Nereus sollen sie als Göttinnen des Meeres ein seliges Leben in den Fluten führen."

Dieses Wort ging jetzt in Erfüllung. Als Turnus den Brand in die Schiffe werfen wollte, verbreitete sich von Morgen her ein Strahlengewölk über den Himmel, und ein grauenvoller Schall aus den Lüften durchlief die Scharen der Troianer und der Rutuler. "Bemühet euch nicht so ängstlich", rief es, "ihr Troianer, meine Schiffe zu schirmen. Eher wird Turnus das Meer verbrennen als sie! Ihr aber, Schiffe, schwimmet erlöst dahin, seid Meeresgöttinnen; die Mutter der Götter will es so!" Bei diesem Worte wurden die Schiffe plötzlich lebendig, zerrissen jedes seine Seile, mit welchen sie angebunden waren, tauchten mit den Schnäbeln wie Delphine ins Meer unter und schwammen, wieder aufgetaucht, in Gestalt schöner Jungfrauen durch die Meeresflut. Entsetzen ergriff die Rutuler. Messapus, ihr vorderster Führer, schreckte mit scheuem Gespann auf seinem Wagen zusammen, ja der Tiberstrom selbst zog sich mit seinen Wellen schaudernd vom Meere zurück. Nur der tollkühne Turnus ließ die Hoffnung noch nicht fahren. "Merket ihr nicht, Freunde!" sprach er, "daß dieses Wunder allein gegen die Troianer gerichtet ist? Zeus selbst hat ihnen ihre Hilfe entrissen, alle Hoffnung zur Heimkehr ist ihnen mit der Verwandlung ihrer Schiffe abgeschnitten und die Rutuler brauchen keine Feuerbrände mehr! Das Land aber ist in unseren Händen. Tausende in ganz Italien waffnen sich für uns. Mich ängstigen keine Göttersprüche und Verheißungen, deren sie sich rühmen. Auch mir ist mein Schicksal bestimmt, und es lautet auf Vertilgung dieses verruchten Geschlechtes mit dem Schwerte!"

Auch mit der Tat blieb Turnus so unverdrossen wie mit dem Worte. Dem Messapus wurde das Geschäft übertragen, die Tore mit Kriegern zu umstellen und die Wälle rings mit Feuern zu umzingeln, und unter ihm versahen unter vierzehn auserlesenen Hauptleuten je hundert Jünglinge, schimmernd von Gold und mit rotbebuschten Helmen, den Dienst. Diese machten, einander ablösend, die Runde, und die Feiernden lagerten sich ins Gras und taten sich beim Weinkruge gütlich. Die Troianer von ihren Wällen herab schauten dieses und hielten die Zinnen aufs vorsichtigste mit Bewaffneten besetzt. Nicht ohne Besorgnis umwandelten sie die Tore, versahen die Bollwerke mit Brücken und brachten den nötigen Vorrat von Geschossen herbei. Das Ganze leitete Mnestheus und Serestos, welche Aineias vor seiner Abfahrt über das Lager gesetzt hatte. Und so wachte denn das ganze Heer innerhalb der Lagermauern.
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Nisos und Euryalos

Unter dem troianischen Heere befanden sich zwei kühne Jünglinge: Nisos und Euryalos. Nisos, ein Sohn des Hyrtalos, einer der besten Speerwerfer und Pfeilschützen, hatte sich aus dem Idagebirge an den auswandernden Helden angeschlossen. Euryalos war der schönste unter allen teukrischen Knaben, und der erste Flaum der Jugend sproßte ihm um die Wangen. Beide waren durch die innigste Freundschaft verbunden, stürzten sich immer zusammen in die Schlacht und hüteten auch jetzt eines der Tore, nebeneinander Wache haltend. "Ich möchte doch wissen", fing da zuerst Nisos an, "ob die Götter uns diese Tatenlust in der Seele aufwecken, oder ob seine blinde Begier einem jeden der Gott ist! Mir ist diese träge Ruhe lästig, und schon lange treibt mich der Geist, etwas Rechtes zu unternehmen. Sieh, wie sich die Rutuler ihrem blinden Vertrauen hingeben! Nur hier und da glänzt um die Mauern ein Feuer, fast alle hegen von Wem und Schlaf begraben da, und das tiefste Schweigen herrscht ringsum. So vernimm denn, Freund, welcher Gedanke in mir aufgestiegen ist. Alle unter uns, Volk und Väter, verlangen, daß Aineias herbeigerufen werde und daß man ihm zu dem Ende sichere Boten zuschicke, die uns Kunde von ihm zurückbringen. Wenn man nun dir, dem Zurückbleibenden, verspräche, was j ich für dich fordern will - denn mir genügt an der Ehre - was ' meinst du? Ich könnte am Fuße des Hügels dort den Weg j nach dem Tuskerlande und den Berg von Pallanteum wohl finden!"

Euryalos wurde von Staunen bei dem Vorschlage seines Freundes ergriffen, denn auch ihn beseelte jugendliche Ruhmbegierde. "Also wolltest du", sprach er zu seinem feurigen Genossen, "mich, den unbärtigen Knaben, als Teilnehmer an der herrlichen Tat verschmähen? Wie könnte ich auch dich allein in eine solche Gefahr hinauslassen! Nein, so hat mich mein Vater Opheltes nicht erzogen, und auch du hast mich bisher nicht so kennen gelernt. Auch ich achte das Leben gering und erkaufe willig mit ihm den Ruhm!" - "Nie habe ich so etwas von dir befürchtet", erwiderte Nisos, "aber wenn mich irgendein Unfall, oder ein Gott, wie es bei solchen Entschlüssen wohl zu gehen pflegt, ins Verderben risse, so wünsche ich, daß du mich überlebtest. Deine Jugend ist des Lebens werter als ich. Auch hätte ich gern einen, der meinen Leichnam aus der Schlacht gerettet, oder mit Lösegeld erkauft, in den Boden verscharrt oder, wenn dies Glück mir nicht beschieden wäre, wenigstens dem Abwesenden ein Totenopfer brächte und einen Denkstein errichtete. Wie könnte ich auch deiner armen Mutter, die allein von so vielen Müttern es verschmäht hat, in Sizilien zurückzubleiben und dir auf die weite Wanderung gefolgt ist, so bitteren Schmerz bereiten?" Aber Euryalos erwiderte: "Du hältst mir umsonst nichtige Beweggründe vor, mein Vorsatz ist unerschütterlich, laß uns eilen." So sprach er und weckte zugleich die nächsten Wachtposten, die zur Ablösung bestimmt waren. Nachdem sie diesen das Wächteramt übertragen hatten, eilten sie beide vor den hohen Rat der Troianer. Denn die Fürsten des Heeres berieten sich bis tief in die Nacht hinein über die wichtigsten Angelegenheiten der neuen Pflanzung. Während sie nun mitten im Lager, an die Speere gelehnt und auf die Schilde gestützt, im Kreise standen und Rat darüber pflogen, was zu beginnen sei und wer dem Aineias die Nachricht zu bringen hätte, da baten Nisos und Euryalos herbeigeeilt um augenblicklichen Zutritt in die Versammlung. Askanios, der an seines Vaters Stelle, so jung er war, im Rate saß, hieß die Ungeduldigen eintreten und Nisos als den älteren zuerst reden. "Höret uns günstig an", sprach dieser zu den Helden, "und messet, was wir euch vorschlagen, nicht nach den Jahren ab. Wir haben die Gegend ausgekundschaftet. Dort, am Scheidewege des Tores, das wir bewachen, in der Nähe des Meeres, finden sich Lücken in den Wachtfeuern der Feinde; dort ist Raum um sich durchzuschleichen. Wenn ihr uns erlaubt, das Glück zu benützen, so wollen wir als Boten zu Aineias gehen, und ihr sollt uns bald mit Begleitern und mit Beute zurückkehren sehen."

Mit Bewunderung vernahmen die Helden den Entschluß der Jünglinge. "Nun, ihr Götter", rief Aletes, der Ergrauteste unter ihnen aus, "ihr seid noch nicht gesonnen, die Troianer zu vertilgen, da ihr uns so entschlossene Jünglingsherzen erwecket!" so sprach er und legte seine Hände auf beider Schultern. Dann rief der zarte Jüngling Askanios: "Guter Nisos, lieber Euryalos, in eueren Schoß lege ich mein Glück und meine Hoffnung, lasset mich meinen Vater wieder schauen! Wenn er zurück ist, ängstigt mich nichts mehr. Zwei silberne Becher, zwei köstliche Dreifüße, zwei Talente Goldes, den schönen alten Krug, den Dido meinem Vater geschenkt hat, das alles sollt ihr jetzt schon haben, und wenn wir siegen, noch viel mehr. Hast du das herrliche Roß gesehen, Nisos, das Turnus reitet und seine goldene Rüstung? Sie seien dein. Zwölf Gefangene wird euch mein Vater verleihen, Männer mit vollen Waffenrüstungen, und Frauen und vom Felde des Latinus herrliche Güter. Du aber", so sprach er zu Euryalos gewendet, "verehrter Jüngling, dessen Jugend meine Jahre nachstreben, dich begrüße ich jetzt schon von ganzem Herzen als Kampfgenossen und unzertrennlichen Freund." Darauf nahm Euryalos das Wort: "Es soll kein Tag kommen", sprach er, "an dem ich mich meines tapferen Entschlusses unwürdig zeige. Aber vor allen Geschenken bitte ich dich um eines, Iulos. Meine Mutter, vom alten Königsgeschlechte des Priamos stammend, wie du, hat sich nicht abhalten lassen, mit mir auszuwandern, und ich verlasse sie ohne Abschied, denn ich könnte ihren Tränen nicht widerstehen. Nimm du dich der Verlassenen an, tröste sie in der Not, wenn das Schicksal mich nicht zurückkehren läßt!" In der Seele des Askanios erwachte bei diesen Worten die Liebe zum Vater noch heftiger, er fing laut zu weinen an und versprach ihm unter Tränen alles. Auch die Helden ergriff tiefe Rührung; Mnestheus zog sich die Löwenhaut von der Schulter und warf sie dem Nisos um; Aletes tauschte mit ihm den Helm, und Euryalos empfing aus der Hand des Iulos sein eigenes Schwert mit goldenem Griff, in der Scheide von Elfenbein.

So gewaffnet wurden sie von allen Edeln, Jünglingen und Greisen, bis ans Tor begleitet. Bald waren sie über die Gräben hinaus und kamen im Dunkel der Nacht an die schlafenden Posten der Rutuler. Diese lagen voll Trunks und Schlafes zerstreut auf dem Rasen, zwischen Wagenrädern, Riemen und umherliegenden Waffen. "Die Gelegenheit ruft", sprach Nisos leise zu seinem jungen Freund, "halte du mir den Rücken frei, ich will dir aufräumen und uns eine Gasse machen." Während er so mit gedämpfter Stimme sprach, hieb er den ersten Wächter, den Vogelschauer des Königs Turnus, Rhamnes, der aus voller Kehle schnarchend dalag, samt drei sorglosen Knechten nieder; dann den Waffenträger des Remus, den er mitten unter seinen Rossen überraschte und ihm den gesenkten Hals abhieb und dann den Herrn selbst. Auch Euryalos war nicht müßig; beide tobten wie Löwen in den Hürden und richteten ein furchtbares Gemetzel unter den Wächtern an. Ja, Euryalos drang schon bis zu den Wachtfeuern des Rutulerfeldherrn Messapus vor, die im Verglimmen waren und dessen angebundene Wagenrosse gemächlich das Gras abweideten. Aber Nisos rief ihn zurück. "Siehst du nicht", sprach er warnend, "daß das Morgenlicht schon anzubrechen droht? Rache ist ja geübt und Bahn gebrochen." So ließen sie auch alle Beute liegen, und Euryalos nahm nur den Pferdeschmuck des Rhamnes mit und schlang sich seinen Schwertgurt um die Schulter; auch setzte er sich freudig den bebuschten Helm des Messapus aufs Haupt, den er bei den vordersten Wachtfeuern aufgelesen und der ihm gerade paßte. Darauf verließen sie das feindliche Lager und gewannen das Freie.

Aber um dieselbe Zeit zogen auf der Latinerstraße dreihundert Reiter mit Schilden unter ihrem Führer Volscens, welche dem Fürsten Turnus Botschaft vom König zu bringen hatten, dieser Straße. Sie waren schon ganz nahe am Lagerwall, als sie von fern die beiden eilenden Gestalten bemerkten und im dämmernden Frührot den unbesorgten Euryalos der erbeutete Helm mit seinem tückischen Schimmer verriet. "Bewaffnete Männer", schrie Volscens bei diesem Anblick, "wo eilet ihr hin?" Jene antworteten nicht, sondern flüchteten sich in den Wald und vertrauten auf die Dämmerung. Aber die Reiter, der Nebenwege kundig, warfen sich in das Gehölz und versperrten alle Ausgänge mit Wachen. Der Wald war mit dichten Eichen und wilden Gesträuchern bewachsen, und kaum sichtbar schimmerte der Fußpfad durch das Dickicht. Den Euryalos hemmte die Beute, und die Furcht täuschte ihn über die Richtung des Weges. Nisos aber entkam glücklich aus dem Walde und eilte schon sorglos auf die Seen zu, die später den Namen Albanersee erhielten. Jetzt erst stand er still und sah sich vergebens nach dem fehlenden Freunde um. "Euryalos", rief er wehklagend, "wo bist du, Armer, wo find' ich dich?" Und nun warf er sich aufs neue in den verworrenen Wald. Dort vernahm er bald Rossegestampf, Lärm und die Trompeten der Nachhut, und es währte nicht lange, so ward er des ganzen Reitergeschwaders ansichtig, das den übermannten Euryalos mit sich fortschleppte. Was sollte er tun? Welche Hoffnung war, den armen Jüngling zu befreien? Sollte er sie aufgeben und sich den Tod in den starrenden Schwertern suchen? Er hielt inne, dann drehte er mit zurückgebogenem Arme plötzlich den Speer empor, und zum Monde emporblickend, der blaß am morgendlichen Himmel stand, betete er: "Luna, Beschützerin der Wälder, Latonas Tochter, wenn dir je mein Vater für mich geopfert, wenn ich selbst je dir meine Jagdbeute geweiht, lenke meinen Speer und laß mich diese Rotte zerstreuen!" So sprach er und schleuderte mit Leibeskraft seine Lanze. Diese drang dem abgekehrten Rutuler Sulmoinden Rücken und zur Brust heraus, daß er sich zuckend auf dem Boden wälzte. Erschrocken schauten sich die Reiter in der Runde um. Da flog das zweite Geschoß des Nisos und durchbohrte einem anderen Rutuler, dem Tagus, knirschend beide Schläfen. Volscens, der Anführer der Reiter, geriet in Wut, denn nirgends erblickte er den Speerschwinger; grimmig rief er: "So bezahle denn du mir mit deinem Blute für beide!" und ging mit entblößtem Schwerte auf den Euryalos los. Vor Entsetzen schreiend, brach Nisos jetzt aus seinem Versteck hervor. "Ich bin der Täter", rief er, "auf mich nur richtet eure Schwerter, der ganze Betrug rührt von mir her! Ich schwör' es euch, dieser ist unschuldig, nur Liebe zum unglücklichen Freund war sein Vergehen!" Sein Rufen kam zu spät, Volscens hatte dem Knaben schon das Schwert durch die Brust gestoßen; dieser wälzte sich im Tode, die schönen Glieder überströmte das Blut, und sein Hals neigte sich auf die Schulter, wie eine purpurene Blume vom Pfluge durchschnitten dahinsinkt, wie ein blühender Mohnstengel sein vom Regen belastetes Haupt zur Erde senkt. Da warf sich Nisos in den Feind, stieß den Andrang der Reiter rechts und links zurück, ging gerade auf den Führer Volscens los und bohrte sein blitzendes Schwert in des schreienden Feindes Mund, daß er sterbend vom Rosse fiel. Dann warf er sich über den Leib seines getöteten Freundes und ruhte, ganz von den Geschossen der Reiter durchbohrt, über dem Leichnam im Frieden des Todes.

Die Reiterschar zog den erschlagenen Feinden die Rüstung ab, trug ihre Leichname mit dem ihres Anführers Volscens in das Lager des Turnus, und bald mußten die Troianer von den Türmen ihres Lagers herab mit Grausen die von schwarzem Blute noch triefenden gespießten Köpfe der beiden Jünglinge schauen, die sie mit so zuversichtlichen Hoffnungen entlassen hatten. Die Kunde des Unglücks verschonte auch die Mutter des Euryalos nicht. Sie wurde von ihr am Webstuhl über der Tagesarbeit getroffen. Da entrollte das Schifflein ihren Händen, sie zerraufte sich das Haar, sie rannte nach dem Walle in die vordersten Reihen der Streiter, keine Gefahr achtend und brach in ein Klagegeheul aus, daß es die festesten Krieger erschütterte. Unter vielen Tränen befahl endlich Iulos und mit ihm der weise Ilioneus zwei alten Helden, sie aus den Reihen der Männer hinwegzuziehen und in die Wohnung zu geleiten.
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Sturm des Turnus abgeschlagen

Schmetternd ertönten die Trompeten der Rutuler. Ein Schrei erhob sich in dem ganzen Lager, und der Widerhall von den Bergen antwortete. Von allen Seiten stürmten die Feinde heran, rückten unter den Schilddächern vor, mühten sich, die Gräben auszufüllen und die Schanzen einzureißen, und schon legten sie an den Stellen, wo die Vorfechter des Lagers dünner auf den Zinnen standen, die Sturmleiter an die Mauern. Die Troianer dagegen, durch die lange Verteidigung ihrer Vaterstadt im Belagerungskampfe wohlgeübt, entsandten Geschosse aller Art, wälzten Steine und Felsblöcke auf die Schilddächer und stießen die Emporkletternden mit Spießen danieder. Schon setzten die angerückten Rutuler das blinde Gefecht nicht mehr fort, sondern lenkten ihre Schritte rückwärts von den Mauern und versuchten es nur mit Lanzenwürfen, die Teukrer vom Walle hinwegzutreiben. Endlich richteten sie alle ihre Streitkräfte auf einen hoch emporragenden Turm, der durch schwebende Brücken mit der Lagermauer verbunden war. Diesen zu erobern, strengten sich die Rutuler um die Wette an, die Troianer aber verteidigten ihn, indem sie jetzt von der Zinne herab Steine wälzten, jetzt durch hohle Schießscharten Pfeile hinunterschnellten. Endlich schleuderte Turnus eine Brandfackel, die, an die Seite des Turmes sich anhängend, das Getäfel ergriff. Ehe die Verteidiger sich flüchten konnten, stürzte das unterhöhlte Gebälk zusammen, und krachend setzte sich der Turm zu Boden. Die einen fielen mit ihm, von den eigenen Waffen durchbohrt, die anderen spießten sich in die Trümmer des Holzes; und viele von denen, die noch unversehrt waren, sahen sich bald von Scharen des Turnus umringt und wurden niedergehauen. Endlich erwehrten sich die Troianer der Zudrängenden. Der Knabe Askanios, der bisher nur fliehendes Wild mit seinen Pfeilen zu erlegen gewohnt war, durchbohrte dem Remulus, der kürzlich des Turnus jüngere Schwester gefreit hatte und auf diese Auszeichnung stolz prahlend auf die Teukrer eindrang und sie feige Phrygier schalt, das Haupt mit einem sicheren Pfeilschuß. Die Troianer jubelten, und die erschreckten Feinde machten einen Schritt rückwärts. Iulos wollte sie verfolgen. Da stellte sich ihm Apollon selbst, dem alten Waffenträger seines Großvaters, der ihm vom Vater beigegeben war, an Gestalt und Stimme gleich, in den Weg und sprach: "Sohn des Aineias, dir genüge, daß du einen Helden ungestraft erlegt hast; diesen Beginn deines Ruhmes hat Apollon dir vergönnt, für jetzt aber meide den Krieg!" Die Fürsten Ilions erkannten die Gegenwart des Gottes und hielten den Iulos vom weiteren Kampfe ab. Sie selbst aber erneuerten das Gefecht, und der Schlachtruf tönte um die äußersten Bollwerke der Mauer fort. Als die innerhalb der Tore aufgestellten troianischen Wächter hörten und sahen, wie ihre Freunde draußen so mutig und kraftvoll kämpften, faßten Pandaros und Bitias, die Söhne Alkanors vom Berg Ida, stark und schlank wie ihre heimischen Tannen, den trotzigen Entschluß, das ihnen vom Feldherrn anvertraute Tor zu öffnen und im Übermute den Feind in die Mauern einzuladen. Sie selbst aber standen inwendig mit blinkenden Schwertern rechts und links am Eingang, und von ihren hohen Helmen nickten die Federbüsche. Als die Rutuler die Torflügel offen sahen, stürmten sie, ohne sich zu besinnen, hinein. Aber vier oder fünf ihrer Helden, mit einem ganzen Gefolge von Kriegern, fielen unter den Stößen und Streichen der beiden Jünglinge oder wurden in schmählicher Flucht zum offenen Tore hinausgetrieben.

Jetzt wagten die Troianer sich schon in dichteren Scharen zusammenzurotten; ein regelmäßigeres Handgemenge entspann sich, und die Rutuler wurden rückwärts gedrängt. Als Turnus, der auf einer anderen Seite stritt, die Nachricht von dieser neuen Wendung des Kampfes erhielt, stürzte er, von gräßlichem Zorn gespornt, mit einer auserlesenen Schar von Kriegern herbei und warf sich über eine Bahn von troianischen Leichen auf das geöffnete Lagertor. Seine mächtige Lanze, aus der Ferne geschleudert, durchbohrte den Bitias, daß der Boden von seinen fallenden Riesengliedern bebte und der Schild auf den Liegenden herniederrasselte. Die Troianer flohen zurück in das Tor, und nach drängten sich die siegenden Rutuler. Da faßte Pandaros mit einem Blick auf die ausgestreckte Leiche seines Bruders die Torflügel in ihren Angeln und warf sie, mit den Schultern angestemmt, in die Wölbung zurück, daß das Tor verschlossen war und viele Troianer im Gefecht draußen, viele Rutuler in die Mauern eingezwängt zurückblieben. Aber der Unbesonnene hatte nicht bedacht, daß mitten unter den Eingeschlossenen Turnus selbst sich befand, wie ein Tiger, der in den Stall eingelassen ist. Voll Entsetzen erkannten die Troianer das schreckliche Gesicht und die riesigen Glieder. Nur Pandaros, ein Riese wie er, erschrak nicht. Voll Erbitterung über die Ermordung seines Bruders, stellte er sich ihm entgegen und rief: "Hier bist du nicht im Palast der Schwiegermutter, schmachtender Bräutigam, im Feindeslager stehst du und wirst nicht wieder hinauskommen!" Turnus lächelte nur und erwiderte ganz ruhig: "Bind' an, wenn du es wagst und beginne nur den Zweikampf: und wenn du ein Hektor wärest, so sollst du deinen Achilles finden!" Pandaros schleuderte darauf seinen Wurfspieß ab, in dem die Rinde noch mit allen Knoten saß; aber Hera lenkte das Geschoß ab, und die Lanze flog in den Torflügel. Jetzt bäumte sich Turnus und schwang sein Schwert: "Diesem Streiche wirst du nicht entfliehen", schrie er und spaltete ihm die Schläfe mitten durch die Stirn, daß das Haupt, in gleiche Teile zerhauen, dem Zusammensinkenden von den Schultern herunterhing.

Zitternd stäubten die Troianer auseinander; und wäre dem Sieger jetzt der Gedanke gekommen, das Tor wieder zu öffnen und seine Freunde hereinzulassen, so wäre es um die neue Ansiedelung Troias geschehen gewesen. So aber ließ er sich von der Mordlust betören und drang von Sieg zu Sieg mit den Seinen immer tiefer in das Innere des Lagers ein. Schon war die Verwirrung bis zu Serestos und Mnestheus gedrungen, die in der Mitte der Mauern befehligten. Da brachte zuerst Mnestheus die fliehenden Freunde mit den Worten zur Besinnung: "Wohin wendet ihr euch, Unsinnige, was für andere Mauern, was für andere Burgen besitzt ihr? Soll ein einziger Mann, ringsumschlossen von euren Wällen, ungestraft ein solches Gemetzel unter euch anrichten? Habt ihr euer Vaterland, euren Führer Aineias, die Götter eurer Heimat so schamlos vergessen?" Mit solchen Reden beschämte und kräftigte er die Fliehenden, daß sie, in eine dichte Rotte zusammengedrängt, wieder standhielten. Den Turnus hatte der siegreiche Kampf selbst allmählich ermüdet. Zum Tore zurückzudringen konnte er nicht mehr hoffen; so kämpfte er sich mühsam vorwärts, wo das Lager ohne Mauern an den Fluß grenzte. An den Sandbänken des Stromes angelangt, zog er sich mit schnelleren Schritten, doch noch ohne Flucht, zurück, und wenn ihm der Feind zu nahe auf den Leib kam, trieb er ihn immer noch siegreich mit dem Schwerte zurück. Nun flogen aus der Ferne von allen Seiten Geschosse nach ihm, von den anprallenden Steinen erklang sein Helm, der Busch war zerfetzt, der Schild steckte voll Speere und ward so schwer, daß seine Linke ihn kaum mehr zu halten vermochte. In diesem Augenblick stürmte auch Mnestheus in blitzenden Waffen auf ihn zu, und wie flüssiges Pech rann ihm der Schweiß über den Leib. So war er fechtend am Rande des Flusses angekommen. Da zum erstenmal kehrte Turnus dem Feinde den Rücken und warf sich in voller Rüstung in die Wogen des Tiberstroms. Dieser nahm den Kommenden willig auf und trug ihn mit sanften Wellen aus dem Bereiche des Lagers ans Gestade, wo er bald, von Blut und Staub rein gewaschen, bei den Seinigen ankam.
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Aineias kommt ins Lager zurück

Zeus hatte in einer Götterversammlung die Klagen seiner Gemahlin Hera und die Fürbitten seiner Tochter Aphrodite angehört und beschlossen, ohne Einmischung der Himmlischen alles dem Schicksal zu überlassen, und so dauerte denn die Belagerung der troianischen Niederlassung und der Kampf der Rutuler und Troianer um die Mauern fort.

Inzwischen war Aineias mit seiner Heeresabteilung und der arkadischen Reiterei in der blühenden tuskischen Stadt Agylla angekommen. Diese hatte ihren grausamen König Mezentius vertrieben, und da der Verjagte zu Turnus entflohen war, so lebten die Bewohner der Stadt in tödlicher Feindschaft mit Rutulern und Latinern. Deswegen wurde Aineias von dem jetzigen Beherrscher derselben, dem König Tarchon, sobald er ihm Geschlecht und Namen gemeldet und ihm von den Kriegsrüstungen des Turnus und Mezentius erzählt hatte, mit offenen Armen aufgenommen. Der König vereinigte nicht nur die eigene Streitmacht mit ihm, sondern rief auch alle etrurischen Bundesstädte zur Teilnahme an dem Kampfe auf. Es währte nicht lange, so sah sich der Troianer an der Spitze einer furchtbaren Flotte und segelte, nachdem er arkadische und tuskische Reiter auf dem Landwege vorangeschickt hatte, mit dreißig Schiffen von der etrurischen Meeresküste ab. Wie er nun in der Nacht aus Vorsicht selber am Steuer saß und den Lauf seines Schiffes, dem die anderen folgten, regierte, umringte ihn auf einmal ein Chor tanzender Nymphen. Es waren die Schiffe der Troianer, welche Kybele, um sie von den Brandfackeln des Turnus zu retten, jüngst an der Mündung des Tiber verwandelt hatte. Sie erkannten, belebt und beseelt, ihren Herrn; die beredteste faßte sein Schiff mit der Rechten, ragte mit dem Rücken aus dem Wasser hervor, streichelte besänftigend die Flut mit der Linken und sprach: "Wachst du, Göttersohn? O wache und laß den Wind in die Segel blasen! Wir sind Fichten vom Idagebirge, deine treuen Schiffe, jetzt durch Kybeles Erbarmen dem Brand der Rutuler entzogen und in Meeresgöttinnen umgewandelt. Eile, Freund, dein Sohn Askanios, von Wall und Graben umschlossen, ist von den Rutulern belagert, und der Kampf tobt um seine Mauern. Deine Reiter zwar sind angekommen und stehen nicht fern vom Lager, aber Turnus weiß es und ist entschlossen, Kriegsvolk zwischen sie und das Lager zu werfen. Auf denn, beflügle deinen Lauf! Wenn der Tag anbricht, wirst du in der Tibermündung sein; dann ergreife den funkelnden Goldschild, den Hephaistos dir gab, und strecke ihn dem Lager deiner Genossen entgegen. Sei getrost, der morgende Tag wird dir Sieg verleihen!"

So sprach sie und gab im Hinuntertauchen dem Hinterverdeck des Schiffes einen Stoß, daß es schneller als Lanzen und Pfeile durch die Wellen fuhr. Als hätten sie Flügel, eilten dem Feldherrnschiff auch die anderen Schiffe nach, und mit dem ersten Morgenlicht hatte der Sohn des Anchises sein Lager im Angesicht. Da gedachte er des Befehls der Nymphe; er ergriff seinen flammenden Schild, stellte sich damit auf das Vorderverdeck, hielt ihn mit der Linken hoch in die Lüfte und streckte ihn seinen Freunden entgegen. Wie die Sonne, die aus den Fluten taucht, schien er den Troianern, die den Schiffszug vom Wall herab gewahr wurden, entgegen. Sie erhoben ein Jubelgeschrei, und ihre Lanzenwürfe verdoppelten sich. Die Rutuler und ihre Fürsten begriffen von dieser plötzlichen Begeisterung der Feinde nichts, bis sie auf einmal hinter sich das Meer von Segeln angefüllt und eine Flotte an den Strand laufen sahen. Da leuchtete ihnen wie ein blutroter Komet oder wie der pestdrohende Sirius Aineias im Schmuck seiner Götterwaffen entgegen: seine Helmkuppel strahlte wie ein Brand, Glut entströmte dem Federbusch, der goldene Schildbuckel spie weit und breit Feuerstrahlen aus.

Dennoch verließ den tollkühnen Turnus das Selbstvertrauen nicht, er hoffte, den landenden Feinden den Strand durch Schnelligkeit abzugewinnen und sie vom Ufer zu verdrängen. "Die Stunde ist gekommen", rief er den Seinen zu, "die ihr so sehnlich herbeigewünscht habt. Jetzt könnt ihr eure Gegner zermalmen, der Kriegsgott selbst hat sie euch in die Hand gelegt. Denkt eurer Weiber und Kinder, setzt den Taten eurer Väter die Krone auf! Solange die Schritte der Ausgestiegenen noch schwanken, solange sie noch straucheln, empfanget sie am Strande! Das Glück begünstigt die Kühnen!"

Indessen wurden die landenden Troianer und ihre Bundesgenossen aus dem Schiffe des Aineias teils auf Brücken ans Land gesetzt, teils schwangen sie sich mit Hilfe der Ruder an dasselbe oder ließen sich von den rückprallenden Wellen ans Ufer tragen. Der König Tarchon aber, der mit der übrigen Flotte folgte, beschaute sich das Ufer und ersah sich eine Stelle, wo das Meer in der Mündung des Flusses nicht mit gebrochenen Wogen rauschte, nicht aus der Tiefe gärte, sondern sich frei dem flachen Ufersande zuwälzte. Dorthin befahl er plötzlich die Schiffsschnäbel zu drehen und rief seinen Genossen zu: "Jetzt, meine Freunde, rudert frisch darauf los, bohrt euch mit den Kielen eine Furche ins Feindesland, mag das Schiff auch scheitern, wenn es nur den Strand gewonnen hat!" Die Etrusker, wie sie solches hörten, ruderten darauf los und trieben die beschäumten Schiffe vorwärts, bis die Schnäbel das Trockene erreicht und alle Kiele unversehrt im Sande aufsaßen, nur Tarchons eigenes Schiff nicht. Dieses blieb an einer schrägen Sandbank hängen, die sich unter den Fluten hinzog; lange schwankte es und bot den Wellen Trotz. Endlich brach das Getäfel auseinander und schüttete die ganze Ladung seiner Männer mitten in die Flut aus, unter zerbrochene Ruder und umherwogende Balken hinein. Nur mit Mühe rettete sich Tarchon mit den Seinigen ans Land.
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Aineias und Turnus kämpfen - Turnus tötet den Pallas

Als Turnus die Feinde gelandet sah, stand er von der Belagerung ab, raffte sein Heer in Eile zusammen, stellte es längs dem Gestade auf und ließ die Hörner zum Angriff blasen. Auch Aineias hatte die Seinigen, Troianer und Bundesgenossen, geordnet und warf sich zuerst, um den Kampf spielend zu beginnen, auf die Scharen des latinischen Hirtenvolkes und richtete unter ihnen eine große Niederlage an. Dann wandte er sich gegen die Helden der Feinde selbst, und in erbittertem Streite wurde bald von beiden Seiten gefochten. Heer stieß an Heer, Fuß hing an Fuß, Mann drängte sich an Mann, und lange schwankte die Schlacht.

Seitwärts vom Hauptkampf, wo ein Waldstrom Felsen in den Weg gewälzt und entwurzelte Bäume am Ufer umher zerstreut hatte, kämpfte Pallas, der junge Sohn des Königs Euander, mit seinen Arkadiern. Der unebene Boden erlaubte diesen nicht, sich der Pferde zu bedienen, und weil sie des Fußkampfes nicht gewohnt waren, boten sie endlich den eindringenden Latinern und Rutulern den Rücken. Nur allmählich brachte der Zuruf ihres jungen Führers sie wieder zum Stehen. "Bei dem Ruhm und bei den Siegen meines Vaters, bei meiner eigenen Hoffnung beschwöre ich euch, ihr Männer", schrie er, "haltet stand, vertraut euren Armen und nicht euren Füßen! Wir haben keine Wahl, entweder vorwärts ins troianische Lager oder rückwärts in die See!" Mit diesen Worten führte er sie aufs neue gegen den Feind und focht wie ein junger Löwe, indem er mit Lanze und Schwert bald diesen, bald jenen niederstreckte. Nun sammelte sich die Streitkraft seiner Genossen wieder gedrängt um ihn her, und Schritt für Schritt gewannen die Arkadier wieder Boden, bis ihnen Lausus, der heldenmütige Sohn des Mezentius, Einhalt tat. Die Arkadier zogen sich auf ihre Freunde, die Etrusker und Troianer, zurück, aber unter allen wütete der italische Held mit seinen tödlichen Streichen. Endlich sahen sich Lausus und Pallas einander gegenüber, beide Jünglinge, an Alter wenig verschieden, beide herrlich von Gestalt, beide frühem Tod in diesem Treffen vorbestimmt. Doch sollte keiner von des andern Hand fallen; denn beide erwartete das Verhängnis unter den Händen eines größeren Feindes.

Turnus, der mit seinem Streitwagen das Heer durchflog, erblickte das Paar, wie es eben voll Kampflust aufeinander losging. "Halt", rief er von seinem Wagen herab, "ich allein will mit Pallas kämpfen, mir allein ist sein Leben bestimmt: möchte sein Vater Euander doch zuschauen!" Verwundert richtete der Jüngling den spähenden Blick nach der Stelle, von der herab der trotzige Ruf erschollen war; dann maß er sich seinen neuen Gegner mit großen Augen und rief endlich mutig zu ihm empor: "Entweder erbeute ich heute eine Feldherrnrüstung oder einen rühmlichen Tod; in beides wird mein Vater sich ergeben, darum spare dein Drohen!" So sprach er und schritt in die Mitte der Gasse hervor, die des Turnus Zuruf eröffnet hatte. Auch Turnus sprang von seinem Doppelgespann, wie ein Löwe herbeifliegt, wenn er fern vom Berg herab einen kämpfenden Stier in der Ebene erblickt hat. Als Pallas ihn auf Schußweite vor sich sah, schleuderte er den Speer mit aller seiner Jugendkraft ab und riß sofort das Schwert aus der Scheide. Der Lanzenwurf war gut gezielt, er durchbrach dem Turnus den Rand des Schildes, seinen Riesenleib aber streifte er nur. Jetzt wiegte Turnus lange seinen Wurfspieß mit der scharfen Eisenspitze und sprach dazu: "Nun merk' auf, ob mein Geschoß nicht besser durchdringt." Dann flog sein Speer und fuhr dem Jüngling durch Schild, Panzer und Busen bis tief ins Herz. Vergebens zog dieser den Speer noch warm aus der Wunde, die Seele entfloh mit dem strömenden Blut, und er sank tot unter den rasselnden Waffen auf den Boden. Turnus setzte den linken Fuß auf den Toten, löste ihm den schönen Gürtel vom Leibe, auf welchem der Kentaurenkampf in getriebenem Gold abgebildet war; "das Grab", sprach er dann, "verweigere ich dem Jüngling nicht: bringt ihn immerhin seinem Vater Euander, ihr Arkadier!" So sprach Turnus und flog auf seinen Streitwagen zurück. Wehklagend trugen die Arkadier ihren erschlagenen Königssohn aus der Schlacht, und Etrusker und Troianer, von den vordringenden Rutulern gemäht, zogen sich ihnen in verworrener Flucht nach.

Zu Aineias, der auf einem anderen Flügel des Heeres focht, kam die Botschaft vom Weichen der Seinigen. Da raffte sich der Held mit den mutigsten Genossen auf, brach sich mit dem Schwert eine breite Bahn durch den Feind und suchte den Turnus. Vor seinen Augen schwebte ihm Euanders gastlicher Tisch und der holde Jüngling Pallas, der ihm mit so vielen Vatertränen anvertraut worden war. Schmerz und Rachelust erfüllten seine Heldenbrust. Vier Söhne des Sulmo, vier Söhne des Ufens griff er lebendig aus den Feinden heraus und ließ sie aus der Schlacht führen, um als Sühnopfer für Pallas zu bluten. Keinen Mann, keinen flehenden Jüngling schonte er, der dem Rasenden in den Weg trat, welcher wie ein brausender Bergstrom oder die nächtliche Windsbraut wütete. Zu gleicher Zeit brach der Jüngling Askanios mit den eingeschlossenen Troianern, den günstigen Zeitpunkt ersehend, aus dem Lager hervor.
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Turnus von Hera gerettet - Lausus und Mezentius von Aineias erschlagen

Die Rutuler wären verloren gewesen, wenn nicht Hera den Göttervater im Olymp demütig um die Erlaubnis angefleht hätte, Turnus, ihren Führer, aus der Hand des Aineias zu retten und der Schlacht zu entführen. "Verlangst du nur Verzug seines Todes", sprach Zeus, "so mag es immerhin sein! Wenn du aber damit das Schicksal des ganzen Krieges zu ändern vermeinst, so hegst du eine vergebliche Hoffnung." Weinend erwiderte Hera: "O daß dein Herz mir gewährte, was dein Mund mir verweigert! Soll mein unschuldigster Schützling so traurig endigen? Doch ich danke dir schon für den Aufschub; vielleicht lenkt dich deine Milde doch noch auf gnädigeren Beschluß!"

Hera, von Gewölken umgürtet, ließ sich vom Sturm durch die Lüfte tragen und hatte bald das Lager der Laurenter erreicht. Hier schuf sie aus einer hohlen Wolke ein wesenloses Schattengebild, das an Gestalt dem Helden Aineias täuschend ähnlich war, bekleidete es mit einem Schatten von Panzer, Schild und Helm, der herrlichen Rüstung des Göttersohnes nachgebildet, verlieh ihm den Schritt des Wandelnden und, ohne seinen Geist, den Hall seiner Stimme. So flog die Gestalt dahin wie ein Traumbild, das unsere Sinne trügt, mischte sich unter die vordersten Reihen der Kämpfenden, reizte den Turnus mit Geschossen und forderte ihn zum Kampf heraus. Turnus eilte der Gestalt entgegen und warf die Lanze nach ihr; da wandte jene den Tritt und bot ihm den Rücken. Mit gezogenem Schwert, unter höhnischem Ruf, folgte Turnus, und merkte nicht, daß er schon die Schlachtlinie verlassen hatte. Zunächst am Strande lag eines der etrurischen Schiffe. Dorthin warf sich das fliehende Bild des Aineias und schien sich zagend in seine Schlupfwinkel zu verbergen. Nicht langsamer folgte Turnus, sprang über die Brücke und faßte Fuß auf dem Vorderverdeck. Jetzt hatte Hera ihren Zweck erreicht. Kaum hatte Turnus den Bord berührt, so riß sie das Seil ab und ließ das Schiff von der gerade zurückrollenden Ebbe hinaus in die See tragen.

Inzwischen tobte der rechte Aineias im Kampfe fort und begehrte umsonst nach dem entfernten Feind. Sein Schattenbild aber verließ den Winkel, in dem es sich geborgen, und flatterte, von Turnus ungesehen, in die Luft. Als dieser seinen Feind nicht fand und vom Meereswirbel dahingerissen wurde, schaute er nach dem Lande zurück, ratlos und ohne Dank für seine Rettung. "Allmächtiger Vater", rief er, die Hände gen Himmel erhebend, "hieltest du mich so großer Schande würdig, wolltest du mich so hart bestrafen? Alle meine Freunde habe ich im grausamen Todeskampfe zurückgelassen: wie kehr' ich zu ihnen zurück? O, daß der Meeresgrund sich unter mir auftäte, daß die Winde mein Schiff an einer Klippe zerschellten!" Erst gedachte er sich ins Schwert zu stürzen und hatte es schon aus der Scheide gezogen, doch ein Versuch, zu den Seinigen zurückzukehren, deuchte ihm für diese selbst ersprießlicher, und so sprang er, gewaffnet wie er war, ms Meer. Aber Hera trieb die Wellen ihm entgegen. Der Strom nahm ihn mit sich fort, und erst bei seiner Vaterstadt Ardea spülten ihn die Wellen ans Land.

Die Schlacht vor den Lagermauern wütete fort. Die Troianer waren im Vorteil und jauchzten. Aber der vertriebene König von Agylla, der Etrusker Mezentius, der wildeste Bundesgenosse der Rutuler, der bisher bei der Hinterhut gehalten hatte, brach jetzt vor und stürzte sich auf die Feinde. Als die Etrusker ihren Todfeind herankommen sahen, stürmten sie in ihrem alten Hasse alle auf den einen los und bedrängten ihn von allen Seiten mit ihren Geschossen. Er aber stand wie ein Fels im Meer fest, streckte Etrusker und Phryger, wer ihm nahte, zu Boden. Bald war der Kampf wieder ins Gleiche gesetzt; schon konnten sich die Troianer nicht mehr Sieger nennen. Mezentius hatte eine Gasse in die Feinde gebrochen, und furchtbar schritt seine hohe Gestalt in den mächtigen Waffen emher. Da ward Aineias, der inzwischen auf der anderen Seite des Treffens getobt hatte, den furchtbaren Feind aus der Ferne gewahr, ließ plötzlich vom Gefecht ab und kehrte sich ihm entgegen. Dieser aber hemmte seinen Schritt auf Schußweite von seinem Feind, ergriff mit der Linken die Hand seines Sohnes Lausus, der ihm schon lange an der Seite gestritten hatte, hob mit der Rechten den Wurfspieß, schwenkte ihn in den Lüften und rief: "Wohlan, du mein Arm, der du von jeher mein Gott warst, denn ich kenne keinen anderen, und du mein Speer, jetzt gilt's! Du aber, mein Sohn Lausus, sollst das lebendige Siegeszeichen über diesen Räuber werden, wenn du mir in der erbeuteten Prachtrüstung desselben prangst!" Nun warf er den zischenden Wurfspieß seinem Gegner zu; dieser aber prallte vom Schilde des Aineias zurück und traf den Antores, einen edlen argivischen Auswanderer, der mit Euander nach Italien gekommen war und nun zusammensinkend seinem fernen griechischen Vaterlande einen Seufzer der Sehnsucht zuschickte. Darauf schleuderte auch Aineias seinen Speer ab. Dieser durchbohrte den dreifachen Erzschild des Feindes und fuhr diesem in die Weiche. Als Aineias das Blut des Etruskers fließen sah, riß er erfreut sein Schwert von der Hüfte und drang wütend auf den Bebenden ein. Gespießt von der Lanze und entkräftigt zog sich Mezentius mit dem durchbohrten Schild zurück. Tränen rollten seinem guten Sohne Lausus aus den Augen, als er den Vater verwundet sah; er brach mit seinem Schild vor und lief dem Troianer, der schon mit seiner Rechten zum tödlichen Streich ausholte, unter die drohende Klinge, indem er dem Vater den Schild vorhielt. Ihm folgten seine Genossen mit großem Geschrei, und alle schleuderten Geschosse, so daß Aineias mitten in seinem Grimm stillhalten und sich mit seinem Schild bedecken mußte. Von Lanzen umhagelt, rief er dem Lausus zu: "Wahnsinniger, was rennst du in den Tod? Deine Liebe betrügt dich über deine Kräfte!" Als aber Lausus nicht wich, verdoppelte sich der Grimm des Helden, und nun rannte ihm Aineias das Schwert, tief eintauchend, mitten durch den Leib, das den Weg ohne Mühe durch den leichten Schild und den goldgestickten Rock des Jünglings, das Kunstwerk der zärtlichen Mutter, gefunden hatte. Aber als Aineias in das erbleichende Antlitz des sterbenden Knaben sah, da erbarmte ihn sein, und das Bild der kindlichen Liebe durchbebte sein eigenes Vaterherz. Er reckte die Hand nach dem Sinkenden aus und rief: "Unglückseliger Jüngling, du hättest eine bessere Gabe von mir für dein rühmliches Tun verdient! Deine leichte Rüstung und dein Goldkleid, dessen du dich freutest, soll nicht von dir genommen werden. Wie du bist, sollst du bei deinen Vätern schlafen dürfen, und so wenigstens sollst du inne werden, daß du einem großmütigen Feind erlegen bist!" So sprach Aineias, hob ihn selbst von der Erde empor, daß das schmucke Lockenhaar nicht von Staub und Blut besudelt würde, und ermahnte seine erschrockenen Genossen, den Leichnam in Empfang zu nehmen.

Der verwundete Mezentius hatte sich indessen an den Tiberstrand gerettet und stillte, an einen Uferbaum gelehnt, das Blut seiner Wunde mit dem Wasser des Flusses. Sein eherner Helm hing an einem Ast, seine schwere Rüstung lag im Grase; junge, erlesene Streitgenossen standen um ihn her, er selbst, schwach und keuchend, stützte sich das Haupt mit der Hand, und sein hängender Bart fiel ihm auf die Brust herab. Gar oft fragte er nach seinem Sohne Lausus, viele Boten sandte er, die ihn herbeirufen, die ihm seines geängstigten Vaters Befehle bringen sollten. Da nahte sich die weinende Schar der Freunde, die den entseelten Jüngling mit seiner klaffenden Brustwunde auf dem Schilde dahertrugen. Mezentius, Unheil vorahnend, verstand ihr Wehklagen schon in der Ferne. Als sie angekommen waren, streute er Staub auf sein graues Haar, streckte die Hände gen Himmel und klammerte sie dann um den Leichnam. "Ist's möglich", rief er, "geliebter Sohn, konnte mich die Lebenslust so betören, daß ich dich statt meiner in die Hand des Feindes rennen ließ? Muß dein Tod mein Leben sein? Wehe mir, jetzt erst wird mir die Verbannung aus dem Etruskerlande zur unerträglichen Qual! Jetzt erst fühle ich meine Wunde! Ist's möglich, daß ich noch lebe, daß ich das Tageslicht und die Menschen nicht verlasse? Aber ich will sie verlassen!" Mit diesen Worten richtete er sich auf bis zur kranken Hüfte, und so tief die Wunde saß, verlangte er doch sein Roß. Dies war seine Lust, dies war sein Trost; noch aus allen Gefechten hatte es ihn siegreich zurückgetragen. Auch das Streitroß schien über den Jammer seines Herrn zu trauern, es stand mit gesenktem Haupt da, und die Mähne floß regungslos über den Hals. "Wir haben lange gelebt, guter Rhoebus", redete der wunde Held sein Pferd an, "wenn irgend etwas auf der Erde lang ist; aber heute noch wirst du als Sieger mit mir den Lausus rächen und Haupt und Rüstung des Mörders blutig heimtragen, oder wir fallen miteinander, denn du wirst, hoffe ich, keinen Troianer tragen wollen!" Schnell waffnete sich der Greis, so gut es die Wunde erlaubte, wieder; das Erz des Helmes umleuchtete sein Haupt, der Roßschweif flatterte in den Lüften, seine Hand hielt ein Bündel Speere; so trug ihn Schmerz, Wahnsinn und Mut hoch zu Rosse wieder in die Schlacht.

"Das gebe Zeus und Apollon", rief Aineias erfreut, als er den Gegner wieder auf sich zukommen sah, "daß du den Zweikampf mit mir erneuerst!" Und nun eilte er ihm mit gehobenem Speer entgegen. Mezentius rief dagegen: "Glaubst du mich noch schrecken zu können, nachdem du mir den Sohn entrissen hast? Ich fürchte den Tod nicht, ich frage nach keinem Gott; sterben will ich, aber dir sende ich zuvor diese Gabe!" Sprach's und sandte einen ersten Speer nach seinem Feind und einen zweiten und einen dritten, indem er ihn dreimal dazu mit seinem Roß umkreiste. Aineias drehte seinen Schild nach den Würfen und fing die Geschosse, eins um das andere, mit der goldenen Schutzwaffe auf. Dann brach er hervor und schleuderte seine eigene Lanze dem Streitrosse des Feindes in die Schläfe. Das Tier bäumte sich, streckte seine Vorderhufe in die Lüfte, schüttelte den Reiter ab und deckte ihn fallend mit dem Rücken. Ein Schrei stieg aus den beiden Heeren gen Himmel. Aineias aber flog herbei, riß das Schwert aus der Scheide und rief höhnend: "Wo ist nun der wilde Mezentius, wohin hat sich der Trotzende verkrochen?" - "Grausamer", seufzte der Gefallene vom Boden empor, "spottest du mein im Tode noch? Sterb' ich doch den edeln Tod in der Schlacht! Nur um eine Gunst bitte ich dich: gönne meinem Leib die Decke des Bodens; du weißt, daß mich wilder Haß alter Untertanen umringt: wehre ihre Wut von mir ab, gönne mir ein Grab mit meinem Kinde!" So sprach er und reichte den Hals dem Schwerte des Feindes dar; sein Blut strömte auf die Rüstung, und sein Leben war dahin.
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AINEIAS


Teil III


Waffenstillstand

Die Morgenröte stand über dem Schlachtfelde, das die Troianer als Sieger inne hatten. Aineias richtete auf einem Hügel ein Siegeszeichen auf. Der Stamm einer riesigen Eiche, von dem alle Äste abgehauen waren, wurde mit der funkelnden Waffenrüstung des Feldherrn Mezentius bekleidet; rechts wurden der blutige bebuschte Helm, die zerbrochenen Speere des Fürsten, sein Panzer, der zwölfmal von Geschossen getroffen und durchbohrt war, aufgehängt; links der eherne Schild, und an seinem Gurte das Schwert in der Scheide von Elfenbein. Der gesamte Haufe der troianischen Führer drängte sich um das Denkmal, und Aineias weihte die Beute unter feierlichem Flehen dem Schlachtengott.

Alsdann wandten sie ihre Schritte nach dem Lager, wo der greise Arkadier Akoites, der als Waffenträger und Gefährte seinem geliebten Zögling gefolgt war, den entseelten Leib des Pallas hütete, den eine Schar von Dienern und teilnehmenden Troianern und Troianerinnen mit aufgelöstem Haar umstand und der in einer bedeckten Halle der Lagerburg untergebracht war. Als Aineias durch die Pforte trat, erhob sich lautes Stöhnen, alle Anwesenden schlugen an die Brust, und die Burg dröhnte von Jammer. Wie nun Aineias das Haupt des Pallas, mit dem blassen Angesicht, auf dem Polster erblickte und in der jugendlichen Brust die offene Speerwunde, da rief er, indem ihm die Tränen aus den Augen hervorquollen: "Unglückseliger Knabe, hat dir das trügerische Glück, das dich so schmeichlerisch begleitete, nicht vergönnt, das Reich, das du deinen Freunden gründen halfest, zu schauen und als Sieger in die Heimat zurückzukehren! Nicht solches habe ich deinem Vater Euander versprochen, als er mich beim Scheiden umarmte und sprach: ‚Hüte dich, du gehst in den Kampf mit einem streitbaren und harten Volk!' Weh' uns, vielleicht bringt in diesem Augenblick dein Vater den Göttern Gelübde für dich dar, in welchem wir deinen Leichnam bestatten!" So sprach er weinend und befahl, die Leiche auf ein Geflecht von Eichenzweigen zu legen und ms Lager zu tragen. Dort ward der Jüngling auf einem hohen Grashügel mitsamt der Tragbahre niedergelassen, und lag da nun wie ein gepflücktes Veilchen oder eine welkende Hyazinthenblüte, von welcher Schönheit und Farbenschimmer noch nicht ganz gewichen sind. Aineias selbst brachte zwei purpurne, mit Gold durchwobene Feiergewänder, von Didos eigener Hand gewirkt, herbei; in das eine hüllte er den Leib des Jünglings, das andere schlang er um sein Lockenhaupt. In diesem Schmucke sollte der Tote seinem Vater nach Pallanteum zurückgeschickt werden. Dem Zuge schlössen sich erbeutete Gefangene, Pferde mit Waffen beladen, Akoites, der alte Diener des Jünglings, der sich das Haar zerraufte und die Brust mit Fäusten schlug, und zuletzt Aithon, das Streitroß des Königssohnes, an, das mit gesenktem Kopf einherschritt und Tränen vergoß wie ein Mensch. Dann kamen die Fürsten der Etrusker und Arkadier und ein Trauergefolge von Troianern, alle mit gesenkten Waffen. Aineias sah dem Zuge der Begleitenden nach, bis er aus seinen Augen verschwand, rief dem Toten ein letztes Lebewohl zu und kehrte wieder in das Lager zurück.

Indessen waren aus der Stadt des Latinus Gesandte mit Ölzweigen in der Hand angekommen und flehten um die Erlaubnis, die Leiber der Ihrigen bestatten zu dürfen. Diesen erwiderte Aineias voll Huld, indem er ihnen die Bitte sogleich gewährte: "Welche Verblendung, ihr Latiner, hat euch unsere Freundschaft verschmähen lassen und in diesen großen Krieg verwickelt! Ihr begehret Frieden für eure Toten? Wie gern gewährte ich ihn auch den Lebenden! Auch wäre ich gewiß eurem Lande niemals genaht, wenn dieser Wohnplatz mir nicht durch das Schicksal angewiesen worden wäre. Dazu führe ich keineswegs Krieg mit eurem Volke. Nicht dieses, nur euer König hat unseren Bund verschmäht und sich lieber den Waffen des Turnus anvertraut. Will Turnus den Krieg mit der Faust enden, will er die Troianer durchaus nicht in dem Lande dulden, nun so werfe er sich in seine Rüstung und kämpfe mit mir, Mann für Mann. Behalte dann recht, wem ein Gott und seine Faust das Leben verleiht. Jetzt aber gehet und legt eure armen Mitbürger auf den Scheiterhaufen."

Als die Gesandten so milde Worte aus dem Munde des Troianerfürsten hörten, sahen sie schweigend vor Staunen einander an. Endlich sprach der greise Drances, von jeher ein Feind des Turnus: "Held von Troia, was soll ich mehr an dir bewundern, deine kriegerische Tugend oder deine Gerechtigkeit? Wir gehen, voll Dank unserer Vaterstadt deine Willensmeinung zu verkündigen und, wenn es möglich ist, den König Latinus mit dir zu versöhnen." Alle Gesandten bestätigten diese Rede mit ihrem Beifallsrufe. Es wurde ein Waffenstillstand auf zwölf Tage geschlossen, und nun schweiften in seinem Schütze Latiner und Troianer durcheinander ungefährdet auf den waldigen Berghöhen umher; die Esche, die Fichte sank unter dem Streiche der Axt; die Eiche, die Zeder, die Buche wurde mit Keilen gespalten, und seufzende Wagen, schwer mit Holz beladen, fuhren der Stadt der Latiner zu.

Inzwischen war das Gerücht von dem Tode des Pallas zur Stadt des Euander gedrungen, die bisher nur von den Siegen ihres Königssohnes vernommen und geträumt hatte. Unaussprechliche Niedergeschlagenheit bemächtigte sich des Königs und aller Bürger. Leichenfackeln in der Hand stürzten die Arkadier zu den Toren hinaus, und vom langen Zuge der Flammen leuchtete der Weg. Auf der anderen Seite kam ihnen die wehklagende Schar der Phrygier mit dem Leichnam entgegen.

Als die Frauen der Arkadier den Zug auf die Häuser der Stadt zukommen sahen, erfüllten sie die Straßen mit lautem Heulen. Jetzt vermochte auch den König Euander keine Gewalt mehr zurückzuhalten; er ging der Schar entgegen, und als die Tragbahre niedergestellt ward, warf er sich über die Leiche seines Sohnes und ließ seinem Schmerz in lautem Schluchzen und abgebrochenen Worten des Jammers den Lauf.
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Volksversammlung der Latiner

Troianer und Latiner hatten ihre Toten unter Tränen und Opfern bestattet; die lauteste Wehklage und längste Betrübnis aber war bei den letzteren. Trauernde Mütter, Witwen, Schwestern, Knaben, ihrer Väter beraubt, irrten durch die Stadt umher, verfluchten den Krieg und das Eheverlöbnis des Turnus. Diese Stimmung verstärkte noch der Abgesandte Drances, indem er versicherte, daß nur Turnus von Aineias verlangt, nur er zur Entscheidung des Krieges durch einen Zweikampf herausgefordert werde. Auf der anderen Seite wurde auch Turnus von der entgegengesetzten Meinung eifrig verteidigt; ihn deckte der mächtige Name der Königin Amata; sein eigener Ruhm und die errungenen Siege verherrlichten ihn in den Augen des Volkes.

Die Niedergeschlagenheit der Latiner vermehrte indessen eine Botschaft, durch welche eine lang gehegte Hoffnung vereitelt wurde. Im unteren Teile Italiens, in Daunien, saß, auf der Rückkehr von Troia durch die Nachstellungen seiner treulosen Gattin von seiner Heimat Aitolien zurückgehalten, der große Griechenheld Diomedes, der Sohn des Tydeus, und hatte dort die Stadt Argyripa gegründet. Gleich beim Ausbruch des Krieges hatte Turnus zu diesem alten Feinde der Troianer einen Rutulerhelden, namens Venulus, abgeschickt, welcher demselben meldete, daß Troianer, von Aineias, dem Schwiegersohne des Königs Priamos, angeführt, im Latinerlande sich festgesetzt hätten und ein zweites Troia gründen wollten. Gegen diese verhaßten Ankömmlinge hatte Turnus die Hilfe des Königs Diomedes verlangt. Mitten in jener Aufregung nun kam Venulus, der Botschafter des Turnus, aus der griechischen Pflanzstadt des Diomedes zurück und brachte keine günstige Antwort mit. Damit war die letzte Hoffnung des alten Königs Latinus verschwunden. Niedergebeugt von Kummer, berief er die Häupter des Volkes zu einer großen Versammlung in seinen Königspalast, setzte sich mit düsterer Stirn auf seinen Herrscherthron und hieß den zurückgekommenen Boten mit seinen Begleitern Bericht erstatten.

"Bürger", begann hier Venulus, "wir sahen den Helden Diomedes und die Pflanzstadt der Argiver, unter den Eichenwäldern des Berges Garganus auf der schönen Anhöhe gelegen. Als wir ihm Namen und Heimat gesagt, unsere Geschenke vor ihm ausgebreitet und ihm gemeldet hatten, wer uns mit Krieg heimsuche, erwiderte uns der große Fürst .mit freundlichem Angesicht: ‚O ihr glücklichen Völker Ausoniens, ihr unter der Obhut des guten Saturnus lebenden, welch ein Schicksal stört auch euch aus der Ruhe auf? Wir Sieger Troias sind die Elendesten unter allen Sterblichen! Selbst Priamos müßte uns bemitleiden, wenn er schaute, wie schwer wir unseren Übermut büßen müssen. Der Lokrer Aias hat im Meere sein Grab gefunden; Agamemnon liegt im eigenen Hause erschlagen; Menelaos irrt in Aigypten umher; Odysseus zitterte vor den Kyklopen. Auch mir haben die Götter die Wiederkehr in meine Heimat mißgönnt; erlasset mir die Erzählung! Ich bin kein Mann des Glückes mehr, seit ich es gewagt habe, die unsterbliche Aphrodite im Kampfe zu verwunden! Darum reizet mich nicht zu neuen Gefechten! Seit Troia gefallen ist, bin ich kein Feind der Troianer mehr, denke auch nicht mit Freuden an das Übel zurück, das ich ihnen zugefügt. Die Geschenke, die ihr mir von Hause bringt, überreichet sie dem Aineias! Ich habe mich im Kampfe mit ihm gemessen: glaubet mir's, er ist ein gewaltiger Mann, wenn er sich mit seinem Schild emporbäumt und im Wirbel die Lanze dreht! Wären nach Hektors Tode noch zwei Männer wie er in Troia gewesen, so hätte die Welt nichts von unserem Siege zu erzählen. Darum, bietet die Hände zum Frieden, so lange es noch Zeit ist: seinen Waffen seid ihr nicht gewachsen.'"

Als Venulus seinen Bericht beendigt hatte, entstand ein murrendes Tosen in der Volksversammlung, wie ein Gießbach durch Felsen rauscht. Wie die bewegten Lippen endlich still wurden, sprach der König Latinus von seinem hohen Throne herab: "Wir führen einen unglückseligen Krieg, ihr Bürger, mit unbezwinglichen Männern, mit einem Göttergeschlecht. Beherziget deswegen, was ich euch verkündigen will. Nicht fern von dem Tiber, gegen Abend, besitze ich ein altes Gebiet, von Rutulern und Aurunkern bebaut und beweidet und von Fichtenbergen begrenzt. Dieses will ich den Troianern abtreten und sie zu Reichsgenossen aufnehmen; dort mögen sie sich ansiedeln und die verheißene Stadt begründen. Ziehen sie es aber vor, ein anderes Land aufzusuchen, so wollen wir ihnen Erz, Schiffsbauzeug und Hände darreichen, um sich fünfzig Ruderschiffe zu bereiten und auszurüsten. Außerdem sollen hundert Gesandte aus den edelsten Geschlechtern von Latium sich aufmachen, mit Friedenszweigen in der Hand, und ihnen Gold, Elfenbein und Mantel und Thron als Reichsklemodien darbringen."

Da stand der alte Drances in der Versammlung auf, ein reicher, beredter Mann, obwohl kein Held im Kampfe mehr, der seit langer Zeit den Ruhm des Turnus mit Scheelsucht betrachtete, und rief: "Vortrefflicher König, es fehlt nur eins noch! Du solltest zu den herrlichen Geschenken, die du den Troianern zu senden befiehlst, auch noch die Hand deiner Tochter Lavinia hinzufügen, und so den Frieden mit einem ewigen Bunde besiegeln!" Jetzt entbrannte das Herz dem Turnus, der eben erst von seiner Vaterstadt zurückgekehrt, sich unter die Volksversammlung gemischt hatte. Aus der tiefsten Brust emporatmend, rief er: "O Drances, so oft der Krieg Fäuste verlangt, bist du mit der Zunge da! Jetzt aber gilt es nicht, den Ratssaal mit Worten anzufüllen: die Feinde umringen unsere Stadt, gefochten will es sein! Was wird uns der Aitoler Diomedes und seine Pflanzstadt helfen, wenn unser eigener Arm, wenn Latium, wenn ganz Volskerland, das sich für uns erhoben hat, es nicht vermag? Wenn es sich aber nur um meine Seele handelt: die ist euch längst geweiht; wenn es wahr ist, daß Aineias mich allein herausfordert: ich bin Turnus, er soll mich finden!"

Während die Latiner so sich über die Lage ihres Reiches zankten, kam Aineias mit seinem ganzen Gefolge heran, und plötzlich stürmte die Botschaft durch den Palast, daß Troianer und Etrusker vom Tiberstrome hergezogen kämen.
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Neue Schlacht - Camilla fällt

Die Versammlung stäubte auseinander, aus der ganzen Stadt warf sich alles in Hast auf die Mauern. Die Stadttore wurden mit Gräben verschanzt, Steine wurden aufgehäuft, Pallisaden in den Boden gerammt, das Schlachthorn schmetterte, Mütter und Männer stellten sich in bunten Reihen auf den Mauerkranz. Auf einem hohen Wagen fuhr die Königin Amata und an ihrer Seite ihre Tochter Lavinia, die Ursache so vielen Leides, ihre reizenden Augen auf den Boden gesenkt, durch den Schwärm der Frauen nach der Burg der Stadt, um dort im Tempel der Athene Gebet und Opfer darzubringen.

Turnus selbst gürtete sich eilig zum Kampfe. Bald starrte er im schuppigen Erzharnisch, legte sich die Goldschienen an die Beine und schnallte sich das Schwert an die Seite. Dann setzte er sich den goldenen Helm aufs Haupt und eilte, funkelnd vom Kopfe bis auf die Sohlen, und frohlockend in Siegeshoffnung, von der Königsburg hinab. Unter dem Tore begegnete ihm Camilla, hinter sich den Zug ihrer Volsker. Als sie den Helden erblickte, sprang die jungfräuliche Königin vom Rosse, und ihr folgte das ganze Geschwader. Dann sprach sie zu dem Rutulerfürsten: "Turnus, wenn anders ein Starker mit Recht auf sich selbst vertraut, so gelobe ich heute, die Schar des Aineias zu bestehen und mich allein mit meinen volskischen Reitern ihm entgegenzuwerfen."

Solch Anerbieten war dem Helden willkommen. "Dieser Mut", erwiderte er, "erhebt dich, o Jungfrau, hoch über dein Geschlecht und in den Rat der Männer. Von nun an sollst du die ganze Kriegsarbeit mit mir teilen. Meine Späher melden mir, daß Aineias seine leichten Reitergeschwader vorausgesandt hat; er selbst mit dem schweren Heerhaufen schreitet über den Bergrücken auf die Stadt zu. Dort will ich ihm in einem waldumwachsenen Hohlwege einen Hinterhalt bereiten und beide Schlünde des engen Pfades mit Kriegern besetzen. Du dagegen sollst die etruskischen Reiter mit deiner Reiterei empfangen, und ich gebe dir den Helden Messapus mit den latinischen Geschwadern bei. Die Oberfeldherrnschaft aber sei dir selbst anvertraut, unvergleichliche Jungfrau!"

Nach diesen Anordnungen ging Turnus seinen eigenen Weg. Durch ein enges Tal mit vielen Krümmungen, das von beiden Seiten eine schwarze Bergwand voll Waldes begrenzte, führte ein schmaler Fußpfad. Drüberhin, zuoberst auf dem Bergesgipfel, lag zwischen Wäldern verborgen ein ebenes Feld, wo sich ein sicherer Hinterhalt aufstellen ließ und von wo aus man nach Belieben rechts oder links angreifen oder aber von der Höhe herab Steine ins Tal herniederwälzen konnte. Dorthin zog Turnus mit seinen Scharen und lagerte sich auf der Höhe und in den Wälderschluchten.

Während dies geschah, rückten die Troianer und ihre etruskischen Bundesgenossen mit den Reitergeschwadern immer näher an die Mauern. Die Rosse brausten durch die Ebene, eine eiserne Saat von Spießen starrte, und die Felder schienen von den erhobenen Waffen zu brennen. Gegenüber erschienen die Latiner, Messapus mit seinem Bruder Coras an der Spitze, und die Reiterei der Volsker von Camilla angeführt. Als die Heere einander auf Speerwurfs Weite nahe gekommen waren, standen sie einen Augenblick still und brachen dann plötzlich mit Geschrei hervor, ermunterten ihre Rosse, und von allen Seiten flogen Geschosse wie Schneeflocken, so daß die Luft ganz verdunkelt wurde. Sobald die feindlichen Scharen, Speer gegen Speer, miteinander kriegten, fing die Schlachtordnung der Latiner zu wanken an; sie warfen bald die Schilde auf den Rücken und lenkten ihre Rosse nach der Stadt hin. Aber ihre Flucht war nur verstellt; sobald sie bei den Mauern angekommen waren, drehten sie sich wieder und warfen sich, wie die Ebbe, die in die Flut umschlägt, mit erneutem Feldgeschrei auf die verfolgenden Etrusker, die nun ihrerseits wieder zurückwichen. So ging es zweimal, und erst das dritte Mal wurde das Treffen zur stehenden Schlacht, wo alle sich untereinander mengten und Mann sich Mann zum Kampfe auswählte. Jetzt erscholl bald ein Geächze von Sterbenden; Waffen und Leichen wälzten sich im Blutbade, halblebende Rosse lagen unter Leichnamen vermischt, und andere bäumten sich über ihren abgeworfenen Reitern.

Mitten im Morde frohlockte, einer Amazone gleich gekleidet und aufgeschürzt, die Volskerin Camilla, sandte bald Pfeile vom Bogen, bald schlanke Lanzen mit der Hand, bald griff sie zur Streitaxt, und auf ihrer Schulter schallte klirrend ihr goldener Köcher. Wenn sie auch einmal mit ihrem Rosse umlenkte und weichend über den Plan hinflog, so wendete sie doch noch den Bogen rückwärts und schickte im Fliehen einen Pfeil ab. Ein auserlesenes Gefolge von tapferen Jungfrauen umgab sie, Larma, Tulla und Tarpeia, welche sie sich selbst zur Gesellschaft auserkoren hatte und die in Krieg und Frieden ihre treuen Begleiterinnen waren. Eine Menge Phryger stürzten unter ihren Würfen und Streichen. Endlich begegnete ihr im Kampfe auch einer der tapfersten Apenninenbewohner, als sie eben dem kühnen Orsilochos durch den Helm das Haupt gespalten hatte, der streitbare Sohn des Aunus, ein Ligurer. Der Anblick der furchtbaren Jungfrau schreckte ihn, und als er sah, daß es ihm nicht mehr möglich war, dem Kampfe zu entrinnen und die ihn bedrängende Feindin abzulenken, sann er auf eine neue List und rief: "Was ist es denn so ein Großes, wenn ein Weib sich einem tapferen Rosse anvertraut! Entsag' einmal dem flüchtigen Umherschweifen, steige von deinem Pferde und versuche den Kampf mit mir auf ebenem Boden, dann wollen wir sehen, ob dem windiges Prahlen standhält!" Diese Worte waren ein Stachel in das Herz der Jungfrau, sie übergab ihrer nächsten Gefährtin das Pferd und stellte sich dem Jüngling, nur mit Schwert und Schild bewaffnet, zum gleichen Fußkampfe. Der Jüngling aber glaubte seinen Betrug gelungen; ohne abzusteigen gab er seinem Pferde die Sporen und ergriff mit umgewandtem Zügel die Flucht. "Betrüger!" rief die Heldin, als sie ihn fliehen sah, "du sollst die Künste deiner Heimat umsonst versucht haben, und deine List wird dich nicht zum schelmischen Aineias zurückbringen!" Zugleich eilte sie mit geflügelten Sohlen dem Rosse voran, fiel ihm in die Zügel und stieß von vorn dem Reiter das Schwert in den Leib.

Aber auf der Gegenseite erhob sich ein gewaltiger Held, der Etruskerkönig Tarchon. Dieser trieb bald zu Rosse weichende Scharen vor sich her, belobte die Seinigen mit ermunterndem Zurufe, nannte jeden mit Namen, frischte die Zurückgedrängten zu neuem Kampfe auf und trieb unbekümmert um den Tod sein Roß mitten in die Schlacht hinein. Hier stieß er auf den Venulus, warf sich stürmisch ihm entgegen, riß ihn vom Pferde und trug ihn, mit der rechten Hand umschlingend, auf seinem eigenen Rosse im Fluge davon.

Mit Blicken und Geschrei folgten die staunenden Latiner dem Eilenden, der im Laufe seinem Feind mit dem abgebrochenen Schafte seiner eigenen Lanze zwischen die Fugen der Rüstung eine Todeswunde zu versetzen strebte. Venulus aber erwehrte sich des Streichs und hielt die Hand vor die Kehle. So war das Paar anzuschauen wie ein Adler, der eine geraubte Schlange durch die Luft entführt; das blutende Tier ringelt sich, bäumt sich immer höher und zischt mit dem Munde; der Vogel aber läßt es nicht aus dem krummen Schnabel fahren und peitscht die Lüfte mit seinen Flügeln. Dem Glück und Beispiel ihres Führers folgten die Etrusker und stürmten wieder mutiger voran.

Auch Camilla fand einen kühnen Gegner in den Reihen der Etrusker. Der Held Arruns schwärmte mit seinem Speer um die rasche Amazone her und wich ihr nicht von der Seite, nach welcher Stelle des Treffens die Wut sie auch führen mochte. Nun verfolgte Camilla gerade den phrygischen Kybelepriester Chloreus, dessen schuppiger Erzpanzer mit goldenem Geflechte wie ein gefiedertes Gewand sich um seinen Leib legte und den ein Überwurf von dunklem Purpur bedeckte. Ein goldener Helm strahlte auf seinem Haupte, ein Köcher aus Gold tönte um seine Schultern, und vom Bogen schoß er die schärfsten Pfeile. Sein ausländisches Waffengeschmeide machte die volskische Jungfrau lüstern, und sie verfolgte ihn, sei es um die troianische Wehr als Siegesbeute in einem italischen Tempel aufzuhängen, sei es um selbst in dem erbeuteten Golde zu prangen. Als sie nun ganz mit Sinn und Blick auf diesen Feind gerichtet war und den Arruns aus den Augen gelassen hatte, schnellte dieser, zu Apollon flehend, daß er die Schmach der verbündeten Waffen tilgen und auch ihn nicht einem Weibe unterliegen lassen wolle, plötzlich und unversehens den Speer. Phoibos nickte ihm den halben Wunsch zu. Die umringenden Volsker hörten die Lanze daherrauschen und suchten mit den Augen ihre Königin. Sie selbst aber dachte an nichts, bis ihr das Geschoß in der Brust haftete und ihr jungfräuliches Blut aus der Wunde drang. Zitternd eilte die Schar ihrer Gefährtinnen herbei, und sie faßten ihre Herrin in den Armen auf. Arruns aber, über seine eigene Tat wie erschrocken, entfloh, vor Freude und Furcht bebend, wie ein Wolf, nachdem er einen Farren oder einen Hirten erwürgt hat, noch ehe die Pfeile ihn verfolgen, plötzlich vom Wege abweicht und mit eingezogenem Schweif sich in die Waldungen flüchtet. Gerade so stahl sich Arruns hinweg und mischte sich hastig fliehend unter die Reiter. Camilla aber zog sterbend an dem Eisen, dessen Spitze ihr eine tiefe Wunde in die Rippen gewühlt hatte, ihre Augen brachen, der Purpur der Wangen wich von ihrem Angesicht. Mit schwachem Atem sprach sie zu Acca, der liebsten ihrer Gespielinnen: "Fleuch', du Liebe, und überbring' dem Turnus meine letzten Befehle, denn um mich her wird alles Nacht: Er soll hinfort den Kampf leiten und die Stadt vor den Troianern beschützen!" So sprach sie, ließ die Zügel fahren und glitt, noch immer widerstrebend, vom Rosse auf den Boden herab, neigte dann Haupt und Hals und verschied.

Die Volsker erhoben ein Geschrei der Verzweiflung bei ihrem Tode, und nach ihrem Fall entbrannte die Schlacht noch wilder. Da traf auch den Mörder Camillas, den Etrusker Arruns, ein Pfeil, von unsichtbarer Hand abgeschossen; es war Artemis' Schuß, die ihre geliebte Jägerin rächte. Die Freunde des Getöteten schritten zum fortlaufenden Kampf über seinen Leichnam, und dieser blieb vergessen im Staube hegen. Nach dem Tode der Führerin begann nun zuerst das Reitergeschwader Camillas zu fliehen, darauf auch die Rutuler. Alle flogen mit abgespannten Bogen, die Rosse antreibend, über das Blachfeld hin. Eine schwarze Wirbelwolke von Staub wälzte sich den Stadtmauern entgegen, von den Zinnen stieg ein Jammergeschrei der Mütter in die Lüfte; und bald waren die Tore von den nachfolgenden Scharen fast zugleich mit den Feinden erreicht, und unter Gemetzel drangen die Sieger in die Stadt ein. An anderen Stellen wurden von den verzweifelten Bürgern die Stadtpforten vor den Flüchtenden geschlossen, und diese, zu den Feinden hinausgesperrt, erlagen den Geschossen der siegreichen Feinde vor den Toren.

Unterdessen drang die Schreckenskunde auch zu Turnus in das dunkle Waldtal, denn Acca suchte ihn in seinem Hinterhalte auf und brachte ihm von dem Tode ihrer Herrin und der verlorenen Schlacht unzweifelhafte Nachricht. Von Wut und Schmerz im Innersten zerrissen, verließ dieser auf der Stelle das Gehölz und stürmte nach der Ebene hinab. Kaum hatte er sein Versteck verlassen, als Aineias vom Gebirge her in die Schluchten des Tales mit den Seinigen sorglos eingedrungen kam und bald aus der finsteren Waldung heraustretend auf der Ebene vor der Stadt sichtbar wurde. Da sah er den Heerhaufen des Turnus vor sich her ziehen. Auch dieser hörte Heerestritt und Roßgeschnaube hinter sich, erkannte, umgewandt, den grimmigen Aineias und stellte sich in Schlachtordnung ihm gegenüber auf. Wäre nicht die Sonne schon im Sinken gewesen, auf der Stelle hätten beide Heere den Kampf der letzten Entscheidung ausgefochten.
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Unterhandlung - Versuchter Zweikampf - Friedensbruch Aineias meuchlerisch verwundet

Als Turnus sah, daß die Latiner, von den Feinden gedemütigt, ihre Blicke alle auf ihn allein richteten und ihn an sein Versprechen zu erinnern schienen, überflog eine Schamröte sein Gesicht, und sein Herz schlug ihm wieder stolzer in der Brust. Wie ein verwundeter Löwe sich wieder ernstlich zur Wehr setzt, die zottige Mähne fröhlich schüttelt und den Speer des Jägers, der ihm im Leibe sitzt, zerbricht, mit den blutigen Zähnen dazu knirschend, so entbrannte das Ungestüm des hohen Jünglings wieder. Er trat vor seinen Schwiegervater Latinus und sprach: "An mir soll der Verzug nicht liegen, wenn nur die feigen Troianer ihr gegebenes Wort nicht brechen! Laß Opfertiere herbeischaffen, Vater, und schließe den Bund. Entweder schickt mein Arm heute noch den asiatischen Flüchtling zum Orkus hinunter und rächt unsere Schande, oder ich erliege seinem Schwert und er mag deine Tochter Lavinia als Gattin heimführen!" Ihm antwortete Latinus mit ruhigem Herzen: "Je mehr du an trotziger Tapferkeit alle besiegest, hochherziger Jüngling, desto mehr ist es meine Pflicht, dich zu beraten und alle Glücksfälle des Schicksals sorgfältig zu überlegen! Von Daunus deinem Vater her ist ein großes Reich dein, und du hast ihm manche Stadt durch Eroberung hinzugefügt; Gold und Gunst wird dir durch Latinus zuteil; Latium hat noch genug andere Bräute, die auch nicht unedlen Stammes sind. Laß mich dir die ganze Wahrheit sagen, so schmerzlich sie dir auch sein mag. Einem von den vorigen Freiern meine Tochter zu geben, verhinderte mich der Warnungsspruch von Göttern und Menschen, dir zuliebe aber, getrieben durch die Verwandtschaft, durch die Tränen meiner Gemahlin, überwand ich alle Zweifel, nahm dich zum Eidam an und habe mich in diesen ungesegneten Krieg eingelassen. Unser Schicksal siehst du. Du allein stehest dem Frieden im Wege. Entsage meiner Tochter und verlange nicht von mir, das erst auf den zweifelhaften Ausgang eines Zweikampfes ankommen zu lassen, was du mir sogleich als Gewißheit zu gewähren vermagst! Denk an das ungetreue Kriegsglück! Erbarme dich auch deines bejahrten Vaters, den der Gram um dich in deiner Vaterstadt Ardea verzehrt."

Aber keine Worte vermochten den Rutuler umzustimmen, ja er wurde durch diese sanfte Rede nur noch wilder gestimmt. Nicht einmal die Bitten, die Tränen, die Umarmungen der Königin wirkten auf sein Herz. Da kam endlich, von den Wehklagen ihrer Mutter aufgeschreckt, auch seine Braut Lavinia herbeigeeilt. Tränen rannen ihr über die heißen Wangen, und die große Verschämtheit jagte ihr Glut über das Angesicht. Wie Elfenbein von Purpur überlaufen, wie Lilienschnee von Rosen angeschimmert - so spielten die Farben auf ihrem jungfräulichen Antlitz. Turnus heftete einen Blick auf die Geliebte, und seine Gedanken verwirrten sich einen Augenblick; aber die Hoffnung, den verhaßten Nebenbuhler zu besiegen, entflammte ihn noch mehr zum Streit, und er sprach zu der Königin gewendet: "Mutter, ich bitte dich, verfolge mich nicht mit deinen Tränen, mit deiner bangen Ahnung; Turnus hat keine Wahl mehr!" Dann rief er einen seiner Streitgenossen und sagte zu ihm: "Du, Idmon, eile zum troianischen Führer und verkünde ihm ein Wort, das ihn nicht freuen wird. Er soll am nächsten Morgen seine Troianer nicht zum Streite führen, wie ich meine Rutuler nicht: wir lassen die Heere von allem Streite ruhen, aber wir beide, sobald die Sonne am Himmel aufgegangen ist, wollen mit unserem Blute den Krieg entscheiden, nur auf diese Weise soll das Schlachtfeld bestimmen, wem Lavinia als Gattin folgen wird."

Nun ließ Turnus, ins Innere der Burg zurückgekehrt, seine schneeweißen, windschnellen Rosse vorführen, wappnete sich, ergriff die unbesiegte Lanze und übte sich mit rollenden Augen in spielendem Stoß. Auch Aineias, mit der Botschaft des Rutulerfürsten zufrieden, wappnete sich mit seiner göttlichen Rüstung. Kaum bestrahlte der Tag die höchsten Gipfel der Berge mit frühem Sonnenlichte, als schon Rutuler und Troianer vor den Mauern der mächtigen Latinerstadt das Feld für den Zweikampf ihrer Feldherren abmaßen und in der Mitte den gemeinsamen Göttern Rasenaltäre aufbauten. Wasser und Feuer zum Opfer, Kränze für die Priester, Tiere und Altäre wurden herbeigebracht. Dann ergoß sich das gesamte Volk der Italer aus den Toren der Stadt; von der anderen Seite eilte das verbündete Heer der Troianer und Etrusker herbei. Auf ein gegebenes Zeichen zog sich jeder auf seinen Platz zurück, und ein geräumiges Feld blieb zum Kampfe offen. Die Krieger stießen ihre Spieße in die Erde und lehnten die Schilde an. Aus der Stadt strömte jetzt auch noch unbewaffnetes Volk heraus, selbst schwache Mütter und gebückte Greise. Innerhalb der Stadt besetzten sich Türme und Dächer mit Zuschauern und auf den höchsten Toren saßen der Schaulustigen genug.

Jetzt nahten die Könige; Latinus kam auf einem vierspännigen Prunkwagen einhergefahren; von seiner Stirn blitzte ein Diadem mit zwölf goldenen Strahlen, zum Zeichen, daß er vom Sonnengotte abstamme. Turnus erschien mit einem Zweigespann von weißen Rossen, zwei Wurfspieße in der Hand schüttelnd. Auf der anderen Seite eilte aus dem troianischen Lager Aineias hervor, und seine Rüstung samt Schild strahlte wie Sternenschimmer; an seiner Seite ging Askainos, sein kräftig heranblühender Sohn. Dann brachte ein Priester in reinem Gewande ein borstiges Ferkel und ein langwolliges Lamm und stellte die Tiere an die brennenden Altäre. Die Fürsten wandten sich mit ihrem Angesicht der aufgegangenen Sonne zu, streuten gesalzenes Mehl auf die Opfer, scheren ihnen die Scheitel mit dem Stahle und gössen das Dankopfer auf die Altäre. Dann beschworen dort Aineias, hier Latinus mit feierlichen Gebeten den Vertrag: würde Aineias besiegt, so sollten die Troianer unter Iulos Latium auf der Stelle räumen und nach Pallanteum, der Stadt Euanders, sich zurückziehen; wäre der Sieg sein, so sollten sich Italer und Troianer, jedes Volk frei und selbständig, vereinigen, Latinus herrschen, Aineias die Tochter des Königs gewinnen und eine Stadt sich und seinem Volke bauen und nach ihrem Namen Lavinia nennen.

Den Rutulern erschien längst der Kampf als ein ungleicher; ihre Herzen gärten ungeduldig, und der Ausgang deuchte ihnen bei des Aineias überwiegender Heldenkraft sehr unsicher. Ihre Sorge vermehrte sich, als sie ihren Führer Turnus mit bleichem Antlitz und eingefallenen Wangen schweigend vortreten und mit gesenktem Haupte vor dem Altar stehen sahen. Seiner Schwester Iuturna entgingen diese Eindrücke nicht; sie, eine unsterbliche Nymphe, verwandelte sich schnell in die Gestalt des Helden Camers, der durch mächtige Ahnen und eigene Taten in großem Ansehen bei dem Rutulervolke stand und mischte sich mitten unter das Heer. "Rutuler", flüsterte sie da, "schämt ihr euch nicht, für euch viele streitbare Männer, die ihr so gut kämpfen könnet, nur eine einzige Seele dem Tode darzubieten? Sind wir unseren Gegnern etwa an Kräften nicht gewachsen? Zählet einmal Troianer, Arkadier und Etrusker: ihr werdet finden, daß, wenn wir uns Mann gegen Mann schlagen wollten, kaum jeder von uns Rutulern und Latinern seinen Gegner finden würde! Turnus freilich wird zu den Göttern, an deren Altar er sich weiht, ruhmvoll emporsteigen, wenn er fällt; wir aber werden unser Vaterland verlieren, um trotzigen Zwingherren dienstbar zu sein, und es geschieht uns recht: warum saßen wir auch untätig hier im Grase, während wir hätten kämpfen können!"

So sprach Iuturna und sie tat noch mehr. Sie schickte den Italern ein sinnbetörendes günstiges Vorzeichen vom Himmel. Ein Goldadler Zeus' schwebte durch den lichten Äther, scheuchte das Ufergevögel des Stromes auf, schwang sich dann plötzlich zu den Wellen hinab und packte mit den Klauen den schönsten Schwan. Die Rutuler sahen staunend zum Himmel auf, wo alle die Vögel in einem luftverdunkelnden Schwärm, von der Flucht umgewendet, plötzlich ihren Feind, den Adler, der sich mit seiner Beute dem Himmelsgewölbe zuschwang, verfolgten, bis dieser, durch die Übermacht bezwungen und durch seine Last erschöpft, den Raub aus den Klauen fahren und in den Fluß fallen ließ, dann sich wieder emporschwang und in den Lüften verschwand. Rutuler und Latiner begrüßten diese Erscheinung mit Freudengeschrei, legten die Hand an den Schwertgriff und lauschten ihrem Seher Tolumnius, der ihnen das Zeichen günstig deutete und sie zu den Waffen greifen hieß. Zugleich warf er selbst zuerst sein Geschoß auf die gegenüberstehenden Feinde, daß es zischend die Luft durchfuhr. Ein Lärm erhob sich, Verwirrung kam in alle Reihen, alle Herzen gerieten in Aufruhr. Ihm gegenüber standen nämlich neun schöne, schlanke Brüder, Söhne des Arkadiers Gylippos und einer einzigen edlen etruskischen Mutter. Einem von diesen stattlichen Jünglingen war der Speer des Tolumnius an der Gürtelschnalle mitten durch den Leib geflogen und hatte ihn in den Sand hingestreckt. Die acht Brüder des Gefallenen, von Schmerz um den Bruder entbrannt, schwangen ihre Lanzen, zückten ihre Schwerter; gegen sie stürzte sich die Macht der Rutuler. Nun brachen alle Arkadier, Troianer und Etrusker los. Die Altäre wurden im Gedränge zerwühlt, ein Sturm von Pfeilen durchlief die Luft, ein eiserner Speerhagel ergoß sich, Latinus selbst floh mit den Götterbildern, durch den Bruch des Bündnisses vertrieben; die einen schirrten ihre Wagen an, die anderen schwangen sich aufs Roß und andere stürzten sich mit gezogenen Schwertern ins Handgemenge. Ein fürchterliches Morden erhob sich.

Aineias aber streckte die unbewehrte Rechte gen Himmel, warf sich unverhüllten Hauptes mitten unter die Seinigen und rief: "Wo rennet ihr hin, Freunde, welche plötzliche Zwietracht hat sich erhoben? Hemmt doch eure Wut; der Bund ist ja geschlossen, die Bedingungen sind festgesetzt. Wer hindert uns Führer am Kampfe?" Aber indem er noch sprach, schwirrte von unbekannter Hand ein Pfeil daher, und verwundet mußte der Held den Kampfplatz verlassen.

Sowie Turnus sah, daß Aineias den Platz räumte und die Führer der Troianer in Verwirrung gerieten, verlangte er Pferde und Waffen, schwang sich auf den Wagen, lenkte die Pferde in die Schlacht und richtete mit seinen Speeren Verheerung unter den Feinden an oder zermalmte sie unter seinen Rädern. Während er so auf dem Schlachtfelde Leichen auf .Leichen häufte, brachten Mnestheus und Achates im Geleite des Askanios den verwundeten Aineias ins Lager zurück, blutend und Schritt für Schritt auf seinen Speer gestützt. Vergebens strengte er sich an, den im Leib haftenden Pfeil am zerbrochenen Rohre herauszuziehen; er verlangte, daß die Wunde ausgeschnitten werde. Iapyx, der Arzt, erschien; auf seinen Speer gestützt, stand vor ihm der Held, unbewegt unter seinen weinenden Genossen. Der Alte aber, in der Heilkunst wohlerfahren, brauchte kein gewaltsames Mittel, sondern suchte mit wirksamen Heilkräutern den Pfeil in der Wunde locker zu machen, faßte das Eisen mit packender Zange, rüttelte mit der Hand an dem Rohr; doch alle seine Kunst war nicht vermögend, das Geschoß herauszuziehen. Und während er sich vergebens abmühte, sah man schon die Staubwolke der feindlichen Reiter, dichte Geschosse fielen bereits ins Lager, und das Geschrei der Kämpfenden näherte sich.
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Aineias geheilt - Neue Schlacht - Sturm auf die Stadt

Da erbarmte sich Aphrodite ihres gefährdeten Sohnes. Sie pflückte auf dem Idagebirge der Insel Kreta das herrliche Kraut Diktamnos mit seinen saftigen Blättern und purpurnen Blumen, brachte es, in eine dichte Wolke gehüllt, ins Lager herbei und träufelte von seinem Safte heimlich und allen ungesehen in den Kessel, in welchem die Heilkräuter des Arztes brodelten, dazu mischte sie noch Tropfen Ambrosias und das duftende Panaceenkraut. Iapyx ahnte hiervon nichts; aber als er noch einmal die Wunde mit seinem Kräutersafte wusch, siehe, da entfloh plötzlich der Schmerz aus dem Leibe des Helden, zuinnerst in der Wunde versiegte das Blut; der Pfeil folgte von selbst und zwanglos der berührenden Hand und fiel aus dem Leibe heraus. Sichtlich waren dem geheilten Aineias die Kräfte zurückgekehrt. "Was zögert ihr?" rief der Arzt ganz vergnügt; "schnell dem Helden die Waffen gebracht! Das ist nicht aus menschlicher Macht, nicht nach den Gesetzen der Heilkunst erfolgt, das hat ein Größerer getan denn ich, und zu größeren Taten treibt er dich an, o König!"

Aineias, nach Kampf lechzend, legte schnell Schienen und Panzer an, zürnte allem Verzug und war froh, als er endlich den Helm auf dem Haupt sitzen hatte und den Speer in den Händen schwang. In voller Waffenrüstung umarmte er seinen Sohn Askanios, küßte ihn streifend durch das Helmgitter und sprach: "Lerne von mir die Tapferkeit, mein Kind, und die wahre Beharrlichkeit, das Glück aber lerne von anderen!" Dann schritt die gewaltige Heldengestalt aus den Lagertoren; Antheus und Mnestheus mit dichter Reiterschar drängten sich ihm nach; alles Volk strömte aus dem Lager, und ein wolkiger Staub verkündigte dem Turnus die Nahenden. Ein Schauder lief ihm durch Mark und Bein. Auch seine Schwester Iuturna wandte sich mit ihm, bebend vor Furcht, zur Flucht; und bald tobte der Troianerheld in der Schlacht wie eine Windsbraut. Da fiel auch der Seher Tolumnius, der zuerst das Geschoß in die Reihen der Feinde geschleudert hatte.

Die Halbgöttin Iuturna aber stieß auf ihrer Flucht den Metiscus, den Wagenlenker ihres Bruders, vom Sitz, schwang sich in seiner Gestalt selbst zum Bruder empor, ergriff die Zügel und schwirrte nun mit ihm wie eine Schwalbe mitten durch den Feind, bald da, bald dort ihn zeigend, dann wieder abwegs ihn führend, so daß niemand ihn zum Kampf einholen konnte. Auf allen Wendungen verfolgte Aineias den Flüchtigen, blieb ihm unaufhörlich auf der Spur und rief ihn durch zersprengte Geschwader von Feinden aus der Ferne zum Kampf herbei. So oft er aber nahe kam, drehte Iuturna den Wagen auf die Seite und ermüdete durch seine Beugungen den vergebens nachfolgenden Helden. Nun rannte der Latiner Messapus, der eben zwei Speere in der Linken wiegte, herbei und schleuderte einen davon mit sicherem Schwung dem Troianer entgegen. Aineias stand still und duckte sich hinter den Schild, indem er sich ins Knie bückte. Der Speer fuhr über ihn hin, doch so, daß er ihm den Helmbusch vom Scheitel stieß. Da rief Aineias die Götter zu Zeugen des gebrochenen Bundes auf und stürzte sich zum schonungslosen Mord tief unter die Feinde.

Dann legte ihm seine Mutter Aphrodite den Anschlag ins Herz, ohne Verzug seine Streitmacht seitwärts zu wenden und die Latiner durch unerwartete Not in Verwirrung zu setzen. Während er den dahinrollenden Wagen des Turnus noch immer verfolgte, fiel sein Blick auf die Mauern, und er sah sich die Stadt an, die noch immer unberührt vom Kriege verschont und in Ruhe dalag. Plötzlich rief er seine Helden Mnestheus, Sergestos und Serestos herbei und besetzte die Höhen; das übrige Troianerheer zog den Helden nach und drängte sich, ohne Schild und Lanzen niederzulegen, in einem Kreis um seinen Führer.

Da stand nun Aineias in der Mitte und sprach von einer Erhöhung herab: "Zögert nicht, meine Befehle zu erfüllen. Zeus steht auf unserer Seite. Wenn die Feinde sich nicht heute unterwerfen, so stürze ich die Stadt des Latinus und mache ihre rauchenden Giebel dem Boden gleich! Soll ich etwa warten, bis es dem Turnus beliebt, den Kampf mit mir zu bestehen? Nein, hier, vor euch liegt das Ziel des Krieges; eilet mit Fackeln herbei, mahnet sie mit Flammen an ihr Bündnis." So sprach er, und sein ganzes Heer bildete auf der Stelle einen Keil und drängte sich in dichter Masse der Stadt zu; die Sturmleitern werden angelegt, Fackelbrände leuchten, an den Toren tobt der Sturm und fallen die Wachen; Pfeile und Lanzen fliegen über die Mauern. Vor allen im Heere hob Aineias seine Rechte hoch gen Himmel, wälzte alle Schuld auf den König Latinus und rief die Götter zu Zeugen des gebrochenen Bündnisses an.

Unter den geängstigten Bürgern entstand Zwietracht: die einen verlangten, man sollte die Stadt den Troianern auftun, die Tore entangeln, den König Latinus selbst zurückrufen und zum Abschluß des Friedens zwingen; andere schleppten Waffen herbei und sannen auf die Verteidigung der Mauern. Die Königin Amata, als sie vom Dache des Palastes aus den Feind herannahen sah, die Mauern erstürmt, Brände auf die Häuser geworfen, nirgends den Turnus oder sonst ein Rutulerheer den Feinden entgegengestellt, klagte sich selbst laut als die Urheberin alles dieses Unheils an, zerriß sich ihr Purpurgewand und erhängte sich am Deckengebälk ihres Frauengemachs. Als die Frauen der Latiner dieses Ende ihrer Herrin vernommen hatten, tönte ein lautes Jammern aus den Gemächern. Lavinia, ihre Tochter, raufte sich die goldenen Locken und zerschlug sich Brust und Wangen. Bald verbreitete sich der Ruf der Trauer durch die ganze Stadt; Latinus, der jammervolle Gatte, zerriß sein Gewand und jammerte durch den Palast, sich selbst anklagend, daß er den Troianer nicht sogleich in die Stadt aufgenommen und sich zum Eidam auserkoren habe.
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Turnus stellt sich zum Zweikampf und erliegt - Ende

Turnus setzte indessen auf dem äußersten Plan des Schlachtfeldes noch wenigen Fliehenden nach, aber seine Rosse liefen allmählich langsamer und müder. Da scholl ihm von ferne aus der zerrütteten Stadt verworrenes Geschrei und Getöse entgegen, und er fing an zu ahnen, daß dort sich ein großes Unglück ereignet haben müsse. Er fiel der Schwester, die noch immer in Gestalt des Wagenlenkers Metiscus neben ihm im Wagen saß, in die Zügel, zog sie an und hielt in dumpfer Betäubung die Rosse zurück. Iuturna aber sprach ärgerlich zu ihm: "Was besinnst du dich, Turnus, willst du auf der Bahn des Sieges still stehen? Hier laß uns die Troianer verfolgen, für die Verteidigung der Häuser mögen andere sorgen!" Turnus blickte sie lange staunend an und sprach: "So hab' ich mich doch nicht getäuscht! Mir war längst, als wenn nicht mein Wagenlenker Metiscus mir zur Seite säße, sondern als wenn du es wärest, geliebte Schwester! Ja, ich habe dich schon erkannt, als deine List das Bündnis der Könige trennte! Auch jetzt verbirgst du dich mir umsonst, o Göttliche! Aber sage mir, wer sandte dich vom Olympos herab und hieß dich um meinetwillen die Beschwerden der Sterblichen erdulden? Bist du etwa dazu abgesandt, den Tod deines armen Bruders zu schauen? Denn habe ich eine andere Aussicht? Sah ich nicht die edelsten und tapfersten Rutuler um mich her fallen ? Nun muß ich es auch noch mit ansehen, daß die Stadt erstürmt und verwüstet wird! Und ich sollte nicht mit meiner Faust die Worte des neidischen Drances widerlegen, sollte schimpflich mich dem Kampfe entziehen? Und mein Land, mein Volk sollte den Turnus fliehen sehen ? Ist denn der Tod so etwas gar Unseliges? Ihr Götter der Unterwelt, seid ihr mir wenigstens geneigt, weil die Neigung der Himmlischen sich von mir abkehrt! Vorwurfslos, ein fleckenfreier Geist, will ich, des Ruhmes meiner Altvordern wert, zu euch hinuntersteigen!"

Kaum hatte er die Worte gesprochen, als mitten durch die Feinde auf einem schäumenden Rosse der Rutuler Saces, dem das Angesicht von einem Pfeilwurfe blutete, herangestürmt kam und den Turnus flehend beim Namen rief: "Komm, Turnus, komm, du bist unsere letzte Hoffnung! Aineias ist in der Stadt, bedroht die Burg; Feuerbrände fliegen nach den Häusern: der König zweifelt schon, wen er zum Eidam wählen soll; die Königin ist durch eigene Hand gefallen, nur Messapus und Atinas halten das Treffen noch an den Toren auf." Turnus hielt die Rosse wieder an und starrte, zwischen Scham, Kummer und rasender Liebe geteilt, in die Weite mit den irren Blicken hinaus. Endlich rollten seine Augen wieder in ihren Kreisen und seine Blicke fielen auf die Latinerstadt. Siehe, dort wallte von Stockwerk zu Stockwerk des höchsten hölzernen Mauerturmes die Feuersäule des Brandes empor, jenes Turmes, den er selbst aus riesigen Balken gezimmert, auf Räder gesetzt und durch mächtige Zugbrücken mit der Stadt verbunden hatte. "Jetzt, Schwester", rief er, "jetzt besiegt uns das Glück; halte mich nicht länger auf; laß uns folgen, wohin das strenge Geschick mich ruft! Ich bin entschlossen, mit Aineias zu kämpfen; mag kommen, was da will, ruhmlos sollst du mich nicht sehen!"

So sprach er, sprang vom Wagen auf die Erde, stürzte durch die Lanzen der Feinde dahin und durchbrach, die trauernde Schwester zurücklassend, die Scharen der Troianer. Wie ein Felsblock, vom Gipfel des Gebirges losgerissen, in die Tiefe hinabrollt, vom Boden emporhüpft, Wälder, Herden und Männer im Sturze mit sich fortreißt, so stürmte Turnus durch die zersprengten Reitergeschwader heran zu den Stadtmauern, wo der Kampf am dichtesten war, winkte mit der Hand und begann laut zu rufen: "Höret auf zu kämpfen, Rutuler! Hemmet eure Geschosse, ihr Latiner! Mir allein gebührt es, mit den Waffen über das Bündnis zu entscheiden!" Als die Streitenden dieses hörten, entstand eine Gasse, und Aineias, der den Ruf des Turnus vernommen hatte, verließ die Höhen, brach jedes andere Geschäft ab, hüpfte vor Freuden auf und rauschte in den schallenden Waffen einher. Der greise Latinus selbst mußte staunen, wie er die zwei gewaltigen Männer, aus zwei verschiedenen Weltteilen stammend, aufeinander zuschreiten sah, um den Hader durch das Schwert zu entscheiden.

Jene beiden aber stürzten, wo von den zurückweichenden Streitern ein offener Platz im Gefilde gelassen war, in reißendem Laufe hervor, warfen die Speere gegeneinander und rannten dann mit Schild und Schwert zum Kampfe an, daß der Grund erbebte. Nun folgte Hieb auf Hieb; die Kämpfenden riefen Glück und Tapferkeit zu Hilfe. Endlich streckte sich Turnus mit ganzem Leibe hervor und langte zuversichtlich, sich bloßgebend, zu einem entscheidenden Schwertstreiche aus. Troianer und Latiner, in banger Erwartung, schrien laut auf. Aber die treulose Klinge brach dem Rutuler mitten im Hiebe und gab ihn preis, wenn er nicht das Heil in der Flucht suchte! Als er nämlich beim Wiederausbruche des Krieges den Streitwagen bestieg, da hatte Turnus in der Eile an der Stelle seines vom Vater ererbten Wunderschwertes die Klinge seines Wagenlenkers Metiscus ergriffen. Diese hielt ihm auch gut aus, so lange er nur in den Rücken flüchtiger Troianer einzuhauen hatte; aber sie war eben doch nur ein menschliches Schwert, und als sie auf der von dem Gotte Hephaistos geschmiedeten Wehr des Helden Aineias aufzusitzen kam, brach sie ihm wie mürbes Eisen mitten im Streich entzwei, und die Stücke lagen schimmernd im gelben Sande.

Nun warf sich Turnus, unsicher kreisend, bald da, bald dorthin auf die Flucht, doch konnte er nicht entrinnen, denn auf zwei Seiten umschlossen ihn die Troianer in dichtem Gedränge, auf der dritten hemmte seinen Lauf ein Sumpf, und auf der vierten, hinter Latinern und Rutulern, erhoben sich zugangslos die Mauern der Stadt. Auch verfolgte den Fliehenden, obgleich noch von der alten Pfeilwunde entkräftet und im Laufe selbst ermüdet, Aineias und bedrängte mit dem Fuße den Fuß des Bebenden. Jetzt erst entstand unter den zuschauenden Heeren ein rechtes Geschrei, Ufer und Hügel umher erschollen, und donnernd stieg der Ruf zum Himmelsgewölbe empor. Auf der Flucht rief der geängstigte Turnus diesem und jenem Rutuler mit Namen zu und verlangte sein eigenes Kampfschwert. Aineias aber bedrohte jeden, der ihm nahen würde, mit unausbleiblichem Verderben und schreckte mit der Drohung, sich auf die Stadt zu werfen und sie zu zerstören, alle Herannahenden zurück.

So durchkreisten sie die Bahn fünfmal, denn es galt kein Spiel und keinen geringen Kampfpreis. In einem wilden Ölbaume, der sich inmitten des Kampfplatzes befand, und dem Faunus geweiht war, dem die glücklich gelandeten Schiffer hier Weihgeschenke aufzuhängen pflegten, steckte der Speer des Aineias vom ersten Kampfwurfe her und hatte sich in der Wurzel des Baumes gefangen. Beim Vorübereilen kam dem troianischen Helden der Gedanke, seinen Speer herauszuziehen und den Feind, den er im Laufe nicht einzuholen vermochte, mit der Lanze zu verfolgen. Außer sich vor Schrecken sah dies Turnus und richtete sein Gebet an den einheimischen Gott Faunus mit den Worten: "O Faun und gütige Göttin des italischen Bodens, wenn ich euch immer die schuldigen Ehren erwiesen habe, erbarmt euch meiner jetzt, haltet den Speer des Gegners fest!" Die Landesgötter hörten den Flehenden, und Aineias bemühte sich vergebens, die Lanze aus dem fest zusammenhaltenden Holze des zähen Stammes herauszuziehen. Während sich nun der Held hitzig anstemmte und abquälte, rannte die Schwester des Turnus, die Nymphe Iuturna, wieder in die Gestalt seines Wagenlenkers Metiscus verwandelt, vor und händigte ihrem Bruder sein rechtes gefeites Schwert ein. Aphrodite aber, entrüstet, daß einer gewöhnlichen Nymphe ein so kühnes Werk erlaubt sein sollte, trat auch herbei und half dem Aineias den Speer aus der tiefen Wurzel hervorziehen.

Nun waren beide Kämpfer mit frischen Waffen versehen und von neuem Mut beseelt; beide richteten sich in die Höhe, der eine schwang sein Schwert, der andere bäumte sich mit dem Speer, und so standen sie mit fliegendem Atem einander zum letzten Kampfe gegenüber. Da sprach Zeus, der aus dem goldenen Gewölk des Olymp dem Streite zusah, zu seiner Gemahlin Hera: "Endigen wir endlich diesen Krieg! Du weißt und bekennst es ja selbst, daß Aineias vom Geschicke dem Himmel bestimmt sei! Wozu steifest du nun seinen Feind und gibst ihm durch Iuturna sein Schwert wieder in die Hand? Du hast die Troianer über Land und Meer verfolgt, den Krieg entzündet, den Palast in Trauer versenkt, das Brautfest durch Jammer gestört. Weitere Versuche verbiete ich dir!" Hera antwortete dem zürnenden Gemahl mit gesenktem Antlitz: "Wider Willen habe ich, weil dein Befehl mir heilig war, die Erde und den Turnus verlassen. Hätte ich dir nicht gehorchen wollen, so würdest du mich jetzt nicht hier in den Wolken das Unrecht erdulden sehen, sondern ich stände, mit Flammen umgürtet, vorn im Troianertreffen. Daß ich der Nymphe Iuturna geraten, in der Not ihrem Bruder beizustehen, ist wahr; aber daß sie ohne mein Zutun dem Bruder das Schwert gereicht, das schwöre ich dir beim Styx! Auch will ich mich des Kampfes gar nicht mehr annehmen und bitte dich nur um eins: Wenn Turnus erlegen ist und Aineias die Königstochter heimführt: zwinge die Latiner nicht, ihren alten Volksnamen aufzugeben und sich Troianer zu nennen, zwinge sie nicht, ihre Sprache zu vertauschen, nicht fremde Gewänder, Sitten und Gebräuche anzunehmen, laß sie das Volk bleiben, das sie gewesen sind, laß auch den Römerstamm aus italischer Wurzel emporwachsen! Troia aber sei und bleibe gefallen mitsamt seinem Namen!"

Lächelnd erwiderte der Göttervater seiner Gemahlin: "Kind des Kronos, geliebte Schwester, was für Zorneswellen wälzest du noch in deinem Innern? Bezähme doch deinen vergeblichen Groll! Was du begehrst, soll dir ja gewährt sein. Latium soll Sprache, Sitten und Namen beibehalten. Der Troianer soll sich mit dem Volke verschmelzen und nur so sich ansiedeln; er soll die Opfergebräuche des Landes annehmen, er soll ganz zum Latiner werden. Die Römer, das neue Geschlecht, das aus dem vermählten Blute der Italer und Teukrer entstehen wird, sollen das Volk sein, das dir, o Hera, die meiste Ehre erweisen wird!" Die Göttin nickte dem Gemahl freudig zu und änderte, zufriedengestellt, ihre Gesinnung.

Nun dachte Zeus darauf, die Schwester des Turnus aus dem Kampfe zu entfernen. Drei Zwillingskinder, Töchter der Rache, mit Schlangengürteln und Windesflügeln, Diren genannt, stehen immer vor Zeus' Throne bereit und werden von ihm zu den Sterblichen hinabgesandt, wenn er Seuchen, Krieg und andere Todesnot unter ihnen erregen will. Eine von diesen schickte Zeus vom Äther herab und befahl ihr, der Nymphe als ein unheilbringendes Zeichen zu begegnen. Die Dire flog zur Erde hinab wie ein Pfeil, und sobald sie die beiden feindlichen Heere erblickte, zog sie sich schnell in die Gestalt eines kleinen Käuzchens zusammen, wie es als Unglücksvogel auf Scheiterhaufen oder verlassenen Häusergiebeln zu sitzen pflegt. In dieser Gestalt umflatterte die Dire das Angesicht des Turnus, kreiste hernieder zu seinem Schild und schlug auch diesen mit den Fittichen. Dem kämpfenden Helden sträubte sich das Haupthaar, und seine Glieder erstarrten bei diesem unheilvollen Anblick. luturna aber raufte sich das Haar aus und schlug sich an die Brust, denn sie erkannte die Übermacht Zeus' und fluchte ihrer eigenen Unsterblichkeit. Sie bedeckte sich den Leib mit dem grünen Flutengewande und tauchte verzweifelnd in den nahen Tiberstrom unter.

Aineias drang jetzt heran, schüttelte seinen baumlangen Speer voll Wut und rief dem Gegner zu: "Was zögerst du noch, Turnus, was sträubst du dich länger? Nicht zum Wettkampfe haben wir uns vereinigt, sondern zum Waffenkampf! Sammle jetzt, was du von Kunst und Mut besitzest!" Turnus schüttelte das Haupt und entgegnete: "Nicht deine hitzigen Worte schrecken mich, du Trotziger: mich schreckt das Götterzeichen und die Feindschaft Zeus'!" Mehr sprach er nicht, sondern faßte einen gewaltigen Stein ins Auge, der neben ihm im Felde lag und einen Markstein vorstellte. Zwölf Männer, wie sie jetzt sind, würden ihn kaum auf den Nacken heben können. Diesen faßte der Rutulerheld mit der Hand, richtete sich empor und wollte ihn im Laufe gegen den Feind schleudern. Aber er kannte sich selbst nicht mehr, denn er fühlte seine Arme kraftlos, seine Knie schlottern, sein Blut zu Eis erstarren. Der Feldstein, durch die leere Luft gewirbelt, erreichte sein Ziel gar nicht, er sank entkräftet auf den Boden, wie man oft im Traume einen Anlauf nimmt und doch nicht gehen und nicht sprechen kann. Turnus wandte sich unwillkürlich zur Flucht um und säumte, die Rutuler und die Mauern der Stadt vor sich erblickend, in verzagender Angst, und den Speerwurf des Feindes erwartend. Vergebens sah er sich nach seinem Wagen, vergebens nach der leitenden Schwester um.

Auch zauderte der Troianer nicht und schleuderte aus Leibeskräften die Todeslanze, die wie ein Felsstück vom Geschütz abgesendet oder wie ein Blitzstrahl dahergesaust kam. Durch Schild und Panzer fuhr sie dem Feind in die Hüfte, und getroffen vom Stoße sank der gewaltige Turnus zusammenbrechend ins Knie.

Die Rutuler ächzten laut auf, daß die hohe Waldung umher widerhallte. Turnus lag gedemütigt auf dem Boden, streckte flehend seine Rechte zu dem Sieger empor und sprach: "Ich hab' es so verdient; ich verlange keine Schonung für mich; brauche dein Glück! Aber wenn der Jammer meines Vaters dich zu rühren vermag - er ist mir, was dir Anchises war -, so erbarme dich des greisen Daunus. Gib mich - oder, willst du dieses nicht, so gib meinen entseelten Leib den Meinigen zurück! Ich gebe mich ja besiegt; Lavinia sei dein; setze deinem Haß ein Ziel!"

Aineias stand ausholend zum Streich, seine Blicke rollten über den Liegenden hm; doch hielt er die bewehrte Rechte zurück; und schon wollte seine Seele sich zum Mitleid kehren, als er zum Unheil des Besiegten hoch an dessen Schulter das Wehrgehenk des arkadischen Fürstensohnes Pallas erblickte, des holden Jünglings, den Turnus erschlagen hatte. Da entbrannte sein Schmerz und Zorn aufs neue, und schrecklich im Grimme rief er: "Wie? du, den der Raub der Meinigen schmückt, solltest mir entrinnen? Pallas, Pallas opfert dich mit diesem Stoß und nimmt Rache an dem verfluchten Blut!" So sprach Aineias und tauchte stürmisch sein Schwert in die ihm entgegengestreckte Brust des Feindes. Turnus sank zu Boden; Kälte durchrieselte ihm die Glieder, und unwillig floh sein Schatten aus dem erstarrenden Leibe hinab zur Unterwelt.
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Literatur


»Hamburger Ausgabe« der Werke Ernst Cassirers, Band 12

Philosophie der symbolischen Formen.
Zweiter Teil: Das mythische Denken, hrsg. v. Birgit Recki, Text u. Anm. bearb. v. Claus Rosenkranz, Hamburg 2002.

Der Mythos als Denkform, Der Mythos als Anschauungsform - Aufbau und Gliederung der räumlich-zeitlichen Welt im mythischen Bewußtsein, Der Mythos als Lebensform - Entdeckung und Bestimmung der subjektiven Wirklichkeit im mythischen Bewußtsein, Die Dialektik des mythischen Bewußtseins.



»Hamburger Ausgabe« der Werke Ernst Cassirers, Band 16

Aufsätze und kleine Schriften [1922-1926], erscheint im Herbst 2003

Die Begriffsform im mythischen Denken [1922]; Goethe und Platon [1922]; Der Begriff der symbolischen Form im Aufbau der Geisteswissenschaften [1923]; Die Kantischen Elemente in Wilhelm von Humboldts Sprachphilosophie [1923]; Eidos und Eidolon. Das Problem des Schönen und der Kunst in Platons Dialogen [1924]; Zur »Philosophie der Mythologie« [1924]; Kant und Goethe [1924]; Sprache und Mythos. Ein Beitrag zum Problem der Götternamen [1925]; Die Philosophie der Griechen von den Anfängen bis Platon [1925]; Paul Natorp [1925]; Von Hermann Cohens geistigem Erbe [1926].

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